Keine Lust zu schreiben, ich spüre Widerstand. Also dann, jetzt gerade.
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Dr. Braun
Heute ist der „reguläre“ Arzt in der Praxis, nach dem ersten Besuch bei seinem Stellvertreter. Gleiche Statur, hager, sehnig, wie Orthopäden so ausehen, in meiner Vorstellung jedenfalls. Während der Erste sachlich, kühl und distanziert rüberkommt, wirk der nun eher jovial, so ein Kumpel-Typ. Händedruck inklusive, nicht unsympathisch.
Wie ich denn klar gekommen wäre, mit dem anderen, und ob die Spritze gut getan hätte. Ok, sage ich, etwas Linderung. Erkläre ihm meine Haltung, erst einmal ohne OP auskommen zu wollen, und wenn, dann, stationär und in der Nähe. Ob ich seine Unterstützung dazu hätte, die sichert er mir zu. Sagt, der andere wäre anders, und nicht wenige würden sich beschweren über ihn, als Mensch. Ist vom Fach, sage ich, mittlerweile vorsichtig, darauf kommt es an. Nee, meint er, man bräuchte auch eine persönliche Ebene. Nicht von der Hand zu weisen, diese Haltung.
Er redet viel, ich höre gut zu, das mache ich meistens, wenn Menschen sehr viel reden. Erst mal jedenfalls. Erst recht, wenn ich etwas von ihnen möchte. Klar könne ich warten, aber andererseits solle ich mir nicht zu lange Zeit lassen, bald müsse man eh alles selbst bezahlen. Mmh, sage ich, und er fährt fort, redet sich in Stimmung. Von dem Land, das den Bach herunter ginge, und wenn er ne auskömmliche Summe monatlich hätte, dann wäre er weg. Wohin denn, frage ich scheinheilig. Italien, sagt er, Schwiegereltern und so, und die hätten wenigstens eine anständige Regierung. Ich hatte eher auf Ungarn getippt.
Ich schaue ihn an und er fährt fort. Was los hier, sagt er. Kommt eine rein, vier Wochen im Land. Er ist in Fahrt, Hand auf linke Hüfte – 7000€, rechte Hüfte, nochmal 7000€, Knie und so weiter, wer, glauben Sie bezahlt das alles? Richtig, Sie und ich. Mmmh, sage ich nochmal, aber was tun, wenn ein Mensch vor Ihnen steht und leidet? Ja RAUS, sagt er, mittlerweile laut, noch besser gar nicht erst rein lassen.
Mir geht irgendwas mit hippokratischen Eid durch den Kopf, aber ich will nicht diskutieren. Auch nicht über meinen urdeutschen Nachnamen, der ihn möglicherweise beeindruckt hat. Und ob er gegenüber meiner Frau, die Kind von Migranten ist und über einen exotischen Doppelnamen vefügt, auch so aufgetreten wäre. Auch habe ich keine Lust, von meiner Familie zu erzählen, und was der Faschismus mit all diesen meinen Vorfahren angerichtet hat.
Wir verabschieden uns mit Handschlag und ich verlasse desillusioniert bis leicht fassungslos die Praxis. Sie sind unter uns, neben, vor, hinter uns, überall. Argumente haben sie auch, das macht sie gefährlich. Und mich lässt es einmal mehr auf Grund laufen, stimmungstechnisch.
Meist schließe ich jeden Eintrag mit einer positiven Aussicht. Den hier nicht, weil mir nix Gutes einfällt, gerade.
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