In geselliger Runde wurde über das Verschwinden der Straßenspiele gesprochen. Wie selten sieht man noch ein auf das Pflaster gezeichnetes Hüpfekästchen. Die fröhlichen Rufe: „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ „Niemand!“, habe ich zuletzt in den 1990-er Jahren gehört. [Siehe Tagebuch weiter unten) Derlei Straßenspiele sind uralt und aus tiefer Vergangenheit von Kindergeneration zu Generation übermittelt. Dabei ist der tiefere Sinn in Vergessenheit geraten. Vom Hüpfekästchen oder Hickelkasten lies hier, vom Klicker- oder Murmelspiel hier. Generell stammen die im Frühling aufkommenden Straßenspiele aus Zeiten des Mangels.
Wo es Ablenkung durch Digitalmedien gibt, wenn Kinder bereits einen Terminkalender brauchen, um die diversen Kurs- und Frühbildungsangebote zu koordinieren, versammeln sich höchst selten genug Kinder auf der Straße zum gemeinschaftlichen Spiel. Man braucht schon eine größere Schar, um „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ zu spielen. Zudem haben besorgte Eltern und eifrige Antidiskriminierungsaktivisten das Spiel längst in die verbotene Ecke verdammt. In Zeiten der oberflächlichen Betrachtungen und Urteile wird der „Schwarze Mann“ aus dem Kinderspiel gleichgesetzt mit einem Menschen aus Schwarzafrika. In Umkehrung heiße das Spiel in Ghana „Wer fürchtet sich vor dem Weißen Mann“, teilte mir Kollege noemix vor Jahren mit.
Nun haben Schwarzafrikaner mehr Grund sich vor dem Weißen Mann zu fürchten als umgekehrt, angesichts des Horrors von Völkermord, Versklavung, Folter und Verstümmelung, dessen sich weiße Kolonialherren schuldig gemacht haben. Trotzdem beruhen die Zuweisungen „Schwarzer Mann“ „Weißer Mann“ auf dem gleichen Irrtum. Unter dem Stichwort FANGEN findet sich bei Wikipedia: “Im Bestreben um politische Korrektheit wird das Spiel heute manchmal in Wer hat Angst vorm bösen/wilden/blöden Mann/weißen Hai usw. umbenannt.” (Die Umbennungen wären noch korrekt zu gendern.)
Das Straßenspiel „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ stammt aus Zeiten der Pest in Europa und knüpft an Frühlingsreigen, Pest- und Totentänze an. Dieser düstere Inhalt ist den Generationen von Kindern über die Jahrhunderte mündlicher Überlieferung verloren gegangen. Der Schwarze Mann symbolisiert ursprünglich die namenlose Bedrohung der Ansteckung durch die Pest, im Volksmund „der Schwarze Tod“ genannt, nach den am Körper der Pestkranken auftretenden schwärzlichen und braunen Flecken.
Unabhängig davon ist das Spiel ein Relikt unsicherer Zeiten, war vielleicht ein didaktisches Hilfsmittel, den Kindern richtiges Verhalten bei einem Überfall auf das heimatliche Dorf beizubringen. Dann hilft nämlich keine schockstarre Furcht, sondern nur im Schwarm auf die Bedrohung zuzulaufen. [Im Bild: Die Zeichnung zeigt etwa, wie ich mir als Kind den Schwarzen Mann vorgestellt habe.]
Spielverlauf: Einer spielt den Häscher, und die anderen Kinder stellen sich in Reihe vor ihm auf. Der Häscher ruft: “Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?” Die anderen rufen “Niemand!”, – der Häscher: „Und wenn er kommt?“, – die Kinder: „Dann laufen wir!“ – laufen auf den Häscher zu und versuchen an ihm vorbeizukommen, ohne dass er sie berührt. Wer berührt oder eingefangen wurde, muss in der nächsten Runde den Schwarzen Mann spielen. Variante: Die gefangenen Kinder gesellen sich zum Schwarzen Mann und müssen ebenfalls fangen. Dass schon die Berührung durch den Häscher ausreicht, verweist auch auf den Faktor Ansteckung. Da hinter allem Schaden im Volksglaube der Teufel steckt, wäre der Häscher letztlich mit ihm gleichzusetzen. Dabei ist zu bedenken, dass man im Mittelalter große Scheu hatte, den Teufel beim Namen zu nennen, weil es einer Anrufung gleichkam. Daher gibt es eine Fülle von Hüllwörtern, etwa Der-Gott-sei-bei-uns, der Gehörnte, der Bocksbeinige, der Leibhaftige, der Höllenfürst usw. In Aachen hat sich bis heute das Fluchwort „Sauaas!“ erhalten, was die Verballhornung von lat. „Satanas“ ist.





