Finkenschlag und Klickern

Welch ein Glück, dass die Evolution die Dinosaurier auf ein erträgliches Maß verkleinert hat. Was wäre das für ein entsetzliches Krachen im Geäst, wenn sie von Baum zu Baum, von Ast zu Ast hopsen würden. Und erst ihr schmachtendes Grunzen bei der Balz. So aber schlägt der Fink sein helles Lied, und hüpft er von Zweig zu Zweig, wir sehen ihn kaum. Die Sonne scheint, – ich werd‘ verrückt –, brauche keine Handschuhe mehr; Jacke und Schal sind zu warm. Wir werfen die Mützen weg. Das Frühjahr, der Frühling, der Lenz – die drei geben ihr erstes zaghaftes Gastspiel in Hannover, das hoffentlich noch in die Verlängerung geht.
Zeit für Straßenspiele.

In meiner Kindheit begann jetzt die Klickerzeit. Andernorts heißen die Klicker „Murmeln“, was vom Wort Marmor hergeleitet ist. Klicker oder Knicker aber ist schöner, weil onomatopoetisch. Die Wörter ahmen den Laut nach, wenn die Ton- oder Glaskugeln zusammenstoßen. Ein leises Klickern ist schon zu hören, wenn man das Säckchen aufnimmt, worin die Kugeln aufbewahrt werden. Ich hatte eines aus grauem Leinen, das sich oben mit einer eingenähten Schur zuziehen ließ. klickerReich an Klickern war ich nicht, denn obschon ich mir gelegentlich welche kaufte, verlor ich die meisten wieder. In meiner Nachbarschaft wohnten die Gebrüder Schnitzler. Beide waren Kannibalen im Klickern und unschlagbar, so dass niemand gern mit ihnen spielte. Freilich hatten sie die dicksten und schönsten Glasmurmeln, nicht gut für leichtsinnige Menschen wie mich. Zum Frühling gehört noch heute für mich der erdige Geruch des Bürgersteigs vor unserem Haus. Einer drehte mit dem Absatz einen Spitzkegel hinein, wir klopften die Erdkrümel wieder platt, ein Strich wurde gezogen, und dann ging’s los, das Schussern und Schieben, das Einlochen, das Hin und Her von Klickergewinn, -verlust und erneutem Einsacken der farbig lackierten Ton- und geheimnisvoll marmorierten Glaskugeln. Es war wunderbar – aber nur bis irgendwann die Schnitzler-Brüder kamen. Schnitzlers Fred und Schnitzlers Hans-Josef, drängten sich ins Spiel und räumten gnadenlos alles ab. Außer Klickern konnten sie nicht viel, und daher war der Frühling ihre Saison. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, ob ihre Klickermeisterschaft ihnen beruflich weitergeholfen hat oder ob sie im Vorfrühlings ihres Lebens auch schon ihren Zenit erreicht hatten. Aber manche sind gar niemals in irgendwas richtig gut. Da ist es doch besser, wenn man von sich sagen kann: „Als Kind war ich immerhin Klickermeister.“

Als meine Kinder im Klickeralter waren, lebten wir in der Stadt. Da kann man mit dem Absatz keine Klickerlöcher in die Bürgersteige machen. Sie hatten zum Klickern einen flachen Stumpfkegel aus Plastik mit einer Mulde darin. Da haben sie mir immer ein bisschen leid getan, denn mit der Nase über Plastik und Betonplatten, das ist etwas anderes als den Duft der frühlingshaften Erde zu riechen. Trotzdem werde ich nicht behaupten, dass früher alles besser war. Was nämlich schlechter war, das war natürlich nicht besser.

(Überarbeitete Neuveröffentlichung,erstveröffentlicht am 18. März 2010 auf Trithemius.twoday.net; Foto: Trithemius)

Sie waren wie wir (4) Protz und Schrott

„Komm her, du versoffenes Stück!“, stieß Bernhard hervor und schlug mit jedem Wort in meinen Magen. Mir blieb kurz die Luft weg, doch dann versuchte ich, mit den Unterarmen seine Faustschläge abzuwehren. „Aha, die abgetakelte Kirmesschönheit will sich wehren!“, schnaufte Bernhard, packte meinen Arm und zerrte mich ein Stück über den Teppich. Aber da es mir gelang, mich einzurollen, ließ er von mir ab. Er will immer nur in den Magen schlagen, um keine Spuren zu hinterlassen. Er ist so ein umsichtiger Vater und Ehemann! Darum vergisst er auch nicht, sein Töchterlein vor den Prügelattacken auf ihr Zimmer zu schicken. Die kleine Luise soll nicht sehen, wenn Papa in Raserei gerät.

