Meine Woche: Kobe, Kairo und Taipei

Auf der Mini Theater Journey geht es nach Kobe, ich bespreche einige Serien wie The Gentlemen, 3 Body Problem und 1992 sowie die Film Kairo, Fallen Leaves und Flowers of Taipei. Ozu Yasujiro ist wieder Thema, es gibt Musiktipps und ich freue mich über ein paar Sachen.

Collage aus vier Bildern, drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der unten.
Von oben Links: 1. Ein Greifvogel im Flug mit ausgebreiteten Flügeln. Aufgrund der Lichtverhältnisse ist er nur als Schatten zu sehen, die einzelnen Federn sind aber gut zu erkennen..
2. Szene aus dem Film "Kairo", eine junge Frau sitzt ganz alleine in einem Bus.
3. Abstraktes Bild auf dem die Farben Rot, Orange, Rosa, Weiß und Schwarz ineinander verlaufen.
4. Foto von fünf taiwanesischen Regisseure aus der Dokumentation "Flowers of Taipei".

Youtube

Motomachi Movie Theater (Hyogo, JAPAN) – MINI THEATER JOURNEY

Kobe ist keine unbekannte Stadt für Nicht-Japaner (wohl vor allem durch das Erdbeben von 1995), aber auch nicht groß als Reiseziel bekannt. Das 2010 eröffnete Motomachi Movie Theater wirkt sehr unscheinbar, geht in der Fassade fast unter, aber die Betreiber geben sich alle Mühe, auf sich aufmerksam zu machen. Von allen Kinos, die ich hier bisher vorgestellt habe, wirkt das hier am kleinsten, der Eingangsbereich schon fast klaustrophobisch, der Kinosaal aber sehr gemütlich. Und ich mag Kinos, die nicht nur einfach Filme zeigen, sondern auch Veranstaltungen drumherum organisieren.

Why are Chinese Fans Unhappy with Netflix’s 3 Body Problem?

Fengyun vom Youtube-Kanal Tea with Fengyun erklärt in diesem Video, warum chinesische SF-Fans nicht so glücklich mit der Netlix-Adaption (siehe unten) sind. Dabei geht sie auch auf die Geschichte der chinesischen SF und Cixin Lius Karriere ein sowie die Unterschiede zwischen den Büchern und der Serie.

Musik

Awich – The Union

Eine japanische Rapperin, die ich bisher nicht kannte, aber kürzlich auf dem Coachella-Festival aufgetreten ist, was heißt, dass sie wohl auch international halbwegs bekannt ist. Gefällt mir ganz gut.

Kids DESTROY „Wish“ by NIN / O’Keefe Music Foundation

Sehr schöne Coverversion der O’Keefe Music Foundation des eigentlich nicht ganz jugendfreien Songs Wish von Nine Inch Nails.

Interviews

This Second Is Eternal: Shiguéhiko Hasumi on “Directed by Yasujiro Ozu”

Beim Mubi-Magazin Notebook gibt es ein Interview mit dem japanischen Filmkritiker Hasumi Shiguéhiko, der bereits 1987 eine Standardwerk zu den Filmen von Ozu Yasujiro veröffentlicht hat, das es jetzt mit dem Titel Directed by Yasujiro Ozu in eine englische Übersetzung geschafft hat, und das ich mir natürlich schon bestellt habe.

Artikel

7ème art: Filme von Yasujirō Ozu

Japanuary-Mitstreiterin Miss Booleana hat sich sieben Filme von Ozu Yasujiro angesehen und besprochen. Und nicht nur jene, die es in der Arte-Mediathek gibt.

Victimise people who raise a voice in Britain? Then destroy their families? Not in my name

Ausgezeichneter Kommentar von George Monbiot im Guardian, darüber wie Englands Eliten seit jeher demokratische Entwicklungen unterdrücken und aktuell wieder vermehrt jene kriminalisieren, die friedlich gegen akute Missstände demonstrieren. Alles im Namen des Kapitals und jener, die es besitzen. Eine besorgniserregende Entwicklung, die inzwischen auch in Deutschland angekommen ist und zeigt, dass die Demokratie nicht nur von außen bedroht wird, sondern auch von jenen Akteuren, die in den Schaltzentralen sitzen und sie eigentlich an vorderster Front verteidigen müssten.

