Nach dem Landgang

„Hör zu, Trithemius!“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik und Leiter des Institus für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. „Kürzlich hat mich eine Meldung in einer Wissenschaftszeitschrift überrascht, die mich zu folgender Überlegung geführt hat: Der Vater deines Großvaters ist dein Urgroßvater. Dessen Vater, der Ururgroßvater, entzieht sich bereits der Vorstellung und verliert sich im Dunst der Zeit. Mit jedem weiteren Schritt wird dieser Dunst dichter, bis unsere Ahnen im Nebel verschwinden – und mit ihnen die Möglichkeit, sie sprachlich zu fassen. Nehmen wir 25 Jahre pro Generation, reihen sich bis zum Beginn unserer Zeitrechnung rund 81 Ahnen.“

„Aber doch auch Mütter, Großmütter und Urgroßmütter“, wandte ich ein.
„Selbstverständlich. Aber am Ende meiner Überlegungen zeigt sich, warum ich lieber nicht vom weiblichen Geschlecht spreche. Weiter: Nach aktuellen wissenschaftlichen Befunden datiert das Auftreten von Homo sapiens auf etwa 300.000 Jahre vor heute. Das heißt, zwischen dir und deinem am weitesten in der Zeit zurückliegenden Vorfahr liegen rund 12.000 Generationen. Kannst du dich ja schon mal geistig anfreunden mit deinem rohes Fleisch verschlingenden Opa.“
„Oje, ich fürchte, dieser Herr bleibt mir fremd.“
„Da brauchst du dich gar nicht zu zieren. Denn es kommt noch schlimmer. Der Übergang der Wirbeltiere vom Wasser zum Land – die ersten Tetrapoden aus lungenfischähnlichen Vorfahren – fand im Devon statt, vor etwa 370 Millionen Jahren. Bei einer mittleren Generationszeit von fünf Jahren liegen zwischen deinem frühzeitlichen Opa und dem Landgang jener Vorfahren etwa 74 Millionen Generationen. Es trennt dich also nicht wirklich viel vom Lungenfisch. Ich habe das in der Erzählung Urahn erwacht versucht nachzuempfinden:

    In jener Nacht, der volle Mond stand hell am Himmel, erhob sich in mir der Urahn. Er hatte sich zuvor unruhig auf seiner Bettstatt hin und hergewälzt, bevor er sich eingestand, dass der Schlaf geflohen war. Zuletzt hatte er auf der Seite gelegen, die Arme angewinkelt wie zum Gebet erhoben, die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinandergelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst. Er kannte das Gefühl von früher her, als würden seine Fingerkuppen gegen eine geschlossene Fläche drücken. Eine Weile tat er das und horchte in sich hinein, ob eine Botschaft aus grauer Vorzeit aufgestiegen war. Doch da war nur der unruhige Impuls, aufzustehen. Schließlich hockte er im Mondlicht, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und starrte ratlos vor sich hin.

    Wenn in Vollmondnächten der Urahn seines Urahns sich erhob, wusste auch er nicht, warum sein Vorfahr unruhig in ihm erwacht war und ihn drängte, in die taghelle Nacht hinein zu horchen. Nicht einmal dessen uralter Vorfahr wusste etwas von einem tierischen Ahn, der in Vollmondnächten von seiner Natur getrieben wurde, aufzustehen. Eine lange Kette von Urahnen bis in dunkelste Zeit hinab hat nicht geahnt, was der heutige Urururenkel aus den Befunden der Biologie herleiten konnte. Vielleicht hatte wenigstens ein Ahn in tiefer Vergangenheit das Tier in sich noch gekannt. Wenn er unter dem vollen Mond unruhig erwachte, die Hände wie zum Gebet erhob, die Finger neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinandergelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst hatte – dann spürte er die Flossen seines Urahns. Es war nicht der Ahn, der in Vollmondnächten auf die Jagd ging. Nicht der Ahn, der unter dem vollen Mond fürchten musste, selbst Beute zu werden. Es war der Fisch in ihm, dem der Vollmond den Landgang ankündigte.“

Ich schüttelte mich: „Ich bin Ihnen dankbar, Coster, dass Sie bei diesem Gedankenexperiment auf die weibliche Seite verzichtet haben. Denn ich möchte nicht bei jeder Frau, sei sie auch noch so attraktiv, an ihren inneren Lungenfisch denken.“

