Chaos wegen Starlink

Russen sind „blind“: Ukrainer rücken plötzlich vor

Außenpolitik
17.02.2026 11:02

Die Abschaltung des Satellitennetzwerks Starlink hat in den russischen Reihen offenbar für chaotische Zustände gesorgt. Die Folge: Wladimir Putins Einheiten agierten häufig „blind“ – und wurden in den vergangenen Tagen stellenweise von ausgezehrten ukrainischen Truppen überrannt. 

Die ukrainischen Streitkräfte haben in nur vier Tagen einen bedeutenden Erfolg erzielt. Laut einer Datenauswertung des unabhängigen „Institute for the Study of War“ (ISW) aus den USA befreite Kiew zwischen Mittwoch und Sonntag eine Fläche von 201 Quadratkilometern.

Zur Einordnung: Das ist der größte Geländegewinn für die Ukraine innerhalb eines so kurzen Zeitraums seit ihrer Gegenoffensive im Juni 2023 und entspricht damit fast den russischen Eroberungen des gesamten Monats Dezember (244 Quadratkilometer). Die Analyse des Instituts deutet auf eine enorme Veränderung der Lage an der Front hin.

Blinde Flecken durch Technologie-Verlust
Als Hauptgrund für den ukrainischen Vormarsch gilt die Verweigerung des Zugriffs auf das Satelliten-System Starlink für die russische Armee. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge können Putins Männer das von Multimilliardär Elon Musk betriebene Netzwerk seit Anfang Februar nicht mehr für ihre Operationen nutzen.

Wie funktioniert Starlink?

  • Das Rückgrat des Systems bildet ein Netzwerk aus Tausenden Satelliten im niedrigen Erdorbit.
  • Nutzer benötigen eine Empfangs- und Sendeeinheit mit integrierter Router-Funktion und einer flachen Satellitenantenne (siehe Bild unten).
  • Damit erhalten sie dann rund um den Globus unabhängig von herkömmlicher Telekommunikationsinfrastruktur Zugang zu schnellem Internet.
  • Die Geschwindigkeit beträgt etwa ein Gigabit pro Sekunde – und ist damit mit der rasanten 5G-Technologie vergleichbar.

 

Offiziell ist die Nutzung von Starlink in Russland illegal. Es gibt weder eine Zulassung für das System in Moskau, noch verkauft Musk seine Technologien an Russland. Dennoch tauchten ab 2023 die ersten Starlink-Terminals auch bei russischen Truppen auf. Diese wurden zumeist am Schwarzmarkt über Länder am Persischen Golf oder in Zentralasien für die Front erworben.

Der jetzige Ausfall ist signifikant. Starlink verkörpert für beide Kriegsparteien ein wichtiges Instrument für die Kommunikation und Steuerung von Einheiten und Waffensystemen. Die Nutzung von gewöhnlichem mobilem Internet an der Front ist ineffektiv und gefährlich zugleich, weil einerseits oft überhaupt keine Verbindung besteht und andererseits solche Verbindungen schnell geortet werden können.

Starlink gewährleistet selbst in abgelegenen Regionen schnelles Internet.
Starlink gewährleistet selbst in abgelegenen Regionen schnelles Internet.(Bild: APA/AFP/Yasuyoshi CHIBA)

Atempause für die Ukraine
Besonders betroffen von der Abschaltung ist der Einsatz russischer Drohnen. Zuletzt statteten die Russen die Flugkörper direkt mit Terminals aus, um ihre Zielgenauigkeit zu verbessern und sie noch widerstandsfähiger gegen elektronische Störsysteme zu machen. Moskau war es dadurch möglich, Ziele mit hoher Präzision anzugreifen und erheblichen Schaden anzurichten.

Speziell in den vergangenen Wochen hat das russische Militär dank der Starlink-Technologie erfolgreich eine Reihe von Angriffen gegen die Versorgung der ukrainischen Einheiten durchgeführt. Getroffen wurden zahlreiche mobile Einheiten, die für den Nachschub der Verteidiger wichtig waren. Die Straße von Dnipro nach Pokrowsk im Gebiet Donezk wurde so zu einer Todesfalle. Ohne den Zugang zum Satellitennetzwerk ist diese Fähigkeit nun stark eingeschränkt, was die Effektivität russischer Drohnenangriffe deutlich reduzierte und der Ukraine eine Atempause verschaffte.

