Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt, und weil wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren, auch nicht, dass Glocken überhaupt fliegen könnten. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen. So wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken der katholischen Kirche von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße bis zur Ortsgrenze hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Die uralte Römerstraße war in meiner frühen Kindheit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war. Viele Leute hatten keine Uhr und takteten ihren Alltag nach dem Glockengeläut. So schwang ich die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Angeschlagene Beute und Beutegreifer

In Naturfilmen ist zu sehen, wie Raubtiere einer Herde folgen und sich das schwächste Tier aussuchen, um es zu schlagen und zu reißen. Dass es derlei auch unter Menschen gibt, habe ich gestern erlebt. Ich fühlte beim Nachhauseweg vom Supermarkt eine Form der Schwäche, die auf einen beginnenden Infekt hinwies.
Als ich an einer Menschengruppe an der Bahnhaltestelle vorbeiging, grinste mich ein stämmiger Mann an. Ich registrierte, dass er sich an meine Fersen geheftet hatte. Nach einer Weile sprach er mich an, hielt mir einen Euro hin und bat, dass ich ihn für den Parkautomaten wechselte. Da dachte ich: tatsächlich hat mich ein Beutegreifer ausgesucht.

Diese Leute gucken dir, während man wechselt, ins Portemonnaie und ziehen geschickt die Geldscheine heraus. Er hatte aber auch schlechte Karten. Auf dem gesamten Fußweg war mir kein Parkautomat aufgefallen. Außerdem wusste ich zuverlässig, dass ich kein Kleingeld bei mir hatte. So musste ich sein Ansinnen zurückweisen und dachte, so blöd bin ich nur einmal gewesen. Ich bin vor Jahre schon mal auf den Trick hereingefallen. Als mich nämlich nach einer Demo ein junges Paar aufhielt und nach einer Telefonzelle fragte. Die junge Frau müsse dringend telefonieren. Drum erbat der Mann sich Kleingeld zum Telefonieren, hielt eine Zweieuromünze hoch, ließ sie verlockend in der Sonne blitzten und trat nah an mich heran. Ich zog mein Portemonnaie hervor und wechselt seine Münze. Mir war irgendwie unangenehm, dass er so auf Tuchfühlung kam und in mein offenes Münzfach schaute. Aber ich dachte, „Hoch die internationale Solidarität!“ skandieren, aber wenn ausländisch wirkende Mitbürger in Telefonnot sind, blöde Gefühle zu haben, das geht nicht zusammen. Nach dem Geldwechsel entfernten sich die beiden in die falsche Richtung.

Ich rief noch hinterher und zeigte in die Richtung, wo die Telefonzelle zu finden wäre, aber die beiden hatten es plötzlich sehr eilig. Zu Hause dachte ich, dass etwas an der Begegnung seltsam gewesen war, schaute in meine Geldbörse und siehe da, die Geldscheine aus dem hinteren Fach waren weg. Während ich ihm die Zwei-Euro-Münze gewechselt hatte, musste er die Scheine, 120 Euro insgesamt, herausgefingert haben. Was da klüger ist in mir als ich, hatte den Diebstahl bemerkt, mich aber nicht beizeiten gewarnt..

Trotz partieller Schwächung entkam ich diesmal dem Trickbetrüger, finde aber beachtlich, dass diese Leute spüren, wo sie zuschlagen können. Freilich, nach dem Verschwinden der Telefonzellen und Münzautomaten müssen sich sie sich neue Tricks ausdenken.

Über die unsichtbaren Regeln des Dazugehörens

Im Hof des Nachbarhauses stehen vier Männer nebeneinander. Einer ist gut, aber lässig gekleidet – vermutlich der Hausbesitzer. Ein Zweiter, noch recht jung, trägt Anzug und Krawatte, vielleicht ein Immobilienmakler oder Hausverwalter. Der Dritte erklärt etwas, ist wohl der Architekt. Der Vierte wirkt wie ein Gerüstbauer oder Handwerker. Er trägt einen schwarzen Bart und ist vermutlich türkischstämmig. Die Männer sprechen miteinander und bewegen sich dann, fast wie auf Kommando, zur Abtrennung des Nebenhauses – also in Richtung meines Küchenfensters, durch das ich sie beobachte. Der Handwerker zieht seine Zigaretten hervor und bietet sie den anderen an. Niemand greift zu.

