Musik, die mich 2025 begleitet hat

Anders als bei Serien, bin ich bei Musik nicht wirklich auf dem Laufenden. 2025 habe ich nur sehr wenige Alben gehört, die in diesem Jahr auch neu erschienen sind. Rosalias großartiges Lux gehörte dazu, über das aber sowieso alle geredet haben. Ansonsten habe ich eher Musikerinnen für mich entdeckt, deren Musik schon ein paar Jahre alt ist.

Collage aus vier Bildern, ein großes unten, drei kleine oben. Von oben Links an:

1. Mei Semones: Eine junge Frau mit Schlabberpulli und halblangen Haaren steht mit Gitarre vor einem Mikrofon und singt.

2. Das Albumcover von »Liebe in Sepia«: Weißer Hintergrund darauf eine Katze.

3. Auroa sing mit einem Mikrofon in der Hand, sie ist von der Seite zu sehen.

4. The Warning auf einer Bühne. Links die Bassistin mit langen schwarzen Haaren, rechts die Gitarristin mit langen blonden Haaren, in der Mitte auf einer kleinen Bühne auf der Bühne die Schlagzeugerin hinter dem Schlagzeug, dahinter eine Sonne, alles in Zwielicht getaucht. Alle tragen Rot.

The Warning

Meine persönliches musikalisches Highlight 2025 war The Warning. Ich hatte zuvor schon ein paar Songs gehört, aber so richtig bemerkt, wie toll sie sind, habe ich erst diesen Sommer. Und sie dann auch schon zwei Wochen später direkt live gesehen. Worüber ich hier auf meinem Blog auch geschrieben habe. Und das Live-Album, das im September herausgekommen ist, habe ich auch besprochen.

Aurora

Auch Aurora kannte ich vorher schon durch vereinzelte Lieder, aber erst die Kollaboration mit Jacob Collier hat sie so richtig auf meinem Schirm befördert. Jetzt arbeite ich mich chronologisch durch ihre Diskografie, nehme mir dabei aber Zeit, da einmal Hören nicht ausreicht, um ein Album wirklich zu erfassen. Zu ihrem Debütalbum All My Demons Greeting Me as a Friend schrieb ich: ätherisch schöner Pop aus Norwegen jenseits des Charts-Mainstreams, mit wundervoller Stimme, minimalistischem, effektivem Musikeinsatz und guten Texte. Musik zum Träumen, der Welt aber nicht entrückt.

Das setzt sich auch auf dem zweiten Album Infections of a Different Kind – Step 1 fort, dessen Highlight für mich Queendom ist. Insgesamt ist die Platte musikalisch etwas flotter und elektronischer.

Mei Semones

Mei Semones ist eine junge japanisch-amerikanische Musikerin, die im Mai ihr erstes Album herausgebracht hat. Animaru ist eine lässige Mischung aus Jazz, Bossa Nova, Indie-Rock und Eliot Smith. Semones singt auf Japanisch und Englisch, innerhalb eines Liedes, wenn ich das richtig verstanden habe, wiederholt sie, was sie auf Japanisch singt auch auf Englisch und umgekehrt. Musikalisch ist das ganze sehr anspruchsvoll, steckt voller Überraschungen und ist alles andere als generisch.

Helge Hoefs & die Unabhängigkeit

Helge Hoefs ist ein Jugendfreund von mir, der mich mit seiner Musik in dieser Zeit stark geprägt hat. Wie sehr, das habe ich erst dieses Jahr gemerkt, als ich mir sein im September erschienenes Album Liebe in Sepia angehört habe. Erhältlich ist es über Bandcamp. Direkt nach Hören im September habe ich auch eine fünfseitige Rezension dazu verfasst, sie dann aber nicht veröffentlicht, weil sie wohl doch zu persönlich geworden ist, mehr ein Text über eine Freundschaft im Wandel der Zeit, weniger ein Album-Review.

Hier aber ein paar Auszüge:

„Das hier wird keine klassische Musikalbenbesprechung, sondern ein sehr (vielleicht zu) persönlicher Text, da der Künstler einer der besten Freunde meiner Jugendjahre ist, den ich aber seit 12 Jahren nicht mehr gesehen habe und zu dem ich in der Zeit auch virtuell kaum noch Kontakt hatte. Es ist ein Text über Freundschaft, über die Freundschaft der Jugend, das gemeinsame Erwachsenwerden und jene Kreuzungen des Lebens, an denen sich der gemeinsame Weg trennt und wir in andere Richtungen voneinander fort schreiten. Es ist mehr ein Text über mich, weniger über die Musik selbst, aber darüber, was die Musik mit mir gemacht hat. Musik kann in uns Emotionen erreichen, die tief versteckt im Unterbewusstsein schlummern oder durch Rationalisierung verwässert wurden.

Das erste Hören des Albums hat dafür gesorgt, dass ich meine Jugendjahre noch mal vor dem inneren Auge habe Revue passieren lassen und am Ende hatte ich Tränen in den (äußeren) Augen. Aber das kann natürlich auch an Erkältung liegen, die mich dabei plagte. Für Helge ist das Album wohl das Ergebnis genau dieser letzten 12 Jahre, in denen er aus Berlin in die Uckermarck gezogen ist, wo er sich mit seiner Familie ein neues Leben aufgebaut hat. Für mich brachte es viel Erinnerungen an die Zeit davor zurück. Denn den Helge-Sound von früher habe ich in den Liedern sofort wiederkannt. Wenn mich fortan jemand fragt, was die Musik meiner Jugendjahre war, werde ich nicht Dave Matthews Band, Nine Inch Nails, Radiohead, Nick Cave, Björk, Tom Waits oder System of Down antworten, sondern: Helge Hoefs.

Kann eine Freundschaft 12 Jahre ohne Kontakt überstehen? Vor ein paar Wochen hätte ich noch geantwortet: Ich weiß es nicht. Wohl eher nicht. Nachdem ich Helges Album gehört habe, das in mir alle möglichen Emotionen geweckt hat, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie noch habe, würde ich sagen: Ja, unbedingt. Ich weiß nicht, ob ich Helge in diesem Leben noch mal wiedersehen werde, ausreichend Zeit müsste ja eigentlich dafür da sein, wir sind ja erst Mitte/Ende 40. Aber sollten wir uns je wiedersehen, bin ich mir sicher, dass das Gefühl und die Verbindung von damals noch da sein werden.

Das Hören des Albums, der Klang der so vertrauten Stimme, haben mir klargemacht, dass bei mir diese Freundschaft auf jeden Fall noch irgendwo schlummert. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch, der seine Emotionen nicht zeigt und schon gar nicht jemandem mitteilt, aber das ändert nichts daran, dass diese Emotionen da sind. Doch hier kann ich festhalten, dass mich das Album zum ersten Mal in 12 Jahren daran erinnert hat, wir sehr mir Helge fehlt.“

Die Musik hat etwas Verträumtes, sieht die kleinen (verschrobenen) Schönheiten im Alltag, ist aber auch gesellschaftskritisch. Besonders freut es mich, dass Helge nach langer Zeit wieder mit Peter Wanitschek zusammengearbeitet hat, den ich auch noch aus meiner Zeit in Berlin durch Helge kenne. Und dass Tine und Lene mitsingen.

Meine Unterhose

Kürzlich habe ich nach knapp einem halben Tag festgestellt, dass ich meine Unterhose falsch herum trage – mit der Innenseite nach außen.

Was tun?

Umdrehen wäre unhygienisch. Sie wechseln Verschwendung. Also Augen zu und durch.

Eine schwarze Unterhose ausgebreitet auf einem blass-grünem Teppich liegend. Natürlich mit der Außenseite nach außen.

Doch seit ich es weiß, fühlt sich plötzlich alles falsch an. Wie ein Fehler in der Matrix. Ein Glitch. Es drückt, zwickt, rutscht und scheuert. Als hätte ich einen Blick in eine Paralleldimension erhascht, in ein Spiegeluniversum, in dem ein bärtiger Spock seine Unterhosen falsch herum trägt.

Die Welt steht kopf, die Unterhosen rebellieren und stellen bisher unabänderliche Gewissheiten infrage. Die Bösen aus dem Spiegeluniversum scheinen die Welt in einer Secret Invasion mit ihren umgedrehten Unterhosen zu übernehmen.

Doch wer hat eigentlich entschieden, wie rum richtig rum ist, wenn es um die Unterhosenfrage geht? Gab es eine historische Konferenz, auf der die Großmächte am Kartentisch entschieden haben, wo die Nähte zu sitzen haben, wo das Schildchen mit den Waschhinweisen? Gibt es dafür eine DIN-Norm, ein Gesetz, das besagt, wie Unterhosen zu sitzen und wie wir sie zu tragen haben?

Ist die Unterhosenfrage abschließend geklärt und zur gesellschaftlichen Konvention geworden?

Wer hat die Unterhose ursprünglich erfunden? Und zu welchem Zweck? Und wie hat dies die Gesellschaft und unsere Welt verändert?

Mit Boxershort habe ich es versucht. Aber ich bin kein Boxer. Der damit einhergehende Freiraum engt mich zu sehr ein. Bereitet mir Unbehagen und Unwohlsein. Ist mir zu luftig und unverbindlich. Zu unbestimmt. Ich brauche klare Verhältnisse, klare Grenzen und Sicherheit. So wie der Unterschied zwischen einem Open-World-Computerspiel, das maximale Freiheit vermittelt, aber auch schnell zu Orientierungslosigkeit führen kann, und einem mit schlauchförmigen Levels, wo man weiß, wo es lang geht, das aber auch keine Überraschungen birgt.

Die Kunst ist es, eine Unterhose zu finden, die Stabilität bietet, doch nicht zu sehr einengt; nicht ins Fleisch schneidet und keine Druckstellen hinterlässt. Die keine klaustrophobischen Zustände hervorruft, aber trotzdem Geborgenheit vermittelt. Modische Aspekte erscheinen mir zweitrangig, auch wenn manche Menschen beim Kauf daran denken, was die Rettungsanitäter*innen denken mögen, wenn sie die obere Schicht, sprich die eigentliche Hose, wegschneiden müssen, oder der One-Night-Stand, der einem in wollüstiger Inbrunst die Klamotten vom Leib reißt.

Mit Unterhosen beginnt der Tag. Sie sind das Erste, was wir sehen, wenn wir morgens die Nacht abstreifen. Sie erden uns in unserer körperlichen Mitte, dem Zentrum unseres Daseins und dem Ursprung des Lebens.

Während ich diese Zeilen schreibe, trage ich immer noch die verkehrte Unterhose, und fühle mich wie Roddy Piper im Film Sie leben, der zufällig eine besondere Sonnenbrille aufsetzt und plötzlich die Welt sieht, wie sie wirklich ist: beherrscht von Aliens, die uns mit unterschwelligen (nicht hosigen) Botschaften steuern und durch einen gehorsamen Kapitalismus unterdrücken.

Unterhosen sind Teil dieses kapitalistischen Systems. Es gibt teure Unterhosen, deren Wert allein im Markennamen liegt, die 99% der Menschen, die uns begegnen, nie zu Gesicht bekommen. Und wo die Unterhosen hergestellt und in vermutlich viel zu langen, schweißtreibenden Schichten unter unwürdigen Zuständen zusammengenäht werden, für einen ausbeuterischen Lohn, und dann um die halbe Welt verschifft, mit viel zu hohem CO2-Ausstoß, darüber möchten wir lieber nicht nachdenken.

Ich stelle mir eine stille Rebellion von Menschen vor, die ihre Unterhosen falsch herum tragen, die Welt und Gesellschaft mit ihren Normen infrage stellen. Oder die Produktionsstrukturen infiltrieren, dafür sorgen, dass nur noch Unterhosen hergestellt werden, bei denen nicht erkennbar ist, wo innen, und wo außen ist. Die im Verborgenen Kämpfe mit der Unterhosen-Mafia austragen.

Es hat wohl einen Grund, warum Superhelden wie Superman ihre Unterhose über der eigentlichen Hose tragen. Und Wrestler sich ein Universum erschaffen haben, in dem das alleinige Tragen von knallbunten Unterhosen dem Tragen einer Uniform oder Kampfmontur gleichkommt. Gladiatoren in Unterhosen. Denn immerhin zeigen wir uns allein in Unterhosen sonst mit am verletzlichsten. In manchen Kontexten geht eine gewisse Scham und gar Erniedrigung damit einher, sich bis auf die Unterhose entkleiden zu müssen. Und dann ist die Unterhose die letzte Bastion unserer Autonomie und Unversehrtheit.

Bei meinen Unterhosen schneide ich die Schildchen mit den Waschhinweisen übrigens immer ab, weil die für mich einen Störfaktor darstellen, da sie gelegentlich kratzen. Aber vielleicht mag ich ja auch nur einfach das Spiel mit dem Risiko und ein Leben am Limit, in meiner sonst so von Unterhosen geborgenen und behüteten Welt.

GLEITanSICHTen: Meine neue Brille und ich

Ist die Welt wirklich so, wie wir sie sehen? Sehen wir alle dasselbe? Wer eine Brille trägt, ahnt vielleicht, dass dem nicht so ist. Dass unterschiedliche Sehstärken eine neue Perspektive auf die Welt eröffnen können. Meine neue (und erste) Gleitsichtbrille, die ich vor zwei Wochen bekommen habe, hat nicht nur meine Lebens- und Lesensqualität verbessert, sondern mir auch vor Augen geführt, wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen.

In Bildmitte liegt die gebundene Ausgabe von Thomas Pynchons Roman "Against the Day", darauf eine Brille, deren Gläser einige der Buchstaben auf dem Cover vergrößern. Im Hintergrund steht links der Manga "Slam Dunk" mit einem Basketballspieler plus Ball darauf. Rechts davon die Taschenbuchausgabe von "The Fall of Hyperion".

Seit fast 30 Jahren bin ich Brillenträger. Ich weiß gar nicht mehr, wie das angefangen hat. Warum ich überhaupt schon im Grundschulalter eine getragen habe. Nach eigenem Empfinden hatte ich ohne genauso gut gesehen. Erst mit Anfang 30 hat sich das geändert. Ich habe sie vor allem zum Lesen aufgesetzt, dabei war es eine Fernsichtbrille. Jetzt mögen manche denken: »Das erklärt so einiges!«.

Seit zwei Wochen trage ich erstmals eine Gleitsichtbrille und sehe jetzt Dinge, die ich nie sehen wollte. Wie Roddy Piper in John Captenters Sie leben. Und Kaugummi ist mir auch noch ausgegangen. Immer, wenn ich jetzt die Brille aufsetze, höre ich den Pinguin aus Fight Club im Ohr: »Gleite!«.

Dass ich ohne Brille Schwierigkeiten beim Lesen habe, merkte ich erstmals vor knapp 15 Jahren in Berlin, als ich ohne Brille in der U-Bahn unterwegs war und Probleme bekam, die kleineren Streckenpläne zu lesen. Mit Brille ging es erst vor knapp drei Jahren los. Vor allem bei kleingedruckten Taschenbüchern, aber nach anstrengenden Tagen und je nach Tagesform auch bei Büchern mit größerer Schrift. Lesemarathons mit Printbüchern sind seitdem passé. Parallel lese ich immer ein E-Book, auf dem ich mir die Schriftgröße selbst einstellen kann. Was aber auch frustrierend ist, wenn ich eigentlich in der aktuellen gedruckten Lektüre weiterlesen will.