Serien

Aktuell schaue ich gar nicht so viele Serien und selten mehr als eine Folge pro Tag. Aber da ich in den letzten Wochenrückblicken keine erwähnt habe, kann ich heute einige gute vorstellen. Momentan ist Netflix wieder mein bevorzugter Streamingdienst, und das nicht nur, weil ich dort japanische Serien schaue, auch mit ihren englischsprachigen Produktionen haben sie einen guten Lauf. Von Ripley fehlen mir noch zwei Folgen, mit One Day bin ich auch noch nicht ganz durch.

The Gentlemen

Guy Ritchie in Hochform, mit einer für ihn typischen Gangstergeschichte, die im selben Universum spielen soll wie der gleichnamige Film, mit dessen Geschichten aber nicht viel gemein hat. Im Prinzip geht es um einen junge Earl, der von seinen Vater nicht nur den Landsitz geerbt hat, sondern auch einen Cannabis-Deal mit Gangstern und seinen durchgeknallten Bruder, der ihn ständig in Schwierigkeiten bringt. Elegant gefilmt, ist jede einzelne Episode unterhaltsam und abwechslungsreich. Hat richtig Spaß gemacht, dabei hatte ich im Vorfeld gar keine große Lust auf die Serie, da ich Ritchies letzten Filme eher mittelmäßig fand. Ist schon ein paar Wochen her, dass ich die Serie gesehen habe, aber erst jetzt ist mir aufgefallen, dass Kaya Scodelario, die die weibliche Hauptfigur großartig spielt, ja Effy aus Skins ist, die auch schon ziemlich bad ass war.

Netflix

3 Body Problem

Die Buchvorlage hatte ich hier schon mal besprochen und auf Tor online einen längeren Artikel über Autor Cixin Liu und sein Verhältnis zu den Uiguren in China geschrieben. Die Hörpspielumsetzung vom WDR ist sehr gelungen, die chinesische Serienadaption habe ich nicht gesehen. Jetzt also haben sich die Game-of-Thrones-Macher David Benioff und D. B. Weiss (mit Hilfe von Alexander Woo) der Buch-Trilogie angenommen und sie deutlich internationaler, vor allem auf Großbritannien konzentriert inszeniert. Dafür wurden Figuren hinzugefügt, die es in der Vorlage nicht gibt, die in der Serie aber den emotionalen Ankerpunkt darstellen, was ich gut finde, da die Figuren im Buch nicht mehr als Pappkulissen sind. Die Serie hat mich jetzt nicht total umgehauen, aber insgesamt habe ich sie gerne gesehen. Aufwendig, auf Hochglanz produziert, setzt sie die faszinierenden SF-Ideen der Bücher gelungen um. Einzig Folge 5 mit dem zerschnittenen Schiff, auf die Weiss und Benioff so stolz sind, fand ich furchtbar und albern. Danach wird die Serie aber gut.

Netflix

1992

Eine herausragende italienische Serie über Politik und Korruption eben im Jahr 1992. Wir folgen einem Ermittler der Staatsanwaltschaft mit persönlichen Motiven, der Erbin eines Pharmakonzerns, einem Rüppel-Politiker der Lega Nord, einem Spin-Doctor aus der Medienbranche und einer Sexarbeiterin mit Ambitionen, alles verflochten zu einer komplexen Handlung, die immer wieder auf reale Ereignisse Bezug nimmt und die Abgründe italienischer Politik aufzeigt. Eine solche Serie aus Deutschland, für mich undenkbar.

Sky/Wow

Filme

Kairo (Pulse)

Ist ein Gruselfilm von Kiyoshi Kurosawa von 2001 über das Internet, Einsamkeit und Depression, in einer Welt spielend, die kalt, industriell und auf unschöne Weise entrückt wirkt. Alles fängt damit an, dass sich ein Freund der Hauptfiguren Kudo Michi und deren Kollegin umbringt, nachdem Kudo bei ihm merkwürdige Bilder auf dem Computermonitor sieht. Diese Phantome auf Monitoren und auch in dem, was die Protagonist*innen als Realität wahrnehmen, ziehen sich durch den ganzen Film. Immer mehr Menschen verhalten sich merkwürdig und/oder verschwinden. Bis das Ganze apokalyptische Züge annimmt.