Langweiler

„Der Bestandteil „-weiler“ in Ortsnamen kommt vom lateinischen villare (Landgut, Hof), weist demnach auf eine Siedlung hin, die aus einem Gutshof hervorging“, dozierte Jeremias Coster und fuhr fort: „Als man wegen der Braunkohle das Dorf Langweiler umgesiedelt hat, ist mir der Dorfname erstmals begegnet. Ich fragte mich: Ein ganzes Dorf voller Langweiler? Und dachte ganz boshaft: Gut, wenn das verschwindet. Ich verstand schon, dass die Menschen, wenn man ihren heimischen Boden wegbaggert, wenigstens den Namen retten wollen. Doch die neue Siedlung Neu-Langweiler zu taufen, zeugt nicht gerade von Fantasie und ist die vertane Chance, einen Makel loszuwerden.

Ist dir eigentlich aufgefallen, Trithemius, dass das Wort Phantasie mit der Orthografiereform eine beispiellose Banalisierung erlebt hat?“, schob er ein.

„Wieso erlebt hat? Glauben Sie, die Phantasie wurde sich plötzlich ihrer Existenz bewusst und hat gedacht: Huch, ich sehe jetzt vorne aus wie eine extrem zuckerhaltige Limonade! Das passt mir aber gar nicht.“ Ich hoffte, Coster von seinem Langweilerthema abzubringen, und fuhr fort: „Können Wörter auf einer höheren semantischen Ebene sich selbst betrachten? Mir geht dazu ein Cartoon von Eugen Egner nicht aus dem Kopf. Ein seltsam geformtes Wesen steht vor einem noch seltsamer geformten Wesen, hat über sich eine Sprechblase, worin steht: ‚Ich hätte gern eine interessante Sprechblase.‘ Das andere hat eine Sprechblase über sich, die vorne wie eine Wolke aussieht, dann aber in ein perspektivisches Quadrat mündet, worin steht: ‚Nehmen Sie doch die hier!‘ Die Verschränkung der semantischen Ebenen macht mir einen Knoten ins Hirn. Auf der pragmatischen Ebene des Cartoons hieße das, das erste Wesen bekäme nun die Sprechblase: ‚Nehmen Sie doch die hier!‘, das abgebende Wesen hätte jetzt selbst keine Sprechblase mehr. Wo vorher eine Gesprächssituation gezeigt war, steht nun eine einsame Aufforderung im Raum, deren Sinn sich nicht mehr erschließt.“

„Interessanter ist freilich die anfängliche Frage nach einer interessanten Sprechblase“, sagte Coster. Er war, so schien mir, jetzt ganz im Thema und ergänzte: „Die Frage setzt voraus, dass dem Wesen die ikonische Funktion einer Sprechblase vertraut ist, und es füllt die Sprechblase mit rein symbolischen Zeichen, deren Bedeutung die Figur zu kennen vorgibt. Der Sprechblasentext ist selbstreferenziell. Das scheint mir noch vertrackter zu sein als die Fantasie-Selbsterkenntnis.“

„Uff! Und ich wollte doch nur verhindern, dass Sie mir mit dem Witz kommen, wie der Bürgermeister von Langweiler eine Gemeinderatssitzung eröffnet mit: ‚Liebe Langweiler!‘“
„Liebe Neu-Langweiler, Trithemius, so viel Zeit muss sein!“

Ein sauberes Haus


„Das ist ja mal ein sauberes Haus!“, sagte der Mann und trat näher, während ich mit der Brötchentüte in der einen Hand die Haustür aufschloss. Überrascht hielt ich inne; sah ihn an und las an seiner Stirn, dass er das Fehlen von Graffiti meinte.
„Ich komme aus Garbsen“, fuhr er fort, „und habe hier gelernt. Schlosserei Heesen – kennen Sie die noch?“
„Nein“, erwiderte ich, „ich komme nicht aus Hannover, bin aus dem Rheinland zugezogen.“
„Ach so“, sagte er enttäuscht und wandte sich rasch ab. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Danke, ebenso.“

Vor fünfzig Jahren muss dieses Stadtviertel ganz anders ausgesehen haben. Damals gab es in fast jedem Häuserblock einen Eckladen und in den Hinterhöfen kleine Werkstätten – vielleicht auch die Schlosserei Heesen. Heute sind die meisten Läden verschwunden oder umgewidmet; Supermärkte haben ihre Rolle übernommen. Auch in den Hinterhöfen wird nicht mehr gewerkelt. Nur vereinzelt erinnert etwas an frühere Zeiten: Das Hannöversche Buchdruckmuseum liegt in einem dieser Hinterhofgebäude, und noch 2010 hing am Haus gegenüber ein altes Emailschild, das auf eine Druckerei verwies.

