verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Aushängeschilder (Seite 1 von 10)

Ladenbeschriftung, Schaufenster, Fassadenwerbung, Leuchtreklame, Werbetechnik – hier findet sich alles, was Gewerbetreibende rund um Gebäude oder Ort ihres eigenen Betriebs an (potenzielle) Kunden richten.

17.04.2026

Heute folgt das vorerst letzte Foto mit einem typographischen Fundstück aus Kopenhagen. Fotografiert habe ich die Beschriftung dieses alten Gasthauses am Kanal Nyhavn nahe dem Stadtzentrum.

»Der Nyhavn (dänisch für ›neuer Hafen‹) ist ein zentraler Hafen in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Der 1673 fertiggestellte Kanal Nyhavn wurde in Auftrag gegeben, um einen Stichkanal vom Kopenhagener Hafen zum Platz Kongens Nytorv zu schaffen. Die farbenfrohen Giebelhäuser an beiden Seiten des kleinen Hafenarms entstanden vorwiegend im 18. und 19. Jahrhundert. Das Hafenmilieu brachte frühzeitig zahlreiche Tavernen hervor, und die Gegend ist bis heute mit ihren vielen Restaurants, Bierstuben und Tanzlokalen neben der Istedgade eines der bekanntesten Vergnügungsviertel Kopenhagens.«

Quelle: WIkipedia, »Nyhavn«

Es ist ja manchmal so an solchen touristischen Brennpunkten, dass vor lauter Besucher*innen, Shoppingflanierenden, Sonnenschirmen, Markisen, dicht möblierten Außenbereichen, Straßenkünstler*innen und Radfahrenden die Fassaden der Gebäude optisch etwas ins Hintertreffen geraten. Gleichwohl lohnt es sich, auch an wuseligen touristischen Orten ab und zu innezuhalten und sich umzuschauen, um abseits des Trubels ein Auge auf Details zu werfen.

Das Gasthaus »Nyhavns Færgekro« mit seiner einst weißen, seit ca. 2011 jedoch leuchtend blauen Fassade, befindet sich nur zwei Häuser links des ältesten Gebäudes an diesem Straßenzug, welches im Jahr 1681 an der Adresse Nyhavn 9 erbaut wurde. Etwa 50 Jahre später, um das Jahr 1736, entstand dann an der Hausnummer 5 das Bauwerk auf dem Foto, zunächst als zweistöckiges Gebäude. In den folgenden rund 100 Jahren wurde es in Etappen um zwei Etagen aufgestockt und diente offenbar zunächst als städtisches Wohnhaus. Das Hinterhaus mit Keller und drei Stockwerken wurde 1757 im Auftrag des Gastwirtes Lorentz Svendsen erbaut. 

»Færgekro« bedeutet auf Deutsch »Fährkrug« oder »Fährhaus« (Færge = dän. Fähre; Kro = dän. Krug, Gasthaus, Wirtshaus, Gaststätte). Es handelt sich um ein traditionelles, oft historisches Gasthaus oder Hotel, das direkt an einem Fähranleger liegt. Zumeist bieten Færgekroen neben Gastronomie auch Übernachtungsmöglichkeiten an und ihre Lage gewährt Blick auf das Wasser.

Obwohl der heutige Restaurantbetrieb nach eigenen Angaben erst im März 1983 eröffnete, taucht der historische Schriftzug an der Fassade bereits auf einer um 1930 gedruckten Postkarte, auf einem alten Foto aus dem Jahr 1938 und einem weiteren undatierten Bild, vermutlich aus Mitte der 1950-er Jahre, auf. Somit gab es wohl schon früher ein Wirtshaus dieses Namens, wenngleich dazu im Netz leider keine weiteren Daten auffindbar sind.

