Komm heute noch in den Kameliengarten
und freue dich an diesem üpp’gen Blühn,
so schnell vergehen alle reichen, zarten
Gewächse wie Momente, die verglühn,
doch bleibt beständig dieses Grün im Blatt,
Erinnerung an Leben, wer es hat
als Fünkchen, Keim in seinem eignen Herzen.
In dir klingt immer etwas von der Seele
der goldnen Inselwelt bei Tag und Nacht
und Serenissima in mir erwacht,
wenn ich dich anseh und gespiegelt wähle.
Dann lichtet Nebel sich und leuchtet klar
dein Canaletto-Blick, meerblau bewegend,
malt sich als Bild mit Liebe in die Gegend
des Herzens von Venezia, schön und wahr.
Und deine warme Stimme hör ich gerne,
entflammt die Sonne und bei Nacht die Sterne,
die funkeln über heit’rem Wellengang,
anbrandend an Gestaden mit Gesang.
Vivaldi virtuos schwingt bei dir mit,
mollmelancholisch im Stakkatoschritt
lockst du zum Tanz gleich Gondeln, die sich wiegen,
im Schein des Mondes aneinanderschmiegen …
Noch steckt viel Lethargie in müden Knochen,
im Taumel zwischen Tag und Traum ist mir,
als ob ein Murmeltier hätt sich verkrochen
im letzten Winkel meiner Seele hier.
Zu kalt war dieser Januar, zu dunkel
und ohne Poesie und Sterngefunkel,
obwohl so manche Nacht ward klar erhellt
und strahlend weiß ins Glitzerkleid gestellt.
Nun lass ich allen Schnee von gestern sein,
pflück aus der Eiszeit nur noch reine Blüten,
licht läuten Glöckchen wärm‘re Tage ein,
die ich befeuern möcht, mit Herzblut hüten.
Heut schwebt ein Engel durch den Raum der Stille,
sacht dich erschütternd mit der Flügel Klang,
im Rauschen des Entfaltens, Cherubs Sang
verkündet sich ein göttlich großer Wille.
Du dachtest oft, es gibt ihn nicht im Leben,
weil er dir unsichtbar erschien im Sein,
doch wenn du liebst mit deinem ganzen Geben,
geht er an deiner Seite licht und rein.
Dann zeigt er sich vom Himmel herzgeschenkt,
hebt dich hinauf, hinaus auf seinen Schwingen,
du weißt, das Dasein musst du nicht bezwingen –
es ist ein Öffnen nur, das alles lenkt.
Liebe Leserinnen und Leser, nur noch wenige Tage sind es bis 2026. Wir wünschen Euch frohe Weihnachtstage und einen besinnlichen Jahreswechsel. Alles Gute für ein glückliches neues Jahr!
🌸~ Durch Rilkes Garten ~ 🌸
(inspiriert von Rilkes Gedicht „Der Apfelgarten“)
In Dämmerstunden, wenn wir Nacht erwarten
und Funkenflämmchen still in Herbstes Licht
erhellen spärlich jeden düstren Raum,
schau ich durchs Fenster und ich seh es kaum,
das Grün des Grunds in meinem Apfelgarten
– so ohne Frucht, mit traurigem Gesicht.
Doch dann, in einem einzigen Gedanken
erinnre ich mich deiner Saat im Kern,
verdichtetes Geäst mit frischen Ranken,
und blütenweiß umweht mich‘s ganz von fern;
wurd aufgelesen und gepflanzt ins Herz,
um dann in mir zu schimmern wie ein Erz.
Du warst stets einer, der in Tiefen rührt,
daraus will ich nun Vers und Zweige treiben
mit Knospen voller Hoffnung, Liebe, Licht
und dankbar sein auch bei getrübter Sicht,
mitten im Schneesturm in der Wärme bleiben,
die mich durch dich zu neuem Leben führt …
Novemberstürme ziehen übers Land
und klauben letzte Blätter von den Ästen,
kahl stehn die Zweige mit den dürft‘gen Resten
vom sommergrünen Sein im Blattgewand.
Ein Leichtes wiegt so schwer, wenn es nur fällt
ganz ohne warme Hand, die es noch hält
als Blatt im Flug zur grau verdorrten Masse,
verweht vom Nordwind in der kalten Gasse.
Umhülle mich drum mit dem Kleid der Liebe
und meine Hand leg schützend ich darauf,
im groben Zug der Boreaden Lauf
wirkt Feines groß an Bäumen ohne Triebe.
Eine Begebenheit, erfunden oder wahr,
Wie sie nur in Venedig sich ereignen mag:
In einer Stadt, in der Musik die Häuser, Kirchen, Brücken baut,
Wo Liebe, Sehnsucht, Schönheit, Tod, wo Erblühen und Vergehn
Zur sichtbaren Gestalt, zu einem Bild geworden sind.
Der Spätherbst mit seinen leuchtenden Farben,
Die welken, gelben, bunten Blätter,
Die zahlreichen, die schon fielen,
Und alle, die noch fallen werden,
Ein Hauch Ewigkeit in diesem allgemeinen Sterben,
Schön und traurig zugleich, ist die große Kulisse dazu.
Doch wann es gewesen, weiß ich nicht,
Vielleicht vor hundert Jahren oder mehr?
Erst gestern? Heute? Wird es morgen sein?
Denn über allem liegt ein zarter Dämmerschein.
Gastspiel einer Fremden
Seine Frau war gestorben, viele Jahre her,
Er seither auf keinem Ball, in keiner Oper mehr,
War selbst in seiner Trauer tot und so gut wie begraben,
Was sollte die schale Welt für ihn noch übrighaben?
Catone in Utica, Vivaldis Oper würde gegeben,
Nahm sich der edle Römer nicht selbst das Leben?
Das zog ihn an, er wollte die Aufführung sehn,
Saß am Abend allein in der Loge, berührt vom Geschehn.
Die Arie „Se mai senti“ im zweiten Akt erklang
Und wie die Sängerin diese sang!
Er fühlte die Liebe, die darin lebt,
Die zärtliche Stimme, die zitternd bebt.
Bei jeder Aufführung war er fortan zugegen
Und die wachsende Zuneigung wollt sich nicht legen,
Da schrieb er der Fremden bewegte Zeilen,
Er wolle mit ihr die Erfahrung teilen.
Sie trafen sich und er war hingerissen,
Sie hatte alles, was lang er tät vermissen,
Nach der letzten Vorstellung wollt man sich wiedersehn
Und wer weiß, vielleicht würd sie ihn ganz verstehn.
Die Rolle war umbesetzt, die Sängerin war abgereist,
Ein Brief für ihn mit wenig Worten hinterlegt:
Du liebst nicht mich, nicht mich, und weißt es genau,
Du suchst in mir deine verstorbene Frau!
So war‘s, das wurde ihm schmerzlich bewusst
Und Tränen fielen ihm auf die beklommene Brust,
Zum Himmel sah er auf mit wehem Blick, ganz trübe:
Ja, sie hat recht! Dort will ich hin, zu dir, du Liebe!
Blick aus einem Fenster im Otto-Modersohn-Museum Fischerhude
In diesem Bild möcht gerne ich verweilen,
nur Landschaft, die mir eingezeichnet bleibt,
gestillte Sehnsucht, stille Ewigkeit,
wo Schatten müd dem Dunkeln sanft enteilen
und Sterne funkeln durch der Nächte Tor,
Irrlichter nebulös im Teufelsmoor
gelöst aus dem Morast und allem Wanken –
klar steigt der Mond empor wie die Gedanken…