Vor einigen Monaten stand ich selbst in einem entfernten Hinterhof unseres Blocks. Von dort konnte ich mein Küchenfester sehen, wo sich meine selbstgezogene Paprikapflanze auf der Fensterbank reckte. Emelie, eine kanadische Studentin der Landschaftsarchitektur, hatte uns Nachbarn eingeladen, ihrer Professorin ihre Masterarbeit zu präsentieren. Sie hatte für die Hausgemeinschaft eine Bank und eine Grillstation gebaut, im Fahrradschuppen Haken angebracht und eine Lichterkette aufgehängt. Auch die mühsamen Verhandlungen mit den Hausbesitzern hatte sie dokumentiert – samt allem Drumherum.

Man mag über dieses kleine Ergebnis schmunzeln, doch genau hier findet heutige Landschaftsarchitektur statt: nicht mehr in königlichen Gärten, sondern mitten im urbanen Raum. Gerade die Hinterhöfe bieten noch Gestaltungsspielraum, weil viele ihrer Bauten nach dem Krieg nicht wiedererrichtet wurden. Mir gefiel es, diese verborgenen Räume endlich einmal zu betreten – und dabei Nachbarn kennenzulernen, die sonst in einem ganz anderen Rhythmus leben.

Dass der Schlosser aus Garbsen sich jedoch sofort abwandte, als ich bekannte, kein Hannoveraner zu sein, empfand ich als brüsk. Um es mit den Worten einer Schülerin aus Frankfurt (Oder) zu sagen: „Mir sin toch ooch Menschen.“

Keine zweite Chance

Die Fruchtfliegen sind verrückt nach einem abgestandenen Schluck Weißburgunder mit Spülmittel. Je mehr von ihnen allerdings in ihr nasses Grab sinken, desto mehr werden sie. Am Ende kommen sie doch durch ein Schwarzes Loch aus einem schmutzigen Winkel des Universums, wie hier schon erzählt. Sie wollten uns den intergalaktischen Weltfrieden bringen, stattdessen ersäufen sie sich.

Oben auf dem Lindener Berg

„Trag’ mich doch mal über den Lindener Berg“, sagte mein Rucksack. Es gibt auf dem Lindener Berg abseits der Kuppe einen Weg, an dem ich gerne sitze. Da wollte er hin und hat sich extra schwer gemacht, der Sachen wegen, die mir dort den Nachmittag versüßen sollten. Sachen und ein Buch. Quasi blind hatte ich nämlich in mein Bücherregal gegriffen und ein Büchlein genommen, das ich an meinem Lieblingsplatz lesen wollte. Ich gewähre ihm schon so lange Obdach, dass es sich mal nützlich machen könnte und noch einmal zeigen, was es zwischen den Buchdeckeln hat, dieses schöne Insel-Taschenbuch, dessen Inhalt ich wohl vergessen habe.

Es ist „Phaicon 1, Almanach der phantastischen Literatur“, herausgegeben von Rein A. Zondergeld aus dem Jahr 1974. Bevor jemand fragt, ob Zondergeld wirklich ohne Barmittel war: Der Literaturwissenschaftler lehrte an der Universität Göttingen und war Herausgeber von Anthologien und Lexika zur phantastischen Literatur. Den fälligen Strafzettel der Namenwitzpolizei akzeptiere ich sofort.

Puh! Was bin ich heute langsam unterwegs. Jedes Wort ein Fußstapfen. Es ist aber auch heiß auf dem Lindener Berg, und die Sonne brennt derart, dass ich nicht geradeaus gehen kann, sondern mich von Schatten zu Schatten hochschlängeln muss. Ich kannte mal einen, der tat’s genau umgekehrt, suchte jeden Flecken Sonne, denn er war in seinem früheren Leben Bergmann gewesen und hatte sich zu lange und zu tief unter Tage bewegt. Die Bäume, dachte ich später, spenden sich selber Schatten. Doch des Menschen Schädel ist nicht groß genug. Ich sah auf Aachens Straßen zwei hübsche Fräuleins, die sich wie selbstverständlich mit Schirmen schützten. So eine soll nicht dehydrieren. Das Vertrocknen kommt früh genug.

