• Gelesen: „Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot

    Gisèle Pelicot ist das Opfer zahlloser sexueller Übergriffe, die ihr Ex-Mann Dominique und über fünfzig weitere Männer an ihr verübten, nachdem jener sie immer wieder und wieder betäubt und handlungsunfähig gemacht hatte. Mit Eine Hymne an das Leben erhebt sie als Opfer dieser unsäglichen Schandtaten die Stimme, verweigert sich dabei auch Erwartungen an sie als Opfer und gängigen Klischees, die man haben könnte:

    Die ganze Welt hatte damit gerechnet, mich als Wrack erscheinen zu sehen.

    Das gipfelt im Verlauf der Geschichte in der weitreichenden Entscheidung, den Prozess wider Erwarten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das heulende Wutgeschrei der über fünfzig Mitangeklagten und ihrer Anwälte, als diese Entscheidung im Gerichtssaal verkündet wird, gehört zu den größten Momenten des Buches, noch übertroffen von den Schilderungen der Öffentlichkeit, die dann auch erscheint:

    Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Morgens, mittags und abends standen sie Schlange, um einen Platz in dem Zuschauersaal zu ergattern, der zusätzlich eröffnet worden war [..].

    „… darunter auch einige Männer …“

    Es sind aber eben auch weit überwiegend Frauen, die erscheinen, die ihr schreiben, die jetzt zu ihren Lesungen kommen. Der Piper Verlag schreibt, die Geschichte und ihr Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ hätten enorme Resonanz ausgelöst und zu zahlreichen Diskussionen und Gesetzesänderungen geführt – immerhin.

    Ich halte besagten Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ aber auch für unmissverständlich. Er betrifft mich und meine Geschlechtsgenossen. Männer. Er fordert eine konsequente, nachhaltige Veränderung, die über schlichte Social-Media-Posts im Stile von „Hey Jungs, wir müssen reden …“ oder ein Petitiönchen hinausgeht.

    Denn die Asymmetrie liegt ja auf der Hand: Männer können leicht sagen: „Das betrifft mich nicht, denn so etwas tue ich nicht und werde ich auch nie, und ich kenne auch niemanden, der das tut.“ Das ist bislang auch meine bequeme Ausflucht. Frauen können aber nichts dafür tun, nie Opfer solcher Gewalt zu werden. Gisèle Pelicot wusste bis zur Aufdeckung der Schandtaten nicht, wie ihr über Jahre und hunderte Male geschah. Darum betrifft es sie immer alle und darum muss es uns immer alle betreffen.

    Allein, ich stehe derzeit vor dem Rätsel, wie ich damit beginne – und womit eigentlich.

    Entscheidungen

    Dazu ein Zitat aus dem Absatz, den Gisèle Pelicot jenem Wachmann widmet, der ihren Ex-Mann beim heimlichen Filmen unter die Röcke von Frauen ertappte, die Polizei hinzuzog und so sämtliche Enthüllungen, Ermittlungen und Verurteilungen erst in Gang setzte:

    Dieser Mann hat mich gerettet. Er erzählte mir, er habe damals selbst in Mazan gewohnt und sei für eine Woche untergetaucht, als der Skandal an die Öffentlichkeit drang, er habe Drohungen erhalten in diesem Dorf, in dem auch mehrere meiner Vergewaltiger lebten, zu einem Zeitpunkt, als man sie noch nicht alle identifiziert hatte.

    Ich zitiere diese Stelle auch, weil Gisèle Pelicot an anderer Stelle erwähnt, Dominique hätte bereits zuvor in Kaufhäusern unter Röcke gefilmt, sei jedoch lediglich des Hauses verwiesen worden. Entscheidungen und wie sie fallen oder ausbleiben, lösen gewaltige Dinge aus.