Normalerweise mag ich es nicht, wenn Filme so kryptisch bleiben, sich jeglichem Erklärungsversuch verweigern, aber in Kairo funktioniert das gut, da die unheimliche Leeren in den Schatten, in denen etwas lauern könnte, uns genügend Raum für Spekulationen lässt. Es gibt hier keine Jump Scares, keinen klassischen Spannungsaufbau, keine Action, es wird nicht gekämpft, und trotzdem steigert sich die unheimliche Atmosphäre wie in einer Spirale. Und das alles erzählt er in wuchtigen Bildern, die gerade durch die ruhige Inszenierung so effektiv wirken.

Kairo ist eine überraschend frühe Kritik am Internet und dem Auseinanderdriften der Gesellschaft durch digitale Vernetzung, vor allem geht es aber um Einsamkeit. Die Figuren bleiben dabei allerdings etwas blass, wir erfahren fast nichts (bis auf einen kurzen Monolog von Harue) über sie und ihr Privatleben. Aber so ein Film ist Kairo einfach nicht.

Regie und Drehbuch stammen von Kurosawa Kiyoshi, von dem ich kürzlich schon Cure besprochen habe, der eine ähnlich düstere Atmosphäre hat. Filmkritiker Hasumi Shiguéhiko nennt ihn im oben verlinkten Interview übrigens als einen der interessantesten aktuellen Regisseure.

Flowers of Taipei

Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014 über das Taiwan New Cinema der 1980er-Jahre, als im Zuge der politischen Veränderungen im Land eine neue Generation von Filmemachern antrat, das Kino zu revolutionieren. In der Doku kommen Filmschaffende aus aller Welt zu Wort, die durch diese Filme beeinflusst wurden. Koreeda Hirokazu, dessen Vater aus Taiwan stammt, sagt, ihn haben diese Filme stärker geprägt, als das japanische Kino der 80er. Auch Jia Zhangke schwärmt von diesen Filmen, bei dem sich diese Einflüsse wohl am stärksten im Werk widerspiegeln, ebenso bei Kiyoshi Kurosawa und Apichatpong Weerasethakul. Bei Olivier Assayas eher weniger.

Mit Taiwan New Cinema sind vor allem die Regisseure Edward Yang, Hou Hsiao-Hsien, Chang Yi, Chen Kun-hou, Wan Jen und Wang Toon gemeint. In der Doku kommen vor allem jene zu Wort, die von diesem Kinos beeinflusst wurden, erst am Ende des Films dann zwei der taiwanesischen Filmschaffenden selbst. Tsai Ming-liang sagt nur kurz, dass er sich nicht zum Taiwan New Cinema zähle, und Hou Hsiao-Hsien meint, dass damit der Niedergang der Filmindustrie begann.

Ich selbst habe schon als Jugendlicher in den 90ern Tsai Ming-liang Rebellen im Neonlicht gesehen und war total fasziniert von der Inszenierung. Die Filme zeichnen sich vor allem durch Ruhe und Langsamkeit aus sowie einen realistischen, direkten Blick auf die Welt, anders als z. B. die meist magische, romantisierte Atmosphäre in Hongkong-Filmen. Apropos, im Abspann steht Ann Hui bei den Interviewten, mir ist sie im Film aber nicht aufgefallen, wurde wohl rausgeschnitten. Edward Yangs The Terrorizers habe ich kürzlich erst besprochen.

Eine sehr sehenswerte Doku der taiwanesisch-französischen Filmemacherin
Chinlin Hsieh, die einen guten Eindruck von dieser bestimmten Ära des taiwanesischen Kinos und den tollen Filmen vermittelt. Ich habe direkt Lust darauf bekommen, einige der hier erwähnten Filme zu sehen, die ich teilweise auch schon länger auf meiner Wunschliste stehen habe. Leider sind die meisten davon nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Fallen Leaves (Kuolleet lehdet)

Der aktuelle Film von Aki Kaurismäki über zwei Menschen mittleren Alters (oh Gott, Google sagt, die sind in meinem Alter), die in finanziell benachteiligten Verhältnissen Leben und vom Leben nicht mehr viel erwarten. Er Alkoholiker, sie einsam. Zaghaft nähern sie sich an. Lakonisch mit trockenem Humor gefilmt, durchaus tragisch, eingerahmt in Radiomeldungen zum Krieg gegen die Ukraine. Im Kino schauen sie The Dead Don’t Die, und ich stelle mir vor, dass Kaurismäki und Jarmusch Kumpels sind, denn ihre Filme sind sich vom Wesen her zu ähnlich, als das wir in einer Welt leben könnten, in der die beiden nicht Kumpels sind.

