Willkommen!

Wupperpostille klingt nach Lokalnachrichten, manchmal geht es hier auch um regionales Klein-Klein. Sonst aber eher um geneigten Austausch mit euch, die ihr selbst bewegt seit von dem Leben, wie es nun einmal ist. Um Glaube, Vertrauen, Menschlichkeit, Mitgefühl, Philosophie, Alltagskram.

Darum, mir bei aller Breite,Tiefe und zeitweisen Schwere des Lebens das lachen zu bewahren.

*

Samstag, 260228

26 & 12

So Zahlen. Heute vor 26 Jahren habe ich letztmalig gesoffen.

Und die 12? Noch 12 Monate, dann gehe ich in den Ruhestand. Außer, die Politik cancelt die „Rente mit 63“, die in meinem Fall Dynamik-bedingt bei 64/9 liegt. Sollte ich die dann fälligen Strafprozente auf die letzten 24 Monate bis zu meinem regulären Renteneintrittstermin mit 66/9 auch noch hinnehmen müssen, gehe ich sofort. Ob 8% zusätzlich Abzug oder 10, das ist mir dann auch wurscht.

Wäre gut, wenn sich die rechenkünstelnden Youngsters das auch mal klar machen würden. Und unwahrscheinliche, aber immerhin mögliche Erkenntnisse an ihre politischen Vertreter weiterleiten. Wenn ihr schon die (volkswirtschaftliche) Lebensleistung von uns „Boomern“ mit Füßen tretet  – rechnet einfach mal. Das beruhigt.

Nachfolger? Gibt es nicht, wird es nicht geben. Wird kein Geld für freigegeben werden. Fossil, ich. Aber weit über 30 Jahre Lohn und Brot allein in dieser Firma. Gesamt wären es in einem Jahr dann 48.5 Jahre. Fazit: Alt geworden, kaputte Knochen. Aber dankbar für mein Auskommen und für die Zähludrigkeit, die mir mein Schöpfer mitgegeben hat.

So. Jetzt endlich isser fertig, dieser Eintrag. Ich schlafe krankheitsbedingt gerade im Wohnzimmer. Hat auch Vorteile, kann lesen, wann ich will, niesen und husten nach Herzenslust. Und Blogeinträge schreiben. Außer, die Jungkatze kommt. Das macht sie jede Nacht, vorzugsweise am frühen Morgen. Mal gucken, ob der noch lebt. Manchmal, wenn ich zu müde bin, ihr ein Eckchen freizumachen, legt sie sich auf mich drauf, milchtrittelt auf meine volle Pissblase und freut sich, dass ich noch da bin. Jedenfalls ruht sämtliche andersartige Aktivität, wenn Madame ihren Kontrollgang macht.

Jetzt gerade schnürchelt sie leise neben mir, die Welt ist in Ordnung. Ich mag diese liebevolle, nervensystemische Kommunikation zwischen uns. Sehr.

Freitag, 260227

Dieser Tage stehe ich morgens wie immer um kurz vor 4 Uhr im Bad und restauriere meine Fassade. Das Radio läuft, die Live-Übertragung zur Lage der Nation des amerikanischen Präsidenten, simultan übersetzt von einem bemühten Sprecher. Eine geballte Ladung Rassismus, Bösartigkeit und Lügen, Goebbels wäre stolz auf den gewesen.

Und hier? Machen sie nen „Faktencheck„. Wenn man einen üblen Hetzer, notorischen Lügner und Demagogen aus Gründen der Staatsräson schon nicht so nennen darf, dann wenigstens sehr deutsch inhaltlich analysieren. Einmal mehr bin ich froh, kein Diplomat oder überhaupt Politiker zu sein, nicht umgehen zu müssen mit solchen Abschaum.

Radio an die Wand haben schon andere gemacht.

Abschalten hilft, für den Moment.

Und da ich schon mal dabei bin, abzurotzen. Das tue ich gerade wörtlich, der verstopfte Rüssel konkuriert mit der derangierten Schulter um den scheiß ersten Platz der persönlichen Plagen. Männerschnupfen, ganz schlimm, man kennt das. Mutter hat es gerade hinter sich, ist unternehmungslustig und nörgelt, dass keiner Zeit für sie hat. Einmal mehr möchte ich darauf verweisen, wer denn hier und warum unterlassen hat, noch ein paar Geschwisterchen zu zeugen, die sich jetzt kümmern könnten. Mache ich nicht, aus Gründen der Räson (tolles Wort).

