mal ganz persönlich
August 27, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Ledersessel, in dem ich hier sitze, den kennen Sie. Er hat schon einen Post: Der Sessel vor dem Schrank. Jetzt können Sie den dort erwähnten Schrank auch noch sehen. Voll mit der besten Kriminalliteratur der Welt und der gesamten Sekundärliteratur zu dem Thema. Unten an den Schrank gelehnt sind zwei Schreibbretter der Firma Leitz. Griffbereit, hier schreibe ich, wenn ich mit der Hand schreibe. Auf dem Schrank liegt der ganz große Webster, Arno Schmidts Abend mit Goldrand, die Guinness Encyclopedia, einige Photobände und ein Katalog von meinem Onkel Karl. Rechts daneben ist ein Plastikkasten mit dicken fetten Uhren. Also zum Beispiel der Doxa, die Dirk Pitt trägt, der gefälschten Rolex, die mir mein Uhrmacher geschenkt hat, der schönen Uhr mit dem AS 5008, der Aquastar Geneve, die Sie in den Post Blazer sehen können, und solchen Sachen.

Die Uhr, die ich am Handgelenk trage, ist die IWC GST, die ich vor Jahrzehnten bei einem literarischen Preisrätsel der IWC gewonnen habe. Die Uhr am Arm wechselt täglich. Es hätte auch eine Junghans sein können. Oder diese potthässlich schöne Zentra Safari aus den siebziger Jahren, die im Augenblick meine Lieblingsuhr ist. Hat mich 39 Euro gekostet. Wollte ich mir die IWC neu kaufen, wäre das hundert mal so teuer. Auf dem Fensterbrett stehen einige kleine Scrimshaw Figuren. Eine davon hat mir Kapitän Biet geschenkt, die hat er in Kanada in der Gefangenschaft geschnitzt, nachdem die Engländer sein Schiff versenkt hatten. Rechts neben den Scrimshaw Figuren steht die schöne blaue Björn Wiinblad Vase, die schon in dem Post Geburtstagsfeier zu sehen ist.

Links am Bildrand ist ein Teil eines Stuhls zu sehen, der sehr alt ist. Ein pensionierter Kapitän hat mir den Empirestuhl vom Flogmarkt repariert. Ich habe ihn mit demselben roten Stoff beziehen lassen, mit dem mein Biedermeiersofa im Zimmer nebenan bezogen ist. Die Teppiche, die Sie sehen, sind echt. Darf man heute noch Perserteppiche sagen? Unter den Teppichen ist ein schöner Holzboden. In der rechten Bildhälfte sehen Sie angehäufte Bücherberge. Das sieht durch die Perspektive des Mobiltelephons schlimmer aus, als es ist. Aber es ist schon wahr, der ganze Designertisch, den ich mal billig gekauft habe, ist voll mit Büchern. Die sind überall. Hinter dem Vorhang hängt ein Bild von Fritz Overbeck, ich habe es geerbt, aber ich mag das Bild nicht. Es ist hinter dem Vorhang gut aufgehoben. Es sind ja Bilder genug an den Wänden. Die beiden fünf Meter Wände voller Bücher sind nicht auf dem Handyphoto zu sehen, das ein Freund von mir am frühen Morgen gemacht hat. Dass viel Licht ins Zimmer kommt, kann auf auf dem Photo sehen, Wohnzimmer und Arbeitszimmer liegen nach Süden. Wenn ich auf der anderen Seite des Platzes wohnen würde, hätte ich einen besseren Fernsehempfang, hat mir der TV Techniker gesagt. Aber die Sonne in der Wohnung ist mir wichtiger als das Fernsehen.

