Der KI-Boom hat etwas bewirkt, das man so nicht zwangsläufig hätte erwarten müssen. Er hat der menschlichen Sprache einen Boom beschert, nachdem diese durch den Boom von Internet und Onlinemedien mehr und mehr Marktanteile an andere Formen der Kommunikation verloren hatte. Diese Einschätzung mag so erst mal verblüffend klingen, und sie ist sicher auch ein bisschen überspitzt formuliert, ich halte sie aber dennoch für weitestgehend korrekt. Sprache ist nicht das einzige Mittel, mit dem Menschen kommunizieren können. Sie ist auch nicht das einzige Mittel, mit dem wir Wissen übermitteln oder konservieren können. Sprache steckt in fast allem, was uns Menschen und wie wir kommunizieren ausmacht, irgendwo drin, dies heißt jedoch nicht, dass Sprache immer auch die Alleinherrscherin ist, wenn es die Wahl der Kommunikationsmittel in bestimmten Situationen geht.
So stand Sprache bei Fragen der Beschreibung der Umgebung eigentlich schon immer in Konkurrenz mit dem Bild. Je einfacher es die Technik machte, diese Bilder zu produzieren, desto mehr wurde die Sprache aus der Beschreibung der Umgebung verdrängt, und desto weniger spielt Sprache auch in unserer alltäglichen Kommunikation eine Rolle, wenn es darum geht, anderen zu erzählen, was wir sehen. Wir brauchen die Fähigkeit, den Stuck an einer Zimmerdecke so genau zu beschreiben, dass jeder sich ein Bild davon machen kann, einfach nicht, mehr, wo wir doch jederzeit unser Handy aus der Tasche holen können, um ein Bild davon per Messenger zu versenden.
Dass Sprache hier zurückgedrängt worden ist, zeigt sich auch beim Fußball, der in den 1950ern noch vorwiegend gehört wurde, und inzwischen nur noch gesehen wird. Wer das Spiel für andere kommentiert, muss nicht mehr mit Sprache beschreiben, wo der Ball langfliegt, sondern kann sich darauf verlassen, dass die meisten, die zuschauen, das selbst sehen können. Dadurch verliert die Kunst, Flugbahnen von Bällen, Körperteilkarambolagen bei Fouls, oder Fußbewegungen beim Dribbling so in Worte zu fassen, dass andere sich davon ein Bild machen können, ihr Gnadenbrot.
Einer der für mich auffälligsten Punkte zeigt sich aber in der Rolle, die Sprache als Vermittlerin von Spezialwissen gespielt hat. Als ich — wie ich in einem früheren Beitrag bereits beschrieben habe (List 2021) — mit etwa 12 Jahren begeistert anfing zu zaubern und wenig später auch zu jonglieren, da musste ich mir die Techniken, mit deren Hilfe man Bälle in der Luft hält und Seidentücher verschwinden lässt, mühsam aus Büchern anlesen. Videos konnte man kaufen, sie waren aber teuer, und wir hatten lange Zeit gar kein Videogerät. Auch gab es einfach wenig Auswahl an visuell aufbereiteter Information, die zeigt, wie man Tücher in Plastikdaumen steckt, ohne dass diese vom Publikum gesehen werden, oder wie man drei Bälle in der einen und zwei in der anderen Hand halten muss, um die Jonglage mit fünf Bällen zu erlernen.
Klar hatten die Zauber- und Jonglierbücher, die ich damals las, zuweilen Bilder, die der Sprache die Präzision verleihen sollten, an der es ihr schon immer gemangelt hat, aber allzuoft war man auf die Beschreibung angewiesen, konnte das Problem ohne aufmerksames, vor allem langsames Lesen – ähnlich dem langsamen Denken, welches Kahneman (2011) dem schnellen Denken gegenüberstellt, gar nicht lösen (vgl. zum vertieften Lesen Wolf and Barzillai 2009).