Oft frage ich mich, woher dieses zähe Geschöpf die Kraft nimmt, so alt zu werden. Sie hat alle möglichen Erkrankungen durch, Geschwüre, Tumore, Bandscheibenvorfälle und und und. Sie ist ein Genussmensch, sagt die Liebste, das hebt, wie man sieht. Immerhin dreht sich bei ihr nicht alles ums fressen, sie interagiert viel mit ihren Mitbewohnern und liest auch viel.

Und ich? Denke manchmal, gar nicht schlimm, jetzt zu gehen. Das sind so Momente, die sich verdammt echt anfühlen. Warum auch immer. Vielleicht Veranlagung, vielleicht die nur lose zugeschütteten neuronalen Suchtgräben in meinem Kopf, vielleicht Müdigkeit, wahrscheinlich ein Mix aus allem.

So. Genug schlechte Luft verbreitet. Mir zur Erleichterung und euch zur Unterhaltung. Und irgendwo dahinten ist auch noch mein Schöpfer, der bestimmt, wann die Zeit gekommen ist. Könnte mich mal wieder mehr hinwenden, zu ihm. Oder wenigsten zu seinem Sohn.

Blume Nr. 1

Bonbonhimmel mit Gevögel.
Wenn das kein Zeichen ist.

Montag, 260223

Alle reden von künstlicher Intelligenz, testen und spielen damit, kreieren Bilder, Texte, sonstwas. Naja, dachte ich so, mach auch mal. Ganz einfach anfangen, mal sehen, was Chatgpt zu „Wupperpostille“ sagt. Das Ergebnis zeugt eher von künstlicher Dummheit (wer nach „wupperpostille“ sucht, wird sofort hier her geleitet), aber seht selbst. Irgendwie erinnert mich die Antwort an gewisse Mitmenschen, die auf jede Frage eine Antwort glauben haben zu müssen.

Na jedenfalls wißt ihr jetzt über unser einzigartiges Verkehrsmittel Bescheid.

Und weiter dachte ich. Vielleicht bin ich zu unpräzise, mal mit „wupperpostille blog“ versuchen. Und siehe, es folgt eine, wie ich finde, recht gelungene Charakterisierung des Geschreibe hier. Und das in einer affenartigen Geschwindigkeit.

Königsklasse: Die detaillierte Bitte um Analyse des (eigenen) Blogs – siehe meine Antwort auf Wortman.

Das elementar poetische Subjekt staunt jedenfalls, und solange es das noch kann, ist es der KI allemal überlegen.

*

Samstag, 260221

Heimatlos – hörte ich neulich. Das ist eines, wenn Menschen oft umgezogen sind, zwischen Städten, Landstrichen, oder gar Staaten. Selbst betrifft mich das so nicht. Meine Eltern sind in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, so wie auch ich. Nie habe ich das so genannte bergische Land verlassen und kenne mich hier recht gut aus, zumindest, was Wuppertal und Remscheid angeht. Habe hier mein Berufsleben in einem klassischen Industrieberuf verbracht, der früher mal großes Ansehen genoss. Klingt bodenständig, oder ?

Innen drinn sieht das anders aus. Die große Suche nach dem Frieden mit der Vergangenheit, persönlich und staatsangehörig, hat immer wieder verhindert, mich hier wirklich heimisch zu fühlen. Es hat sich nie ergeben, aber vermutlich würde sich das an jedem Ort auf Erden so anfühlen. Lichtblick: Es wird mit den Jahren besser. Diese unbehauste Lebensgefühl weicht nicht, aber wir freunden uns an, dieses Gefühl und ich Erdenbürger, den das bergische Land nicht losgelassen hat. Oder dem der Mut fehlte, andernorts glückszurittern. In der jüngren Geschichte stand Berlin mal kurz auf der Agenda, aber die Eltern zu alt, das Kind zu jung. Heute zu teuer. Also nicht.

Angezogen hat mich immer das flache Land, der Niederhein, und die Niederlande, historisch begründet mit meinem Hang zu gewissen Substanzen. Was blieb, ist die Liebe zum flachen Land und zum großen Wasser.

*

Wort des Tages dieser Tage bei der Wildgans: Niederlande.

