Unwissen

Moralkritik, ethisch

Luhmann: Moral sei eine Immunreaktion moderner Gesellschaften auf Probleme, die sie anders nicht lösen kann. Die ganzen technokratischen, systemtheoretischen Ansätze sind halt doch tief in den Technofaschismus eingedrungen, bei aller Ehrfurcht vor Luhmann.
– momorulez

Das erschien mir heute auf der Timeline, und weil ich diese Beschuldigungen des heiligen Sankt Niklas als orthodoxer Luhmannianer nicht auf mir sitzen lassen kann, muss ich irgend eine Antwort schreiben.

Ja, der Technofaschismus rezipiert kybernetische Ansätze. Aber ich denke nicht, dass es genau dieser deutsche Zweig der Theorie ist, der Musk und Thiel und Vance und Konsorten beeinflusst. Da wird man in der französischen und dann englischen Rezeption (ich denke an das CCRU und Nick Land) wahrscheinlich eher fündig.1

Ich versuche jetzt einfach ein bisschen, die Moralkritik Luhmanns zu erklären. Sie hat, das behaupte ich mal, eine soziologischere und eine ethischere Dimension (eigentlich sind es einfach zwei (verschiedene?) Argumente).

Soziologie. Die vor-moderne Gesellschaftsform basierte auf Stratifikation, bestand also aus Schichten. Viele Bauern, ein paar Priester und Adlige, ein König, Gott. Dieses Schema wird in den Schichten wiederholt. Viele Kinder, ein paar Knechte und Frauen, ein Hofherr. Natürlich ist den Anweisungen des Gottes oder des Priesters, des Königs, des Lehnsherren, des Vaters … unbedingt folge zu leisten. Moral- und Wertvorstellungen konnten so ganz eindeutig kommuniziert und befolgt werden.

In der modernen, funktional-differenzierten Gesellschaft existiert kein Ort mehr, von dem Moralvorstellungen und normative Prinzipien verbindlich kommuniziert werden können. Wir können uns nicht mehr auf gemeinsame Werte berufen, normalerweise müssen wir das auch nicht. Im Gegensatz zur hierarchischen Schichtung der vor-modernen Gesellschaften besteht die Gesellschaft heute aus sich funktional differenzierenden Subsystemen. Es gibt kein dominierendes System, es gibt keine ansprechbare Gesellschaft und erst recht keine Repräsentation dieser Gesellschaft mehr. Stattdessen konstruiert jede dieser Funktionssystems-Monaden eine ganze Gesellschaft in sich. Das Wirtschaftssystem beobachtet alles über Preise, die Politik alles über Macht. Das Gesundheitssystem fragt nur, ob jemand behandelbar ist und die Massenmedien interessieren sich ausschließlich für Neues. Und das Wissenschaftssystem ist auch dabei.

Die Moral hat hier, so sieht es jedenfalls erstmal aus, keinen Platz mehr. Luhmann findet dann natürlich doch noch einen Platz für sie – in Interaktionssystemen und in den Protestbewegungen. Protest entsteht, wenn die Gesellschaft individuelle Erwartungen nicht erfüllt. Vielleicht ist das oben gemeint mit "Protest als Immunreaktion der Gesellschaft". Bleibt das Problem, dass man sich in der Moderne für seinen Protest nicht mehr auf geteilte Moralvorstellungen berufen kann. Wir glauben nicht mehr an Gott, wahrscheinlich nicht einmal mehr an Vernunft, und auch der Staat oder die EZB können die Gesellschaft in der Gesellschaft nicht mehr repräsentieren (eben nur noch für sich selbst, nicht mehr für das ganze System).

Zum Glück finden die Protestbewegungen (die in der Theorie Luhmanns eine seltsame Sonderstellung einnehmen, sie sind weder Organisationssystem noch Interaktionssystem, dann aber doch irgendwie Organisationssystem, aber sie Organisieren nicht Entscheidungen, sondern Motive …) eine funktionale Alternative zur Kommunikation von Moral: die Kommunikation von Angst. Die Klimabewegung ist ein schönes Beispiel, aber natürlich haben auch die Faschisten Angst vor "dem großen Austausch" … Angst jedenfalls hat den Vorteil, dass sie – wie früher Moralvorstellungen – geteilt wird. Hier könnte man einen affekttheoretischen Apparat an die Systemtheorie anschließen, aber das mache ich ein andermal. Allerdings hält die Angst nicht ewig an. Gerade am Beispiel der Klimakatastrophe zeigt sich das "Problem", dass es in Mitteleuropa zu wenige Extremwetter-Ereignisse gibt. Eine allgemeine Angst stellt sich nicht-, der Klimaschutz schläft ein.2

Ethik. Moral ist die Unterscheidung von Gut und Schlecht. Sie dient der Bewertung von Verhaltensweisen oder Personen, als Regel bezeichnet sie Bedingungen, unter denen sich Personen achten oder missachten.

