04:03 – Ein silbergrauer SUV fährt langsam über die Ausfahrt der ÖRÖL-Tankstelle am Hermann-Klönzkes-Ring auf den Platz vor der Autowaschanlage. Das Motorengeräusch erstirbt, die Scheinwerfer verlöschen. Gilbert D. (38) steigt aus dem Fahrzeug. Mit seinem Smartphone schießt er ein Foto der beleuchteten Preisanzeige: Diesel 2,459 Euro, Super E10 2,259 Euro pro Liter. Er geht wieder zu seinem Wagen. Dieser Tag wird noch lang sein.
04:23 – Taxifahrerin Gundemarie Z. (49) zapft an der 1 dreißig Liter Diesel, zahlt mit Tankkarte und verlässt zügig wieder das Gelände. Unterdessen hat Kassenkraft Merle G. (27) das Fahrzeug vor der Waschstraße entdeckt. Sie ist noch unschlüssig, da sie bis sechs Uhr alleine das Geschäft führen muss.
04:31 – Da zu dieser Zeit normalerweise kaum Kunden zu erwarten ist, geht G. kurz vor die Tür und beobachtet das Fahrzeug im Dunkeln. Nichts regt sich im Inneren. Vielleicht handelt es sich doch nicht um einen Überfall.
04:44 – Am Straßenrand vor der Tankstelle hält ein Mittelklassewagen. Christian L. (44) steht halb auf dem Radweg, daher schöpft niemand Verdacht.
05:02 – Die schwarze Limousine der 3er-Reihe rollt unbeleuchtet und im Schritttempo die Ausfallstraße entlang. Direkt gegenüber der Tankstelle bremst Ahmet T. (23) den Viertürer geschmeidig ab, lässt aus Gewohnheit einmal kurz den Motor aufheulen und stellt dann die Maschine aus.
05:19 – Ein älterer Transporter kommt auf der Gegenseite angefahren. Karlheinz P. (66) parkt das weiße Fahrzeug, auf dem unschwer die Aufschrift Puhlheimer Sanitär zu erkennen ist, direkt vor dem bayerischen Sportfabrikat. P. kurbelt die Seitenscheibe der Fahrertür herunter, schnipst eine Zigarette hinaus und starrt auf die beleuchtete Anzeigetafel mit den Kraftstoffpreisen.
05:21 – Zur Sicherheit setzt T. sein Auto um einen Meter zurück. Er will nicht riskieren, bei einem plötzlichen Wendemanöver wertvolle Sekunden zu verlieren.
05:24 – P. zündet sich eine weitere Zigarette an. In einem unerwarteten Moment dreht er den Schlüssel im Zündschloss herum, legt den Rückwärtsgang ein und setzt bis auf zehn Zentimeter zur Motorhaube von T.s Wagen auf. Ein heiserer Wutschrei ertönt hinter der getönten Windschutzscheibe.
05:35 – Plötzliche Hektik auf dem Gelände. Ein roter Kleinwagen fährt an Säule 3. Martin V. (31) steigt aus, betritt das Ladengeschäft und kauft einen Becher Automatenkaffee. D.s Finger krampfen sich ins Lenkrad. W. nimmt die Unruhe jedoch nicht zur Kenntnis. Er steigt in sein Auto, fährt zur Ausfahrt und biegt in Richtung Gewerbegebiet ab.
05:44 – Auf seinem Motorroller knattert Tilman K. (25) die Straße entlang. An der Einfahrt der Tanke hält er an, rollt mit verminderter Geschwindigkeit am Ladeneingang vorbei und stellt das Zweirad auf der hinteren Parkfläche ab, bevor er durch eine blau lackierte Stahltür mit der Aufschrift Nur für Personal das Geschäft betritt. Er löst G. ab. Die Frühschicht beginnt.