Deswegen wurde es höchste Zeit für eine neue Brille, jetzt erstmals mit Gleitsicht. Und es hat sich auf jeden Fall schon gelohnt. Denn ich erlebe gerade einen zweiten Lesefrühling. Wobei ich in den letzten drei Wochen gar nicht so zum Lesen kam, da ich kurzfristig einen eiligen Übersetzungsauftrag reinbekommen habe. Aber seit Ende letzter Woche bin ich damit durch, und jetzt wird gelesen. Ich habe schon gemerkt, dass ich mit der neuen Brille gleich viel schneller lese. Auch wenn die Gleitsicht noch etwas gewöhnungsbedürftig war, musste ich doch erst die perfekte Position finden, damit der Text genau im Lesefokus liegt.

Das aufgeklappte Taschenbuch von "The Fall of Hyperion". Links ist die Schrift scharf und groß gut lesbar. Rechts unscharf und kaum zu entziffern.
So wie rechts haben ich die kleingedruckte Schrift dieses kleinen Taschenbuchs mit meiner letzten Brille meist gesehen. So wie links sehe ich sie jetzt mit meiner neuen Gleitsichtbrille.

Aber jetzt freue ich mich schon auf Bücher, die ich längst abgeschrieben hatte. Unter meinen fast 400 ungelesenen Büchern befinden sich auch welche mit sehr kleiner oder eng gesetzter Schrift. Darunter einige englischsprachigen Mass Market Paperbacks, die ich vor 20 Jahren als Student vermehrt gekauft habe, da sie mit fünf bis sieben Euro ziemlich günstig waren. Bei einigen hatte ich es verpasst, sie zu lesen, bevor meine Sehstärke zu sehr nachgelassen hat. Denn sie sind in sehr kleiner Schrift gesetzt, auf sehr schlechtem Papier, mit Druckerschwärze, die leicht verschmiert unter dem Schweiß der Finger. Und schlecht aufklappen lassen sie sich auch noch. Hatte schon überlegt, sie mir als E-Books nachkaufen.

Auch einige ältere Bücher von Golkonda im Regal kann ich jetzt doch noch lesen. Der Verlag hatte sie damals aus Kostengründen (und mit Bauchschmerzen) mit kleiner Schrift eng gesetzt.

Auf dem Foto sehen wir hinten rechts The Fall of Hyperion, dass ich mir vor 20 Jahren in der günstigen Mass-Market-Paperback-Ausgabe gekauft habe. Teil 1 hatte ich noch rechtzeitig gelesen, als ich mit Band 2 weitermachen wollte, war es mir für die Augen schon zu anstrengend. Jetzt nicht mehr. Demnächst werde ich das Buch nachholen.

Slam Dunk ist ein Manga, den ich mir letzten Sommer bestellt habe, aber feststellen musste, dass die Schrift in den Sprechblasen teilweise so klein ist, dass ich nur wenige Seiten am Stück lesen konnte.

Und Thomas Pynchons Agains the Day ist trotz des großen Hardcover-Formats leider auch relativ klein gedruckt, weshalb ich da nie sehr weit gekommen bin, weil es mir zu anstrengend wurde.

Das mal als drei Beispiele für Bücher, deren weitere Lektüre ich schon abgeschrieben hatte.

Dass die Krankenkasse sich aber an einer Brille nicht beteiligt, ist schon ein Skandal. Ohne Brille wäre ich arbeitsunfähig. Ich könnte kein Auto fahren, nicht am Computer arbeiten, nichts lesen.

Jetzt kann ich wieder die Zubereitungsempfehlungen auf Lebensmittelpackungen lesen. Das Kleingedruckte in Verträgen. Und auch die kleingedruckte Hiragana-Schrift in meinem Japanisch-Lehrbuch unter den größeren Kanji-Zeichen, die ich noch nicht kenne. Schaue ich vor dem Duschen an meinem Körper runter, sehe ich manche Sachen aber auch so im Detail, wie ich es nicht gebraucht hätte. Nicht alles wird schöner, wenn man es klarer sieht. Wobei die Gleitsichtbrille hier auch schon Muttermale, Äderchen und Poren arg vergrößert. Oder Fussel auf dem Boden, Krümmel auf dem Tisch.

Mein Woche: Die schönste kitschige Serie des Jahres

Mein Wochenrückblick mit einer zu Herzen gehenden Serie aus Japan, Podcasts zu Mangas mit Tiefgang und Rassismen und fehlender Diversität in der Buchbranche, dem Leben einer trans Person in Südkorea; den Science-Fiction-Neuerscheinungen 2025 und der Situation von Übersetzer*innen in Deutschland sowie einer Doku über Dario Argento.

Collage aus vier Bildern, drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der unteren:
1. ein Mann links und eine Frau rechts sitzen auf einer Bank, er lacht, sie hat fröhlich beide Arme nach oben ausgestreckt.
2. dasselbe Paar aus Bild 1 läuft hier durch stürmischen Regen, im Hintergrund eine Straßenlaterne.
3. trans Frau Jungle auf der Couch beim Podcast Wir Reden Die Welt
4. Links Dario Argento, rechts seine Tochter Asia an einem Filmsetz, beide haben den Mund wie zum Singen geöffnet.

Serie

Beyond Goodbye (Sayonara no tsudzuki)

Die schönste kitschige Serie des Jahres kommt aus Japan. Das ist im Prinzip die klassische Geschichte über eine Frau, deren Partner stirbt, und die dann zufällig (oder ist es Schicksal 🙂 ) jenen Mann kennenlernt, der das Herz ihres Partners als Transplantat erhalten hat. Und natürlich entwickelt sich daraus eine hochemotionale Serie, in der es vor Kitsch nur so trifft, Aber sie ist auch ganz wunderbar erzählt, in wunderschönen Bildern gefilmt und mit mehr Tiefgang und Reflexion, als ich von so einer Story erwartet hätte. Und die beiden Hauptfiguren bzw. deren Darsteller*innen sind so wunderbar charmant, dass ich mich voll auf die Geschichte einlassen konnte. Trotz aller Tragik wird hier ein cozy Wohlfühlkosmos mit liebenswerten Nebenfiguren entworfen. Es dreht sich viel um Kaffee, den ich eigentlich widerlich finde, weiß es aber zu schätzen, mit welcher Hingabe sich die Figuren seiner Herstellung widmen. Die Hauptrolle spielt Kasumi Arimura, die ich schon in Call Me Chihiro großartig fand. Genau die richtige Serie für die Weihnachtszeit, aber Warnung: Für die letzte Folge solltet ihr Taschentücher bereithalten.

Netflix

Artikel

Die Radikalisierung der CDU: Warum Konservative in Deutschland nicht kippen dürfen

Ein schöner Text von Natascha Strobl bei Moment, über die „billige wie unwürdige Strategie“ der CDU, trumpsche Methoden im Wahlkampf anzuwenden, auf die dann inhaltliche Tabubrüche folgen, die zu einer Radikalisierung der Partei führen.

Podcast

Randbemerkungen

Mit Randbemerkungen gibt es einen neuen Podcast von Victoria Liniea. In der ersten Folge bespricht sie mit drei Gästinnen den Roman Yellowface von Rebecca F. Kuang. Ihnen gelingt es, hier Perspektiven und Themen anzusprechen, die in fast allen deutschsprachigen Rezensionen zu dem Buch bisher fehlen. Solltet ihr euch unbedingt anhören, da es auch darum geht, wie nicht-weiße Thematiken von uns weißen behandelt werden und wo wir noch dazulernen können.

Kuangs großartigen Roman Babel habe ich ja ausführlich besprochen, bei Yellowface habe ich es in mehreren Anläufen versucht, war mit dem, was ich zu Papier brachte, aber nicht zufrieden und fand, dass es dem Roman nicht gerecht wurde. Weshalb ich es dann sein gelassen habe. Lieber nicht besprechen, als schlecht besprechen.

Manga-Reihen mit Tiefgang

Stefan Mesch stellt bei Deutschlandfunk Kultur vier Manga-Reihen mit Tiefgang vor, die wir hier in Deutschland vermutlich nicht auf dem Schirm haben. Notiert habe ich mir Kowloon Generic Romance, allein schon, weil ich Hongkong-Fan bin.

Youtube

Transgender Community in Korea – If Jungle can do it, you can do it!

Falls ihr euch für die Situation von trans und queeren Menschen in Südkorea interessiert, empfehle ich euch die aktuelle Ausgabe des Podcast Wir Reden Die Welt. Ini und Jong waren im Land unterwegs und haben mehrere Menschen in ihre Sendung eingeladen. Darunter auch Jungle, eine trans Frau, die aus erster Hand über die Lage berichtet.

SFF180 🚀 Anticipated Science Fiction 2025

Wie jedes Jahr stellt Thomas Wagner wieder die für ihn interessantesten englischsprachigen Science-Fiction-Bücher vor, die 2025 erscheinen werden. Ich habe mir dieses Mal gar nicht die Mühe gemacht, die für mich interessantesten Titel herauszuschreiben, weil ich sie dann doch eh nicht schaffe. Oder zumindest kaum einen davon. Interessant, wie schick die Cover meist aussehen (da können sich deutsche Verlage eine Scheibe von abschneiden). Der Trend scheint ein wenig zum Kubismus zu gehen. So viele quadratische und andere eckige Formen habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.

Wagner sagt auch zu Beginn, dass die SF es gerade schwer zu haben scheint, bei den traditionellen Verlagen, und wenn, dann eher in literarischerer Form in allgemeinen Programmen erscheint, weniger als Unterhaltungs-SF. Sprich, Space Opera findet sich nur sehr eingeschränkt auf der Liste. Eine Beobachtung, die ich nur teilen kann. In der Warengruppe Science Fiction verkaufen sich aktuell nur kürzlich verfilmte Klassiker wie Dune oder Foundation, oder modernere Werke mit prominenter Adaption wie Die drei Sonnen. Die Zahlen bei Media-Control sind da ziemlich eindeutig. Anfang nächsten Jahres wird dazu ein Artikel von mir bei Tor Online erscheinen.

Interview with Stephen Markley about the climate-fiction-novel „The Deluge“

Yvone Tunnat hat den amerikanischen Autor Stephen Markley interviewt, der dieses Jahr im englischsprachigen Raum mit seinem Climate-Fiction-Roman The Deluge für viel Aufsehen sorgte. Meine Versuche, einen deutschsprachigen Velag auf das Buch aufmerksam zu machen, fruchteten leider nicht, weil er für ein klassisches SF-Programm wohl zu sehr in Richtung Great American Novel geht. Markleys Debüt-Roman Ohio wird gerade unter seiner Mitarbeit von HBO als Serie entwickelt. Eine französische und eine italienische Ausgabe von The Deluge gibt es bereits, der deutschsprachige Buchmarkt ist mal wieder nicht auf der Höhe der Zeit

KI, Bezahlung & Interpol: Schockierende Enthüllung einer Übersetzerin

Auf dem Youtube-Kanal Write This Down gibt es ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Übersetzerin Janine Malze, die berichtet, wie die Arbeit mit Verlagen aussieht und, dass niemand sich Illusionen über die Bezahlung machen sollte. Superinteressant für alle, die mehr über den Beruf des Literaturübersetzens erfahren wollen.

Dokus

Dario Argento: Panico

Ist eine neue Dokumentation über den italienischen Fimemacher Dario Argento, der in der Doku ebenso zu Wort kommt, wie viele Menschen aus seinem Umfeld (Töchter, Schwester, Ex-Frau, Kolleg*innen usw.). Der Fokus liegt mehr auf seiner Persönlichkeit, weniger auf den Filmen. Trotzdem gibt es da noch interessante Sachen und Anekdoten zu erfahren. Ich wusste gar nicht, dass Argento aus einer Filmfamilie kommt und sein Vater die ersten Filme von ihm produziert hat. Seine Mutter war eine bekannte Fotografin, die alle berühmten Schauspielerinnen Italiens porträtiert hat, woher wohl seine Leidenschaft kommt, Frauen kunstvoll in Szene zu setzen. Ist aber auch eine ziemlich unkritische Doku eines Films. Die Darstellung von Gewalt gegen Frauen wird nicht wirklich thematisiert, aber zumindest sein teils unschöner Umgang mit Schauspielerinnen, wenn sie nicht machten, was er wollte. Trotzdem eine sehr gute Doku für alle, die die Filme von Dario Argento mögen.

Heimkino. Heute, 21.12.2024 noch für 99 Cent bei Prime im Angebot.

Ausblick

Ich habe jetzt zwei Wochen Weihnachtsurlaub, auf die ich mich sehr freue. Nicht, dass ich überarbeitet wäre, dafür fehlt es mir leider immer noch an Übersetzungsaufträgen. Aber ich bin ganz froh, mal zwei Wochen Pause von den SFF News zu haben. Da halte ich mich ja jetzt seit acht Jahren praktisch rund um die Uhr im Internet auf dem Laufenden, was in Sachen Phantastik Neues passiert ist.

Sonst nehme ich mir für den Urlaub (zu Hause) immer vor, noch mehr zu lesen als sowieso schon. Dieses Mal nicht. Dieses Mal möchte ich mich verstärkt aufs Zocken konzentrieren. Mir mal wieder Zeit für Computerspiele nehmen.

Japanuary

Im Januar gibt es dann wieder den Japanuary, bei dem ich jetzt zum zweiten Mal in Folge mitmachen werde. Das bedeutet einfach, dass Freund*innen des japanischen Kinos acht (oder mehr) Filme besprechen werden, die zentral auf einer Seites gesammelt werden. Ich habe mir vorgenommen, acht Filme von Regisseurinnen anzusehen.

2025

Wann ging das eigentlich los mit: »Was für ein beschissenes Jahr, ich bin froh, wenn es vorüber ist, das nächste kann nur besser werden.« 2016? Ich würde mal sagen, die Zeiten sind vorbei. Wir dürften uns alle darüber klar sein, dass das nächste Jahr noch schlimmer wird, was Politik und die Weltlage angeht.

Für mich persönlich wird 2025 ein interessantes Jahr, da ich davon ausgehe, dass es mein letztes Jahr als Freiberufler in der Buchbranche sein wird. Ich kann mir das einfach nicht mehr leisten. Trotz steigender Lebenshaltungskosten (und Buchpreise!) stagnieren die Honorare seit Jahrzehnten (und die Auftragslage verschlechtert sich). Ich habe keine Lust, mich länger selbst auszubeuten, nur weil mir die Arbeit richtig Spaß macht. Das habe ich jetzt 10 Jahre lang gemacht. Ein elftes mache ich es noch, um mich in der Zeit beruflich umzuorientieren. Um zu schauen, was geht.

Aber darum kümmere ich mich erste nächstes Jahr. Jetzt will ich erst mal die Feiertage gennießen. Und ich hoffe, das tut ihr auch!

Warum interessiere ich mich so für südostasiatische Kulturen – allen voran Japan

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, zu klären, wo mein Interesse an Japan, aber auch an anderen südostasiatischen Kulturen wie Südkorea, Hongkong oder China herrührt. Dazu gehe ich zunächst auf die allgemeinen Ursprünge meines Interesses an anderen Kulturen (angefangen mit den USA) ein, stelle einige andere vor, die mich sehr interessieren (Frankreich z. B.) und konzentriere mich dann auf die südostasiatischen und insbesondere Japan.

