Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

03.04.2026

Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.

Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:

»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.

Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.

Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.

[…]

Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«

(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)

QUelle: Regionale Kinogeschichte

Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil« (deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.

Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.

Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.

Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.

1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit.
🤓 🔠 🎞️

30.03.2026

Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.

Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.

The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

23.03.2026

Als typographisches Montagsbonbon kredenze ich heute mal wieder (siehe hier) ein kleines Ratespiel. Auf dem Weg von meiner Reiseunterkunft in Kopenhagen zur nächstgelegenen Metrostation kam ich jedes Mal am Vereinsgebäude des Kopenhagener Ruderclubs (»Københavns Roklub«) vorbei. Am Gebäude und auf dem Grundstück des 1866 gegründeten Vereins ist dessen Name dreimal in großen Lettern und aus jeweils verschiedenen halbfetten bis fetten serifenlosen Schriften angebracht. An der Beschriftung auf der Längsseite des Clubhauses blieb mein Blick aufgrund mehrerer leichter »Störgefühle« mal wieder länger hängen als üblich. Vier Unstimmigkeiten fielen mir auf:

  1. Ein Stück am Bein des R ist abgebrochen.
  2. Ebenfalls fehlt ein Stück unten rechts am L, wodurch eine unschöne Lücke zum U entsteht.
  3. Die Buchstabenabstände sind insgesamt nicht sonderlich harmonisch.
  4. Ratet!

Ich habe in einem zweiten Bild die gröbsten Scharten bei der Beschriftung ausgewetzt und verrate, was das vierte Missgeschick ist.

Viel Spaß beim Raten! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

QUelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlun als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

18.03.2026

Weil hier bei mir gerade so viele neue Fundstücke aus Kopenhagen auflaufen, gibt’s heute mal ein Bonus-Posting außer der Reihe. Ein schriftlicher Hinweis an einem Hauseingang, der mit einer Art Rubbelbuchstaben auf Glasbausteinen aufgetragen worden zu sein scheint, denn wären die Buchstaben aufgemalt, hätte z. B. das E in der drittletzten Zeile nicht verrutschen können. Selbstklebende Folienbuchstaben können es eigentlich auch nicht sein, denn dafür sind die starken Abtragungen und Verwitterungen untypisch. Für die aufwendigste Möglichkeit – eine von Hand aufgemalte Beschriftung – sprechen die Formabweichungen, die man gut an den Doppelbuchstaben TT, kk, pp, MM, KK und PP beobachten kann. Vielleicht ist es auch eine Mischung verschiedener Beschriftungstechniken.

Die Schriftart ist aus meiner Sicht von der »Friz Quadrata« (Ernst Friz für Visual Graphics Corporation/ITC, 1966) inspiriert. Aber auch hier gibt es so viele Abweichungen in Details, dass eine individuelle Gestaltung der Zeichen wahrscheinlich scheint.

Der Hinweis auf Dänisch lautet: »Bude skal benytte køkkentreppen om hjørnet ↢ da ejendommens beboer ikke modtager varer ad hovedtrappen«. Auf Deutsch: »Lieferanten mögen/sollen die Küchentreppe um die Ecke benutzen ↢ da die Bewohner des Hauses keine Lieferungen über die Haupttreppe entgegennehmen«.

Und ich weiß jetzt, dass das dänische Wort »Bude« nichts – wie ich zunächst annahm – mit den Räumlichkeiten des Hauses zu tun hat. 🤓 🔠 😬

16.03.2026

Für heute habe ich nur ein sehr kompaktes typographisches Montagsbonbon vorbereitet, denn ich darf gerade mal wieder auf einer Kurzreise für eine knappe Woche meine Lieblingsstadt Kopenhagen bereisen und da möchte ich nicht so viel Zeit vor dem Rechner verbringen. Doch ganz sicher entdecke ich hier wieder jede Menge neues »Futter« für Fundstücke, die ich dann auch nach Möglichkeit wieder etwas ausführlicher erläutern werde. Ich bin selber schon sehr gespannt …

Den kleinen Videoclip unten filmte ich auf meiner ersten Selbstverpflegungs-Einkaufstour in der Nähe der aktuellen Unterkunft, im Parkhaus des Einkaufszentrums Fisketorvet. Mein erster Gedanke: Wollte mir das P mit seinem Winken etwas mitteilen? Etwa: »Hilfe, holt mich hier raus! Ich werde in einem Parkhausschild gefangen gehalten!«? Oder war es vielleicht ein freundlicher Gruß? Ach was! Sicher nur reine Physik und nichts als ein Windhauch.