Ich trage unter meinem blauen Sweatshirt ein italienisches Luxushemd, das ist meine ständige Bekleidung. Die Sweatshirts, Hemden und Hosen wechseln. Hier auf dem Bild ist es eine Hose von Dietmar Kirsch in Hamburg, der Porschefahrer hat seinen Laden direkt neben dem Hotel Vier Jahreszeiten. Mehr geht nicht. Im Nebenzimmer steht mein Schreibtisch, Eiche massiv um 1900. Der war schon in der Wohnung, als ich einzog, er ist eigentlich sehr häßlich, ist aber sehr praktisch. Auf dem Schreibtisch steht der neue Samsung Bildschirm, der jetzt unter sich diese wahnsinnige Mackie Soundbar hat.

Mein Mac Mini sreht auch auf dem Schreibtisch, der nimmt soviel Platz ein wie der Harvard Guide to American History. Der Computer ist jetzt sieben Jahre alt, ich solle mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich bald einen neuen brauche, hat Herr Kraus letztens gesagt. Der Vorgänger des Computers hat auch sieben Jahre gehalten, aber noch funktioniert Mac Mini Nummer 2 recht gut. In dem Zimmer mit dem Schreibtisch und dem Biedermeiersofa steht auch mein Klavier. Es wird weniger benutzt als der Computer. Ich glaube, dass das ein Fehler ist. Es gefällt mir nicht, wie abhängig ich von dem Computer geworden bin. Andererseits liebe ich es zu schreiben, auch wenn ich mich ständig vertippe. Und Sie wären unglücklich, wenn es hier nichts zu lesen gäbe.
Mods MOD modding
August 25, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer die Mods waren, das weiß ich. Das ist ein Begriff, mit dem ich etwas anfangen kann. Sie sahen ungefähr so aus, wenn sie nicht auf ihrer Vespa oder Lambretta saßen und die elegante Kleidung unter einer Parka versteckten. Sie sind auch schon hier in diesem Blog aufgetaucht, zum Beispiel in den kulturhistorischen Posts Notting Hill, Teddy Boys und Today there are no gentlemen. Wenn Sie noch mehr über dieses Spezies Engländer wissen wollen, dann lesen Sie Paul Andersons Buch Mods: The New Religion. Oder besser: Sie lesen die London Romane von Colin MacInnes (City of Spades, Absolute Beginners, Mr. Love and Justice). Da pulst das Leben in Notting Hill.Von Jazz, Rock’n Roll, von italienischen Vespas und italienischen Anzügen ist die Rede, diese ganze Mod Subkultur war gerade im Entstehen, als Colin MacInnes seine Romane schrieb.

Das hier auf dem Bild nennen die Engländer Strand. Wir sind in Brighton in den frühen sechziger Jahren, wo sich Mods und Rocker am Wochende ✺Strandschlachtenliefern. Die einen reisten mit der Lambretta an, die anderen mit dem Motorrad. Anderthalb Jahrhunderte zuvor sah das hier etwas anders aus, da war Brighton ein fashionables Seebad. Die Seebäder an der englischen Küste sind eine Sache des 18. Jahrhunderts. Lichtenberg, der sie immer wieder preist, wird sagen, dass er in Margate die gesündesten Tage seines Lebens verbrachte. Wenn Engländer einen schönen Strand sehen wollen, dann müssen sie zu einer anderen Insel, die ihnen mal gehörte. Ich habe auf der Helgoländer Düne mal einen Engländer getroffen, der hier wegen seines Heuschnupfens jedes Jahr, wenn es im UK einen hohen pollen count gab, seinen Urlaub verbrachte.

Aber von den Mods soll heute nicht die Rede sein, sondern von einem ganz anderen Phänomen, bei dem das Wort MOD vorkommt. Und das ist etwas, was eigentlich niemand braucht, Und ich meine damit nicht einmal die Computerspiele, wo man diesen Namen auch findet. Ein Freund, der mich immer mit den besten Artikeln aus dem New Yorkeroder dem Smithsonian Magazine versorgt, sandte mir einen Artikel zu, der Five iconic London shops for bespoke clothing and accessorieshieß. Man kennt die Firmen, die in der Savile Row, der Jermyn Street und der Burlington Arcade sitzen, aber eine Firma kannte ich nicht. Die heißt Wildman Bespoke Ltd, die ist nicht im Klamottengeschäft, aus dem man das Wort bespoke für Maßarbeit kennt, die modifizieren Luxusuhren. Und werben mit Sprüchen wie You don’t just purchase a Wildman, you commission it. Die Firma verwendet allerdings nicht das Wort modifizieren, was im Englischen modify und im Slang modding heißt. Nein, sie betreiben eine customization. Sie beschäftigen auch keine watchmakers, sondernhorologists, die Firma lebt von der Übertreibung.

