„Diese elende Schönschreiberei!“, fluchte Chefredakteur Julius Trittenheim „ich will und kann den Quark nicht mehr lesen.
„Was meinen Sie, Chef?“, fragte Volontär Hanno P. Schmock.
„Verdammt, Schmock! Soll ich Ihnen etwa Beispiele heraussuchen und auch noch aufschreiben? Was verstehen Sie nicht an ‚ich will und kann den Quark nicht mehr lesen‘?!“
Sie könnten mir Schönschreiberei umschreiben.“
.
„Schönschreiberei ist gewolltes Aufhübschen von Texten. Um es mit Karl Kraus zu sagen: ‚(…) auf einer Glatze Locken drehen; aber diese Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken.‘ Da haben Sie, worum es geht, Schmock. Es geht um platte Ästhetik, die auf Zustimmung schielt, indem sie mit abgedroschenen oder krampfhaft herbeigesuchten Bildern sattsam bekannte Vorlieben bedient. Postkartenidyll und die Schönschreiberei, das sind Produkte der puren Gefallsucht. Nehmen Sie nur die tägliche Glosse der Süddeutschen Zeitung, das Streiflicht auf Seite Eins. Als junger Mann habe ich es begeistert gelesen, habe mir unzählige Streiflichter ausgeschnitten und ins Tagebuch geklebt. Ich liebte die feinsinnigen Wendungen und den subtilen Humor, wie man ihn heute noch beim Kollegen noemix findet. Das Streiflicht unserer Tage ist nur noch platt. Wo es einst mit der ’spitzen Feder‘ geschrieben war, benutzt man heute einen klobigen Fettstift.“
„In Rosa vielleicht?“
„Schmock! Was soll die Übertreibung?!“
„’tschuldigung, Chef!“
„Subtilität ist eine Verbeugung vor der Intelligenz und Vorstellungskraft des Lesers, Frau, Mann oder Queer. Gestern schilderte ich einem Freund am Telefon, warum ich das Abo der Süddeutschen Zeitung gekündigt habe und gab das Beispiel, das hier schon genannt wurde: ‚Wer nicht mitbekommen hat, dass (…), muss das vergangene Jahr unter einem Hinkelstein verbracht haben.‘ Der Freund lachte und sagte, das Bild stimme ja gleich mehrfach nicht. Aber das zu schreiben allein, wäre kein Vergehen. In die eigenen Erfindungen verliebt zu sein, sei menschlich. Aber da wäre ja noch der Schuft, der den Quark durchgewunken hat, ‚ins Blatt gehoben‘ haben wir früher gesagt.“
„Ins Blatt heben?“
„Ich vermute, das ist Jargon aus der Bleizeit – als Texte noch Gewicht hatten, weil sie zeilenweise in Blei gegossen waren. Wenn Schlussredakteur und Schriftsetzer, genannt Metteur, die Zeitungsseite zusammen bauten, hob der Metteur so viele Zeilen, wie er gleichzeitig greifen konnte, als Packen in die Form der Seite.“
„Sie haben also aus Gründen Ihr Abo gekündigt.“
„Ja, und ich warte noch darauf, dass man vom Verlag nachfragt, warum.“
„Machen die das?“
„Schon erlebt.“
„Diesmal könnten Sie sagen: Wer danach fragt, muss die vergangenen Jahre unter einem Hinkelstein verbracht haben, hehe.“