Belegt ist jedoch, dass sich in Nyhavn 5 um 1911/1912 einst die Büros der White Star Line befanden – der Reederei, die Fahrkarten für die »RMS Titanic« verkaufte. Wenn man genau hinschaut, sollen auf den erhaltenen historischen Fensterscheiben des Hauses noch immer die Namen der Reiseziele »New York«, »São Paulo« oder »Rio de Janeiro« erkennbar sein, die damals zu Werbezwecken in das Glas eingraviert wurden. Die meisten Passagiere, auch jene aus Skandinavien, waren Auswanderer, die sich aufmachten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen und buchten zumeist die günstigsten Tickets in der 3. Klasse. Im Hafen Southhampton gingen Aufzeichnungen zufolge 196 Passagiere aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland an Bord. Zu 12 der dänischen Passagiere ist online sogar eine Namensliste einsehbar. Es ist tatsächlich Zufall, dass dieser Blogbeitrag heute online geht, nur drei Tage, nachdem sich die Katastrophe um dieses legendäre Schiff mit rund 1.500 Todesopfern zum 114. Mal jährt, denn ich recherchiere zu den einzelnen Motiven erst tiefergehend, während ich an den vorab datierten Beitragsentwürfen arbeite und darin nach und nach meine zusammengetragenen Erkenntnisse miteinander verknüpfe.

Die Ursprünge des Schriftzuges an der Fassade zu ergründen ist nicht ganz einfach. Ungewöhnlich sind daran die spiraligen Verzierungen an den Initialen sowie an y, s, und g. Eine ähnliche Form des y findet sich auf der Seite eines gedruckten Buches aus dem Jahr 1750. Auch der ausladende gebogene Aufstrich am v ist eher untypisch für frühe gebrochene Schriften, deren Formen auf dem Duktus einer Breitfeder beruhen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des Klassizismus, machten sich Schriftgestalter daran, die Formen der gebrochenen Schriften zu modernisieren. Der Drucker Johann Friedrich Unger aus Berlin entwickelte zwischen 1785 und 1794 mit der »Unger-Fraktur« eine solche Schrift, die sich bereits deutlich von den historischen Buchstabenformen löste und deren strenge Anmutung in Richtung modernerer Antiqua-Schriften öffnete. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden nach und nach weitere »modernisierte« Frakturschriften in diesem Sinne, so z. B. die »Aristokrat« (Albert Auspurg, 1912), die eine entfernte Ähnlichkeit zu dem Schriftzug des Kopenhagener Wirtshauses zeigen. Auch üppiger verzierte Varianten, auch »Kanzleischriften« genannt, entstanden vielfach in dieser Zeit.

Ein wahrer Glücksfund bei der Recherche war ein hochauflösendes historisches Motiv des dänischen Fotografen Peter Elfelt (1866–1931) aus dem Bestand digitaler Fotografien der Königlichen Dänischen Bibliothek. Ganz links am Rand kann man darin (inklusive der Hausnummer 5) das heutige Wirtshausgebäude erkennen. Anhand der im Kanal vertäuten Schiffe wird das Bild in Forendiskussionen datiert zwischen 1906 und 1931. Damals befanden sich an der Fassade, wie man sieht, noch die Werbeschriftzüge der Reedereien. Der Schriftzug »Nyhavns Færgekro« muss also zwischen frühestens 1911/12 (Zeitraum des Ticketverkaufs für die »Titanic«) und ca. 1930 (Motiv der o.g. Postkarte) angebracht worden sein.

Es war wieder ein spannendes Fundstück – ich hätte nie gedacht, dass mich die Geschichte dieser im Vorbeigehen geknipsten Fassade diesmal sogar bis zur tragischen Legende der »Titanic« führen würde. 🔠 🚢

Weiterführende Links

➡️ Sehr sehenswerte 4-teilige Doku-Reihe auf arte zum genauen Hergang des Untergangs der »Titanic« – »Titanic – die Nacht der Katastrophe«, in der arte-Mediathek abrufbar bis zum 03.12.2026:
https://www.arte.tv/de/videos/RC-027714/titanic-die-nacht-der-katastrophe/

13.04.2026

Einen vorletzten Schnappschuss aus Kopenhagen für ein typographisches Montagsbonbon habe ich noch anzubieten … 🙂