Man hat zwölf Rolex Modelle zur Auswahl, und dann modifiziert die Firma Wildman die nach den Kundenwünschen. Da kommt ein anderes Zifferblatt drauf, eine andere Lünette, ein anderes Band. Eine Rolex, die kein anderer hat. Das blaue Teil da oben gibt es nur bei Wildman, nicht bei Rolex. Das Ganze ist eigentlich kindisch und albern. Und es ist auch ein bisschen fraglich, wie seriös die Firma Wildman ist, die dank ihres Werbeberaters bei Facebook und im Internet überrepräsentiert ist. Angeblich hat man ein Geschäft im vornehmen Mayfair; die Firma, deren Direktor dreiundzwanzig Jahre alt ist, sitzt aber ganz woanders. In einem kaum repräsentaiven Gebäude in Uttoxeter in Staffordshire. Ich vermute mal, die Rolex Uhren werden in China veredelt. Es sind schon Wildman Replikas auf dem Markt, die kosten nur 999€.

Es geht natürlich mit der modifizierten Uhr auch billiger. Die Firma G-Modz bietet bei ebay für 249 Euro eine handbemalte Custom Mod Casio G-Shock an. Und hat dazu einen englischen Text: Elevate your wristwear with the exclusive CasiOak Dark Knight Graffiti timepiece. At G-Modz, we proudly introduce a watch meticulously crafted to embody the captivating spirit of urban elegance, featuring a captivating rainbow dial ring that adds a twist to the Dark Knight theme. Ich weiß nicht, warum das unbedingt Englisch sein muss. Die Firma sitzt nicht in London, sondern in Handewitt.Rolex Fans würden so etwas natürlich nicht kaufen. Wenn denen nach einem Dark Knight ist, dann kaufen sie sich das Rolex Modell Batman.
Es ist immer sehr komisch, wenn Luxusgüterfirmen behaupten, dass sie etwas Einmaliges produzieren. Und den Kunstcharakter ihrer Produkte vor Gericht reklamieren. Rolex hat vor Jahren einmal behauptet, dass ihre Uhren Kunstwerke seien, die nicht verändert werden dürften. Das ist eine neue Variante von Walter Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Da hatten sich Rolex Besitzer bei einem Juwelier eine Diamantlünette auf ihre Rolex basteln lassen. Also das, was in Zuhälterkreisen Scherbenkranz heißt. So etwas hat Rolex auch im Angebot, ist aber woanders billiger. Bei ebay Kleinanzeigen werden diese Teile als Rolex Aftermarket angeboten. Rolex hatte diese Uhren einbehalten, als die zum Kundendienst kamen. Weil es ja Kunstwerke sind, die man nicht verändern darf. Das oberste Gericht urteilte mit gesundem Menschenverstand, dass jeder Käufer mit seiner Rolex machen kann, was er will. Er kann sie grün anmalen, wenn ihm das gefällt. Ist eine echte Alternative.

Und da wir bei der Farbe grün sind, muss ich mal eben diese goldene Rolex Daytona mit dem grünen Zifferblatt erwähnen. Ein amerikanischer Musiker namens John Mayer, der Uhren sammelt, hatte bei einem ✺Interview dieses scheußliche Teil am Arm und hatte nette Dinge über die Uhr gesagt. Und was passierte? Die Uhr wurde jetzt weltweit als John Mayer Rolex bezeichnet, und die Preise stiegen grotesk an. Man kann schon sechsstellige Summen dafür bezahlen. Dazu fällt mir jetzt wenig ein. Außer dass Mayer seine Sammlertätigkeit mit einem halben Dutzend gefälschter Rolex Uhren begonnen hatte.