Wenn man Tricks lernen wollte, sei es beim Jonglieren oder Zaubern, musste man sich daher entweder auf andere verlassen, die einem live vormachen konnte, wie man bestimmte Bewegungen ausführen musste, oder man machte sich an die mühsame Arbeit, Sprache in Bewegung zu übersetzen. Diese umfasste dabei nicht nur die Umsetzung von sprachlichen Beschreibungen in Bewegungen, sondern bediente sich dabei oftmals auch eines Spezialvokabulars, welches in den Büchern eingeführt wurde, um leicht mit Sprache Bewegung modellieren zu können. So spricht man vom Palmieren, wenn man Gegenstände für die Zuschauer unsichtber in der Hand verbirgt, man unterscheidet die Kaskade als Grundmuster der Jonglage von ungeraden Gegenstandszahlen von Säulen als Grundmuster von geraden, oder man forciert die Wahl einer Karte, wenn man Kartentricks ausführt, die ich zwar auch fleißig geübt habe, aber eigentlich immer ermüdend und langweilig fand.
Sprache diente in diesen Fällen nicht nur als Mittel der Kommunikation, sondern in gewisser Weise auch als komplexer Wissensspeicher, welcher grundlegendes Wissen um kulturelle Praktiken – Jonglage und Zauberei – verwahrt. Um auf das Wissen in diesem Speicher zuzugreifen, muss man in der Lage sein, sich dort zurechtzufinden. Man muss Zugriff auf den Kode haben, der selbst auf menschlicher Sprache aufbaut, diese aber zu einer Fachsprache erweitert.
Wenn man auf Jongliermuster mit Hilfe von Videos zurückgreifen kann, braucht man diesen spezifischen Kode nur noch in Teilen. Man kann die Namen für bestimmte Tricks nutzen, um die Videos leichter auffindbar zu machen, oder man kann in den Videos selbst mit Hilfe von gesprochener Sprache kommentieren, was man tut. Wie beim Fußballkommentar im Fernsehen, muss dieser Kommentar aber viel weniger komplex sein, als der Kommentar, der nicht auf bewegten Bildern aufbauen kann.
Die Sprache, mit der Jongliermuster oder Zaubertricks beschrieben werden, kann als speziell bezeichnet werden, da sie kulturelle Praktiken betrifft, die von sehr wenigen Menschen betrieben werden. In anderen Bereichen, wie der Musik oder der bildenden oder darstellenden Kunst, hat sich durch die größere Zahl an Partizipanten die Sprache, die zur Beschreibung verwendet wird, sicher viel klarer formalisieren können.
Aber auch hier gehe ich davon aus, dass die Verfügbarkeit von bewegten Bildern als Erweiterung der Kommunikation auf Dauer einen drastischen Einfluss auf die Sprache haben wird, mit der wir über das sprechen, was wir tun. Genauso wie es viel einfacher ist, eine Landkarte aufzuzeichnen und auf diese zu zeigen, um zu beschreiben, wie man sich in der Welt bewegt, oder wo welcher Ort liegt, so sind bewegte Bilder, die man bei Bedarf noch um Hinweise ergänzt (auch in sprachlicher Form, durch Schrift zum Beispiel), doch einfach viel besser geeignet, Bewegungen detailgetreu zu beschreiben, als unsere menschliche Sprache, egal wie gut man sie beherrschen mag.