    Weiterlesen

    Aus dem Komplex des Pelicot-Prozesses werde ich mindestens noch Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess von Manon Garcia lesen. Die Rezension von Katharina Teutsch für die FAZ paraphrasiert der Perlentaucher folgendermaßen:

    Wieso sich so viele mit Gisele Pelicot, aber niemand mit dem Täter identifizieren will, fragt Garcia laut Teutsch und legt systematisch die erklärenden Diskursroutinen der Gesellschaft im Umgang mit den Tätern frei und auch die Parallelen zum Eichmann-Prozess. Sichtbar wird der Abgrund einer „normalisierten Frauenverachtung“, zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie Teutsch findet.

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  • Gelesen: „Die Moskau Connection“ von Reinhard Bingener und Markus Wehner

    Wenn man noch Letztrespekt vor der SPD hatte, so wird er einem mit diesem Buch endgültig ausgetrieben. Peinlich, wie Schröder sich von Putin hat einlullen lassen (Kosakenchor, Schlittenfahrt). Unerträglich, wie Schröder, Steinmeier und Gabriel, um nur die wichtigsten zu nennen, die fortwährende Brutalisierung Russlands bis 2022 relativiert haben.

    Merkel wird zumindest ein anderer Stil bei weitgehend gleichem Kurs attestiert, aber in CDU und CSU sah es auch nur geringfügig anders aus. Die SPD hat sich allerdings aufgrund ihres Brandt/Bahr-Mythos besonders in die Irre geführt.

    Wenn man sich dann vorstellt, welche Fehler heute gerade begangen werden, ähnlich wie damals bei Schröder praktisch im Licht der Öffentlichkeit, wird einem durchaus unwohl.

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  • Gelesen: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ von Götz Aly

    Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.

    Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:

    Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.

    Leider wahr.

  • Medúlla

    Am Ersten jeden Monats erwerbe ich ein weiteres Björk-Album – heute Medúlla. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieses Album nie gehört habe, wegen der unterstellten Seltsamkeit. Umso gespannter bin ich.

    Erstaunlich auch, dass ich damit lediglich die erste Hälfte von Björks bisherigem Output abschließe. Alles danach ist definitiv unbekannt:

    JahrAlbum
    1993Debut
    1995Post
    1997Homogenic
    2001Vespertine
    2004Medúlla
    2007Volta
    2011Biophilia
    2015Vulnicura
    2017Utopia
    2022Fossora

    Medúlla erwarb ich natürlich bei Bandcamp.

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  • Gesehen: „Possession“ von Andrzej Żuławski

    So schnell kann das gehen: Buddenbohm erinnerte an das herausragende Angebot Mediathekperlen, ich abonnierte den Feed, ließ mich von Andrzej Żuławskis – „Possession“ (1981) überzeugen, und bin komplett überwältigt. Nicht nur kannte ich diesen Film nicht, ich wüsste nicht einmal, je von ihm gehört zu haben.

    Neben allem anderen begeisterten mich auch die Aufnahmen aus Berlin: die reale Adresse des bei G. Maps so hinterlegten Possession House, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gesundbrunnen (die Balkone!) gedrehten Aufnahmen des moderneren Berlins, die Wohnungen und der Ausblick auf Mauer und Wachen.

  • Stand der Petition und der Verordnung zum Offenbarungsverbot

    Wie schon vor einem Monat befindet sich die Ende letzten Jahres mit großem Eifer und wuchtigen Moralkeulen geteilte Petition 183950 Keine Führung eigener Register zur Erfassung von trans* und nichtbinärer Personen vom 14. Juli 2025 noch in der Prüfung.

    Sie hat aufgrund der 41101 erreichten Online-Mitzeichnungen das „Quorum“ erreicht, ab dem eine öffentliche Behandlung im Petitionsausschuss erfolgen kann (bzw. muss?). Man könnte inzwischen wohl von einem Ausbremsen durch Mitzeichnung sprechen. Persönlich finde ich die Gestaltung der Website des Petitionsausschusses bzw. des Verfahrens an der Stelle grob irreführend. Es wird der Eindruck erweckt, als sei die Mitzeichnung ausschlaggebend für die Erfolgschance einer Petition.