Die freundliche »Semi-Serif«-Schriftart in den Zeilen darunter konnte ich leider nicht identifizieren. Schade, denn sie gefällt mir recht gut. Tipps, anyone? 🤓 🔠 👋


Update, 18.03.2026: Inzwischen habe ich die Schriftart nachträglich bestimmen können. Es ist eine exklusiv für den Center-Betreiber Unibail Rodamco Westfield angefertigte (vermutlich gleichnamige) Schriftfamilie mit zehn Schnitten, gestaltet von der Designagentur Production Type.

13.03.2026

Nach den Ausflügen zu Fundorten in Bremerhaven und im Fichtelgebirge kehren wir heute noch einmal zurück nach Berlin-Zehlendorf. Direkt neben dem hier gezeigten Eingang zum dortigen Bürgersaal erspähte ich ja den ebenfalls bereits geposteten Neonschriftzug eines Handarbeitsladens. Und direkt vor diesem Geschäft konnte ich gleich das nächste Fundstück ablichten: Eine gläserne Vitrine, bei der ein am oberen Rand angebrachter Werbeschriftzug meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Insbesondere das kleine r in dem Markennamen »Schachenmayr«, das aussieht, als würde sich ein spiegelverkehrtes Komma an den Hals des Buchstabenstamms schmiegen, fand ich bemerkenswert. Eine derartige Form hatte ich bei diesem Zeichen bislang noch nirgends bewusst wahrgenommen.

Die Schriftart in der Wortmarke wurde mit ziemlicher Sicherheit eigens dafür handgezeichnet. Als Indiz dafür werte ich wieder, dass gleichartige Zeichen leicht unterschiedlich ausgearbeitet sind. So ist etwa der rechte Schenkel des h in der ersten ch-Ligatur nach innen gebogen, im zweiten Vorkommen steht er nahezu senkrecht. Auch die beiden a unterscheiden sich: Der Abstrich des erste ist leicht nach außen gewölbt, beim zweiten verläuft er ohne Wölbung diagonal nach unten.

Solche Antiqua-Schriften mit deutlich ausgeprägten Oberlängen bzw. im Vergleich dazu sehr niedrigen Minuskeln, wie die »Schachenmayr«-Type, waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht beliebt. Beispiele dafür im Bild oben sind etwa »Mona Lisa« von Albert Auspurg (Ludwig & Mayer, 1930), »Bernhard Modern« von Lucian Bernhard (American Type Founders, 1937), »Lucian« von Lucian Bernhard (Bauer, 1928) oder »Ohio« von Frederic Goudy (Brüder Butter/Schriftguss AG, 1912). Und diese Datierung fügt sich tatsächlich perfekt in die Geschichte des Unternehmens ein, über die ich natürlich auch wieder mehr wissen wollte. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1822, doch erst seit 1835 trägt es den Namen Schachenmayr. Um 1930 tauchte dann die Wortmarke in der oben gezeigten Form erstmals auf (siehe auch die Abbildung zur Logo-Evolution am Ende des Beitrags).

»Johann Gottfried Kolb kauft eine Wollspinnerei in Salach bei Stuttgart in Süddeutschland. Der ehemalige Mitarbeiter Leonhardt Schachenmayr heiratet dessen älteste Tochter und übernimmt 1835 die Firma. Die neue Ära unter dem Namen Schachenmayr beginnt.«

broschüre »200 Jahre Schachenmayr – feiern Sie mit« (Link: s.u.)

Anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums von Schachenmayr erschienen 2022 unterschiedlich detaillierte Festschriften, in denen die Historie nacherzählt wird. Eine der Publikationen ist nur im Browser aufrufbar, die zweite kann als PDF heruntergeladen werden.

Wie schon oft in den hiesigen Blogbeiträgen zu langjährig tätigen, historischen Unternehmen, gab es auch bei Schachenmayr »goldene Zeiten«, in denen die Geschäfte florierten und die Firma kontinuierlich wuchs. So verdreifachte sich etwa die Zahl der Angestellten zwischen 1862 und 1907 von 295 auf knapp 1.000 und Schachenmayr stieg zu einem angesehenen Marktführer für Garne und Wolle in Deutschland, Belgien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf.