Die Ursprünge meines Interesses: Langeweile

In einem kleinen Dorf der Westerwälder Provinz aufwachsend, empfand ich alles um mich herum langweilig, trist, öde – deutsche Filme, Bücher, Serien, mit denen konnte ich (bis auf wenige Ausnahmen) nicht viel anfangen, weil ich die so aufregend wie die Gespräche der Erwachsenen auf Familienfeiern fand. Also wandte ich mich anderem zu. Und das stammte vorzugsweise aus dem uns dominierenden Kulturkreis der USA. Serien wie Alf oder Die Simpsons, Die drei Fragezeichen, Stephen King, Hollywood. Solche Produkte gaben mir die Möglichkeit, aus dem schnöden Alltag auszubrechen. Und was wir als Kinder sehen und lesen prägt uns ein Leben lang.

Frankreich kam an zweiter Stelle nach den USA. Asterix, Louis De Funes, Jacques Tati, Belmondo, Delon. Französische Comics und Filme hatten etwas, dass ich in deutschen nicht gefunden habe. Die französische Kultur ist uns so nah, wie kaum eine andere, aber doch ausreichend anders, um aufregend zu sein, und qualitativ meist auf einem anderen Level.

Und auch heute interessiere ich mich noch sehr für Frankreich. Nachdem ich in der 8. Klasse eine 6 auf dem Jahreszeugnis in Französisch hatte und die Versetzung nur mit einer 1 in Sport schaffte, konnte ich die Sprache ab der 9. Klasse gegen WiSo tauschen, schwor mir aber, irgendwann Französisch zu lernen. 2017 fing ich mit einem Sprachkurs in der Volkshochschule an, reiste 2018 nach Paris und schrieb einen (bisher noch unveröffentlichten) Roman, der in Frankreich spielt und in dem französische Musik eine große Rolle spielt. Zu Filme, Serien und Bücher aus Frankreich greife ich immer noch besonders gerne.

Südostasien

Einen gewissen (und wohl durchaus rassistisch geprägten) Exotismus dürfte gerade in meiner Kindheit dazu beigetragen haben, dass ich mich für diese Region der Welt interessiere. Angefangen mit der Darstellung Indiens in Indiana Jones und der Tempel des Todes, einer der ersten Filme, die ich mir in der Videothek ausgeliehen habe, nachdem wir einen Videorecorder bekommen hatten. Indien, das verhieß Abenteuer. Beschönigte Darstellung des Kolonialismus in zahlreichen anderen Filmen ebenso.

Was Japan angeht, dürfte meine erste Begegnung der TV-Mehrteiler Shogun mit Richard Chamberlain gewesen sein, wir hatten auch Bücher von James Clavell, Erich van Lusbader (Der Ninja) und anderen westliche Autoren im Haus, deren Werke in Japan und anderen asiatischen Ländern spielen und im Rückblick heute voller Klischees und Rassismen stecken (auch, wenn sie teils gut gemeint sind, was es aber nicht viel besser macht). Auch das Yellowfacing von James Bond in Man lebt nur zweimal und das akustische Yellowfacing in ???-Hörspielen wie Der grüne Geist, reizten mich als Kind, prägten mich und sind mir heute äußerst unangenehm. Ich hatte also erst mal die volle Breitseite an Klischees und Rassismen abbekommen, die mich aus den falschen Gründen auf südostasiatische Kulturen neugierig machten.

Doch dann kam Godzilla, mit den trashigen Filmen aus den 1970ern und 80ern, die oft an Feiertagen auf Kabel 1 liefen. Gefolgt von Animes. Mein erster (jenseits von ZDF-Serien wie Biene Maja) war Akira, den ich mir an meinem 14. Geburtstag ausgeliehen habe. Kurz darauf brachte ein Mitschüler einen Anime-Katalog der ACOG mit, die viele Filme des englischen Labels Manga Entertainment im Programm hatte, wo wir dann fleißig bestellten. (Vampire Hunter D, Golgo 13, Fist of the North Star, Urotsukidoji, nicht gerade die Crème de la Crème des Animes (Ghibli entdeckte ich erst viel später). Und ein paar Jahre darauf auch Serien wie Dragonball, Kickers, Record of Lodoss War oder Vision of Escaflown, die auf Sendern wie RTL 2, Vox und MTV liefen oder auf VHS erhältlich waren.

Mitte der 90er entdeckte ich als Jugendlicher auch schon die Filme von Akira Kurosawa für mich, Rashomon lief freitagnachts mal im ZDF. Ein, zwei Jahre später dann die Werke Takeshi Kitanos (Sonatine, Hana-Bi) und Sabu (Dangan Runner, Postman Blues), die ich bei Sendern wie Arte und 3Sat aufgenommen habe. Oder ältere Samurai-Filme wie die Okami-Reihe (Lone Wolf and Cub).

Anfang der 2000er kam auch Literatur hinzu, allen voran die Bücher von Banana Yoishimoto und Ring von Kōji Suzuki. Während des Erststudiums in Siegen habe ich ein paar Jahre Aikido trainiert (und im Grundschulalter mal kurz Judo). In den Japanisch-Kurs an der Uni habe ich mich aber nicht getraut, da ich dachte, es wäre neben dem regulären Studium zu viel Arbeit, außerdem lernte ich da gerade Portugiesisch für ein Praktikumsprojekt von der Uni mit Kindern in einer Favela. Brasilien ist seitdem ein weiteres Land, für dessen Kultur ich mich sehr interessiere. Vor allem, seit ich dort längere Zeit in einer Gastfamilie gelebt habe.

Ninjas und Samurai, das sind wohl zwei Punkte, die viele Jugendliche einfach cool finden. Wir haben uns schon als Kinder selbst Ninja-Masken genäht. Filme und Serien, die aus Japan kamen, waren einfach anders, als das, was ich aus Deutschland, England oder den USA kannte. Damit begann meine Affinität zu Japan.

Exotismus, Coolness, Extremes (siehe Urutsokidoji), aber auch Originalität, andere Erzählstrukturen und Poesie.

Neben Japan prägte mich auch sehr das Hongkong-Kino, angefangen mit Bruce Lee und Jackie Chan, über die Filme der Shaw Brothers, John Woo, A Chinese Ghost Story bis zu Wong Kar-Wei und Johnie To.

Südkorea kam erst zur Jahrtausendwende dazu, mit Filmen wie Oldboy, Save the Green Planet oder den Werken Kim Ki-Duks. Während Hollywood immer formelhafter und öder wurde, trumpfte das koreanische Kino mit originellen Erzählstrukturen und innovativen Geschichten auf, die auf höchstem technischen Niveau produziert wurden.

Mein Interesse heute

Heute würde ich mein aktuelles Interesse als durch obige Entwicklung geprägt bezeichnen, doch der Kern liegt inzwischen woanders. Japan hat (wie auch Südkorea und China) eine sehr konformistische Gesellschaft, die in vielen Aspekten so ganz anders ist als unsere deutsche oder andere westliche. Mich interessiert die historische Entwicklung dahinter: Wie haben sich Gesellschaft und Kultur so entwickelt, welche Rolle spielte später der westliche Kolonialismus dabei. Welche westlichen Einflüsse haben das Land geprägt (siehe Meji-Reformen teils nach preußischem Vorbild). Wie funktioniert eine solche konformistische Gesellschaft, in der die Gemeinschaft vor dem Individuum kommt, und was können wir daraus lernen (siehe z. B. Maske-Tragen, die Rücksichtnahme im öffentlichen Raum …).

In einer Gesellschaft, in der der Nagel, der heraussteht, reingeschlagen wird, interessieren mich aber auch jene Nägel, die sich nicht einfach wieder reinschlagen lassen. Also die Gegenkultur, die subversiven Elemente in der Kunst, Kreativschaffende, Aussteiger und Menschen, die sich nicht vom Hamsterrad einspannen lassen.

Um diese Subversivität zu versehen, bedarf es aber eines historischen und kulturellen Kontextes. Die Gegenkultur lässt sich nur verstehen, wenn man die Geschichte des Landes und den Mainstream versteht. Das war bei meinem Interesse an den USA genauso und einer der Gründe, warum ich einen Abschluss in Nordamerikastudien gemacht habe.

Sprache ist einer der Schlüssel zum Verständnis einer Kultur. Deshalb lerne ich seit zwei Jahren Japanisch (und weil ich aus Respekt vor den Menschen in den Ländern, in die ich reise, die Sprache zumindest ein bisschen beherrschen möchte). Zur Sprache gehört aber auch die Geschichte des Landes, seine Kulturgeschichte. Weshalb ich mir keine Doku über Japan entgehen lassen und auch historische Werke und Klassiker lese und schaue. Wie kann ich modernes japanisches Kino verstehen, ohne Ozu gesehen zu haben?

Japan wurde im Laufe der Jahrtausende stark von China geprägt und auch vom Konfuzianismus, der auf eine streng hierarchische und obrigkeitshörige Gesellschaftsstruktur setzt. Mich interessieren die (historisch nicht immer gerade schön verlaufenden) Verbindungen zu Ländern wie China und Korea, deren Kulturen mich ebenso (stark geprägt durch das Kino) faszinieren.

Südkorea ist spannend, weil es eine relativ junge Demokratie ist (und hoffentlich bleibt), ein immer noch geteiltes Land, das durch das Ende der Diktatur wirtschaftlich und kulturell aufblühte, aktuell aber in einer schweren Krise steckt.

Hongkongs spannende Geschichte vom kleinen Fischerdorf hin zur internationalen Finanzmetropole unter britischer Kolonialherrschaft mit relativ vielen Freiheiten für die Bürger hat leider eine tragische Wendung genommen. Demokratie und Pressefreiheit gibt es nicht mehr, Verhaftungen und Verurteilungen erfolgen praktisch willkürlich, die Kultur ist so gut wie tot, das Hongkong-Kino von einst gibt es nicht mehr. Trotzdem ist es hier interessant zu sehen, wie die Einverleibung in ein autokratisches System vonstattengeht – so leid mir das auch für die Menschen in Hongkong tut. Ich hoffe, der Rest der Welt kann daraus etwas lernen (bezweifle es aber eher). Auf meiner Seite Lesenswelt hatte ich mich mal genauer mit Hongkong beschäftigt.

Und da ist natürlich noch Taiwan, der von China bedrohte Leuchtturm der Demokratie in Südostasien, dessen Kino mich so fasziniert, seit ich Mitte der 90er Rebellen im Neonlicht gesehen habe.

Außerdem mag ich noch Filme aus Thailand, Indonesien, Kambodscha und Vietnam. Die sind aber immer noch nur vereinzelt zu bekommen. Entweder als Action- oder Horrorfilme auf Netflix oder Arthouse auf Mubi und Arte.

Fetischisierung?

Ich glaube nicht, dass ein Asien-Fetisch hinter meinem Interesse steckt, denn mein Interesse an Frankreich ist ähnlich stark, auch diese Sprache habe ich versucht zu lernen, lese viele französische Autor*innen, schaue unzählige Filme und Serien. Ich verstehe mein Interesse nicht als kulturelle Aneignung, sondern als respektvollen kulturellen Austausch (wobei das zu beurteilen nicht mir selbst zusteht).

Es dürfte eher eine Mischung aus der Kindheits- und Jugendprägung sein sowie dem oben geschilderten Interesse an den Nonkonformisten einer Kultur, aber auch den kulturellen Unterschieden zu unserer. Warum gilt lautes Suppeschlurfen in Japan als höflich, bei uns aber nicht? Warum sind die Menschen in der U-Bahn so leise und unaufdringlich (I’m looking at you, Berliner U-Bahn)?

Es gibt Aspekte in japanischen Kultur-Werken, die ich hier in Deutschland und im Westen in dieser Form und Qualität nicht finde. Wie die Herzlichkeit und den Humanismus in den Filmen von Hayao Miyazaki, Hirokazu Koreeda (Shoplifter) oder Naomi Kawase (Kirchblüten und rote Bohnen).

Mein November: Weihnachtsdeko in der Arschlochgesellschaft

Mein Monatsrückblick mit Filmtipps aus China, Italien und Japan, Lektüretipps aus Deutschland und Südkorea sowie Links zu Artikeln in dem es um die gescheiterten Klimaproteste geht und Obdachlosigkeit in den USA. Dazu Bilder von der Weihnachtsdeko meiner Mutter.

Collage aus vier Bildern, drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der unteren:
1. Tischdeko auf einem weißen, rechteckigen Teller mit einem großen Kiefernzapfen, kleine roten Kugeln und goldenen Steinchen.
2. Hardcoverausgabe des Romans "Die 13 Tode der Lulabelle Rock" von Maude Woolf im Regal mit dem Titelbild nach vorne stehend. Eine in lässigen, aber doch stylischen Klamotten gekleidete junge Frau sitzt auf der Motorhaube eines schnittigen Rennwagens, in der rechten Hand eine Pistole, in der linken ein Eis. Alles in den Farben Schwarz, Weiß und Gelb gehalten.
3. Ein selbstgebastelter Advendtskranz mit roten Kerzen auf einer Holzscheibe aus einem Apfelbaumstamm.
4. Szene aus dem Film "Bis dann, mein Sohn". Chinesischen Ehepaar sitzt an einem kleinen quadratischen Tisch, der an einer Wand vor einem Fenster steht. Sie rechts, er links. Beide blicken niedergeschlagen nach vorne.

November 2024, was für ein Monat. Der wird sicher in die Geschichtsbücher eingehen, und das nicht im positiven Sinne. Wer möchte sich gerne an diesen Monat zurückerinnern? Neben der amerikanischen Demokratie und der Ampelkoalition ist in der Woche vom 6. auch noch meine Oma im Alter von 90 Jahren gestorben. Danach hatte ich erst mal keine Lust auf Wochenrückblicke. Habe aber zumindest etwas gewutbloggt (die Einträge verlinke ich weiter unten).

USA

Für 2025 habe ich mir vorgenommen, möglichst wenige Werke aus den USA zu lesen und mir anzuschauen. Nach der Trump-Wahl habe ich momentan Null-Bock auf das Land. Und das schreibe ich als jemand, der einen Abschluss in Nordamerikastudien hat. Als ich letzte Woche angefangen habe, die zweite Staffel der sehr guten Serie Shrinking auf AppleTV+ zu sehen, habe ich festgestellt, dass ich mich nicht mehr gut auf amerikanischen Serien einlassen kann, die weiterhin eine heile Welt und Gesellschaft vorgaukeln. Hollywood macht einfach weiter, als wäre nichts passiert seit 2016.

Youtube

Der Berufsstolperer mit In-Ah Lee

Bei meinem koreanisch-deutschen Lieblingspodcast Wir reden die Welt war In-Ah Lee zu Gast, eine deutsch-koreanische Filmproduzentin, die einige Jahre für Wim Wenders in L. A. gearbeitet hat und inzwischen in Seoul residiert, wo sie Filme wie Minari mitproduziert. Ein superinteressantes Gespräch mit einer charismatischen und witzigen Frau, die viele spannende Geschichten zu erzählen hat.

