Der Pohl

Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht habe, doch heute Morgen um so öfter, um meiner Erinnerung etwas mehr abzutrotzen als den Namen, dieser junge Mann war „der Pohl.“ Ob der Pohl einen Vornamen hatte, weiß ich zuverlässig nicht. Bei uns hieß er nur „der Pohl.“ Der Pohl hatte irgendwas mit der Klosterschule Knechtsteden zu tun, woher er auch meinen Bruder kannte. Er war aber nicht im gleichen Jahrgang, sondern deutlich älter. Nach dem Tod meines Vaters tauchte der Pohl immer wieder bei uns auf, um wohl meine Mutter zu besuchen. Aus heutiger Sicht war er etwas wie ein Witwentröster. Ich erinnere mich, dass der Pohl aber nur ungeschickt tröstete, stets große Reden schwang, meist die Politik Konrad Adenauers betreffend. An der ließ er kein gutes Haar.

Meine Mutter hörte sich das höflich an, derweil sie unsere Wohnküche putzte und der Pohl seine Füße hochheben musste, damit meine Mutter auch unter seinem Stuhl wischen konnte. Sie hatte mal in einer Mußestunde an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben oder schreiben wollen, denn Muße kannte sie eigentlich nicht. Wenn sie den Dreck wegwischte, den der Pohl mit seinen groben Schuhen in die Stube getragen hatte, war das ihre Muße. Jedenfall hatte sie an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben. Oder sie wollte es zumindest, um ihre prekäre Lage als Witwe mit drei kleinen Kindern darzulegen. Minister Würmeling hatte aber nicht geholfen, entweder weil ihm aus Gründen die Hände gebunden waren oder weil er nie einen Brief meiner Mutter bekommen hatte. Es war dem Pohl aber Wasser auf den Mühlen.

Trotzdem gelang es ihm nicht, meine Mutter zu überzeugen. Es gab nur einen SPD-Wähler im Dorf, und man wusste, wer das war. Meine Mutter jedenfalls nicht, obwohl sie sich alles anhörte, was der Pohl ihr einflüsterte. Es wurde aber auch vor jeder Wahl im sonntäglichen Hochamt ein bischöflicher Hirtenbrief von der Kanzel aus vorgelesen, in dem die Bischöfe darlegten, gute Christenmenschen wüssten, wen sie zu wählen und wen sie nicht zu wählen hätten. Dagegen war der Pohl mit seinen dreckigen Schuhen machtlos.

Irgendwann gab der Pohl seine Mission auf und kam nicht mehr. Meine Mutter beseitigte die letzten Spuren, indem sie unter seinem Stuhl wischte. Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Vermutlich schmort der Pohl in der katholischen Hölle.

Frohe Ostern!

Einfach zu viele Eier

Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes vor Ostern Eier. Sie zogen mit einer mit Stroh gepolsterten Zinkwanne von Bauernhof zu Bauernhof und wurden dort in die Scheunen komplimentiert, wo sie sich bedienen durften an den Nestern, die die Hühner versteckt in Stroh und Heu angelegt hatten. Die Idee, Hühner in Ställe oder gar in Legebatterien zu pferchen, war noch nicht in der Welt, zumindest nicht bei den traditionell wirtschaftenden Bauern. Man hatte allerdings schon von Hühnerfarmen gehört. Diese Vorboten einer böseren Welt lagen außerhalb der Dörfer, wegen des Gestanks, der von den Ausscheidungen von mit Fischmehl gefütterter Hühnern in die Umwelt geblasen wurden.