Auch im Bereich Marketing entwickelten sich die Aktivitäten der Garnmarke vielversprechend. 1926 brachte das Unternehmen erstmals ein eigenes, monatlich erscheinendes Handarbeitsmagazin, »Die Schachenmayrin« heraus, das vielfältige Anleitungen zum Handarbeiten und zur Fertigung von Kleidung, Wohntextilien und Accessoires aus den Garnprodukten der Marke beinhaltete. Die letzten, aktuell noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlichen Ausgaben stammen aus dem Jahr 1964, sodass das Heft immerhin fast 40 Jahre Bestand hatte, ehe es in den folgenden Jahrzehnten von den moderner anmutenden Nachfolge-Magazinen »Inspiration« und »moments« abgelöst wurde. Bei den Winterspielen 1928 im schweizerischen St. Moritz stattete Schachenmayr das deutsche Olympia-Ski-Team mit Bekleidung aus, 1954 und 1976 die Teilnehmer von Himalaya-Expeditionen und brachte mehrbändige Handarbeits-Lehrbücher heraus. Später nutzte Schachenmayr auch die neuen Marketing-Möglichkeiten, die sich über das Internet boten und kooperierte ab 2015 mit den norwegischen Strick-Influencern Arne und Carlos.

1927 brachte Schachenmayr die auch in dem Vitrinenbanner beworbene Wollmarke »Nomotta« heraus, die – wie der Name andeutet – durch eine chemische Behandlung der Wolle mit dem Wirkstoff EULAN (Chlorphenylid) resistent gegen den sehr verbreiteten, lästigen Mottenbefall war. Damals eine Innovation, und das Unternehmen fuhr fort, z. B. durch Beimischung von Kunstfasern oder fortschrittliche Fertigungsmethoden, die Qualität und die Breite seiner Produktpalette stetig auszubauen. Doch die sich abzeichnende Krise der Textilindustrie ab Beginn der 1960er Jahre ging auch an dem erfolgreichen württembergischen Garnhersteller nicht vorbei. Obwohl der Erfolg und der gute Name der Marke sie noch jahrzehntelang trugen, folgten mehrfache Wechsel bei Eigentümern und Investoren. 1984 übernahm das britische Unternehmen Coats, weltweit der größte Hersteller von Näh- und Handarbeitsgarnen, den traditionsreichen Garnhersteller aus dem Familienbesitz, behielt jedoch den Markennamen bei. 2008 verschmolz dann die damalige »Schachenmayr, Mann & Cie. GmbH« mit der »Coats Deutschland GmbH«. Im Besitz von Coats befanden sich seit 1932 auch bereits Anteile des 1785 gegründeten deutschen Textilunternehmen Carl Mez & Söhne, welches ebenfalls Handarbeits- und Nähgarne herstellt. 2015 übernahm die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius die komplette Handarbeitssparte (Coats EMEA Crafts Group) mit den beiden Marken Schachenmayr und MEZ von der Coats Group. Fünf Jahre später gab es erneut Veränderungen. In der Firmenchronik von Schachenmayr heißt es: »Seit 2020 gehört Schachenmayr zur MEZ Group GmbH. Unter neuer Führung, mit neuem Schwung und neuem Unternehmensgeist halten die Werte und die Leidenschaft der Gründer und Wegbereiter wieder Einzug in die Unternehmensphilosophie: Innovation, Tradition, Bodenständigkeit, Kundennähe, Stillbewusstsein und Kreativität stehen wieder an erster Stelle!« und auf der Website der MEZ Crafts Group wiederum »Seit 2020 gehört MEZ zur Schweizer Investmentfirma LEVITO AG und beschäftigt ca. 500 Angestellte mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Euro«. Man möchte sagen: Es ist kompliziert. Immerhin jedoch suggerierten diese Kennzahlen eine nach wie vor stabile betriebswirtschaftliche Situation.