Mary Spender über den Zustand der Musikindustrie

Auf ihrem Youtube-Kanal hat die Musikerin Mary Spender einen aufschlussreichen Rant über den Zustand der Musikindustrie gehalten, der auf junge und eigentlich erfolgreiche Musikerinnen wie Mahalia und Kate Nash eingeht, die von Plattenfirmen ausgebeutet werden und am Ende noch mit Schulden gegenüber eben jenen dastehen.

Romane schreiben! Bestseller-Autoren geben Einblicke

In der Arte-Mediathek gibt es ein kleines Feature mit den Bestsellerautor*innen Jonas Jonasson, Caroline Wahl, Iris Wolff und Matias Riikonen, die Einblicke in ihren Schaffensprozess gewähren. Vor allem Jonasson kommt mir sehr sympathisch rüber. Muss doch mal was von ihm lesen.

Artikel

„Die Arschlochgesellschaft feiert gerade ihr Coming-out“

In der Wochenzeitung gibt es ein Interview mit dem Klimaaktivisten Tadzio Müller, der den Kampf gegen die Klimakrise (Fridays for Future usw.) für gescheitert hält. Eine Einschätzung, der ich nur zustimmen kann. Spätestens seit Wahl der Klimawandelleugner in die amerikanische Regierung, dürfte klar sein, dass keines der ambitionierten Ziele, der sich die Welt zumindest auf dem Papier verschrieben hat, einzuhalten sein wird. Jetzt geht es darum, sich den Veränderungen so weit wie möglich anzupassen, aber natürlich auch zu versuchen, die Folgen möglichst abzumildern.

My Life As a Homless Man in America

Patrick Fealy war Journalist, der für den Boston Globe oder Reuters gearbeitet hat, jetzt ist er obdachlos und berichtet von seinem Leben auf der Straße bzw. in seinem Auto. Er leidet an Depressionen und einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, in einem System, in dem jedes Anzeichen von Schwäche bestraft wird und in die Obdachlosigkeit führen kann, die seit der Finanzkrise 2008 massiv angestiegen ist. Und sobald die Menschen obdachlos sind, werden sie ein Störfaktor über den Beschwerden eingehen, die ständig von der Polizei schikaniert werden (ganz freundlich natürlich). Er beschreibt seinen eigenen Leidensweg, aber auch den Zustand der amerikanischen Gesellschaft, in der viele nur eine Krise von der Obdachlosigkeit entfernt sind.

2024 New and Upcoming Japanese Fiction Releases

Auf der Seite von Alison Fincher gibt es eine Liste mit neuer japanischer Literatur, die auf Englisch veröffentlicht wird. Nicht, dass meine Leseliste nicht schon viel zu lange ist.

Serien

Vor ein paar Wochen hatte ich hier die Serie Steeltown Murders besprochen, mit dem Hinweis, sie sei inzwischen aus der Arte-Mediathek verschwunden. Jetzt ist sie bei Amazon Prime verfügbar.

Dokus

Bei mir herrscht aktuell totale Doku-Flaute. Sonst finde ich immer etwas tolles in der Arte-Mediathek oder bei den öffentlich-rechtlichen. Falls jemand einen Tipp für mich hat, immer her damit.

Filme

Trancers

Ich stehe total auf trashige Science-Fiction-B-Movies aus den 80ern. Der hier stammt aus der Full-Moon-Schmiede von Charles Band und bedient sich großzügig bei Blade Runner und Terminator, kommt aber trotzdem mit einigen guten Ideen, Humor und Helen Hunt daher. Besonders mag ich die billigen, aber bemühten Kulissen solcher Filme und die Atmosphäre, die damit einhergeht. Und das kann der Film dann auch in den ersten 15 Minuten bieten, bevor es per Zeitreise ins kostengünstige L. A. des Jahres 1985 geht.

Morgen ist auch noch ein Tag

Erzählt von einer Mutter mit drei Kindern im Nachkriegs-Rom, die unter ihrem tyrannischen Gatten leidet, aber gewitzt den Alltag meistert. Spielerisch leichtfüßig und satirisch inszeniert, aber ernst in der Sache. Ein kunstvolles feministisches Manifest mit toller Pointe, die ich nicht einmal ansatzweise habe kommen sehen.

Blink Twice

Der ist böse, aber auch richtig gut. Im Prinzip die Trump-Wahl in einem Film erklärt. Die Trigger-Warnungen bezüglich sexueller Gewalt solltet ihr ernst nehmen. Es geht um eine junge Frau, die mit ihrer Freundin von einem reichen Tech-Bro und seinen Kumpels auf eine einsame Luxusinsel zum Partymachen eingeladen wird. What could possibly go wrong? Von Zoe Kravitz, die sich hier als ernstzunehmende Filmemacherin etabliert.

New Religion

Junge Frau verliert ihr Tochter, findet einen neuen Partner, arbeitet für einen Escort-Service, mit einem merkwürdigen Kunden, der nur ihre Körperteile fotografieren möchte, und verliert sich in ihrer Trauer. Der Film baut per Sounddesign, Musik, Beleuchtung und eleganten Bildern eine unheimliche Atmosphäre wie Cure oder Pulse/Kairo auf, bleibt aber kryptischer und kann sie nicht komplett halten, trotzdem sehr sehenswert.

Bis dann, mein Sohn (Dijiu tianchang)

Der chinesische Film erzählt die Geschichte einer Familie und ihres engeren Umfelds über mehrere Jahrzehnte von den 1980ern bis in die Gegenwart im Schatten der Ein-Kind-Politik verschachtelt in geschickt arrangierte Rückblenden, so dass sich die gesamte Geschichte erst im Verlauf und gegen Ende erschließt.. Es gibt einige dramatische und tragische Wendungen, trotzdem ist das alles ganz leise und gefühlvoll inszeniert. Die Darsteller*innen, vor allem Wang Jingchun und Yong Mei, sind fantastisch und spielen die leidenden Eltern, die stets zusammenhalten sehr vielschichtig.

Den Film wollte ich schon seit Jahren schauen, seit ich ihn in der Arte-Mediathek entdeckt hatte, aber die Laufzeit von drei Stunden hatte mich etwas abgeschreckt. Ich schaue solche chinesischen Dramen total gerne, dachte aber, dass es über diese Laufzeit eine zähe Angelegenheit werden könnte. Ein Trugschluss. Bis dann, mein Sohn ist keine Sekunde zu lang, der Film reißt von Anfang bis Ende mit, leise erzählt, aber doch mit emotionaler Wucht.

Ich habe den Film auf Mubi gesehen, allerdings am letzten Tag seiner Verfügbarkeit. Er ist aber auch auf DVD und im digitalen Heimkino erhältlich. Einer der besten Filme, die ich dieses Jahr bisher gesehen habe.

Ansonsten habe ich noch Longlegs gesehen, der für mich nicht so ganz halten konnte, was die originelle PR-Kampagne im Vorfeld versprochen hat. Durchaus ein verstörender Film um eine junge FBI-Ermittlerin und einen mordenden Satans-Kult mit dichter Atmosphäre, aber auch einer überflüssigen Erklärbär-Szene gegen Ende, die mich etwas rausgehauen hat.

Und Furiosa fand ich nur okay. Mehr vom Gleichen, aber irgendwie nicht so schön aussehende wie Fury Road.

Von 18 Filmen im November hier meine Top 3:

  • Alle Meine Geheimnisse (hier besprochen)
  • Morgen ist auch noch ein Tag
  • Bis dann, mein Sohn

Lektüre

Das Haus in der Nebelgasse | Susanne Goga

Taschenbuchausgabe von "Das Haus in der Nebelgasse". Au fdem Cover eine junge Frau in einem Kostüm des späten 19. Jahrhunderts mit Hut, von vorne zu sehen. Hinter ihr die Tower Bridge von London.

Erzählt von einer jungen Lehrerin im London des Jahrs 1900, die einer Schülerin aus einer Notlage helfen will und dafür mit einem schnicken Professor eine düstere Familiengeschichte recherchiert und eine Stadt unter der Stadt entdeckt. Stellenweise etwas kitschig und seicht, insgesamt aber eine tolle Lektüre mit sympathischer Hauptfigur.

Kim Jiyoung, geboren 1982 | Cho Nam-Joo

Taschenbuchausgabe von "Kim Jiyoung, geboren 1982". Im Vordergrund eine Frau mit schwarzen Haaren aber ohne Gesicht, dahinter die Umrisse einer gelben Stadt vor rotem Hintergrund.

Das habe ich auf meiner Literaturseite besprochen. Gelesen hatte ich es schon vor ein paar Monaten. Eigentlich wollte ich nächstes Jahr eine Besprechungsreihe mit dem Titel In 12 Büchern um die Welt starten, in der ich jeden Monat ein Buch einer relativ jungen Autorin aus einem anderen Land bespreche. Vorzugsweise Titel, in der es um die Gesellschaft und das Leben in dem jeweiligen Land geht. Aber dafür hätte ich schon sechs Beiträge vor Beginn des Jahres vorproduzieren müssen, um den zeitlichen Rahmen einzuhalten, was mir leider nicht gelungen ist. Außerdem möchte ich mich in den nächsten Monaten vor allem auf japanische Literatur und noch ein anderes Thema für ein zweites Projekt konzentrieren. Vielleicht dann 2026.

Fischer Tor

Die 13 Tode der Lulabelle Rock | Maude Woolf

Harcoverausgabe des Romane "Die 13 Tode der Lulabelle Rock" von Maude Woolf im Regal mit dem Titelbild nach vorne stehend. Eine in lässigen, aber doch stylischen Klamotten gekleidete junge Frau sitzt auf der Motorhaube eine schnittigen Rennwagens, in der rechten Hand eine Pistole, in der linken ein Eis. Alles in den Farben Schwarz, Weiß und Gelb gehalten.

Mit Die 13 Tode der Lulabelle Rock ist diese Woche bei Fischer Tor wieder ein Buch erschienen, dss ich per Gutachten empfohlen habe. Da die Lektüre schon zwei Jahre zurückliegt, verweise ich, was den Inhalt angeht, auf die Amazon-Rezi von H.

Lula13 auf ihrer „Reise“ zu begleiten, ist spannend zu lesen. Was sich zu Beginn noch wie ein klassischer Tarantino- oder Guy Ritchie-Plot liest, entwickelt dabei nach und nach eine ganz eigene Erzähl- und Denkweise, die uns zusammen mir der Protagonistin hin zu ethischen und philosophischen Fragen führt.

Und die Besprechung von Christel Scheja:

Das macht „Die 13 Tode der Lulabelle Rock“ zu einem interessanten Erstlingswerk, denn Maud Woolf gibt der Frage, was Menschsein bedeutet, eine neue Richtung und bettet das Ganze auch noch in eine interessante Handlung ein, die angenehm zu unterhalten weiß.

Ich weiß noch, dass ich das Buch arschcool und richtig gut geschrieben fand. Inzwischen bin ich mit meinen Empfehlungen aber vorsichtiger geworden, denn schon J. R. Dawsons Sparks – Die Magie der Funken hat gezeigt, dass ein Buch noch so großartig und originell sein kann, wenn es keine aktuellen Trends bedient, stehen seine Chancen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt schlecht.

Translate or Die

Weihnachtszeit

Im letzten Jahr hatten wir, bis auf den Baum, auf Weihnachtsdeko im Haus verzichtet, da es das erste Fest ohne meinen Vater war. Dieses Jahr hat meine Mutter wieder voll zugeschlagen. Die Adventskränze hat sie selbst gebastelt (einen für meine Tante), unter anderem aus den Resten unseres gefallenen Apfelbaums.

Leider kann ich den Bildern in der Galerie keinen Alt-Text hinzufügen. Wir sehen sieben Fotos mit Weihnachtsdeko. Drei Bilder von selbstgebastelten Advendtskränzen mit roten Kerzen auf einer Holzscheibe aus einem Apfelbaumstamm. Zwei von einem kleinen Weihnachtsdorf in einer Schrankecke, einmal beleuchtet, einmal nicht. Einmal Tischdeko auf einem weißen, rechteckigen Teller mit einem großen Kiefernzapfen, kleine roten Kugeln und goldenen Steinchen.

Mein Oktober: Buchmessen und Gedanken über meine berufliche Zukunft

Im Oktober habe ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht, den BuCon und die 1. Koblenzer Buchmesse besucht, habe brilliante Serien aus England gesehen und ein paar Filme mit Substanz.

Collage aus vier Fotos, drei in schmalen Kacheln oben, ein großes Bild unten:
1. Ein Eichhörnchen auf einer Außenfensterbank auf dem Weg zur Nuss, rechts davon steht innen ein Buch (siehe Alt-Text vom ersten Foto).
2. Ein Buchstand auf der Koblenzer Buchmesse. Vorne auf dem Tisch sind einige Bücher drapiert. Dahinter stehen Alessandra Reß und Laura Dümpfelfeld und lächeln in die Kamera.
3. Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
4. Sonnenuntergang über den Dächern von Einfamilienhäusern. Die Wolken werden golden angestrahlt.

Global gesehen war der Oktober wieder ein ganz furchtbarer Monat. Israel zerbombt den Libanon, der Konflikt mit dem Iran eskaliert weiter, die Klimakrise macht sich immer deutlicher bemerkbar: Überflutungen in Spanien, Hurrikans in Nord- und Lateinamerika. Taifune in Südostasien. Kurz zuvor Überflutungen in Österreich, Tschechien, der Slowakei und Polen. In Frankreich. Und was bei uns oft nicht einmal mehr eine Nachrichtenmeldung wert ist, in mehreren afrikanischen Ländern. Die Front in der Ukraine bröckelt. Gleichzeitig schwächelt Kamala Harris im US-Wahlkampf und Trump wird immer wahrscheinlicher. Was das Ende der Ukraine bedeuten würde. Die jetzt auch durch nordkoreanische Soldaten bedroht wird, während China immer größere Militärmanöver um Taiwan veranstaltet und in Südkorea selbst die gelassensten Menschen langsam beunruhigt sind. Während Russland bei den Wahlen in Georgien fleißig manipuliert und einen EU-Beitragskandidaten aus der Demokratie drängt. Und ein SPD-Generalsekretär Gerhard Schröder rehabilitieren will und meint, man solle in Sachen Ukraine-Krieg nicht so schwarz-weiß denken, und seine Partei in den neuen Bundesländern mit Putinknechten koalieren möchte, der Westen generell schleichend die Ukraine verrät und Bundesregierung kurz vor dem Zusammenbruch steht (siehe die getrennten Finanzgipfel der Koalitionsspitzen).

Aber ich will euch ja nicht in eine Depression stürzen, sondern hier vor allem über mich schreiben. Und ich persönlich hatte einen sehr schönen Oktober.

Über meinen Horroctober habe ich kürzlich ja berichtet.

BuCon 2024

Die Frankfurter Buchmesse habe ich mir in diesem Jahr erspart, war aber natürlich wieder auf dem Buchmesse Convent in Dreieich-Sprendlingen, wo sich die deutschsprachige Phantastikbuchszene trifft. Für mich ist schon die gemeinsame Anfahrt mit Michael Schmidt und Ralf Steinberg ein Highlight, das machen wir seit fast 15 Jahren. Der Con war proppevoll, aber zum Glück herrschte schönes Wetter und wir konnten draußen sitzen.

Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
Links Michael Schmidt, rechts Ralf Steinberg, der in der Mitte, das bin ich.

