Alpina

Juli 28, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar

Alpina sind Wandfarben, die alpinaweiß sind, es sind aber auch Automobile von BMW. Oder Fahrradhelme und Rasenmäher. Die Firma Alpina, über die ich heute schreibe, ist ein wenig untergegangen. Aber sie war einmal das Einzige, das man mit dem Namen Alpina verband. Auf meinem Schreibtisch steht eine silberne Taschenuhr, gehalten von einem kleinem Plastikständer. Ich ziehe die Uhr morgens auf, wenn ich mich an meinen Computer setze. Auf dem Zifferblatt steht Union Horlogère, ein Firmenname, den man in der Schweiz verwendete, bis man zu dem neuen Namen Alpina überging. Neben der Taschenuhr steht noch eine Funkuhr, die ist ein wenig genauer als die Union Horlogère, die in Wirklichkeit eine Zenith Taschenuhr ist. Die Schwanenhals Feinregulierung ist am Ende der Skala angekommen, die Uhr geht ein wenig nach. Eigentlich müsste sie mal zum Uhrmacher, aber die Unruhe schwingt noch derart fröhlich, dass ich die Uhr lasse, wie sie ist.

Als ich am 1. April 1883 in Winterthur geboren wurde, gründete mein Vater mit einigen Uhrmacherkollegen, darunter der damalige Uhrmacher und Redaktor Christian Graf-Link von der ‚Schweizerischen Uhrmacherzeitung‘, in der ‚Kronenhalle‘ in Zürich die ‚Schweizerische Uhrmacher Korporation‘. Später wurde diese unter dem Namen ‚Alpina Union Horlogère AG zur ältesten und größten Uhrenverkaufsorganisation dieser Art. Das schreibt der Sohn von Gottlieb Hauser, dem Gründer der Union Horlogère. Das ist eine Genossenschaft von Herstellern von Uhrwerken, Gehäusen und Zifferblättern gewesen, die gute und preiswerte Uhren herstellen wollte. Sie können hier eine Liste der Mitglieder einsehen. Firmen, die hier schon einen Post haben wie Certina und Moeris, waren auch dabei. 

Ein einziger deutscher Uhrenhersteller war auch in der Union Horlogère, nämlich J. Assmann aus Glashütte, dessen Uhren qualitativ ebenso gut waren wie die von Lange & Söhne. Assmann brauchte eigentlich nichts aus der Schweiz, er war nur in der Union Horlogère, damit er seine Uhren in der Schweiz verkaufen konnte. Als Assmann 1904 aus der Alpina ausstieg, gründete die Alpina in Glashütte eine eigene Firma, die Taschenuhren mit Schweizer Werken herstellte. Sie wurde sofort von Lange & Söhne verklagt, allerdings war der Prozess bis zum Kriegsanfang noch nicht entschieden. Und nach dem Krieg war die Alpina Glashütte pleite. Wenn es auch keine echten Glashütter Uhren sind, dank ihrer Qualität erzielen die Alpina Glashütte Uhren bei Auktionen immer noch sehr gute Prieise. 

1909 konnte die Union Horlogère ihre Marke Alpinamit den Herstellungsorten  Biel – Genf – Glashütte i. Sabewerben und fügte hinzu: in jeder Qualität von der einfachsten Stahluhr bis zum feinsten Gold-Chronometer. Alpina-Uhren sind mit allen technischen Verbesserungen ausgerüstet und bieten so in jeder Qualität etwas Hervorragendes. Die Union Horlogère ist in jeder Stadt durch ein renommiertes Uhrengeschäft vertreten. Man bot auch Schüler-Uhren für Knaben und Mädchen an, die seien von hohem erzieherischen Wert, Kinder an Pünktlichkeit und Zeiteinteilung zu gewöhnen.

