Als Tourist auf der Linie 13 (6) – Alte Knochen

Man wird mir das mausoleum nicht entgegentragen. Ich muss es selber aufsuchen, wiewohl das banksitzen mich wie gelähmt hat. Vor drei jahren habe ich mir ein bein gebrochen und brauche nach dem aufstehen immer noch ein weilchen, bis ich meinem genagelten unterschenkel vertraue und losgehen kann. Nach 200 Metern taucht ein gebäude auf, vielleicht ein forsthaus? Ein hinweisschild zeigt, dass ich auf dem richtigen weg bin. Dann schimmern zwischen flirrendend grünen blättern die roten ziegel des gemäuers. Ich nähere mich und bedauere die plünderung des bauwerks. Das portal, war zu lesen, wurde in der nähe in einem wohnhaus verbaut gefunden.

Dass die leute sich nach dem krieg bedient haben, ist verständlich. Als alles darniederlag, konnte man nicht einfach in den baumarkt gehen und ein paar kubikmeter feldbrandziegel und eine neue haustür holen. Man musste nehmen, was da war. Was lag näher, als ein nichtsnutziges mausoleum abzubauen und das material zu plündern?

Mit der gleichen mentalität waren einst adelige kriegsherren wie Carl graf von Alten mit ihren soldaten durchs land gezogen. Auf den wegen zu den schlachtfeldern ließen sie sich von der bevölkerung versorgen, besetzten und plünderten häuser und bauernhöfe. Selbstverständlich beanspruchte der graf das beste bett, und das war in der regel das der hausbesitzer. So hat es die soldateska zu allen zeiten gehalten. Noch aus dem 2. weltkrieg berichtete mir auf dem dorf nahe Aachen eine alte frau:

    „Als die front von westen heranrückte, da waren in allen häusern soldaten einquartiert. Die lagen zum schlafen überall auf dem boden herum. Sogar unterm küchentisch lagen welche. Aber der feldwebel, der musste ein bett haben. Und abends bekam er einen heißen stein ins bett, der in zeitungspapier eingewickelt war.“

Wohl denen, wo der heiße stein gereicht hat. Nicht selten ließ sich ein besatzer vom hübschen töchterlein des hauses das bett wärmen. Der durchzug eines heeres zur zeit Napoleons war für die dörfer buchstäblich verheerend. Waren die ungebetenen gäste weg, hatten sie den leuten das vieh geschlachtet und alle vorräte geraubt. Als nachhut zog der hungertod durch. Den machtspielen des europäischen adels fiel manches friedliche menschenskind zum opfer, und es wurde seinen knochen kein aufwändiges mausoleum errichtet. Unsereiner wollte sowieso keinen geröllhaufen überm kopf. Mir würde ein blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Die wichtigen knochen unter protzbauten zu verbuddeln, ist noch der heidnischen idee verpflichtet, dass man seine reichtümer mit ins jenseits nehmen kann. Diese idee zeigt auch eine parabel, die ich schon lange einmal nacherzählen wollte:

    Der reiche herr und der schwarze john sind gestorben, der schwarze john zuerst. Er macht sich auf den langen weg zur himmelspforte und klopft an. Petrus schaut aus einem fenster der pforte und fragt: „Was willst du?“
    „Ich möchte gerne in den himmel.“
    „Kommst du zu fuß oder kommst du geritten?“
    „Ich bin zu fuß.“
    „Dann kann ich dich leider nicht hereinlassen.“
    „Enttäuscht trabt der schwarze John den langen weg zurück. Da begegnet ihm der weiße herr. Der schwarze john fragt: „Weißer herr, wohin des wegs?“
    „Wohin wohl, wenn ich hier unterwegs bin, in den himmel natürlich!“, knurrt der weiße herr unwillig.
    „Da gibt es ein problem. Petrus lässt nur die ein, die geritten kommen.“
    „So?“
    „Ich hätte eine idee“, sagt der schwarze John. „Ich gehe auf alle viere, und du reitest auf mir zum himmel. So kommen wir beide hinein.“
    Gesagt getan. Der schwarze john geht auf die knie, der weiße herr sitzt auf, gibt John die sporen und reitet den langen weg hinauf zur himmelspforte. Petrus öffnet das fenster und fragt: „Was ist dein begehr?
    „Ich will in den himmel.“
    „Bist du zu fuß oder kommst du geritten?“
    „Ich komme geritten, wie du siehst.“
    „Dann binde deinen alten gaul draußen an und komme herein!“
    (Nach Fredrik Hetmann)

Was geschah nun mit den gebeinen des grafen nach plünderung seines mausoleums? Zuerst haben diebe die zinksärge gestohlen und adelige knochen im wald verstreut. Später wurden eingesammelt, was da an knochen herumlag, und standesgemäß in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis zu Hannover beigesetzt.

Ich gehe in den ruinen der grabkapelle umher wie einer, der wegen irdischer sünden keine ruhe findet. Mein plan, hier zu sitzen und eindrücke zu notieren, geht nicht auf. Durch das gemäuer zieht ein eisiger hauch. Den will ich nicht in meinen texten haben.