Die menschliche Sprache mag faszinierend sein, weil sie eine flexible Kommunikation ermöglicht, die anderen Formen der Kommunikation, die vor allem im Tierreich gebräuchlich sind, weit überlegen ist. Sie hat jedoch wie vielleicht jedes Kommunikationsmittel auch ihre spezifischen Grenze. Sprache als solche, also als dieses spezifisch menschliche, auf Symbolen aufbauende Kommunikationsmittel, ist nicht an sich allen anderen Formen der Kommunikation überlegen. Die Sprache passt sich, als das urmenschliche Kommunikationsmittel, das sie ist, vielmehr an unsere Kommunikationsbedürfnisse an, wird von uns angepasst, erweitert und auch modifiziert, um spezifischen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Ein Beispiel für diese Erweiterung der Sprache durch die menschliche Kommunikation stellen die Zahlensysteme dar, die in vielen Sprachen vorkommen, aber nicht für das Funktionieren einer Sprache entscheidend sind. Wenn eine Sprache ein voll entwickeltes Zahlensystem hat, das den Menschen das Zählen bis 100 oder höher ermöglicht, dann weist dieses Zahlensystem immer auch grundlegende Eigenschaften auf, die für Sprache an sich nicht entscheidend sind. Dazu gehört zum einen eine oftmals sehr strikte Kompositionalität, die es erlaubt, höhere Zahlen durch die Kombination niedrigerer Zahlen auszudrucken. Zum anderen gehört dazu das Prinzip der Distinktivität (vgl. Rubehn et al. 2025). Dieses führt dazu, dass keine zwei unterschiedlichen Zahlen jemals durch die gleiche Wortform ausgedrückt werden. Dieses Prinzip ist wichtig, da es natürlich zu mathematischen Problemen führen könnte, wenn Menschen mit Sprachen verhandeln, in denen das Wort für fünf mit dem Wort für fünfzig identisch ist. In keiner Sprache, die ein vollwertiges Zahlensystem aufweist, gibt es also Ambiguitäten zwischen Zahlenwörtern, obwohl das Prinzip der Ambiguität ansosten einen sehr wichtigen Aspekt von Kommunikationssystemen darstellt, der wichtig für deren Flexibilität ist (Fröhlich et al. 2025). Um Zahlen in exakter Weise in der Kommunikation verwenden zu können, wurden Zahlensysteme also in viele menschliche Sprachen integriert, die Grundeigenschaften der Sprache wurden dadurch jedoch für den spezifischen Bereich der Zahlensysteme modifizert.
Die Großen Sprachmodelle, welche die Spitze der Computeranwendungen zur künstlichen Intelligenz stehen und den Menschen versprechen, praktische alle Probleme lösen zu können, die sich ihnen stellen mögen, basieren primär auf der Idee, dass man mit Sprache jetzt das tun kann, wofür man vorher Spezialwissen brauchte. Wer malen wollte, musste sich mit Anatomie, Pinselstrichen, und Farbkombinationen beschäftigen, wer Musik machen wollte, musste sich mit Noten, Instrumente und Musiktheorie beschäftigen, wer programmieren wollte, musste Programmiersprachen und algorithmische Problemlösung kennen. Das Versprechen der Tech-Industrie, mit dem KI beworben wird, besteht meist darin, dass man all dies nicht mehr können muss, um trotzdem Bilder, Musik, oder Computerprogramme zu erzeugen. Es wird sogar von einer Demokratisierung gesprochen, weil endlich alle Menschen komponieren, malen und programmieren können, während dies vorher nur den privilegierten vorbehalten war, die die Ressourcen hatten, diese Fähigkeiten mit viel Zeitaufwand zu erlernen.
Das Mittel, mit dem wir Kompositionen, Kunstwerke und Computerprogramme jetzt magisch erzeugen können, ist aber wieder genau die begrenzte menschliche Sprache, der es in ihrer Ambiguität und Fehlerhaftigkeit bereits ungemein schwer fällt, exakt zu beschreiben, wie man einen Ball von einer in die andere Hand wirft. Ich frage mich daher inzwischen oft, wie gut diese Idee eigentlich ist, auf die menschliche Sprache als Zugpferd zu setzen, das uns ins Zeitalter der allmächtigen künstlichen Intelligenz katapultieren soll. Wollen wir wirklich mit einer künstlichen Intelligenz zum Mars fliegen, die Schwierigkeiten hat, Flugbahnen eindeutig und mit möglichst geringem Informationsverlust zu beschreiben?