Das Gras, das letztens noch so üppig wucherte, ist verdorrt unter der Sonne, und auch das eine oder andere dürre Blatt segelt in den Staub. Aber was? Leichtfertig habe ich das Büchlein ausgepackt. Flugs wird seinem Leim die Feuchtigkeit entzogen, und einige Lagen brechen auseinander. Das würde der Remscheider Erfinder Emil Lumbeck nicht glauben, nach dem die probate Form der Klebebindung „lumbecken“ genannt wird. Alle Taschenbücher sind so gebunden, das heißt, gelumbeckt. Gemeinhin sorgt nämlich immer noch eine Restfeuchte im Leim dafür, dass die Bindung elastisch bleibt.

Was aber eigentlich mein Thema sein sollte: Alle Gedanken der Aufsätze im Büchlein über phantastische Literatur waren von Menschen gedacht und geäußert worden, die längst tot sind, und trotzdem erfrischten sie auf dem Lindener Berg meinen Geist. Wie ist das möglich? Wie können mir Gedanken von Toten so lebendig entgegentreten, und das auch noch aus einem Büchlein, das lieber zerfallen will, als seine Form zu wahren? Das, meine lieben Damen und Herren, ist doch das Mysterium – und im besten Sinne phantastisch.

Die Jünger sind Bestseller bei den Ingenieuren

Die Jünger der Schwarzen Kunst stehen bei den Ingenieuren hoch im Kurs. Es geht ja im Roman nebenbei um Drucktechnik. Drum freue ich mich ganz einfach, bei Amazons Buchvorstellungen auf der Startseite zu stehen. In der Nacht wohl Platz 2, derzeit immer noch auf Platz 6. Jeder Kauf hilft, die Position zu halten.
https://www.amazon.de/gp/bestsellers/digital-text/625474031

Plausch mit Frau Nettesheim über horror vacui bei den Jüngern der Schwarzen Kunst

Trithemius
Ein Jahr habe ich mich über das weiße Feld auf dem Cover von Jünger der Schwarzen Kunst geärgert. Was ich anfangs für vertretbar gehalten hatte, wurde zum horror vacui.

Frau Nettesheim
Wie kam es dazu, Trithemius? Waren Sie zu faul, ein 9. Bild zu zeichnen?

Trithemius
Ja, vielen Dank auch, Frau N. Was Ihnen als erstes in den Sinn kommt, ist meine vermeintliche Faulheit.

Frau Nettesheim
Korrigieren Sie meine Vermutung!

Trithemius
Mein letzten Monate in Aachen sind sehr unglücklich gewesen. Ich litt, wie Sie wissen, unter heftigem Trennungsschmerz. Dem versuchte ich durch Schreiben und Zeichnen zu entkommen. Deshalb hatte ich ständig ein Moleskine-Büchlein bei mir. Im Aachener Westpark sitzend, zeichnete ich die acht Köpfe ins Büchlein.

Frau Nettesheim
Und für den neunten Kopf fehlte Ihnen die schöpferische Kraft oder was?

Trithemius
Eine, die höchstens mal den Schwung ihrer Augenbrauen nachmalt, kann leicht höhnen, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Unverschämtheit!

Trithemius
Das Feld blieb halt weiß, vielleicht aus einem inneren Protest gegen den Vollständigkeitswahn. Man muss die Dinge nicht immer bis zur Neige auskosten.

Frau Nettesheim
Und woher kommt jetzt die 9.Visage?

Trithemius
Gefunden. Stammt aus einem zeichnerischen Mitmachprojekt im Teppichhaus Trithemius bei Blog.de, – Zeichnen zu Musik. Wer es auch lieber komplett hat, lade das eBook herunter. Noch ist es kostenlos. Doch jeder Download bringt mein Büchlein nach vorn. Ist auch eine ehrenvolle Art, für eine Leistung zu zahlen.