(wird fortgesetzt …)

Als tourist auf der linie 13 (5) – Feldrain am auwald

Die Göttinger Landstraße taucht hinter einem kreisel zielbewusst in ein waldstück ein und führt geradeaus aufs land. Auf dem fahrradweg überholt mich eine radfahrerin. Sie hat ein körbchen mit ihrem einkauf auf dem gepäckständer. Da ragt ganz anheimelnd eine porreestange hervor und wippt mir die idee von dörflichem idyll zu. Brauchst dir nichts drauf einzubilden, denke ich, kommst vermutlich ganz popelig von Lidl und wanderst, anders als ich, gleich in den kochtopf. Ich schreite hurtig aus. Andere würden sagen, das Adjektiv könnte weg. Es wäre sowieso ergaunert. Mal gehe ich rasch, dann wieder schleppe ich mich voran. „Intervalltraining“ wäre zu hoch gegriffen.

Im wald linker hand schimmert wasser. Was ich zunächst als tümpel angesehen hatte, zeigt sich als weitreichende überschwemmung. Ich weiß, dass unweit die Leine fließt. Der wald steht nach dem regen der letzten tage und wochen mit nassen füßen in einer kaum verlandeten altarmschleife. Entlang der straße zieht sich der Maschgraben, der das gelände entwässern sollte, aber offenbar überfordert ist. Deshalb gibt es auch keinen weg schräg hinüber zum mausoleum. Ich muss bis zum flecken Sundern gehen, um es zu erreichen. Dort biege ich von der landstaße in den Sundernweg am waldrand.

Klick mich! Quelle: Google maps

Wo beim Sundernweg die bebauung endet, zweigt der weg ab zum mausoleum. Links der auwald, rechts feld. Ich liebe solche wege am feldrain entlang, besonders wenn sie schön in der sonne liegen wie heute. Zu meinen füßen zwei stattliche pfützen. Da fliegt mich die erinnerung an meine kindheit an. Meine mutter half dem bauern aus der nachbarschaft bei der feldarbeit. Ich musste sie oft begleiten und vertrieb mir an den feldwegen die zeit. Gerne spielte ich an solchen pfützen, grub kanäle und leitete die wässer der oberen pfütze in die untere, herrschte wie ein eigensinniger despot über die winzigen Pfützenbewohner.

Rübendarwinismus


Fast möchte man sich die kleider vom leib reißen nach der kälte der letzten tag. Am waldrand steht halb im gras versunken eine besonnte bank. Ich lasse die sachen an, setze mich und wickle nur mein butterbrot aus. Zum Glück! Gerade habe ich den mund voll, da taucht von hinter einer wegbiegung eine einsame wanderin auf, kommt näher, bevor ich schlucken kann, und grüßt. Ich bringe nur ein unartikuliertes brummen heraus, was entfernt wie „morgen“ klingen könnte, ihr aber gewiss wie der dialekt der hölle vorkommt. Täusche ich mich oder schwingt sie die hufe jetzt rascher als zuvor? Jedenfalls verschluckt sie der weg schneller als ich mein bisschen butterbrot. Ob sie auch zum mausoleum will? Sie hat hoffentlich fernere ziele, denn ich habe keine lust auf touristische gesellschaft.

(Fortsetzung …)

Als tourist auf der linie 13 (4) – Hurtig durch Ricklingen

Die bahn folgt einer gesichtslosen straße durch Ricklingen. Lediglich in der nähe des ricklinger bürgeramts erkenne ich das fotostudio, wo ich mir mal unter zeitdruck habe passbilder machen lassen. Der fotograf öffnete erst 9:30 uhr, und um 10 hatte ich im bürgeramt einen online gebuchten termin zur personalausweisverlängerung. Es war der einzige, den ich hatte bekommen können. Weitere termine gab es bei allen städtischen bürgerämtern hannovers erst in ferner zukunft. Da waren zwei dicke frauen vor mir gewesen, und derweil sie sich für die fotos in szene setzten, saß ich auf heißen kohlen. Beim bürgeramt biegt die strecke fast 90 grad ab, vorbei am stadtfriedhof Ricklingen.

Dahinter passend eine seniorenresidenz. Ein stattlicher industriekomplex hat auf einer giebelfront die aufschrift „GROSSDRUCKEREI PETERSEN“, ein relikt aus den 1970-er jahren. Das unternehmen ist verschwunden. Heute taugt das dach gerade mal für photovoltaik. In einer solchen großdruckerei habe ich 1967 meine praktische gesellenprüfung als schriftsetzer gemacht, ohne zu ahnen, dass mein handwerk fünf jahre später museal sein würde. Ich glaube, die Neußer großdruckerei hieß Wengener. Man hatte eigene lehrlinge, und die sollten gewiss besser abschneiden als externe wie ich. Für die prüfung im schnellsatz stellte man mir in einem abgelegenen Winkel des setzereisaals einen völlig verfischten kasten auf. Fische (auch zwiebelfische) nannte der schriftsetzer falsch abgelegte lettern. Besonders ärgerlich sind fische aus anderen schriften. Man erkennt sie nicht am anderen schuppenkleid, sondern an der abweichenden signatur, also an der kerbe an der vorderseite der letter und muss sie immer wieder aus gesetzten zeilen herausangeln. Als ich in dieser mittelalterlichen technik geprüft wurde, gab es schon maschinensatz und auch ansätze von computergestütztem fotosatz, wodurch handsatz großer mengen längst überflüssig war. Ich war also bereits unwissentlich aus der zeit gefallen.