Trotz meiner Leibschmerzen musste ich über Bernhards Selbsttor schmunzeln. Bei ihm hats ja nie zu mehr als zu Kirmesschönheiten gereicht. Außer natürlich Julia, Luises Mutter. Die war die Jülicher Maikönigin gewesen, eine junge Frau aus dem Management einer Zuckerfabrik. Davor waren Bernhards „Eroberungen“ allesamt Kirmesschönheiten gewesen, kamen sozusagen von der Losbude.

Nachdem Bernhard mit Ach und Krach auf einem Düsseldorfer Internat das Abitur geschafft hatte, kaufte ihm sein Vater dieses cremefarbene Mercedes-Cabrio. Auf den Dörfern war Bernhard damit der King. Mit seinem ihm untertanen Freund Michael, missratenes Söhnchen eines Fabrikbesitzers, fuhren er die Schützenfeste der Region ab, um die jungen Mädchen aufzureißen, die an der damals so beliebten Raupe herumstanden. Die Raupe war in den 1960-er Jahren deshalb sensationell, weil gegen Ende der Berg-und Talbahn der hintereinander gehängten Gondeln ein Verdeck über die Mitfahrenden klappte, sie rundum gegen Blicke abschirmte, weshalb dieser Teil der Rundfahrt von den Teenagern gern zum heimlichen Knutschen genutzt wurde.

Von der Raupe weg hatte Bernhard seine große Liebe Magdalena entführt. Sie war fast noch ein Kind, muss aber sehr schön gewesen sein. Bernhard hatte mit ihr herumgeprotzt, sie dann aber unvorsichtiger Weise in Düsseldorf in seine besseren Kreise eingeführt. Dort war sie ihm bald entglitten. Bevor Bernhard erkannte, was geschah, hatten seine Düsseldorfer Freunde die lebenshungrige junge Frau in einen Drogensumpf gezogen. Magdalena starb an einer Überdosis. Irgendwann hat Bernhard mir gestanden, dass ich ihn an sie erinnere. Selbst in der Anfangsphase seines Werbens spürte ich bald, dass er mich nicht wirklich meinte, sondern versuchte, mich nach Magdalenas Bild zu formen. Da ich noch so jung war, hoffte er leichtes Spiel zu haben.

Ich bin gelernte Fotografin, habe ganz klassisch eine Lehre gemacht, den Beruf aber kaum ausgeübt. „Du musst doch nicht arbeiten, wenn du meine Frau bist!“, hatte Bernhard gesagt, als er mich wie eine Trophäe zum Traualtar abführte. Wie Gerrits Leben sich um Schrott drehte, war bei Bernhard alles Protz. Was er anfasste, wurde Protz. Mein Haute Couture Brautkleid, die Trauung auf Schloss Dyck, die Feier mit 300 geladenen Gästen, die Hochzeitsreise nach Venedig. Er hatte einen ganzen Stab von Hochzeitsfotografen engagiert, was mir vor Augen führte, dass ich nicht hinter eine Kamera gehörte, sondern vor die Kameralinse. Bernhard hatte einen Spiegelredakteur dazu gebucht. Der sollte eine Null-Nummer des Spiegels in kleiner Auflage produzieren, mit Porträts der Brauteltern, unseren Porträts, der „Hochzeitsreportage“ und einer Danksagung an die Hochzeitsgäste.“ Für mich hatte er ein Dasein im goldenen Käfig vorgesehen. Folglich kaufte er ein einsam gelegenes Landgut, wo ich außer Mägden und Knechten niemanden zu Gesicht bekam.