Bei ebay gab es letztens ein grünes Zifferblatt, das natürlich als John Mayer Zifferblatt angeboten wurde. Steht aber Aftermarket !! dabei, das heißt, es ist nicht original. Leider habe ich verpasst, was daraus geworden ist. Die preiswerteste John Mayer Daytona kostet bei ebay 81.000 Euro, bei ebay Kleinanzeigen 77.000 Euro. Für diese Seiko Speedtimer, die aussieht wie eine Rolex, muss man nur eine dreitstellige Summe auf den Tisch legen. Ich weiß nicht, ob das eine Fälschung ist oder eine Hommage. Wir bewegen uns bei diesen Dingen auf einem Gebiet, bei dem man mit Frankieboy Sinatra Is it the good turtle soup or merely the mock? singen möchte.

Eine Modifizierung, eine kundenspezifische Anpassung von Luxusgütern, hat es schon immer gegeben. Wir kennen diesen Rolls-Royce hier, er hat einmal John Lennon gehört. Das Phantom V war ursprünglich schwarz, wurde dann ein wenig modifiziert. Rolls-Royce hat auch eine Seite in Internet, die Configure your Rolls-Royce heißt. Als Josef Abs einen Mercedes ohne Stern haben wollte, sagte der Mercedes Chef, dass kein Wagen ohne Stern die Fabrik verließe. Der bestellte Mercedes fuhr auch mit einem Stern durchs Werktor und hielt dann an. Dann kam ein Mechaniker und schraubte den Stern ab. Wem jemandem heute ein Mercedes Modell nicht passt, dann kauft er sich ein passendes Auto bei AMG. Für Kunden in den USA hat Mercedes eine Seite, die Build Your Own Car – Luxury Custom Cars heißt. Auf einer nicht so hohen automobilen Ebene, muß der Opel Manta erwähnt werden, jeder Mantafahrer modifizierte damals sein Auto. Und wenn es nur der Fuchsschwanz an der Antenne war.

Früher gab es in England ein halbes Dutzend Karosseriebauer, die einem den Rolls nach eigenen Wünschen bauten. Der Wagen, den Gulbenkian sich bei Hooper bauen ließ, ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Der junge Michael Caine fand bei der Earls Court Motorshow ein Modell, das er haben wollte, aber er wollte es mit der Karosserie von Mulliner Park Wardhaben. Das sagt er mit seinem schönsten prolligen Cockney Akzent dem Herrn am Rolls-Royce Stand und verlangt nach dessen Vorgesetzten. Er bekommt eine Abfuhr, wie nie wieder in seinem Leben: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse’s mouth, as the saying goes, I think. Als er sich seinen ersten Rolls kaufte, hatte er noch keinen Führerschein, den hat er erst mit fünfzig Jahren gemacht.

Ein Freund vor mir hat seinen Rolls-Royce (British Racing Green), den er verhältnismäßig günstig bekommen hatte, zu einem Bentley umbauen lassen. Das bedeutete nicht zur die Auswechsungs des Kühlers, den Erwin Panofsky ja in einem berühmten →Aufsatz mit Palladio in Verbindung gebracht hatte, sondern auch das Auswechseln von tausend Kleinteilen, die alle RR signiert ware, Ich habe ihn nie gefragt weshalb. In manchen Kreisen gilt ein Bentley ja vornehmer als ein Rolls. Das war auf jeden Fall in meinem Heimatort die Meinung von Ernst Burmester, der die größte deutsche Yachtbesaß. Die er jederzeit dem Bundespräsidenten für repräsentative Zwecke zur Verfügung stellte. Er fuhr einen schwarzen Bentley, in Hamburg könne man einen Rolls fahren, in Bremen nicht, pflegte er zu sagen.

