Weltzeituhren

August 29, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar


Das Teil steht jetzt bei mir auf der Kommode. Der Barnie schleppte es letztens an, aber ich weiß noch nicht, ob ich die Uhr behalte. Es ist eine Kienzle Weltzeituhr, die die Firma von 1956 bis zu ihrer Pleite im Jahre 1996, als sie nach China wanderte, im Programm hatte. Das Modell in dieser Abbildung hatte noch ein mechanisches Uhrwerk; die jetzt bei mir steht, hat ein Quarzwerk der Firma Kienzle. Man kennt den Designer der Uhr, es ist Heinrich Johannes Möller, der von 1932 bis 1970 der Chefdesigner von Kienzle war. Was er an →Großuhrenentwarf, prägte von den dreißiger bis zu den fünfziger Jahren die deutschen Wohnzimmer. Aber mit dieser Uhr wird es ein klein bisschen peinlich. Denn die erste dieser Weltzeituhren, sozusagen die Ur-Uhr, war 1939 ein Einzelstück, das offizielle Staatsgeschenk von Württemberg-Hohenzollern für Adolf Hitler zu seinem fünfzigsten Geburtstag. In dem Jahr beschäftigte Kienzle über 3.500 Mitarbeiter und produzierte fünf Millionen Uhren im Jahr. Der Konkurrent von Kienzle im Billiguhrenbereich, die Gebrüder Thiel in Ruhla, produzierten damals zwei Millionen Uhren im Jahr. Junghans, die immer eine höhere Qualität hatten, hatte schon 1903 mit dreitausend Beschäftigten drei Millionen Uhren produziert. Ihre ersten Armbanduhrwerke hatten sie sich in den zwanziger Jahren allerdings von Thiel zukaufen müssen. Als sie dann selbst eigene Werke herstellten, waren sie meilenweit von den Billigheimern Thiel und Kienzle entfernt.

Die Uhr für Adolf Hitler war natürlich aus Gold und hatte kleine Hakenkreuze an der Schmalseite eingraviert. In der Zeitschrift Innendekoration: mein Heim, mein Stolz: die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort wurde die Uhr beschrieben als: Das Gebilde wird als Ganzes zu einem Symbol desjenigen Geistes, der durch diesen Mann im deutschen Leben herrschend geworden ist: eines Geistes der klardurchdachten, straff rationalen Ordnung und zugleich des praktischen, tathaften Wollens. Schöner kann man es nicht sagen, es ist aber völliger Quatsch. 

Hitler hatte schon fünf Jahre zuvor eine →Weltzeituhr geschenkt bekommen, die kam von den Uhrmacherlehrlingen der Stadt Köln und ihrem Lehrer  Otto Müller. Es war ein kleiner Art Déco Silberklotz mit fünf Zeitzonen, auf den die obige Lobhudelei kaum zutraf. Allerdings muss man anmerken, dass Professor Karl Berthold, der Schöpfer dieses silbernen Unikats, ein hundertprozentiger Nazi war. Im Jahr zuvor hatte er als kommissarischer Direktor der Städelschuleundeutsche und entartete Professoren wie Willi Baumeister und Max Beckmann entlassen. In Limburg gab es 2017 eine Ausstellung für Berthold, die den Namen Karl Borromäus Berthold: Goldschmied für Gott – und den Teufel hatte. Als der Uhrmacher Otto Müller mit seinen Lehrlingen Hitler diese silberne Uhr überreichte, hatte Kienzle gerade die Wanduhr aus dem Programm genommen, die zu jeder halben Stunde den Anfang des Horst Wessel Liedes spielte. So etwas mochten die neuen Herren Deutschlands dann doch nicht hören, dafür hatten sie schon ein Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole

Die Kienzle Uhr befindet sich heute im Deutschen Uhrenmuseum, man hatte sie auf einer Auktion ersteigert. Man ist sich aber nicht sicher, ob diese Uhr wirklich das Geschenk von Württemberg-Hohenzollern gewesen ist, offenbar hat es mehrere Exemplare der Uhr gegeben. Das Deutsche Uhrenmuseum widmet der Uhr in seinem→Blog eine ganze Seite, in dem das Design der Uhr mit dem Kunstwollen der Nazis in Verbindung gebracht wird. Das ist kunsthistorisch leider ein wenig schwammig. So, wie die Uhr gerade steht, ist in Berlin gerade Mitternacht. War das beim Aufstellen der Uhr symbolisch so gewollt? 1956 dachte sich die Firmenleítung von Kienzle, das man jetzt die Sache mit dem Hitler Uhr vergessen hätte und brachte die Uhr kaum verändert wieder auf den Markt. Ohne Gold und ohne Hakenkreuze. Es gab von der Uhr eine Vielzahl von Modellen. Sie können alles (aber wirklich alles) dazu auf dieser schönen →Seite lesen. 