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Nullsummenspiel

„Kurz habe ich daran gedacht, dass im Universum die Anzahl der Identitäten endlich sein könnte“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen. Bevor ich etwas erwidern konnte, entwickelte er daraus einen Plot: „Weil ihnen die Ich-Identitäten ausgegangen sind, muss eine außerirdische Spezies als kollektiver Organismus funktionieren. Sie träumen aber davon, Individuen zu sein. Deshalb greifen sie die Erde an, um uns die Ich-Identitäten zu stehlen. Und weiter, Trithemius?“
„Äh … die Menschheit wäre einer Streitmacht von kollektiv denkenden und handelnden Wesen in jedem Fall unterlegen, weil sie es nicht schafft, sich mit anderen irdischen Mächten zu verbünden. Die EU, Russland, China, die USA – sie alle verfolgen eigennützige Ziele, und ehe sie sich versehen, ist die Schlacht auch schon verloren. Die Aliens rauben uns unsere Individualität und besiegeln damit zugleich ihren Untergang. Sie sind nicht darin geübt, ihren neu erworbenen Egoismus zu kontrollieren, und schlagen sich am Ende gegenseitig die Köpfe ein. Die Menschheit erobert die Erde zurück und versucht es diesmal besser zu machen.“

„Ein kosmisches Nullsummenspiel also“, sagte Coster und haschte vergeblich nach einer Fruchtfliege. Er folgte ihr mit den Augen und meinte: „Da andererseits auch das kleinste Lebewesen eine Vorstellung von sich haben muss, um zu überleben – sei es durch Nahrungsaufnahme oder indem es flieht, wenn sein Leben bedroht ist –, wenn also Ich-Identität sogar in so eine Fruchtfliege hineinpasst, dann muss Ich-Wahrnehmung eine einfache, kleine Funktion sein.“

„Wenn Ihre Kollegen von der klassischen Physik genug Phantasie hätten, Ihrer Idee nachzugehen, Coster, dann könnten sie Individualität nachbauen.“

„Aber besser nicht. Sie würden Fliegenklatschen, Furzkissen und Bullshit-Buttons mit Ego-Funktion bauen und dem Rest der Menschheit die ethischen Fragen aufhalsen, die sich daraus ergeben.“

„Das hindert uns nun aber nicht daran, weiter über die Natur der Ich-Identität nachzudenken. Wenn sie eine ganz simple Funktion ist, hat sie womöglich etwas mit Zeitwahrnehmung zu tun – mit einem Wissen über Vorher und Nachher.“

„Man bräuchte zwei Systeme, die zeitlich verschoben sind, aber miteinander kommunizieren.“

Kurz hatte ich die Vision von einem langsam verblassenden System, dessen vorheriger Zustand gespiegelt worden war.

„So etwas will leider nicht in meinen faulen Sonntagnachmittagskopf“, sagte Coster, als hätte ich laut gedacht. Mit den Worten: „Das erlaube ich mir!“, verabschiedete er sich zum Mittagsschlaf.

Der Weg des Tupfers

Auch ein dokumentarisch arbeitender Fotograf bildet die Wirklichkeit nicht 1:1 ab. Er wählt aus der Fülle möglicher Ereignisse ein Motiv, zwängt es in den Rahmen seines Bildformats, bestimmt Licht und Perspektive und löst es aus seinen zeitlichen und räumlichen Bezügen. Immer ist sein Blick subjektiv, immer abstrahiert er. Und doch wirkt das Foto im Ergebnis wie ein scheinbar objektives Bild der Welt. Das Gemachte tritt nicht so deutlich hervor wie bei einem fotorealistischen Gemälde, bei dem man aus der Nähe noch die Pinselstriche sieht. Noch stärker als im Bild zeigt sich die Abstraktion in der Sprache. Niemand erwartet, dass Wörter die Wirklichkeit 1:1 spiegeln.

Auch der Autor muss auswählen: Wo setzt er an? Welches Thema verfolgt er? Wann ist alles gesagt? „Tritt frisch auf, tu’s Maul auf, hör bald auf!“, forderte Luther für die Predigt. Übertragen auf jeden Text heißt das: beim Anfang anfangen, zur Sache kommen, beim Ende enden. Doch wo ist der Anfang? Nehmen wir ein Beispiel: Eine Reinigungskraft in einem Aachener Hotel findet neben dem Papierkorb von Zimmer 123 einen verwaschenen Tupfer. Wo beginnt die Geschichte dieses Tupfers? Bei seiner Herkunft, bei der Frage, warum er nicht im Korb, sondern daneben liegt?