Mit meinem Chef habe ich zweieinhalb Stunden im Park direkt neben dem Bürgerhaus gesessen und gequatscht. Auf der Buchmesse wäre das ein gehetzter halbstündiger Termin gewesen. Ansonsten habe ich ganz viele Freunde und bekannte getroffen, mit denen ich sonst das ganze Jahr nur Kontakt über das Internet habe. Darunter auch einige meiner Tor-Online-Autor*innen.

Besonders gefreut habe ich mich, Frank Böhmert wiederzutreffen. Falls ihr meinem Blog schon länger folgt, wisst ihr vielleicht, dass er eine maßgebliche Rolle bei meinem Berufseinstieg als Übersetzer gespielt hat, genauer könnt ihr das in seinem Gastbeitrag von 2012 nachlesen. Er hat mir auch meine Aufträge bei N24 vermittelt, für die ich ein Jahr lang TV-Dokus übersetzt habe, und war Teil meines SF-Freundeskreis in Berlin, als ich noch dort wohnte

Gedanken zur beruflichen Zukunft

Frank hat kürzlich seinen Job als Übersetzer an den Nagel gehängt. Zum einen, weil die Auftragslage schlechter geworden ist und die Aussichten durch KI-Übersetzungen auch nicht besser werden, aber auch, weil er bei der Durchsicht alter Abrechnungen feststellte, dass die Honorare, die er zuletzt bekommen hat, sogar unter denen von vor zehn Jahren lagen (ohne Inflation usw. einberechnet), und er zu dem Schluss kam, dass die Arbeit als Übersetzer nur noch Selbstausbeutung ist.

Also ist er zu Beratungsgesprächen gegangen und hat sich auf einige Stellen beworben. Und jetzt eine bei Verdi als Bürokraft bekommen. Sein Traumjob. Könnt ihr auch alles bei ihm auf Mastodon und Blue Sky nachlesen.

Auch Jakob Schmidt, der ebenfalls aus der Berliner-SF-Bubble stammt, und zuletzt den Roman von Keanu Reeves und China Miéville übersetzt hat und davor Frank Herberts Wüstenplanet plus Fortsetzungen, sattelt jetzt zum Grundschullehrer um.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn also zwei so etablierte Übersetzer, die ein Standing in der Verlagsbranche haben, das ich mir leider nie erarbeiten konnten, sich schon beruflich umorientieren, dann dürften die Aussichten für mich auch nicht gerade rosig sein. Meine Übersetzerkarriere ist immer ein Auf und Ab gewesen. Zeiten, in denen Flaute herrschte, wechselten sich mit solchen ab, in denen ich zu viele Aufträge auf einmal hatte. Letztes Jahr hatte ich ein gutes Jahr, dieses Jahr herrscht totale Flaute.

Zum Glück habe ich noch meinen Job bei Tor Online/Fischer Tor, durch den ich meine laufenden Kosten decken kann. Aber fallen einmal größere Ausgaben an, wie kürzlich die Reparaturkosten, um mein Auto über den TÜV zu bekommen, muss ich an das Geld ran, das ich mir durch Übersetzungsaufträge angespart habe. Und das schrumpft dann.

Ich bin in meinem Leben noch nicht oft verreist, meine Urlaube als Erwachsener kann ich an einer Hand abzählen. Aber im nächsten Jahr möchte ich endlich nach Japan reisen. Davon träume ich schon seit meiner Kindheit und bereite mich seit zwei Jahren darauf vor, in dem ich Japanisch lerne und mich noch intensiver mit der Kultur beschäftige. Das kann ich mir durch die Aufträge im letzten Jahr leisten. Aber ich würde in Zukunft gerne öfters verreisen, bevor die Welt in Sachen Klimakrise, Demokratierückgang und Kriegen endgültig kippt. Und ich würde auch gerne irgendwann auf ein Elektroauto umsteigen und eine Solaranlage auf dem Dach installieren.

Mit dem schwankenden Einkommen als Freiberufler und den viel zu niedrigen Honoraren in der Buchbranche ist das schwierig. Zwar würde ich gerne noch ein paar Jahre in der Branche weiterarbeiten, denn die Arbeit macht mir richtig Spaß, und ich finde es toll, mir die Zeit selbst einteilen zu können, aber angesichts der aktuellen Lage scheint mir das eher unrealistisch zu sein. Doch Franks Beispiel (er ist Anfang 60) hat mir gezeigt (ich bin 45), dass es nie zu spät für eine berufliche Veränderung ist (außer man träumt von einer Karriere bei VW).

Aber wenn ihr jemanden für eine Übersetzung sucht, meldet euch bitte, noch bin ich weiterhin als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche tätig. Hier gibt es genauere Infos zu meiner Vita und meinen Qualifikationen.

Jetzt bin ich ganz schön abgeschweift. Aber so schön der Oktober und der BuCon auch waren, hat mich der Monat auch sehr nachdenklich gestimmt. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch eine gute Sache ist. Nächstes Jahr geht es mit Tor Online erstmal weiter (da hangel ich mich auf von Jahresvertrag zu Jahresvertrag). Und ich werde noch mal fleißig Akquise betreiben, sollte die Lage aber so bleiben, werde ich mich beruflich umorientieren. Könnte also gut sein, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren wieder in meinen Beruf als Sozialpädagoge zurückkehren werde, oder vielleicht auch was ganz anderes mache. Fände ich auch interessant.

Bucon (die zweite)

Doch zurück zum BuCon. Der war richtig toll. Ich habe den ganzen Tag durchgequatscht, nur eine Veranstaltung gesehen und abends ging es zum Essen. Wie schon erwähnt, wenn es geregnet hätte, wäre es vermutlich ungemütlich geworden, da es drinnen viel zu voll ist und Sitzmöglichkeiten fehlen. Aber bisher hatten wir zum BuCon immer Glück mit dem Wetter. Ich freue mich für die Veranstalter, dass sie über 100 Programmpunkte anbieten können und so viele Auststeller*innen, aber rein inhaltlich, jenseits vom Freund*innen-Treffen, wird mir der Con etwas zu voll und ungemütlich. Trotzdem werde ich nächstes Jahr wieder kommen.

1. Koblenzer Buchmesse

Eine Woche später ging es mit meiner Mutter auf die 1. Koblenzer Buchmesse, die von einem einzelnen Autor organisiert wurde, weshalb meine Erwartungen nicht allzu hoch waren und ich auch nicht viele Besucher*innen erwartet hatte. Als wir um 11.00 Uhr ankamen, war es schon ziemlich voll. Am Ende sollen es über 1.000 gewesen sein und Alessandra Reß berichtete, dass sie und Laura Dümpelfeld an ihrem Stand alle Bücher verkauft hätten. Für mich persönlich war das mit den ganzen regionalen Kleinstverlagen und Selfpublishern nicht so interessant, aber doch genug, um sie zumindest einmal kurz besucht zu haben. Und zwei Bücher, die mich schon länger interessieren, habe ich mir auch gekauft.

Erstaunlicherweise habe ich mich auf keiner der Veranstaltungen mit Corona angesteckt. Dabei ist mein Termin für die Auffrischung erst am 25. November, obwohl ich schon im September deswegen angerufen hatte. Letztes Jahr ging das noch innerhalb von einer Woche.

Damit feier ich übrigens fünfjähriges Jubiläum. Denn Anfang November 2019 bin ich das letzte Mal krank gewesen (Halsentzündung). So schlimm kann das Masketragen also nicht für das Immunsystem gewesen sein.

Tor Online

Ansonsten war ich fleißig, was Tor Online angeht, und habe endlich meinen Artikel zum Stand der epischen Fantasy auf dem deutschsprachigen Buchmarkt beendet. Angefangen hatte ich den schon im Frühjahr, als die Videos dazu von Petrik Leo und Libarary of a Viking online gingen. Dafür habe ich Verlagslektor*innen und Buchhändler*innen angeschrieben und interviewt, und eine Umfrage unter Leser*innen durchgeführt. Dadurch ist der Beitrag etwas eskaliert und wir haben ihn in drei Teile aufgeteilt, weil er sonst zu lange geworden wäre.

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil eins: Die Ausgangslage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil zwei: Die Sicht der Verlage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil drei: Der Handel und die Leser*innen

Und ich bin echt erstaunt, wie viele Reaktionen er hervorgerufen hat. Auf Facebook werden Tor-Online-Artikel seit der Pandemie kaum noch kommentiert, hier sind jetzt über alle drei Teile und bei allen geteilten Beiträgen insgesamt über 100 Kommentare aufgelaufen und die Klickzahlen sind ebenfalls ziemlich gut. Hätte ich wirklich nicht gedacht, aber da scheine ich einen Nerv getroffen zu haben. Ein Thema, dass die Leute umtreibt.

Daneben habe ich noch ein paar interessante Bücher begutachtet.

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Artikel

Retrospektive Regisseur Edward Yang

Mit The Terrorizers und A Brighter Summer Day habe ich schon zwei Filme des taiwanesischen Regisseurs Edward Yangs auf diesem Blog besprochen. Im Berliner Zeughauskino läuft jetzt eine Werkschau Yangs, bei der auch diese beiden Filme zu sehen sind. Wenn ihr die Möglichkeit habt, hinzugehen, macht es. Die Filme sind teils schwer zu bekommen. Und A Brighter Summer Day ist ein Meisterwerk. in der taz weist Fabian Tietke auf die Veranstaltung hin und geht näher aus Yangs Werk und einige weitere Filme ein, und wie sie im historischen Kontext einzuordnen sind.

Filme

Monkey Man

Geradlinig inszenierter Rachthriller von Dev Patel, in dem der Protagonist den Mord seiner Mutter durch einen Polizeichef rächen will. Der erste Versuch geht schief und er bekommt kräftig aufs Maul. Doch dann findet er unerwartete Unterstützung und wird in einigen kurzen Trainings-Montagen á la Kickboxer zum Superkämpfer. Ist über weite Strecken ganz okay, die letzte halbe Stunde ist dann richtig gut inszeniert. Hat mich sehr gefreut, im Finale auch Bloodywood zu hören.

Gremlins 2

Anders als Teil 1, habe ich Gremlins 2 seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen, weil ich ihn als nur so la la in Erinnerung hatte. Aber allein die erste halbe Stunde ist ein Fest an witzigen und durchgeknallten Ideen, die überhaupt nichts mit den Germlins zu tun haben. Dazu Christopher Lee in einer seiner besten Nebenrollen, der hier Leslie Nilsons Maxime durchzieht: Eine so durchgedrehte Komödie kann nur todernst gespielt werden. Die Gremlins sond okay, da haben sie sich schon einiges einfallen lassen, aber ich glaube, ich hätte den Film lieber ohne sie nur mit Gizmo und Billys Büroalltag gesehen. Der Gastauftritt von Hulk Hogan ist allerdings schlecht gealtert. Und dass hier Hulk Hogan und Christopher Lee in einem Film mitspielen, dürfte bereits 1990 ein Zeichen dafür gewesen sein, dass mit dieser Welt was nicht stimmt.

The Substance

Stilistisch brillant inszenierter Body Horror über misogynen Schönheits- und Jugendwahn, toxische Männlichkeit und eine Kultur, in der wir uns nicht so akzeptieren können, wie wir sind. Mit einer großartigen Leistung von Demi Moore (und Magie Qualley), die hier wirklich alles gibt. Ein ziemlich fieser und unangenehmer Film, der im letzten Drittel etwas schwächelt.

Serien

Meine Serien des Monats kommen aus England

Steeltown Murders

Großartiges Krimidrama in vier Folgen, das in den 1970ern und Anfang der 90er in einer kleinen Stahlstadt in England nahe der walisischen Grenze spielt, in dem ein 20 Jahre alter Mordfall durch neue DNA-Ergebnisse wieder aufgerollt wird. Konzentriert sich vor allem darauf, was die Ermordung von drei Teenagerinnen mit den Angehörigen, Verdächtigen und Ermittlern macht. Mehr Drama als Krimi, das aber trotzdem zeigt, wie quälend langsam und frustrierend Ermittlungsarbeit sein kann. Das es in einer Stahlstadt spielt, ist eigentlich nicht von Bedeutung, aber so waren die wahren Begebenheiten, auf denen die Serie basiert.

Ist bei Arte inzwischen leider aus dem Programm raus, aber ich hatte rechtzeitig auf meinen Social-Media-Kanälen darauf hingewiesen.

Sherwood

Ist obiger Serie gar nicht so unähnlich. Spielt in Nottingham und thematisiert die Streiks der Bergbauarbeiter in den 1980ern, die von Undercover-Agitatoren der Polizei eskaliert wurden und die Gemeinde bis heute gespalten haben. Enthält viele Flashbacks zu dieser Zeit, spielt aber vor allem in der Gegenwart, als durch mehre Morde die Konflikte zwischen den Streikenden und den damaligen Streikbrechern wieder aufflammen. Konzentriert sich stärker auf den Drama-Aspekt, weniger auf die Ermittlungen, und stellt vor allem die Familien und ihre Dynamiken in den Mittelpunkt. Vielleicht nicht ganz so gut wie Broadchurch, aber auch nicht viel schlechter.

Gibt es nur zum Kaufen im Heimkino. Ich habe mir die erste Staffel bei Prime digital zugelegt. Es gibt auch schon die zweite.

Ich behaupte mal ganz frech und desillusioniert, dass deutsche Fernsehen würde solch brillante Serien wie Steeltown Murders und Sherwood mit dieser gesellschaftlichen Relevanz nie hinbekommen.

Pachinko (Staffel 2)

Von allen aktuell laufenden Serien ist Pachinko mir die liebste. Eine großartige koreanische-japanische Familiensaga, die sich von den Anfängen des 2. Weltkriegs bis in die 1980er erstreckt und viele tragische Schicksale schildert; zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verzahnt sind, weil die Vergangenheit uns nie wirklich loslässt oder wir die Vergangenheit nicht. Die 2. Staffel kann das Niveau der ersten locker halten.

Musik

Meine Musik des Monats kommt aus Indien

Hanumankind – Big Dawgs | Ft. Kalmi

Ist bisher das einzige Lied, das ich von ihm kenne, klingt aber ziemlich gut. Die Stimme erinnert mich ein wenig an Kendrik Lamar. Was es mit Hanuman in der indischen Mythologie auf sich hat, könnt ihr z. B. im Film Monkey Man von Dev Patel nachsehen.

Bloodywood – Nu Delhi

Nach zweieinhalb Jahre Funkstille sind Bloodywood mit einem neuen Song zurück. Beim ersten Hören von Nu Dehli dachte ich noch: Hm, ist doch eigentlich nur eine Variation des Bekannten. Doch je öfter ich ihn höre, desto besser gefällt mir der Song. Vor allem seine mitreißende Dynamik. Der mit dem blauen Bart gehört übrigens zur Band Parikrama. Und der westlich aussehende Typ ist der australische Youtuber Karl Rock, der schon lange in Indien lebt, darüber Vlogt und ebenfalls in Indien ziemlich bekannt ist.

Am 6. März spielen sie in Köln, am 7. in Frankfurt. Und ich überlege, zum ersten Mal seit 2017 (Nick Cave) wieder auf ein Konzert zu gehen. Muss mich aber sicher sputen, denn die Karten sind garantiert schnell weg. Bin aber noch unentschlossen, ob Frankfurt oder Köln. Ist beides gleich weit weg von mir (eine Stunde mit dem Auto), aber Frankfurt dürfte etwas angenehmer zu fahren sein.