Im Kulturkreis des Handwerkers gilt das gemeinsame Rauchen vermutlich noch als Ritual, das Einvernehmen stiftet. In den Milieus der anderen ist es dagegen verschwunden – viele sind Nichtraucher oder rauchen nicht mit Rücksicht auf die Situation. In diesem Fall lehnen die drei jedoch nicht aus gesundheitlichen Gründen ab, sondern um Distanz zu wahren. Der Handwerker ist in der Runde nur durch seine Funktionsrolle präsent. Die anderen besetzen Positionsrollen, die sie sichern und behaupten müssen.

Der junge Mann etwa verfügt nur über eine schwache Positionsrolle; seine Kleidung dient als Mittel, um Anerkennung zu erlangen. Der Architekt hofft auf einen Auftrag, was seine Position ebenfalls fragil macht. Nur der Hausbesitzer kann sich in seiner überlegenen Stellung gelassen zurücklehnen.

Für den Arbeiter aber bleibt sein Zigarettenangebot unbeantwortet – eine ausgestreckte Hand, die niemand ergreift. Die Geste verliert ihre symbolische Kraft, weil die stillen Regeln hier andere sind. Um das zu erkennen, müsste er sein Verhalten reflektieren und verstehen, wie stark soziale Interaktionen ritualisiert sind. Doch wer in seinem Handwerk sicher ist und im vertrauten Umfeld nie in Frage gestellt wird, hat selten Anlass, an sich zu zweifeln. Im Kontakt mit einem höheren Milieu stößt er damit an unsichtbare Grenzen.

Das kleine Schauspiel im Hof zeigt, wie stark soziale Rollen durch ungeschriebene Regeln geprägt sind. Rituale verbinden nur dort, wo die kulturellen Codes geteilt werden. Kleidung, Gesten und sogar das Annehmen oder Ablehnen einer Zigarette markieren Grenzen – zwischen Funktions- und Positionsrollen, zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss.

Tiefkühlmänner und Balkenfrauen

An der Kasse im Aldi sitzt eine neue Mitarbeiterin und albert mit ihrer Kollegin herum. „Das ist ja das Einzige, was Männer können“, höre ich sie sagen. Ich werde hellhörig – was Männer als einziges können, interessiert mich. Ebenso sehe ich mir genauer an, wer da über solche Fachkenntnisse verfügt. Sie ist recht hübsch, offenbar türkischstämmig, und hat sich über die Augen zwei pechschwarze Balken tätowieren lassen. Als ich zur Kasse vorgerückt bin, frage ich sie: „Was ist das Einzige, das Männer können?“
Sie lacht verlegen. „Eine Pizza reinschieben.“
Ich grinse. „Mist, jetzt habe ich glatt vergessen, Tiefkühlpizza zu kaufen.“

Ihr Blick wandert über meinen Einkauf – Gemüse, Olivenöl und Mozzarella für einen Auflauf – und sie scheint sich bei einem Vorurteil ertappt zu fühlen. Was sie über Männer kundtut, entspricht vermutlich ihren Erfahrungen. Frauen, die beim Discounter an der Kasse sitzen und sich zur Steigerung ihrer Attraktivität dicke Balken über die Augen tätowieren lassen, begegnen in ihrem Milieu eher Männern, die sich bekochen lassen. Im Notfall, wenn die dienstbare Frau nicht da ist, schieben sie eine Pizza in den Ofen.

Ich habe das sicher seit 15 Jahren nicht mehr getan. Davor allerdings, ich gebe es zu, ziemlich oft. Den Belag habe ich aber ergänzt – mit frischen Zutaten und ein paar Kräutern. Diese Form der „Verfeinerung“ brachte meine damalige Lebensgefährtin regelmäßig auf die Palme. Das war zu einer Zeit, als industriell hochverarbeitete Lebensmittel noch kein Thema im Feuilleton waren.

