Musik, die mich 2025 begleitet hat

Anders als bei Serien, bin ich bei Musik nicht wirklich auf dem Laufenden. 2025 habe ich nur sehr wenige Alben gehört, die in diesem Jahr auch neu erschienen sind. Rosalias großartiges Lux gehörte dazu, über das aber sowieso alle geredet haben. Ansonsten habe ich eher Musikerinnen für mich entdeckt, deren Musik schon ein paar Jahre alt ist.

Collage aus vier Bildern, ein großes unten, drei kleine oben. Von oben Links an:

1. Mei Semones: Eine junge Frau mit Schlabberpulli und halblangen Haaren steht mit Gitarre vor einem Mikrofon und singt.

2. Das Albumcover von »Liebe in Sepia«: Weißer Hintergrund darauf eine Katze.

3. Auroa sing mit einem Mikrofon in der Hand, sie ist von der Seite zu sehen.

4. The Warning auf einer Bühne. Links die Bassistin mit langen schwarzen Haaren, rechts die Gitarristin mit langen blonden Haaren, in der Mitte auf einer kleinen Bühne auf der Bühne die Schlagzeugerin hinter dem Schlagzeug, dahinter eine Sonne, alles in Zwielicht getaucht. Alle tragen Rot.

The Warning

Meine persönliches musikalisches Highlight 2025 war The Warning. Ich hatte zuvor schon ein paar Songs gehört, aber so richtig bemerkt, wie toll sie sind, habe ich erst diesen Sommer. Und sie dann auch schon zwei Wochen später direkt live gesehen. Worüber ich hier auf meinem Blog auch geschrieben habe. Und das Live-Album, das im September herausgekommen ist, habe ich auch besprochen.

Aurora

Auch Aurora kannte ich vorher schon durch vereinzelte Lieder, aber erst die Kollaboration mit Jacob Collier hat sie so richtig auf meinem Schirm befördert. Jetzt arbeite ich mich chronologisch durch ihre Diskografie, nehme mir dabei aber Zeit, da einmal Hören nicht ausreicht, um ein Album wirklich zu erfassen. Zu ihrem Debütalbum All My Demons Greeting Me as a Friend schrieb ich: ätherisch schöner Pop aus Norwegen jenseits des Charts-Mainstreams, mit wundervoller Stimme, minimalistischem, effektivem Musikeinsatz und guten Texte. Musik zum Träumen, der Welt aber nicht entrückt.

Das setzt sich auch auf dem zweiten Album Infections of a Different Kind – Step 1 fort, dessen Highlight für mich Queendom ist. Insgesamt ist die Platte musikalisch etwas flotter und elektronischer.

Mei Semones

Mei Semones ist eine junge japanisch-amerikanische Musikerin, die im Mai ihr erstes Album herausgebracht hat. Animaru ist eine lässige Mischung aus Jazz, Bossa Nova, Indie-Rock und Eliot Smith. Semones singt auf Japanisch und Englisch, innerhalb eines Liedes, wenn ich das richtig verstanden habe, wiederholt sie, was sie auf Japanisch singt auch auf Englisch und umgekehrt. Musikalisch ist das ganze sehr anspruchsvoll, steckt voller Überraschungen und ist alles andere als generisch.

Helge Hoefs & die Unabhängigkeit

Helge Hoefs ist ein Jugendfreund von mir, der mich mit seiner Musik in dieser Zeit stark geprägt hat. Wie sehr, das habe ich erst dieses Jahr gemerkt, als ich mir sein im September erschienenes Album Liebe in Sepia angehört habe. Erhältlich ist es über Bandcamp. Direkt nach Hören im September habe ich auch eine fünfseitige Rezension dazu verfasst, sie dann aber nicht veröffentlicht, weil sie wohl doch zu persönlich geworden ist, mehr ein Text über eine Freundschaft im Wandel der Zeit, weniger ein Album-Review.