Seit den 1930er Jahren hat es auch schon Armbanduhren gegeben, auf denen man die Uhrzeit in einem anderen Land ablesen konnte, und die gibt es natürlich heute immer noch. Es gibt Weltzeituhren auch in ganz groß. In Berlin wurde 1969 eine Weltzeituhr namens Urania am Alexanderplatz aufgestellt. Sie wurde ein beliebter ostberliner Treffpunkt, man traf sich eben unter der Weltzeituhr am Alex. So wie man sich in Hannover unterm Schwanz des Pferdes von Ernst August trifft. 

Im letzten Jahr wurde die Weltzeituhr von sogenannten →Klimaaktivisten roter Farbe besprüht. Erich John, der Designer der Urania Weltzeituhr sagte: Das tut der Kultur weh. Es trägt auf keinen Fall zur Beförderung des Umweltgedankens bei. Es wirkt entgegengesetzt! Denn genau diese Schmierereien haben wir ja in der ganzen Stadt. Und das ist ja schon schlimm genug. Wollten die Aktivisten die Zeit zerstören? Das hatte schon der besoffene Lord Rochester mit seinen Kumpanen versucht, als er 1675 die Sonnenuhr von Charles II zerschlug: My Lord Rochester in a frolick after a rant did yesterday beat doune the dyill which stood in the midle of the Privie Garding, which was esteemed the rarest in Europe. I doe not know if it is by the fall beet in peeces. Das war damals die teuerste Sonnenuhr Europas gewesen. Die genaue Zeit zu haben, war früher eine Sache der Könige und Fürsten gewesen. Karl V träumte davon, dass ihm sein Uhrmacher Giovanni Juanelo Turriano zwei Uhren baute, die synchron gingen. Friedrich III von Schleswig-Holstein beschäftigte den berühmten Nikolaus Radeloff, und George III wird seine Uhrmacher sehr gut bezahlen. 

Die Weltkarte der Kienzle Weltzeituhr ist durchzogen von vertikalen Linien, die unten auf der zweifarbigen Zeitscheibe enden. Weiß steht für den Tag, schwarz für die Nacht. Man sucht sich einen Ort der Welt auf der Landkarte, von dem man wissen will, wie spät es da ist, geht auf der vertikalen Linie nach unten und hat die Uhrzeit. Vorausgesetzt, man hat zuvor die Zeitscheibe erst einmal richtig eingestellt. Was mir mithilfe der →Bedienungsanleitung nach etlichen Minuten gelungen ist. Jetzt weiß ich immer, wie spät es bei dem Yogi in den USA ist. Mein Computer würde mir das allerdings auch sagen.

Die Weltzeituhr bei mir auf der Kommode wird von einem Quarzwerk angetrieben, ich wusste nicht, dass Kienzle selbst Quarzwerke hergestellt hat. Ich dachte die kämen von Seiko. Die haben ja schließlich das Quarzwerk für Armbanduhren erfunden. Und sie hatten ja auch mal eine Kooperation mit Kienzle vereinbart. Weil sie auf den deutschen Markt kommen wollten. Das hat nicht lange gehalten, aber es hat einmal Kienzle Uhren mit diesem Seiko Werk (Kaliber 6220) gegeben. Das ist das beste Werk, das jemals in einer Kienzle war. Es ist in einer noch besseren Qualität in meiner Seiko Skyliner drin. Über die Kienzle Armbanduhrwerke, meistens Stiftankerwerke, häufig ohne Steine, wollen wir lieber nicht reden. Google beantwortet im Internet die selbst gestellte Frage Ist Kienzle eine gute Marke? mit dem Satz: Ausgesprochene Qualität, beste Materialwahl und eine überzeugende Zuverlässigkeit lassen die Uhrenmodelle von Kienzle für ewig leben. Davon ist allerdings kein Wort wahr.