Doch der Eindruck täuschte wohl. Anfang 2025 kursiert in der Regionalpresse und auf Handarbeitsseiten die Meldung, dass die MEZ GmbH, der Hersteller von Schachenmayr-Garnen, in (Teil-)Insolvenz gegangen sei, was in Folge zu erheblichen Lieferschwierigkeiten und Betriebsschließungen führte. Auch der traditionelle Werksverkauf am Traditionsstandort Salach wurde laut Berichten Ende Februar 2025 eingestellt. Die Marke Schachenmayr sei aber von dem in Dänemark ansässigen Unternehmen Hobbii A/S übernommen worden, um die Produktion fortzusetzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschichte von Schachenmayr fortsetzt. Immerhin erzielte Hobbii nach eigenen Angaben zwischen 2016 und 2020 ein Wachstum von 3.167 (!) Prozent und gewann damit als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Dänemarks die renommierte Auszeichnung »Børsen Gazelle«, die seit 1995 jährlich von der Wirtschaftszeitung Dagbladet Børsen verliehen wird.

Doch zurück zur Typographie. Parallel zur Erkundung der Firmengeschichte habe ich versucht, anhand von historischen Werbemedien, antiquarischen Büchern, alten Magazinausgaben und Vintage-Wollbanderolen zu rekonstruieren, wie sich das Logo des Unternehmens im Laufe dieser bewegten Chronik entwickelt hat. Und ich meine, an den Designänderungen ein bisschen ablesen zu können, wie die Leidenschaft der Menschen hinter der Marke, die Überzeugung für ihre Garnprodukte und die aufrichtige Freude am Handarbeiten im Laufe der jüngeren Zeit nach und nach verblassten. Oberflächlich betrachtet – auf Websites und Social-Media-Profilen – mag der Auftritt nach wie vor lebendig gewirkt haben, aber die zuletzt offenbar vorrangig von Profitinteressen und nüchternen Managementstrategien geprägte Markenführung im Rahmen der mehrfachen Übernahmen sieht man dem zunehmend lieblos und austauschbar wirkenden Erscheinungsbild aus meiner Sicht an. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🧶

09.03.2026

An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.

Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.

Guten Appetit! 🤓 🔠 🌮

1. »MMH ♥︎ BURRITOS« – Hamburg (Januar 2025), Schriftart unbekannt.
2. »LECKER YAMM YAMM« – Hamburg (August 2020).
3. »Oder Reis« – Hamburg (August 2022).
4. »Super lecker Fettbemme« – Dresden (September 2018, Schriftarten von oben nach unten: Arial Black, Shelley Script, Comic Sans, Cooper Black Italic).

06.03.2026

Schon wieder ein Businesstrip, diesmal nach Bremerhaven. Es blieb zwar keine Zeit für ausgiebige typographische Exkursionen in der Stadt, aber unmittelbar am Hauptbahnhof konnte ich dieses interessante Schmuckstück ablichten.

Wo es heute bei der Deutschen Bahn nur noch die 1. und 2. Klasse gibt, waren es früher durchaus ein paar mehr. In der Bahnhofshalle des 1915 im Jugendstil erbauten Hauptbahnhofs in Oldenburg (Oldb.) reichte die Komfortclusterung für Bahnreisende nachweislich gar bis zur IV. Klasse. Immerhin, so steht zu lesen, stand für Reisende in beiden Wartesälen ein gastronomisches Angebot zur Verfügung. Und aus heutiger Sicht wirkt ihr Interieur geradezu luxuriös.

Auch das Bahnhofsgebäude in Bremerhaven stammt aus dieser Zeit. Das im Stil des Spätklassiszismus gehaltene Bauwerk wurde im Sommer 1914 eröffnet.

Das interessanteste Detail an dem fotografierten Schild in der Bahnhofshalle ist aus meiner Sicht, neben der kantigen – heute würde man sagen, »techno-artigen« – Gestaltung der Buchstaben das »doppelte W«. Auf die Geschichte dieses Zeichens möchte ich daher heute einmal etwas genauer eingehen.