Dorthin verschlug es die Messdiener nicht. Sie tasteten sich brav durch dunkle Scheunen, um Hühner von ihren Nestern zu scheuchen und um die Eier zu beklauen. Ein jährlich wiederkehrender Ärger waren die Forderungen des Pastors, die halbe Ausbeute der Eier zu bekommen. Es war offenbar ein Gewohnheitsrecht, denn man hatte nie davon gehört, dass seine Ansprüche öffentlich diskutiert wurden. Und wer von den Messdienern hätte die Revolution gewagt, wenn Pastors Haushälterin sich die Hälfte der mühsam erbettelten Ausbeute aus den Wannen nahm. Das waren pro Wanne im Schnitt 20 Eier. Da kamen aus verschiedenen Wannen rasch 200 Eier und mehr zusammen, eine Herausforderung für Pastors Haushälterin, Pastors Küche, Pastors Mahlzeiten und besonders für seine Herzgesundheit, weshalb Herr Pastor schon länger an der Schaufensterkrankheit litt.

Bekanntlich rührt ihr Name daher, dass Betroffene beim Gehen aufgrund von Schmerzen in den Waden oder Oberschenkeln immer wieder stehen bleiben müssen. Um die Pausen vor Außenstehenden zu verbergen, tun sie so, als würden sie interessiert in ein Schaufenster blicken. Doch im Dorf gab es so gut wie keine Schaufenster. Mit hübsch dekorierten Schaufenstern die Laufkundschaft anzulocken, war in den wenigen Läden des Dorfes ebenfalls noch nicht bekannt. So blieb Herr Pastor einfach vor Häuser stehen und linste in die Fenster, was nicht jedem gefiel. Besonders, wenn er die Augen beschattete, um besser nach drinnen sehen zu können, hat manchen erschreckt.

Auch sah man ihn an Vorgärten stehen, um manches Blümelein und manchen Gartenzwerg zu segnen, doch als er auch anfing, die Straßenlaternen zu segnen, wurde das dem Bischof zugetragen. Die bischöfliche Strafe traf den Pastor härter als jedes Fastengebot: Ein absolutes Eierverbot. Fortan wurde der Pastor von seiner Haushälterin auf eine Diät aus Hafergrütze und dünnem Tee gesetzt.

Man sagt, seine Schaufensterkrankheit habe sich daraufhin schlagartig gebessert. Zwar blieb er immer noch gelegentlich vor den Häusern stehen, doch nicht mehr, um die Laternen zu segnen, sondern weil er mit der Nase im Wind versuchte, den Duft von gebratenem Spiegelei mit Schinkenspeck aus einer Bauernküche zu erhaschen.

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt, und weil wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren, auch nicht, dass Glocken überhaupt fliegen könnten. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen. So wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken der katholischen Kirche von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße bis zur Ortsgrenze hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Die uralte Römerstraße war in meiner frühen Kindheit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war. Viele Leute hatten keine Uhr und takteten ihren Alltag nach dem Glockengeläut. So schwang ich die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Gemein: Ein kindlicher Bote wird in den April geschickt und versteht nicht warum

Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ einen Brauch aus Württemberg: Am ersten April „schickt man die Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht:

    Aprilenbot, Aprilenbot!
    Schick den Narren weiter
    Gib ihm auch ein Stücklein Brot,
    Dass er net vergebens goht.“

In diesem Brauch wird am kindlichen Analphabeten die Macht des Alphabets demonstriert. Wenn sich niemand erbarmt, wird das Kind bis zu seiner Erschöpfung weiter in den April geschickt, ohne zu wissen wie ihm geschieht. Theoretisch wird durch die Schulpflicht jedes Kind aus seiner Unkenntnis der Schrift erlöst. Trotz aller Bildungsbemühungen bleibt die Zahl der Analphabeten laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 konstant bei etwa 6,2 Millionen.