Es stellt sich auch die Frage, wem die Firma Kienzle überhaupt gehört. Am Anfang, als sich Jakob Kienzle hier mit seiner Familie präsentierte, war das alles klar, aber seit den 1960er Jahren war Kienzle kein Familienunternehmen mehr. Großaktionäre wie Oerlikon-Bührle und Alfred Kreidler hatten sich eingekauft. Der Name Kreidler sagt mir etwas, weil ich mal eine Woche lang ein Kreidler Florett besaß. 1966 war die Firma Kienzle ganz im Besitz von Alfred Kreidler, der alle Anteile von Oerlikon-Bührle übernommen hatte. Es folgen schwierige Zeiten für die Firma, die sich seit 1963 ihre Werke für Armbanduhren in Japan und der Schweiz kaufte. Was besser für die Uhren war, denn Stiftankerwerke ohne Steine konnte man 1963 schlecht verkaufen.

Man kann die Stationen des Niedergangs der Firma auf dieser hervorragenden →Seitenachlesen. 1975 verkaufte die Firma Kienzle das →Hellmut Kienzle Uhrenmuseum für acht Millionen Mark an das Land Baden-Württemberg. Leider hört die Geschichte des Niedergangs der Firma auf der Seite der →Sozialgeschichte der Uhrenindustrie in den 1980er Jahren auf. Vom Verkauf an die Chinesen, der Rückkehr nach Hamburg, den zahlreichen Insolvenzen steht da leider nichts. Auf der Seite von Kienzle 1822 ist von einer neuen Eigentümerfamilie die Rede, es wird aber nicht gesagt, ob der Schweizer Thomas Morf das ist. Auch nicht, wo die Kienzle Uhren, die jetzt auf dem Markt sind, überhaupt herkommen.

Kienzle hatte 1973 mit der Serienproduktion eines Quarz Großuhrwerkes (Kaliber 713) begonnen, das Werk war für Tisch- und Küchenuhren konzipiert Und auch für die Weltzeituhr, Kienzle Quartz Germany steht hinten drauf. Laut der →Firmenseite setze sich Kienzledamit technologisch an die Spitze der ‚Quarz-Großuhrenwerke-Hersteller‘. Aber da bin ich nicht so sicher, ob das stimmt. Der technologische Fortschritt kommt nicht aus Schwenningen, sondern aus Japan. Wo Seiko in den siebziger Jahren (gleichzeitig mit Kienzles ersten Quarzwerken für Armbanduhren) neue High-Tech Quarzuhren auf den Markt bringt, die Type II heißen. Das war der Nachfolger der ersten QT, QR und QZ Werke. Die Typ II Uhren waren teurer als die meisten Seiko Automatikuhren, aber sie sind auch genauer. Die Abweichung von der genauen Zeit beträgt fünfzehn Sekunden im Monat. 

Diese Abweichung wird mit den nachfolgenden Twin Quartz Modellen (Bild) noch viel kleiner, sie liegt dann nach Seiko Angaben bei 5 bis 15 Sekunden im Jahr. Man muss allerdings bedenken, dass eine →Seiko Superior damals soviel kostete wie ein japanischer Mittelklassewagen. Das elegante Teil im oberen Absatz, das das aufwendige Zifferblatt einer Superior hat, ist meine Seiko Quarzuhr vom Typ II (Kaliber 0903-8110 mit 5 jewels). Ein JDM Modell (Japanese Domestic Market) von der Suwa Seikosha aus dem Jahre 1976. Mit dieser Uhr ist bei mir für Quarzuhren erst einmal Schluss. Da, wo Seiko Ende der siebziger Jahre war, sind heute viele. Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit. Das ETA Precidrive in meiner Certina DS Action Diver geht angeblich nur zehn Sekunden im Jahr falsch, die Citizen CTQ57-0953 Chronomaster soll bei einer Abweichung ±5 Sekunden liegen. Das schafft das Kaliber 9F der Grand Seiko wahrscheinlich auch.

