Mein Woche: Was war da in Südkorea los?

Ich versuche kurz zusammenzufassen, was da diese Woche in Südkorea vorgefallen ist. Dazu gibt es Doku-Tipps zu Tolkien und Tokyo, einen Artikel zum Boom des Lügens und eine herausragende deutsche Krimiserie.

Collage aus vier Bildern, drei kleine oben, ein großes unten:
1. Sezene aus "Famous Five", die fünf Freunde über einen Tisch in einer Bibliothke bebeugt, daneben ein paar Erwachsene.
2. Rechts Jong aus Wir reden die Welt mit einem Foto seines Telefonpartners rechts.
3. Die beiden Hauptfiguren aus "Die Toten von Marnow" links der Mann auf einem Stuhl sitzend, rechs die Frau auf einem Tisch angelehnt.
3. Schweizer Berge umgeben ein Tal, das Vorbild für Tolkiens Rivendell gewesen sein könnte.

Südkorea

Eigentlich wollte ich diese Woche keinen Wochenrückblick machen, aber angesichts der Ereignisse in Südkorea, das ja immer wieder Thema hier auf meinem Blog ist, kann ich mich nicht zurückhalten. In der Nacht zum Donnerstag rief der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol den Ausnahmezustand bzw. das Kriegsrecht aus und faselte etwas von nordkoreanischen Agenten in der Opposition. Wie später rauskam, hatte er versucht, den Geheimdienst anzuweisen, nicht nur Oppositionsführer, sondern auch den Chef seiner eigenen konservativen Partei zu verhaften. Worauf die sich aber nicht eingelassen haben.

Nach südkoreanischem Recht muss das Kriegsrecht vom Parlament bestätigt werden. Damit dieses es nicht aufheben kann, sollte das Militär das Parlament blockieren und die Abgeordneten am Betreten hindern. Was das Militär sehr halbherzig und wenig erfolgreich tat, wohl vor allem auch, weil man die Soldaten über das Ziel des Einsatzes angelogen hatte, und sie sich statt nordkoreanischen Infiltratoren plötzlich Abgeordneten und Bürgern vor dem Parlament gegenüber sahen.. Flankiert von aufgebrachten Demonstranten kletterten die Abgeordneten teilweise über Mauern, um ins Parlament zu gelangen, während die Menschenmenge sich den Soldaten in den Weg stellten. Die zogen später wieder ab und entschuldigten sich teilweise bei den Demonstrierenden.

190 von 300 Abgeordneten schafften es ins Parlament und beschlossen einstimmig die Aufhebung des Kriegsrechts. Ein Votum, dem der Präsident erst einige Stunden später nachkam. Mit Nordkorea hatte das Ganze nichts zu tun. Was der alte Wirrkopf sich dabei gedacht hatte, darüber rätselt selbst seine eigene Partei noch. Er stand durch diverse Korruptionsaffären und andere Aufreger bereits stark unter Druck. Da ging es um eine Dior-Tasche seiner Frau, den Versuch, Ermittlungen zu unterbinden, und weltfremden Äußerungen zum Preis von Lauch im Supermarkt. Anfang des Jahres hatte die konservative Regierungspartei bei den Parlamentswahlen ein Debakel erlebt und die Mehrheit verloren. Was dazu führte, dass der Präsident zuletzt seinen Haushaltsentwurf nicht durchsetzen konnte. Das war wohl zu viel für sein männliches Ego und so startete er seinen Putschversuch. Und genau das war es auch. Obwohl alles glimpflich verlaufen ist, haben wir hier einen versuchten Staatsstreich von oben beobachtet, mit dem Ziel, die Demokratie auszuhebeln. Zum Glück haben sich die Südkoreanier*innen das nicht gefallen lassen. Zu tief dürften noch die Erinnerungen an die brutale Diktatur (mit zahlreichen Massakern an Demonstrierenden) sitzen.