Buchstabenmagie: Schadenszauber und Heilkraft

Als der Skalde Egil, ein berühmter isländischer Heldendichter, einst auf den Hof des Bauern Thorfinn kam, fand er dessen schöne Tochter Helga todkrank auf der Querbank liegen. Sie konnte keine Nacht mehr schlafen und war wie wahnsinnig. Egil fragte Thorfinn, ob irgendwelche Mittel angewandt worden seien, und Thorfinn sagte, ein Bauernsohn aus der Nachbarschaft habe heilende Runen geritzt. Danach habe sich Helgas Zustand aber noch verschlimmert. Nachdem Egil gegessen hatte, untersuchte er Helgas Krankenlager und fand ein Fischbein, auf dem Runen geritzt waren. Er las die Runen, schabte sie ab und ließ das Abgeschabte sofort ins Feuer fallen. Dann verbrannte er den Fischknochen und ließ alles an die Luft tragen, was mit den Runen in Berührung gekommen war. Darauf erklärte er, nur der wahre Runenkundige solle sich am Ritzen versuchen; der verliebte Bauer habe falsche Runen geritzt. Sein Schreibfehler habe dem Mädchen Schaden gebracht. Egil ritzte die richtigen Runen und legte sie unter Helgas Kopfkissen. Da glaubte sie, aus einem Schlaf zu erwachen, und sie fühlte sich wieder gesund. (aus der Egils-Saga)

Die Kraft des Textes wird hier seiner materiellen Erscheinungsform zugeschrieben. Die Zauberkraft steckt im Material der Buchstaben. Man muss die Buchstaben vernichten, um ihre schädliche Wirkung zu lösen. Das Abschaben von Schrift ist demnach eine alte magische Praxis. Eine anderes Beispiel gibt der von den Nationalsozialisten geächtete Runenforscher Helmut Arntz:

    “Runen, auf Holz geritzt, dann abgeschabt, die Späne mit Bier gemischt und solcher Trank getrunken: damit nimmt der Held die kultische Kraft der Runen in sich auf.”

Dieses magische Denken wurde bereits in den Anfängen der Christianisierung auf die Alphabetschrift übertragen. Angeblich aus Sparsamkeit oder Materialnot schabten die christlichen Mönche in den Skriptorien des Mittelalters die überlieferten heidnischen Texte vom Pergament, um es neu zu beschriften, Palimpsest (griech.) genannt. Das ist: wieder (palin) abgeschabt (psestos). Dass aber allein ökonomische Zwänge wirksam waren, erscheint sehr fragwürdig. Wenn die frühen christlichen Mönche die heidnischen Texte abschabten, so wurden auch sie auf diese Weise unschädlich gemacht. Das erneute Beschreiben des abgeschabten Pergaments entspringt dem Überwindungsgedanken. Wie man die Heidentempel niederlegte und Kirchen oder wenigstens Kapellen darauf errichtete, wie man auf jedem Kultplatz ein Kreuz oder ein Bilderstöckchen aufstellte, so wurde das heidnische Denken durch die Kraft der überschriebenen heiligen Texte endgültig gebannt.

Gibt es noch Buchstabenmagie in unserer Zeit?
Ein Wochenschaufilm von 1945 zeigt den Andruck der ersten Süddeutschen Zeitung (SZ). Man sieht einen US-Presseoffizier, wie er die Druckplatten von Hitlers “Mein Kampf” in den Schmelztiegel einer Linotype-Setzmaschine wirft, damit daraus die ersten Druckplatten der SZ gegossen werden. Das war eindeutig eine rituelle Handlung. Ähnlich einzuschätzen ist, was die SZ mit einem Foto der Nachrichtenagentur Reuters meldete:

Hermann, Himmel und hunderttausend Unterhosen

Irgendwann in der Antike hat ein zahnloses altes Mütterchen im Kaukasus in einen Sauerteig aus Weizenmehl gespuckt und damit die Fermentierung in Gang gebracht – für einen essbaren Kettenbrief, der bei uns aus unerfindlichen Gründen Hermann heißt. Man bekommt einen Hermannteig von guten Freunden, zusammen mit dem Hermann-Brief, in dem genau steht, wie der Teig behandelt werden will. Man muss ihn füttern und pflegen, dann wächst er, bis er geteilt und weitergegeben werden kann. Eine Schülerin erzählte mir in den 1990er Jahren, ihre Mutter habe 20 Jahre zuvor schon einen Hermann gehabt. Und wenn man bedenke, fuhr sie fort, „dass da so alte Zutaten drin sind …“

Dieser Gedanke erreichte mich zu spät. Tags zuvor hatte ich bereits leichtsinnig ein Stück Hermannkuchen gegessen. Da wurde mir plötzlich mulmig. Hatte ich mir ein uraltes Stück Weltkuchen einverleibt – oder hatte eine invasive Hefekultur bereits von mir Besitz ergriffen? Inzwischen, so die beunruhigende Vorstellung, ließen sich Moleküle des Hermannteigs womöglich in der gesamten Menschheit nachweisen.