Hier aber ein paar Auszüge:

„Das hier wird keine klassische Musikalbenbesprechung, sondern ein sehr (vielleicht zu) persönlicher Text, da der Künstler einer der besten Freunde meiner Jugendjahre ist, den ich aber seit 12 Jahren nicht mehr gesehen habe und zu dem ich in der Zeit auch virtuell kaum noch Kontakt hatte. Es ist ein Text über Freundschaft, über die Freundschaft der Jugend, das gemeinsame Erwachsenwerden und jene Kreuzungen des Lebens, an denen sich der gemeinsame Weg trennt und wir in andere Richtungen voneinander fort schreiten. Es ist mehr ein Text über mich, weniger über die Musik selbst, aber darüber, was die Musik mit mir gemacht hat. Musik kann in uns Emotionen erreichen, die tief versteckt im Unterbewusstsein schlummern oder durch Rationalisierung verwässert wurden.

Das erste Hören des Albums hat dafür gesorgt, dass ich meine Jugendjahre noch mal vor dem inneren Auge habe Revue passieren lassen und am Ende hatte ich Tränen in den (äußeren) Augen. Aber das kann natürlich auch an Erkältung liegen, die mich dabei plagte. Für Helge ist das Album wohl das Ergebnis genau dieser letzten 12 Jahre, in denen er aus Berlin in die Uckermarck gezogen ist, wo er sich mit seiner Familie ein neues Leben aufgebaut hat. Für mich brachte es viel Erinnerungen an die Zeit davor zurück. Denn den Helge-Sound von früher habe ich in den Liedern sofort wiederkannt. Wenn mich fortan jemand fragt, was die Musik meiner Jugendjahre war, werde ich nicht Dave Matthews Band, Nine Inch Nails, Radiohead, Nick Cave, Björk, Tom Waits oder System of Down antworten, sondern: Helge Hoefs.

Kann eine Freundschaft 12 Jahre ohne Kontakt überstehen? Vor ein paar Wochen hätte ich noch geantwortet: Ich weiß es nicht. Wohl eher nicht. Nachdem ich Helges Album gehört habe, das in mir alle möglichen Emotionen geweckt hat, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie noch habe, würde ich sagen: Ja, unbedingt. Ich weiß nicht, ob ich Helge in diesem Leben noch mal wiedersehen werde, ausreichend Zeit müsste ja eigentlich dafür da sein, wir sind ja erst Mitte/Ende 40. Aber sollten wir uns je wiedersehen, bin ich mir sicher, dass das Gefühl und die Verbindung von damals noch da sein werden.

Das Hören des Albums, der Klang der so vertrauten Stimme, haben mir klargemacht, dass bei mir diese Freundschaft auf jeden Fall noch irgendwo schlummert. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch, der seine Emotionen nicht zeigt und schon gar nicht jemandem mitteilt, aber das ändert nichts daran, dass diese Emotionen da sind. Doch hier kann ich festhalten, dass mich das Album zum ersten Mal in 12 Jahren daran erinnert hat, wir sehr mir Helge fehlt.“

Die Musik hat etwas Verträumtes, sieht die kleinen (verschrobenen) Schönheiten im Alltag, ist aber auch gesellschaftskritisch. Besonders freut es mich, dass Helge nach langer Zeit wieder mit Peter Wanitschek zusammengearbeitet hat, den ich auch noch aus meiner Zeit in Berlin durch Helge kenne. Und dass Tine und Lene mitsingen.

The Warning – Live from Auditorio Nacional, CDMX

A review by Markus Mäurer

When the three members of The Warning entered the stage at the Auditorium Nacional in Mexico, I wonder what audience greeted them? If you play in a closed venue, with stage lighting, the audience must be a faceless crowd, like a living organism, a dark wave going up and down in reaction to your actions on stage. What connects you to the audience is the sound. Your interactions with the audience work via sound, the music you play, the songs you sing, and that the audience sings along. You sing, they clap, you smile, they cheer, you rock, they jump. It’s a faceless but vocal mass, nevertheless every single one of them is a person that got affected by your music. A human being with history, emotions, and dreams. The Warning’s audiences are very diverse. You have white bearded old-school rock fans, middle-aged women, teenagers, even kids. They all got affected by your music, they are emotionally attached to what you have created.