The Cure

Ich habe auch noch in das neue Album von The Cure reingehört. Das letzte, was ich von ihnen gekauft hatte, war das Selbstbetitelte von 2004, das ein paar ganz nette Rock-Pop-Songs enthielt. Songs From A Lost World kommt tastsächlich in seinen besten Momenten an den Sound von Disintegration ran.

Fotos

Unsere Eichhörnchen hätten auch gerne ein Horn, haben aber nur eine Walnuss bekommen. Bisher leben sie noch vorwärts.

An den Sonnenuntergängen bei uns kannn ich mich nie sattsehen.

Meine Woche: Grünzeug, Holz und Michel Gondry

Kurze Ausgabe mit ein paar Tipps zu Michel Gondry, The Outlaws, Batman; und ich erzähle, warum ich so beschäftigt war.

Colage aus vier Bildern: 1. Screenshot aus "Batman: Caped Crusader", Barbara Gordon blickt mit aufgerissenen Augena aus dem Fenster.
2. Ein Traktor mit einem Anhänger voller geschnittenem Brennholz.
3. Brennholz in einem zwei Meter hohen Unterstand gestapelt.
4. Michel Gondry am Set von "Eternal Sunshine of the Spotless Mind". Er stehend, gibt Jim Carrey und Kate Winslet (sitzend) Anweisungen.

Nach dem kühlen Herbsteinbruch der letzten Woche, habe ich das schöne Spätsommerwetter in dieser genutzt, um unsere Hecken zu schneiden. Und wir haben eine Menge Hecken. Dafür hatte ich mir im letzten Jahr eine neue Heckenschere gekauft, die richtig gut funktioniert, aber auch ziemlich schwer ist. So einen Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr, mir haben am nächsten Morgen noch die Hände vor Anstrengung gezitter. Habe trotzdem direkt direkt weitergemacht. Über den Grünschnitt haben sich Freunde gefreut, die eine Straße unter uns wohnen und das Zeugs im Häcksler zu Mulch verarbeiten. Der schwerste Teil mit den Tuja-Hecken und Sträuchern in Baumgröße steht mir noch bevor.

Doch erst mal musste Freitag und Samstag das gelieferte Brennholz weggeräumt werden. Alle Jahre wieder. So langsam wird der Lagerplatz knapp, da wir die letzten beiden Jahre deutlich weniger Holz verbraucht haben. Das wird nur für den Ofen im Wohnzimmer benutzt, der abends, für ein paar Stunden angemacht wird. Ist nicht sehr umweltfreundlich (Stichwort Feinstaub), wofür haben wir denn moderne Heizanlangen und Wärmepumpen entwickelt, die möglichst emissionsfrei sind, und kaum fossile Brennstoffe verheizen, aber es ist im Winter halt richtig gemütlich. Und hier am Waldrand dürfte das bisschen Qualm auch niemanden stören. Aber ob wir den Ofen noch lange nutzen werden, mal schauen. Aktuell haben wir noch eine Gasheizung im Haus, da war das Holz in den letzten zwei Jahren eine relativ günstige Alternative.

Wegen der Holzwegräumaktion fällt der Blogbeitrag für diese Woche auch etwas kürzer aus als normalerweise.

Artikel

Zugang zum Literaturbetrieb: Wer darf Bücher schreiben?

Sehr schöner Artikel bei das Lamm, in dem es um die Schwarze-Rollkragenpulli-Welt der Schreibschulen geht, in der Form und Stil alles sind, und Inhalt nicht groß beachtet wird. Vier Student*innen berichten. Vor allem geht es um Klassismus und das Phänomen der elitären Schreibschulen ist einer der Gründe, warum es so wenig Literatur aus der Arbeiter*innenklasse gibt. Faszinierend fand ich auch, dass es in den Kursen fast nur um die Form geht, und so gut wie gar nicht um den Inhalt.

Planet in Not: Nicht Migration bedroht das Land, sondern der Klimawandel

Nein, nicht die Migration bedroht Europa, sondern der Klimawandel! Nein, nicht die Migration muss als Notlage eingestuft werden, aber die Klimakrise! So könnten wir endlich die Schuldenbremse umgehen und dringend notwendige Vorkehrungen gegen Extremwetter treffen.

Die Frankfurter Rundschau schreibt in ihrem aktuellen Leitartikel so über die Klimakrise, wie es alle Medien tun sollten.

Serien

Batman: The Caped Crusader

Die ersten drei Folgen sind schwach, ab Episode 4 wird die Serie deutlich besser, origineller und hebt sich von den Batman-Stoffen ab, die zumindest mir bekannt sind. Wobei ich da auch nicht sehr belesen bin. Mir gefällt der Retro-Stil, auch wenn die Animationen einen Tick zu hölzern wirken.

Prime

The Outlaws (Staffel 2)

Knüpft direkt an die erste an, unsere Bande von Außenseitern müssen immer noch Sozialstunden ableisten und renoviert weiter das Gemeindezentrum, während sie in immer größere Schwierigkeiten mit dem organisierten Verbrechen geraten und einige Opfer bringen müssen, um sich zu retten. Mir gefällt vor allem die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor: The Outlaws kann sowohl als Krimiserie als auch als Comedy gesehen werden. Die Darsteller sind wieder top und nach Dune 2 ist es sehr erfrischend, Christopher Walken wieder mit Spielfreude und ohne Lustlosigkeit in einer Rolle zu sehen.

Dokus

Michel Gondry – Do It Yourself!

Sehr persönliche Doku über Michel Gondry von seinem langjährigen Assistenten François Nemeta, die zeigt, wie Kreativität funktionieren kann. Ich bin mit seinen Musikvideos aufgewachsen und Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist einer meiner Lieblingsfilme. Gerade bei den Musikvideos ist es nach all den Jahren interessant zu sehen, wie sie gemacht wurden, wie viel Kreativität und Leidenschaft dahintersteckt und wie bahnbrechend sie damals war. Viele der Künstler*innen, mit denen er zusammengearbeitet hat, kommen zu Wort (und das nicht nur in Archivmaterial).

Arte-Mediathek

Punk Girls. Die weibliche Geschichte des britischen Punk

Etwas zu kurz geratene, aber trotzdem sehenswerte Doku über die Anfänge des weiblichen Punks in Großbritannien. Mit dabei sind unter anderem Viv Albertine (The Slits) und Gina Birch (The Raincoats). Schockierend, wie viel Diskriminierung und Gewalt (unter anderem Messerangriffe) sie erfahren mussten

Arte-Mediathek

Neu im Regal

Sherlock Holmes

Britische DVD-Box der Serie "Sherlock Holmes" von 1984. Holmes ist im Seitenprofil mit Pfeife und Hut vor dem Hintergrund der Themse und ikonischen Londoner Bauwerken (wie Big Ben und Westminster Abbey) zu sehen.

Die Sherlock-Holmes-Serie aus den 1980ern. Eigentlich hängen mir die ganzen Holmes-Inkarnationen (vor allem im Hörspielbereich) ja zum Hals raus, aber Sonntagsabends schaue ich gerne britische Krimiserie. Und als Nachfolgeserie für Foyle’s War bin ich auf diese hier gestoßen. Nach den ganzen modernen Holmes-Varianten hätte ich mal Lust auf einen altmodischen Ansatz. Wird allerdings noch fünf Wochen dauern, da ich erste noch die erste Staffel von Sherwood fertigschauen muss.

Die Box habe ich gebraucht für 10 Euro gekauft, was ich eigentlich nicht so gerne bei Serien mache, aus Sorge, es könnte eine DVD fehlen. Aber neu hätte sie 45 Euro gekostet. Die hier kam aus Malmö.

Mein Sommer 2024

Ein kurzer Überblick über meinen unspektakulären Sommer. Mit einem politischen Rant, einer längeren Buchbesprechung zur Autobiografie von Sleater-Kinney-Musikerin Carry Brownstein, etwas Sword & Sorcery, einige Filmbesprechungen, von denen mir eine sicher keine Freunde machen wird 😉 und ein paar Tipps zu Serien, Dokus und Artikeln.

Collage aus vier Bildern. Sumpfschwertlilie, Buchcover der Brownstein-Biografie (siehe weiter unten), rosa Wolkenhimmel im Sonnenuntergang und ein brennender Sonnenuntergang.

Mein Sommer war dieses Jahr ziemlich unspektakulär. 41-Mal war ich im Freibad, immer für eine Stunde (meist von 9.00 bis 10.00 Uhr) Bahnen schwimmen. Habe kleine Touren mit dem Fahrrad gemacht, mich im Juli mit Leuten aus meiner ehemaligen Phantastik-Twitter-Bubble (jetzt Mastodon und Bluesky) in Mainz getroffen und einen schönen Tag gehabt, und ansonsten viel gelesen.

So ein langweiliges Leben führe ich, in dem ich mich aber nie langweile.

Ach ja, zu Beginn des Sommers hatten wir hier einen Feuerteufel, der in den Wäldern der direkten Nachbarstadt über mehrere Wochen fast täglich kleine Brände gelegt hat und uns in Aufregung versetzte. War ein Jugendlicher, der schließlich geschnappt wurde. Sonderlich talentiert war er als Brandstifter nicht, da nicht wirklich viel gebrannt hat, was aber sicher auch am feuchten Frühjahr gelegen hat. Für die Feuerwehrleute bedeutete es eine Menge Stress, täglich rausfahren zu müssen, und kaum eine Ruhepause zu haben.

Politik

Politisch war der Sommer hier in Deutschland eine Katastrophe. Dass die AFD so viele Stimmen in Sachsen und Thüringen bekommen hat, hat mich nicht einmal schockiert, das war zu erwarten. Dafür haben die etablierten demokratischen Parteien und die Medien, darunter auch die öffentlich-rechtlichen (Sommerinterview mit Nazi Bernd Höcke) wirklich alles gegeben. Und gelernt haben sie daraus auch nichts und machen weiter so, die extremen Rechten zu unterstützen, in dem sie deren radikale Positionen salonfähig machen, weil sie sie einfach selbst umsetzen.

Was nach dem Anschlag von Solingen – hier gilt mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen – in Deutschland abgeht, ist wirklich erschreckend. Das Land, das sich zu Veranstaltungen wie der Fußball EM immer ach so weltoffen gibt, zeigt, wie kaltherzig, empathielos und abweisend es in Wirklichkeit ist. Humanitäre Werte sind nur Schlagworte für Talkshows und Wahlkämpfe, zählen in der Praxis aber wenig. Zu dieser politischen und menschlichen Inkompetenz kommen die maroden und dysfunktionalen Strukturen in Verwaltung und Behörden, die dann dafür Sorgen, dass z. B. Brücken einstürzen.

Der politische Diskurs seit Solingen nimmt beängstigende Züge an und zeigt, dass es überhaupt kein wirkliches Interesse gibt, solche Taten zu verhindern und die Probleme zu lösen. Es wird nur noch „abschieben“ und „zurückweisen“ gegrölt, die demokratischen Parteien zerlegen sich selbst (siehe das inszenierte Theater um den Migrationsgipfel) und die Nazis und Putinknechte lachen sich ins Fäustchen. Darüber wie Radikalisierung bei jungen Menschen verhindert und Islamismus tatsächlich bekämpft werden können, redet niemand.

In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von einem Mann aus ihrem direkten Umfeld getötet. Jeden dritten Tag! Wo bleibt der Femizid-Gipfel? Warum gibt es immer noch viel zu wenig Plätze in Frauenhäusern? Wo bleiben effektive Präventionsmaßnahmen? Solche Taten kündigen sich meist im Vorfeld an.

Ich will hier keinen Whataboutism betreiben, nur aufzeigen, dass die Verhältnismäßigkeit zwischen Problem, Maßnahmen, Empörung und Diskurs völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Und seien wir mal ehrlich, es geht der Politik doch nicht nur darum, illegale Migration zu unterbinden, am liebsten wäre es ihnen doch, wenn es überhaupt keine Migration geben würde. Wenn überhaupt keine Ausländer nach Deutschland kämen. Trotz der demografischen Entwicklung, der Überalterung der Gesellschaft und des Arbeitskräftemangels. Wird alles ignoriert, so wie die Klimakrise, die Bedrohung durch Putin und andere Autokratien.

Aber genug des Doomblogging, ich will hier in dieser Rubrik (eigentlich Meine Woche) ja lieber über Positives schreiben.

Artikel

Der Wert menschlicher Übersetzung

Kürzlich wurde Übersetzerin Janine Malz vom Verlag Bastei Lübbe (gegen den es letzte Woche Protest wegen dessen schlechten Konditionen für Übersetzer*innen gab) angefragt, ob sie nicht eine KI-Übersetzung aus dem Niederländischen für ein sehr geringes Honorar überarbeiten könne. Sie hat natürlich abgelehnt und im Zuge dessen einen schönen Beitrag zum Wert der menschlichen Übersetzung bei Netzpolitik geschrieben.

Ich gehe davon aus, dass KI-Übersetzungen mich irgendwann arbeitslos machen werden. Schon jetzt herrscht nicht nur bei mir Auftragsflaute.

Österreicher wählen Klimaleugner, auch wenn sie dabei untergehen

Benedikt Narodoslawsky kommentiert im Standard die kommende Wahl ihn Österreich im Zeichen der Klimakrise. Wien hatte diesen Sommer 53 Tropennächte (ich hatte hier im Westerwald vielleicht 2), aktuell drohen über halb Österreich Regenfälle und Fluten wie im Ahrtal. Alles begünstigt durch den menschengemachten Klimawandel. Aber, don’t look up, gewählt werden jene Parteien, die das alles leugnen. Also die größten Lügner von allen. So dürfte es auch im nächsten Jahr bei unserer Bundestagswahl in Deutschland laufen.

Are Bookstores Just a Waste of Space?

Für den New Yorker hat Louis Menand einen tollen Artikel über die Geschichte amerikanischer Buchhandlungen geschrieben, dem die provokante Clickbaitüberschrift überhaupt nicht gerecht wird.

Was wäre, wenn: In der Netflix-Serie „Ōoku: The Inner Chambers“ wird Japan zum Matriarchat

Und für 54 Books stellen Alex Bachler und Oliver Poettgen die Netflix-Serie Ōoku: The Inner Chambers vor, die ich noch nicht gesehen, mir aber vorgemerkt habe. Und verweisen auch auf den tollen Tor-Online-Artikel von Lena Richter, wie ich gerade erst merke. Ein sehr ausführlicher Beitrag, der auch vertieft auf japanische Kultur und Was-wäre-wenn-Szenarien eingeht.

Lektüre

Hunger Makes Me a Modern Girl: A Memoir | Carrie Brownstein

E-Book-Cover von "Hunger Makes Me A Modern Girls"

Kürzlich habe ich in der Arte-Mediathek die Pearl-Jam-Doku von Cameron Crow gesehen, die mir eigentlich richtig gut gefallen und Lust gemacht hat, mal wieder Musik-Memoiren zu lesen, aber ich fand es auch etwas ärgerlich, dass in der gesamten Doku keine Frau zu Wort gekommen ist. Weshalb ich auf jeden Fall die Autobiografie einer Musikerin lesen wollte und so bei Carrie Brownstein von Sleater-Kinney gelandet bin. Einer Band, die mir vom Namen her seit 20 Jahren ein Begriff ist, von der ich aber bisher nicht einen Song gehört habe. Und es war eine wirklich passende Wahl, denn Eddie Vedder ist schon lange ein Freund und Fan von Sleater-Kinney und 2003 gingen sie gemeinsam auf Tour, was Brownstein in einem sehr ausführlichen Kapitel beschreibt und als »life chainging« bezeichnet.