Fortsetzung

Sie waren wie wir (3) Der mit dem goldenen Hahn

Bei den geringsten Anlässen konnte ich mit Gerrit lachen. Wie damals noch, als wir an einem Sonntag mit meinen Eltern einen Ausflug nach Zons gemacht hatten. Beim Bummel durch die mittelalterliche Zollfeste waren meine Eltern Hand in Hand vor uns hergelaufen und wir liefen in trauter Innigkeit Hand in Hand hinterher. Hinterm Stadttor bei den Rheinauen gibt es einen Biergarten. Dort hörten wir im Vorbeigehen, wie die Frau an der Essensausgabe sich bei einem fetten Radsportler in Wurstpelle mit den Worten rückversicherte: „Wat kam noch auf der jroßen Fritten?“ Da mussten wir lachen und immer wieder prusten, dass meine Eltern sich umdrehten und mitlachen wollten.

An diese harmlose Szene des Einvernehmens zwischen Gerrit und mir musste ich oft denken. Mein erster Urlaub mit Bernhard war ein Fiasko gewesen. Ich konnte ihm nichts recht machen. Bei der Rückfahrt durch eine felsige Einöde Jugoslawiens gerieten wir derart in Streit, dass Bernhard mich aus dem Auto warf. Wegen der Hitze des Tages war ich nur mir einem gelben Bikini bekleidet. Ich konnte nicht glaube, dass er mich ernsthaft ohne Papiere und einen Pfennig Geld zurücklassen würde. Als ich den wütend durchdrehenden Reifen seines Cabrios und dem Wirbel aus Staub und Steinchen hinterhersah, dachte ich immer noch, er werde hinter der nächsten Kurve auf mich warten, treudoof von mir. Meinen Eltern erzählte ich nichts davon. Mein Vater hätte Bernhard ans Scheunentor genagelt, wenn er erfahren hätte, was ich hatte tun müssen, damit mich zuerst zwei verschiedene Fernfahrer über die Grenzen schmuggelten und ein dritter mich bis an unser Dorf beförderte und mich oben an der Chaussee aussteigen ließ.

„Kind, du hättest es wissen können“, sagte Frau Reinarzt, unsere Nachbarin. Sie kannte sich bestens aus in meinem Liebesleben, hatte Gerrit auch eröffnet, dass ich mich hinter seinem Rücken mit Bernhard traf. Und Gerrit hatte gestaunt, dass er meine Mutter gegen sich hatte und enttäuscht gesagt: „Na gut, soll sie den mit den goldenen Wasserhähnen nehmen. Für mich ist das nichts.“ Weil er nicht konkurrieren konnte, gab er mich kampflos auf. Ach, hätte ich doch auf mein Herz gehört und Gerrit geheiratet.

Fortsetzung

Sie waren wie wir (2) Gerrits Welt

Wenn ich als Kind meine geliebte Tante besuchen wollte, radelte ich allein ins fünf Kilometer entfernte Dorf, aus dem auch meine Mutter stammte. Ich musste dann einen Auwald durchqueren. Mir war als Kind nicht bewusst, dass der Wald sich in einem alten Flussarm erhob. Ich erlebte nur, dass mit dem Erreichen des Waldrands eine leichte Abfahrt verbunden war. Das beschwingte meinen Pedaltritt, und im Nu war Tantchens Dorf erreicht. Der Rückweg machte mir Mühe, denn im Anstieg aus dem Flusstal ins offene Feld schwanden meine Kräfte. Das lag vielleicht auch daran, dass ich Angst hatte, an den Ruinen der Ziegelei vorbeizufahren, gleich da am Beginn eines Hohlwegs.

Hier wohnte seltsames Volk, außerhalb der Zivilisation, folgte eigenen Gesetzen, setzte Kinder in die Welt, die niemals eine Schule besuchten. Wovon die wilden Menschen lebten, war unklar. Manchmal sah ich verlotterte Männer an alten Autos herumschrauben, die überall auf dem weiträumigen Gelände herumstanden, zum Teil versunken in einem Meer von Brennnesseln. Ich hoffte so sehr, dass diese Leute nicht auf die Idee kamen, mich festzuhalten. In meinem Alptraum sprang einer aus dem Gebüsch auf die Straße, nahm meinen Vorderreifen zwischen die Knie, griff nach meinem Lenker, grinste mich an mit seiner teuflichen Fratze und warf mich um in die Brennnesseln. Dass Gerrit in dieser Alptraumwelt zu Hause war, dass er einer von denen war, die ich als Kind so gefürchtet hatte, konnte ich mir damals nicht vorstellen.
Fortsetzung