Ich glaube, ich werde dem Barnie die Weltzeituhr, die bei jetzt erstmal nur Gast ist, doch abkaufen. Es ist ein kurioses Stück deutscher Uhrengeschichte. Der Barnie wird mir nicht so viel dafür abnehmen. Obgleich Sammler für die erste Generation der Uhren, die noch ein mechanisches Werk haben, erstaunliche Preise bezahlen. Das kann schon mal vierstellig sein, es kommt natürlich auch auf den Zustand der Uhr und des Werkes an. So teuer wie diese Uhr hier wird meine erste und einzige Kienzle nicht werden. Dies ist das Modell →Universalzeit von Moritz Grossmann, es kostet 50.000 Euro. Dafür kriegt man auch schon ein Round the World Ticket.

Bei der Hitler Uhr aus dem Jahre 1939, die das deutsche Uhrenmuseum bei Etsy ersteigert hatte, ist leider das Werk kaputt. Hat auch keine tausend Jahre gehalten. Die trösten sich jetzt damit, dass die Uhr immerhin zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt. Allerdings nicht zweimal die richtige Weltzeit, weil sich die Zeitscheibe ja nicht dreht. Ich würde gerne wissen, was sie für die Uhr bezahlt haben. Wenn man eine Weltzeituhr am Arm tragen will, dann bietet sich neben der etwas bizarren Moritz Grossmann diese völlig unübersichtliche Patek Philippe doch geradezu an. Kostet allerdings schon beinahe sechsstellig. Die Meister Anker Solar Funk Weltzeit Armbanduhr kostet bei ebay nur dreißig Euro. Aber braucht man so etwas wirklich?

und jetzt nix mehr

August 17, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Freund Peter schenkte mir vor vielen Jahren ein Buch über das Sammeln. Das Buch enthielt ein Kapitel über die Gefahren des Sammelns, die Gefahren kennt jeder Sammler. Auch der Sammler, der Überraschungseier sammelt. Ich sammle keine Bücher, ich habe nur ganz viele. Büchersammler sammeln nach Erstausgaben, Büchern mit einer Signatur des Autors, streng limitierten Auflagen und solchen Dingen. Ich besitze wenig Bücher mit Widmung. Nein, das mit den Büchern ist kein Sammeln, es sammelt sich nur an. 

Das mit den Uhren ist vielleicht schon ein Sammeln. Ich will aber auch immer damit aufhören. Ich habe im letzten Jahr ein halbes Dutzend Uhren an Freunde (und Freundinnen) verschenkt und vier Uhren verkauft. Ich kann mich von den Dingen trennen. Und was die Uhren betrifft, habe ich auch alles, was ich haben wollte. Bis auf diese eine Uhr, die ich nie bekam. Ich wusste auch nicht, ob ich die wirklich haben wollte, weil sie eigentlich potthäßlich war. Es war eine Uhr der Firma Zenith. Zu der Firma habe ich hier vor zehn Jahren schon einiges in dem Post Precision Class geschrieben. 

Meine Zenith Taschenuhr habe ich auch schon erwähnt, und meine Zenith Defy mit dem Gay Frères Band war schon 2010 in dem Post Flohmarkt abgebildet. Meine Zenith AF/P ist bisher noch nicht erwähnt worden, deshalb mache ich das heute mal eben. Das Bild hier oben zeigt die Villa, die der Besitzer der Uhrenfabrik Zenith sich von dem jungen Charles-Édouard Jeanneret aus der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds hat bauen lassen. Der Architekt schreibt im Januar 1920 seinen Eltern, dass er mit dreiundzwanzig Jahren schon die Akropolis gesehen und die Villa Georges Favre gebaut habe. Der junge Mann wird seinen Namen ändern, wir kennen ihn als Le Corbusier.

Angefangen hatte Georges Favre-Jacot mit seiner Fabrique des Billodes mit relativ einfachen Uhren, die Billodes hießen. Ein großer Teil dieser Uhren war für das osmanische Reich bestimmt. Das kann man an den reich verzierten Zifferblättern und den türkischen Ziffern erkennen. Häufig tragen diese Uhren auch den Namen K. Serkisoff & Co Constantinople, das war ein russischer Händler in Konstantinopel, der offenbar der Generalimporteur war. Ich besitze eine silberne Taschenuhr, deren Werk diesem Werk hier sehr ähnlich ist. Sie hat mich auf dem Flohmarkt mal vierzig Mark gekostet, ich habe sie gekauft, weil der Aufbau des Werkes sehr originell ist. Und weil ich wusste, dass es eine frühe Zenith war. Die Uhr läuft nach hundertdreißig Jahren übrigens immer noch.