Blog

Hier auf dem Blog habe ich kürzlich alle Besprechungen japanischer Filme aus meinen Wochenrückblicken zusammengefasst.

Und bin in einem Beitrag darauf eingegangen, warum ich mich so schlecht von Büchern trennen kann.

Tor Online

„Was wäre, wenn …?“ – Alternate History als Genre

Was wäre wenn, die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen hätten? Oder wenn die Sowjetunion zuerst auf dem Mond gelandet wäre? Solchen Fragen geht die Alternate History als Untergenre der Science Fiction nach. Lena Richter stellt es uns vor.

Weltraumgeschichten sind Horrorgeschichten

Im Weltraum hört dich niemand schreien, heißt es. Doch dafür braucht es gar kein mörderisches Alien, denn dort kann dich alles töten, beim kleinsten Fehler. Emily Hughes erzählt uns, warum das Weltall der blanke Horror ist.

Worüber ich mich freue

Ein neues Bild meiner Mutter.

Abstraktes Bild auf dem die Farben Rot, Orange, Rosa, Weiß und Schwarz ineinander verlaufen.

Die Greifvögel, die regelmäßig über unserem Grundstück kreisen.

Ein Greifvogel im Flug mit ausgebreiteten Flügeln. Aufgrund der Lichtverhältnisse ist er nur als Schatten zu sehen, die einzelnen Federn sind aber gut zu erkennen.

Ausblick

Nächste Woche wird es vermutlich keinen Wochenrückblick geben. Diese Woche war sehr ruhig, das Haus habe ich nur zum Einkaufen verlassen. Das sieht in der kommenden Woche anders aus. Zahnarzttermin, TÜV in der einen Werkstatt, Sommerreifen in der anderen und am Samstag möchte ich (wenn mein Auto es über den TÜV schafft) zum Marburg Con nach Niederweimar fahren.

Japanuary #8: Yasujirō Ozu in 10 Filmen

Acht Filme sollten es im Japanuary sein, und acht Besprechungen sind es geworden. Doch bei der letzten habe ich etwas geschummelt. Böse Zungen behaupten, Ozu habe immer den gleichen Film gedreht, weshalb ich die zehn Film, die aktuell in der Arte-Mediathek verfügbar sind, mal frech als einen Film im Japanuary bespreche (zumal ich sechs davon bereits im November/Dezember gesehen habe). Es zeigt sich aber schnell, dass das so gar nicht stimmt. Ozu selbst sagte sinngemäß, er verfilme halt gerne das, was er liebt, und nehme dafür immer wieder die gleichen Zutaten, aber in unterschiedlichen Variationen.

Das ältere Ehepaar aus "Reise nach Tokio" sitzt in Kimonos am niedrigen japanischen Tisch, in den Händen eine Tasse Tee und starrt versonnen jenseits der Kamera.

Es sind die feinen Unterschiede, die für mich den Reiz dieses Filmmarathons ausgemacht haben. Anfangs hatte ich befürchtet, mich schnell zu langweilen, wenn ich mir jeden Sonntagabend einen Ozu-Film ansehe, doch jetzt, wo ich durch bin, fehlen sie mir bereits.

Ich habe mir die Filme nicht in chronologischer Reihenfolge angesehen, sondern so, wie sie in der Arte-App gelistet sind. Immer im Original mit Untertiteln.

Guten Morgen (Ohayō, 1959)

Eine Nachbarschaftskomödie in einem Neubaugebiet, wo die Familien dicht aufeinander hocken, tratschen, sich gegenseitig helfen, spekulieren und so langsam in der Moderne ankommen. Hat ein bisschen was von Jacques Tati. Sehr witziger Film, der eigentlich ganz subtil vorgeht, aber auch einige Furzwitze macht. Der Film von 1959 kann wohl zum Spätwerk Ozus gezählt werden.

Die Reise nach Tokio (Tōkyō monogatari, 1953)

Der wohl bekannteste Film von Yasujirō Ozu, über ein älteres Ehepaar, das die erwachsenen Kinder in Tokyo besucht und feststellen muss, dass die alle ihr eigenes Leben führen, in das der Besuch so gar nicht reinpasst. Meditativer Film über Familie und die Abnabelung der Kinder.