Von solchen Weitergabe-Praktiken ist es nur ein kleiner Schritt zu den klassischen Kettenbriefen. Deren christliche Vorform ist der Himmelsbrief – gewissermaßen göttliche Luftpost: eine Offenbarung, die direkt vom Himmel gefallen sein soll. Zeitweise gingen Himmelsbriefe in so großer Zahl um, dass sie zur Plage wurden. Schon Karl der Große wandte sich in seiner Admonitio generalis von 789 gegen falsche und verderbliche Schreiben mit angeblich göttlichen Weisungen. Solche Texte sollten nicht gelesen, sondern verbrannt werden, damit sie das Volk nicht mit Lug und Trug überziehen.

Einen solchen Himmelsbrief besaß auch Aldebert aus Gallien, der zu Lebzeiten vom Volk als Heiliger verehrt wurde, während ihn Bonifatius als „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists“ bezeichnete. Aldebert, dem besonders viele Frauen nachliefen und dessen Nägel und Haare als Reliquien verbreitet wurden, verfügte angeblich über ein Schreiben von Jesus Christus selbst: Es sei in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden.

Zu den von Karl verdammten Briefen gehört auch der Himmelsbrief Christi über die Heiligung des Sonntags. Er ist gegen Ende des 6. Jahrhunderts erstmals belegt und reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein. Angeblich wurde er am Effrem-Tor in Jerusalem gefunden und von Hand zu Hand weitergereicht, bis er nach Rom gelangte. Der Brief droht mit der Vernichtung der Menschheit, falls die Sonntagsruhe nicht eingehalten werde – eine dritte und letzte Warnung. Jeder Priester, der ihn erhalte, sei verpflichtet, ihn abzuschreiben und weiterzuverbreiten. Spätestens hier zeigt sich deutlich: Der Himmelsbrief ist ein früher Kettenbrief.

Die Vorstellung, dass Gott sich in Briefen an die Menschen wendet, wurzelt im volkstümlichen Glauben an die göttliche Herkunft der Schrift und ist typisch für Kulturen im Frühstadium der Literalisierung.

    “Der in der Luft hängende Himmelsbrief neigt sich dem zu, der Lust hat, ihn abzuschreiben. (…) Wer den Brief hat und nicht offenbart, der sei verflucht von der herrlichen Kirche Gottes.” (Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens).

De liebe Gott bedankt sich für Recycling-Schnupftücher

Auch in Zeiten vor Smartphone und Internet kursierten Kettenbriefe massenhaft – damals per Post. Sie versprachen Geld, Liebe oder Glück; wer sie nicht weitergab, dem wurden Strafen angedroht. Meist sollten sie siebenmal kopiert und weitergeleitet werden. Das erklärt den oft schlechten Zustand vieler Exemplare: Durch die mangelhafte Kopiertechnik waren sie mitunter kaum noch lesbar. Zeitweise wurde ihr Versand sogar verboten, weil die Zahl der Sendungen exponentiell anstieg. Wird die Kette nicht unterbrochen, ergibt schon 7 hoch 7 ein Aufkommen von 823.543 Briefen. Kettenbriefe, die Geld oder Sachwerte versprechen, funktionieren nach dem Schneeballsystem. Den Teilnehmern wird eine Liste präsentiert, deren oberster Eintrag zuerst bedient werden muss. Danach streicht man diesen Namen, setzt sich selbst ans Ende der Liste und gibt alles weiter. Theoretisch rückt man so nach oben – praktisch profitieren jedoch nur jene, die von Anfang an weit oben stehen, da Hunderttausende Teilnehmer nötig sind, bis man selbst dort ankommt.