Ich zahle, packe den Einkauf in meinen Rucksack und schleppe ihn nach Hause. Später werde ich den Auflauf zubereiten. Danach wird es wieder ziemlich wüst aussehen in meiner Küche. Das ist der Vorteil der Tiefkühlpizza: Von ihr bleibt nur die Verpackung. Und selbst die kann man – theoretisch – direkt im Laden entsorgen. Dann allerdings verschwindet auch das schöne Verackungsbild. Es zeigt das kulinarische Vorbild: fotografiert von einem Food-Fotografen, zubereitet von einem Profikoch. Danach, wurde mir kürzlich im ZDF erklärt, werden sämtliche Zutaten dieses appetitlichen Vorbilds ersetzt – durch Dreck.

Schlechte Nachrichten für die Tiefkühlpizzamänner.

Am Ende bleibt Schwarzweiß

Auf der Liste der bescheuerten Friseursalon-Namen gehört „Haarscharf“ zu den harmloseren. Es gibt schlimmere Brainstormings-Unfälle, bei denen man einfach zu früh gerufen hat: „Das ist es!“, wobei ein gründliches Überdenken die Einsicht gebracht hätte:
… ist es eher doch nicht. Lieber die Findungsphase wiederholen.
Friseursalon „Haarscharf“ in meiner Nachbarschaft würde mir kaum auffallen, wenn nicht ein Fotoplakat im Fenster zeigen würde, dass die besseren Zeiten des Salons tief in der Vergangenheit liegen. Auf dem Weg in die Gegenwart ging dem Schaufensterbild des Friseursalons nämlich Farbe verloren, und das kommt so:

Fotoplakate wie das weiter unten gezeigte Bild sind im Vierfarbdruck-Verfahren gedruckt. Dieses noch heute gängige Druckverfahren wurde, man muss es nicht wissen, im Jahr 1732 vom Maler und Kupferstecher Jakob Christoph Le Blon erfunden. Seine Erkenntnis, dass sich alle Farben aus den Grundfarben Blau, Rot und Gelb mischen lassen, sogar Schwarz – als Summe aller Grundfarben fußte auf Newtons Farbtheorie. Goethe, der Newtons Farbtheorie für falsch hielt und mit Polemik überzog, hätte das bestritten.

Für den Vierfarbdruck wird die Vorlage mit verschiedenen Filtern fotografiert, so dass man vier verschiedene Druckplatten erstellen kann, eine mit den Gelbanteilen (Y=yellow), eine mit den Rotanteilen (M=magenta), eine mit Blau (C=cyan), eine mit Schwarz (K=key). Druckt man jetzt C, M, Y, K übereinander, entsteht die farbige Abbildung.


Ist eine derartige Abbildung lange der Sonne ausgesetzt, bleiben die Schwarz- und Cyan-Anteile noch recht gut erhalten, Magenta und Yellow verblassen so sehr, dass das Plakat unschön blaustichig wirkt. Zuletzt bleibt nur Schwarzweiß. Das liegt daran, dass zumeist Magenta am wenigsten lichtecht ist, gefolgt von Yellow, und dann mit einigem Abstand Cyan und Schwarz.

Wer sich über den Dutt auf dem Kopf der Dame mit der schönen Frisur wundert, es ist mein Kopf, der sich heute Morgen im Schaufenster spiegelte. Das andere Plakat auf dem Weg in die schwarz-weiße Zukunft knippste ich an einer Tankstelle.

Sanitätshaus

Zwei schwerst adipöse Frauen, eine vor, eine hinter dem Tresen. Die sagt: „Dann kommen Sie morgen früh vorbei, um die Kompressionsstrümpfe anzuprobieren.“
„Wieso morgen früh?“
„Vormittags sind die Beine noch nicht so geschwollen von den Wassereinlagerungen.“
„Ich habe keine Wassereinlagerungen.“
„Die zeigen sich erst im Laufe des Tages.“
„Ich habe keine Wassereinlagerungen.“ Diese Klarstellung ist ihr wichtig, obwohl es ihr ja egal sein könnte, was die andere von ihr denkt. Sie wiederholt: „Ich habe keine Wassereinlagerungen. Ich brauche die Kompressionsstrümpfe nach einer OP.“