Trotzdem ist Südkorea momentan ein tief gespaltenes Land, mit zwei verfeindeten Lagern, die sich relativ unversöhnlich gegenüberstehen.. Und durch die gewinnorientierte Ellenbogengesellschaft sind leider auch Korruption und Veruntreuungen an der Tagesordnung. Zum Glück gibt es eine lebendige und nachhaltige Protestkultur in der Gesellschaft.

Die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahren im Parlament ist in der Abstimmung gestern allerdings gescheitert, da für eine Zweidrittelmehrheit acht Stimmen aus der Regierungspartei fehlten.

Ein guter Chronist dieser Ereignisse ist Anton Hur auf seinem Bluesky-Account. Er gilt so ein wenig als koreanisches Pendant zu Ken Liu, ist ein großer Förderer der koreanischen Literatur im englischsprachigen Raum, übersetzt Autorinnen wie Bora Chung, schreibt aber auch selbst Bücher und hat wie Liu Jura studiert. Allerdings in Südkorea, weshalb er sich mit der dortigen Rechtslage gut auskennt.

Ansonsten verlinke ich hier noch die Sonderausgabe des Podcasts Wir reden die Welt, in der Jong, mit Kumpels telefoniert, die vor Ort in Südkorea über die Lage berichten.

Artikel

Lügen boomt

René Martens beim MDR mit einer ausgezeichneten Kolumne zum Thema Lügen in der Politik und was das mit Christian Lindner zu tun hat.

„Constanze Stelzenmüller, Direktorin des Center on the United States and Europe, und Georg Restle sahen den Dammbruch jedoch an anderer Stelle. Stelzenmüller meint:

‚Schlüsselsatz von #Lindner bei @CarenMiosga: ›Wir müssen mehr Milei und Musk wagen‹. Das ist das, was Lindner will: Autoritärer Libertarismus.“‚

Podcast

Rolling Sushi: Im Gespräch mit dem Autorenteam von „Unnützes Wissen über Manga und Anime“

Im Japan affinen Podcast Rolling Sushi waren die drei Autor*innen Jasmin Dose, Jan Lukas Kuhn und Stefan Mesch zu Gast und unterhalten sich über ihr Buch Unnützes Wissen über Manga und Anime, das ich ja auch schon besprochen habe.

Doku

Tolkien: Die wahre Geschichte der Ringe

Mit Tolkien kann man mich ja inzwischen eigentlich jagen. Ein großartiges Werk, vor allem den Herrn der Ringe habe ich mehrfach verschlungen und die Hörspieladaption mehr als einmal gehört. Aber auch den Hobbit mochte ich sehr und habe Das Silmarillion gelesen. Er ist mir in der Fantasy aber einfach zu überpräsent. Doch wenn eine neue Doku über ihn anläuft, in der auch jemand dabei ist, den ich kenne, dann kann ich da nicht nein sagen. Und es hat sich gelohnt. Wie hier die Einflüsse von Tolkiens Schweiz-Wanderung und seiner Zeit im 1. Weltkrieg nachgezeichnet werden, das ist schon toll. Den Tolkienist Marcel Aubron-Bülles habe ich 2014 auf einem Übersetzungsworkshop (siehe hier) kennengelernt. Seitdem sind wir im losen Kontakt verblieben. Zuletzt hat er mir für Tor Online einen Artikel zu Rings of Power geschrieben. Die Doku hat mir jetzt aber doch wieder ein wenig Lust gemacht, The Lord of the Rings endlich mal auf Englisch zu lesen.

Arte-Mediathek

Tokio by Night – Party, Neon, Nachtclubs

Nette Reportage über einige Aspekte des Tokyoter Nachtlebens. Dabei auch sozialkritisch, z. B. wenn es um junge obdachlose Menschen geht oder um Frauen, die in männlichen Host-Clubs ausgenommen werden. Dazu einige der üblichen Kuriositäten, wie albern wirkende SM-Partys.