Eine etwas spezielle Freundin erinnerte sich, sie habe einmal einen Kettenbrief weitergegeben, bei dem Unterhosen verschickt werden mussten. In solchen Fällen kann man froh sein, wenn die Kette irgendwo reißt – denn wer möchte schon, dass ihm der Postbote hunderttausend Unterhosen in den Briefkasten stopft?

O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen?

Ich habe mich gründlich getäuscht. Als ich im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war ich begeistert von diesem neuen, wechselseitigen Medium. Ich glaubte, mit der Demokratisierung der Publikation habe eine neue Epoche begonnen – eine Befreiung des Denkens von der Fremdherrschaft durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen „Universität“, die keiner Zensur unterliegt und allen offensteht. Rückblickend wird mir jedoch klar, dass ich etwas Entscheidendes übersehen habe. Die Gesellschaft war auf diese neue Form der Öffentlichkeit nur unzureichend bis gar nicht vorbereitet.

Klassische Medien hatten über Jahrzehnte hinweg weder eigenständiges noch gemeinschaftliches Denken in der Breite gefördert; sie ermöglichten lediglich eine begrenzte Teilhabe am Diskurs, etwa in stark redigierten Leserbriefspalten. In diese von Einwegkommunikation geprägte Landschaft – hier der Sender, dort der weitgehend passive Empfänger – brachen zunächst Blogs und später Formen des Mikrobloggings ein. Plattformen wie Facebook oder Twitter machten es möglich, Gedanken ungefiltert und unmittelbar zu veröffentlichen – oft solche, die zuvor nur im privaten oder informellen Rahmen geäußert worden wären. Viele dieser Äußerungen tragen daher den Charakter des Unausgereiften: Sie entstehen schnell, ohne sorgfältige Prüfung, ohne das Durchdenken von Konsequenzen oder das Abwägen von Gegenpositionen. Die traditionellen „Filter“ des Schriftlichen – Reflexion, Struktur und Selbstkritik – werden dabei häufig umgangen.

Was die erweiterte Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich zudem unterschätzt, welche Wirkung Anonymität und digitale Distanz entfalten können. Nicht wenige Menschen scheinen damit emotional überfordert zu sein. Es entstehen Kommunikationsformen, die von Aggression, Enthemmung und Verantwortungsdiffusion geprägt sind. Aus dieser Dynamik heraus entwickeln sich Phänomene wie gezielte Diffamierung, Hassrede, sogar Drohungen oder spätpubertäre digitale Vergewaltigungen, wie jetzt am Fall Collien Monica Fernandes bekannt wurde, die im analogen Raum so kaum artikuliert werden würden oder wie im genannten Fall nur durch neue KI-Werkzeuge möglich wurden.

Meine anfängliche Zuversicht war von der Annahme getragen, dass ein offenes Kommunikationsmedium automatisch zu mehr Aufklärung, Verantwortungsbewusstsein und selbstständigem Denken führen würde. Im Einzelfall mag sich diese Hoffnung erfüllen. Insgesamt jedoch zeigt sich ein ambivalenteres Bild: Die neuen Möglichkeiten verstärken nicht nur reflektierten Austausch, sondern ebenso vorschnelle Urteile und destruktive Tendenzen.

