„Jawoll, zu Befehl! Milch und Zucker, sofort! Und die ganzen alten Unterlagen kommen nach unten, das ist, also unverzüglich, und Ihr Schreibtisch ist heute noch, also in einer Stunde? Geben Sie mir zehn Minuten, Herr Pistorius!
Die Schränke sind zu, da müsste ich erst die Schlüssel besorgen, falls wir die noch haben. Da sind die Reformen seit 2005 drin, alle ordentlich in Klarsichthüllen. Falls mal jemand welche braucht. Also Reformen. Nicht witzig? Ja, finde ich auch. Ich wollte nur sagen, die können dann weg. Dann haben Sie hier ein mehr Platz an der rechten Seite, da brauchen Sie ja Beinfreiheit, oder? Wissen Sie jetzt noch nicht? Was frage ich auch. Sie sind ja jetzt hier in der Verantwortung, und da wollte ich mich auch gar nicht einmischen.
Um zehn kommt der Herr Klingbeil noch mal kurz vorbei, der hatte hier zwanzig Milliarden Euro liegen lassen, oder waren es hundertzwanzig? Nur nicht, dass Sie sich wundern, so viel Geld haben wir ja sonst nie, zumindest liegt das nicht einfach in der Schreibtischschublade. Wir sind ja nicht die Union. Was er will? So genau kann ich Ihnen das gar nicht sagen, Herr Pistorius. So genau wird er Ihnen das auch nicht sagen können, er ist ja in der SPD, und da weiß man das erst hinterher, falls man es dann doch nicht geschafft hat. Vermutlich wird er Ihnen erklären, dass er nicht schuld ist. Woran, das wird er Ihnen vielleicht auch sagen, falls er es bis dahin weiß. Nein, das ist keine Tradition. Das hat sich hier nur seit einigen Jahren so eingebürgert.
Das ist noch Dekoration von früher, die kann wieder weg. Ich dachte, wo der Herr Schmidt auch mal Verteidigungsminister war, da haben wir die Fahnen, aber die natürlich sofort verschwunden. Ich dachte, ich mache das mal ein bisschen traditionell, und Sie sollen sich ja hier in Ihrer neuen Funktion standesgemäß einrichten. Kein Schnickschnack? Da bin ich ganz bei Ihnen, Herr Pistorius. Wenn ich Ihnen auf die Nerven gehe, dann sagen Sie mir das einfach. Jetzt schon?
Das war jetzt auch nur so ein Vorschlag, dass Sie das Verteidigungsministerium jemandem aus der Partei überlassen, der die nötige Kompetenz für das Amt mitbringt. Wo Sie es sagen, mir fällt auch niemand ein. Die sind ja alle so charismatisch wie Mehlsäcke. Oder CDU-Vorsitzende. Wobei da der Übergang auch eher fließend zu sein scheint. Also machen Sie das dann noch nebenher, wie Bas, oder wie Klingbeil den Vorsitz, wenn er mal nichts zu tun hat? Ich frage für die Bundesspitze, ob die sich an einen neuen Führungsstil gewöhnen muss. Oder überhaupt mal an Führung.
Der CDU-Generalsekretär hat sich für halb vier Uhr angekündigt, und er wollte vorher schon mal wissen, ob das wie bei anderen Führungswechseln geht. Also erst eine Rede, die die Kernwählerschaft der SPD adressiert, die Verteilungsfragen stellt und soziale Gerechtigkeit als Hauptanliegen benennt, damit die Jusos den Kleinkrieg gegen die Union fordern können und nach drei Tagen dann nichts mehr passiert. Das war bisher immer so, und dann könnte er jetzt schon mal die Rede für den nächsten CDU-Parteitag schreiben, in der er die SPD als linksgrüne Spinner angreift, die außer ideologischer Verwirrung und unbezahlbaren Vorschlägen nichts zu bieten hat. Er soll sich hinten anstellen und eine Nummer ziehen? Richte ich so aus, Herr Pistorius.
Nein, Sie haben sich um das Amt nicht gerissen, das ist klar. Glaube ich Ihnen sofort, weil, wenn einer schon ums Verrecken in ein Amt will, dann ist das nichts. Sehen Sie auch so. Ja, überrascht mich auch nicht.
Das riecht hier immer so. Das können wir nicht abstellen, das kommt aus dem Keller. Ist ja schon eine alte Partei, da nimmt man manches mit, und das hier kommt eben von ganz unten. Da kann man umziehen, so oft man will, rechte Seite, linke Seite, das nimmt man mit. Bei anderen ist mehr Leiche, hier haben wir so Kopfnoten von Hartz IV und jetzt Cum-Ex mit unangenehmer Penetranz von Rente. Es soll ja welche geben, die dieseln sich damit ein, um Koalitionsgespräche zu führen. Lüften würde da helfen, Herr Pistorius, aber wem sage ich das. Bis hier einer mal das Fenster aufmacht, das dauert. Und wenn man dann ein neues Heizungsgesetz hat, riecht das auch nicht besser.
So, und das hier ist der Kompass. Das ist kein Mythos, den gibt es tatsächlich. Der ist in diesem Kasten, damit man ihn auch mal mitnehmen kann, zum Beispiel in die Regierung, falls man neben der Partei noch ein Mandat hat oder ein Amt. Ein hoch effizientes Gerät, richtig gut gearbeitet, aber man muss mit dem Ding auch umgehen können. Das Ziel muss man klar anpeilen, das ist auch genau einstellbar, und dann muss man gut navigieren. Am besten den Horizont im Auge behalten, dann sieht man weiter. Auf Sicht steuern ist manchmal okay, aber wenn man das dauernd macht, oder wenn man nur die Markierungen am Rand nutzt, rechts oder links, dann führt das zu nichts. Stabilität ist schön und gut, aber man kann den Kahn auch stabil den Wasserfall runterfahren lassen. Sie sind erst mal für den Laden hier verantwortlich, und dann reden wir erst von Staatsverantwortung, Herr Pistorius.
Ich muss mich dann mal um die Umzugskartons kümmern, Telefon habe ich zu mir umgestellt, das klingelt ja in einer Tour, weil alle wissen wollen, wie es jetzt weitergeht, nur die einen haben Angst vor dem Untergang und die anderen können es gar nicht abwarten. Wenn Sie mich suchen, dann – da, schon wieder! Hallo? Wen wollten Sie bitte sprechen? den Bundeskanzler? Nein, bedaure. Noch zu früh.“
Satzspiegel