Das osmanische Reich und Russland sind zum Ende des 19. Jahrhunderts Großabnehmer für Schweizer Uhren. Die Firma von Georges Favre-Jacot produziert um 1900 schon hunderttausend Uhren im Jahr und nennt sich ab 1911 Fabrique des Montres Zenith. Den Namen soll Favre-Jacot folgendermaßen gefunden haben: Eines Abends vollendete Firmengründer Georges Favre-Jacot ein Uhrwerk, das ihm besser zu sein schien als alle bisherigen. Als er kurz darauf in die sternenklare Nacht hinaus trat und seinen Blick zum Himmel richtete, erschien ihm die Himmelsmechanik wie das Spiel der Räder und Zapfen eines Uhrwerks und er beschloss, sein neues Uhrwerk und auch seine Manufaktur nach dem höchsten Punkt des Universums zu benennen: Zenith. Das sind diese Geschichten, für die der Italiener den Satz se non è vero, è ben trovato bereithält. Dieses Zenith Werk mit Breguetspirale und Kurvenscheiben Feinregulierung ist Lichtjahre von dem einfachen Billodes Werk entfernt. Zenith wird das Werk jahrzehntelang bauen. Mahatma Gandhi wird eine Zenith Taschenuhr besitzen, sie war eins seiner wenigen Besitztümer. In den sechziger Jahren, als kaum noch eine Schweizer Firma Taschenuhren herstellt, bringt Zenith noch eine Taschenuhr mit dem Chronometerwerk 5011K auf den Markt.

Ein Jahr bevor Georges Favre dem jungen Le Corbusier den Auftrag für den Bau seiner Villa gibt, hatte er Konkurs anmelden müssen. Die Firma wird von seinem Neffen (und Schwiegersohn) Jämes Favre übernommen, der den Firmengründer sofort hinauswirft. In den nächsten Jahrzehnten wird es bei Zenith in Le Locle zahlreiche Besitzerwechsel geben. Aber es gibt ein beruhigendes Element in der Firma, und das ist Charles-Albert Ziegler. Der war 1912 als Lehrling in die Firma eingetreten und wurde 1942 Technischer Direktor. Das wird er auch unter den neuen Besitzern bleiben. Ziegler hatte den Uhrmacher Ephrem Jobin beauftragt, ein 30 mm großes Uhrwerk zu konstruieren, mit dem man an den jährlichén Präzisionswettbewerben teilnehmen konnte. Was Jobin liefert, ist das Kaliber 135, das schon in dem Post Precision Class vorgstellt worden ist. Es gibt hier einen sehr informativen Artikel dazu. Jobin konstruiert für Zenith auch die erste Automatikuhr mit dem Kaliber 133, eine Hammerautomatik. Dazu würde der Engländer nothing to write home about sagen, aber es ist ein Anfang. Zenith wird auch sehr gute Automatikwerke bauen.

Bei den Wettbewerben in Neuchâtel werden Zenith Chronometer für die nächsten Jahre immer auf den ersten Plätzen sein. Rolex kommt niemals auf die vorderen Plätze, Hans Wilsdorf ist beleidigt und steigt aus den Wettbewerben aus. Von dem Kaliber 135 sind vielleicht elftausend Stück gebaut worden. In den sechziger Jahren brachte Zenith eine Zenith 2000 auf den Markt, in der das Kaliber 135 ohne Chronometerzertifikat tickte. Danach hat Zenith alle Unterlagen an die Russen verkauft, die das Werk mit kleinen Änderungen als Wostok Precision und Wolna weitergebaut haben. Es war nicht die Qualität von Zenith, aber es waren die einzigen jemals in Russland gebauten Chronometer.