Ein auszubildender heutiger zeit ist eingestiegen und erzählt einer jungen frau gegenüber von seinen prüfungsvorbereitungen. Was er lernt, kann ich nicht hören. Aber seinen reden ist zu entnehmen, dass er in der firma seines onkels arbeitet. Der ruft an, und ich höre eine sonore stimme, die weitschweifig erklärungen abgibt. „Das problem ist, mein onkel redet viel, sagt ‚wir müssen gas geben‘ und sowas, aber das passiert nie“, sagt der lehrling, nachdem das telefongespräch beendet ist. Da wäre er vielleicht bei Heinos „Onkel Werner in der werkstatt“ besser aufgehoben.

Ich bewundere die junge frau. Sie hört dem lehrling freundlich zu, wendet verständiges ein, fragt einiges nach, etwa wie alt der onkel sei. Er kann es auf seinem Smartphone nachgucken: „40“. Umgekehrt fragt er sie nichts. Woran liegt es, dass manche menschen, frauen zumeist, sich immer so einseitige kommunikation auf den hals laden? Als ich noch keine probleme hatte, vom boden aufzustehen, saß ich gerne beim sonnenuntergang auf der dornröschenbrücke. Da hörte ich eine junge frau sagen: „Der Philipp ist so nett. Kann er nicht mal sein gegenteil finden?“ Ich musste schmunzeln. Ihr gegenteil finden nette menschen rasch, passende gegenstücke leider fast nie. Wieder ändert die linie 13 ihre richtung, biegt jetzt auf die Göttinger Chaussee ein, durchquert Hemmingen, und bald ist die endhaltestelle erreicht.

Ein mann und seine alte graue mutter haben sich auch aus neugier hinfahren lassen und steigen mit mir aus. Die mutter schaut sich aufmerksam um, und aus mangel an anderem lobt sie den großzügig angelegten parkplatz nebenan. „Park + Ride“, sagt der sohn. Ob die mutter weiß, was das ist? Ich jedenfalls habe das verkehrspolitisch fragwürdige konzept nie verstanden. Statt ausgedehnter flächenversiegelung hätte man bei den neu angelegte bahnsteigen wenigstens einen kiosk planen können. So gibt es nichts, was zum verweilen einlädt. Endhaltestelle und parkplatz sind klassische nichtorte, heterotopien im Foucaultchen sinne. Man sollte seine alte mutter nicht herbringen. Es könnte hier an Hemmingens ortsgrenze trotzdem schön sein, allein der ländlichen ruhe wegen. Die Göttinger Chaussee heißt schon ab Hemmingen Göttinger Landstraße.

    Das französische „Chaussee“ vermittelt mir die vorstellung von gemächlichen reisen mit der postkutsche. Die romantisierung wäre mir rasch vergangen, denn für die etwa 120 kilometer von Hemmingen bis Göttingen hätte ich mir in den gut 12 stunden bald den hintern wund gesessen. Nähmen wir lieber den überlandbus über die Göttinger Landstraße. In meiner jugend fuhren auf solchen strecken noch die gelben postbusse, an bord nicht nur fahrgäste, sondern auch postsäcke voller briefe und pakete.

Das sind müßige ideen vom gefahren werden. Es wird jetzt „gewandert“! Mein ziel und den weg dorthin habe ich mir bei google maps bereits angesehen. Ich schultere meinen rucksack und tippele los.

Wird fortgesetzt …

Als tourist auf der linie 13 (3) – Alte wege

Die Anzeigetafel auf dem bahnsteig der linie 13 zeigt, dass ich zwei minuten habe, um einen fahrschein zu ziehen. Die Üstra hat die bargeldautomaten abgeschafft, will überall solche der neuen auomatengeneration aufstellen. Mir bleibt nicht genug zeit herauszufinden, ob die protzigen neuen kartenzahl-automaten auch Koffie to go können. Aber sicher ist schon mal, das fahrschein-ausgabefach sitzt zu tief. Ich weiß nicht, wen die planer vor augen hatten, jedenfalls keinen mit rücken. Ich bin ja nur durchschnittlich groß und muss mich schon bücken. Aus dem tunnel dröhnt der heranrauschende zug. Er hat gerade die Leine unterquert. O Gott, das tauchbad hat die Üstra-typische lindgrüne farbe abgewaschen.