In the middle a smartphone with the cover to the live album on its screen, engulfed by cushioned headphones. On top of the headphones stands the CD of the album.

But what makes the music of The Warning so special? Why is it loved by people from generations all over the world? The music is phenomenal, the songs are well written, the vocals are out of this world, and everything together is more than the sum of its parts. But that’s something many bands have. To explain the unique appeal of The Warning I would like to make a comparison to Stephen Kings books (sorry for the old white dude comparison). What makes them so special, so successful? The horror? The monsters? The atmosphere? His style? It’s his characters! No matter what situation they find themselves in, they are relatable, they live, they are original. Characters we can identify with.

Same goes for The Warning. The introverted, yet mysterious Alina, the sometimes goofy but passionate Daniela with her enigmatic smile, and Paulina full of energy and dedication. All of that and more goes into their music, shines on stage and builds a bridge to us: the audience.

Of course there are tons of successful generic music out there; songs written by teams of fifteen people, plastered with Autotune, Melodyne, and Pitch Correction, lacking cord changes and surprises. Music for casual listeners who just need some background noise while getting drunk, so they don’t have to hear the increasing nonsense they are talking. Music that drowns conversations. The Warning makes music that starts conversations.

Nobody’s going to throw their velvet underpants at holograms on stage performing to AI music.

The musicians that entered the stage at the Auditorio Nacinal February the 6th, the 7th, and the 11th are anything but holograms. They are characters. Persons, humans with personality.

My first contact with The Warning

Two years ago, I wrote on my blog: “A band that also impressed me is The Warning, who plays classic rock. Not really my music, but really good music.” Along with that comment I embedded the official video to Evolve. Boy, was I wrong.

Two years later I stumbled upon some reaction videos to a live performance of Dust to Dust/Dull Knives and was blown away. Down The-Warning rabbit hole I went, and never came back. One Concert, four Albums and countless reaction videos made me a new favorite Band.

I think it was Douglas Adams, who said that we consider everything shite that has been created after our 30th birthday. I’m 45 and in love with new music like I haven’t been since my twenties.

Who knows if that would have been the case, if I would have only listened to the studio versions? First contact with them went okay, but it didn’t click. The live performances did the trick. So, there must lay some truth in the fan comment: “Live is their superpower!”. In context of all this, the publication of a live album (and a concert film) is just the next logical step, to bring their superpowers to those who won’t be able to attend a concert, or those who want to relive the live experience.

The songs

I am not going to review the lyrics. That is something for a studio-album review.

The production on this live album is excellent, I can almost feel the sweat on their arms vibrating to the beat. After a short intro the concert starts off with Six Feet Deep and Sick which I see as a unit, although Sick is the better song with a throbing riff that reminds me of Rage Against The Machine. This is the only song by The Warning where I prefer the music video to the live performance, thanks to the cool pop-art video that gives me Riot-Grrrl vibes. Six Feet Deep feels a little monotonous, but is a good build up to Sick.

It was a good decision to record a concert in Mexico, the Spanish announcements and encouragements towards the audience provide a certain authenticity and portrays the three musicians in their comfort zone.

Satisfied continuous with a fat bassline and diversified melodies, chord lines and a Muse like guitar solo. Followed by the first big hit Choke, with wonderful heavy drums. A song that put The Warning on the map for many people.

What I really missed on the concert in Frankfurt where the two songs that also work as one unit: Dust to Dust and Dull Knives. Dust opens with a unique bassline, contains a wonderful deep refrain by Ale and is, although of its simple structure, a very engaging and energetic song that pulls the audience in and causes a lot of adrenaline and endorphins. And I haven’t even mentioned Paus singing while she is drumming. The transition from her voice to Dany at the end is amazing.