05:58 – Ein bis wenige Millimeter über den Asphalt tiefergelegter Roadster bajuwarischer Provenienz legt eine kreischende Vollbremsung auf der linken Spur hin. Der Beifahrertür des Wagens entsteigt Yeşim S. (22), wie immer von ihrem Freund erst unmittelbar vor Schichtbeginn gebracht. Aus den Bassboxen lässt die CD Schranzzz Atttakkk Vol. XIV die Scheiben der Fahrzeuge im Sichtbereich rhythmisch vibrieren. Murat R. (30) wartet, bis S. den Eingang erreicht hat. Dann lässt er simultan zur Lichthupe den 550-PS-Motor im Stand aufheulen und jagt knapp fünfzig Meter bis zur roten Lichtzeichenanlage vor dem Kreisverkehr.
06:00 – Panische Blicke bei L. Der Super-Preis muss unbemerkt auf 2,258 gefallen sein. Hektisch rechnet er durch, ob sich jetzt bereits eine neue Tankfüllung lohnen würde. Zur Vorsicht hatte L. am Vorabend mit Hilfe eines Schlauchs den Kraftstoff bis auf einen kleinen Rest entfernt und durch einige Kilometer Fahrt in die benachbarte Ortschaft samt Rückweg für ausreichend freies Volumen gesorgt.
06:12 – Ruckartig setzt T. sein Fahrzeug um einen Meter zurück. Das hässliche Knirschen kurz vor dem abrupten Stopp erklärt sich aus der hektischen Lenkbewegung, die den Wagen in Unwucht bringen und für kurzen, aber nachhaltigen Kontakt von zwei Sportfelgen und dem Kantstein sorgen.
06:16 – P. wirft eine weitere Zigarette aus dem Fenster. Er hat den minimalen Preisrutsch aus der Tafel verfolgt, nimmt ihn aber teilnahmslos zur Kenntnis. Sein Kastenwagen schluckt Diesel.
06:29 – Für jähe Bewegung sorgt das Umspringen der Anzeige auf 2,249. D. wischt sich den Schweiß von der Stirn. L. sucht hektisch nach dem Smartphone und öffnet die App, um im Falle eines plötzlichen Bezahlvorgangs gerüstet zu sein.
06:51 – Kerstin M. (47) fährt an Säule 1 heran und startet den Tankvorgang. Der Kraftstoff fließt nicht wie vorgesehen in die dazu konstruierte Öffnung, so dass sie das Manöver abbricht und zur Kasse geht.
06:54 – D. wird von einer Panikattacke geschüttelt. Er hält sich am Sitz fest und atmet schwer. Was, wenn gerade jetzt die Vorräte zur Neige gehen?
06:56 – K. begleitet die Kundin zur Säule. Auch er kann nicht wie beabsichtigt den Wagen mit Benzin betanken, es handelt sich um einen technischen Defekt. Da jedoch Säule 2 einwandfrei funktioniert, ist M. nach kurzer Zeit zufriedengestellt.
07:00 – Ein nagelndes Geräusch verkündet den Start von P.s Transporter. Aufreizend langsam setzt er den Wagen zurück, genau vor die Schnauze des 3ers. Die sich vor Wut überschlagende Stimme von T. bestätigt seine millimetergenaue Lenkleistung.
07:15 – S. läuft einmal quer über das Gelände und klopft an die Scheibe von D.s SUV. Dieser stellt sich taub, so dass S. kräftig mit der Faust gegen die Fahrertür hämmert. Keine Reaktion. S. wird dem Kollegen mitteilen, dass sie nicht wie von der Geschäftsleitung gefordert den Kunden nach seinen Wünschen befragen konnte.
07:28 – Jens N. (42) fährt schneidig direkt auf die Zapfsäulen zu und kommt dort mit seinem Cabrio zum Stehen. Nonchalant steigt er aus, winkt zu den anderen wartenden Fahrern herüber und schlendert über den Grünstreifen auf den Gehsteig.
07:38 – Achtsam rollt T. mit seinem fahrbaren Ding bei leichtem Linkseinschlag um gut einen Meter zurück. Das Motorengeräusch erstirbt, er steigt aus und nimmt die deutlichen Spuren an den Felgen in Augenschein. Es ist kein schöner Anblick.