Auch wenn Zenith das Kaliber 135 nicht weiterbaute, erreichten ihre Handaufzugswerke (hier das Kaliber 126) leicht die Chronometernorm. Eine Variante dieses Werks hier wurde als Kaliber 40T auch als Chronometer angeboten. Ich habe das Kaliber 40 (ohne Chronometerprüfung) in einer Zenith Sporto, die mich mal hundert Mark gekostet hat. Als ich den Boden abnahm, staunte ich nicht schlecht. Über dem Werk war noch ein durchsichtiger Plastikboden. Verschraubt. Da konnte man sicher sein, dass kein Staubkorn das Werk erreichte. Die sechziger Jahre Werke haben alle eine Glucydurunruhe, ein bewegliches Spiralklötzchen und diesen doppelten Rückerzeiger, mit dem man angeblich die Feinregulierung noch genauer vornehmen konnte. 

Nicht in allen Zenith Uhren der späten sechziger Jahre ist ein Zenith Werk. In manchen ist auch ein Movado Werk (oder umgekehrt), da die beiden Firmen in finanzieller Verzweiflung 1968 eine Kooperation eingegangen waren. In meiner Zenith AF/P (was für alta frequenza precisione steht) tickt mit 36.000 Halbschwingungen ein Movado Kaliber 408 mit einer Triovis Feinregulierung. Es ist eine elegante flache Uhr, wahrscheinlich hatte sie diesen italienischen Namen, weil ein großer Teils der Zenith Produktion nach Italien ging. Wo sie häufig als Zenith Stellinaangeboten werden. Die Marke Stellina hat es nie gegeben, gemeint damit ist nur das Firmensymbol, der Zenithstern.

Mit den Schnellschwingern komme ich zu dem berühmtesten Schnellschwinger Uhrwerk von Zenith, dessen wechselvolle Geschichte aus einem Kriminalroman stammen könnte. 1969 brachte Zenith nach jahrelanger Arbeit mithilfe der Martel Watchin Ponts-de-Martel einen Chronographen mit automatischem Aufzug auf den Markt, der den Namen El Primero bekam. Wenn sie das anklicken, kommen Sie auf eine schöne Seite und können alles dazu lesen. Ob Zenith wirklich die erste Firma war, die so etwas auf dem Markt hatte, ist umstritten, denn gleichzeitig kam Seiko mit dem Kaliber 6138/ 6139 heraus. Es war allerdings eine schlechte Zeit für Uhren mit Komplikationen, das merkte man auch in Grenchen mit dem Werk AS 5008. Denn aus Japan kamen jetzt Quarzuhren, die alles waren: Chronograph, Chronometer, Stoppuhr, Wecker und was Sie wollen.

Bei der Firma Zenith beschloss der damalige Besitzer, die amerikanische Zenith Radio Company, nur noch Quarzuhren zu bauen. Charles Vermot (hier im Bild) bekam 1975 den Auftrag, die Fabrik in Ponts-de-Martel zu schließen und alle Rohwerke, Werkzeuge und Konstruktionsunterlagen zu vernichten. Das tat Charles Vermot sehr weh. Er schloss das Werk in Ponts-de-Martel, aber er nahm alles mit, was man für die Konstruktion eines El Primero Werks brauchte, und versteckte es auf dem Dachboden. Jahre später erzählte Vermot den neuen Besitzern der Firma, dass man das El Primero ohne Schwierigkeiten weiterbauen könne. Die Firmenleitung schenkte ihm eine Zenith El Primero und spendierte ihm und seiner Gattin ein Abendessen. Sie hätten ihm eine Million Fränkli geben sollen, denn das Uhrwerk wurde wenig später der größte Verkaufserfolg der Firma. Ab 1988 bestellte Rolex für die nächsten dreizehn Jahre hundertausende von Zenith Werken für ihr Modell Rolex Cosmograph Daytona. Rolex Sammler zahlen heute mindestens 20.000 Euro für diese Uhr, die Zenith Rainbow mit demselben Werk bekommt man schon für ein Fünftel dieses Preises.