Ich war letztens in Versuchung, diese Seiko Marine Master bei ebay zu kaufen. Der Händler hatte mir ein Sonderangebot gemacht, aber das war abgelaufen, bevor ich mich entschieden hatte. Es gibt viele solcher Uhren bei ebay und im Netz. Bei dieser stand noch MOD und Custom dabei. Nur ein einziger Händler bei ebay sagt, dass dies keine Seiko ist. Sie hat nur ein Seiko Automatikwerk NH3, ein Werk, das auch in vielen chinesischen Uhren steckt. Es ist nicht unbedingt das beste Werk von Seiko. In teuren Seiko Uhren findet sich eher das Kaliber 6R35. Den Satz Die Uhr wurde mit neuen Teilen modifiziert, sie wird nicht von Seiko hergestellt liesr man bei Händlern selten. Das Made in Germany liest man auch selten. Es bedeutet häufig Ruhla, ein Name, der in DDR Zeiten keinen guten Klang hatte. Das modding von nicht echten Seikos ist zu einem Volkssport geworden. In einem Uhrenforum liest man zu den Seiko MODs: Klar ist auch, dass diese Bastelwastel bzw. ‚Mods‘ keine originalen Uhren mehr sind und auch die originale Gewährleistung und Garantie erlischt ,wenn da herumgebaut wird. Es gibt eine große Szene für sowas, aber außerhalb schüttelt man natürlich vielfach nur den Kopf darüber. Überwiegend sind vom Modding nur billige Modelle betroffen. Kaum einer verbastelt sich noch eine Uhr für mehrere tausend Euro.

So hat die Uhr vielleicht einmal ausgesehen, die ich in veränderter Version besitze. Es war eine Golduhr, die man in der Fernsehlotterie Ein Platz an der Sonne gewinnen konnte. Der vorige Besitzer hatte Werk und Zifferblatt entnommen und das Goldgehäuse eingeschmolzen; das ist das Schicksal von vielen Golduhren. Was übriggeblieben war, ein fabrikneues Werk (ETA 2390) und ein fabrikneues Zifferblatt, kaufte ich für fünf Euro auf dem Flohmarkt. Und bat meinen Uhrmacher, daraus eine Uhr zu machen. Er schalte das Werk in ein massives großes Edelstahlgehäuse ein. Das Glas wurde von einem goldfarbenen Sprengring gehalten, der das Gold ins Zifferblatt strahlen ließ. Die dicke Krone war auch aus Gold, es ist meine schönste Uhr geworden. Niemand hat diese Uhr außer mir. Aber ich glaube, das fällt nicht unter Modifikationen. Vielleicht ist es eine Mariage. Ein Wort, das inzwischen sogar schon Horst Lichter über die Lippen geht.

Ich habe allerdings noch etwas aus dem Bereich des Modifizierens zu vermelden. Der kleine Bluetooth Lautsprecher, den ich in dem Post Bildstörung so gelobt hatte, gab nach einer Woche seinen Geist auf. Der Techniker kam, fummelte eine Viertelstunde dran rum, dann funktionierte das Teil wieder. Aber fünf Tage später war es endgültig tot. Das Teil kostet bei MediaMarkt 4,95, das konnte ja nichts Dolles sein. Ich sagte den Fachleuten, es müsse da etwas Besseres geben. Das habe ich jetzt, fünfundvierzig Zentimeter breit unter dem Bildschirm. Fünfzig Watt, hundert Dezibel. Reicht für die ganze Wohnung. Ich habe mir bei YouTube von Jennifer Warnes ✺Lights Of Lousianne heruntergeladen, das war mal vor dreißig Jahren die Referenz CD in dem teuersten HiFI Geschäft hier. Und das klang wirklich gut, vielleicht nicht ganz so gut wie aus den T&A Lautsprechern, aber doch beinahe.