Der wichtigste Lieferant der Union Horlogère für die →Uhrwerke der Taschenuhren war Jacob Straub in Biel. Er war auch der erste, der den Namen Alpina für ein Uhrwerk verwendete und den Namen auf das Zifferblatt einer Uhr schrieb. Auf dem Dach seiner Fabrik können wir hier auch den Namen Alpina sehen. 1904 wurde der Wortname Alpina ins Namensregister eingetragen. Der Name Alpina wurde dann für die hochwertigen Uhren der Union Horlogère verwendet, die Uhren von einfacher und mittlerer Qualität bekamen die Namen A (1926), Festa(1928) oder Novice. In den 1920er Jahren kamen noch Hermann Aegler und Marc Favre als Lieferanten für Armbanduhrwerke zu der Gruppe hinzu. Das war für die Genossenschaft wichtig, denn J. Straub stellte bislang nur Werke für Taschenuhren her. 

Hermann Aegler belieferte die amerikanische Firma Gruen, die von 1929 bis 1935 auch Mitglied der Union war. Die beiden Brüder Frederick und George Gruen (die auch schon einmal in Glashütte eine Fabrik gehabt hatten) saßen auch im Verwaltungsrat der Union Horlogère. Die Firma Gruen konnte von dem Vertriebsnetz von 1.575 Einzelhändlern und sechs Ländervertretungen in Europa profitieren, das die Alpina aufgebaut hatte. Der zweite Kunde von Aegler war die 1913 von London nach Biel gezogene Firma Rolex. Aus der Zeit der Zugehörigkeit von Gruen zur Union stammt auch diese Alpina Gruen mit einem Aegler Werk, das später auch in den Rolex Prince Uhren war. Wenn Alpina draufsteht, kostet es einen Sammler mindestens sechstausend Euro, wenn Rolex draufsteht das Doppelte. Das sollte einem der Name Rolex schon wert sein.

Marc Favre, der Urgoßvater der Schweizer Malerin Valérie Favre, wurde mit seiner Fabrik in Biel zu einem der wichtigsten  Schweizer Hersteller. Dessen wahre Größe lange →→unbekannt blieb. Er belieferte auch viele Firmen außerhalb der Alpina, die sich Manufakturen nannten und geheimhielten, dass sie keine eigenen Werke bauten. Favre war der Überzeugung, dass die Zukunft der Armbanduhr gehörte. Was er lieferte, waren erstklassige Werke. Sogar die vornehme Firma Universal Genève bezog Werke von ihm; und in manchen Omega Uhren tickt etwas, was bei Favre entwickelt wurde. 

Eines seiner bekanntesten Werke ist das Alpina Kaliber 595, das manchmal auch den Namen Siegerin trägt. Das Werk war auch in der →Alpina Tresor, die schon in einem Post vorkommt. Im obigen Absatz ist das Werk in einer Uhr für die deutsche Kriegsmarine, da steht KM auf dem Zifferblatt. Ich habe noch zwei kleine Alpina Marineuhren mit dem KM auf dem Zifferblatt, eine hat sogar noch dieses scheußliche graue Originalband. Vor dreißig Jahre wollte die niemand haben, heute zahlen Sammler viel Geld dafür. Das ist bei allen Militäruhrendas Gleiche. Die Uhren haben keine Stoßsicherung, die Marine verzichtete darauf. Aber in den Alpina Uhren, die über die Dugena (seit 1917 juristisch unabhängig von der Muttergesellschaft Alpina) an das deutsche Heer geliefert wurden, waren Stoßsicherungen drin. Darauf bestand das Heer. In den Uhren der US Army waren keine Stoßsicherungen, auch so kann man den Krieg gewinnen.

Auf die Firma Alpina bin ich gekommen, weil ich gerade diese beiden Hübschen gekauft habe, eine Alpina Starliner (links) und eine Dugena Precision. Beide Uhren waren kaum getragen und kosteten zusammen nicht einmal dreistellig. Zu den Dugena Precision Uhren sagt der Barnie immer Überraschungseier. Man weiß nie, was drin ist. In den meisten Fällen ist es ein schönes rotvergoldetes HelvetiaWerk, manchmal auch ein Peseux 320. Ich habe hier eine Liste aller Uhrwerke, die die Dugena verbaut hat. Was mich mehr als die Dugena Precision (davon habe ich schon zwei) interessierte, war die Starliner der Alpina. 