07:55 – Die Halterfeststellung ergibt, dass N. in zwanzig Tankstellen im Umkreis von mehreren hundert Kilometern Hausverbot hat. Offenbar hatte er schon mehrmals versucht, einen freien Platz an der Zapfanlage widerrechtlich zu besetzen. S. ruft die Polizei.
08:00 – Jetzt kommt Bewegung in die Sache: 2,244, immerhin ein halber Cent nach unten. L. überschlägt die Ersparnis und bezieht die Prognosen für bevorstehende Preiserhöhung sowie die Anstiege der vergangenen Tage mit in seine Annahmen ein. Bei 2,229 wird er zuschlagen. Definitiv.
08:03 – Ein Streifenwagen hält vor der Ladentür. Während Polizeihauptmeisterin Kati E. (33) N.s Auto in Augenschein nimmt, lässt Polizeimeister Sören W. (35) sich von S. und K. den Sachverhalt schildern. Der nach wie vor auf dem Radweg parkende L. wird von E. ermahnt, seinen Wagen an anderer Stelle abzustellen. Da er aussagt, zur Tatzeit gerade über den Sinn des Lebens nachgedacht zu haben, kann er nicht zur Sache befragt werden. W. bestellt einen Abschleppwagen für das Cabrio.
08:11 – D. hat die Anwesenheit der Beamten an der Tankstelle ängstlich beobachtet. Er hat sich in den Fußraum des Fahrersitzes geduckt, so dass der SUV wie ein Kundenfahrzeug vor der Waschanlage wirkt und nicht die Aufmerksamkeit von E. erregt, die gut zehn Meter entfernt das Fahrzeug mit dem offenem Verdeck auf Spuren untersucht.
08:23 – Quasi zeitgleich treffen sowohl N. als auch das Einsatzfahrzeug des Abschleppdienstes ein. Für Oldřich H. (56) ein lukrativer Auftrag, den er gerne annimmt. Alle Versuche von N., sein Cabrio vom Hebezeug zu entfernen, stoßen bei H. auf Ignoranz. Weder ein 50-Euro-Schein noch die Drohung, ihm die Mafia auf den Hals zu hetzen, bringen ihn vom Vollzug ab. N., der sich weigert, sich gegenüber den Beamten auszuweisen, tritt schließlich gegen ihr Streifenfahrzeug und spuckt nach PHM E., die ihn mit einer gezielten Drehung seiner Schultergelenke bäuchlings auf den Betonboden befördert. Er wird zur erkennungsdienstlichen Behandlung nach §81b StPO auf das Polizeikommissariat 14 in der Max-Mörkel-Allee verbracht.
08:42 – Ein plötzliches Blinken auf der Anzeige, gefolgt von sekundenlangem Verlöschen der Ziffern und einem diffusen Pixelsalat lösen bei L. einen Anfall von Kammerflimmern aus. Leider haben die Preise sich nicht verändert.
08:44 – Höhnisch wirft P. den Motor an. Der Diesel tuckert einige Minuten lang vor sich hin, bis durch zu viel Luft in der Einspritzung der Wagen röchelnd versuppt. P. schlägt voll Zorn auf sein Lenkrad, was das Kraftstoffsystem auch nicht wieder in Gang bringt. T. betätigt den Fensterheber. Er lehnt sich nach draußen und fragt hämisch, ob P. ihm ein klopffestes Steuerrad empfehlen kann.
08:46 – Super E10 springt völlig unerwartet auf 2,219 Euro pro Liter. Wie im Rausch betätigt L. den Anlasser. Es orgelt und orgelt. Der Wagen bewegt sich nicht. Dazu stellt L. fest, dass der Akku seines Telefons inzwischen den Dienst quittiert hat und er weder Bargeld noch eine Karte mit sich führt.
08:50 – Kein anderer Fahrer ist bereit, L. mit einer kurzzeitigen Finanzspritze auszuhelfen, damit der wenigstens einen Kanister und einige Liter Benzin kaufen kann. Auch seine Uduschi-Armbanduhr mit Goldimitatauflage kommt als Tauschmittel nicht in Betracht. Der Traum ist aus.