Der ethnologe Bengt af Klintberg berichtet von zügen der stockholmer u-bahn. Sie sind ebenfalls grün. Manchmal taucht aus einem u-bahn-mundloch eine geisterhaft silbergraue bahn auf. Man lässt den „Silverpilen“ (Silberpfeil) besser passieren und wartet auf die reguläre bahn. Denn leute, die in den silberpfeil eingestiegen sind, verschwanden oder wurden viel später weitab von ihrem ziel aufgefunden. Die unglücklich in den horrorzug hineingeratenen fahrgäste dürfen nicht aufsehen, sitzen mit gesenktem kopf und starren stier nach unten. Ehe ich das realisiere, bin ich schon leichtfertig eingestiegen. Man hat die sitzbänke im Silberpfeil überwiegend den gang entlang platziert. Die fahrgäste sollen wohl nicht aus dem fenster schauen, sondern nach unten stieren. Die meisten haben kleine bildschirme in der hand, auf die sie unentwegt starren. Ich will ja nicht unken, aber das hat was von gedankenkontrolle. Kein wunder, dass viele an den falschen stationen aussteigen. Sie wissen gar nicht, wo sie sind. Dieser großstadtmythos wäre aufgeklärt, herr Bengt af Klintberg.

Eine frühe form der gedankenkontrolle ist ganz aus der zeit gefallen. Man sieht in der bahn keine zeitungsleser mehr. Folglich beherrscht auch keiner mehr die kunst, eine zeitung in der vollbesetzten bahn probat zu falten, für die die bettuchgroße FAZ extra eine faltanleitung erdacht hatte. Immerhin könnte man zeitung auch im grellen sonnenlicht lesen, denn der silberpfeil hat den u-bahntunnel verlassen und saust auf die erste oberirdische station, Allerweg, zu. Hier bin ich zwei jahre ein- und ausgestiegen, als ich wegen einer beziehung zwischen Aachen und Hannover pendelte. Rechts ging es zu meiner 1. hannoveraner freundin; links im Siloah-krankenhaus hat man mir im jahr 2012, inzwischen war ich schon hergezogen, einen stent ins herz gepflanzt.

Ich erinnere mich an eine interessante unterhaltung zwischen arzt und assistierender op-schwester. Er fragt nämlich nach den vorhandenen größen beschichteter und unbeschichteter stents. Die gewünschte größe ist nicht da, da nimmt er einfach eine andere, wie man manchmal einen 6er-dübel nicht hat und sich eben mit einem 8er-dübel behilft oder der fahrradmechaniker sagt: „Ich habe gerade keinen 24-er reifen, nehmen sie auch einen 26-er?“ Und man sagt notgedrungen ja, obwohl man weiß, dass ein 26 millimeter breiter reifen einen größeren rollwiderstand hat als ein 24-er. Man lese die handwerkliche barbarei nach im bericht: „Wie ich beinahe versehentlich gestorben wäre.“

Ein ganzer pulk junger menschen wartet an der fußgängerampel. Sie kommen von einer der fachhochschulen in der nähe. Die bahn rauscht vorbei auf den stadtteil ricklingen zu. Eine weile bin ich hergefahren, weil ich meinem friseur nachgereist bin. So geht es nämlich bei einem umzug in eine andere stadt. Man hat zunächst keine ärzte, keine stammkneipe, keinen friseur, und hat man einen gefunden, wechselt er die arbeitsstelle und man muss ihm hinterher reisen. Dieser hieß Tim und erinnerte mich an meinen Aachener friseur Dimi. Mein freund und kollege Mike hatte ihn mir empfohlen: „Du musst zu einem mann gehen. Frauen machen einen zu brav“, hatte Mike gesagt. Also ging ich noch zu Dimi, als ich schon in Hannover lebte. Manche gehen zum friseur, ich fuhr einige hundert kilometer. Dimi vereinte vorzüge. Er machte mich nicht brav, war ein künstler seines fachs und sprach wirklich wenig. Nur einmal hörte ich einen ganzen satz von ihm. Während er mir die haare schnitt, fielen eisgraue strähnen zu boden. Ich fragte: „Was sind denn das für graue löschen, die hier runterfallen?“
„Die sind von Ihnen“, sagte Dimi trocken. Da erst wurde mir bewusst, dass ich grau geworden war. Mein verlogener spiegel hatte mir nach wie vor braune haare gezeigt. In Hannover hat Tim mir eine weile die haare getönt, weil meine 2. hannoveraner freundin meine grauen haare nicht schön fand.

Fortsetzung (…)

Als tourist auf der linie 13 (2) – Rein in die Wassersenke

Ich muss bis zum Waterlooo-u-bahnof mit der linie 9 fahren, um dort umzusteigen in die 13. Seit wochen sind die fahrscheinautomaten in der Nieschlagstraße außer betrieb. Bis zum umstieg muss ich notgedrungen schwarz fahren. „Beförderungserschleichung“ heißt das juristisch. „Beförderungserschleichungsnötigung“ ist das. Glücklicherweise betrifft meine Beförderungserschleichung nur drei stationen. Hinter der Haltestelle „Schwarzer Bär“ rollen wir über die Benno-Ohnesorg-Brücke. Oberirdisch fährt die linie 9 gerade mal 20 stundenkilometer, aber wenn die bahn die Benno-Ohnesorg-Brücke passiert hat, rast sie die rampe hinunter zum u-bahnhof Waterloo.