In der tickt das letzte Werk von Marc Favre, das Kaliber 598. Das gab es in drei Qualitäten, hier drin ist die beste, das 598R. Hat eine glatte Glucydurunruhe und ein bewegliches Spiralklötzchen, das haben das 598 und das 598E nicht. Eine direkte Zentralsekunde hat das Werk noch nicht, soweit war man 1950, als das Werk auf den Markt kam, nocht nicht. Das 592er Werk, aus dem das 598 entstand, hatte noch eine kleine Sekunde (es hatte auch die gleiche Bauweise des alten 595). Das Werk war berühmt für seine Robustheit und Ganggenauigkeit, die Uhrmacherschule in Biel verwendete es als Lehrmodell für die angehenden Uhrmacher. Und das Werk, das eines der besten Handaufzugswerke seiner Zeit war, geht heute noch genau und hat nach über sechzig Jahren noch leicht und locker vierzig Stunden Gangreserve.

Die  Union Horlogère wird in der Quarzkrise untergehen wie so viele Schweizer Firmen. 1972 wird sie in die Alpina Watch Internationalumgewandelt. Diese Gesellschaft hatte von der Union Horlogère SA alle Fabrikations- und Markenrechte und die Absatzorganisation übernommen. Viel mehr als der Name war da aber nicht mehr. Die Herstellung eigener Uhrwerke hatte man aufgegeben, jetzt sind ETA und ASSA in den Uhren. Anfang der 1970er Jahre war die Fabrik von Straub, die inzwischen auch Armbanduhrwerke wie dies Kaliber 490 baute, geschlossen worden. Da man die Imitation der Werke in Billiglohnländern verhindern wollte, entschied man sich für die Verschrottung aller Maschinen. Die Marc Favre & Cie AG war 1953 in die SSIH eingegliedert worden. Robert-Marc Favre wurde noch Direktor der Omega, die auch einmal Kunde bei Marc Favre gewesen war. 2002 wurde die Alpina Watch International von der Frédérique Constant Gruppe übernommen. 2016 kaufte der japanische Konzern Citizen die Schweizer Frédérique Constant Gruppe inklusive der Marke Alpina. Die Uhren mit diesem Namen kann man jetzt ab 650 Euro bei Amazon oder auch Onlinekaufen.

Meine Lieblings Alpina ist außer der neuen Starliner (bei der ich inzwischen alle Kratzer aus dem Glas herauspoliert habe) eine Alpina President aus den 1950er Jahren. In ihr steckt das AS 584, eine Hammerautomatik, die einseitg aufzieht. Mit lautem Geräusch, das rüttelt und schüttelt am Arm. Die Firma von Adolph Schild versuchte wissenschaftlich zu beweisen, dass ihre Uhr besser aufzog als die Automatik der Eterna. Das ist vielleicht sogar richtig, man braucht die Uhr nur in die Hand zu nehmen, dann rennt der kleine rote Sekundenzeiger schon los. Aber es bleibt dieses Rütteln und Schütteln. 

Heute baut eigentlich niemand mehr eine Hammerautomatik, aber die neue Firma Alpina hat mit dem AL-709 Werk seit 2021 wieder eine Hammerautomatik (hier rechts auf dem Bild) im Programm. Auch mit Nostalgie kann man Uhren bewerben, viele Firmen haben wieder Modelle herausgebracht, die einmal Klassiker der Marke waren. Ich mag die alte President trotz des Rüttelns, auch wenn es ein technischer Irrweg war. Meine eleganteste Alpina ist eine andere President, die ich mal im Winter auf einem Flohmarkt in der Mensa II kaufte. Sie war umgeben von zentimeterdicker brauner Schmierseife. Ich pulte ein wenig davon ab und sah, dass die Uhr nicht vergoldet war, sondern eine echte Goldhaube hatte. Das erzählte ich dem Händler allerdings nicht. Ich nahm sie für kleines Geld mit. Als ich zuhause die Schmierseife von der Uhr entfernt hatte, stellte ich fest, dass ich jetzt eine niemals getragene Alpina President besaß.