Das gelobte Land meiner wilden Jahre. Gleich lange, aber unterschiedlich breite Tage auf dem flachen Land. Wasser, viel Wasser, Weiden, Windmühlen, Menschen mit einer unserem Heimatdialekt verwandten Sprache. Coffeshop mit Machetenmann am Tresen, der den Shit schnitt wie hier der Metzger die Wurst. Selbstvergessen am Tischkicker, die Welt weit fort. Vlaflip, Frikandeln, Pommes total und andere Schweinereien. Einst wollte ich flüchten, vor dem deutschen Unterhaltsrecht, was Ehegattenunterhalt betraf. Besuchte sogar einen Niederländisch-Sprachkurs bei der Volkshochschule. Bin dann doch geblieben, dem großen Kind zuliebe.

*

Donnerstag, 260219

Ein Kommentar ufert aus, nun denn, kriegt er nen eigenen Eintrag. Hintergrund ist die jüngste Auslassung von Jens Spahn, nur reine Erwerbsjahre rententechnisch zu berücksichtigen.

*

Wenn man die Person Jens Spahn mal außen vor lässt (der Mensch gehört meiner Meinung nach in den Knast) – in der Sache hat er recht.

Seit meinem 16ten Geburtstag bin ich erwerbstätig und habe Rentenbeiträge bezahlt. Mangels Unterstützung meiner Sippe studierte ich nicht, was sich im Nachgang nicht als Verlust für mich darstellt. Nun bin ich fast 64, im 48sten Berufsjahr, körperlich und nervlich in Teilen arg angefasst. Wenn es dem Staat nach geht, arbeite ich noch weitere drei Jahre. Das werde ich nicht tun.

Mein Sohn ist das, was man ein „Arbeiterkind“ nennt. Nie zuvor hat in seinen beiden Sippen jemand studiert. Er hat auf Anraten und mit Unterstützung seiner Mutter und auch mir den schweren Weg gewählt und dual studiert, d.h., er hat parallel dazu eine Berufsausbildung absolviert und somit Rentenbeiträge gezahlt. In dieser Zeit lebte er aus vielen Töpfen. Unterhalt von uns beiden, Kindergeld, Ausbildungsvergütung und teils ging er noch jobben. Mittlerweile ist er mit seinem Master-Abschluss beruflich recht erfolgreich unterwegs.

DAS sind Wege, die jedem aufstehen, der nur seinen Arsch hoch bekommt und ein Minimum an familiärer Unterstützung erfährt, sei es nur moralischer Art oder dass eine Unterkunft gewährt wird.

Meine „studierten“ Kollegen sind allesamt nicht angetan von dem Umstand, ihre Studienzeit nicht angerechnet zu bekommen. Allerdings hatten sie auch Jahrzehnte lang ein mehr als ansehnliches Auskommen und zumindest körperlich keinen Verschleiß. Es ist meiner Ansicht nach nur recht und billig, dass eben solche Mitmenschen, denen der Staat eine fundierte Hochschulausbildung ermöglicht hat, nun auch bis zum bitteren Ende arbeiten dürfen.

Davon abgesehen – wer es geschickt angestellt hat, nutzt sein überdurchschnittliches Einkommen, privat vorzusorgen und somit doch früher gehen zu können. Was die Kinder heute sowieso machen. Sie haben keine moralischen Bedenken, sparen in Fonds und kaufen Immobilien. Auch das steht jedem frei, der über entsprechende Mittel verfügt und diesbezüglich Prioritäten setzt.

Dank nach nebenan für die Anregung!

*

Samstag, 260214

Valentinstag. Als ob der was dazukönnte. Zu den Schmetterlingen im Bauch, die sich nur allzuoft ein zweites Mal verpuppen und als was auch immer ihr letztes Stadium begehen. Aber die Blumenhändler freut es, die werden auch an jene ihre Ware los, die kleine Monster immer noch für Schmetterlinge halten. Wenns hilft – den Blumenhändlern allemal. Auch wird nicht jeder alter Falter ein Monster, und Romantiker sind auch nur Menschen.

*

Eigentlich wollte ich noch über so manch seltsam riechende Blüte schreiben. So Zeitgeistgewächse, die zum Himmel stinken. Die KI-Blume zum Beispiel, die braucht Spezialdünger, das ist eine Mischung aus Text und Information egal woher, natürlicher Neugier und natürlicher Blödheit. Konstrukteure konstruieren mit KI (wo lassen Sie denken?), nicht nur Kinder kommunizieren mit Maschinen mehr als mit ihren Mitmenschen, befragen sie zu Zuständen und Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Ist das nun gut oder eher nicht so gut? Immerhin erspart einem diese fragwürdige Kommunikation eigene Erfahrungen schmerzlicher Natur. Leider auch den Rest namens Leben, konsequent zu Ende gedacht.