Spätherbst (Akibiyori, 1960)

Spätherbst beginnt mit der Trauerfeier für Herrn Miwa, der drei Freunde, eine Frau und eine erwachsene Tochter hinterlässt. Und dass diese beiden (wieder) verheiratet werden, haben sich die drei alternden Freunde zur Aufgabe gemacht. Ob die Frauen das wollen, oder nicht.

Im Prinzip geht es in dem Film um die Aufrechterhaltung des Patriarchats, bei der sich die alten Männer mehr als übergriffig verhalten, was den Frauen im Film deutlich anzumerken ist, und die drei erhalten dann auch einen Anschiss von einer Freundin der Tochter, aber am Ende gibt es doch eine Hochzeit. Trotzdem hat mir der Film noch besser als Guten Morgen und Die Reise nach Tokio gefallen, weil ständig was passiert, eine schöne Dynamik im Gang ist, mit psychologisch feinfühligen Beziehungsgeflecht.

Später Frühling (Banshun, 1949)

Die 27-jährige Noriko lebt bei ihrem verwitweten Vater und schmeißt ihm den Haushalt, ist aber ganz glücklich mit der Konstellation und denkt gar nicht ans Heiraten. Doch dann schlägt das Patriarchat zurück und ihre manipulative Tante drängt sie in die Ehe.

Klassischer Ozu, noch etwas simpler gestrickt, was die Figurenzahl und Handlungsstränge angeht, aber im Prinzip eine typische Variation seiner Hauptthemen Familie und Heiraten. Eigentlich sind seine Filme immer tragisch anzusehen, denn sie zeigen moderne, selbstständige Frauen, die am Ende in den Zwängen der Ehe landen, ob sie wollen oder nicht. In Später Frühling wechselt Noriko von einer patriarchalen Konstellation mit ihren Vater in eine andere. Aber wenigstens war sie mit der ersten zufrieden.

Was mir auffällt, der Film ist nicht so statisch, wie die drei anderen Filme, die ich bisher von Ozu gesehen habe. Die Figuren sind viel mehr in Bewegung, im Zug, auf dem Fahrrad, zu Fuß. Wir sehen mehr von Tokyo.

Sommerblüten (Higanbana, 1958)

Der Film beginnt mit einer Hochzeit aus Liebe, was einer der Redner, unser Protagonist und älterer Geschäftsführer, sehr begrüßt. Auch wenn jüngere Frauen aus dem Familienumfeld seinen Rat suchen, gibt er sich locker und unterstützt sie in ihren unabhängigen Entscheidungen. Aber bei der eigenen Tochter hört der Spaß auf. Da ist er strickt gegen Setsukos Heirat mit Herrn Taneguchi – einfach, weil er ihn nicht kennt und nicht selbst ausgesucht hat. Der Film arbeitet gut heraus, dass es hier nicht um väterliche Liebe oder gesellschaftliche Konventionen geht, sondern um Kontrolle. Der Vater möchte weiterhin Kontrolle über seine Tochter ausüben, und die Kontrolle nur an einen von ihm auserwählten Nachfolger übertragen. Der Film ist am Ende aber deutlich versöhnlicher als andere Filme von Ozu, wie z. B. Später Frühling, und enthält auch einige feine Beobachtungen, was den Umgang von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Stellungen miteinander angeht.

Weizenherbst (Bakushū, 1951)

Ozu, die Sechste. Zur Abwechslung geht es mal um eine junge Frau, die von ihrer Familie verheiratet werden soll, aber ihren eigenen Kopf hat. Statt den von ihrem Chef vermittelten und ihrer Familie präferierten Mann zu heiraten, hat sie jemand anderes im Sinn, was ihrer Verwandtschaft missfällt. Ozus Filme drehen sich immer um die gleichen Themen, mit den gleichen Darsteller*innen in den fast gleichen Kulissen, und variieren nur in den Details.

Hier liegt der Fokus auf Norikos Kernfamilie, Schwester, Bruder, Eltern und die Neffen. Anders als in anderen Filmen Ozus spielt das nähere Umfeld keine so große Rolle. Stattdessen dreht sich alles um die Familiendynamik, die vom Regisseur fein beobachtet eingefangen wird. Kritisieren könnte man, dass es sich immer um Familien aus der Mittelschicht handelt, immerhin wird hier ein, zwei Mal das Thema Geld und der teure Preis von etwas angesprochen. Und auch der Krieg wird etwas stärker thematisiert. Was mir der Film aber nicht vermitteln konnte, ist, wie Norikos große Entscheidung zustande gekommen ist.