Olympia

Juli 25, 2024 § Ein Kommentar

Auf dem Gehäuseboden dieser Uhr lodert die olympische Flamme. In 750er Gold. Ein Goldplättchen hat meine alte Eterna Kontiki auch. Dies hier ist eine ✺Omega Seamaster Diver, die gerade zu den Olympischen Spielen in Paris erschienen ist. Das wirklich potthässliche Teil mit einer goldenen Lünette kostet 9.700 Euro. Wer kauft sich so etwas? Die Firma Omega war über hundert Jahre eine inhabergeführte Firma, heute ist sie eine Tochtergesellschaft der Swatch Group. Und der geht es schlecht, sehr schlecht. Das ganze Chinageschäft ist weggebrochen.

Aber Werbung mit den Olympischen Spielen lässt sich die Firma Omega nicht nehmen, Olympia ist ihre Werbeplattform. Seit 1932 statten sie die Olympischen Spiele mit Zeitmessern aus. Mit der Ausnahme der Olympischen Spiele 1964 in Tokio, da wurden die Zeiten von Seiko gestoppt. Die brachten auch eine Olympia Uhr heraus, die war aber nicht so teuer. Das hier ist die Schweizer Sprinterin Léa Sprunger, die teure Omega am Arm hat sie bestimmt nicht selbst bezahlt. Aber so nett sie aussieht, auf die Seite der Omega Botschafter hat sie es noch nicht geschafft. Nicole Kidman schon. Doch Omega hat da noch eine Extraseite für sportliche Markenbotschafter. Ich nehme an, dass die jetzt alle so eine Olympiauhr mit Goldplättchen kriegen.

Von vorne sieht das Modell so aus. Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, dachte ich mir, das sei eine alte Wostok Columbus, das Goldbronzemodell. Mit Sportlern zu werben, ist nicht ungefährlich. Was ist, wenn der Markenbotschafter beim Doping erwischt wird? Die IWC wird damals nicht so begeistert über ihren Markenbotschafter Jan Ullrich gewesen sein. Während der Spiele dürfen Athleten für nichts Werbung machen. Steht so in der Regel 40 des IOC: Kein Wettkampfteilnehmer, Trainer, Betreuer oder Funktionär darf seine Person, seinen Namen, sein Bild oder seine sportliche Leistung für Werbezwecke während der Olympischen Spiele einsetzen, außer dies wurde vom IOC genehmigt.

Eine vernünftge Regel, würden wir denken. Aber nun klagt das Bundeskartellamt gegen das IOC und den Deutschen Olympischen Sportbund. Sie behinderten durch ihre Marktmacht die armen Athleten, die jetzt nicht mit der Werbung ein klein bisschen Geld machen können. Neun Tage vorher und während der ganzen Olympischen Spiele darf ein Omega Markenbotschafter keine Werbung mit seiner Uhr machen. Das bedeutet für einen Amateur, und es sind ja nur Amateure in Paris, einen goßen Verdienstausfall. Wir reden ja heute nicht mehr über den Geist von Olympia, das citius, altius, fortius gilt nur noch für die Werbung.