Meine Version beginnt anders: Vor rund 30 Jahren verliebte sich ein Mitarbeiter von VW Indonesien in eine Sekretärin. Sie folgte ihm nach Deutschland, wurde seine Frau, ließ sich zur Podologin ausbilden und eröffnete eine eigene Praxis, die ich etwa alle sechs Wochen besuche. Kürzlich sagte sie mir, dass sie im Sommer nach Indonesien fliegen würde: „In dieser Zeit müssen Sie mir fremdgehen.“

Also ging ich zu einer anderen Fußpflegerin. Schon der erste Blick ins Behandlungszimmer ließ Zweifel aufkommen: Während meine Podologin ihr Besteck nach jedem Gebrauch sterilisiert und einschweißt, lagen hier die Instrumente lose auf dem Tisch. Fußnägelreste sammelten sich in einer Ecke. Doch ich blieb. Die Behandlung endete mit einer kleinen Verletzung, die die Dame mit einem Tupfer versorgte. Später im Hotel entdeckte ich diesen Tupfer wieder – im Inneren meines Socken, wo er versehentlich mitgewaschen worden war. Ich versuchte, ihn in den Papierkorb zu werfen, verfehlte aber. Die Reinigungskraft könnte die Geschichte nun weitererzählen. Doch vor meiner Abreise hob ich den Tupfer auf und warf ihn in den Müllsack, wo seine Spur sich verliert.

Genau darin liegt die Pointe: Ob Bild, Wort oder Tupfer – immer sehen wir nur einen Ausschnitt, nie den ganzen Zusammenhang. Die Wirklichkeit bleibt größer als jede Aufnahme und jede Erzählung.

Ich könnte mich wälzen

„Darin könnt’ ich mich wälzen“, sagt charmant-unverfroren der Schweizer Koch Nicolas Sandmeier auf YouTube über seinen Griechischen Salat – nicht etwa über ein Schaumbad. Nein, Salat. Mit Oliven, Feta, Tomate und eventuell etwas Gurke. Das ist wohl die ultimative Steigerung der schon leicht manischen Floskel: „Da könnt’ ich mich reinsetzen“. Ich hörte sie erstmals Ende der 1990-er Jahre von meiner damaligen Freundin, kurz bevor sie mir ein Gericht kredenzte, das offenbar mit Glücksgefühlen garniert war. Die Vorstellung hat mich sehr befremdet. Wieso reinsetzen? Wo bleiben die Tischmanieren? Ich verstehe den Sinn. Man will nicht nur essen – man will verschmelzen.

ChatGPT (die Version mit philosophischer Neigung) erklärt nüchtern:

    „Diese Redewendungen nutzen die Vorstellung, dass etwas so angenehm oder köstlich ist, dass man sich am liebsten körperlich damit umgeben würde – wie mit einem duftenden Schaumbad oder einem weichen Kissen…“

Also: Essen, das zum Möbelstück wird. Gebettet in Salat. Auf der Pasta-Chaiselongue. Und jetzt stelle ich mir vor: ein Mensch, nackt, aber mit Socken (aus Gründen), der sich in einer Wanne voller Lasagne wälzt – aus purer Begeisterung. Ich frage mich: Muss man vorher duschen? Gibt’s eine Kleiderordnung für Lebensmittelbäder? Natürlich drängt sich das Bild eines Kindes auf, das in Nutella baden möchte – und zwar komplett. Leider sind die Gläser unpraktisch klein, sodass die Verschmelzung auf Gesicht und Hände beschränkt bleibt.

Erwachsene, die sich in Essen setzen oder gar darin rollen, wecken leider weniger hedonistische als hygienische Fragen. Wer möchte schon einen Kartoffelsalat, in dem Onkel Bernd vorher geschwommen ist – auch wenn er behauptet, die Badekappe habe alles abgedeckt? Der Schweinevergleich liegt auf der Hand. Das Tier suhlt sich im Schlamm um die Parasiten auf seiner Haut abzutöten. Der Mensch hingegen… nun ja. Der suhlt sich im Tiramisu aus metaphorischer Sehnsucht und kulinarischer Selbstaufgabe. „Das Essen ist fertig – ich habe schon dringesessen!“ ist vermutlich kein Satz, der Gäste jubelnd an den Tisch bringt. Es sei denn, die Gäste sind ebenfalls bereit, ihre Pasta als Pool zu betrachten.