Die Verkäuferin fügt sich. Vermutlich hat sie vermeiden wollen, was zwangsläufig folgt. Sie muss die Anprobe jetzt mit der Kundin machen, obwohl sie alleine im Laden ist und ein weiterer Kunde schon wartet. Sie geht vor der anderen Richtung Nebenraum, wo eine Treppe zu sehen ist, und steigt die Stufen hinauf im Beistellschritt. Die beiden verschwinden. Derweil öffnet sich die Tür, ein älteres Paar betritt den Laden, steht eine Weile wartend vor der Theke. Der Mann nimmt einen Sanitätshauskatalog und blättert darin. Dann setzen sie sich zu mir auf die olivgrüne Sitzbankreihe gegenüber der Theke. Erneut geht die Tür auf.

Ein langer Mann Mitte 30 betritt den Laden, schiebt vor bis zur Theke und hält sich daneben an der Wand fest. Unter einer schmuddeligen Trainingsjacke trägt er ein T-Shirt von Hannover 96. Sein linker Fuß ist verbunden. Er steht vorne über gebeugt und schaut erwartungsvoll hinter den Tresen. Immer wieder rutscht ihm die Hand weg und er muss neuen Halt suchen. Nach gefühlt einer Stunde tut sich im Nebenraum etwas. Zuerst erscheinen die Beine der Verkäuferin. Die Frau steigt erneut im Beistellschritt die Treppe herab. Die Kundin folgt ihr. Sie nehmen wieder ihre Plätze hinter und vor dem Tresen ein. Die Verkäuferin füllt am Computer ein Formular aus. Es geht wohl um die Erstattung. Das dauert. Endlich geht die dicke Kundin. Der lange Mann sieht seine Chance und nennt sein Begehr.

„Sie sind aber noch nicht dran“, sagte die Verkäuferin und deutet auf uns. „Sind Sie der Nächste?“, fragt mich die Frau des Sanitätshauskatalogwälzers, was ihr eigentlich klar sein müsste, weil ich mich ja nicht erst materialisiert habe, nachdem sie gekommen ist. Ich trete vor und sage: „Ich hätte gern ein rotes Theraband.“ Der Bezahlvorgang ist so umständlich wie alles hier, weil der Formularcomputer auch der für die Zahlungsabwicklung ist. Als ich dieser Vorhölle entronnen bin, ist die Sonne untergegangen und ich denke, dass mein Bart wieder gestutzt werden muss.

Wer fit bleiben will, muss Zeit aufwenden.

Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?

Der Frühling sei die Zeit der Straßenspiele, schrieb ich im Frühling 2012, als ich das Thema Straßenspiele erstmals behandelt habe. Im Jahr 2025 klingt das wie Wunschdenken, denn zumindest in der Stadt sind nur noch selten Kinder zu sehen, die sich zum selbstständig organisierten Spielen treffen. In Belgien und den Niederlanden gibt es seit einigen Jahren den „nationale Buitenspeeldag“ (Draußenspieltag), an dem beispielsweise das belgische Fernsehen keine Kindersendungen ausstrahlt, um Kinder nicht ans TV-Gerät zu locken. Die landesweit organisierten Draußenspieltage bei unseren westlichen Nachbarn sind ein Aufbäumen gegen den Trend, dass die Zeit der Straßenspiele vorbei sein könnte.

Einige Straßenspiele stammen aus tiefer Vergangenheit. Sie wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, weshalb es Varianten gibt. Die Dominanz der Gegenwart unserer Tage könnte auch die Brücke zum Straßenspiel ist „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“ brüchig werden lassen.

Spielverlauf: Einer spielt den Häscher, und die anderen Kinder stellen sich in Reihe vor ihm auf. Der Häscher ruft: “Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?”
Die anderen rufen “Niemand!”,
Der Häscher: „Und wenn er kommt?“
Die Kinder: „Dann laufen wir!“ – laufen auf den Häscher zu und versuchen an ihm vorbeizukommen, ohne dass er sie berührt. Wer berührt oder eingefangen wurde, muss in der nächsten Runde den Schwarzen Mann spielen. Variante: Die gefangenen Kinder gesellen sich zum schwarzen Mann und müssen ebenfalls fangen. Hinweise auf das Spiel finden sich schon im DEUTSCHEN WÖRTERBUCH von Jacob und Wilhelm Grimm:

    „Haupts zeitschr. 3, 338.
    dort wird ein fangespiel der kinder verglichen, wobei eins nach dem rufe fürchtet ihr euch vor dem schwarzen mann? die andern zu haschen sucht. in Bremen ist ein kinderreim beim spiel:
    wer fürchtet sich vor schwarzem mann,
    vor räubern und soldaten?
    das könnte aber auch auf den teufel gehen oder eine spukgestalt unbestimmten characters, womit man kinder schreckt.“

Möglicherweise ist das Spiel in unsicheren Zeiten entstanden, war vielleicht ein didaktisches Hilfsmittel, den Kindern richtiges Verhalten bei einem Überfall auf das heimatliche Dorf beizubringen. Dann hilft nämlich keine schockstarre Furcht, sondern nur Laufen.

Andere Quellen bringen das Spiel mit der Schwarzen Pest in Verbindung. Dafür spricht die Variante, dass die vom schwarzen Mann berührten Kinder ebenfalls zu Häschern werden, weil sie durch Berührung angesteckt wurden.

    „Der Schwarze, der sich in den versammelten Reigen mischt und einen nach dem andern wegführt, ist der seine Schar stets vergrößernde Tod. Gleich dem Vortänzer, der im weltlichen Reigen an hundert Tänzer in langer Reihe hinter sich herführen und regieren kann, führt auf solchen bildlichen Darstellungen der Tod den Vortanz und zog die Reihen von Hunderten an hoher Hand hinter sich drein.“ (Volksliederarchiv)

Der schwarze Mann ist ein Hüllwort für den Teufel. Die Pest (Der schwarze Tod) ist in Europa erstmals im 14. Jahrhundert aufgetreten, der Teufelsaberglaube stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Pest wird bis ins 19. Jahrhundert mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Zuletzt wurde das Motiv von Jeremias Gotthelf in „Die schwarze Spinne aufgegriffen“, einer Rahmennovelle, die auf Pestsagen zurückgeht. Der Teufel half in der Not, wurde um seine Belohnung betrogen und verwandelt sich in eine schwarze Spinne, die alle tötet, die von ihr berührt werden. Teufel und Spinne sind die Personifizierung der Pest. Weil die Menschen die Gottesfurcht vergessen, kommt die Spinne immer wieder frei und bringt neues Elend über Mensch und Vieh, ein Hinweis auf das mehrmalige Auflodern der Pestseuche. Man könnte deuten: Nicht den Teufel soll der Mensch fürchten, sondern Gott. Entsprechend wird die Furcht vor dem Schwarzen Mann im Spiel verneint.

In jüngster Zeit wird darum gestritten, ob eventuell eine rassische Diskriminierung vorliegt, wie Zeitungsberichte aus Finnland und der Schweiz zeigen. Es wird voreilig eine Umbenennung gefordert, die zwar nicht berechtigt ist, aber bezogen auf heutige Vorstellungen eine gewisse Plausibilität hat. Da kein Schwarzafrikaner gemeint ist, sondern der Teufel, könnte man die Proteste gegen das Spiel ignorieren, aber dagegen steht das Bedürfnis unserer Tage nach politscher Korrektheit. Ich bin gespannt, wann der erste Mann protestiert und eine geschlechtsneutrale Figur verlangt, etwa das furchtbare Es. „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Es?!“

Hier eine im Teppichhaus Trithemius erstellte Verbreitungskarte. Weitere Nachweise willkommen.

Ein Frühlingsbote – die Universalie Hüpfekästchen

Straßenspiele sind mündlich weitergegebene Botschaften aus der Vergangenheit. Im Kinderspiel werden diese Botschaften bewahrt, über die Jahrtausende transportiert und überregional verbreitet. Dabei erfahren sie in der Regel eine Bedeutungsverflachung, werden an neue Denkweisen angepasst, weil der alte Zusammenhang vergessen wurde. Das beste Beispiel ist das mindestens 2000 Jahre alte Hüpfekästchenspiel, bei dem vermutet wird, dass es aus dem Mithraskult stammt, einem religiösen Kult aus Kleinasien, auf den bereits der griechische Geschichtsschreiber Plutarch (45-125) aufmerksam gemacht hat. Vermutlich ist der Kult jedoch wesentlich älter.