09:04 – D. verlässt sein Fahrzeug. Er läuft unauffällig zum Ladenhäuschen, wo er einen Hut auf die blond gelockte Perücke setzt, mit der ihn niemand erkennen soll. S. argwöhnt, dass sie ihn schon einmal gesehen haben muss, kann sich aber nicht mehr an ihn erinnern. D. geht mit zwei XXL-Bechern Espresso zurück zu seinem SUV.
09:17 – Immerhin hat K. dem unglücklich auf dem Radweg gestrandeten L. erlaubt, vom Festnetzgerät im Büro aus seine Ex-Freundin Cindy A. (24) um Hilfe zu bitten. Sie erinnert ihn daran, dass er ihr noch knapp 2.000 Euro schuldet. Das Telefonat ist nach wenigen unschönen Gesprächszügen vorbei. L. setzt sich wieder ins Auto und wartet auf Godot.
09:29 – Im Handstreich startet T. den Motor, schlägt das Steuer voll ein uns setzt sich mit einem riskanten Fahrmanöver direkt vor P.s Transporter. Der Blick auf die Anzeigetafel und der Weg zum Angriff auf die Zapfsäulen sind wieder frei.
09:43 – Meinrad J. (47) stoppt genau gegenüber der Tankstelleneinfahrt, um den Heimwerkermarkt Hammer & Farbe zu besuchen. Dabei stellt er seinen Kombi genau hinter den weißen Transporter von P., der damit so eingekeilt ist, dass dieser nicht mehr ausparken kann. Bevor P. dieser Zwangslage gewahr wird, ist J. über den Parkplatz im Geschäft verschwunden.
09:55 – Mit einem altmodischen Blechbehältnis betritt Henriette C. (79) die Tanke, zapft an Säule 2 und geht in den Laden, um zu bezahlen. Der Kanister bleibt derweil neben der Säule stehen, bis L. gebückt aus dem Auto huscht, ihn ergreift und mit ihm zurückkehrt. Die alte Dame versieht sich keines Irrtums und geht mit einer Tageszeitung und einer Eistüte ihres Wegs.
10:00 – Während sich der Super-Preis fast erwartbar auf 2,209 Euro senkt, schreitet L. zur Tat. Lässig öffnet er die Klappe am hinteren Kotflügel, entfernt den Drehverschluss und gießt den Inhalt des Kanisters in den Tank.
10:18 – D. verlässt kurz den SUV. Die Flüssigkeit muss raus. S. reagiert einen Moment zu spät, sie erreicht das Fahrzeug erst, als er wieder unter einer Plastikplane auf der Rückbank liegt.
10:24 – Es bewegt sich nicht. Auch wenn er sein Fahrzeug bis zur Ausfahrt geschoben und alles unternommen hat, um dem Motor zu starten, will sich das Ding noch immer nicht erfolgreich an der gewünschten Aktion beteiligen. L. schreit, drischt auf diverse Innen- und Außenteile seines Wagens ein und ist sich bisher noch nicht bewusst, was die Betankung eines Benziners mit Diesel an Folgen für den Motorblock hat.
10:36 – Endlich kommt J. mit einem Säckchen Teelichte aus dem Do-it-yourself-Geschäft. Um der Straßenverkehrsordnung Genüge zu tun, schreitet er vor Antritt der Fahrt einmal um sein Automobil und nimmt trotz der engen Parksituation alle relevanten Parkmeter in seine Beobachtung mit hinein. Danach prüft er gemäß des seinerzeit vermittelten Wissens aus der Fahrschulausbildung Wasser, Öl, Licht, Kraftstoff und Elektrizität, bevor er sich startbereit festgurtet.
10:39 – Für das aggressive Verhalten von P. hat J. nach der lauten Ansprache keinerlei Verständnis. Als ranghoher Beamter einer Landesbehörde kennt er zwei Wege, fachliche Kompetenzen zielführend zu diskutieren. Einer davon ist die Eingabe eines Schriftsatzes zur juristischen Prüfung. Nach dem anderen macht er P. unmissverständlich klar, dass er gleich etwas erleben wird, gegen das Hiroshima ein Kindergeburtstag gewesen sein dürfte.