Warum die Band so lange an mir vorbeigegangen ist, bleibt mir ein Rätsel, spielt sie doch genau den Indie-Schrammel-Rock aus der Seattle/Olympia-Szene, den ich in den 90ern gerne gehört habe – vielleicht, weil sie lange keine Musik-Videos gedreht haben. Brownstein kannte ich bisher nur aus der von ihr geschaffenen Serie Portlandia, was mir aber erst während der Lektüre bewusst wurde.

Carrie Brownstein hat ihr Buch alleine geschrieben, ohne Co-Autor, anders als viele andere Musiker, und sie kann richtig gut schreiben. Mein Highlight sind die Kapitel über ihre Kindheit und die Jugendjahre. Das war keine glückliche Zeit für sie, mit einer distanzierten, an Magersucht leidenden Mutter, die die Familie schließlich verlassen hat, und einem Vater, der seine Homosexualität lange verheimlichte. Die Kindheit, die sie hier beschreibt, ist kein warmer Ort, an den man an Feiertagen mit einer großen Portion Nostalgie zurückkehrt, sondern geprägt von Anspannung und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit. Bei der Aufarbeitung ihrer Kindheit ist sie schonungslos und selbstkritisch in ihrer Analyse, beschönigt nichts und vermag es durch ihre Sprache und Beobachtungsgabe, ein plastisches Bild nachzuzeichnen.

Eine Zeit, in der die Autorin vor allem durch Musik Kraft schöpfen könnte. Zunächst jene, die sie gehört hat, allen voran Bands aus der Riot-Grrrl-Bewegung wie Bikini Kill oder Heavens to Betsy, aber dann auch durch die eigenen ersten Versuche an der Gitarre und die erste Band namens Exuse 17. Und bei den Bands, die sie damals als Jugendliche live sehen konnte, werde ich neidisch.

Im weiteren Verlauf beschreibt sie die musikalische Karriere von Sleater-Kinney mit den Anfängen ausgerechnet in Australien, wie sich schließlich die feste Besetzung mit Corin Tucker und Janet Weiss findet. Dazu gibt es Tour-Anektdoten, oft mit Vorbands, die später richtig berühmt werden sollten wie z. B. The White Stripes. Aber auch, warum ihnen selbst der ganz große Durchbruch nie gelang und sie es ablehnten bei einer großen Plattenfirma zu unterschreiben.

Dabei ist Brownstein auch sehr selbstkritisch, und verschweigt nicht, wie sie mit ihren Launen den anderen das Leben schwer machte, teils aber auch aus gesundheitlichen Gründen nicht 100% geben konnte und das Gefühl hatte, die Band im Stich zu lassen.

Hunger Makes Me a Modern Girl: A Memoir ist eine ausgezeichnete Autobiografie einer Musikerin, die hier mehr erzählt, als nur ein paar lustige und durchgeknallte Anekdoten, sondern auch ihre Seele offenlegt und mit analytisch-präzisem Blick auf eine faszinierende Zeit zurückblickt, die sie damals gar nicht so recht genießen konnte. Vor allem geht es um die Musik, aber Brownstein geht auch auf ihr anderweitiges Engagement ein.

Lord of a Shattered Land | Howard Andrew Jones

E-Book-Cover von "Lord of a Shattered Land". Pulpiges Motiv, im Hintergrund eine riesige Schlange, davor eine leicht bekleidete Frau, die einen leuchtenden Gegenstand hochhält, vor ihr kniet ein Mann mit nacktem Oberkörper im Lendenschurz.

Sword & Sorcery, die in einem vom Römischen Reich inspirierten Setting spielt, mit einer Hauptfigur, die Hannibal und einer Handlung, die dem Fall von Karthago nachempfunden ist. Seine Stadt liegt in Trümmern, sein Volk wurde abgeschlachtet und versklavt, doch der totgeglaubte General Hanuvar kehrt zurück und versucht, seine überlebenden Landsleute zu befreien. Dabei erlebt er allerhand Abenteuer, die an Conan erinnern, während ich bei ihm auch an Gemmells Waylander denken musste. Das Buch hat über 600 Seiten, doch die Kapitel bestehen aus Episoden, die an Kurzgeschichten erinnern, in denen es Hanuvar mit dem Monster der Woche zu tun bekommt, gleichzeitig aber weiter seinen großen Plan verfolgt.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber es hat mich noch nicht gänzlich vom Hocker gerissen. Dafür war mir das Muster der Episoden etwas zu repetitiv, auch wenn sie Jones sichtlich bemüht, sie abwechslungsreich zu gestalten, und es ihm gelingt, seinen Kurzgeschichten einen roten Faden einzuweben.. Es sind einige Episoden dabei, die ich etwas schwächer fand, wie die Reitlehrer-Episode, die vielversprechend als Heist-Story beginnt, dann aber keinen cleveren Heist abliefern kann. Eines der wenigen Kapitel ohne übernatürliche Einflüsse. Im Mittelteil hatte ich einen Durchhänger, weil ich das Gefühl hatte, die Gesamtgeschichte würde auf der Stelle treteten, zum Glück kam sie im letzten Drittel aber wieder in Schwung. Für dieses Episodenformat fand ich das Buch etwas zu lang, habe es aber trotzdem gerne gelesen und hoffe, dass Band 2 etwas stringenter daherkommt. Stellenweise wirkt Hanuvar auch etwas zu perfekt. Das Buch ist schön altmodische Sword & Sorcery mit erfrischendem Setting, aber ohne den Sexismus und Rassismus, den man häufig in älteren Werken findet.

Ich habe auch noch einige japanische Bücher gelesen, die bekommen aber einen eigenen Beitrag mit Kurzbesprechungen.

Lesenwelt

Wer ist der gefährlichste Killer des Menschen? Welches Lebewesen stellt für uns die größte Bedrohung dar? Und war es schon immer? Für alle, die es aus dem Buchtitel noch nicht erraten haben, sei gespoilert: die Stechmücke. Und das noch vor uns selbst. Auch wenn wir gerade wieder fleißig dabei sind, aufzuholen.

Meine Besprechung des Buchs The Mosquito von Timothy C. Winegard.

Youtube

This Manga Took Me to a Strange Place

„Das ist doch mal eine Comic/Manga-Besprechung! Wow! Von Architektin und Designerin Dami Lee, mit einem Aufwand und in einem Stil, die dem besprochenen Werk entspricht. Ich habe die nächsten beiden Wochen Urlaub und möchte dann endlich mal Band 1 von Tsutomu Nihei Blame! lesen.“

Schrieb ich am 28. August auf Social Media. Inzwischen habe ich Band 1 gelesen und bin begeistert. Dazu wird es aber noch eine eigene Besprechung geben.

BookTok is a Nightmare

Ist BookTok wirklich so schlimm? Ich bin dort nicht unterwegs. Willow Talks Books mit einem sehr differenziert, aber doch kritischen Beitrag, der BookTok einen Mangel an Diversität in der Literatur vorwirft, und dadurch langweilig zu sein.

Why Are Bands Mysteriously Disappearing?

Wenn ihr musikalisch so richtig erfolgreich werden wollt, gründet auf keinen Fall eine Band, denn dann wird niemand eure Musik hören. Werdet Solokünstler*in. Rick Beato über das Verschwinden von Bands in den Charts.

Der asexuelle asiatische Mann mit Danny Lee – asiatische Representation in den Medien

Vor ein paar Monaten habe ich den Blog Wir Reden Die Welt mit den beiden in Deutschland lebenden und aufgewachsenen Koreanern Ini und Jong für mich entdeckt und zwar durch die hier eingebettete Folge: Superinteressante Diskussion über die Darstellung von asiatischen Menschen in Film und Fernsehen und den Wandel, der da gerade stattfindet. Danny Lee ist ein ganz toller Erzähler, der es schafft, ein wichtiges und komplexes Thema gleichzeitig sehr analytisch und unterhaltsam zu präsentieren (und eine spannende persönliche Geschichte zu erzählen hat).

Filme

The Holdovers

Erzählt von einem Schüler, einem Lehrer und einer Köchin, die über die Weihnachtsferien allein in einem Internat zurückbleiben und feststellen, dass hinter den jeweilig anderen Personen mehr steckt, als sie zunächst glauben. Ein leichtfüßig inszeniertes Drama, das mit seiner wohligen Atmosphäre und den gut ausgearbeiteten Figuren überzeugt. Hätte ich mir besser für Weihnachten aufgehoben, da es perfekt zu den Feiertagen passen dürfte. Bei einer Laufzeit von über zwei Stunden hatte ich schon befürchtet, dass das Szenario schnell langweilig wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Sehr unterhaltsam.

The Longest Summer

Fruit Chans The Longest Summer erzählt von einer Gruppe Hongkong-Soldaten der britischen Armee, die kurz vor der Übergabe 1997 plötzlich ohne Job und Perspektive dastehen und sich auf zwielichtige Geschäfte einlassen. Der Film fängt perfekt die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der Hongkonger zu dieser Zeit ein.

A Brighter Summer Day (Gulingjie Shaonian Sharen Shijian)

Edward Yangs großartiges vierstündiges Epos über das Leben in Taiwan im Jahr 1960. Coming of Age, Straßengangs, Gesellschaftsporträt, das politische Klima in der Diktatur, aber auch toxische Männlichkeit und Femizid, alles in einem faszinierenden Film mit gut ausgebauten Figuren vielschichtig und komplex zusammengefasst. Ein Meisterwerk!

Der Duft der grünen Papaya (L’Odeur de la papaye verte)

Habe ich als Jugendlicher mal zusammen mit Cyclo gesehen, der ebenfalls von Regisseur Trần Anh Hùng stammt, wusste aber nur noch, dass mir Cyclo damals deutlich besser gefallen hat. Jetzt verstehe ich warum. Der Duft der grünen Papaya ist zwar ein eleganter und sinnlicher Film, aber komplett in einem Pariser Studio entstanden, was ihm anzusehen ist. Cyclo spielt auf der Straße, ist dynamischer und lebendiger. Leider ist Cyclo nur schwer zu bekommen und ich konnte ihn mir noch nicht wieder ansehen. Ich hatte mir beide Filme damals in den 90ern auf VHS aufgenommen, habe aber keinen Videorecorder mehr.

Exhuma

Sehr guter und stimmungsvoller südkoreanischer Gruselfilm über Schamanismus, Spiritualität, böse Geister und etwas koreanisch-japanische Geschichte, wenn auch nicht ganz auf dem Level von The Wailing.

Dune Part 2

Hat mich nicht mehr so überwältigt wie Teil 1, tatsächlich fand ich ihn nur noch okay. Was vor allem daran liegt, dass die Ästhetik nicht mehr neu ist und für die Figuren kein wirkliches Gefühl der Bedrohung mehr existiert. Zwar werden die Harkonen schön fies dargestellt und dürfen auch ein Sietch (Zufluchtsort der Fremen) vernichten und die eine Nebenfigur töten, die etwas mehr Text (zu genau diesem Zweck) hatte, aber eigentlich läuft doch alles nach Paul Muad’Dibs Skript wie im God-Mode eines Computerspiels. Spannung fehlt.

Ich habe auch noch einige japanische Filme gesehen, die bekommen aber einen eigenen Beitrag mit Kurzbesprechungen.

Serien

Under the Bridge

Ausgezeichnet geschriebenes und gespieltes Kleinstadtdrama über den Tod einer Jugendlichen; die Frage, was wirklich passiert ist und was die Situation mit den Beteiligten und dem Umfeld macht.

Disney+

John Sugar

Beginnt als klassischer Noir-Krimi in modernem gewannt, entwickelt sich gegen Ende aber zu einem wilden Genremix, der vermutlich für die durchwachsenen Kritiken verantwortlich ist, den es nicht wirklich gebraucht hätte, der mich aber auch nicht groß gestört hat. Sehenswert, mit faszinierender Hauptfigur.

AppleTV+

Die Baztán-Trilogie

Mystery-Thriller-Dreiteiler aus Spanien, der zunächst wie ein typischer Serienkillerplot daherkommt, im Verlauf aber einen unheimlichen Sog und große Spannung entwickelt. Erinnert vom okkulten Thema und der abründigen Atmosphäre an die besserne Bücher von Jean-Christophe Grangé und den spanischen Horrorfilm The Nameless. Ist aber sehr brutal und die nackten Mädchenleichen im ersten Film hätte es nicht gebraucht. Basierend auf den Romanen von Dolores Redondo.

Gibt es in der ZDF-Mediathek – leider nur in deutscher Synchro

Dokus

Everybody Street

Großartige Doku über die Geschichte der New Yorker Straßenfotografie, in der viele bekannte Fotograf*innen zu Wort kommen und bei ihrer Arbeit begleitet werden, von denen manche aber creepy und unverschämt sind, wenn sie Menschen frontal aus nächster Nähe ungefragt ins Gesicht fotografieren, ihnen teils wie Stalker folgen, auf einen guten Fotomoment wartend wie Jeff Mermelstein, oder direkt vor sie springen, um sie zu erschrecken, wie Bruce Gilden. Die beiden könnten gut einem Robert-Crumb-Comic entstiegen sein. Viele fragen aber auch höflich, ob sie jemanden fotografieren dürfen. Richtig authentische Straßenbilder entstehen aber vor allem aus dem Moment heraus. Das ist schon eine Zwickmühle zwischen Anstand und dokumentarischer Kunst. Ich liebe Straßenfotografie, hätte aber Hemmungen, selbst solche Fotos zu schießen.

Arte-Mediathek

Tor Online

Neil Gaiman und Co. – Wir müssen aufhören, Menschen auf ein Podest zu stellen

Für Tor Online habe ich einen Artikel über den Fall Neil Gaiman geschrieben, und warum wir Menschen nicht auf ein Podest stellen sollten. Gaiman wird von mehren Frauen (inzwischen fünf) der mehrfachen sexuellen Übergriffe und des Missbrauchs beschuldigt. Der Artikel ist kurz nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe erschienen, seitdem sind weitere hinzugekommen. Erschreckend fand ich das lange Schweigen der großen Medien in Deutschland ebenso wie im englischsprachigen Raum, aber auch das aus der Buch- Film- und Serienindustrie. Als hätten alle Angst vor Gaiman. Immerhin sind inzwischen einige Serienadaptionen eingestellt oder auf Eis gelegt worden.

Südkoreanische Popkultur im Westen – Ein unvollständiger Überblick

Daneben habe mal eine grobe Übersicht über südkoreanische Popkultur bei uns im Westen geschrieben. Geht auch ein wenig um koreanische Fantasyliteratur.