Der besonders unter römischen Soldaten verbreitete Mithraskult hat sieben Weihestufen oder Initiationsebenen, die der Gläubige bei seinem Aufstieg durchlief. Eines der ältesten erhaltenen Hickel-Diagramme fanden Archäologen eingeritzt auf dem Boden des antiken Forums in Rom.

Typisch für mündlich verbreitete Information ist die Fülle der Varianten, so auch bei den Diagrammen, Namen und Regeln von Hüpfekästchen, regional bekannt als Hickelkasten, Paradiesspiel, Himmel und Hölle, Tempelhüpfen, Reise zum Mond, Hinkekasten.

hüpfekästchenDas Hüpfekästchenfeld habe ich in Aachen fotografiert. Es ist die Botschaft aus einer versunkenen Zeit. Sie wurde über Jahrtausende hinweg getreulich von Kindern weitergegeben. Damit gehört sie zu den ältesten Informationen aus der Vergangenheit, die sich im Alltag finden lassen. Straßenspiele tauchen im Frühling auf. Vielleicht gehörte Hüpfekästchen anfangs zu einem Frühlingskult. Wir wissen nicht, welche Überlegung dem Feld und den Regeln zu Grunde lag. Doch es hat irgend etwas mit Aufbruch zu tun.

Du stehst vor dem Spielfeld, wo noch nichts ist. Dann wirfst du den Stein und hüpfst auf einem Bein. Das heißt, du trittst ins Leben, bestimmst ein Ziel und versuchst es auf eine bestimmte Weise zu erreichen. Sie ist dir vorgeschrieben, denn im Spiel des Lebens gibt es Schwierigkeiten. Das Hüpfen auf einem Bein symbolisiert die Unwägbarkeiten. Man kann aus dem Gleichgewicht geraten und verbotene Grenzen übertreten. Bevor du hüpfen darfst, musst du einen Stein in die Zukunft werfen. Der Wurf muss gut gezielt sein. Er ist wie ein gut gewähltes Lebensziel. Das kannst du nicht in einem Sprung erreichen. Es sind viele kleine und sorgsam abgewogene Schritte erforderlich. Doch es winkt nach jedem erfolgreichen Werfen und Hüpfen eine Belohnung. Du darfst weiter voran, steigst auf und erreichst vielleicht das obere Feld, den Himmel. Wer es in den Himmel schafft, darf aufatmen. Dann muss er wieder zurück. So steht Hüpfekästchen als spielerisches Lehrbeispiel für den Jahreslauf, für das Auf und Ab des Lebens und die eigene Vervollkommnung.

Finkenschlag und Klickern

Welch ein Glück, dass die Evolution die Dinosaurier auf ein erträgliches Maß verkleinert hat. Was wäre das für ein entsetzliches Krachen im Geäst, wenn sie von Baum zu Baum, von Ast zu Ast hopsen würden. Und erst ihr schmachtendes Grunzen bei der Balz. So aber schlägt der Fink sein helles Lied, und hüpft er von Zweig zu Zweig, wir sehen ihn kaum. Die Sonne scheint, – ich werd‘ verrückt –, brauche keine Handschuhe mehr; Jacke und Schal sind zu warm. Wir werfen die Mützen weg. Das Frühjahr, der Frühling, der Lenz – die drei geben ihr erstes zaghaftes Gastspiel in Hannover, das hoffentlich noch in die Verlängerung geht.
Zeit für Straßenspiele.