1969 brachte Zenith eine Uhr auf den Markt, die in dieser französischen Anzeige als un coffre fort bezeichnet wird. Ein coffre fort ist ein Tresor, ein Safe, etwas, das man nicht aufbrechen kann. Und das sollte diese dreihundert Meter wasserdichte Uhr auch sein. Das Glas ist nicht mit einem Sprengring in das Gehäuse gesetzt, es ist gegen das Gehäuse verschraubt. Das Werk ist durch einen Gummiring vom Gehäuse abgefedert, ähnlich wie Certina das mit seinen DS Modellen gemacht hatte. Das Edelstahlband der Uhr kam von der Firma Gay Frères. Bis in die achtziger Jahre gab es, dem Zeitgeschmack folgend, verschiedene Modelle der Uhr, die alle den Namen Defy hatten. Den Namen Defi (französisch für Herausferung) hatte sich Favre-Jacot  schon im 19. Jahrhudert eintragen lassen, nun kam die Uhr mit dem englischen defy, was trotzen, widerstehen hetßt. Ein Modell habe ich seit zwanzig Jahren, es war auf dem Flohmarkt ein Risikokauf, weil das Glas kaputt war. Aber wem immer die Firma Zenith damals gehörte, sie lieferte meinem Uhrmacher noch das passende Originalglas und alle originalen Dichtungen. Ich mag die Uhr sehr, aber auf meiner geheimen Wunschliste der Uhren, die ich niemals bekommen würde, stand irgendwie doch das häßliche erste Modell von 1969.

Das war das Modell 3642, von dem es, wenn man Manfred Rösslers Zenith Buch glauben darf, nur zwanzigtausend Stück gibt. Die Uhr ist achteckig, das war damals neu. Ein paar Jahre später gab es viele achteckige Uhren. Weil der Designer Gérald Genta für alle Luxusfirmen achteckige Uhren entwarf. Die werden heute von den Werbefuzzis als legendär bezeichnet, in der Welt der Werbung geht so etwas schnell. Heute wirbt die Firma mit Sätzen wie: Zenith vereint die Schönheit zeitgenössischer Designs mit dem Savoir-faire und der Tradition der Schweizer Uhrmacherkunst und erschafft ein Universum ikonischer Zeitmesser. Sie werden mit höchster Präzision gefertigt, um dem Lebensstil und den Ambitionen moderner Träger gerecht zu werden.Ich habe mit meinem Lebensstil und meinen Ambitionen letztens eine 3642 bei kleinanzeigen gefunden. Sie hatte keinen Preis, der war Verhandlungssache. Es war die Uhr des Vaters des Verkäufers gewesen, und der wünschte sich, dass sie in gute Hände kam. Nachdem er ein wenig von meinem Uhrenblog Tickendes Teufelsherz gelesen hatte, wusste er, dass die Uhr bei mir in guten Händen sein würde. Wir wurden uns schnell einig, und der Preis war nicht mal vierstellig. Dafür sieht meine aber auch nicht ganz so neu aus wie dieses Modell hier. Aber das macht überhaupt nichts, eine Uhr darf auch ihr Alter zeigen. Der Barni hat sie sanft poliert, und der Uhrmacher Petersen hat ihr ein neues Glass verpasst. Jetzt ist sie perfekt. Und jetzt wird nix mehr gekauft, keine Uhren mehr. Schreiben werde ich aber noch über Uhren. Weil Sie das so gerne lesen.

Da dies nun beinahe eine Firmengeschichte von Zenith geworden ist, muss ich zum Schluss noch meine liebste Zenith zeigen, es ist eine Zenith Pilot aus den vierziger Jahren. Den Namen Pilot hatte sich Georges Favre-Jacot  schon im 19. Jahrhundert als Markennamen eintragen lassen. Die Uhr ist klitzeklein, nur 30 mm groß. Der Schraubboden enthält einen halben Roman. Unter dem Schraubboden ist noch ein Weicheisendeckel gegen Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch zu Recht non-magnetic auf den Boden schreiben. Heute kann man auch noch Uhren mit dem Modellnamen Zenith Pilot kaufen, aber die sind riesig groß. Die Defy 3642 ist vor Jahren in einer limitierten Auflage von 250 Stück neu wieder aufgelegt worden. Aber von der neuen Firma Zenith, die jetzt Louis Vuitton gehört und von diesem Herrn Jean-Claude Biver geleitet wird, interessiert mich gar nichts. Es sind große häßliche Uhren, die furchtbar teuer sind. Angeblich will der asiatische Markt das so haben. Ich würde die nicht mal für geschenkt nehmen.

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