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Der Streik – Lebensqualität in der Stadt, wenn Busse und Bahnen still stehen

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Vor ein paar Tagen haben die Menschen, die jeden Tag früh aufstehen und die Busse und Bahnen in unserer Stadt lenken, die Arbeit niedergelegt und dafür gekämpft, gerechter entlohnt zu werden. Drei Tage blieben die Fahrzeuge im Depot und wir mussten uns Gedanken machen, wie die Kinder in die Schule kommen.

Das ging nicht nur uns so, die halbe Stadt brauchte eine Alternative. Die Straßen waren voller als sonst mit Autos, und gleichzeitig gingen mehr Menschen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad. Es schien, als ob die Menschen ihren normalen Routinen entrissen worden waren und sich in ihrem Unterwegssein neu zurechtfinden mussten: Routinierte Autopendler trafen auf ungeübte Fahrradfahrende, Schulkinder, die unsicher an Kreuzungen standen, noch mehr Eltern, die ihre Kinder chauffierten. Die Straße voll, die Menschen gereizt.

Ein Autofahrer, anscheinend in seiner gewohnten Geschwindigkeit ausgebremst, weil vor ihm zwei Kinder auf dem Fahrrad unterwegs sind, die wiederum ganz offensichtlich an anderen Tagen mit der Bahn fahren, überholt die beiden ganz knapp, dafür aber mit umso höherer Geschwindigkeit. Warum er sich so verhalten hat, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht war es die fünfte Radfahrgruppe, auf seinem Weg ins Büro, und er hat die Geduld verloren. Vielleicht stand ein Termin mit der Chefin an und er hat befürchtet, zu spät zu kommen. Vielleicht ist es einfach nur ein rücksichtsloser Charakter am Steuer eines motorisierten Fahrzeuges. Er war das Hindernis los, den Kindern blieb der Schreck.

Auch meine Kinder haben Fahrräder. Die Schule ist nicht allzu weit entfernt, der Weg gut machbar. Sie fahren regelmäßig, aber normalerweise ist die Bahn bequemer – die Haltestelle liegt vor der Tür und es sind nur drei Stops bis zur Schule. Also fahren sie lieber mit der Straßenbahn, als dass sie sich für das Fahrrad entscheiden. Es gibt aber Tage, dann nehmen sie doch das Fahrrad, wenn sie sich etwas mehr bewegen wollen oder das Wetter sie einlädt. Vollkommen in Ordnung – normalerweise. Vollkommen schwierig, wenn ich vor Augen habe, dass da draußen Fahrer unterwegs sind, die offensichtlich nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn einen ein 55 km/h schnelles Auto mit einem Abstand von 45 Zentimetern überholt. Ich wollte meine Kinder nicht auf solche Straßen lassen. Nein. Also habe ich sie doch chauffiert.

Eigentlich hat der Streik im Nahverkehr die Situation auf den Straßen nur das intensiviert, was im Alltag verborgen bleibt. Ich kann jetzt besser verstehen, warum so viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. Es ist nicht nur Sorge, es ist Angst, dass den Kindern unterwegs etwas passiert. Und ich frage mich: Wieviel angenehmer wäre wohl das Leben, wenn man frei von Sorge seine Kinder draußen ihren Weg gehen lassen kann?

Jan Gehl gibt eine Antwort. Er ist Architekt und Stadtplaner, leitete viele Jahre die Abteilung für Stadtplanung in Kopenhagen und war mitverantwortlich dafür, dass die Stadt heute als ein Ort gilt, an dem sich Menschen ausgesprochen wohl fühlen. Warum es vielerorts anders ist, beschreibt er in „Städte für Menschen“. Die Lokalpolitik und Stadtplanung habe sich in den letzten Jahrzehnten darauf konzentriert, dem Automobil in Form von Straßen und Plätzen immer mehr Raum zu geben und die Bedingungen für einen zügigen Autoverkehr zu verbessern. Ganz zu Lasten von Menschen zu Fuß und auf dem Fahrrad. Seine Lösung hört sich radikal an: eine Rückbesinnung auf eine Stadtgestaltung, die den Menschen zum Maßstab hat – die Stadt sollte nicht vom Automobil, sondern vom Menschen her gedacht werden. Funktionieren kann das nur, wenn sich Geschwindigkeiten sowie Straßen- und Platzzuschnitte an einem menschlichen Maß orientieren – Langsamverkehr, Nahmobilität und Platz für Begegnungen zwischen Menschen sind daher die zentralen Bestandteile lebenswerter Städte.

Nachdem ich die Kinder an der Schule abgesetzt habe, geht mir genau das durch den Kopf: Straßen, in denen sich Menschen geborgen fühlen – das wäre ein Anfang.


Gehl, Jan (2015): Städte für Menschen. 2. Auflage. Berlin: Jovis.

Beitragsbild von Matthew LeJune auf Unsplash


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Mathes Wilde (28. März 2026). Der Streik – Lebensqualität in der Stadt, wenn Busse und Bahnen still stehen. Ungefähr richtig. Abgerufen am 16. April 2026 von https://ungefaehr.hypotheses.org/1308