Es bleibt daher eine offene Frage, ob es künftigen Generationen gelingen wird, die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien zu entwickeln. Ebenso denkbar ist, dass die Gesellschaft noch lange mit den Nebenfolgen dieser technologischen Entwicklung ringen wird. Das Internet ist kein per se emanzipatorisches Werkzeug – sein Nutzen hängt entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll wir mit ihm umzugehen lernen oder ob wir es wie einen verhexten Besen gewähren lassen, der sich unserer Kontrolle entzieht und dem wir mit unseren Mitteln nicht mehr beikommen können.
(Aus: Buchkultur im Abendrot)

Haushaltsware, Welthölzer, ein Mädchen und ich

Nachdem ich für das Kinderbett im Schlafzimmer meiner Eltern zu groß geworden war, musste ich mit meinem fünf Jahre älteren Bruder ein Dachzimmerchen teilen. Er wird nicht allzu traurig über seinen neuen Mitbewohner gewesen sein, denn rückblickend glaube ich, dass er dort Angst hatte. Das Zimmer bot einen tröstlichen Luxus: einen Lichtschalter direkt neben dem Bett. Mein Vater hatte ihn dorthin verlegt, damit mein Bruder jederzeit Licht machen konnte, wenn nächtliches Knistern, Knacken oder Huschen ihn erschreckt hatte. Nun war er nicht mehr allein, und wir vertrugen uns im gemeinsamen Bett, obwohl er mir sonst keinen weiteren Platz im Zimmer zugestand.

So hatte ich keinen Zugriff auf die Kommode am Fußende unseres Bettes. Ich hätte ohnehin nichts mit ihr anfangen können, denn ihre drei Schubladen musste man an den Messinggriffen mühsam herausruckeln – zu schwer für meine Ärmchen. Den Inhalt der unteren Schubladen kannte ich nicht. Doch die obere sah ich einmal offen. Darin stapelte sich eine stattliche Bierdeckelsammlung und – ich wage kaum, meiner Erinnerung zu trauen – eine Sammlung von Streichholzschachteln mit bunten Bildchen. Dass es so etwas einmal gegeben hat, erscheint mir heute fast unwirklich. So lange ich mich erinnern kann, wirkten Streichholzschachteln eintönig: gelbe Zettel mit der Aufschrift „Haushaltsware 5 Pfennig“ oder blaue mit „Welthölzer“. Erst viel später begriff ich, warum die phantastischen Bildchen verschwunden und der Monotonie gewichen waren.

Im Jahr 1930 lieh sich das Deutsche Reich etwa 500 Millionen Reichsmark von einem schwedischen Unternehmer – und tilgte mit etwas so Alltäglichem wie Streichhölzern. Als Sicherheit erhielt er die Kontrolle über Vertrieb und Verkauf, das Zündwarenmonopol. Es endete erst am 15. Januar 1983, als das Bonner Finanzministerium die letzte Rate von 275.724,44 Dollar zurückzahlte. So kam es, dass der Steuerzahler der Bundesrepublik bis 1983 noch an den Kosten des Ersten Weltkriegs beteiligt war. Und kaum einer wusste das.

Die Wucht dieser Erkenntnis hätte den kleinen Jungen vor der Schublade umgeworfen, zumal 1983 noch in seiner nebulösen Zukunft lag. Einstweilen erfreute er sich ganz naiv an den bunten Bildchen auf den historischen Streichholzschachteln. Wem sie gehörten, blieb unklar. Sein Bruder konnte sie unmöglich gesammelt haben; da musste ein Vorbewohner fleißig gewesen sein. Dass der Erste Weltkrieg jene Haushaltsware-Welthölzer-Eintönigkeit hervorgebracht hatte, wusste der Junge glücklicherweise nicht.

Im Supermarkt sprach einer ins oberste Regal. Er stand wohl auf den Zehenspitzen; obwohl ich ihn nur verdeckt sehen konnte, wirkte er irgendwie gereckt. Offenbar antwortete das Regal, denn es entspann sich ein leises Frage- und Antwortspiel. Ich hörte ihn fragen: „Haben die das geändert?“ Gute Frage. Das hätte mich nun auch interessiert – die Änderung. Und was überhaupt. Immerhin konnte ich messerscharf schließen, dass mit „die“ wohl die Hersteller gemeint waren. Der Mann nahm eine Tüte aus dem Regal, betrachtete sie eingehend und schien dem Regal Bericht zu erstatten. Dann legte er sie zurück und wandte sich ab, sodass ich ihn genauer sehen konnte. Er trug Brille und Kopfhörer. Im Mund hatte er ein Streichholz oder einen hölzernen Zahnstocher. Falls es ein Streichholz war, musste es sehr alt sein – durchgekaut, ein wenig aus der Zeit gefallen. Man sieht so etwas kaum noch.