Eine andere Stinkeblume wächst auf der anderen Seite des großen Wassers und breitet ihre Wurzeln schon unterseeisch bis zu uns aus. Sie ist uralt, es gab sie immer schon. Früher behauptete sie, die Erde sei eine Scheibe, wenn auch nicht realistisch, aber mit Nachdruck. Wer was anderes sagte und glaubte, sogar beweisen konnte, der hatte es unbequem, wenn auch mit warmen Füßen, damals. Wahrheit verordnet sie, das Gewächs, sie scheißt auf Forschung und Wissenschaft, kürt die Lüge zur höchsten Kunst. Und sie feiern sie, weil alles so einfach klingt.

Eigentlich habe jetzt doch geschrieben. Was für ein blödes Wort.

*

Aus dem Takt bin ich geraten. Das ist nicht wirklich neu, und meistens übe ich, darin zu bleiben, also taktvoll zu leben. Manchmal vergesse ich das ein wenig und dann freue ich mich, wenn mein Humor verstanden wird. Folgendes Zitat fand neulich zu mir:

Frohgemut schickte ich dies meinem großen Kind, schön mit Grinsgesicht und Winkewinkehändchen. Als das Ding heraußen war, fiel mir ein, dass ebensolches großes Kind auch nicht eben zierlich gebaut ist und zudem in Kürze in einen städtischen Betrieb wechselt. Kam dann auch ein herzliches Dankeschön für die freundlichen Worte, wenn auch mit Grinsegesicht, immerhin.

*

So, die Mutter hat das Futtern abgesagt, wegen Wetter. Dem voraus ging gestern Abend folgender Dialog:

Ich habe Gemüseauflauf eingefroren, kannste morgen Mittag haben.
HaNää, morgen gibbet Linsensuppe, die ess ich dann, ist immer lecker.

Laute wie kurze Gedankenpause.

Oder wir gehen Pfannkuchen essen.
Was immer die erste Wahl ist, da kann ich nicht mithalten, mit dem Auflauf.
Linsensuppe auch nicht, außer bei Wetter.

Ach. Sie kriegt, wenn sie will, jeden fristverlängernden Tag Pfannkuchen. Ist schneller vorüber, als gemeinhin angenommen.

*

Drabble-Dienstag, 260210

Der Torsten lädt ein, zum drabbeln, 100 Wörter, heute mit: Regen – helfen – Zunge 

Im Regen werde er stehen, das sagte einst der Vater. Ganz allein. Und der wusste da Bescheid mit, der Vater, war er doch ein Guter. Hilfsbereit, das betonte er mitunter, aber erst gleich, dann werde er helfen. Gleich, das war immer später, und wenn mal Hilfe Not getan hätte, dann hatte er keine Zeit. Gleich, sagte er dann, dir helf ich gleich.

Und so hütete er sein Zunge, ließ den Vater Vater sein und ging das Gleich suchen, fand aber nur Gleiches. Jetzt helfe ich mir selbst, so hieß das Behelfsbuch zum Auto, und siehe, er wurde sein eigener Mechaniker.

*

Freitag, 260206

Keine Lust zu schreiben, ich spüre Widerstand. Also dann, jetzt gerade.

*

Dr. Braun

Heute ist der „reguläre“ Arzt in der Praxis, nach dem ersten Besuch bei seinem Stellvertreter. Gleiche Statur, hager, sehnig, wie Orthopäden so ausehen, in meiner Vorstellung jedenfalls. Während der Erste sachlich, kühl und distanziert rüberkommt, wirk der nun eher jovial, so ein Kumpel-Typ. Händedruck inklusive, nicht unsympathisch.

Wie ich denn klar gekommen wäre, mit dem anderen, und ob die Spritze gut getan hätte. Ok, sage ich, etwas Linderung. Erkläre ihm meine Haltung, erst einmal ohne OP auskommen zu wollen, und wenn, dann, stationär und in der Nähe. Ob ich seine Unterstützung dazu hätte, die sichert er mir zu. Sagt, der andere wäre anders, und nicht wenige würden sich beschweren über ihn, als Mensch. Ist vom Fach, sage ich, mittlerweile vorsichtig, darauf kommt es an. Nee, meint er, man bräuchte auch eine persönliche Ebene. Nicht von der Hand zu weisen, diese Haltung.

