Das Buch des Monats Juni 2026
Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit. Gedichte, 2. Auflage, München: Piper, 1957.
Ulm, Stadtbibliothek, 50 914
Es kommen härtere Tage.
Bachmann, Die gestundete Zeit, 16
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Das Magazin „Der Spiegel“ machte die Augustausgabe 1954 mit dem Porträt einer jungen österreichischen Lyrikerin auf, seltsamerweise mit „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“ untertitelt. Ingeborg Bachmanns erster Gedichtband „Die gestundete Zeit“ war gerade in Deutschland erschienen. Das Buch des Monats Juni erinnert zu ihrem 100. Geburtstag an Bachmanns steilen Aufstieg in der literarischen Welt Nachkriegsdeutschlands.
Der anonyme Spiegel-Artikel trug viel dazu bei, Ingeborg Bachmann schlagartig einem größeren Publikum bekannt zu machen, doch zu Wort kam sie darin kaum. Es ist eine seltsame Mischung aus Gedichtinterpretation, Referat über die traditionelle Sehnsuchtsbeziehung deutscher Künstler zu Rom und Überblicksdarstellung der drei angeblich in Deutschland lebenden „ausgeprägten Lyriker-Generationen“ – wobei Nationalität und Wohnort offenbar egal sind, deutsch ist, wer auf Deutsch dichtet. Nur lose zusammengehalten wird das durch die im Ton unangenehmen Ausführungen zu Bachmanns Person und ihrer Lyrik.1 Der Artikel vermittelt damit auch einen Eindruck davon, was Ingeborg Bachmann an Werturteilen und Abwertungen entgegenschlug, als sie antrat, für sich ein Leben als Schriftstellerin aufzubauen.
Der scharfe Intellekt der Doktorin, das also, was romantische Zeiten als einer lyrischen Begabung feindlich ansahen, befähigt sie zum Gedichtemachen nach moderner Auffassung.
Der Spiegel, Stenogramm der Zeit, 28
Wie wird man Dichterin?
Ingeborg Bachmann, geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt in Kärnten, wächst in einem geistig regen, behüteten Umfeld auf. Der Vater vor allem fördert und fordert seine intelligente älteste Tochter. Die Familienbande sind eng, Bildung und Anstand werden hochgehalten. Matthias Bachmann tritt aber bereits 1932 in die damals in Österreich verbotene NSDAP ein, 1939 wird er eingezogen. Die Mutter Olga unterstützt ihre Tochter dabei, sich um den BDM zu drücken. Weil sie ihre Matura abschließen will, harrt die 18jährige Ingeborg Bachmann alleine im zerbombten Klagenfurt aus, während die Mutter mit den jüngeren Geschwistern Schutz auf dem Land sucht. Als der Krieg zu Ende ist, beginnt Ingeborg Bachmann das ersehnte Studium, in Wien promoviert sie über Martin Heidegger. Sie arbeitet für den amerikanischen Rundfunk – aber eigentlich will sie schreiben.

Ingeborg Bachmann liest “Die gestundete Zeit” via Lyrik Line:

Abb. 01 Ingeborg Bachmann bei einer Pressekonferenz 1960, Fritz Peyer
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Fritz Peyer, CC BY-SA 4.0
Wie wird man Dichterin? Ein hoffnungsvoller Weg zum literarischen Erfolg führt im Deutschland der Nachkriegszeit über die Gruppe 47 – ein Kreis von geladenen Literaturschaffenden, Kritikern und Verlagsleuten, in dem bei regelmäßigen Treffen neue Arbeiten vorgelesen und diskutiert werden.2 Diese Gruppe sollte im deutschen Kulturbetrieb enorm einflussreich werden. Eine Einladung bedeutet für aufstrebende Literat*innen (deutlich mehr Männer als Frauen) die richtigen Leute zu treffen.
Das erste Treffen der Gruppe 47, zu dem Ingeborg Bachmann eine Einladung erhielt, fand im Mai 1952 an der Ostsee in Niendorf statt. Es liest sich in der Rückschau als Mischung von Männerbund, taktischer Selbstinszenierung, Peinlichkeiten, Drama – sicher ein nicht leicht zu navigierendes Terrain.3 Den Preis der Gruppe 47 gewann bei diesem Treffen Ilse Aichinger (1921-2016). Aichinger hatte 1950/51 mit Inge Scholl an der vh Ulm gearbeitet – die übrigens dieser Tage 80. Geburtstag feiert.4 In Ulm lernte Aichinger den Organisator der Gruppe 47 kennen, Hans Werner Richter, der wiederum mit Scholl und Otl Aicher befreundet war und anfangs an der Konzeption der Hochschule für Gestaltung mitwirken sollte (Vgl. zur HfG “Vom Kuhberg in die Welt“). Mit Ilse Aichinger verband Ingeborg Bachmann eine für die angehende Dichterin wichtige Freundschaft, bei Aichinger in Wien begegnete Bachmann auch das erste Mal Hans Werner Richter. Sie überzeugte ihn davon, sie selbst und ihren Freund Paul Celan zur Gruppe 47 einzuladen.