Centenaire

Juli 9, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Schulrat war früh gekommen, der Examenskandidat war noch nicht da. Ich musste vor der Prüfung noch ein wenig Konversation machen. Das ist eine schöne Omega Seamaster, die Sie da am Arm haben, sagte ich. Ja, sagte er, Ich habe sie schon lange. Woher wissen Sie, dass das eine Seamaster ist? Ich sammle Uhren, sagte ich. Teures Hobby, sagte er. War es wirklich ein teures Hobby? Vor mehr als dreißig Jahren bekam man für zehn Mark schon etwas Schönes auf dem Flohmarkt, für einen Fuffi schon etwas Besseres. Teurer wurde es, als der Euro kam, weil die Flohmarkthändler alles im Verhältnis 1:1 umrubelten. Heute ist das Sammeln von Uhren wirklich zu einem teuren Hobby geworden. Ich höre auch langsam damit auf, diese Eterna habe ich mir gerade noch gegönnt. Jetzt habe ich ein Dutzend Uhren der Präzisionsuhrenfabrik aus Grenchen, die zwei Quarzuhren nicht mitgezählt. Mein Opa hatte sich vor hundertzwanzig Jahren eine silberne Eterna Taschenuhr gekauft, mein Vater hatte eine Eternamatic, Eterna lag für mich also gewissermaßen in der Familie.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Grenchen (Granges) anderthalbtausend Einwohner, das wird sich durch die Uhrenfabriken Eterna, ETA und ASSA (Adolph Schild SA) gewaltig ändern. Aber vorher ist das einzig Erwähnenswerte im Ort das Heilbad, das der Landwirt Josef Girard 1818 gegründet hat. Girard war ein liberaler Politiker, sein Sohn, der auch Josef Girard heißt, wird Arzt werden und als Kurarzt das Bad leiten. Das Wasser der Bachtelen Quelle scheint eine große Heilwirkung gehabt zu haben. Das Bachtelen-Bad wurde in den 1830er Jahren auch zu einem Zufluchtsort liberaler Emigranten wie Karl Mathy und Giuseppe Mazzini. Auch der Schriftsteller Gustav Freytag war einmal hier, er wird 1870 die Geschichte des Karl Mathy (hier im Volltext) schreiben.

Der Dr Josef Girard, der sich in den politischen Richtungskämpfen der Schweiz nach Abzug der Franzosen wie sein Vater auf die Seite der Liberalen schlägt, gründet 1852 mit seinem Bruder Euseb die erste Uhren- beziehungsweise Rohwerkfabrik in Grenchen, die Firma Girard Frères & Kunz. Diese Fabrik hat kein langes Leben, 1855 wird die Fabrik, die vieleicht hundert Arbeiter beschäftigte, wieder geschlossen. Ein Jahr später wagt Dr Girard einen zweiten Versuch und gründet zusammen mit dem Lehrer Urs Schild die Fabrique d’Ebauches, Finissages et Echappements Dr. Girard & Schild. Der 28-jährige Lehrer Urs Schild hatte bei seinem Vater Anton schon eine erste Ausbildung als Uhrmacher bekommen, denn 1851 hatte Anton Schild zusammen mit Josef Girard eine Lehrwerkstätte für Uhrmacher gegründet. Mit Zuschüssen der Gemeinde wurden die ersten Uhrmacherlehrlinge in Grenchen ausgebildet. 

Zehn Jahre nach der Gründung von Dr Girard & Schild lässt sich der Arzt von Urs Schild seine Anteile für 35.000 Franken ausbezahlen und kehrt in seinen Arztberuf zurück. Die Uhrenfabrik, die zuerst nur Rohwerke (blancs) herstellte und erst seit 1875 ganze Uhren baut, wird seit 1882 Eterna heißen. Das ist lateinisch und heißt ewig. Die Eterna wird über hundert Jahre im Familienbesitz bleiben, das ist nicht ewig, aber doch sehr lange. Schilds Bruder Adolph Schild, ein gelernter Uhrmacher, ist Technischer Direktor der Eterna, er wird schon in dem Post AS 5008 erwähnt. Im Streit mit dem Sohn seines Bruders verlässt er nach dem Tod von Urs Schild die Eterna und gründet mit Hilfe seiner Ehefrau Pauline Schild-Hugi seine eigene Rohwerkefabrik A. Schild & Cie, die nach dem Börsengang Adolph Schild SA heißen wird. 

In einem halben Jahrhundert ist Grenchen aus einem Bauerndorf, das einmal die Zufluchtsstätte liberaler europäischer Emigranten war, mit drei Uhrenfabriken (Eterna, ETA und ASSA) zu einem Zentrum der Uhrenfabrikation der Schweiz geworden. Dazu hat natürlich auch beigetragen, dass die Eisenbahn von Solothurn nach Biel seit 1858 auch in Grenchen hielt. Eine Poststelle hatte Grenchen gerade bekommen, als Girard und Schild ihre Fabrik eröffneten, aber zwanzig Jahre später war die Straße zu Schilds Fabrik immer noch nicht gepflastert. Fortschritt bedeutete in der Schweiz damals, dass alles etwas länger dauert. Aber einen kleinen Flugplatz wird die Stadt 1931 doch noch bekommen, dafür sorgt Adolf Schild-Behnisch, der Sohn von Adolph Schild.