Ein Herbstnachmittag (Samma no aji, 1962)

Der letzte Film von Ozu. Am Anfang dachte ich: Och nö, nicht schon wieder eine arrangierte Ehe. Erfreulicherweise geht es dann eine Weile erst mal um ganz andere Sachen, erst im letzten Drittel kehrt Ozu zu seinem Kernthema zurück, da kann er wohl nicht aus seiner Haut, denn auch dieser Film endet mit einer Hochzeit. Trotzdem unterscheidet er sich von seinen anderen Filmen. Der Krieg ist viel mehr Thema als sonst. Hier spekuliert tatsächlich jemand darüber, was hätte sein können, wenn Japan den Krieg gewonnen hätte, wenn auch nur sehr scherzhaft. Am Ende kommen sie aber zum Schluss, dass die Niederlage wohl doch ganz gut war. Auch Geld spielt eine größere Rolle. Der älteste Sohn des Vaters, der schon verheiratet ist, ist nur ein kleiner Angestellter, der abends müde nach Hause kommt und sich beim Vater Geld für einen Kühlschrank leihen muss, aber in Konflikt mit seiner Frau gerät, weil er sich auch noch Golfschläger kaufen will. Es geht immer noch um recht privilegierte Familien, ohne wirkliche Finanznöte, aber mir scheint, wir sehen hier auch die Geburt des Salaryman in Ozus Werk.

Was sich auch geändert hat, ist, dass die Leute hier vor dem betreten einer Wohnung oder eines Hauses nicht nur Anklopfen, sondern auch warten, bis sie hereingerufen werden, und nicht einfach in den Eingangsbereich treten. Und nachts wird abgeschlossen. Hat sich da was seit den 1950ern in der japanischen Gesellschaft verändert?

Alles interessante kleine Alltagsbeobachtungen, im Mittelpunkt steht aber immer noch die Familie. Hier lebt der Vater mit seiner Tochter und dem jüngsten Sohn. Die beiden Männer sind auf die Haushaltshilfe durch die Schwester angewiesen, weshalb der Vater erst gar nicht möchte, dass seine Tochter heiratet, bekommt aber mit, welch schweres Los die Tochter seines alten Lehrers gezogen hat, die dem immer noch den Haushalt schmeißt. Am Ende müssen Vater und Sohn allein überleben – eine wirklich furchtbare Vorstellung.

Ja, es ist der xte Film Ozus über das gleiche Thema, aber gerade bei diesem hier weiß ich die Variationen wirklich zu schätze, scheinen sie mir doch auch kleine Veränderungen in der japanischen Gesellschaft widerzuspiegeln, die es in früheren Filmen nicht gab.

Tokio in der Dämmerung (Tōkyō Boshoku, 1957)

Von sieben Filmen bisher der düstereste von Ozu. Deshalb heißt er wohl auch Tokio in der Dämmerung. Normalerweise herrscht in seinen Werken größtenteils heile Welt, auch wenn es kleinere Konflikte gibt und nicht alle Figuren glücklich enden. Die Arrangierung einer Ehe spielt hier keine Rolle, wird nur mal kurz in einem Gespräch erwähnt. Es beginnt damit, was passiert, wenn sich der vom Vater ausgewählte Ehemann der (hier älteren) Tochter als Fehlgriff erweist, weil er trinkt, aufbrausend und inwirsch reagiert, vermutlich, weil er beruflich frustriert ist. Hinzu kommen Themen wie Glückspiel, uneheliche Beziehungen und ungewollte Schwangerschaft.

Die beiden Hauptfiguren, die Töchter Takako (die ältere) und Aikiko (die jüngere) wurden von ihrem Vater alleine aufgezogen, weil die Mutter sie verlassen hat. Also spielt auch die Frage eine Rolle, ob es beide Elternteile braucht, um glückliche Kinder heranzuziehen sowie die Suche nach Identität.

Die Atmosphäre des Film erinnert zwischendurch fast schon an Film Noir, wenn Aikiko von der Polizei aufgegriffen wird, weil sie – ungeheuerlich – spätabends allein in einer Bar saß, und von der älteren Schwester auf dem Revier abgeholt werden muss. Das Nachtleben, dass hier gezeigt wird, hat nichts mit der fröhlichen Luna Bar aus den anderen Filmen zu tun, es wird Geld beim Mahjong verloren, getratscht und Gerüchte in die Welt gesetzt.