11:01 – D. blickt nun konzentriert auf die Anzeige, deren Leuchtpunkte vor seinen Augen zu tanzen beginnen. Kurz überlegt er, das Radio anzustellen, fürchtet aber, dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So bleibt er ins Lenkrad verkrampft sitzen.
11:06 – P. wirft die letzte Zigarette aus dem Fenster und beschließt, die Pole-Position einzunehmen. Er wirft mühsam den Motor an, setzt ein kleines Stück zurück und fährt dann quer über die Fahrbahn. Auf der Auffahrt der Tankstelle rumpelt zunächst das Getriebe. Dann setzt der Antrieb stuckernd aus und der Lieferwagen bewegt sich nicht mehr. P. zieht die Handbremse an. Sein Fahrzeug steht halb auf der Auffahrt, halb auf dem Gehsteig.
11:10 – Die alte Dieselmaschine ist nicht mehr zur Kooperation bereit. Indessen haben sich bereits ein halbes Dutzend weiterer Fahrer auf der linken Spur, ordnungsgemäß auch auf dem Radweg, für eine rechtzeitige Betankung in der letzten Viertelstunde vor dem Preisanstieg in Stellung gebracht. Ab und zu werden Fenster heruntergelassen, um bei P. nach den Plänen zur Beseitigung des Kastenwagens zu fragen. Es gibt seitens der Wartenden Angebote, die Situation zu klären durch Abschleppen des Wagens, Zerlegung vor Ort oder schwere Gewalteinwirkung mittels stumpfer Gegenstände.
11:14 – Heikki Å. (28) bremst sein vollelektrisches skandinavisches Oberklassemodell direkt vor der Einfahrt, da er den Luftdruck in seinen Reifen an der Tankstelle kontrollieren und Wischwasser in den Vorratsbehälter füllen möchte. P. bescheidet den Wunsch, ihn durchfahren zu lassen, abschlägig und fügt noch einige despektierliche Bemerkungen zum Wagen sowie der Frau auf dem Beifahrersitz an. Der baumlange, stämmige Mann, der in Espoo eine Kampfsportschule betreibt, zeigt für die verbalen Ausfälle wenig Verständnis. Kurz danach steigt Iina B. (26) aus. Die mehrmalige finnische Meisterin im Kickboxen spricht Dank eines Germanistikstudiums fließend Deutsch und hat „Dreckschlampe“ gut verstanden. Nach einem unvermittelten Fußfeger hebelt sie ihm den rechten Ellenbogen in die Nase. Vereinzelter Applaus aus der Warteschlange vor der Einfahrt begleitet die Abfahrt der beiden Touristen.
11:26 – Ein Kamerateam des rechtspopulistischen TV-Senders Fake Alien hält vor der Tankstelle. Anchorman Julian V. (44) baut sich vor der Anzeigetafel aus, während Mitarbeiter Jannik J. (23) die Aufnahme vorbereitet. In der Sprechprobe geht V. den Text durch, in dem er Robert Habeck als „Drahtzieher der verjiddelten Weltelite“ und „woken Totengräber der deutschen Herrenrasse“ bezeichnet, der durch explodierende Benzinpreise die „Auslöschung des arischen Autoverkehrs“ und die „Umvolkung der BRD GmbH“ betreibe.
11:33 – E. und W. unterbrechen die Aufnahmen und erteilen den Rechtspopulisten einen Platzverweis. K. hatte die Polizei angefordert, da er V. bereits als Ruhestörer kenne und mehrmals ein Hausverbot gegen ihn ausgesprochen habe. Bei einer Rangelei nennt V. die Polizeihauptmeisterin eine „behinderte Judensau mit der Fettfresse von Ricarda Lang“. W. macht ausgiebig Gebrauch von seinem Schlagstock.