Viele Leute sprechen die station englisch aus, denken vermutlich, sie ist nach Abbas eurovisons-hit benannt. Aber Waterloo ist flämisch, ein dorf in der belgischen provinz Brabant, man spricht es wie man liest. Die ortsbezeichnung bedeutet wassersenke. Der hannoversche bahnhof heißt Waterloo wegen der gleichnamigen schlacht. Oberhalb der u-bahnstation Waterloo befindet sich ein ehemaliger Exerzierplatz, heute eine große Rasenfläche, in deren Mitte sich eine 46,31 Meter hohe Siegessäule erhebt. Unweit steht das standbild des grafen Carl von Alten. Von Alten habe sich in der schlacht bei Waterloo in der King’s German Legion (Königlich Deutsche Legion) hervorgetan, heißt es. Wikipedia weiß: „Durch die Verteidigung des Gutshofes „La Haye Sainte“ hatte von Alten wesentlichen Anteil am Sieg der Alliierten bei Waterloo – und damit auch an der Umsetzung der auf dem Wiener Kongress beschlossenen Erhebung des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg zum Königreich Hannover.“ Das rechtfertigt allemal, dass die Hannoveraner ihm ein denkmal setzten. Heute wäre zu fragen, ob der graf von Alten den gutshof etwa alleine verteidigt hat? Oder saß er sicher abgeschottet und hat befehle gegeben?

Zur schlacht wird der adelige kriegsherr jedenfalls vierspännig gefahren sein. Die zum kriegsdienst gepressten bauernburschen seines verbands durften hinterher stolpern. Die meisten sind auf dem schlachtfeld gefallen. Graf Carl von Alten stand noch glücklich in seinen stiefeln und hat sich dort malen lassen, (im ausschnitt auf dem flyer seines mauseleums). Von den 20.000 gefallenen Soldaten und Pferden ist auf dem auf dem gemäldeoriginal nichts zu sehen. Der maler war vermutlich gehalten, die störenden fremdkörper einfach wegzulassen. Später hat man die leichen in Massengräbern in den typischen hohlwegen der umgebung verscharrt.

Wikipedia weiß: „Spätere Versuche, ihre Gebeine zu bergen, blieben ergebnislos. Nur zwei Skelette wurden gefunden. Wo die sterblichen Überreste (…) geblieben waren, war lange Zeit unklar. Im Jahr 2022 fanden der belgische Historiker Bernard Wilkin, sein deutscher Kollege Robin Schäfer und der britische Schlachtfeldarchäologe Tony Pollard heraus, dass etwa 20 Jahre nach der Schlacht begonnen worden war, die Gebeine wieder auszugraben, um sie an die boomende Zuckerindustrie Belgiens zu verkaufen (…) , in der die begehrte Knochenkohle als Filtermaterial zum Entfärben des Zuckers benötigt wurde.“
Wer hätte gedacht, dass sich in den berühmten belgischen pralinen noch soldatische DNA aus der zeit Napoleons findet?

Der U-bahnhof Waterloo war einst der hässlichste aller hannöverschen u-bahnhöfe. In den 2000-er jahren wurde er umgestaltet, zeigt nun auf großen bildtafeln collagen mit den wichtigen entwicklungsschritten der stadt. Freund spraakvansmaak erzählte, er habe als student mit einem seminar der historischen fakultät am konzept mitgearbeitet.

Ich muss aussteigen, nutze den aufzug und fahre auf straßenniveau. Gar prächtig scheint die sonne. Hinter mir auf dem waterlooplatz ein containerdorf, in dem die stadt Hannover geflüchtete untergebracht hat. Ich gehe fünf meter hinüber zur 2. aufzuganlage, um auf den bahnsteig stadtauswärts zu fahren. Es gibt hier als zwischentage eine verteilerebene, die wohl nur über treppen erreichbar ist. Auch gibt es einen tunnel, den man mit dem fahrrad durchfahren kann zur anderen Seite der vierspurigen Lavesallee. Dabei wird man gewiss gefilmt, denn die zufahrt ist direkt neben dem niedersächsischen innenministerium.

Fortsetzung

Als tourist auf der linie 13

Ich sollte das nicht schreiben, wirklich nicht. Ich sollte wie angekündigt nichts tun. Nach der physiotherapie heute morgen fragte mich der therapeut: „Und was haben Sie heute noch schönes vor?“ Ich sagte “rekuperieren, nachdem ich gestern zum mausoleum des grafen Von Alten gewandert bin, vielmehr zur ruine.“ Ich liebe das wort rekuperieren. Es lässt sich unschwer lat. recuperare (erholen) darin erkennen. Ich sage es mit stolz ob meiner gestrigen leistung. Andere leute würden nicht von einer wanderung sprechen, würden sagen, sie hätten einen hupfer gemacht, sie hätten sich von der endhaltestelle der linie 13 mal eben fallen lassen und wären schon da gewesen.