1956 kann der Enkel des Gründers Dr Rudolf Schild-Comtesse auf hundert Jahre Eterna zurückblicken. Man tut das mit einer großen Feier und einem neuen Uhrenmodell, der Eterna Centenaire. Aber Dr Schild wird in seiner Festrede auch sagen, dass es trotz aller Erfolge der Eterna, für die Schweizer Uhrenindustrie schwere Zeiten geben wird. Meine alte Centenaire sieht nicht so schön aus wie diese Uhr hier, das Zifferblatt ist bräunlich geworden. Es steht auch nicht Centenaire auf dem Zifferblatt, nur 21 Jewels. Denn das war neu, einundzwanzig Steine hatten die Automatikwerke der Firma bisher nicht gehabt. Die gab es nur in den neuen Kalibern 1427, 1428 und 1429, die eine Werkhöhe von 4,5 mm hatten. Mit denen wurde die Uhr damals die flachste Automatikuhr der Schweiz. Das Werk hatte einen glatten Glucydur Unruhreif (keine Schräubchen mehr an der Unruhe) und ein bewegliches Spiralklötzchen (damit kann man eine Asymmetrie des Ganges korrigieren). Es ist 13 Pariser Linien (beinahe drei Zentimeter) groß und hat mit 11,5 mm eine relativ große Unruhe. Das Werk hat bei Vollaufzug eine Gangreserve von 48 Stunden. Nach einem halben Jahrhundert sind diese Werke immer noch state-of-the-art.

Es ist auch das erfolgreichste Automatikwerk der Schweiz, denn es ist die Basis für alle Automatikwerke der ETA gewesen. In jedem ETA 2824-2 (auch in den Tudor Uhren von Rolex) steckt heute noch ein wenig von dem Centenaire Werk. Die Centenaire wurde damals mit Prominenten beworben, da finden sich in Anzeigen dann solche Sätze: Grosse Künstler wissen, dass die Uhr ihre Persönlichkeit widerspiegelt. Die Wahl Yehudi Menuhins, des grossen Violin-Virtuosen, fiel auf Eterna Matic ‚Centenaire‘, die allein seine hohe Forderung nach äussertster Präzision und ausgeprägtem Stil erfüllt. Bei der goldenen Uhr von Yehudi Menuhin (die damals 465 Mark und mehr kostete) stand das Centenaire auf dem Zifferblatt, bei meiner steht es nur in schöner Schreibschrift auf dem Gehäuseboden. Mit einem großen C mit Kringelchen dran.

Bei meiner neuesten Eterna steht noch das Wort Chronometer auf dem Zifferblatt, denn die Firma Eterna stellte auch Uhren her, die eine Chronometerzertifikat besaßen. Man schrieb aber nur Chronometerauf das Zifferblatt, nicht officially certified, wie Omega und Rolex das taten. 1955 konnte man in dem Magazin DU lesen: Eterna gehört zu den ‚Grossen Drei‘. Die offizielle Statistik erwähnt Eterna unter den drei größten Chronometer-Produzenten der Schweiz. Damals war Eterna hinter Omega und Rolex auf Platz drei der Chronometerproduzenten. Allerdings nicht mehr lange, denn die Zahlen von Eterna Chronometern waren doch eher klein. Von 1938 bis 1975 hat es nur 36.000 geprüfte Chronometer gegeben, so viele Chronometer bauen sowohl Omega als auch Rolex 1958 in einem einzigen Jahr. Ob mein neuer Eterna Chronometer so genau gehen wird wie im Jahr seiner Herstellung 1960, das weiß ich nicht. Aber meine alte Centenaire, die letztens beim Uhrmacher war, die geht jetzt sehr genau.