Dass Sprache allein nicht ausreicht, um aus einfachen Geisteswissenschaftlern plötzlich Informatikerinnen oder Informatiker zu machen, dass, entgegen der Ansicht von Scheuer (2026) Deutsch gerade nicht die neue Programmiersprache ist, scheint sich inzwischen immer mehr zu bestätigen. Der Vibe-Coding-Boom, der noch vor Kurzem so energisch befeuert wurde, und suggerierte, dass jetzt jeder mit Hilfe natürlicher Sprache komplexe Programme schreiben kann, hat sich so nicht bestätigt und musste strukturierteren Ansätzen weichen, die informatisches Grundwissen und Problemlösungskompetenz voraussetzen (vgl. Hosbach 2026 zum Spec-Driven Development). Auch in Bezug auf die bildende Kunst scheint sich zu zeigen, dass Profis Laien überlegen sind, wenn es um die textbasierte Bilderstellung geht (Eisenmann et al. 2026). In Bezug auf die Musik wird es wohl ohnehin noch eine Weile dauern, bis Sprachmodelle die Arbeit professioneller Komponisten gefährden.
Es gibt definitiv Szenarien, in denen Große Sprachmodelle digitale Arbeiten erleichtern können. Noch viel wichtiger als der Boom um All-Purpose-Chatbots, die vorgeben, alles zu können, am Ende aber vor allem viel Textgeschwurbel produzieren, sind aber gerade die Methoden und Tools im Bereich der Forschung zur KI, die sich nicht oder nicht ausschließlich auf menschliche Sprache stützen. Die menschliche Sprache ist faszinierend, dem stimme ich als überzeugter und leidenschaftlicher Sprachforscher auf jeden Fall zu. Ihre Fähigkeit wird aber viel zu oft unnötig überhöht. Nur wer seine eigenen Grenzen kennt, kann diese meistern lernen. Wenn wir die künstliche oder unsere eigene Intelligenz verbessern wollen, dann sollten wir uns nicht allein auf unsere menschlichen Sprachen verlassen.
Literatur
Eisenmann, Thomas F., Andres Karjus, Mar Canet Sola, Levin Brinkmann, Bramantyo Ibrahim Supriyatno, and Iyad Rahwan. 2026. “Expertise Elevates AI Usage: Experimental Evidence Comparing Laypeople and Professional Artists.” International Journal of Human–Computer Interaction, 1–22. https://doi.org/10.1080/10447318.2026.2669041.
Fröhlich, Marlen, Gerhard Jäger, and Asya Achimova. 2025. “Rethinking ambiguity across species.” Neuroscience & Biobehavioral Reviews 179: 1–8. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2025.106401.
Hosbach, Wolf. 2026. “OpenSpec: Software von KI mit Spezifikationen entwickeln.” Heise Online, July. https://www.heise.de/-11360349.
Kahneman, Daniel. 2011. Thinking, fast and slow. Doubleday Canada: Toronto.
List, Johann-Mattis. 2021. “Worüber man nicht reden kann…” Von Wörtern Und Bäumen 5 (7). https://doi.org/10.58079/vbqz.
Rubehn, Arne, Christoph Rzymski, Luca Ciucci, Kellen Parker van Dam, Alžběta Kučerová, Katja Bocklage, David Snee, Abishek Stephen, and Johann-Mattis List. 2025. “Annotating and Inferring Compositional Structures in Numeral Systems Across Languages.” In Proceedings of the 7th Workshop on Research in Computational Linguistic Typology and Multilingual NLP (SIGTYP 2025), 29–42. Stroudsberg: Association for Computational Linguistics. https://aclanthology.org/2025.sigtyp-1.4/.
Scheuer, Stephan. 2026. “Warum Deutsch zur neuen Programmiersprache wird.” Handelsblatt. https://www.handelsblatt.com/100226695.html.
Wolf, Maryanne, and Mirit Barzillai. 2009. “The importance of deep reading.” In Challenging the whole child. Reflections on best practices in learning, teaching, and leadership, edited by Marge Scherer, 130–40. Alexandria: ASCD.