Für mich sind vier kilometer, also zwei hin, zwei zurück auf unbekannten wegen durchaus eine wanderung, für die ich mir ein butterbrot schmiere und eine flasche apfelschorle in den rucksack stecke. Ich wurde bescheiden in meinen ansprüchen, traue mich erst langsam wieder vor, nachdem mich eine osteopathin mit heilenden händen erst kürzlich von meinen hartnäckigen rückenschmerzen befreit hat.

Es ist weiß Gott nicht mein lebenstraum gewesen, die kleine stadt Hemmingen im süden Hannovers zu besuchen. Aber nachdem die Überland- und Straßenwerke Hannover (Üstra) die stadtbahnlinie 13 von Fasanenkrug im norden bis Hemmingen ganz im süden Hannovers erweitert haben, war ich neugierig geworden, das neue teilstück der strecke und die endhaltestelle kennenzulernen.

Zuerst war die frage zu klären, was Hemmingen zu bieten hat, (also außer Lidl, Aldi oder Penny), denn einfach ziellos hinzufahren, widerstrebte mir. Wenn ich schon als bloody tourist unterwegs sein würde, dann richtig. Bei Wikipedia weist der unterpunkt „Grünflächen und Naherholung“ aus: „(…) Im Erlenbruchwald liegt auch das Baudenkmal Mausoleum Graf Carl von Alten, das von Georg Ludwig Friedrich Laves und Conrad Wilhelm Hase für Carl von Alten errichtet wurde.“ Das erregte meine neugier.  Laves und Hase sind zwei berühmte Hannoveraner architekten, Hase („Putz ist Lüge“) gilt als der bedeutendste vertreter der neugotischen backsteinarchitektur.

Das 1842 errichtete mausoleum hat zwar die weltkriege unbeschadet überstanden, wurde aber in den 1950-er jahren geplündert und ist nur noch ruine. Beim wort ruine denke ich unwillkürlich an einen schmuckeremiten. Der Hinübersche Garten, ein engländischer landschaftspark im norden Hannovers soll einen gehabt haben, doch bei von Altens mauseleum ist wohl keiner zu erwarten. Ein dort in diensten der stadt in einem erdloch lebender kerl, der sich sieben jahre nicht haare, bart, fuß- und fingernägel schneiden dürfte, damit würden die Hemminger sicher werben.

10 cc – dreadlock holiday

Fortsetzung

Die ihre hacken in den fluss werfen

Einem bauern im alten Griechenland ist die einzige hacke in den fluss gefallen. Er beklagt lauthals seinen verlust und will nicht aufhören mit seinem jammer. Irgendwann geht er den göttern so auf die nerven, dass sie ihm, um endlich ruhe zu haben, eine goldene hacke zuwerfen. Darob werfen auch andere bauern ihre hacken in den fluss. Das jammern will kein ende nehmen, und die götter schwören einander, niemals mehr zu reagieren, wenn menschen ihre stimmen erheben und ihre hände flehend gen himmel strecken.
Es hat sich wohl noch nicht herumgesprochen, weshalb die katholiken zwischen ostern und himmelfahrt frühmorgens mit bittprozessionen um die felder ziehen.

Ich erinnere mich: Ältere vorbeter leierten litaneien und wir kinder mussten mitlaufen und ebenfalls leiern: „erbarme dich unser“ oder „bitte für uns.“ In meiner kindheit war es üblich, dass jungen nach ostern kurze hosen trugen. Ich erinnere mich, gegen 6 uhr in der morgenkühle gebibbert zu haben. Ein älterer junge trug eine eng sitzende lederhose und schlug sich immer klatschend auf die oberschenkel, um sie aufzuwärmen.

Meine mutter zwang mich, bei den bittprozessionen mitzulaufen, ohne zu erklären, wozu das gut war. Sie folgte einfach der tradition der eltern, großeltern, urgroßeltern, ururgroßeltern bis hinab in finstere vergangenheit, als die bittprozessionen noch heidnische flurbegehungen waren und der kontrolle der flurgrenzen dienten. Bei den ripuarischen franken war das der grund, warum die knaben mitlaufen mussten. Es war rechtsbrauch, zum festlegen einer grenze, einen knaben mitzunehmen. Und war ein grenzstein gut in der erde, verabreichte man dem jungen ein paar schallende backpfeifen oder zog kräftig an seinem ohr. So würde er sich zeitlebens an die stelle erinnern und den grenzverlauf bezeugen können. Das wort „Zeuge“ kommt vom verb „ziehen“, der zeuge wäre demnach, der am ohr gezogen wurde.

Die bäume hinter meinen fenstern boten heute morgen einen wunderbarer kontrast zwischen licht und schatten. Wohin die sonne kam, erstrahlten die bemoosten äste und das frische blattwerk in kräftigem grün. Ich sah aus dem fenster, erinnerte mich an die zeit der bittprozessionen und wärmte mir die oberschenkel am heizkörper. Wie gut, dass wir keine knaben mehr am ohr ziehen müssen, weil wir inzwischen schrift, besitzurkunden und grenzkataster haben. Und das gejammer mit „erbarme dich unser“ können wir uns nach 2000 unerhörten jahren auch sparen. Wir gelten da oben nämlich als die bauern, die ihre hacken absichtlich in den fluss geworfen haben.