ZDF-Mediathek

Serien

Die fünf Freunde

In der ZDF-Mediathek gibt es seit heute die Neuauflage der Fünf Freunde, drei von Nicolas Winding Refn! produzierte Filme, die dem inzwischen doch teils problematischen Ursprungsmaterial (Stichwort Rassismen, angestaubte Rollenklischees) hoffentlich ein zeitgemäßes Update verpassen. Ich werde sie mir für die Feiertage aufheben. Scheint mir genau der richtige Stoff für diese Zeit zu sein. Die klassische Serie von 1978 gibt es momentan aber auch in der Mediathek.

Die Toten von Marnow (Staffel 1)

Nach der ersten Folge dachte ich noch, das wird eine stinknormale dröge deutsche Krimiserie, doch ab Episode 2 gewinnt sie an Fahrt mit ihren beiden kantigen Ermittler*innen, die ein tolles Gespann abgeben. Ermittelt wird in einer Mordserie, die zurück in die DDR und dunklen Machenschaften der Stasi führt. Für eine ÖRR-Serie geht sie teils ungewöhnliche Wege und trifft faszinierende Entscheidungen. Habe ich an zwei Tagen durchgebinged. Ich habe die Serie gesehen, ohne vorher einen Trailer zu sehen, denn der hier verrät schon relativ viel.

ARD-Mediathek, Staffel 2 ist gerade erschienen

Mein Oktober: Buchmessen und Gedanken über meine berufliche Zukunft

Im Oktober habe ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht, den BuCon und die 1. Koblenzer Buchmesse besucht, habe brilliante Serien aus England gesehen und ein paar Filme mit Substanz.

Collage aus vier Fotos, drei in schmalen Kacheln oben, ein großes Bild unten:
1. Ein Eichhörnchen auf einer Außenfensterbank auf dem Weg zur Nuss, rechts davon steht innen ein Buch (siehe Alt-Text vom ersten Foto).
2. Ein Buchstand auf der Koblenzer Buchmesse. Vorne auf dem Tisch sind einige Bücher drapiert. Dahinter stehen Alessandra Reß und Laura Dümpfelfeld und lächeln in die Kamera.
3. Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
4. Sonnenuntergang über den Dächern von Einfamilienhäusern. Die Wolken werden golden angestrahlt.

Global gesehen war der Oktober wieder ein ganz furchtbarer Monat. Israel zerbombt den Libanon, der Konflikt mit dem Iran eskaliert weiter, die Klimakrise macht sich immer deutlicher bemerkbar: Überflutungen in Spanien, Hurrikans in Nord- und Lateinamerika. Taifune in Südostasien. Kurz zuvor Überflutungen in Österreich, Tschechien, der Slowakei und Polen. In Frankreich. Und was bei uns oft nicht einmal mehr eine Nachrichtenmeldung wert ist, in mehreren afrikanischen Ländern. Die Front in der Ukraine bröckelt. Gleichzeitig schwächelt Kamala Harris im US-Wahlkampf und Trump wird immer wahrscheinlicher. Was das Ende der Ukraine bedeuten würde. Die jetzt auch durch nordkoreanische Soldaten bedroht wird, während China immer größere Militärmanöver um Taiwan veranstaltet und in Südkorea selbst die gelassensten Menschen langsam beunruhigt sind. Während Russland bei den Wahlen in Georgien fleißig manipuliert und einen EU-Beitragskandidaten aus der Demokratie drängt. Und ein SPD-Generalsekretär Gerhard Schröder rehabilitieren will und meint, man solle in Sachen Ukraine-Krieg nicht so schwarz-weiß denken, und seine Partei in den neuen Bundesländern mit Putinknechten koalieren möchte, der Westen generell schleichend die Ukraine verrät und Bundesregierung kurz vor dem Zusammenbruch steht (siehe die getrennten Finanzgipfel der Koalitionsspitzen).

Aber ich will euch ja nicht in eine Depression stürzen, sondern hier vor allem über mich schreiben. Und ich persönlich hatte einen sehr schönen Oktober.

Über meinen Horroctober habe ich kürzlich ja berichtet.

