Paukenschlag im Rathaus: Wiens Wohn- und Frauenstadträtin Kathrin Gaál tritt ab – freiwillig und mit Applaus. Bürgermeister Ludwig spricht von einem „harten Schlag“, die SPÖ ordnet ihre Macht neu. Zwei Frauen rücken nach. Warum der Bürgermeister jetzt aufs Tempo drückte.
Politische Rücktritte gehen oft mit Skandalen oder Erfolglosigkeit einher. In Wien wird aber nun der mächtige Posten als Wohnbaustadträtin frei, weil Amtsinhaberin Kathrin Gaál diesen freiwillig räumt. Sie will sich jetzt beruflich noch einmal neu aufstellen.
Neue berufliche Herausforderung
„Es war wirklich keine leichte Entscheidung, aber es ist der richtige Zeitpunkt“, sagt sie Montagmittag im Rathaus. Seit 2018 saß Gaál im Stadtrat, seit 2020 war sie Vizebürgermeisterin. Noch bis Ende März bleibt sie im Amt, am 25. März erfolgt die Übergabe im Gemeinderat. Bereits am Freitag hatte sie Ludwig über den Schritt informiert. Mitte März steht noch die Klubtagung im Burgenland an – dann ist Schluss.
Stadtchef wurde am Freitag über Rücktritt informiert
Bürgermeister Michael Ludwig spricht von einem „harten Schlag“. Er würdigte ihre Bilanz. In ihre Amtszeit fallen die Errichtung des fünften Frauenhauses sowie die Einführung der Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“. Bei Umwidmungen müssen seither zwei Drittel der neuen Wohnungen leistbar und gefördert sein.
Auch strengere Regeln bei Kurzzeitvermietungen (AirBnB) und Maßnahmen im Altbautenschutz wurden umgesetzt. Gaál selbst sprach von „Meilensteinen“. Ihren Schritt begründet sie mit dem Wunsch, sich beruflich zu verändern und künftig außerhalb der Politik zu arbeiten. Details nannte sie vorerst aber nicht.
Neuaufstellung verleiht Novak mehr Gewicht
Die Wiener SPÖ muss sich jetzt neu ordnen. Lange ließ Ludwig aber nicht offen, wer übernimmt. Neue Wohn- und Frauenstadträtin wird die SPÖ-Wohnsprecherin im Nationalrat und geschäftsführende Vorsitzende der Mietervereinigung Wien, Elke Hanel-Torsch. Sie kündigte an, ihr Amt mit „Herzblut, Einsatz und Leidenschaft“ auszufüllen. Ein zentrales Anliegen sei ihr der Schutz der Mieter sowie das Grundrecht auf leistbares, qualitätsvolles und sicheres Wohnen.
Gleichzeitig steigt Finanzstadträtin Barbara Novak zur Vizebürgermeisterin auf. Für sie bedeutet das mehr politisches Gewicht – und mehr Druck. „Finanzpolitik ist in diesen Zeiten das Bohren sehr, sehr harter Bretter“, sagt sie. Die Budgetsanierung bleibt ihre Großbaustelle. Zusammen mit Ludwig bildete sie eine neue Achse der Macht.
„Leid, ständig über Personelles zu sprechen“
Ludwig betonte, das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Stadtregierung bleibe gewahrt. Und er ließ durchblicken, warum das Tempo hoch war: Er sei es leid, „ständig über personelle Situationen gefragt zu werden“. Wien soll Ruhe zeigen, während es auf Bundesebene zuletzt turbulenter zuging.
Gaál meint, man solle gehen, wenn es am schönsten ist. Die politische Bühne verlässt sie freiwillig. Auf ihre Nachfolgerin wartet viel Arbeit. Sie muss Antworten auf die stark steigenden Wohnkosten in Wien finden.
„Das werden einige Stadträte beleidigend finden“, sagt ein Rathaus-Insider, „aber Kathrin Gaál war von allen die menschlichste.“ WAR. So schnell geht es in der Politik. Der Schreibtisch ist noch nicht einmal ausgeräumt, schon werden die Nachrufe diktiert. Aber mit einem hat der SPÖ-Kenner recht: In einem Metier, in dem Menschlichkeit im Wahlkampf groß plakatiert und viel zu oft danach mit dem Papier wieder entsorgt wird, stach Gaál positiv heraus. Immer freundlich, immer lustig, immer respektvoll. Jeder wusste: Ihre Tochter geht vor. Selbst in stressigen Phasen nahm sie sich Zeit für die Familie.
Mit Elke Hanel-Torsch hat sich Michael Ludwig eine partei- und linientreue Genossin in die Stadtregierung geholt, die ihm keinen großen Ärger bereiten wird. Die Putsch-Versuche, die ihr als Bezirksparteivorsitzender in Margareten nachgesagt wurden, führten zu einem grünen Bezirksvorsteher – waren also am Ende von einem erfolglosen Dilettantismus geprägt, der dem Stadt-Chef nicht gefährlich werden wird.
Aufgewertet wird Barbara Novak, die sich Vizebürgermeisterin auf die Visitenkarten drucken lassen darf. Die Stadträtin mit dem Teflon-Lächeln baut mit eiserner Hand ihr Imperium um, viele Jahre hat sie auf diesen mächtigen Job hingearbeitet. Sie wird immer wieder als Nachfolgerin Ludwigs genannt.
„Aber“, sagt der Partei-Insider, „die Schwerkraft des Bürgermeister-Sessels wird von Jahr zu Jahr stärker. Das Aufstehen immer schwerer.“ Auch bei der Wahl 2030 wird Ludwig die Wiener SPÖ nur an einen übergeben: an sich selbst.
Wienerin ist Elke Hanel-Torsch erst seit rund 25 Jahren: Da kam die gebürtige Kärtnerin aus dem kleinen Ort Pulst bei St. Veit an der Glan zum Jus-Studium in die Stadt, das sie in Mindestzeit absolvierte. Fast ebenso schnell ging es mit der Karriere in der SPÖ und bei der Mietervereinigung bergauf. Dort begann die heute 44-Jährige nach ihrem Gerichtsjahr als Juristin und arbeitete sich über die Stationen Teamleiterin und Geschäftsführerin bis zur Spitze vor: Seit zehn Jahren ist sie deren Wiener Landesvorsitzende.
Bezirk ging an die Grünen verloren
Parallel dazu trieb sie ihre politische Karriere in Margareten voran, wo sie 2013 als Bezirksrätin begann, bis zum Amt der Bezirksparteichefin durchmarschierte, und damit auch die Installation ihres Vertrauten Christoph Lipinski statt der abgesägten ehemaligen Bezirksvorsteherin Silvia Jakovic zu verantworten hat. Überdies sitzt Hanel-Torsch im Landesparteivorstand der Wiener SPÖ. Die letzten anderthalb Jahre war sie für die SPÖ im Nationalrat, wo sie konsequent die Agenda von Bundesparteichef und Wohnbauminister Andreas Babler mittrug.
Eigene Forderungen nun auf dem Prüfstand
Dezidiert auf der linkeren Seite innerhalb der SPÖ sind auch ihre Positionen in Sachen Feminismus, Minderheiten, Konsumentenschutz und mehr. Als Gradmesser für ihre politische Durchsetzungskraft in Wien bietet sich das heiße Eisen Leerstandsabgabe an: Schon 2014 drängte sie auf deren schnellstmögliche Einführung und forderte eine „Meldepflicht von leer stehenden Wohnungen nach sechs Monaten“.
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