Ingeborg Bachmann ist die einzige Autorin, die in keiner Darstellung, keinem Sammelband und keiner Erinnerung an die Gruppe 47 fehlt.
Seifert, Einige Herren, 84
Ingeborg Bachmann hatte auf die Einladung der Gruppe 47 gehofft, darauf hingearbeitet und sie nutzte die sich ihr bietende Möglichkeit. Der deutsche Rundfunk war damals eine gute Möglichkeit für Autor*innen Geld zu verdienen und dessen Vertreter waren ebenso anwesend wie Literaturressortleiter und Verleger.5 Während Paul Celan, den die Umgangsformen unter den ehemaligen Wehrmachtssoldaten der Gruppe 47 abgestoßen hatten, an keinen Treffen mehr teilnahm, wollte Bachmann die deutsche Literaturwelt für sich gewinnen: „Bachmann hatte sich für Deutschland entschieden, wo sie sich zwar nie länger als übergangsweise niederlassen sollte, das ihr für die Entwicklung ihrer schriftstellerischen Selbstständigkeit aber unentbehrlich war.“6 Bachmann wurde nicht einfach „entdeckt“ und dann von einflussreichen Männern in die Höhen der Literaturwelt erhoben, sie arbeite aktiv auf ihre Karriere hin.
Im Mai 1953 bekam Bachmann in Mainz den Preis der Gruppe 47 verliehen, kurz darauf erschien ihr erster Gedichtband „Die gestundete Zeit“ in Deutschland. Der Preis ging mit einem erheblichen Prestige in intellektuellen Kreisen einher und zog auch Lesungen und andere Engagements nach sich. Es folgte die breite Öffentlichkeit durch den Spiegel-Artikel, der auch für Bachmanns Networking eine große Sache war: „die bundesrepublikanische Elite las den Spiegel.“7 Ein Leben als Schriftstellerin mit allen finanziellen Unwägbarkeiten schien Bachmann, die Wien Richtung Italien verlassen hatte, nun möglich. Ein Anfang war gemacht.
Die gestundete Zeit
Die politische Dimension der Gedichtsammlung „Die gestundete Zeit“ stand für das Publikum lange nicht im Vordergrund, ist aber unübersehbar. Sie zeigt sich an den zentralen Themen Erinnerung und Gedächtnis und durch „die durchgängige Haltung des Widerstands gegen die restaurativen Tendenzen der Zeit.“ Das Titelmotiv der gestundeten Zeit ist zu verstehen als „die nichtgenutzte, schon wieder schwindende Chance eines Neubeginns nach 1945.“8 Bachmann suchte eine Sprache, mit der dichten nach Auschwitz möglich war. Ihre Sensibilität für diese Ausnahmesituation kam vielleicht aus dem Bewusstsein der eigenen familiären Verstrickung, obwohl Bachmann über den frühen Eintritt ihres Vaters Matthias in die NSDAP öffentlich nicht sprach. Sie entwickelte sie auch in ihren Beziehungen zu Menschen, die von den Nazis verfolgt worden waren und für die die Restauration der Vorkriegsverhältnisse undenkbar war: Dem intellektuellen britischen Besatzungssoldaten Jack Hamish, den ein Kindertransport aus Wien gerettet hatte und den Bachmann direkt nach Friedensschluss kennenlernte, Paul Celan und Ilse Aichinger.9 Auf deren Roman „Die größere Hoffnung“ nimmt gleich das erste Gedicht „Ausfahrt“ in Bachmanns Gedichtband Bezug.10
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
Bachmann, Alle Tage, 27
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
…
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Wir zeigen die zweite, leicht überarbeite Ausgabe vom Piper-Verlag. Der Band wurde 1958 nicht für die Volksbücherei erworben, die bis 1968 als eigenständige Institution für die Literaturversorgung der Bevölkerung bestand, sondern für die im Wiederaufbau befindliche Stadtbibliothek. Diese erfuhr seit den 1950er-Jahren mit einen erheblichen Etatanstieg den Ausbau zu einer universalen Bibliothek mit allen Wissenschaftsbereichen, wobei der traditionelle geisteswissenschaftliche Schwerpunkt aber erhalten blieb.11

Ausgestellt ist zudem der originale Spiegel-Artikel von 1954 zu Ingeborg Bachmann in Rom. Die Stadtbibliothek verfügt über gebundene Jahrgängen des Spiegels seit dem Ersterscheinen 1947 bis in die 60er-Jahre. Mit den Titelcovern und Werbeanzeigen handelt es sich um Zeitdokumente der bundesrepublikanischen Gesellschaft.