In direkter Nachbarschaft meiner letzten Unterkunft kam ich regelmäßig auf dem Weg von der Ziel-Metrostation Enghave Brygge zum Hauseingang an einem großen, mit Bauzäunen abgesperrten Areal am Kanal Sydhavn vorbei. Auf den Bauzäunen wurde die Errichtung eines dreiteiligen Neubaugebietes mit mehr als 1.000 Wohnungen auf drei in den Kanal vorgelagerten, künstlich angelegten Landzungen angekündigt. Jedes der drei Wohnanlagen trägt einen eigenen Namen – Lanternebryggen, Ankerbryggen und Sejlbryggen. Auf der Website des Bauprojekts visualisieren Renderings, wie das Siedlungsprojekt letztlich aussehen soll. »Bo ved vandet i byen« heißt es da – »Wohnen am Wasser in der Stadt«. Im Gegensatz zu Deutschland mit rund 47 % liegt die Wohneigentumsquote in Dänemark bei über 60 %. Insofern ist es nicht unüblich, dass bei solchen Projekten mehrheitlich Eigentumswohnungen entstehen, aber die Projektgesellschaft kündigt auch Mieteinheiten an. Ich persönlich finde die modern interpretierte Backstein-Architektur der Wohnhäuser sehr gelungen. Überhaupt fällt mir in Kopenhagen immer wieder auf, dass Stadtwohnungen fantasievoller und ästhetischer als in vielen deutschen Städten und mit klarerem Fokus auf die Lebensqualität der Bewohner konzipiert zu werden scheinen.

Der Name des gesamten Bauvorhabens ist identisch mit dem Stadtviertel – Enghave Brygge Syd – und an dem Bauzaun war auf großen schwarzen Bannern u. a. auch das übergreifende Logo plakatiert. Ich finde, die fetten, modernen Grundformen kontrastieren ansprechend mit den Freiräumen, die durch das Weglassen von Buchstabenelementen entstehen. Weil mir die Wortmarke so gut gefiel, habe ich sie fotografiert. Das Design stammt vermutlich von der auf Immobilienprojekte spezialisierten, aus Schweden stammenden Marketingagentur Make Moves AB mit Büros in Malmö, Kopenhagen und Odense.

Ebenfalls aus der Website wird ersichtlich, welche Schriftart für das Corporate Design des Projekts ausgewählt wurde und die gleichzeitig auch die Basis für das Hauptlogo darstellt. Sie heißt »IvyMode«, stammt von dem dänischen Type Designer Jan Maack bzw. seinem Schriftbüro Ivy Foundry und wurde im Jahr 2018 veröffentlicht.

Die Wortmarke »SYD« arbeitet mit dem Stilmittel des Weglassens von Formelementen, wobei Erkennbarkeit und Lesbarkeit erhalten bleiben. Ich hatte hier im Blog früher schon einmal ein Logo auf Basis dieses Gestaltungsprinzips vorgestellt.

Bei dieser Gegenüberstellung kann man sehr schön sehen, wie bedeutsam harmonische Zwischenräume für die Gesamtwirkung sind (Die Buchstaben links stehen relativ zueinander an denselben Positionen wie die bearbeiteten Zeichen rechts!). Die Abstände im linken Arrangement wirken jedoch unharmonisch – der Abstand vom S zum Y ist größer als der vom Y zum D. Im Ensemble rechts hingegen entsteht durch das Fehlen des oberen S-Bogens und des Aufstrichs beim Y ein angenehmer und ausgeglichener Eindruck. Der/die Logo-Designer*in hat die Abstände somit nach der Modifikation optisch passend nachjustiert.

Ich finde, diese Wortmarke ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man mit minimalen Mitteln, ganz ohne den Einsatz von Farben oder hinzugefügten Bildelementen, allein aus einer sorgsam ausgewählten Schriftart und mit gestalterischem Sachverstand ein Logo entwickeln kann, das ästhetisch, originell, modern und merkfähig ist. Like! 🤓 🔠 🧱

03.04.2026

Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.

Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:

»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.

Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.

Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.

[…]

Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«

(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)

QUelle: Regionale Kinogeschichte

Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil« (deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.

Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.

Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.

Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.

1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit.
🤓 🔠 🎞️

30.03.2026

Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.

Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.

The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

QUelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlun als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

09.03.2026

An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.

Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.