Dull Knives is just a great live song.

Escapism sticks out with another great bassline and Dany’s deep voice, that fits perfectly together with Paus backing vocals. I love the grit in Dany’s voice free of effects. She doesn’t need them. Her voice is a whole array of effects.

On Apologize I really like the imperfections in Danys exhausted voice that give her so much character and relatability. The perfect moment for a little voice pause during her solo.

Dany’s Solo was my favorite moment on the concert in Frankfurt, because it came as a surprise. It was a moment of quiet and peace, a chilled, psychedelic tune that reminded me of Pink Floyd. So, I’m very happy that it made it on the live album. I only wished, the audience would have stayed quiet for a moment. The Warning’s audience is awesome, but the sound of silence on their side would have made that moment special. Just close your eyes, stay quiet for a while, embrace the moment and feel the sound of Dany’s guitar.

And on we go with Error, The Warnings comment on the current state of technology in our society. It has some great variations in the singing. A throbbing song.

More is a fine song. Made me think how discrete and effective the backing tracks are used.

Money is also a good song, but none for me. Can’t tell why, it just doesn’t connect with me. Even though I really like the dirty grit in Dany’s voice and the long interaction with the audience at the end of the tune.

In Frankfurt I missed Pau songs. Maybe she was exhausted from the tour and needed a break from singing. Survive is one of those great Pau songs, including good dynamics with Dany. Sounds live way better with Ales funky bass.

Qué Más Quieres. Love their Spanish songs. Such a beautiful language with all those rolled “Rs” that my mouth could never produce. Wouldn’t mind a whole album in Spanish.

Consume. Not sure what to make of this tune. I Like the explicit lyrics, the authentic anger and the Muse like riff. And it’s always nice when Dany and Pau interact.

Burnout is in my humble opinion the weakest song on this live album. It feels a little generic.

Nevertheless, The Warning are anything but burnt out at this moment of the concert. In contrary, they continue with their heaviest song, Sharks, that comes along with an industrial and little kornish sound.

While Disciple starts with another amazing fat bassline by Ale and kick-ass drumming by Pau. Best Dany/Pau song, with a killer sound live.

But my favorite song on this live album is Hell You Call A Dream. I’m blown away by Danys voice going ab to E5 and even F5. Also like the dichotomy between the first two verses and the third, with the first two only being accompanied by bass and drums, while the second starts only with Danny’s guitar. The lyrics are also great.

Martirio begins with a Jimi-Hendrix like guitar intro, followed by a-capella lyrics and Ales bassline before turning into an anthem that reminds me a little of the Spanish band Héroes del Silencio. The drum sounds and patterns are fantastic. I love how the three sisters vary the combinations of their instruments. The Harmonies in the chorus are wonderful.

Evolve: Paus’ scream! AAAAAHHHHHHHHH!

And the third Spanish song Narcisista has some interesting distortions on the bass, an engaging guitar riff, and is another wonderful Pau song.

And at the end of the line, we look up to an Automatic Sun and ask ourself, if life is really just nothing more than passing time, and if so, isn’t it great, to pass it with such beautiful music. It took me a while to appreciate this song, but I like the chord changes. The bassline in the breakdown sounds like the beginning of Queens Flash Gordon.

Did I miss something on the live album?

A ballad like Black Holes or When I’m Alone in the acoustic version would have been nice to have another intimate moment of quiet besides the solo. And Cool Aid Kids, I truly like that song.

Final thoughts

I’m not a music critic and this is not an objective review. I write about the music on a personal level, because it is music that connects with me emotionally. Music like this elevates me, gives me energy and creative inspiration. The Last time music moved me in a similar way was 2016 with ZAZ. Her music inspired me to write a whole (unpublished) novel. The Warning’s concert in Frankfurt mid-June made me enjoy a summer that otherwise would have been pretty boring and absent of highlights. And just when the enlightening effect of the newly discovered music started to fade to a normal baseline, The Warning publishes a live album that gives me a new boost. Can’t wait to watch the concert film. It hasn’t been shown in Germany yet, but I hope it will be available to stream or on DVD in the not too far future.