Bachmann lesen in der Glaspyramide
Wer sich (wieder) mit Ingeborg Bachmann beschäftigen möchte, findet in der Glaspyramide viel Lesestoff. Neu erschienen zum 100. Geburtstag ist die Biographie der Literaturwissenschaftlerin und ausgewiesenen Bachmann-Expertin Andrea Stoll „Zwei Menschen sind in mir“ (vgl. schon „Der dunkle Glanz der Freiheit“ von 2013). Wer sich vor allem für Bachmanns Person und die Kontroversen interessiert, die sich um Leben und Tod der Dichterin ranken, hat in Ina Hartwigs „Wer war Ingeborg Bachmann?“ eine flüssig zu lesende und anregende Lektüre. Im 1. OG am Standort Werke, Bachmann und Lit 275 Bachmann finden sich weitere Bücher von und über Bachmann sowie die verschiedenen Briefwechsel mit Max Frisch, Paul Celan , Hans Werner Henze. Und noch ein Tipp für die Ulmer*innen: Im Rahmen des Ulmer Lyriksommers stimmt die Abendveranstaltung „Land meiner Wahl“ zu Ehren Bachmanns in das Werk der großen österreichische Autorin ein.
Literatur
Stenogramm der Zeit, in: Der Spiegel. Augustausgabe, 8 (1954), 27-30. Standort 35 521-8.1954,2
Albrecht, Monika/Göttsche, Dirk (Hg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart Weimar 2002. Standort: Lit 275 Bachmann, I 8
Hartwig, Ina: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken, Frankfurt am Main 2017. Standort: Lit 275 Bachmann, I 8
Höller, Hans: Die gestundete Zeit. Text-Geschichte und Komposition des Lyrikbandes, in: Albrecht, Monika/Göttsche, Dirk (Hg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart Weimar 2002. Standort: Lit 275 Bachmann, I 8
Seifert, Nicole: Einige Herren sagten etwas dazu. Die Autorinnen der Gruppe 47, Köln 2024. Standort: Lit 275,4 Sei
Stoll, Andrea: Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit, München 2013. Standort: Lit 275 Bachmann, I 8
Stoll, Andrea: „Zwei Menschen sind in mir“. Ingeborg Bachmann, eine Biografie, München 2026. Standort: Lit 275 Bachmann, I 8
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- Vgl. zum Spiegel-Artikel und dem möglichen Verfasser Hartwig, Bachmann, 23-34.[↩]
- Vgl. zur Entstehungsgeschichte der Gruppe 47 Seifert, Einige Herren, 14-16.[↩]
- Vgl. Stoll, Der dunkle Glanz, 114-122; Hartwig, Bachmann, 51-57 u. 69f.; Seifert, Einige Herren, 60-108.[↩]
- Vgl. Ivanovic, Ilse Aichinger in Ulm, 12-14.[↩]
- Der Spiegel-Artikel von 1954 ätzt: „Als die Kennerin solcher bei Feuilleton und Funk stellenweise hoch gehandelten Themen [d.h. Heidegger, Wittgenstein, Wiener Schule] an der Manuskript-Börse der „Gruppe 47“ aufgetaucht war, konnte sie von der Plattform der Honorar-Erträge bald den Absprung nach Rom wagen.“[↩]
- Stoll, Der dunkle Glanz, 127.[↩]
- Hartwig, Bachmann, 23.[↩]
- Vgl. Höller. Die gestundete Zeit, Zitate auf S. 57.[↩]
- Vgl. Stoll, Der dunkle Glanz, 90f.; Stoll, Zwei Menschen, 104f.108-120.[↩]
- Vgl. Höller, Die gestundete Zeit, 60f.[↩]
- Vgl. Breitenbruch/Wiegandt, Städtische Bibliotheken, 90.[↩]
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Pia Eckhart (2. Juni 2026). 100 Jahre Ingeborg Bachmann. Ulm 1516. Abgerufen am 6. Juni 2026 von https://doi.org/10.58079/16bfo