Guten Appetit! 🤓 🔠 🌮

1. »MMH ♥︎ BURRITOS« – Hamburg (Januar 2025), Schriftart unbekannt.
2. »LECKER YAMM YAMM« – Hamburg (August 2020).
3. »Oder Reis« – Hamburg (August 2022).
4. »Super lecker Fettbemme« – Dresden (September 2018, Schriftarten von oben nach unten: Arial Black, Shelley Script, Comic Sans, Cooper Black Italic).

27.02.2026

Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.

Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.

Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!

Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.

Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«

Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.

Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.

Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:

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»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder,
winkst du Berlin, dann besingst du die Spree.
Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe
und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast!
Da wird der Empfänger dir beschert,
den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«

Quelle: Youtube (s.o.)

Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.

Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.

Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:

Turn the Radio on! 🤓 🔠 📻

06.02.2026

Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.

Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:

»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«

QUelle: Wikimedia Commons zu einem Foto des Users »Wikifreund«

Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:

»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«

QUelle: strohsemmeln.de

Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:

»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«

QUelle: Lippische Landes-Zeitung, 16.09.2015

»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«

Quelle: Lippische Landes-Zeitung, 06.08.2009

Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.

Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.

Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:

  1. Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
  2. Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  3. Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  4. Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  5. Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  6. Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.

Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯


Lemgoer Strohsemmeln

Zutaten:
500 g Weizenmehl
1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe
1,5 EL Zucker
1 gestr. EL Salz
ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.)
Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)

Zubereitung:
Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.

Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.

Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.

In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.

Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.

Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.

26.01.2026

Um neue Schrift- und Buchstaben-Fundstücke zu sammeln, gehe ich manchmal ganz bewusst einige Stunden und »einfach der Nase nach« auf Fotosafari, insbesondere auf Reisen. An den Orten meiner Arbeits- und Lebensmittelpunkte hingegen treffe ich oft rein zufällig und im Vorbeigehen – etwa auf Besorgungstouren oder auf Fußweg-Routen zu Jobterminen – auf interessante Entdeckungen.

Eine solche Zufallsentdeckung ist auch das letzte typographische Montagsbonbon, das ich in Hamburg an einer belebten Durchgangsstraße fotografierte. Die typische Gewerbemischung der Läden und kleinen Geschäfte an solchen mehrspurigen innerstädtischen Straßen kennen wir wohl alle – es sind beispielsweise Versicherungsbüros, Fahrschulen, Nagelstudios, Schlüsseldienste, Perückensalons, Imbisslokale oder – Änderungsschneidereien.

Die Tafel im Bild ist eigentlich nichts Besonderes; sie fiel mir hauptsächlich deshalb auf, weil sie sich im Umfeld der benachbarten Geschäfte von den glatten, digital gedruckten oder mit Folienbuchstaben beklebten Schaufenstern auf eine fast anachronistische Art abhob. Ein paar kuriose Details könnte man noch anmerken, zum Beispiel den gekürzten REISVERSCHLUSS in der vierten Zeile oder die JEANS H0SEN in der sechsten Zeile, bei denen das O durch eine Null ersetzt wurde, vermutlich, weil der O-Vorrat erschöpft war. Einige I wurden mit İ-Punkten geschmückt, andere nicht. Ein paar vereinzelte Ü-Punkte fallen auf, denen ihr Zwilling abhandengekommen ist. In der dritten Zeile sind selbige zwar vollständig, aber nicht wie sonst überall rund, sondern quadratisch. Und in der vorletzten Zeile ist vom L nur noch ein apostrophartiger Stummel vorhanden, einige Buchstaben fehlen komplett.

Die Schriftart erinnert stark an die Futura, wobei im direkten Vergleich auffällt, dass viele Zeichen der Steckschrift (D, N, R, U) schmaler gestaltet sind – wahrscheinlich, um Platz zu sparen. Zudem sitzt die »Mittelachse« bei den Buchstaben B, E und F deutlich höher als bei der Futura. Aber eine enge Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.

Die dunklen Rillentafeln mit den weißen, oft vergilbten Steckbuchstaben sind ein jahrzehntealter Klassiker der Werbetechnik und trotz Digitalisierung und moderner Drucktechnik nach wie vor überraschend oft im Einsatz, etwa als Preisliste im Fenster von Friseursalons, über dem Tresen von Bierpubs oder als periodisch aktualisierte Angebotskarte in Bäckereien oder Mittagsbistros.