The importance of The Warning for Mexico and the Mexican music scene cannot be underestimated. Without any intention to put pressure on them, I see them as a kind of ambassadors for Mexican music – especially in the non-Spanish speaking world (as well as role models for young girls who are interested in playing rock music). But I also don’t know much about music from Mexico. My only contact before was Molotov’s Gimme tha Power in the nineties (a song I really love). And Café Tacvba.

Please excuse my bad English. I’m way out of practice. And my time frame to write this review was pretty tight, since the album has been released last Friday and tomorrow, I will go on a three-week vacation.

The Warning – Ein Konzertbericht und mehr

Es folgt mein Bericht zum Konzert von The Warning in der Batschkapp in Frankfurt vom 17.06.2025, dazu noch ein paar weitere Infos über die Band und ein paar Gedanken zur aktuellen Musikindustrie.

The Warning verabschieden sich vom Publikum auf dem Hellfest 2025 (siehe letztes Video im Beitrag).

Am 14. Januar 2023 schrieb ich in meinem Wochenrückblick:

Eine Band, die mich diese Woche ebenfalls beeindruckt hat, sind The Warning, die recht klassischen Hardrock spielt. Musikalisch trifft das nicht ganz meinen Geschmack, trotzdem machen sie ziemlich gute Musik. Das sind drei Schwestern aus Mexiko, die vor ein paar Jahren mit einem Metallica-Cover viral gingen, inzwischen drei Alben veröffentlicht haben und mit den Foo Fighters aufgetreten sind.

Das ist zwei Jahre her. Seitdem hatte ich nicht so wirklich viel von der Band mitbekommen. Erst vor zwei Wochen, als ich mir Reaction-Videos auf Youtube ansah, und Reaktionen zu Live-Auftritten der Band sah, wurde meine Begeisterung so richtig entfacht. Denn bis dato kannte ich nur einige Musikvideos mit den Studioaufnahmen. Inzwischen habe ich alle Alben gehört und finde sie auch gut – vor allem Error – aber so richtig super hören sich The Warning live an. Weshalb ich gleich mal auf deren Webseite nachschaute, ob sie in den nächsten Monaten nach Deutschland kommen würden, und Zack: bereits zwei Wochen später.

Das ist das Video, dass mich endgültig von The Warning überzeugt hat

Zwei Wochen später war letzten Dienstag in der Batschkapp in Frankfurt. Mein erstes Konzert seit 2017 (damals Nick Cave and the Bad Seeds). Ein übermäßig großer Konzertgänger war ich nie, aber wenn, dann eher zu Lieblingsband und Musiker*innen meiner Jugendjahre, wie Nine Inch Nails, Faith No More, David Bowie, System of Down, Pearl Jam, Ben Harper, Deine Lakeien oder Einstürzende Neubauten. Einzig Coldplay waren noch relativ neu im Geschäft, als ich sie 2002 für 25 Euro in der Jahrhunderthalle in Frankfurt sah. Und ZAZ 2016, die gab es in meiner Jugend auch noch nicht.

Konzerte zu teuer?

Inzwischen sind mir die alten Bands zu teuer geworden. Bei Tool wäre ich fast schwach geworden, aber 300 Euro oder auch 180 sind mir einfach zu viel. Da gehe ich lieber zu jungen, frischen und dynamischen Bands, die noch zu vernünftigen Preisen in kleineren Venues auftreten. Eben wie The Warning. Auch wenn es die Band schon seit über 10 Jahren gibt, die sind noch alle Anfang 20.