Ich komme noch einmal auf die englische Subkultur der Mods zurück. Der Name Mods war von modernists abgeleitet, nicht davon, dass sie etwas modifizierten. Aber ein modding betrieben sie doch, auch wenn es dieses Verb noch nicht gab. Diese Lambretta hier ist so nicht aus der Fabrik in Lambrate gekommen, da hat jemand ganz schön dran gearbeitet. Der scharf geschnittene Anzug des jungen Mannes neben ihm hätte heute noch Konjunktur: The whistle was correct in all details. Closing my eyes I see it now: petrol blue, wool and mohair, Italian cut, flat-fronted, side adjusters, zip fly, sixteen-inch bottoms, central vent on the jacket, flap pockets, ticket pocket, three button (only one done up of course), high-breaking, narrow lapels, buttonhole on the left, four buttons on the cuff – claret silk lining. Es ist eine untergegangene Zeit, man sieht keine Lambrettas mehr auf den Straßen, elegante Anzüge auch nicht.
ein Viertelpfund China am Arm
August 18, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

Also, ich hätte diese Uhr nicht gebraucht, aber ich wollte mal eine richtig große Uhr haben. Meine alte gefälschte Rolex, die mir mein Uhrmacher vor Jahrzehnten geschenkt hat, ist leider kaputt. Die habe ich immer mal einen Tag getragen, nur um mir zu überlegen, weshalb man solche Uhren trägt. Ich könnte natürlich die Doxa Sub 300tragen, aber die ist mir dann doch zu schwer beim Tippen. Dieses neue Teil hier hat den Phantasienamen Parnis. Ist aus Edelstahl, 40 Millimeter groß, hat eine verschraubte Krone, eine Keramiklünette, Schraubboden und Saphirglas. Angeblich ist sie 200 Meter wasserdicht, steht auf dem Zifferblatt. In ihr tickt ein Automatikwerk, ein chinesischer Klon eines ETA Werks, wahrscheinlich ein Seagull ST-25 der Firma Tianjin. Oder ein japanisches Miyota (Citizen) Werk, das ist nicht so klar. Dafür schraube ich den Boden nicht auf, um zu gucken. Mir gefällt der rote Minutenzeiger, den hat meine Zodiac Sea Wolf auch. Die Uhr kommt aus China. Viele Uhren können so ähnlich wie diese aussehen, aber andere Markennamen wie Pagani Design, San Martin, Bliger, Corgeut, Bersigar oder Steeldive haben. Wahrscheinlich kommen die alle aus derselben Produktionsstätte in der Uhrenhochburg Shenzhen. Dort werden 42% der Weltproduktion an Uhren hergestellt. Man kann diese Uhren bei Amazon oder der chinesischen Firma AliExpresskaufen, die die Uhr in vierzehn Tagen portofrei liefert. Ob man darauf Zoll bezahlen muss, oder ob der Zoll die Uhren vernichtet, weil es alles Fälschungen sind, das weiß ich nicht. Die Uhren kosten um die 150 Euro, ich habe für meine weit weniger als die Hälfte bezahlt.