    Das Innenministerium hält derweil an der internen Weitergabe von Deadnames fest, wie in der Antwort auf eine Kleine Anfrage aus der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen bekundet wird. Der Entwurf einer Verordnung zur Umsetzung des Gesetzes über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag im Meldewesen hatte im Herbst nicht den Bundesrat passiert; mutmaßlich erhofft man sich eine günstigere Zusammensetzung der Länderkammer nach den anstehenden Wahlen im Südwesten.

    Die „Ampel“-Koalition hatte weitreichende Ausnahmen vom Offenbarungsverbot im Selbstbestimmungsgesetz vorgesehen, derer sich das CSU-geführte Innenministerium nun bedienen will. Daher ist eine Zustimmung des Petitionsausschusses zu obiger Bitte nicht zu erwarten. Sie könnte als „Material“ an das Innenministerium überstellt werden.

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  • nun lesend

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  • Hyperpolitik – revisited

    Ich hatte bislang nie gut verstanden, was Hyperpolitik im Verständnis Anton Jägers im Unterschied zu herkömmlicher Politik eigentlich genau ist, wo der Unterschied liegt.

    Derzeit besonders schlüssig erscheint mir dieser Unterschied in Abgrenzung zur Massenpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts. Jäger dazu:

    Die Massenpolitik der Zeit Webers war nicht weniger aufgeheizt als unsere hyperpolitische Ära. Sie war aber viel stärker institutionalisiert.

    Politik wird so zur Hyperpolitik, weil wir ihr alleine gegenüberstehen und weil die Instrumente der Vergemeinschaftung, derer wir uns bedienen, bloße Behelfe ohne Wirkung sind:

    Aus den sozialen Medien kommen wir nach politischen Auseinandersetzungen genauso raus wie wir reingegangen sind. Sie mögen wie politische Auseinandersetzung wirken, verändern aber nichts.

    Petitionen sind ihrem verfassungsmäßigen Zweck nach Ausdruck des Rechtes des Einzelnen zur Bitte oder Beschwerde gegenüber dem Staat. Selbst die Mitzeichnung, wie sie Nichtregierungsorganisationen und inzwischen auch der Petitionsausschuss des Bundestags anbieten, vergemeinschaften nicht. Sie mögen wie gemeinsame politische Aktivität wirken, verändern aber nichts.

    Dass alles politisierbar und vieles politisiert ist, ist kein neuer Zustand, sondern regelrechte Funktion des politischen Systems. Zur Hyperpolitik wird dieser Zustand, weil wir ihm weitgehend alleine ausgesetzt sind, da wir nicht eingebettet sind in Strukturen, die sortieren, gewichten, diskutieren, Beschlüsse fassen, vielleicht auch in Form einer gewissen Arbeitsteilung abarbeiten.

    Den Institutionen des zwanzigsten Jahrhunderts bringen wir nicht mehr genügend Vertrauen entgegen, um uns dort einzubetten. Zu lange ist das Partizipations- und Mitwirkungsversprechen der Parteien inzwischen uneingelöst, zu abgehoben ist die politische Elite.

    Es ist nicht länger plausibel darstellbar, warum wir derart viel auf Repräsentation und derart wenig auf Demokratie setzen sollten.


    Titelbild: Diagram from Hinton’s The Fourth Dimension (1904). Charles Howard Hinton, 1904. The Fourth Dimension. Underlying Rights: Public Domain Worldwide. Digital Rights: Unclear

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  • Gelesen: Wege aus der Gewalt von Thomas Wagner

    Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.

    Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:

    Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.

    Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.

    Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.

    Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.

    Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.

    Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.


    Titelbild: “Catfish Extermination”, 1855. Ansei ōjishin-e
    Public Domain Worldwide, No Additional Rights

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