11:44 – Die Autoschlange umfasst inzwischen gut fünfzig Fahrzeuge, die sich hupend für die Freigabe der Einfahrt einsetzen. Da P. nach dem Kontakt mit der jungen Skandinavin nicht mehr aufzufinden ist, scheint die Situation nur durch kollektives Handeln lösbar.
11:48 – Alle Versuche, den Wagen mit angezogener Handbremse zu bewegen, schlagen fehl. Beherzt schreiten nun Zbigniew Z. (27) und sein Bruder Bronisław (25) zur Tat, indem sie den Transporter mit roher Gewalt zum Kippen bringen. Dieser neigt sich und fällt auf die Beifahrerseite, wobei er sich dreht und mit dem Fahrgestell in Richtung Einfahrt zum Liegen kommt. Ein Problem wurde gelöst, ein anderes ist entstanden. Die Wartenden üben Kritik.
11:54 – K. ruft erneut den Abschleppdienst an, muss aber zur Kenntnis nehmen, dass so gut wie alle verfügbaren Kräfte in der Stadt sich derzeit im Einsatz befinden. Auch Telefonate aus dem längst über hundert Autos zählenden Wartekollektiv sind nicht erfolgreicher.
11:57 – T. verliert die Nerven. Die Maschine des 3ers heult auf. Abrupt tritt T. das Gaspedal durch und lenkt den Mittelklassewagen quer über den Hermann-Klönzkes-Ring auf die Tankstelle zu. Da das schleudernde Fahrzeug nach der frontalen Kollision mit dem Bordstein ausbricht und nicht schnell genug abbremsen lässt, sorgt erst die beidseitige Berührung des Unterbodens mit den Waschbetonsteinen um den Grünstreifen der Tanke für eine stabile Auflage, die weitere Schäden an der Karosserie verhindert.
11:59 – Nach längerem Schaukeln in der Fahrgastzelle gewinnt das vordere Fahrwerk wieder Bodenkontakt. T. schießt sofort mehrere Meter nach vorne und prallt mit der Schnauze auf einen der Stützpfeiler, die das Flachdach über den Zapfsäulen tragen. Der Wagen prallt ungebremst gegen die 2. Die Aufbauten der Zapfanlage werden aus der Bodenverankerung gerissen.
12:00 – Völlig unbemerkt springt die Preisanzeige um und weist auf die ab sofort gültige Bemessung für den Kraftstoffkauf hin: ein Liter Diesel kostet 2,599 Euro, für einen Liter Super E10 werden 2,479 Euro verlangt.
12:01 – Durch die plötzliche Geräuschentwicklung ist D. aus dem Tiefschlaf erwacht. Wie in Trance betätigt er den Anlasser, legt den Gang ein und tritt aufs Gas. Schon nach zwei Sekunden kracht sein SUV in die Beifahrerseite von T.s Wagen. Der 3er schleudert dadurch die Reste von Zapfsäule 2 endgültig zur Seite. Beide Fahrzeuge bleiben einen Augenblick lang stehen. Die Motoren ersterben.
12:02 – Eine gewaltige Detonation zerreißt die Mittagsstille. Das austretende Autogas, das sich in Sekundenbruchteilen entzündet hat, bildet einen gut zehn Meter hohen Feuerball, dessen Druckwelle die Fahrzeuge im Umkreis wie Bonbonpapier durch die Gegend pustet. Verstärkt durch die Benzindämpfe entwickelt sich eine unerwartete Hitze, die Teile des Dachs aus schwer entflammbarem Material sofort herabtropfen lassen. Der weiße Kastenwagen wird so stark beschleunigt, dass er eine gerade Schneise durch die Baustoffabteilung von Hammer & Farbe schlägt und mit einer mittleren Dicke von anderthalb Zentimetern an die hintere Wand der Halle gedrückt wird. Noch mehrere Stunden lang regnet es Metallteile auf die Autobahn an der Anschlussstelle West. An dieser ÖRÖL-Filiale wird bis auf Weiteres niemand mehr tanken. So endet der Vormittag an einer Ausfallstraße in einer deutschen Großstadt, deren Bewohner einfach nur preiswert an Kraftstoff kommen wollten.
Satzspiegel