Not Schweinsköpfe

Zu besuch bei freunden in köln. Wir wollten essen gehen. Die freunde fanden es schwierig, ein auch für mich geeignetes lokal zu finden. „Veganer sind so eine seltenheit in köln! Kaum ein restaurant hat veganes auf der speisekarte“, hieß es. Am ende wählten wir ein gutbürgerliches lokal in der altstadt. Das einzige vegane gericht auf der karte war die „Not Schlachtplatte.“ Die freunde winkten ab. Aus platzgründen solle ich lieber nur eine halbe nehmen. Das wiederum bescherte mir ein ästhetisches problem. Offenbar war vorgesehen, dass im zentrum der „Not Schlachtplatte“ ein lebensgroßer naturgetreuer „Not Schweinskopf“ trohnte, der eine tomate im maul hatte.

Bei der halben „Not schlachtplatte“ ging der schnitt naturgemäß mitten durch den schweinskopf und legte das innere gekröse frei. „Was hat es damit auf sich“, fragte ich die kellnerin. „Der ist aus marzipan“, sagte sie. „Unsere küche möchte zeigen, dass wir bis ins kleinste detail alles vegan nachbilden können. Beachten sie auch die naturalistische nachbildung der fleischtomate. Sie hat drei kammern, wie der schnitt offenlegt. Die dreikammertomate zeigt einen mercedesstern.“ Nach dieser erklärung wandte sie sich ab, kehrte dann aber um, brachte mir zum steinharten hefeteigboden ohne hefe einen meißel und sagte: „Wollen sie sich das nicht nochmal überlegen mit dem veganismus? Der schweinskopf ist doch so hübsch.“

Auf dem weg zur toilette fiel mein blick in eine separate gaststube. Dort stand Carolin Kebekus vorgebeugt hinter einem tisch und sagte einer abgewandt sitzenden person: „Nach neun monaten schwangerschaft endlich wieder hack!“ Dann zog sie sich mit einem strohhalm eine line gehacktes durch die nase. Jan Böhmermann tänztelte durch den raum, eckte am tisch an und jammerte: „In letzter zeit geraten mir immer wieder die ironiestufen durcheinander! Hashtag: #Ironiestufenverwirrung.“ Der aus funk und fernsehen bekannte comedian Torsten Sträter war auf den gang getreten und rief über seine schulter: „Ich muss ka, äh, mal groß. Das andere hat mir der intendant verboten. Kann ich wenigstens die scheißhaustür auflassen?“
„Ich hab glücklich einen haufen hack, aber es geht natürlich wieder mal um dich und deine fäkalsprache, Wursten Sträter“, höhnte die Kebekus.
Ein TOLLHAUS, um groß zu schreiben, dachte ich.

Sich das leben leicht machen

Als nicht anerkannter kriegsdienstverweigerer musste ich an einem manöver teilnehmen. Unser bataillon war im wald positioniert. Derweil wir uns dort einrichteten, hatte ein oberfeldwebel sich von rekruten eine dusche bauen lassen. Eine gießkanne hing im baum, und wenn er an einer strippe zog, neigte sie sich und versprühte kaltes wasser. Unter gejohle nahm der kerl ein duschbad. Ich staunte über die fähigkeit, sich mit der situation zu arrangieren und das beste daraus zu machen. Dass eine kalte dusche, bei der man im schlammigen waldboden steht und von johlenden deppen umringt ist, das attribut das “beste“ verdient, wird mancher bezweifeln.

Aber der feldwebel genoss es wohl und aus seiner sicht, war es das beste. Die fähigkeit, für sich das beste aus situationen herauszuholen, finde ich beneidenswert, und man kann sich denken, dass ich diese fähigkeit nicht habe, weil ich sonst das wort „beneidenswert“ nicht benutzt hätte. Mich zu arrangieren, beherrsche ich wohl, das beste aus einer situation zu machen aber nicht. Dazu gehört auch, für die dinge des lebens, für die alltäglichen schwierigkeiten, kreative lösungen zu finden. Das internet ist voll von sogenannten lifehacks, und man sollte annehmen, das unser planet inzwischen ein rundum erfreulicher ort ist, wo alles wunschgemäß „fluppt“, wie der Kölsche sagt.

Der einsatz meiner besteckschublade hat vier senkrechte fächer und an der stirnseite ein querfach. Gewohnheitsmäßig habe ich im querfach immer die kaffeelöffel gelagert, weshalb ich die schublade weit aufziehen musste, um daran zu gelangen. Meine putzhilfe hat kürzlich den einsatz gewendet, so dass jetzt die kaffeelöffel bequem erreichbar vorne liegen. Auf die idee, mir den alltag so zu erleichtern, quasi das beste aus der situation zu machen, wäre ich im leben nicht gekommen.