Sie waren wie wir (1) Kartoffelsalat

„Christine! Los, steh auf und mach uns Kartoffelsalat!“ Die Deckenleuchte flammte auf. Mein Mann stand schwankend in der Schlafzimmertür. Hinter ihm drängten sich seine beiden Kumpel und versuchten, einen Blick auf mich zu erhaschen. Ich bot, verschlafen, wie ich war, gewiss keinen schönen Anblick. Aber das stachelte die beiden Kerle um so mehr an. Sie glotzten auf meine Blöße, als ich mich aufrichtete und nach meinem Morgenmantel griff. Es war nicht das erste Mal, dass ich in der Samstagnacht unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Man verzeihe mir die floskelhafte Wendung. Aber wenn ich noch nicht ganz wach bin und trotzdem funktionieren soll, ist mir das schlichte Denken ein Halt.

Als ich neben dem Bett stand und mit den Füßen nach meinen Tretern angelte, trollten sich die drei in die Küche. „Bisschen Beilung!“, lallte mein Mann noch. Bernhard ist Zen-Buddhist. Freitagabend trifft er sich mit seinen Freunden im nahen Kloster zum Meditieren und Bogenschießen. Sie kleiden sich dann in ihre tibetanischen Mönchsgewänder und spielen ein bisschen fernöstliche Philosophie. Bei den Gewändern darf man sich nichts Besonderes denken. Es sind Lumpen. Ferdinand, ihr Guru, hat sie in den 1970-er Jahren aus Tibet mitgebracht. Letztens hat mir Bernhard Flöhe ins Haus geschleppt. Ich bin sicher, sie siedeln in den Fetzen, weil sie nie gewaschen wurden. Alles ist nicht wirklich authentisch. Zen-Buddhismus und tibetische Mönchsgewänder, ich bitte Sie! Nach dem Bogenschießen fällt Ferdinands Haufen in die Klosterschenke ein. Man hält dort eigens für sie geöffnet. Sonst bewirtet man eher die Tagestouristen. Die kommen wegen des Starkbiers, das die Mönche hier brauen. Der Klosterwirt ist ein versoffener Kerl. Zur Polizeistunde schließt er ab und lässt sich von einem der Saufbrüder am Zapfhahn vertreten, um selber mitzubechern. Spätestens dann ist auch die Küche zu.

Wenn sie dann nach Stunden der Sauferei hungrig werden, verspricht ihnen Bernhard, was ihm gerade durch den blöden Kopf geht. Vorausschauend habe ich gestern Kartoffeln gekocht, keine Pellkartoffeln, denn die zu pellen, während mir die Kerle auf die zitternden Finger starren … Bernhards beste Freunde sind die Schlimmsten. Georg ist ein gefragter Architekt, und Stefan hat ein Ingenieurbüro mit 100 Angestellten. Sie sind solche chauvinistischen Ärsche, dass ich mich oftmals gefragt habe, wie Bernhard mit solchen Typen befreundet sein kann. Vielleicht hatte er aber keine Wahl. Welche Freunde findet jemand, der von Beruf reich ist?

Ich war noch sehr jung, als Bernhard begann, mich zu umwerben. Zu dieser Zeit war ich in einer festen Beziehung zu Gerrit. Gerrit war arm, arbeitete im Schrotthandel seiner Eltern, und meine Mutter hatte sich bald auf Bernhards Seite geschlagen. Obwohl er 20 Jahre älter war als ich, hat sie mich in seine Arme getrieben. „Der hat zu Hause goldene Wasserhähne!“, schwärmte sie immer wieder und erzählte es auch den Nachbarinnen, da sie wusste, dass alle den höflichen Gerrit sympathischer fanden. Gerrit hatte sein Urteil über Bernhard schnell parat: „Ein Schleimscheißer ist das.“ Wäre er nur nicht so arm gewesen und seine große Familie nicht so befremdlich. Sie waren wie wir, doch waren sie in fast allen Dingen ein wenig seltsam.