Zwei Methoden helfen dabei, das russische Militär von der weiteren Starlink-Nutzung in der Ukraine abzuschneiden. Erstens gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung: Bewegt sich ein Terminal zwei Minuten lang schneller als 90 Kilometer pro Stunde, geht das System in einen Neustart. Das soll den Einsatz von Drohnen verhindern.

Die zweite Maßnahme gilt als noch wichtiger: Alle Terminals auf dem Gebiet der Ukraine müssen offiziell auf einer elektronischen Plattform angemeldet werden, damit sie funktionieren. Das hat offenbar auch auf ukrainischer Seite zu einigen Problemen geführt, da die Mehrheit der Terminals nicht offiziell über die Streitkräfte erworben wurde, sondern über Freiwillige.

Die Ukrainer dürften einen vorläufigen Technologie-Vorteil ausgenutzt haben.
Die Ukrainer dürften einen vorläufigen Technologie-Vorteil ausgenutzt haben.(Bild: AP/Andriy Andriyenko)

Die Einheiten, die solche Geräte haben, müssen sie nun offiziell registrieren, damit sie wieder funktionieren. Es seien zudem Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden, damit prorussische Ukrainer solche Geräte nicht auf ihren Namen für die russischen Streitkräfte registrieren können.

Auswirkungen im Kampfgeschehen
Die unmittelbaren Folgen dieses technologischen Rückschlags lassen sich direkt auf dem Schlachtfeld beobachten. Die Daten des ISW zeigen, dass Russlands Truppen in der vergangenen Woche nur an einem Tag, dem 9. Februar, Geländegewinne verzeichnen konnten. An den übrigen Tagen gelang es den ukrainischen Streitkräften, die Initiative zu ergreifen und Boden gutzumachen. Die jüngsten Rückeroberungen konzentrieren sich dabei vor allem auf eine Zone etwa 80 Kilometer östlich der Stadt Saporischschja.

Der Militärkorrespondent des russischen Staatsfernsehens, Alexander Sladkow, beklagte bereits wenige Tage nach der Abschaltung, dass die Kommunikation innerhalb der Einheiten auf das Niveau von 2022 zurückgeworfen worden sei.

Russen sind wieder „blind“
Damals – kurz nach dem Überfall auf die Ukraine – herrschte vielerorts Chaos und die Truppen wurden oft „blind“ geführt, das heißt ohne Kenntnis der Umstände vor Ort. In russischen Militärblogger-Kreisen ist zu hören, der Kreml arbeite eilig an „weniger bequemen“ Backup-Systemen. 

Zwar existieren Alternativen zu Starlink, Analysten stufen diese aber als weit unterlegen ein. Für Kurzstreckenverbindungen können Glasfaserleitungen oder digitale Funkmodems genutzt werden, die jedoch alle langsamer in der Einrichtung und im mobilen Einsatz schwieriger zu handhaben sind.

Russlands eigene Satellitenkommunikation, etwa durch Gazprom Space Systems, betreibt nur eine kleine Anzahl geostationärer Satelliten, was zu lückenhafter Abdeckung und geringerer Datenkapazität führt.

Berichten zufolge fallen russische Soldaten in ihrer Verzweiflung sogar auf falsche Anmelde-Portale ukrainischer Cybereinheiten herein – und verraten so ihre Position. Auf den Versuch der Kreml-Truppen, ihre auf dem Schwarzmarkt erworbenen Satelliten-Terminals zu aktivieren, folgt schwerer Beschuss. Verantwortlich dafür sei die 256. Cyber-Angriffsdivision der Ukraine gewesen. Die digitale Täuschung wurde zynisch „Operation Selbst-Liquidierung“ getauft. Laut der Division wurden so 2420 Datensätze gesammelt und knapp 6000 US-Dollar an „Servicegebühren“ eingenommen.

Dennoch weisen westliche Militärexperten vor allem auf einen Umstand hin: Auch wenn es keine moderne Alternative zu Starlink gibt, heißt das nicht, dass Russland nicht weiter Krieg führen kann. Der Ukraine würde es zudem an Soldaten und Munition fehlen. Der aktuelle Vorstoß sei lediglich eine „taktische Stabilisierung“. Wie effektiv die Abschaltung tatsächlich ist, würden erst die nächsten Wochen zeigen.

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