Der Frühling sei die Zeit der Straßenspiele, schrieb ich im Frühling 2012, als ich das Thema Straßenspiele erstmals behandelt habe. Im Jahr 2025 klingt das wie Wunschdenken, denn zumindest in der Stadt sind nur noch selten Kinder zu sehen, die sich zum selbstständig organisierten Spielen treffen. In Belgien und den Niederlanden gibt es seit einigen Jahren den „nationale Buitenspeeldag“ (Draußenspieltag), an dem beispielsweise das belgische Fernsehen keine Kindersendungen ausstrahlt, um Kinder nicht ans TV-Gerät zu locken. Die landesweit organisierten Draußenspieltage bei unseren westlichen Nachbarn sind ein Aufbäumen gegen den Trend, dass die Zeit der Straßenspiele vorbei sein könnte.
Einige Straßenspiele stammen aus tiefer Vergangenheit. Sie wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, weshalb es Varianten gibt. Die Dominanz der Gegenwart unserer Tage könnte auch die Brücke zum Straßenspiel ist „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“ brüchig werden lassen.
Spielverlauf: Einer spielt den Häscher, und die anderen Kinder stellen sich in Reihe vor ihm auf. Der Häscher ruft: “Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?”
Die anderen rufen “Niemand!”,
Der Häscher: „Und wenn er kommt?“
Die Kinder: „Dann laufen wir!“ – laufen auf den Häscher zu und versuchen an ihm vorbeizukommen, ohne dass er sie berührt. Wer berührt oder eingefangen wurde, muss in der nächsten Runde den Schwarzen Mann spielen. Variante: Die gefangenen Kinder gesellen sich zum schwarzen Mann und müssen ebenfalls fangen. Hinweise auf das Spiel finden sich schon im DEUTSCHEN WÖRTERBUCH von Jacob und Wilhelm Grimm:
„Haupts zeitschr. 3, 338.
dort wird ein fangespiel der kinder verglichen, wobei eins nach dem rufe fürchtet ihr euch vor dem schwarzen mann? die andern zu haschen sucht. in Bremen ist ein kinderreim beim spiel:
wer fürchtet sich vor schwarzem mann,
vor räubern und soldaten?
das könnte aber auch auf den teufel gehen oder eine spukgestalt unbestimmten characters, womit man kinder schreckt.“
Möglicherweise ist das Spiel in unsicheren Zeiten entstanden, war vielleicht ein didaktisches Hilfsmittel, den Kindern richtiges Verhalten bei einem Überfall auf das heimatliche Dorf beizubringen. Dann hilft nämlich keine schockstarre Furcht, sondern nur Laufen.
Andere Quellen bringen das Spiel mit der Schwarzen Pest in Verbindung. Dafür spricht die Variante, dass die vom schwarzen Mann berührten Kinder ebenfalls zu Häschern werden, weil sie durch Berührung angesteckt wurden.
„Der Schwarze, der sich in den versammelten Reigen mischt und einen nach dem andern wegführt, ist der seine Schar stets vergrößernde Tod. Gleich dem Vortänzer, der im weltlichen Reigen an hundert Tänzer in langer Reihe hinter sich herführen und regieren kann, führt auf solchen bildlichen Darstellungen der Tod den Vortanz und zog die Reihen von Hunderten an hoher Hand hinter sich drein.“ (Volksliederarchiv)
Der schwarze Mann ist ein Hüllwort für den Teufel. Die Pest (Der schwarze Tod) ist in Europa erstmals im 14. Jahrhundert aufgetreten, der Teufelsaberglaube stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Pest wird bis ins 19. Jahrhundert mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Zuletzt wurde das Motiv von Jeremias Gotthelf in „Die schwarze Spinne aufgegriffen“, einer Rahmennovelle, die auf Pestsagen zurückgeht. Der Teufel half in der Not, wurde um seine Belohnung betrogen und verwandelt sich in eine schwarze Spinne, die alle tötet, die von ihr berührt werden. Teufel und Spinne sind die Personifizierung der Pest. Weil die Menschen die Gottesfurcht vergessen, kommt die Spinne immer wieder frei und bringt neues Elend über Mensch und Vieh, ein Hinweis auf das mehrmalige Auflodern der Pestseuche. Man könnte deuten: Nicht den Teufel soll der Mensch fürchten, sondern Gott. Entsprechend wird die Furcht vor dem Schwarzen Mann im Spiel verneint.
In jüngster Zeit wird darum gestritten, ob eventuell eine rassische Diskriminierung vorliegt, wie Zeitungsberichte aus Finnland und der Schweiz zeigen. Es wird voreilig eine Umbenennung gefordert, die zwar nicht berechtigt ist, aber bezogen auf heutige Vorstellungen eine gewisse Plausibilität hat. Da kein Schwarzafrikaner gemeint ist, sondern der Teufel, könnte man die Proteste gegen das Spiel ignorieren, aber dagegen steht das Bedürfnis unserer Tage nach politscher Korrektheit. Ich bin gespannt, wann der erste Mann protestiert und eine geschlechtsneutrale Figur verlangt, etwa das furchtbare Es. „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Es?!“
Hier eine im Teppichhaus Trithemius erstellte Verbreitungskarte. Weitere Nachweise willkommen.