Warum jetzt die welt kein rundum erfreulicher ort ist, wo doch die probaten lösungen in großer zahl verfügbar sind, erklärt vielleicht folgende geschichte: Die letzten drei monate meines 18-monatigen wehrdienstes leistete ich Köln in der stammdiensstelle des heeres ab. Man verwaltete dort alle akten der unteroffiziersdienstgrade des heeres. Zu jener zeit war das scheidungsrecht geändert worden. Das Schuldprinzip bei Ehescheidungen wurde durch das Zerrüttungsprinzip abgelöst. Es mussten nun aus allen scheidungsurteilen, unteroffiziersdienstgrade betreffend, die begründungen mit den schulderwägungen herausgenommen und vernichtet werden. Die rohen soldatischen bürokräfte der stammdiensstelle hatten bald herausgefunden, welche akten interessanten lesestoff hergaben, sagten mir: „Den fall musst du mal lesen! Den auch!“ und so weiter. Ich erinnere mich an einen fall, bei dem ein kompaniechef seinen oberfeldwebel ständig auf manöver geschickt hatte, damit er in ruhe mit dessen frau herummachen konnte. Da habe ich habe mir den gehörnten oberfeldwebel immerzu unter der albernen gießkannendusche vorgestellt.
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Von Menschen und Fröschen

Kürzlich, also gestern von heute aus, staunte ich mal wieder über mich, genauer ich hätte gestaunt, wenn mir nicht zu kalt gewesen wäre. Ich saß nämlich schon ein weilchen in meinem lieblingssessel und fror. Eigentlich hätte ich nur aufstehen, drei meter gehen und nach einer decke greifen müssen. Aber ich konnte mich nicht dazu überreden. Etwas in mir dachte wohl, die heizung wird gleich anspringen und dich in wohlige wärme hüllen. Oder ein UFO in form eines riesenföns würde nahebei landen und mich warmpusten. Ich harrte also aus in der kälte, tat nichts, dachte mir höchstens quatsch zusammen oder wie man landläufig sagt, ich machte mir warme gedanken.

Dabei verheizte ich das restliche bisschen energie in mir, denn das gehirn ist bekanntlich der größte energieverbraucher. Während also die feuerluke meines gehirns weit offen stand und den holzstapel von hinterm haus verschlang, ohne dass mir eine alternative zum deckenholen eingefallen wäre, musste ich an den sonst glücklich vergessenen FDP-außenminister Philipp Rösler denken.

Der hatte in seiner antrittsrede als neuer FDP-parteivorsitzender genüsslich berichtet: „Wirft man einen Frosch in heißes Wasser, so hüpft er sofort wieder heraus. Setzt man ihn dagegen in kaltes Wasser und erhöht langsam die Temperatur, dann wird er nichts merken und nichts machen. Und wenn er es merkt, dann ist es zu spät für den Frosch.“ Dass in der sozialisation eines menschen etwas gewaltig schief laufen muss, damit er der FDP beitritt, kann man sich lebhaft vorstellen. Aber gehörte dazu auch ein brutales experiment mit fröschen? Oder war es die besondere perversion beim kleinen Philipp gewesen, die ihn letztlich an die parteispitze spülte?

Es ist an der zeit zu fragen, was in meiner sozialisation schief gelaufen ist, dass ich mir keine decke holen kann. Frösche bei lebendigem leib zu kochen, wäre mir nie in den sinn gekommen. Darum war die FDP für mich keine option. Aber einen unangenehmen zustand zu erdulden, auszuhalten wie ein langsam erhitzter frosch, gehörte zum denken meiner kindheit. Meine mutter lebte mir vor, was in der kriegsgeneration überlebensstrategie gewesen war. Die härten eines krieges, hunger, bombenterror, gewalt, brutalität, tod und zerstörung zu ertragen, fordert den klaglos leidenden untertanengeist. Und als die naziherrschaft überwunden war, lief das erdulden einfach weiter, wie ein abgesprungener, leer laufender antriebsriemen. Man beschwerte sich nicht, veränderte nichts, sondern arrangierte sich mit einschränkungen.

Ein Beispiel: In meiner lehrzeit war ich täglich 12 stunden unterwegs, fuhr morgens um 6:35 uhr mit dem bus nach Neuß, traf dort um 7:30 uhr ein, saß im warteraum des busbahnhofs eine halbe stunde ab, bevor ich um 8 Uhr die arbeit begann. Wenn ich nur 15 Minuten dieser fruchtlosen halben stunde hätte eher anfangen können zu arbeiten, wäre ich abends eine ganze stunde eher zu hause gewesen. Doch niemand wäre auf die idee gekommen, die arbeitszeiten an meine busverbindungen anzupassen, ich konnte derlei nicht mal denken. Als kürzlich viral ging, wie die junge frau im internet ihre optionen auf 30 tage urlaub und frisches obst am arbeitsplatz so bitterlich beklagte, musste ich weinen.


Allemal besser als erdulden?