Begeisterung bei Zero, Fragezeichen bei Gulbransson – Ein Museumsbesuch in Tegernsee
Regenwetter heißt Museumswetter, also schwinge ich mich An einem verregneten Tag in die S-Bahn, steige am Münchner Hauptbahnhof um in den Regionalzug nach Tegernsee und stehe nach etwa eineinhalb Stunden vor der Tür des Gulbransson Museums.

ZERO
Neben der Dauerausstellung mit Werken des norwegischen Malers und Zeichners Olaf Gulbransson ist es vor allem die frisch eröffente Ausstellung ZERO – Eine internationale Künstlerbewegung 1957-1966, die mich angelockt hat. Es sind die Klassiker der modernen Avantgarde Künstlerbewegung, die Museumsdirektor Michael Beck hier versammelt hat: Heinz Mack, Günther Uecker, Otto Piene – dazu Werke von Yves Klein, Yayoi Kusama und einigen anderen.
Besonders gespannt bin ich auf den Raum des Lichts, den Heinz Mack, der mittlerweile 95 Jahre alt ist, im Museum für diese Ausstellung selbst neu konzipiert hat. Aus dünnen Metallfolien, Spiegeln und Leuchtmitteln ist eine Rauminstallation entstanden – eigentlich ja nur eine Zusammenstellung mehrerer Skulpturen und Reliefs, aber im Großen und Ganzen ist es doch der Raum in seiner Gesamtheit, der ganz große Kunst ist.
Ich bin absolut begeistert, vor allem als eine Gruppe der Museumsbesucher:innen dann doch mal weiterwackelt, nachdem alles ausührlich fotografiert und diskutiert wurde. Plötzlich habe ich den Raum des Lichts für mich alleine. Vor allem eine Plastik aus Dutzenden Spiegeln hat es mir angetan. Ich finde, während ich sie umrunde, kaum einen Punkt, sie zu fotografieren, ohne einen der Besucher:innen, das Aufsichtspersonal oder mich selbst im Spiegel zu sehen. Es ist die vollkommene Abwesenheit aller Farben, solange keine Menschen mit im Raum sind, die welche hineintragen. Jede Bewegung schlägt sich sofort auf die Objekte nieder. Nicht, dass sie sich ändern – aber der Lichteinfall, wie ich ihn wahrnehme ist ein ganz anderer.
Nebenan hängen einige von Günther Ueckers Nagelbildern. Sie sind wie immer eine gewisse Herausforderung – nicht im ästhetischen Sinn, ich mag sie sehr. Es ist eher die Aufgabe, richtige Perspektive auf sie zu finden, wie ich sie sehen will: Den Übergang von der absoluten Flächigkeit hin zum Dreidimensionalen. Auch das geht nur in Bewegung. Und dann sind da noch zwei Bilder, die ich mir liebsten sofort einpacken lassen würde: Eines von Yves Kleins Feuerbildern, Yayoi Kusamas Sea. Beide Bilder sind absolute Hinkucker. Und das mache ich dann auch sehr lange, so dass die freundliche Dame, die hier Aufsicht führt, sich schon wundert.
Aber das ist eben ganz große Kunst, die mich in diesem Museum in den Bann zieht. Und ich habe ja Zeit.
Große Kunst ist auch Heinz Macks Skulptur Siehst du den Wind? (Gruß an Tinguely) von 1962. Im Wesentlichen besteht sie aus einem Ventilator, an den Heinz Mack aluminiumbeschichtete Bänder angebracht hat. 5 Minuten dreht sich der Ventilator, so lange ist der Wind zu sehen. 10 Minuten steht der Rotor still. Das ist nicht neu, möchte man heute einwerfen. Im Sommer stehen überall Ventilatoren herum, vor vielen flattern angeknotete bunte Geschenkbänder. Hat man alles schon mal gesehen… Ja. Heute.
Aber 1662? Damals war das Avantgarde pur. Welch Idee, die dahinter steckt.
OLAF GULBRANSSON
Ich weiß nicht, wie viele Jahre wir schon an dem braunen Tourismus-Hinweisschild an der Autobahn A8 zwischen München und Salzburg vorbeigefahren sind, das uns auf das Olaf Gulbransson Museum hinweist. Es müssen viele sein; und unzählige Fahrten. Immer sagen wir uns, dass wir uns das mal anschauen wollen, vor allem, seit ich weiß, dass der Norweger Gulbransson im frühen 20. Jahrhundert nach München kam, zu einem Topzeichner der Zeitschrift Simpicissimus avancierte und diese mit spitzen Karrikaturen versorgte, weshalb ihn viele Jahre später Autor, Karikaturist und Cartoonist Luis Murschetz mal den „Titan mit dem Bleistift“ nannte. Ihm zu Ehren wurde nach seinem Tod 1958 in seiner Wahlheimat am Tegernsee dieses Museum gebaut. Dort wird ein Teil seiner Werke ausgestellt und ist sein Leben dokumentiert.

In der Tat sind die Zeichnungen ganz große Klasse, sie sind unglaublich leicht und liebenswert. Die Karikaturen sind voller Biss und Witz, die Illustrationen der Kinderbücher hinreißend. Leider kann ich das nicht für die Gemälde behaupten, die ebenfalls im Museum ausgetellt sind. Ja: Das eine oder andere Bild mag ich, aber da sind zum Beispiel diese Selbstportraits, in denen er sich selbst und einem Körperkult huldigt, dass schon arg aufdringlich ist, auch wenn das seiner Zeit geschuldet ist. Und da ist die andere, die ganz dunkle Seite Gulbranssons, die im Museum sehr gut aufbereitet wurde, wenn auch nicht mit Werken aus dieser Zeit. Denn Gulbransson war Mitäufer der Nazizeit, wenn nicht Kollaborateur, gab sich unpolitisch, aber ordnete sich der Ideologie unter, so dass er unbehelligt weiter arbeiten konnte. Auch war er einer der Unterzeichner der Münchner Künstler gegen Thomas Mann, er sah in Manns Votragsreise über Richard Wagner die Verneinung des „nationalen Weges“. Ob er auch an der SA Aktion gegen seinen Sinplicissimus-Kollegen Th. Th. Heine im Hintergrund beteiligt war, wie Heine, der ins Exil ging, behauptete, blieb ungeklärt. Gulbransson jedenfalls arrangierte sich, stellte aus und hielt sich bedeckt.
Zumindest also dürfte Gulbransson ein großer Opportunist gewesen sein und das will sich in meinem Kopf nicht in Übereinstimmung mit seinen hochpolitischen Simpicissimus-Karikaturen zuvor bringen.
Ich gebe zu, ich habe da gewisse Schwierigkeiten. Und die bekomme ich auch nicht ausgeräumt. Aber das muss ich vielleicht auch gar nicht.
Mein Ausflug endet vor der Rückfahrt mit einem kleinen Spaziergang an der Tegernseer Schlosspromenade.



Und das Sahnehäubchen setze ich dem auf im herrlich plüschigen Cafe Lengmüller, Apfelstrudel mit Vanillesauce und White Schoko Macchiato inklusive. Das ist alles so wunderbar gediegen und aufgeräumt, so retro und so ganz und gar nicht avantgardistisch. Aber davon hatte ich ja zuvor schon reichlich.

Nach Altötting und Bad Tölz ist das der dritte Job-Ticket-Tripp seit Februar ins Umland.
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Hat sich in jedem Fall gelohnt dieser Ausflug.
Oh ja. Und so etwas mache ich jetzt öfter.
Das Seefoto mit dem Wolkenhimmel ist beeindruckend, Kompliment.
Vielen Dank Dir.