Das W ist schon allein deshalb ein besonderer Buchstabe, weil es in vielen Sprachen der Welt eine ähnliche, auffällige Bezeichnung trägt. Zwar buchstabieren ihn Deutsche, Niederländer oder Polen kurz und einsilbig mit Namen, die sich an seine Aussprache in der jeweiligen Sprache anlehnen (veː / ʋeː / vu), doch in etlichen anderen Sprachräumen trägt das W einen Namen, der – anders als bei den restlichen Buchstaben des Alphabets – sein äußeres Erscheinungsbild beschreibt. Aus dem Englischen kennen wir es als »double-u« (Doppel-u), im Französischen heißt es »double vé« (»doppeltes v«), die Italiener sagen »doppia vu«, die Portugiesen »duplo vê«; im spanischen Sprachraum ist es als »uve doble« (»v doppelt«) bekannt. Die Isländer sagen »tvöfalt vaff«, im Tschechischen nennt man es »dvojité vé«, in Estland »kaksisvee« und in Finnland »kaksois-vee«. In Dänemark und Schweden kommt der Buchstabe zwar zumeist nur in Eigennamen oder in aus anderen Sprachen entlehnten Wörtern vor, aber auch dort heißt er »dobbelt-ve« bzw. »dobel-ve«. Diese Gepflogenheit reicht sogar bis nach Asien – auch in Vietnam wird der Buchstabe als »vê đúp« oder »vê kép« benannt.

Diese weit verbreiteten Bezeichnungen verweisen nicht nur auf die Form des Zeichens, sondern auch auf seine Entstehungsgeschichte, welche es sich über viele Jahrhunderte mit dem U und dem V teilt. Auch das Y und das F sind mit dem W verwandt.

Zusammengefasst gesagt, entwickelte sich das Zeichen W in mehreren Stufen, stets entlang des Bedarfes in verschiedenen Epochen und Sprachräumen, bestimmte Laute möglichst eindeutig in Schriftform wiedergeben zu können. Eins der frühesten Schriftzeichen in seiner Ahnenreihe ist der phönizische Konsonant »waw« (11. bis 5. Jahrhundert v. Chr.), dessen nagelartige Form bereits an das spätere Y erinnert, das in »begradigter« Form als Großbuchstabe um das 9. Jahrhundert v. Chr. ins griechische Alphabet übernommen wurde. Die Aussprache, der sogenannte Lautwert des Zeichens, bewegte sich damals ungefähr zwischen dem Vokal [u] und dem u-ähnlichen Anlaut im englischen Wort »water«.

»Die Etrusker übernahmen das frühgriechische Ypsilon und dessen Lautwert. Mit der Zeit verschwand bei den Etruskern die untere Spitze, der Buchstabe bekam die Form V. Ebenso änderte sich die Bedeutung des Buchstabens: Das Etruskische enthielt auch den dem [u] entsprechenden Halbvokal [w] und der Buchstabe wurde verwendet, um beide Laute zu schreiben.«

Quelle: Wikipedia, Artikel zum Buchstaben V

Auch in das lateinische Alphabet wurde der Buchstabe V mit beiden Lautwerten für [u] und [w] übernommen und in der von den Etruskern übernommenen, spitz zulaufenden Form geschrieben. Erst in der Spätantike (ca. 3. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) wurde auch eine unten abgerundete Variante entwickelt, die der Form des heutigen U entspricht.

Im Laufe der Verschriftung der germanischen Sprachen gegen Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. entstand dann der Bedarf, den stimmhaften Laut [w] eindeutig schriftlich notieren zu können. Zu diesem Zweck erdachten die Schreiber zunächst zwei parallel verwendete, doppelte Schreibweisen – VV und UU – die erst zu Ligaturen verschmolzen und aus denen dann nachfolgend das W entstand.

Doppel-V als W auf einem Pamphlet über Hexen. London, September 1643, gedruckt von John Hammond. | Abb. via Wikimedia Commons, Public Domain. Man beachte, dass in der kleinen Bildüberschrift sowohl das u in der Wortmitte (»true«) als auch das v als Anlaut (»vſed« = »used«) vorkommen, wo heutzutage in beiden Fällen ein u stehen würde.

Erst im 17. Jahrhundert bildete sich zwischen V und U die differenzierte Verwendung heraus zwischen der spitzen Variante, ausschließlich für den konsonantischen Lautwert ([w] und [f]), und der abgerundeten Variante, speziell für den vokalischen Lautwert ([u]). Die Nutzung des Buchstabens V als U ist auch bei Inschriften jüngeren Datums, z.B. an klassizistischen Bauten, oft anzutreffen, so etwa am Alten Museum (erbaut 1825–1830) auf der Museumsinsel in Berlin. Und bis heute taucht diese Schreibweise aus rein ästhetischen Gründen noch gelegentlich auf, so z.B. im Logo der Luxus-Marke BULGARI.

Das war’s für heute, bis zum nächsten Fundstück – wie immer hier im WWW!
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