Wenn soziale Systeme einen gewissen Komplexitätsgrad erreichen, zum Beispiel so viele verschiedene Perspektiven akzeptiert sind, dass sie inkommensurabel werden, taucht ständig unmoralisches auf. Jemand verhält sich aus meiner Perspektive falsch, aus seiner Perspektive richtig, und aus einer ganz anderen Perspektive verhält er sich gar nicht. Man könnte fragen, warum jemand erlebt, wie er es tut, aber handelt sich ein Komplexitätsproblem ein. Man könnte dieses Problem des moralischen Relativismus durch eine Relativitätstheorie lösen und die Standpunkte aller anderen durch Lorentztransformationen in den eigenen Bezugsmollusk integrieren, damit das Sittengesetz bestand hat. Aber Luhmann wählt einen anderen Weg, akzeptiert die Pluralisierung der Moral und stellt – ganz empirisch – fest, dass unmoralisches Verhalten jetzt ständig auftaucht und einfach toleriert wird. Semantisch wird diese neue Toleranz begleitet von explizit a-moralischen Schriften, de-Sade und Mandeville liefern den Soundtrack zum Ende der Moral.

Hier entsteht aber auch das Bedürfnis für Ethik – also eine Reflexion der Moral im Moralcode. Die Frage wird jetzt: Ist es moralisch, in dieser Situation moralisch zu Urteilen? Und weil in der pluralen Situation ist eine konsequente Anwendung moralischer Regeln nicht mehr möglich ist, lässt man es lieber.

Es lohnt sich vielleicht, die Missachtung mit ihrer Konsequenz – der Exklusion der Missachteten – zu verbinden und zu überlegen, ob sich hier nicht eine latente Funktion von Moral zeigt. Wird im Moralcode etwas als schlecht und missachtenswert beobachtet, befindet sich der Beobachter währenddessen auf der anderen Seite der Unterscheidung. Wer moralisch Urteilt, hält sich selbst für moralisch. Jede Kommunikation von Moral erzeugt ein gutes, achtenswertes Innen und ein schlechtes, missachtenswertes Außen. Die Kommunikation von Moral erzeugt Inklusions- und Exklusionseffekte.

Beobachten lässt sich das sehr gut im öffentlichen Umgang mit Diskriminierung. Die Logik ist einwandfrei: Rassismus ist schlecht, und wir sind gut. Deswegen können wir keine Rassisten sein.

The mainstream press viewpoint is that no one mainstream is racist, and therefore, as ideas approach the mainstream, they become less racist
– Will Stancil

Und auch in die andere Richtung funktioniert das. Antisemitismus ist schlecht und kann deswegen kein "normales" Phänomen sein, das die Mehrheitsgesellschaft prägt und dort bekämpft werden muss. Stattdessen kommt er von außen, wird marginalisierten Gruppen zugeschrieben und "importiert".3

Also. Die Kommunikation von Moral funktioniert nicht mehr verlässlich, weil es in der Moderne keine Basis mehr für moralische Argumente mehr gibt. Wird trotzdem moralisch argumentiert, ist das moralisch mindestens Fragwürdig, weil wir in einer pluralen, polykontexturalen Gesellschaft leben (Luhmann findet dafür den schönen Begriff des semantischen Überhangs). Gleichzeitig wirkt moralische Kommunikation immer auch exkludierend und steht damit letztendlich dem, was wir wollen – nämlich eine inklusive Gesellschaft – entgegen. Vielleicht zeigt das, warum die Moralkritik von Luhmann dann gerade auch für Progressive Anschlussfähig ist.

Lesen kann man dazu zum Beispiel: Soziale Systeme (120f), Die Gesellschaft der Gesellschaft (708, 743-749, 894f) und "Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?".

  1. Karp, der seine Dissertation ja unter anderen auch Luhmann vorgelegt haben soll, befasst sich in dieser (aber? – Parsons ist ja auch Brite) eingehend mit Parsons, an den Luhmann immerhin (anfangs) anknüpft.

  2. Problem ist hier vor allem, dass Funktionssysteme schnell Immun gegen die Kommunikation von Angst werden. Stattdessen müssen die durch den Klimawandel entstehenden Probleme für die Funktionssysteme "übersetzt" werden, um Anschlussfähig zu sein – man erfindet einen C02 Preis, um die Wirtschaft anzupassen und einen Hitzschlag, um das Gesundheitswesen zu informieren.

  3. Dieser Prozess wird beschrieben in FĂĽr einen nicht-karzeralen Anti-Antisemitismus.