Ich bin Jahrgang 79 und habe keine Lust, ständig der Nostalgie an die Musik von früher nachzuhängen, wie es die meisten in meinem Alter plus/minus zehn Jahre tun. Ich möchte neue Musik entdecken, von Künstler*innen, die es noch nicht gab, bevor ich 30 wurde. Musiker*innen wie Ren, Bloodywood, Meg Meyers, Halsey, Little Simz, Arlo Parks, Fischbach, Zaho de Sagazan, Stromae, Amyl and the Sniffers, Big Special (viel zu unterschätzt) uvm.

Und es gibt sie noch, die gute neue Musik, die nicht wie aus der Retorte klingt, die nicht von einem Team von sechs Songwritern geschrieben wurde, und sich dann doch so austauschbar wie von der KI anhört. Aber sie hat inzwischen schwer. Vor allem, wenn es um Rockmusik geht. Auf den Plakaten der großen Festivals finden sich ganz oben in der größten Schrift immer die gleichen alten Bands aus den 90ern oder davor. Bei Rock am Ring standen dieses Jahr als Headliner ganz oben The Prodigy, Slipknot und Korn. Dazu Hip-Hop-Bands wie K.I.Z. und Kontra K. Immerhin auch Sleep Token, die es erstaunlich schnell nach oben geschafft haben, und zur Abwechslung mal nicht die Foo Fighters. The Warning standen aber noch recht weit unten und hatten einen Slot um 16.00 Uhr, als die Menge erst so langsam eintrudelte, legten aber einen stürmischen Auftritt hin.

The Warning

Ich habe den Eindruck, so langsam tut sich wieder was für gute junge Rockbands. Und daran sind The Warning nicht unbeteiligt. In der Reaction-Szene gehen sie seit ein paar Jahren richtig gut ab, auch bei vielen älteren Rockfans, die sonst eher olle Kamellen hören. Von einigen werden sie sogar als die Rettung des Rocks angesehen. Was ich dann doch für etwas übertrieben halte, und was zu viel Druck auf die drei Schwestern aus Monterrey, Mexiko ausübt, auch in Bezug darauf, auf ein Genre eingeschränkt zu werden. Sobald ein Song schon etwas poppiger klingt, kommt Kritik auf. Wobei sie Druck vermutlich schon gewohnt sind, seit ihr Enter Sandman-Cover 2015 viral ging und sie plötzlich bei Ellen deGenres auf der Couch saßen. Da waren sie 9, 11 und 14 Jahre alt.

Ich werde hier jetzt keinen Wikipedia-Eintrag nacherzählen, möchte aber noch erwähnen, dass The Warning keine Over-Night-Sensation sind, der Erfolg kam nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit. Zwischen 2017 und 2024 erschienen vier Studioalben, die weltweite Fangemeinde wächst immer weiter, der ganz große Hit und der ganze große Durchbruch fehlen noch, sind aber sicher nur eine Frage der Zeit. Dafür ist die Band und sind die einzelnen Musikerinnen einfach zu gut.

Das Konzert

Und wie gut sie wirklich sind, davon habe ich mich am Dienstag, den 17. Juni 2025 selbst live in der Batschkapp in Frankfurt überzeugt. Dafür bin ich extra mit dem Auto nach Frankfurt rein gefahren – was ich nur äußerst ungern mache. Eine Stunde Autobahn und dann noch mal eine Stunde durch den Feierabendverkehr in der Stadt – für drei Kilometer, die mir noch zu Ziel gefehlt haben. Die Batschkapp liegt in Frankfurt-Ost in einem Industriegebiet hinter der Eissporthalle und dem Stadion vom FSV. Eine U-Bahn-Station weiter gibt es ein Park-And-Ride-Parkhaus für 1,50 Euro, das von der Batschkapp aber auch gut zu Fuß zu erreichen ist.