Sommerimpressionen

Ausblick

Der Plan, die durch das Einstellen der Rubrik Meine Woche freigewordene Zeit produktiv für andere Projekte zu nutzen, hat sich leider nicht erfüllt. Eher bin ich dadurch noch fauler geworden. Weshalb ich demnächst vermutlich damit weiter machen werde. Ob jede Woche oder nur alle 14 Tage muss ich mal schauen. Aber mir hat das Bloggen auch gefehlt. Doch wie ich mich kenne, bin ich für ein paar Monate wieder motiviert und mit Spaß an der Sache, bevor ich aufgrund geringer Resonanz wieder die Lust verliere. Blogs sind einfach aus der Zeit gefallen. Ich sollte eigentlich Podcasten oder einen Youtube-Kanal betreiben, aber vor Kamera und Mikro fühle ich mich nicht wohl und kann das auch nicht gut.

Meine Woche: Kobe, Kairo und Taipei

Auf der Mini Theater Journey geht es nach Kobe, ich bespreche einige Serien wie The Gentlemen, 3 Body Problem und 1992 sowie die Film Kairo, Fallen Leaves und Flowers of Taipei. Ozu Yasujiro ist wieder Thema, es gibt Musiktipps und ich freue mich über ein paar Sachen.

Collage aus vier Bildern, drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der unten.
Von oben Links: 1. Ein Greifvogel im Flug mit ausgebreiteten Flügeln. Aufgrund der Lichtverhältnisse ist er nur als Schatten zu sehen, die einzelnen Federn sind aber gut zu erkennen..
2. Szene aus dem Film "Kairo", eine junge Frau sitzt ganz alleine in einem Bus.
3. Abstraktes Bild auf dem die Farben Rot, Orange, Rosa, Weiß und Schwarz ineinander verlaufen.
4. Foto von fünf taiwanesischen Regisseure aus der Dokumentation "Flowers of Taipei".

Youtube

Motomachi Movie Theater (Hyogo, JAPAN) – MINI THEATER JOURNEY

Kobe ist keine unbekannte Stadt für Nicht-Japaner (wohl vor allem durch das Erdbeben von 1995), aber auch nicht groß als Reiseziel bekannt. Das 2010 eröffnete Motomachi Movie Theater wirkt sehr unscheinbar, geht in der Fassade fast unter, aber die Betreiber geben sich alle Mühe, auf sich aufmerksam zu machen. Von allen Kinos, die ich hier bisher vorgestellt habe, wirkt das hier am kleinsten, der Eingangsbereich schon fast klaustrophobisch, der Kinosaal aber sehr gemütlich. Und ich mag Kinos, die nicht nur einfach Filme zeigen, sondern auch Veranstaltungen drumherum organisieren.

Why are Chinese Fans Unhappy with Netflix’s 3 Body Problem?

Fengyun vom Youtube-Kanal Tea with Fengyun erklärt in diesem Video, warum chinesische SF-Fans nicht so glücklich mit der Netlix-Adaption (siehe unten) sind. Dabei geht sie auch auf die Geschichte der chinesischen SF und Cixin Lius Karriere ein sowie die Unterschiede zwischen den Büchern und der Serie.

Musik

Awich – The Union

Eine japanische Rapperin, die ich bisher nicht kannte, aber kürzlich auf dem Coachella-Festival aufgetreten ist, was heißt, dass sie wohl auch international halbwegs bekannt ist. Gefällt mir ganz gut.

Kids DESTROY „Wish“ by NIN / O’Keefe Music Foundation

Sehr schöne Coverversion der O’Keefe Music Foundation des eigentlich nicht ganz jugendfreien Songs Wish von Nine Inch Nails.

Interviews

This Second Is Eternal: Shiguéhiko Hasumi on “Directed by Yasujiro Ozu”

Beim Mubi-Magazin Notebook gibt es ein Interview mit dem japanischen Filmkritiker Hasumi Shiguéhiko, der bereits 1987 eine Standardwerk zu den Filmen von Ozu Yasujiro veröffentlicht hat, das es jetzt mit dem Titel Directed by Yasujiro Ozu in eine englische Übersetzung geschafft hat, und das ich mir natürlich schon bestellt habe.

Artikel

7ème art: Filme von Yasujirō Ozu

Japanuary-Mitstreiterin Miss Booleana hat sich sieben Filme von Ozu Yasujiro angesehen und besprochen. Und nicht nur jene, die es in der Arte-Mediathek gibt.

Victimise people who raise a voice in Britain? Then destroy their families? Not in my name

Ausgezeichneter Kommentar von George Monbiot im Guardian, darüber wie Englands Eliten seit jeher demokratische Entwicklungen unterdrücken und aktuell wieder vermehrt jene kriminalisieren, die friedlich gegen akute Missstände demonstrieren. Alles im Namen des Kapitals und jener, die es besitzen. Eine besorgniserregende Entwicklung, die inzwischen auch in Deutschland angekommen ist und zeigt, dass die Demokratie nicht nur von außen bedroht wird, sondern auch von jenen Akteuren, die in den Schaltzentralen sitzen und sie eigentlich an vorderster Front verteidigen müssten.

Serien

Aktuell schaue ich gar nicht so viele Serien und selten mehr als eine Folge pro Tag. Aber da ich in den letzten Wochenrückblicken keine erwähnt habe, kann ich heute einige gute vorstellen. Momentan ist Netflix wieder mein bevorzugter Streamingdienst, und das nicht nur, weil ich dort japanische Serien schaue, auch mit ihren englischsprachigen Produktionen haben sie einen guten Lauf. Von Ripley fehlen mir noch zwei Folgen, mit One Day bin ich auch noch nicht ganz durch.

The Gentlemen

Guy Ritchie in Hochform, mit einer für ihn typischen Gangstergeschichte, die im selben Universum spielen soll wie der gleichnamige Film, mit dessen Geschichten aber nicht viel gemein hat. Im Prinzip geht es um einen junge Earl, der von seinen Vater nicht nur den Landsitz geerbt hat, sondern auch einen Cannabis-Deal mit Gangstern und seinen durchgeknallten Bruder, der ihn ständig in Schwierigkeiten bringt. Elegant gefilmt, ist jede einzelne Episode unterhaltsam und abwechslungsreich. Hat richtig Spaß gemacht, dabei hatte ich im Vorfeld gar keine große Lust auf die Serie, da ich Ritchies letzten Filme eher mittelmäßig fand. Ist schon ein paar Wochen her, dass ich die Serie gesehen habe, aber erst jetzt ist mir aufgefallen, dass Kaya Scodelario, die die weibliche Hauptfigur großartig spielt, ja Effy aus Skins ist, die auch schon ziemlich bad ass war.

Netflix

3 Body Problem

Die Buchvorlage hatte ich hier schon mal besprochen und auf Tor online einen längeren Artikel über Autor Cixin Liu und sein Verhältnis zu den Uiguren in China geschrieben. Die Hörpspielumsetzung vom WDR ist sehr gelungen, die chinesische Serienadaption habe ich nicht gesehen. Jetzt also haben sich die Game-of-Thrones-Macher David Benioff und D. B. Weiss (mit Hilfe von Alexander Woo) der Buch-Trilogie angenommen und sie deutlich internationaler, vor allem auf Großbritannien konzentriert inszeniert. Dafür wurden Figuren hinzugefügt, die es in der Vorlage nicht gibt, die in der Serie aber den emotionalen Ankerpunkt darstellen, was ich gut finde, da die Figuren im Buch nicht mehr als Pappkulissen sind. Die Serie hat mich jetzt nicht total umgehauen, aber insgesamt habe ich sie gerne gesehen. Aufwendig, auf Hochglanz produziert, setzt sie die faszinierenden SF-Ideen der Bücher gelungen um. Einzig Folge 5 mit dem zerschnittenen Schiff, auf die Weiss und Benioff so stolz sind, fand ich furchtbar und albern. Danach wird die Serie aber gut.

Netflix

1992

Eine herausragende italienische Serie über Politik und Korruption eben im Jahr 1992. Wir folgen einem Ermittler der Staatsanwaltschaft mit persönlichen Motiven, der Erbin eines Pharmakonzerns, einem Rüppel-Politiker der Lega Nord, einem Spin-Doctor aus der Medienbranche und einer Sexarbeiterin mit Ambitionen, alles verflochten zu einer komplexen Handlung, die immer wieder auf reale Ereignisse Bezug nimmt und die Abgründe italienischer Politik aufzeigt. Eine solche Serie aus Deutschland, für mich undenkbar.

Sky/Wow

Filme

Kairo (Pulse)

Ist ein Gruselfilm von Kiyoshi Kurosawa von 2001 über das Internet, Einsamkeit und Depression, in einer Welt spielend, die kalt, industriell und auf unschöne Weise entrückt wirkt. Alles fängt damit an, dass sich ein Freund der Hauptfiguren Kudo Michi und deren Kollegin umbringt, nachdem Kudo bei ihm merkwürdige Bilder auf dem Computermonitor sieht. Diese Phantome auf Monitoren und auch in dem, was die Protagonist*innen als Realität wahrnehmen, ziehen sich durch den ganzen Film. Immer mehr Menschen verhalten sich merkwürdig und/oder verschwinden. Bis das Ganze apokalyptische Züge annimmt.

Normalerweise mag ich es nicht, wenn Filme so kryptisch bleiben, sich jeglichem Erklärungsversuch verweigern, aber in Kairo funktioniert das gut, da die unheimliche Leeren in den Schatten, in denen etwas lauern könnte, uns genügend Raum für Spekulationen lässt. Es gibt hier keine Jump Scares, keinen klassischen Spannungsaufbau, keine Action, es wird nicht gekämpft, und trotzdem steigert sich die unheimliche Atmosphäre wie in einer Spirale. Und das alles erzählt er in wuchtigen Bildern, die gerade durch die ruhige Inszenierung so effektiv wirken.

Kairo ist eine überraschend frühe Kritik am Internet und dem Auseinanderdriften der Gesellschaft durch digitale Vernetzung, vor allem geht es aber um Einsamkeit. Die Figuren bleiben dabei allerdings etwas blass, wir erfahren fast nichts (bis auf einen kurzen Monolog von Harue) über sie und ihr Privatleben. Aber so ein Film ist Kairo einfach nicht.

Regie und Drehbuch stammen von Kurosawa Kiyoshi, von dem ich kürzlich schon Cure besprochen habe, der eine ähnlich düstere Atmosphäre hat. Filmkritiker Hasumi Shiguéhiko nennt ihn im oben verlinkten Interview übrigens als einen der interessantesten aktuellen Regisseure.

Flowers of Taipei

Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014 über das Taiwan New Cinema der 1980er-Jahre, als im Zuge der politischen Veränderungen im Land eine neue Generation von Filmemachern antrat, das Kino zu revolutionieren. In der Doku kommen Filmschaffende aus aller Welt zu Wort, die durch diese Filme beeinflusst wurden. Koreeda Hirokazu, dessen Vater aus Taiwan stammt, sagt, ihn haben diese Filme stärker geprägt, als das japanische Kino der 80er. Auch Jia Zhangke schwärmt von diesen Filmen, bei dem sich diese Einflüsse wohl am stärksten im Werk widerspiegeln, ebenso bei Kiyoshi Kurosawa und Apichatpong Weerasethakul. Bei Olivier Assayas eher weniger.

Mit Taiwan New Cinema sind vor allem die Regisseure Edward Yang, Hou Hsiao-Hsien, Chang Yi, Chen Kun-hou, Wan Jen und Wang Toon gemeint. In der Doku kommen vor allem jene zu Wort, die von diesem Kinos beeinflusst wurden, erst am Ende des Films dann zwei der taiwanesischen Filmschaffenden selbst. Tsai Ming-liang sagt nur kurz, dass er sich nicht zum Taiwan New Cinema zähle, und Hou Hsiao-Hsien meint, dass damit der Niedergang der Filmindustrie begann.

Ich selbst habe schon als Jugendlicher in den 90ern Tsai Ming-liang Rebellen im Neonlicht gesehen und war total fasziniert von der Inszenierung. Die Filme zeichnen sich vor allem durch Ruhe und Langsamkeit aus sowie einen realistischen, direkten Blick auf die Welt, anders als z. B. die meist magische, romantisierte Atmosphäre in Hongkong-Filmen. Apropos, im Abspann steht Ann Hui bei den Interviewten, mir ist sie im Film aber nicht aufgefallen, wurde wohl rausgeschnitten. Edward Yangs The Terrorizers habe ich kürzlich erst besprochen.

Eine sehr sehenswerte Doku der taiwanesisch-französischen Filmemacherin
Chinlin Hsieh, die einen guten Eindruck von dieser bestimmten Ära des taiwanesischen Kinos und den tollen Filmen vermittelt. Ich habe direkt Lust darauf bekommen, einige der hier erwähnten Filme zu sehen, die ich teilweise auch schon länger auf meiner Wunschliste stehen habe. Leider sind die meisten davon nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Fallen Leaves (Kuolleet lehdet)

Der aktuelle Film von Aki Kaurismäki über zwei Menschen mittleren Alters (oh Gott, Google sagt, die sind in meinem Alter), die in finanziell benachteiligten Verhältnissen Leben und vom Leben nicht mehr viel erwarten. Er Alkoholiker, sie einsam. Zaghaft nähern sie sich an. Lakonisch mit trockenem Humor gefilmt, durchaus tragisch, eingerahmt in Radiomeldungen zum Krieg gegen die Ukraine. Im Kino schauen sie The Dead Don’t Die, und ich stelle mir vor, dass Kaurismäki und Jarmusch Kumpels sind, denn ihre Filme sind sich vom Wesen her zu ähnlich, als das wir in einer Welt leben könnten, in der die beiden nicht Kumpels sind.

Blog

Hier auf dem Blog habe ich kürzlich alle Besprechungen japanischer Filme aus meinen Wochenrückblicken zusammengefasst.

Und bin in einem Beitrag darauf eingegangen, warum ich mich so schlecht von Büchern trennen kann.

Tor Online

„Was wäre, wenn …?“ – Alternate History als Genre

Was wäre wenn, die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen hätten? Oder wenn die Sowjetunion zuerst auf dem Mond gelandet wäre? Solchen Fragen geht die Alternate History als Untergenre der Science Fiction nach. Lena Richter stellt es uns vor.

Weltraumgeschichten sind Horrorgeschichten

Im Weltraum hört dich niemand schreien, heißt es. Doch dafür braucht es gar kein mörderisches Alien, denn dort kann dich alles töten, beim kleinsten Fehler. Emily Hughes erzählt uns, warum das Weltall der blanke Horror ist.

Worüber ich mich freue

Ein neues Bild meiner Mutter.

Abstraktes Bild auf dem die Farben Rot, Orange, Rosa, Weiß und Schwarz ineinander verlaufen.

Die Greifvögel, die regelmäßig über unserem Grundstück kreisen.

Ein Greifvogel im Flug mit ausgebreiteten Flügeln. Aufgrund der Lichtverhältnisse ist er nur als Schatten zu sehen, die einzelnen Federn sind aber gut zu erkennen.

Ausblick

Nächste Woche wird es vermutlich keinen Wochenrückblick geben. Diese Woche war sehr ruhig, das Haus habe ich nur zum Einkaufen verlassen. Das sieht in der kommenden Woche anders aus. Zahnarzttermin, TÜV in der einen Werkstatt, Sommerreifen in der anderen und am Samstag möchte ich (wenn mein Auto es über den TÜV schafft) zum Marburg Con nach Niederweimar fahren.