Fortsetzung

Sprachwissenschaft im Bratenrock

Soweit ich weiß, unterscheidet das Englische nicht zwischen den Pluralformen Wörter und Worte. Wer aber eine Skriptfassung für die deutsche Synchronisation des Spielfilms zum Thema Wörterbuch schreibt, sollte den Unterschied kennen. So wirkt die deutsche Fassung des Films, „The Professor and the Madman“, über ein Wörterbuch der englischen Sprache ungewollt lächerlich, wenn die am Wörterbuch beteiligten „Sprachwissenschaftler“ immerzu von „Worten“ reden, wenn Wörter gemeint sind. Einmal zum Mitschreiben: Die Mehrzahl des einzelnen Wortes ist Wörter, gemeint sind die lexikalischen Begriffe, die „Stichwörter“ im Wortlexikon.

Im Deutschen gibt es aber noch ein zweites Wort, beispielsweise „das Wort Gottes.“ Hier ist kein einzelnes Wort gemeint, sondern dieses Wort besteht aus ganzen Sätzen, ist sogar ein Text, nämlich die Bibel. Der Plural dieses Wortes ist „Worte.“ Wir lesen in einer Vereinszeitschrift die Worte des Vorsitzenden, nicht die Wörter des Vorsitzenden. Denn Wörter stehen im Lexikon und sind Gemeingut, können also nicht dem Vorsitzenden gehören. Eigentlich sind Wort, Wörter [lexikalisch] und Wort, Worte [sinnvolle Aussage] nicht schwer auseinander zu halten. Es scheint in der Gegenwartssprache die Tendenz zu geben, „Worte“ zu sagen oder zu schreiben, wenn „Wörter“ gemeint sind. Was ist der Grund? Will man den Vokalwechsel O zu Ö vermeiden? Woher kommt die Scheu, den Stammvokal zu verändern? „Worte“ klingt feiner als „Wörter.“ Man legt den sprachlichen Bratenrock an, linguistisch ausgedrückt, man betreibt Hyperkorrektion. Die deutsche Übersetzerin fand beim Schreiben des Drehbuchs von „The Professor and the Madman“, dass der sprachliche Beratenrock zum Auftreten der gelehrten Männer des 19. Jahrhunderts besser passte und hat dem die sachliche Richtigkeit und den Sinn geopfert.

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Eine Tendenz bei der Aussprache des E im Auslaut ist mir aufgefallen. Namentlich von Jugendlichen wird da auslautende E gedehnt und leicht angehoben, was zu einer debil wirkenden Mundstellung führt. „Solang ich gemobbt werdee“, sagte eine Schülerin zu einer zweiten. Ich habe den Satz nachzusprechen versucht, um herauszufinden, wie der Auslaut am besten zu verschriftlichen wäre. Ich fürchte, ich kriegs nicht hin. Im Netz suchte ich vergeblich danach, ob schon jemand die Tendenz der Lautentwicklung kompetent beschrieben hat.

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Die sogenannte QWERTZ-Tastatur, benannt nach den ersten sechs Buchstaben ihrer Anordnung, geht auf die 1888 auf der Stenografenkonferenz in Toronto beschlossene Universaltastatur zurück. Die Anordnung hat mechanische Gründe. Sie sollte das Verhaken der Typenhebel verhindern. Seit der Erfindung der Kugelkopfmaschine ist der Grund obsolet. Trotzdem finden wir die Anordnung noch bei der Computertastatur. Kürzlich fiel mir auf, dass manche Tabellen in den Suchmasken der Mediatheken völlig sinnfern auch die Querzanordnung haben. Die ARD listet die Zeichen alphabetisch, das ZDF blendet die Querztastatur ein.

Evolution auf fremden Planeten

Wessen Versuchsanordnung das war, habe ich mich nie gefragt. Er wählte aus der Evolution der Art immer die Entwicklung, die den Menschen am nächsten kam. Manche waren absurde Erscheinungen, monströs verzerrte Gestalten mit hammerförmigen Köpfen oder mit Tentakeln. Nach gescheiterten Versuchen ging die Entwicklung an anderer Stelle weiter. Es erinnerte mich an einen Doktorander der theoretischen Physik. Er durfte am damals größten Computer der Welt programmieren und berichtete vom Werk seiner Vorgänger: „Manche Programme sind wie Poesie, aber manche schier chaotisch.“ Deren Programmierer hätten ihr irrigen Versuche einfach als Datenmüll hinterlassen, hätten nur die Zugänge versperrt.