Er redet viel, ich höre gut zu, das mache ich meistens, wenn Menschen sehr viel reden. Erst mal jedenfalls. Erst recht, wenn ich etwas von ihnen möchte. Klar könne ich warten, aber andererseits solle ich mir nicht zu lange Zeit lassen, bald müsse man eh alles selbst bezahlen. Mmh, sage ich, und er fährt fort, redet sich in Stimmung. Von dem Land, das den Bach herunter ginge, und wenn er ne auskömmliche Summe monatlich hätte, dann wäre er weg. Wohin denn, frage ich scheinheilig. Italien, sagt er, Schwiegereltern und so, und die hätten wenigstens eine anständige Regierung. Ich hatte eher auf Ungarn getippt.

Ich schaue ihn an und er fährt fort. Was los hier, sagt er. Kommt eine rein, vier Wochen im Land. Er ist in Fahrt, Hand auf linke Hüfte – 7000€, rechte Hüfte, nochmal 7000€, Knie und so weiter, wer, glauben Sie bezahlt das alles? Richtig, Sie und ich. Mmmh, sage ich nochmal, aber was tun, wenn ein Mensch vor Ihnen steht und leidet? Ja RAUS, sagt er, mittlerweile laut, noch besser gar nicht erst rein lassen.

Mir geht irgendwas mit hippokratischen Eid durch den Kopf, aber ich will nicht diskutieren. Auch nicht über meinen urdeutschen Nachnamen, der ihn möglicherweise beeindruckt hat. Und ob er gegenüber meiner Frau, die Kind von Migranten ist und über einen exotischen Doppelnamen vefügt, auch so aufgetreten wäre. Auch habe ich keine Lust, von meiner Familie zu erzählen, und was der Faschismus mit all diesen meinen Vorfahren angerichtet hat.

Wir verabschieden uns mit Handschlag und ich verlasse desillusioniert bis leicht fassungslos die Praxis. Sie sind unter uns, neben, vor, hinter uns, überall. Argumente haben sie auch, das macht sie gefährlich. Und mich lässt es einmal mehr auf Grund laufen, stimmungstechnisch.

Meist schließe ich jeden Eintrag mit einer positiven Aussicht. Den hier nicht, weil mir nix Gutes einfällt, gerade.

*

Donnerstag, 260129

Einer unruhigen Nacht folgt ein schwarzgrauer Morgen. Heute ist der Termin beim Knochendoktor, ich gehe nüchtern aus dem Haus. Mütter mit Kindern im Bus heben ein wenig meine Stimmung. Den Befund des MRT habe ich in der Tasche. Sehr viele fremde Worte, ich verstehe so gut wie nichts außer „erheblich“ und „fortgeschritten“. Ein paar Begriffe habe ich in die Suchmaschine geworfen und schnell wieder damit aufgehört. Ich bin kein Arzt.

Wie meist bin ich viel zu früh, der gute Deutsche und so weiter. Das kriege ich auch nicht mehr raus. Anmeldung, Wartezimmer, ich öffne ein Fenster, draußen kämpft sich ein blaugraues Morgenlicht durch die Schwärze, der Tag versucht sich. Ich versinke in den beiden Bildern genau mir gegenüber, suche und finde Parallelen, staune über die raffinierte Verbindung von Ein- und Zweidimensionalem hin zur räumlichen Darstellung im Relief. Die nette Dame von der Rezeption kommt und schließt erst mal wieder das Fenster. Es riecht nach Mensch, obwohl ich ein Teil der wenigen Wartenden bin, stört es mich.

Ich darf vor den Behandlungsräumen Platz nehmen und warten, darf dann in dem Behandlungszimmer Platz nehmen und warten, bis der Arzt kommt, wortwörtlich. Der stellt sich als ein Stellvertreter heraus, egal, Hauptsache vom Fach. Liest den Befund, will keine Bilder sehen, meint, die MRT-Leute erstellen den Befund anhand der Bilder, das reicht. Keine Kleinigkeit, sagt er, ein Triumvirat verschiedener Störungen. Schlägt mir allerhand vor, angefangen bei Spritze über Physiotherapie hin zur seiner Meinung nach sowieso unvermeidlichen OP. Damit ist er schnell bei der Sache, ein Termin steht gleich im Raum, Ort 50 Km weiter, warum auch immer, Narkose, Begleitperson. Muss ich wieder Bitte sagen und jemanden die Zeit stehlen. Warum kein Krankenhaus, ein Nacht und Tschüss. Es gibt Klärungsbedarf, falls.

