
Eine der sechs Nominierten zum Deutschen Buchpreis (er ging an Saša Stanišić, der sich in seiner Dankesrede über den Nobelpreis an Handke aufregte) war Miku Sophie Kühmel mit ihrem Roman „Kintsugi“. Sie erzählt darin von vier Leuten, ein Kammerspiel mit Haus am See in der Nähe von Berlin, ein Wochenende Ende März. Die Personen riechen gut nach Mandel und Minze, nach Salbei oder Salz und Wasser. Sie essen und trinken, sie laufen rum, sie reden, in Berlin gehen sie Arbeiten nach, die ihrer Berufung, Glück oder Notwendigkeit entsprechen. Der eine ist ein erfolgreicher Bildender Künstler, der andere ein ordnungsgestörter Archäologieprofesser, der dritte ein Barpianist, ein gelegentlich auch als Gebäudemanager tätiger, alleinerziehender Vater seiner Tochter, die ist jetzt 20, Studentin in WG mit Zestenpresse aus Edelstahl, alle drei Männer sind auf eine Art ihre Familie,ihre Erzieher, aber jetzt ist sie fertig erzogen. Alle haben Zweifel an sich und ihren Lebensentscheidungen. Männer in der Midlife-Krise. Wenn sie jetzt nicht noch mal aufbrechen, müssen sie immer so weitermachen, sie werden ertrinken in der saturierten Behäbigkeit des Glücks. Kom fort. Komm fort, Man braucht nicht nur ein Objekt zum Lieben, man braucht auch was für den Hass, für all die Verachtung gegenüber der Welt. Sie zweifeln an allem. Nur nie an der Liebe. Und gerade die ist an ihrem Ende, zumindest fragwürdig und zerschlissen, nicht in Scherben, wie die dann mit Gold gekittete Teetasse, die titelgebene Methode und Metapher dafür, dass erst das Zerbrochene schön ist. Sie reden, kochen, gehn spazieren, frieren, schlafen, haben Sex, betrinken sich, fantasieren, monologisieren, verheimlichen was, erinnern sich. Da ist die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Vor allem aber denken sie. In manchmal kammerspielartigen Sätzen, wir haben es ja mit zeitgenössischen Bildungsbürgern zu tun. Die diskrete Schlauheit, mit der dieser Roman gebaut ist, bringt der 1992 in Gotha geborenen Miku Sophie Kühmel gleich furios ausgeholte Verrisse ein: Die Besprechung unter dem Titel „Uckermärker Porzellan“ in der Zeit beginnt so: „Man kann nicht übersehen, wie viel Ambition und Bildung in diesem Debüt stecken“. Mehr muss man eigentlich nicht lesen. Der Rezensent mörsert weiter: „Die auktorialen Passagen wie die ausschweifenden Innerlichkeitsmonologe möchten durch Adjektivüberanstrengung den Eindruck des Literarischen erwecken.“ Oha, „möchten erwecken…“, Adjektivitätsüberanstrengung, was für ein Wort. Ihrem somit schlagartig aber beleglos attestierten „Kunst-Wollen“ unterstellt der Qualitätskritiker die Absicht, auf die Nominierung hin konstruiert gewesen zu sein. Was für ein Stuss. Mir hat der Roman ausnhemend gut gefallen, ich hab ihn in einer Nacht durchgelesen, obgleich mich weder die Eheprobleme eines schwulen Akademiker-Paars um die Vierzig mit Ferienhaus im Berliner Umland interessieren noch die einer Zwanzigjährigen mit gleich drei Helikoptervätern. Ein erstaunlicher und sehr kluger Debütroman, in dem eine junge Autorin nicht von sich, sondern von Figuren, Männern, einer anderen Generation erzählt. Ach und die Adjektive? Zu Vendig, ausgerechnet, schreibt Mike Sophie Kühmel den tollen, vor allem durch seinen spröden Minimalismus glänzenden Satz: „Auf dem Wasser ist es kälter als an Land“.
Mike Sophie Kümmel: Kintsugi, S.Fischer, Frankfurt 2019. 295 S., 21 Euro.