Ob die Fehlversuche der Evolution, ob die bedauerlichen Wesen wirklich von der weiteren Entwicklung der Art ausgesperrt waren, konnte ich nicht überblicken. An zu vielen Orten entwickelte sich die Art, und zu rasch wechselte Werden und Vergehen. Je mehr sich die Art dem Menschsein annäherte, um so mehr nährte das meinen Verdacht, dass auch die Fehlversuche der Evolution an deren Entwicklung beteiligt gewesen waren. Zu absurd waren manche Formen. Man betrachte nur die Schneckenwindungen der Ohrmuscheln. Zuletzt erwies sich die neue Art im besten Sinne als humanoid. Ich war dabei, als ein humanoider Alien vor der Weltgemeinschaft auftrat mit einer Botschaft an die Menschheit, die sowohl erfreulich war als auch eine schreckliche Drohung: „Hallo Menschen! Wir sind genau wie ihr.“

Backfischiges

„Als ich ein Backfisch war, ging ich oft in den Zoologischen Garten“, beginnt trügerisch harmlos der Text „Backfisch“ von Leonora Carrington. Wer ist das? André Breton charakterisierte die Malerin und Schriftstellerin aus dem Kreis der Surrealisten: „Die ehrbaren Leute, die sie vor einem Dutzend Jahren zum Dinner in ein vornehmes Restaurant eingeladen hatten, haben sich noch nicht von dem Schock erholt, den sie bekamen, als sie gewahr wurden, dass sie sich mitten in der angeregtesten Unterhaltung die Schuhe ausgezogen hatte, um sich die Füße ganz gelassen mit Senf zu bestreichen.“ (André Breton, Anthologie des Schwarzen Humors)

Das surreale Bild verdient Beachtung. Aber da wir nicht dabei waren, schieben wir die mit Senf bestrichenen Füße der Leonora Carrington ungeschockt beiseite und widmen uns kurz dem Wort „Backfisch“ Es ist zuverlässig versunken. Niemand spricht oder schreibt es noch. Wer es bei Google eingibt, bekommt Rezepte. Der Duden verzeichnet zwei Bedeutungen:
„Backfisch, der = (1) panierter gebackener Fisch“. Abgesehen von der geistlosen Bedeutungserklärung, die einem entsprungenen Ladenschwengel würdig wäre: Backfisch ist = gebackener Fisch, ist auch die Erklärung der übertragenen Bedeutung wie aus den Fingern gesaugt: „Backfisch, (2) es sind die kleineren, jungen Fische, die sich hauptsächlich zum Backen eignen“. Arbeitet man neuerdings so in der Dudenredaktion? Schreibt einfach auf, was der Ladenschwengel sich so denkt? Mit ein bisschen Recherche hätte man gefunden, was Christine Bartram / Heinz-Hermann Krüger in ihrem Werk: „Vom Backfisch zum Teenager — Mädchensozialisation in den 50er Jahren“ (1985) erklären: „Früher hießen sie Backfische, diese jungen Mädchen zwischen vierzehn und neunzehn Jahren. Das Wort ist von dem englischen „back fish“ abgeleitet. Englische Angler pflegen zu kleine, zu junge Fische ins Wasser zurückzuwerfen. Sie sollen sich erst entwickeln, größer werden. Ähnlich wie die jungen Fische behandelte man die Backfische: Sie wurden nicht für voll genommen, wurden deshalb immer wieder zurückgewiesen, um erst erwachsen zu werden.“

Mit 17 bekam ich es mit dem 14-jährigen Annettchen zu tun. Sie war mir etwas zu jung. (nachzulesen in Jünger der Schwarzen Kunst) Ich erinnere mich, dass unsere beiden Mütter in den Gärten standen, und sie unterhielten sich über den Grenzbach hinweg. Da hörte ich meine Mutter sagen: „Mein Sohn will sie ja nicht.“ Als Annettchen so schmählich in den Bach segelte, hätte ich gern widersprochen. Mir war klar, dieses „etwas zu jung“ könnte sich quasi über Nacht ändern. Als Annette 16 war, liebte ich sie innig. Da hat sie sich für die frühe narzistische Kränkung an mir gerächt, indem sie hinter meinem Rücken etwas mit einem Rivalen anfing.