Die Chinesen vermeiden das Wort Fälschung; auch das Wort Nachtauslage, das früher mal Fälschungen bezeichnete, hat keine Konjunktur mehr. Das neue Modewort heißt Hommage, eine etwas zynische Umwertung der eigentlichen Wortbedeutung. Man baut in Shenzhen beinahe echte Rolex Uhren, schreibt aber das Wort Rolex nicht aufs Zifferblatt. Alle Rolex Modelle sind im Angebot, von der GMT bis zur Daytona. Die chinesischen Uhren, die häufig japanische Uhrwerke wie das Seiko NH35 haben, sind natürlich keine echte Konkurrenz für Rolex. Der Schweizer Massenproduzent verkauft nach wie vor eine Million Uhren im Jahr. Sehr viele nach China. In Rolex Uhren sind keine chinesischen Teile, in anderen Schweizer Markenuhren aber schon. Uhren, die Namen von Designern wie Hugo Boss, Armani oder Diesel haben, kommen sowieso immer aus China oder Hongkong. Swiss Made darf sich nur nennen, wenn sechzig Prozent der Wertschöpfung und die Endmontage in der Schweiz anfallen. Aber der Begriff ist dehnbar, ebenso wie der Made in Italy Begriff. Für Edelstahlarmbänder gilt die Swiss Made Regel nicht, die können ganz aus China kommen, um Swiss Made zu sein. Ich weiß nicht, wer den Begriff Swiss Made in China erfunden hat, aber der beschreibt die Lage. Der größte Schweizer Uhrenhersteller, die Swatch Group, hatte von 1996 bis 2005 eine Firma in Shenzhen. Offenbar ist ihnen China zu teuer geworden, sie sind jetzt in Thailand.
Die Schweiz war vor der Quarzkrise einmal das Maß der Dinge in der Uhrenwelt. Historisch betrachtet ist sie das allerdings noch nicht so lange gewesen. Als Eduard Favre-Perret 1876 im offiziellen Auftrag der Schweizer Uhrenindustrie die Ausstellung zur 100-Jahrsfeier der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia besucht, kann er die Taschenuhren der Firma Waltham nur in den höchsten Tönen loben. Nach unbestätigten Angaben soll die Schweizer Delegation kreidebleich aus dem Saal gewankt sein, in dem Waltham seine Tagesproduktion von 2.000 Uhren präsentierte. Favre-Perret wird einen aufrüttelnden, warnenden Bericht an die Schweizer Industrie verfassen, in dem er sagt, dass die durchschnittliche amerikanische Taschenuhr besser sei als 50.000 Schweizer Uhren.

Die Schweizer Uhr hatte in den USA in dieser Zeit sowieso einen schlechten Ruf (große Namen wie Vacheron & Constantin, die seit 1830 in New York repräsentiert sind, natürlich ausgenommen), man macht viel Geld mit Produktpiraterie. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das, was heute die Chinesen machen, die Grundlage der Schweiz als Uhrennation gewesen ist. Im 18. Jahrhundert hatte man Londoner Uhren gefälscht, im 19. Jahrhundert fälscht man amerikanische Uhren. Manche dieser Fälschungen amerikanischer Uhren werden allerdings auch im gegenseitigen Einverständnis produziert, so entstehen billige Zylinderwerke mit Schwanenhalsfeinregulierung (immerhin eine amerikanische Erfindung), mit imitierten Kompensationsunruhen und imitierten Rubinen in imitierten Chatons. Darauf wird in der amerikanischen Werbung ganz offen hingewiesen, und für einen Dollar und 50 Cents kann man auch nicht mehr erwarten. Die Welt will betrogen sein. Amerikanische Publikationen für Taschenuhrsammler enthalten da ganze Kapitel mit dem Titel How to identify a Swiss fake. Die amerikanische Uhrenindustrie gibt es nicht mehr. Firmen wie Waltham und Hamilton existieren nur noch dem Namen nach, sie sitzen heute in der Schweiz.
In die Schweiz kaufen sich chinesische Firmen gerne ein, die China Haidian erwarb in den letzten Jahren die Firmen Eterna, Corum und Rotary. Es ist noch nicht ganz klar, was sie damit wollen. Gewinne werfen diese Firmen nicht ab. Viele Firmen lassen in China Uhren produzieren, weil es billig ist. Selbst die japanischen Giganten Seiko und Citizen lassen ihre Quarzwerke in China produzieren. Vierzig Prozent der chinesischen Uhrenexporte gehen auf japanische Hersteller zurück, steht in der Neuen Zürcher. Vielleicht ist ja auch ein bisschen Japan in meiner Parnis. Erstmal läuft die Uhr, die nach viel mehr aussieht, sehr gut; ich trage sie noch eine Woche, dann kommt wieder eine Schweizer Uhr an den Arm. Also so eine, in der garantiert nichts Chinesisches ist.