Eterna warb nicht nur mit Yehudi Menuhin, Brigitte Bardot und Gina Lollobrigida, man warb auch 1956 mit dem Uhrmacher Hans Koller, der seit fünfzig Jahren für die Fabrik arbeitete. Eigentlich hätten sie mit ihrem Chefkonstrukteur Heinrich Stamm, firmenintern nur Daniel Düsentrieb genannt, werben sollen. Denn der hatte 1948 die Eternamatic erfunden. Eine Automatikuhr, bei der der Rotor in einem Kugellager mit fünf winzig kleinen Kugeln gelagert wird (30.000 von ihnen würden in einen Fingerhut passen). Die fünf Kugeln werden zum Markenzeichen von Eterna. Beinahe 95 Prozent aller Schweizer Automatikuhren, die heute gebaut werden, das muss ich noch einmal wiederholen, basieren auf dem Eterna Automatikwerk von Heinrich Stamm.  

Das hier ist Rudolf Schild-Comtesse mit seinen Söhnen. Claude, der die Solothurner Zeitung liest, wird der letzte aus der Familie bei der der Eterna sein.Bettina Hahnloser, die Enkelin von Dr Rudolf Schild, hat ein sehr informatives Buch über ihren Großvater geschrieben: Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära: Rudolf Schild-Comtesse, Eterna und ETA und die schweizerische Uhrenindustrie. Das Buch, das 2015 im Verlag der Neuen Zürcher Zeitung erschien, ist noch lieferbar. 

Obwohl die Eterna Quarzuhren baut (und 1980 sogar die flachste Quarzuhr der Welt), beginnt sie, in der Quarzkrise unterzugehen. Wie so viele Schweizer Firmen. Um nicht Konkurs anmelden zu müssen, schliesst man sich mit der Société suisse pour l’industrie horlogère zusammen. Dann wird die Eterna von der SMH (die heute Swatch Group heißt) aufgekauft. Dann kaufte der Schweizer Industrielle Franz Wassmer mit seiner Portland Cement Werk Gruppe, die schon de Sede und Charles Jourdan besaß, die Firma. Dann kam der Designer Ferdinand Alexander Porsche. Und Eterna muss bauen, was der Designer erfindet. Eine englische Zeitung schrieb über den schwarzen Porsche Design Chronographen (hier rechts im Bild), dass man das hässliche Teil bestenfalls zu einer Beerdigung tragen könne. Aber es gibt immer noch Sammler dafür. Ich würde das Teil nicht für geschenkt nehmen. Meine Eterna Uhren sind aus der Zeit von 1937 bis 1969, als Eterna die Concept 80 Linie kreierte. Was danach kam, war für mich nicht mehr so interessant. Heute gehört die Eterna der chinesischen Unternehmensgruppe China Haidian, an die die Familie Porsche das Unternehmen 2011 verkaufte. Die waren nach dem Tod von F.A. Porsche heilfroh, dass sie die Firma endlich loswurden.

Das hier ist die neueste Eterna, die ich besitze. Sie hat noch die fünf Eternamatic Kügelchen auf dem Zifferblatt, obgleich sie gar kein Automatikwerk mehr hat. Es ist eine Quarzuhr, klein und elegant. Das auf dem Photo gelbliche Zifferblatt, das so aussieht wie meine Centenaire, ist in Wirklichkeit blendend silberweiß. Es gibt für Eterna Sammler leider kein gutes Buch in der Art der Bücher, die Marco Richon für Omega geschrieben hat (Omega Saga und Omega: Reise durch die Zeit). Das schnell zusammengeschusterte 247-seitige Buch Eterna: Pioniere der Uhrmacherkunst aus dem Jahr 2006 ist die 120 Euro nicht wert, die es antiquarisch kostet. Das Beste daran ist der opulente Bildteil, den Christian Pfeiffer-Belli und Urs Schild aus dem Firmenarchiv und aus Werbeanzeigen zusammengetragen haben. Es gibt allerdings eine wirklich exzellente Eterna Seite von Gerhard Schmidt im Internet. Das Buch Omega: Reise durch die Zeit von Marco Richon ist kaum noch zu bekommen, man nennt es inzwischen die Omega Bibel, und es kostet viele hundert Euro. Es wäre schön, wenn es irgendwann auch mal eine Art Eterna Bibel geben würde.

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