Als ich um 19.15 Uhr am Veranstaltungsort ankam, stand schon ein lange Schlange auf dem Bürgersteig vor dem Gelände, in der prallen Sonne bei 28 Grad. Ein gemischtes Publikum, ältere Herren, viele einzelne Kerle meiner Generation, aber auch jüngere Paare, Jugendliche und Kinder. Auf keinem meiner bisherigen Konzerte habe ich ein so breites Publikum gesehen, teils aus ganz Europa angereist.

Die Batschkapp fasst knapp 1.200 Zuschauer*innen und wirkt im Inneren relativ klein und eng. Als ich reinkam, waren zwei Drittel des Saals schon gefüllt. Da ich recht groß bin, positioniere ich mich bei Konzerten weiter hinten, doch ganz nach hinten wollte ich hier nicht stehen, da es dort eine Bar und andere Stände gab, wo ständig durstige Menschen vorbeiliefen. Also etwa zwei Drittel von der Bühne entfernt, aber immer noch mit guter Sicht.

Wer vorne alles stand, habe ich erst im Nachhinein auf Videos vom Konzert gesehen. Da waren eine Menge älterer Herren mit grauen Haaren dabei, von denen ich doch erwartet hätte, dass sie die Plätze direkt vor der Bühne lieber dem jüngeren Publikum überlassen. Das ist aber auch mein einziger Kritikpunkt am Publikum, das gut aufgelegt war und sicher aus vielen Hardcore-Fans bestand, die sämtliche Lieder mitsingen konnten. Ich habe inzwischen zwar alle Alben gehört, bin aber noch nicht mit allen Songs so vertraut. Und mitsingen mache ich sowieso nicht. Ich klatsche auch nicht mit, außer es geht um Applaus. Und springe auch nicht rum, sondern lasse lieber die Musik auf mich wirken. Fotos und Videos mache ich auf Konzerten prinzipiell nicht.

Die Vorband

Das Warm-Up gab es von der Kölner Band Still Talk, die schon zum vierten Mal für The Warning eröffneten. Und hier zeigte sich auch die Klasse des Publikums, das bei allen Songs gut mitging. Von den oben erwähnten Konzerten, die ich bisher besucht habe, kenne ich es eher, dass die Vorbands mit passiv-aggressivem Desinteresse gestraft werden, weil sie den Aufritt der geliebten Band herauszögern (die dann aber gefälligst auch alle alten Hits zu spielen hat, und nicht so viel von den neuen Alben).

Stil Talk machen gefälligen Post-Punk mit Sängerin, der sich für mich beim ersten Hören ganz nett angehört hat und sicher ein passendes Warm-Up für The Warning bot. Die Sängerin kam mit ihren Ansagen sehr sympathisch rüber.

The Warning

Dann ging es los mit den härteren Songs, Six Feet Under und S!ck, vom neuen Album, und es zeigte sich schnell, dass der Sound in der Batschkapp durchaus seine Schwächen hat. Gerade die ruhigeren Vocals waren über den Instrumenten teils schwer zu verstehen. Aber Dany hat mir ihrer kraftvollen Stimme über die technischen Mängel der Audio-Infrastruktur hinweggesungen. Bei mir hinten soll der Sound auch noch deutlich besser gewesen sein, als vor der Bühne. Und seit Once wissen wir ja, dass wirklich gute Musik auch den Test auf einer schlechten Anlage bestehen muss.

Die komplette Setlist werde ich nicht aufzählen, die könnt ihr hier nachlesen. Besonders mochte ich die spanischsprachigen Songs Qué Más Quieres, Martirio und Narcisista sowie die bekannteren Lieder Choke, Evolve, Disciple, Hell You Call a Dream und Automatic Sun. Doch mein persönliches Highlight war das leicht psychodelische Gitarrensolo von Dany, der einzige ruhigere Moment des Konzerts.

