
Foto ©: Constanze
Zum ersten Mal hier und als kleine Abwechslung gedacht: ein kurzer poetischer Prosatext! Viel Freude beim Lesen wünscht Euch Constanze.
~ Frau Blau ~
Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass ich meinen Wagen wieder einmal in Richtung Innenstadt lenkte. An einem dieser Tage, an denen der Verkehr wie ein überhitzter Strom unaufhörlich in den Hauptverkehrsadern pulsiert. Autos dicht an dicht, dirigiert von Zebrastreifen, Ampeln, allerlei Übergängen im ständigen Wechsel zwischen Anhalten und Weiterfahren. Dabei scheint ein unsichtbarer Schrittmacher über allem zu schweben, der dafür sorgt, dass alles in geordneten Bahnen bleibt. Und jeder von uns trägt zumindest eine Ahnung in sich, was geschehen kann, wenn etwas unerwartet neben der Spur läuft. Vielleicht ist es genau diese Art von Achtsamkeit, die dem Leben einen kleinen Gedankensprung dazugesellt, einen Hauch von Zerstreuung, der uns aus dem grauen Einerlei befreit und uns ein wenig vom starren Sitz erhebt. Nur so viel, um einen Blick über den Rand zu werfen, ohne vollends abzudriften.
In genau solch einem Augenblick traf ich auf Frau Blau. Während ich an einem Übergang zum Anhalten gezwungen war und bei dieser Gelegenheit meinen Seitenspiegel neu justierte, machte sich eine größere Gruppe mit finsteren Gesichtern auf, um schnell auf die andere Seite zu gelangen. In einem geringen Abstand zum Pulk setzte sich beinahe unbemerkt auch eine etwas ältere Erscheinung in Bewegung. Die Schritte wurden nacheinander bedächtig auf den bereits abgenutzten Belag gesetzt. Die Art und Weise, wie dieses meditative, leicht schwebende Gehen ausgeführt wurde, fesselte plötzlich meine Aufmerksamkeit. Weg von allem, was da bisher so vor meiner Windschutzscheibe vorübergehastet war. Und obwohl diese Wahrnehmung nur kurz andauerte, brannte sich das Bild in einer zeitlosen Klarheit in meinem Gedächtnis ein, sodass ich es nicht mehr vergessen kann.
Nun wird sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser an dieser Stelle vermutlich fragen, woher ich denn den Namen einer mir rein zufällig begegneten Passantin kenne. Ganz einfach: Diesen Namen habe ich ihr selbst gegeben und er passt zu ihr wie kein anderer, finde ich, denn schließlich ist die Alte von Kopf bis Fuß in blaue Kleidung gehüllt. Das macht sie neben ihrer Gangart zusätzlich so besonders und unverwechselbar. Stets trägt sie Halbschuhe, die kaum auffallen dürften, sieht man mal ab von ihrer tiefblauen Färbung sowie den kleinen Laschen in Flügelform im Bereich der Fersen. Auch die etwas weiter geschnittene, legere Pumphose, die im Wind aufbläht wie ein mit Helium sich füllender Fesselballon, sowie der salopp darüber getragene, wetterfeste Trench wären nicht der Rede wert, würde deren leicht verwaschen wirkende, bläuliche Farbe nicht sofort ins Auge springen. Richtig abgehoben aber wird es erst ums Haupt herum, denn darauf thront eine Fliegermütze mit Seitenklappen in einem himmelblauen Ton. Mit jeder Kopfbewegung lüften sich letztere ein wenig ähnlich den Flügelchen einer Blaumeise und flattern keck im Zusammenspiel mit einem hellblauen Seidentüchlein, das sich locker leicht um ihren Hals schlängelt. Vielleicht sind dies Zeichen einer Profession vergangener Tage. Ich kann sie mir wahrlich sehr gut vorstellen als tollkühne Pilotin von einst, meine Frau Blau. Eine Bruchpilotin war sie mit Sicherheit aber keine, denn als sich unsere Blicke erstmals trafen, strahlten mich ein paar aquamarinartige, klare Augen an, als wollten sie sagen: „Ein Höhenflug kommt niemals laut krachend von oben, sondern auf leisen Sohlen von unten aus der Tiefe.“
Nachdem ich Frau Blau auf diese Weise begegnet war, freute ich mich sehr darüber, ihr gleich bei der zweiten und auch während der dritten Fahrt erneut auf der Spur zu sein. Dann fing ich an, Eintragungen in einem kleinen Notizbuch vorzunehmen, wann und wo ich sie entdeckt hatte, um weitere Zusammentreffenq besser abschätzen zu können. Doch das brachte mich nicht weiter, sondern genau das Gegenteil meiner Bemühungen, denn eine längere Zeit danach wollte sie einfach nicht mehr auftauchen, so sehr ich auch Ausschau nach ihr hielt, ja ihren Auftritt regelrecht zu berechnen schien. Dann kam mir irgendwann der Gedanke, sie könne zwischenzeitlich vielleicht gestorben sein. Schließlich hatte sie alt und etwas verbraucht gewirkt, ja sich bei einer unserer Begegnungen sogar auf eine blaue Krücke gestützt.
Doch just in jenem Moment, als ich wieder aufgehört hatte mit meinen Aufzeichnungen, zeigte mir das Leben sein wandelbares Janusgesicht: Frau Blau kam zurück! Plötzlich sah ich sie während der Fahrt am Wegrand stehen und bevor ich es realisieren konnte, war sie auch schon entrückt und weggeflogen. Im richtigen Moment war ich aber aufmerksam genug, im Spiegel einen Blick zurückzuwerfen. Dabei bemerkte ich, wie sie unvermittelt die Krücke fröhlich zum Gruß erhob und sie ähnlich einem Propeller über ihrem wolkenweißen Haar kreisen ließ, während die beiden Enden ihres durchsichtigen Tüchleins wie zwei fragile Bläulinge lustig umeinanderflatterten.
©Constanze
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