Na gut. Theo Lieven hat mir den Offsetdruck beigebracht, hat mit mir in der Dunkelkammer gestanden, mit der Reprokamera Druckvorlagen fotografiert, den Film auf eine dünne Aluminuumplatte kopiert, sie belichtet und hernach ausgewaschen bis auf den zu druckenden Teil, den gehärtet mit dem stinkenden roten Fluit, das mit dem Wattebausch aufgetragen wurde. Dann hat er die Druckplatte in die Rotaprint gspannt und mir gezeigt, wie man die Druckmaschine in Gang setzt, wie man das Papier in die Papierzuführung stapelt, wie man die Druckfarbe in den Farbkasten gibt, wie der Wasserbehälter befüllt wird. Bei allem scheute er sich nicht, sich die Finger schmutzig zu machen.
Alles bis zum Andruck hat er mir gezeigt, obwohl er lieber an seinem weißen Steinway-Flügel gesessen und von einer Karriere als Konzertpianist geträumt hätte. In Zukunft würde er zumindest das Klavier spielen können. Ich würde an seiner statt die kleine Druckerei betreuen. Denn ich brauchte Geld, um mein Studium zu finanzieren. Lieven brauchte dieses Einkommen nicht mehr.
Inzwischen betrieb er einen Handel mit Taschenrechnern, die er billig in Holland einkaufte und den Studenten der RWTH preiswert verkaufte. Das war so lukrativ, dass er sich vom Gewinn den Steinway-Flügel hat leisten können. Ich neidete ihm seinen wirtschaftlichen Erfolg nicht, sondern war glücklich, studieren zu dürfen, um Lehrer zu werden. Mein sozialer Aufstieg. Aber mich störte, dass Lieven in meinem erlernten Handwerksberuf wilderte. In der Zeit des Übergangs saß er in der Druckerei am Tisch und gestaltete Werbezettel für sein kleines Geschäft in der Pontstraße. Obwohl er kein Drucker war, nur angelernt, eigentlich war er Student der Mathematik, hatte er ein gutes Gespür für typografische Gestaltung. Er benutzte für die größeren Textzeilen seines Werbezettels die Futura, rubbelte sie von Letraset-Silikonbögen auf Papier. Das war das erste Mal, dass ich jemanden mit Letraset hantieren sah.
Dass ein Mathematikstudent, der sein Studium abgebrochen hatte, einfach Druckschrift benutzte, ausgerechnet die mir liebe Futura, fand ich ungehörig. Immerhin hatte ich eine dreijährige Lehre absolviert, um das zu dürfen. Ich hatte noch nicht realisiert, dass das grafische Gewerbe Anfang der 1970-er Jahre das Monopol auf den Gebrauch der Druckschrift verloren hatte. Erst viel später begriff ich, dass diese Szene in der Druckerei Teil eines weltweiten Wandels war. Derweil ich mein kleines Leben in Aachen lebte und ertragen musste, dass mein erlerntes Handwerk museal wurde, hatte in New York der Schriftdesigner Herb Lubalin ein ehrgeiziges Projekt verfolgt, nämlich die von den Schriftgießereien gehaltene Lizenzen auf einzelne Druckschriften allgemein verfügbar zu machen. Diese Demokratisierung der Druckschrift ist weitgehend sein Werk, wie ich hier schon mal geschrieben habe.
Auch Theo Lieven hatte seinen Anteil an der Demokratisierung der Druckschrift und wurde einer der Akteure im gewaltigen Umbruch des Grafischen Gewerbes. Als die Zeit der Homecomputer aufkam, erwuchs aus seinem Taschenrechnerlädchen das weltweit agierende Computerhandelsunternehmen Vobis. Damals in der Druckerei hatte er mir gepredigt, jeder, jeder könne in dieser Welt erfolgreich werden. In seiner Kindheit war er arm gewesen. Seine Familie hatte nicht mal fließend Wasser, sondern die Kinder holten Wasser mit der Zinkwanne vom Nachbarn. Später, so hörte ich, besaß er in Belgien eine Villa mit goldenen Wasserhähnen.
Glücklicherweise hat es mich nie nach goldenen Wasserhähnen verlangt. Mir fehlt das Talent zum Handel. Es muss einen anderen Sinn im Leben geben als das ständige Hökern und Verhökern von Gütern, ja selbst Kulturgütern, das auch nicht halt macht vor Oma ihr klein Häuschen. Näher liegt mir, was Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch über den Handel schreibt: „Handel; eine Art von Geschäft, bei dem A von B die Waren des C plündert und als Entschädigung B dem D Geld stiehlt, das E gehört.“