Wenn ich wüsste, ob das Regal mir auch zuhören und vielleicht sogar antworten würde, blieben Streichhölzer und Streichholzschachteln wohl noch länger mein Thema. Es war nicht das erste Mal, dass sie mir halfen, ein Gespräch zu beginnen. Wie ich als junger Mann mit einer Streichholzschachtel ein Mädchen mit grünem Rock betörte … das war in einem Weinkeller an der Ahr, und ich war schon leicht betrunken. Ich setzte mich einfach zu ihr. Sie schaute mich überrascht an, lächelte amüsiert, und ich zeigte ihr meine kleine Erfindung: eine funktional verbesserte Streichholzschachtel. Ich nahm alle Streichhölzer heraus, entzündete eines und brannte ein etwa fingergroßes Loch in die Seite der Schachtel. Dann füllte ich sie wieder und demonstrierte, wie leicht sich ein einzelnes Streichholz seitlich herausfingern ließ. Sie rundete überrascht die Augen und lachte. Wir stießen mit Weißwein an, und ich spürte, dass ich ihr Herz gewonnen hatte. Wäre ich geschäftstüchtiger gewesen, hätte ich diese Erfindung patentieren lassen. Dann hätte ich auch ein Streichholz-Monopol gehabt, nämlich mich auf diese Weise bei Mädchen interessant zu machen.

In den 1970-ern wollte ich meinen neuen Rapidographen ausprobieren und habe meine Erfindung noch gezeichnet. Aber ob es für die Patentanmeldung gereicht hätte?

Rund um den Kirchturm

„Wenn du so durch die Felder wanderst, siehst du hinter einem Hügel plötzlich die Spitze eines Kirchturms.“ Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, räusperte sich. „Dann weißt du ohne nachzudenken…“

„… dass die Spitze nicht allein dort steht, sondern dass sich darunter eine Kirche befindet und sich ringsum ein Dorf schart. Vorausgesetzt, es ist nicht gerade in den Feldern versunken.“

„Donnerwetter! Du beendest meinen Satz, als würdest du Sekundenbruchteile in der Zukunft leben.“

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„Entschuldigen Sie mein Vorpreschen, Professor. Aber ich hatte schon mal darüber nachgedacht. Die Kirchturmspitze genügt, und mein Kopf ergänzt den Rest – Kirche, Dorf und Pipapo.“

„Genau darauf will ich hinaus. Ein Großteil unserer Wahrnehmung funktioniert so: Ein Bruchstück reicht, und wir reagieren, als hätten wir das Ganze gesehen.“

„Manchmal genügt ein Hauch, und das Urteil steht längst.“

„Und die Geschwindigkeit ist unterschiedlich. Die Bedächtigen warten ab, die Voreiligen reagieren sofort – schnell, aber nicht immer genau. Was uns einst half, Gefahren früh zu erkennen, wirkt auch anderswo. Etwa bei der Partnerwahl: Ein Blick, ein Detail …“

„… und schon steht das Urteil. Allerdings kann man sich täuschen. Zum Beispiel, wenn sie eine Kirchturmspitze als Hut trägt. Sie erwarten ein Dorf, Professor – und finden nur die Frau.“

„Tuppes! Ich mag keine Hüte. Wenn sie mir trotzdem gefällt, arrangiere ich mich eine Weile. Aber auf Dauer wünschte ich mir eine ohne Kirchturm auf dem Kopf – eine, bei der schon der Anblick ihrer Armbeuge genügt.“

„Haben Sie das erlebt, Coster?“

„Manchmal. Aber meistens war’s eine mit einem täuschenden Hut.“