Gewiss erinnern sich die werten Leserinnen noch an ihre Zeit als Backfisch?

Mit Dank an Christoph Lemmenhaupt

Der Zufall wollte es, dass mir Christoph Lemmenhaupt auf der Vortreppe der Pfarrkirche St. Aposteln zweimal begegnete. Das erste Mal geschah nach so langer Zeit, dass ich dachte, es wäre nicht nötig, mit ihm zu reden. Er aber hielt mich auf mit einem Faden seines Mantels, den er kürzlich im Kaufhaus X erstanden hätte. Er meinte den ganzen Mantel, nicht nur den Faden. Fäden führt das Kaufhaus X nicht mehr. Lemmenhaupt sagte, dort zu kaufen, davor könne er nur warnen, denn obschon erst zweimal getragen, löse sich am besagten noch neuwertigen Mantel eine Naht auf. In mir keimte sofort großer Widerwille, mit Lemmenhaupt über seine Mantelnähte zu sprechen.

Das Thema „Aufplatzende Nähte“ schien mir ungehörig zu sein, wenn man sich nur flüchtig kennt und gut 30 Jahre nicht gesehen hat. Zu meinem Unglück verstarb bald darauf ein guter Freund und um ihm die letzte Ehre zu erweisen, war ich gezwungen, St. Aposteln erneut zu besuchen. Als ich die Kirche nach einer tränenrührenden Trauerfeier verließ, traf ich auf der Vortreppe erneut auf Christoph Lemmenhaupt. Als hätte sich der Kerl seit unserer letzten Begegnung nicht fortbewegt, hätte dort herumgelungert und der Bettlerin ungehöriger Weise den Platz auf der Treppe streitig gemacht, stand er da, im Mantel selbstverständlich, denn es war lausig kalt, stand da im Weg und hielt mich auf. Obwohl ich eilig die Stufen hinunter stolperte, gelang es ihm, mir zu stecken: „Ich schreibe jetzt auch!“

Ich will nichts davon wissen, will es fürs Verrecken nicht lesen, dachte ich so laut es ging und eilte davon. Von Joseph Beuys wurde kolportiert, dass er seinen Studenten die Regel auferlegte, ihn nie zu bitten, sich ihre Werke anzusehen. Vermutlich wollte er nicht mit unfertigen Bildern zu tun bekommen. Genauso will ich keine fremden Gedankenfolgen in meinen Kopf lassen, vor allem keine von Leuten, die „jetzt auch schreiben.“ Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine psychologische Studie zum Thema Langeweile, “in der US-Psychologen zeigten, dass vor allem Männer sich lieber selber Elektroschocks versetzen, als auch nur 15 Minuten reglos auf einem Stuhl zu sitzen und nach interessanten Gedanken im eigenen Kopf zu suchen. Einem männlichen Studienteilnehmer war so langweilig, dass er sich in diesem Zeitraum 190 Schocks versetzte.“
Stutzig machte mich die Wendung „(…) nach interessanten Gedanken im eigenen Kopf zu suchen.“ Liegen die Gedanken einfach so im Kopf rum und man muss sie nur suchen und aufstöbern? Oder geht es wie im Selbstversuch des Robert Walser?