Ich hätte zu gern gewusst, wer als Erfinder*in dieser Stecktafeln gilt und in welchem Jahr dieses bemerkenswert langlebige und populäre Werbemedium das Licht der Welt erblickte. Aber das Netz gab mir dazu leider keine validen Informationen preis. Für Hinweise, Links oder anderen Quellen dazu bin ich wie immer dankbar. 🤓 🔠 🪟

Update

Ich habe der Geschichte der »Letterboards« noch ein bisschen hinterher recherchiert. Es verdichten sich die Hinweise, dass diese Tafeln Anfang der 1940er-Jahre erfunden wurden. In historischen Bilddatenbanken konnte ich kein Foto vor 1940 ausfindig machen, auf dem in Burger Bars oder Diners die Menütafeln in diesem Format aushingen. Wohl aber existieren Aufnahmen, die in und um das Jahr 1942 datiert sind:

Und auf der Website des Henry Ford Museum findet sich das Foto eines Original-Exponats aus dessen Sammlung, das ich hier sogar mit Quellenangabe abbilden darf – ein Speisekarten-Triptychon aus einem Diner. Ein bisschen nähergekommen bin ich dem Ursprung also doch noch … 🙂

23.01.2026

Auch heute ist das typographische Fundstück wieder eine Reprise zum Thema eines früheren Beitrags. Darin ging es um eine Inschrift am Rathaus in Berlin-Spandau, in der die Umlaut-Punkte eines großen Ä die Buchstaben links und rechts daneben energisch auf Abstand hielten.

Das heutige Motiv zeigt einen Teil der Ladenbeschriftung an einem Wohn- und Geschäftshaus in Freiburg. Hier weist das Ä die gleiche Eigenart mit den links und rechts des A-Daches platzierten Umlaut-Punkten auf. Allerdings hat die für die Schriftanbringung verantwortliche Person – sei es mit handwerklichem oder gestalterischem Auftrag – die Laufweite der Schrift (also die idealerweise optisch einheitlich wirkenden Abstände zwischen den einzelnen Zeichen) von vornherein so breit angelegt, dass die Punkte hier den benachbarten Buchstaben nicht in die Quere kommen. Diese Beschriftung ist quasi ein schönes Gegenbeispiel zu dem suboptimalen Fundstück aus Spandau. Sie wirkt trotz des Versalsatzes luftig und harmonisch, fällt ungeachtet der weiten Abstände optisch nicht auseinander und ist gut lesbar.

Die auf Google Street View dokumentierte vollständige Beschriftung gehört zu dem ehemals an dieser Adresse ansässigen Elektrobetrieb »Schneider-Lämmlin«, der inzwischen in Online-Adressverzeichnissen als »dauerhaft geschlossen« gekennzeichnet wird.

Der Betrieb, zu dem sowohl ein Ladengeschäft für Elektroartikel und Haushaltsgeräte gehörte als auch eine Elektroinstallationswerkstatt, blickte auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Gegründet wurde er 1918, damals noch unter dem Namen »Spiegelhalter & Schneider«. Nach dem 2. Weltkrieg stieg der Großvater der heutigen Firmenchefin, der den Nachnamen Lämmlin trug, als Teilhaber ein und der Name wechselte zu der heute noch am Gebäude sichtbaren Firmierung.

Als Gründe für die Schließung nennt die ehemalige Betreiberin neben dem Nachhall der Corona-Pandemie, dem starken Konkurrenzdruck im lokal und online agierenden Elektro-Einzelhandel und der nachlassenden Zahlungsmoral vieler Firmenkunden auch den Fachkräftemangel:

»›Seit rund einem Jahr haben wir gar keinen Außendienst mit Elektromonteuren mehr, nur noch das Ladengeschäft – einfach weil wir keine guten Fachkräfte mehr gefunden haben«, berichtet Kerstin Lämmlin.«

QUelle: badische-zeitung.de

Am Freitag, den 9. Juli 2021, öffnete das Geschäft letztmalig. Im November 2022 eröffnete in den Räumlichkeiten, die sich im Besitz der Familie Lämmlin befinden, eine Hörgeräteakustiker-Kette eine neue Filiale.