Langsam, denke ich, und sage, dass eine OP die letzte Wahl sei sollte. Erst mal ne Infiltration, klingt gut, oder? Besser als Spritze. Kommt aufs Gleiche heraus und ist weniger unangenehm als befürchtet. Ausgestattet mit einer Physio-Verordnung, deren Wirksamkeit der Doktor angesichts des Befundes in Zweifel zieht, einem Info-Blatt zur OP, einem neuen Termin in ein paar Tagen und noch ein paar Tage Ruhe vor Metallen aller Art verlasse ich die Praxis.

Sie schneiden gerne Löcher in Menschen, das mag sich rechnen und wahrscheinlich komme ich nicht umhin, wenn nix anderes hilft. Das letzte Berufsjahr ist noch lang, wäre gut, wenn das vor Renteneintritt ausgestanden ist. Desillusion macht sich breit, jünger ausschauen ist eines, ein alternder Körper etwas anderes.

Samstag, 260124

Freude

Gestern vor 30 Jahren isses geschlüpft, das große Kind. Und nun muss es zum feiern überredet werden, scheint es. Irgendwie fragwürdig, mit Blick auf meine eigene Geschichte, und irgendwie gut, mit demselben Blick. 23 jedenfalls, nichts ist, wie es scheint, manchmal zumindest. Schon so eine Art Schicksalszahl, wenn man was mit Numerologie am Hut hat. Seine Mama hat auch an einem 23sten Geburtstag. Und natürlich bin ich nüchtern und naturwissenschaftlich geerdet genug, all dies als puren Zufall abzutun 😉

Flügellahm

Das geht schon länger so. Schultern, Sehnen, alles in einem fragwürdigen Zustand. Die Last der Jahre und so. Wenn ich das Drama da herausnehme, bleibt Verschleiß übrig und Schmerzen, an allen Tagen, bei gewissen Belastungen, an gewissen Stellen. Und so darf ich gerade fernab von Stahl und Maschinen daheim verweilen, ausgestattet mit Überweisungen für Radiologie und Orthopädie.

Mit der Zeit möchte ich gehen und nach Möglichkeit davon profitieren. Also via App zeitnahe Termine gesucht und gefunden. Erst zum MRT, dann zum Knochendoktor, ohne Bilder kann der nix machen.

Und so stehe ich gestern früh um kurz vor 6 (die Maschinen laufen tatsächlich zweischichtig) in freudiger Erwartung vor dem Empfang der Radiologie. Vor mir noch 2 Kaputte, hinter dem Tresen ein abwechselnd fluchender und telefonierender Mann in verzweifelter Auflösung begriffen. Systemabsturz, keine Karte zu lesen. Hat sich was mit freudiger Erwartung. Für so einen Scheiß stehe ich nächtens auf.

Die zwei vor mir kriegen Laufzettel zum ausfüllen, wie in der Steinzeit, mir sichert man ebensolche Untersuchung zu, alle nach mir bekommen neue Termine. Nachdem mir Zugang zu den zu erstellenden Bilddateien gewährleistet wird, bin ich einverstanden und warte. Die beiden sind schon ein Weilchen wieder raus und ich warte immer noch. Nüchtern, müde und mittlerweile arg übellaunig.

Der Kerl vom Tresen ist verschwunden, den gehe ich suchen, mit Rupflust im Blut. Irgendwo finde ich ihn, in vorfeiermorgendlicher Beschäftigung. Wat issn getz, gehe ich den an, um kurz darauf wieder verständnisvoller zu werden. Arme Socke. Wenn meine Workstation nicht hochfährt, warte ich in Ruhe und mache sonstwas, bis ein Admin ausgeschlafen hat. Der hier kann sich mit einer Fußballmannschaft übellaunigen Pack rumkriegen und ich beschließe nach Beratung mit meiner höheren Macht, auf die Ersatzbank zu gehen.

Wir einigen uns auf einen neuen, noch rechtzeitigen Termin andernorts, oldschool, mit Zettel, möge der heilige Murphy gerade anderes zu tun haben.