Der Film nimmt kein gutes Ende, so viel kann ich schon verraten. Von den sieben Werken Ozus, die ich bisher gesehen habe, sticht er am ehesten heraus, weil er andere Thematiken angeht und die bekannten auf andere Weise.

Noch eine Anmerkung zu den Untertiteln. Da würde ich mir wünschen, dass manche japanische Begriffe beibehalten werden. Wenn der Vater zur Tochter sagt: „Setz dich doch zu mir an den Ofen“, ist damit kein klassicher Ofen wie bei uns gemeint, sondern der Kotatsu, der kleine Tischofen, an den man sich unter eine Decke setzt, da es in japanischen Häusern im Winter meist arschkalt ist. So was würde etwas Lokalkolorit beibehalten und japanische Kultur vermitteln.

Früher Frühling (Sōshun, 1957)

Ein junges Ehepaar, das bereits ein Kind verloren hat. Er schlechtbezahlter Angestellter, der gerne mit seinen Freunden einen draufmacht, sturzbetrunkene Kameraden vom Veteranentreffen mitbringt und eine Affäre anfängt. Sie unglücklich in der Ehe, muss ihm hinterherräumen; bekommt gemeckert, wenn kein Essen auf dem Tisch steht, wenn er nach Hause kommt; steht es doch da, hat er keinen Hunger.

Arrangierte Ehe ist hier zu keinem Zeitpunkt Thema, es geht um andere Themen, vor allem ist der Film ein Beziehungsdrama, aber auch eine kritische Reflexion über das Angestelltenleben in Tokio und die Sorgen des Salaryman. Im Prinzip ein Slice-of-Life-Film, in dem das Büroleben und die Freundschaft unter den Kolleg*innen überraschend viel Raum einnimmt. Insgesamt ist das Hauptensemble viel jünger als in den anderen Filmen (die Kinder in Guten Morgen mal ausgenommen).

Der Film etwas zu lang geraten und enthält einige langweilige Szenen, kann aber mit seinem – für Ozu-Verhältnisse – abwechslungsreichen Thema überzeugen. Auch wenn manche Szenen etwas gestellt wirken, als wären sie nur eingebaut, um philosophische Betrachtungen zur japanischen Arbeitskultur einzubringen. Die Leistungsgesellschaft und das harte Angestelltenleben werden sehr kritisch betrachtet. Während das Leben auf dem Land und außerhalb der Kaisha (der großen Firma) entspannter daherkommt. Und damit trifft Ozu den Nagel auf den Kopf, denn genau diese Arbeitskultur trägt heute mit dazu bei, dass die Geburtenrate in Japan so niedrig ist und viele Männer das Interesse an echten Frauen* verloren haben.

Allerdings ist es auch eine Beweihräucherung der klassischen Ehestruktur und damit des Patriacharts, das hier schließlich zum Happy End führt.

Fun Fact Chishū Ryū spielt hier nur eine kleine Rolle ganz am Anfang und am Ende, und sieht viel jünger als in den anderen Ozu-Filmen aus, inklusiver derer, die fast 10 Jahre älter sind. Aber seine ehemaligen Kolleg*innen meinen, er wäre alt geworden.

*echte Frauen im Vergleich zu Idols, Pornos, Animefiguren usw.

Der Geschmack von grünem Tee auf Reis (Ochazuke no Aji, 1952)

Taeko lebt in einer arrangierten Ehe mit Mokichi, der auf dem Land aufgewachsen ist und den sie als Mr. Lahm bezeichnet, wenn sie mit ihren Freundinnen hinter seinem Rücken ins Onsen fährt und sich Sake hinter die Binde kippt. Also genau das macht, was die Männer ständig machen. Doch Mokichi ist ein von Grund auf netter Kerl und hilft Taekos Nichte, einem arrangierten Treffen mit einem Mann zu entgehen.

Im Film geht es also vor allem um Beziehungsprobleme, die mit einer arrangierten Ehe einhergehen. Interessant finde ich, wie viel gelassener der Umgang von japanischen Frauen mit Affären ihrer Männer ist. Aber wenn man sich nicht liebt, ist die Verletzung wohl auch nicht so groß und alles wird pragmatischer betrachtet, um die Harmonie nicht zu stören.