BuCon 2024

Die Frankfurter Buchmesse habe ich mir in diesem Jahr erspart, war aber natürlich wieder auf dem Buchmesse Convent in Dreieich-Sprendlingen, wo sich die deutschsprachige Phantastikbuchszene trifft. Für mich ist schon die gemeinsame Anfahrt mit Michael Schmidt und Ralf Steinberg ein Highlight, das machen wir seit fast 15 Jahren. Der Con war proppevoll, aber zum Glück herrschte schönes Wetter und wir konnten draußen sitzen.

Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
Links Michael Schmidt, rechts Ralf Steinberg, der in der Mitte, das bin ich.

Mit meinem Chef habe ich zweieinhalb Stunden im Park direkt neben dem Bürgerhaus gesessen und gequatscht. Auf der Buchmesse wäre das ein gehetzter halbstündiger Termin gewesen. Ansonsten habe ich ganz viele Freunde und bekannte getroffen, mit denen ich sonst das ganze Jahr nur Kontakt über das Internet habe. Darunter auch einige meiner Tor-Online-Autor*innen.

Besonders gefreut habe ich mich, Frank Böhmert wiederzutreffen. Falls ihr meinem Blog schon länger folgt, wisst ihr vielleicht, dass er eine maßgebliche Rolle bei meinem Berufseinstieg als Übersetzer gespielt hat, genauer könnt ihr das in seinem Gastbeitrag von 2012 nachlesen. Er hat mir auch meine Aufträge bei N24 vermittelt, für die ich ein Jahr lang TV-Dokus übersetzt habe, und war Teil meines SF-Freundeskreis in Berlin, als ich noch dort wohnte

Gedanken zur beruflichen Zukunft

Frank hat kürzlich seinen Job als Übersetzer an den Nagel gehängt. Zum einen, weil die Auftragslage schlechter geworden ist und die Aussichten durch KI-Übersetzungen auch nicht besser werden, aber auch, weil er bei der Durchsicht alter Abrechnungen feststellte, dass die Honorare, die er zuletzt bekommen hat, sogar unter denen von vor zehn Jahren lagen (ohne Inflation usw. einberechnet), und er zu dem Schluss kam, dass die Arbeit als Übersetzer nur noch Selbstausbeutung ist.

Also ist er zu Beratungsgesprächen gegangen und hat sich auf einige Stellen beworben. Und jetzt eine bei Verdi als Bürokraft bekommen. Sein Traumjob. Könnt ihr auch alles bei ihm auf Mastodon und Blue Sky nachlesen.

Auch Jakob Schmidt, der ebenfalls aus der Berliner-SF-Bubble stammt, und zuletzt den Roman von Keanu Reeves und China Miéville übersetzt hat und davor Frank Herberts Wüstenplanet plus Fortsetzungen, sattelt jetzt zum Grundschullehrer um.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn also zwei so etablierte Übersetzer, die ein Standing in der Verlagsbranche haben, das ich mir leider nie erarbeiten konnten, sich schon beruflich umorientieren, dann dürften die Aussichten für mich auch nicht gerade rosig sein. Meine Übersetzerkarriere ist immer ein Auf und Ab gewesen. Zeiten, in denen Flaute herrschte, wechselten sich mit solchen ab, in denen ich zu viele Aufträge auf einmal hatte. Letztes Jahr hatte ich ein gutes Jahr, dieses Jahr herrscht totale Flaute.

Zum Glück habe ich noch meinen Job bei Tor Online/Fischer Tor, durch den ich meine laufenden Kosten decken kann. Aber fallen einmal größere Ausgaben an, wie kürzlich die Reparaturkosten, um mein Auto über den TÜV zu bekommen, muss ich an das Geld ran, das ich mir durch Übersetzungsaufträge angespart habe. Und das schrumpft dann.

Ich bin in meinem Leben noch nicht oft verreist, meine Urlaube als Erwachsener kann ich an einer Hand abzählen. Aber im nächsten Jahr möchte ich endlich nach Japan reisen. Davon träume ich schon seit meiner Kindheit und bereite mich seit zwei Jahren darauf vor, in dem ich Japanisch lerne und mich noch intensiver mit der Kultur beschäftige. Das kann ich mir durch die Aufträge im letzten Jahr leisten. Aber ich würde in Zukunft gerne öfters verreisen, bevor die Welt in Sachen Klimakrise, Demokratierückgang und Kriegen endgültig kippt. Und ich würde auch gerne irgendwann auf ein Elektroauto umsteigen und eine Solaranlage auf dem Dach installieren.