Insgesamt würde ich die Show als tight bezeichnen, knapp 90 Minuten, ein einstudiertes, professionelles Programm, mit kleinen Ausreißern. Einmal gab Dany eine Gitarre direkt zurück und diskutierte hinter den Kulissen, und später musste sie sich von Bassistin Alejandra dabei helfen lassen, den Schnürsenkel zu binden. Und nahm alles wie immer mit Humor. Schlagzeugerin Paulina wirkte hingegen etwas erschöpft, spielte aber fehlerfrei. Alejandra hatte bei einigen Songs einen ziemlich gute Bass-Sound, bei anderen ging ihr Instrument etwas unter.

Was macht The Warning so gut

Geschwister harmonieren in Bands musikalisch oft besonders gut (außer sie heißen Gallagher), wie man z. B. bei Billie Eilish und Finneas hören kann. Die sind so aufeinander eingegroovt und kommunizieren ohne Worte miteinander. Wenn z. B. in Dust to Dust gegen Ende Paulinas aufsteigende Stimme in die von Dany übergeht, passiert das vollkommen reibungslos, und wenn man es nicht im Video sehen würde, wäre kaum zu erkennen, wo der Übergang passiert.

Die drei sind alle ausgezeichnete Musikerinnen, die schon als kleine Mädchen mit dem Klavier angefangen und dann später ihre anderen Instrumente ausgewählt haben. Sie sind praktisch organisch zu einer Band zusammengewachsen bzw. aufgewachsen, stets gefördert durch die Eltern.

Da Trio vermittelt auf der Bühne (und in Videos und Interviews) eine Chemie und Geschlossenheit, die nur schwer zu erklären ist, was sich aber auch direkt in der Musik widerspiegelt.

Paulina ist das Energiebündel, die treibende Kraft am Schlagzeug, stets professionell, fast (aber nur fast) schon zu sehr Performance an den Drums, als würde sie ihre Selbstsicherheit auch als Schild tragen, wirkt aber trotzdem, als hätte sie den Spaß ihres Lebens. Und sie kann auch emotional werden, vor allem, wenn sie am Klavier sitzt und singt.

Daniela der kreative Kopf, meisterhaft und verspielt an der Gitarre, dazu mit einer phantastischen Stimme, die die höheren Lagen ebenso meistert wie die tieferen und punktuell eine rockige Rauheit mit reinbringt. Sie scheint immer großen Spaß zu haben, geht voll in der Musik und auf der Bühne auf, und praktiziert dabei gerne Heavy-Metal-Gesichtsakrobatik . In den Videos, in denen sie ihre Instrumente vorstellt, wirkt sie supersympathisch.

Alejandra ist mit ihren klaren Basslines das ruhige Zentrum der Band, das die anderen beiden erdet und in Balance hält. Sie wirkt sehr introvertiert, scheint aber trotzdem ihren Spaß zu haben, spielt selbst weiter, wenn sie mal umfällt.

Eine solche Band findet sich nicht über Kleinanzeigen oder eine Plattenfirma, die wird zusammen geboren. Da fügen sich großes Talent, Entschlossenheit und Leidenschaft durch ideale Bedingungen, ein förderndes Umfeld und gegenseitige Zuneigung zu etwas ganz Besonderem zusammen. Und wir als Zuhörer*innen profitieren davon, indem wir so tolle Musik bekommen.

1974 schrieb der Musikproduzent und Kritiker Jon Landau, als er ihn als Vorband von Bonnie Raitt sah: “I saw rock and roll’s future and its name is Bruce Springsteen”.

The Warning sind nicht nur die Zukunft des Rocks, sie sind auch schon die Gegenwart. Hand- und selbstgemachte und geschriebene Musik ohne KI oder Songwriterteam, von drei talentierten Musiker*innen, die auf der Bühne alles geben und zeigen, wie wirksam und berührend Musik auch im Jahr 2025 noch sein kann.

Am 20.06. spielten The Warning auf dem Hellfest in Frankreich. Arte hat das Konzert aufgezeichnet und online gestellt. Für ein Festival ist der Sound erstaunlich gut. nur Paus Mikrofon schwächelt manchmal ein wenig.