Für ein Film von Ozu gibt es hier viel Bewegung. Am Anfang fahren wir in einem Auto mit und die Kamera nimmt die Perspektive des Fahrers ein, während wir eine Tour durch Tokyo erhalten. Später blicken wir mit der Kamera aus einem Zugfenster während der Fahrt, es geht zum Radrennen und am Ende hebt sogar ein Flugzeug ab.

Im Prinzip geht es um zwei Menschen, die schon lange zusammen leben, sich aber jetzt erst richtig kennenlernen. Was nicht ohne Konflikte bleibt, am Ende aber ein versöhnliches Ende nimmt. Das ist allerdings dann doch die sehr konservative Lösung in Ozus eher traditionellem Familienbild.

Von den 54 Filmen, die Ozu gedreht hat, sind nur 37 übriggeblieben, der Rest ist verschollen. Ich hoffe aber, dass ich die verbliebenen noch irgendwann zu sehen bekomme, denn dieser Ozu-Marathon war ein echter Erlebnis. Um sein Werk im Kontext des japanischen Kinos einzuordnen, fehlt mir noch das Wissen, doch hoffe, das hier war nur der Beginn einer ausgiebigen Beschäftigung mit dem japanischen Kino. Ich schaue mir schon seit der Kindheit – angefangen mit Godzilla-Filmen – gerne japanische Filme an, doch eine substanzielle Beschäftigung damit, stand bisher noch aus. Da ich vor anderthalb Jahren damit angefangen habe, Japanisch zu lernen und mit ausführlicher mit der japanischen Kultur zu beschäftigen, wird mein Fokus in den nächsten Jahren auf dem japanischen Kino liegen.

Ozu, der Filmemacher des Glücks

Neben den zehn Filme gibt es in der Arte-Mediathek noch einen 30-minütigen Beitrag zu Ozu, der uns den Regisseur und sein Werk mittels Tagebucheinträgen und Filmausschnitten näherbringen soll. Nimmt man allerdings die unkommentierten Filmszenen raus, bleiben vielleicht noch zehn Minunten an Informationen, so dass ein recht dünnes Bild von Ozu zurückbleibt, auch wenn die Tagebucheinträge interessant sind.

The Mysteries of Ozu: A Master Filmmaker’s Enduring Legacy

Deswegen empfehle ich eher diese Doku über Ozu auf dem japanischen Sender NHK World Japan, die per App oder Webseite auch bei uns auf Englisch gesehen werden kann. Sie dauert 50 Minuten und wir erfahren mehr über Ozus Werdegang, seine Zeit im Krieg und seine Freundschaft zu dem jungen Filmemacher Sadao Yamanaka (durch den er Setsuko Hara entdeckte, die 1936 in Yamanakas Film Priest of Darkness spielte), der nicht aus dem Krieg zurückkehrte. Dazu kommen Filmemacher wie Wim Wenders, Yoji Yamada, Suo Masayuki sowie einige Ozu-Experten.

Abnormal Family (Hentai kazoku: Aniki no yomesan, 1984)

Trotz aller Dramatik zeigen Ozus Filme (bis auf wenige Ausnahmen wie Tokio in der Dämmerung) eine relativ heile Welt mit der Familie als idealer Lebensform. Alkoholismus, aufbrausende Ehemänner, das wird alles nur sehr zaghaft angedeutet. Was wirklich hinter den verschlossenen Schlafzimmertüren passiert, sehen wir nicht. Dessen hat sich der Regisseur Suo Masayuki in der Ozu-Parodie Abnormal Family angekommen. Ein Pinku Eiga mit expliziten Sexszenen, der die Verkommenheit zeigt, die in arrangierten Ehen und dem starren Familienbild lauert, wo die Ehefrau schon mal gefesselt und vergewaltigt wird. Das Masayuki ein Bewunderer Ozus ist, sehen wir in der NHK-Doku, aber diese Hommage hier ist durchaus kritisch wenn nicht gar bitterböse geraten. Ozu als Pink-Film, das Werk eines jungen rebellischen Filmemachers, der später mit seriöseren Filmen wie Shall We Dance bekannt wurde. Durchaus sehenswert. Kann z. B. bei Youtube geliehen werden, ich hatte ihn auf Mubi gesehen, wo er aber nicht mehr verfügbar ist.

Und zu guter Letzt möchte ich noch auf meine Besprechung von Millennium Actress verweisen, da sich dieser Film an der Lebensgeschichte von Ozus Muse Setsuko Hara orientiert und eine Hommage an das japanische Kino ist.