„Hör zu, Trithemius!“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik und Leiter des Institus für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. „Kürzlich hat mich eine Meldung in einer Wissenschaftszeitschrift überrascht, die mich zu folgender Überlegung geführt hat: Der Vater deines Großvaters ist dein Urgroßvater. Dessen Vater, der Ururgroßvater, entzieht sich bereits der Vorstellung und verliert sich im Dunst der Zeit. Mit jedem weiteren Schritt wird dieser Dunst dichter, bis unsere Ahnen im Nebel verschwinden – und mit ihnen die Möglichkeit, sie sprachlich zu fassen. Nehmen wir 25 Jahre pro Generation, reihen sich bis zum Beginn unserer Zeitrechnung rund 81 Ahnen.“
„Aber doch auch Mütter, Großmütter und Urgroßmütter“, wandte ich ein.
„Selbstverständlich. Aber am Ende meiner Überlegungen zeigt sich, warum ich lieber nicht vom weiblichen Geschlecht spreche. Weiter: Nach aktuellen wissenschaftlichen Befunden datiert das Auftreten von Homo sapiens auf etwa 300.000 Jahre vor heute. Das heißt, zwischen dir und deinem am weitesten in der Zeit zurückliegenden Vorfahr liegen rund 12.000 Generationen. Kannst du dich ja schon mal geistig anfreunden mit deinem rohes Fleisch verschlingenden Opa.“
„Oje, ich fürchte, dieser Herr bleibt mir fremd.“
„Da brauchst du dich gar nicht zu zieren. Denn es kommt noch schlimmer. Der Übergang der Wirbeltiere vom Wasser zum Land – die ersten Tetrapoden aus lungenfischähnlichen Vorfahren – fand im Devon statt, vor etwa 370 Millionen Jahren. Bei einer mittleren Generationszeit von fünf Jahren liegen zwischen deinem frühzeitlichen Opa und dem Landgang jener Vorfahren etwa 74 Millionen Generationen. Es trennt dich also nicht wirklich viel vom Lungenfisch. Ich habe das in der Erzählung Urahn erwacht versucht nachzuempfinden:
- In jener Nacht, der volle Mond stand hell am Himmel, erhob sich in mir der Urahn. Er hatte sich zuvor unruhig auf seiner Bettstatt hin und hergewälzt, bevor er sich eingestand, dass der Schlaf geflohen war. Zuletzt hatte er auf der Seite gelegen, die Arme angewinkelt wie zum Gebet erhoben, die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinandergelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst. Er kannte das Gefühl von früher her, als würden seine Fingerkuppen gegen eine geschlossene Fläche drücken. Eine Weile tat er das und horchte in sich hinein, ob eine Botschaft aus grauer Vorzeit aufgestiegen war. Doch da war nur der unruhige Impuls, aufzustehen. Schließlich hockte er im Mondlicht, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und starrte ratlos vor sich hin.
Wenn in Vollmondnächten der Urahn seines Urahns sich erhob, wusste auch er nicht, warum sein Vorfahr unruhig in ihm erwacht war und ihn drängte, in die taghelle Nacht hinein zu horchen. Nicht einmal dessen uralter Vorfahr wusste etwas von einem tierischen Ahn, der in Vollmondnächten von seiner Natur getrieben wurde, aufzustehen. Eine lange Kette von Urahnen bis in dunkelste Zeit hinab hat nicht geahnt, was der heutige Urururenkel aus den Befunden der Biologie herleiten konnte. Vielleicht hatte wenigstens ein Ahn in tiefer Vergangenheit das Tier in sich noch gekannt. Wenn er unter dem vollen Mond unruhig erwachte, die Hände wie zum Gebet erhob, die Finger neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinandergelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst hatte – dann spürte er die Flossen seines Urahns. Es war nicht der Ahn, der in Vollmondnächten auf die Jagd ging. Nicht der Ahn, der unter dem vollen Mond fürchten musste, selbst Beute zu werden. Es war der Fisch in ihm, dem der Vollmond den Landgang ankündigte.“
Ich schüttelte mich: „Ich bin Ihnen dankbar, Coster, dass Sie bei diesem Gedankenexperiment auf die weibliche Seite verzichtet haben. Denn ich möchte nicht bei jeder Frau, sei sie auch noch so attraktiv, an ihren inneren Lungenfisch denken.“