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“ (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Wenn aber die Gedanken nicht herumliegen wie Wollmäuse, (österreichisch Lurche), weshalb sie sich auch durch Elektroschocks nicht aufscheuchen lassen. Wo kommen sie her? Findet man sie durch Lesen fremder Texte? Oder ist man dabei wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und muss durch die Karrenspur trotten? Schopenhauer bemüht ein mechanistisches Bild:

    „Das viele Lesen nimmt dem Geist alle Elastizität, wie ein fortdauernd drückendes Gewicht sie einer Springfeder nimmt, und es ist, um keine eigenen Gedanken zu haben, das sicherste Mittel, daß man in jeder freien Minute sogleich ein Buch zur Hand nimmt.“

Anders gefragt: Lag dieser Text in meinem Kopf herum und ich musste ihn nur abtippen wie ein Maschinenfräulein? Nein, er wurde entwickelt, ausgehend von meinem Unwillen, Texte gegenwärtiger Autoren zu lesen. Zuvor hatte ich in André Bretons kongenialer Anthologie „Schwarzer Humor“ geblättert und mich an der Skurrilität französischen Denkens des frühen 20. Jahrhunderts erfreut. Da bekam ich Lust zu schreiben und beobachtete, dass Gedanken sich entwickeln, indem sich der Aufmerksamkeitsfunke auf die Reise macht und durch die Schrift eine nachvollziehbare Spur legt.

So gesehen, gebührt Christoph Lemmenhaupt, seinem Mantel und seiner flüchtigen Bekundung herzlichen Dank.

Peinvolle Träume

Untrügerisches Anzeichen für einen Infekt sind bei mir peinvolle Träume. Also keine, in denen ich gemartert werde, sondern solche, die auf das fruchtlose menschliche Streben abheben. In anderen bin ich in Situationen, die ich nicht bewältige, so letzte Nacht. Ich sollte vor einer Menschengruppe lesen, die sich widerwillig versammelt hatte. Obwohl es sich um Erwachsene handelte, war das ganze eine samstägliche Schulstunde mit Anwesenheitspflicht. Ich hatte nichts vorbereitet, hatte nur zwei Kladden bei mir. Da kam mir eine Idee, von der ich merkte, dass sie nicht gut war. Aber jetzt musste sie durchgezogen werden, da ich sie vorschnell dem Auditorium unterbreitet hatte.

Ich sagte: „Ich werde den vor mir sitzenden Kollegen …“ Ach verflixt, eben wusste ich den Namen noch, jetzt wollte er mir partout nicht einfallen. Da mir niemand soufflierte, fuhr ich fort: „Ich werde den Kollegen vor mir bitten, mir ein Thema zuzurufen, und darauf werde ich einen meiner Texte zu diesem Thema vorlesen.“ Mir lag fern damit zu protzen, dass ich schon zu allen beliebigen Themen etwas geschrieben hätte. Es war mehr eine Idee aus der Verlegenheit geboren. Jetzt, wo ich ihn nicht mehr anbringen konnte, fiel mir der Name des Kollegen ein, der da erwartungsvoll lächelnd vor mir saß. Es war Johannes Roth. Ich deutete auf ihn und sagte: „Bitteschön, nenne mir ein Thema!“
„Der König kommt ins Land“, sagte Roth schlau grinsend.
„Dazu hätte ich etwas. Der König ist in diesem Fall der amerikanische Präsident …“ Welch ein Ärger, da fiel mir nur Ronald Reagan ein. Verlegen suchte ich nach dem rechten Namen und blätterte eine Seite in der größeren Kladde auf. Sie war sehr klein und fast unleserlich bekritztelt. Obwohl ich fast nichts entziffern konnte, begann ich zu lesen. Eine Dame im Kostüm in einer der hinteren Reihen unterhielt sich so laut mit ihrer Nachbarin, dass sie mich übertönte. Ich rief sie zur Ordnung mit den Worten: „Bitte! Ich kann nicht lauter.“

Als ich mich wieder dem Text zuwandte, hatte ich die Seite verschlagen. Kopflos blätterte ich in der Kladde, natürlich vergeblich. Mir war klar, dass gut vorbereitete Vortragende nicht in solche Peinlichkeiten geraten, weil sie die gewünschten Seiten mit Post-its markieren. Vor mir sah ich welche in Gelb. Doch dann entfernte ich mich heimlich in meine nahegelegene Stammkneipe. Ich erwachte im schlechten Gewissen, dass meine Zuhörerschaft noch auf dem Platz herum stand und auf die Fortsetzung meiner Lesung wartete. Damit niemand denkt, ich hätte gar keinen Text zum Thema „Der König kommt ins Land“. Hier der Link zum Selberlesen. Der König heißt Ronald Donald Trump:

Wer wollte da wach bleiben?