In meiner Kindheit begann jetzt die Klickerzeit. Andernorts heißen die Klicker „Murmeln“, was vom Wort Marmor hergeleitet ist. Klicker oder Knicker aber ist schöner, weil onomatopoetisch. Die Wörter ahmen den Laut nach, wenn die Ton- oder Glaskugeln zusammenstoßen. Ein leises Klickern ist schon zu hören, wenn man das Säckchen aufnimmt, worin die Kugeln aufbewahrt werden. Ich hatte eines aus grauem Leinen, das sich oben mit einer eingenähten Schur zuziehen ließ. klickerReich an Klickern war ich nicht, denn obschon ich mir gelegentlich welche kaufte, verlor ich die meisten wieder. In meiner Nachbarschaft wohnten die Gebrüder Schnitzler. Beide waren Kannibalen im Klickern und unschlagbar, so dass niemand gern mit ihnen spielte. Freilich hatten sie die dicksten und schönsten Glasmurmeln, nicht gut für leichtsinnige Menschen wie mich. Zum Frühling gehört noch heute für mich der erdige Geruch des Bürgersteigs vor unserem Haus. Einer drehte mit dem Absatz einen Spitzkegel hinein, wir klopften die Erdkrümel wieder platt, ein Strich wurde gezogen, und dann ging’s los, das Schussern und Schieben, das Einlochen, das Hin und Her von Klickergewinn, -verlust und erneutem Einsacken der farbig lackierten Ton- und geheimnisvoll marmorierten Glaskugeln. Es war wunderbar – aber nur bis irgendwann die Schnitzler-Brüder kamen. Schnitzlers Fred und Schnitzlers Hans-Josef, drängten sich ins Spiel und räumten gnadenlos alles ab. Außer Klickern konnten sie nicht viel, und daher war der Frühling ihre Saison. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, ob ihre Klickermeisterschaft ihnen beruflich weitergeholfen hat oder ob sie im Vorfrühlings ihres Lebens auch schon ihren Zenit erreicht hatten. Aber manche sind gar niemals in irgendwas richtig gut. Da ist es doch besser, wenn man von sich sagen kann: „Als Kind war ich immerhin Klickermeister.“

Als meine Kinder im Klickeralter waren, lebten wir in der Stadt. Da kann man mit dem Absatz keine Klickerlöcher in die Bürgersteige machen. Sie hatten zum Klickern einen flachen Stumpfkegel aus Plastik mit einer Mulde darin. Da haben sie mir immer ein bisschen leid getan, denn mit der Nase über Plastik und Betonplatten, das ist etwas anderes als den Duft der frühlingshaften Erde zu riechen. Trotzdem werde ich nicht behaupten, dass früher alles besser war. Was nämlich schlechter war, das war natürlich nicht besser.

(Überarbeitete Neuveröffentlichung,erstveröffentlicht am 18. März 2010 auf Trithemius.twoday.net; Foto: Trithemius)

Ungewöhnlich Falzen

Ich gehöre zu den Leuten, die noch Filterkaffee bevorzugen. Letztens kaufte ich Filtertüten im Supermarkt. Sie haben eine irritierende Neuerung. Irgendwer im gewiss hoch bezahlten Management hat wohl nach gefühlt 500 Jahren Filterpapier gemerkt, dass die größte Belastung eines Kaffeefilters auf seiner unteren Naht liegt. Da es bei gängigen Filterpapiertüten immer zwei Pressnähte gibt, bisher eine seitlich, eine unten, hat man die untere Naht zur Seite verlegt, so dass die Tüte unten einen Falz hat, links und rechts aber je eine Pressnaht. Bei der klassischen Form war man gehalten, beide Pressnähte abzuknicken, besonders um die untere Naht gegen Aufreißen zu schützen.

Aber was faltet man, wenn sich die Pressnähte links und rechts befinden? Nach den erwähnten 500 Jahren habe ich mich derart an das Falten der unteren Naht gewöhnt, dass ich immer versucht bin, es wieder zu tun. Aus alter Gewohnheit suche ich die Naht woanders. Als hätte man mir über Nacht die vertrauten Türklinken zur anderen Türseite verlegt. Da fällt mir ein Spiel aus meiner Zeit als Lehrer ein. Um die Kinder meiner 5. Klassen zu erheitern, habe ich mich manchmal verdeckend vor die Türklinke gestellt, zur leeren anderen Seite gefasst und gefragt: „Nanu! Wo ist denn die Türklinke?“ Da waren sie froh, mir zurufen zu können: „Die ist doch auf der anderen Seite, Herr X!“ Diese Schüler sind inzwischen erwachsen, sitzen vielleicht im Management eines Papierherstellers und spielen das Spiel mit mir weiter.
„Wo ist denn der vertraute untere Pressfalz?!“ Der Exschüler ruft: „Andere Seite! Das haben Sie jetzt davon!“