Ich habe recherchiert – es gibt sehr wenige Schriften, bei deren Design die Umlaut-Punkte »ab Werk« neben oder in den Mutterbuchstaben A, O, U platziert sind. Einige habe ich dennoch gefunden. Zwei kommen aus der Gruppe der maschinenlesbaren oder OCR-Schriften. OCR steht für Optical Character Recognition. Es sind die »OCR-A Std« (American Type Founders/Adobe) und »OCR-B Letterpress M« (URW). Die dritte Schriftart – »BDR mono 2021« (Lorenz Gianfreda/Typedifferent/Büro Destruct) – gehört zur verwandten Gruppe der sog. »Monospace«-Schriften, bei denen jeder Buchstabe, egal ob z.B. M, F oder I, dieselbe Breite einnimmt. Diese Schriftarten werden bevorzugt in der Notation von Software-Code genutzt und sind wiederum verwandt mit den Schreibmaschinenschriften, die ebenfalls zu den Festbreitenschriften zählen.

Nummer vier, die Schriftart »Hand Stamp Gothic Rough« (Manuel Viergutz/TypoGraphicDesign), fand ich in der Gruppe der Stempelschriften. Auch hier sorgt beim Druck analoger Stempelschriften, die aus beweglichen rechteckigen Gummilettern zu Wörtern zusammengefügt werden, deren Blockbreite dafür, dass jedes Zeichen einen unveränderlichen Raum einnimmt und sich nicht mit Nachbarzeichen überlappen kann.

Die letzten beiden Schriften mit seitlichen Umlaut-Punkten sind eher »Freestyle«-Schriften. Bei der ersten, »Uni Opt« (Viktor Kharyk/ParaType) wurde jedes Zeichen innerhalb eines umrahmten eckigen Feldes gestaltet, dessen Größe bei allen Buchstabenzeichen gleich groß und als Quadrat angelegt ist. Nur die Felder von Ziffern und Sonderzeichen haben rechteckige statt quadratische Proportionen. Somit gibt es auch bei dieser Schrift, wie bei den zuvor genannten, einen »reserved Space« um jeden Buchstaben, der die seitlichen Umlaut-Punkte zulässt. Zum Schluss fand ich bei der isländischen Type Foundry »Or Type« noch die experimentelle Schrift »Forzata« (Guðmundur Úlfarsson & Mads Freund Brunse), bei welcher die Breite des A genug Raum für die seitliche Anordnung der Ä-Punkte lässt und z.B. das T zudem so gestaltet ist, dass sein Querstrich sich auch bei engerer Laufweite nicht mit den Ä-Punkten überlappt.

Darüber hinaus gibt es natürlich auf individuell angefertigten Schildern, in Ladenbeschriftungen, Werbeschriftzügen oder Firmenlogos immer wieder Lösungen, bei denen die verantwortlichen Designer*innen die Umlaut-Punkte abseits der Norm angeordnet haben. Ein schönes Beispiel ist etwa das frühere Logo der Modellbaufirma Märklin, das mit dieser Anordnung der Ä-Punkte von 1919 bis 1972 zum Einsatz kam:

Weitere fantasievolle Umsetzungen finden sich in der Bilderkollektion des Typographie-Blogs »Berlin Typography« im Beitrag »Umlauts of Berlin, Part 2: Ä«. Jedoch sowohl beim Märklin-Logo als auch bei den originellen Gestaltungsideen in dem verlinkten Blog kamen mit Sicherheit keine Schriften zum Einsatz, bei denen die Ä-Punkte standardmäßig seitlich platziert waren. Vielmehr waren die Gestalter gefragt oder entwickelten von sich aus abweichende Designlösungen, die witzig, markant, besonders merkfähig oder – ganz pragmatisch – in der Höhe platzsparender waren als mit »schwebenden« Umlaut-Punkten.

Ihr seht: Auch zu so unscheinbaren typographischen Elementen wie zwei kleinen Pünktchen, die zu einem Sonderzeichen gehören, lässt sich viel Interessantes erzählen. 🤓 🔠 ●●

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