Mit dem schwankenden Einkommen als Freiberufler und den viel zu niedrigen Honoraren in der Buchbranche ist das schwierig. Zwar würde ich gerne noch ein paar Jahre in der Branche weiterarbeiten, denn die Arbeit macht mir richtig Spaß, und ich finde es toll, mir die Zeit selbst einteilen zu können, aber angesichts der aktuellen Lage scheint mir das eher unrealistisch zu sein. Doch Franks Beispiel (er ist Anfang 60) hat mir gezeigt (ich bin 45), dass es nie zu spät für eine berufliche Veränderung ist (außer man träumt von einer Karriere bei VW).

Aber wenn ihr jemanden für eine Übersetzung sucht, meldet euch bitte, noch bin ich weiterhin als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche tätig. Hier gibt es genauere Infos zu meiner Vita und meinen Qualifikationen.

Jetzt bin ich ganz schön abgeschweift. Aber so schön der Oktober und der BuCon auch waren, hat mich der Monat auch sehr nachdenklich gestimmt. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch eine gute Sache ist. Nächstes Jahr geht es mit Tor Online erstmal weiter (da hangel ich mich auf von Jahresvertrag zu Jahresvertrag). Und ich werde noch mal fleißig Akquise betreiben, sollte die Lage aber so bleiben, werde ich mich beruflich umorientieren. Könnte also gut sein, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren wieder in meinen Beruf als Sozialpädagoge zurückkehren werde, oder vielleicht auch was ganz anderes mache. Fände ich auch interessant.

Bucon (die zweite)

Doch zurück zum BuCon. Der war richtig toll. Ich habe den ganzen Tag durchgequatscht, nur eine Veranstaltung gesehen und abends ging es zum Essen. Wie schon erwähnt, wenn es geregnet hätte, wäre es vermutlich ungemütlich geworden, da es drinnen viel zu voll ist und Sitzmöglichkeiten fehlen. Aber bisher hatten wir zum BuCon immer Glück mit dem Wetter. Ich freue mich für die Veranstalter, dass sie über 100 Programmpunkte anbieten können und so viele Auststeller*innen, aber rein inhaltlich, jenseits vom Freund*innen-Treffen, wird mir der Con etwas zu voll und ungemütlich. Trotzdem werde ich nächstes Jahr wieder kommen.

1. Koblenzer Buchmesse

Eine Woche später ging es mit meiner Mutter auf die 1. Koblenzer Buchmesse, die von einem einzelnen Autor organisiert wurde, weshalb meine Erwartungen nicht allzu hoch waren und ich auch nicht viele Besucher*innen erwartet hatte. Als wir um 11.00 Uhr ankamen, war es schon ziemlich voll. Am Ende sollen es über 1.000 gewesen sein und Alessandra Reß berichtete, dass sie und Laura Dümpelfeld an ihrem Stand alle Bücher verkauft hätten. Für mich persönlich war das mit den ganzen regionalen Kleinstverlagen und Selfpublishern nicht so interessant, aber doch genug, um sie zumindest einmal kurz besucht zu haben. Und zwei Bücher, die mich schon länger interessieren, habe ich mir auch gekauft.

Erstaunlicherweise habe ich mich auf keiner der Veranstaltungen mit Corona angesteckt. Dabei ist mein Termin für die Auffrischung erst am 25. November, obwohl ich schon im September deswegen angerufen hatte. Letztes Jahr ging das noch innerhalb von einer Woche.

Damit feier ich übrigens fünfjähriges Jubiläum. Denn Anfang November 2019 bin ich das letzte Mal krank gewesen (Halsentzündung). So schlimm kann das Masketragen also nicht für das Immunsystem gewesen sein.

Tor Online

Ansonsten war ich fleißig, was Tor Online angeht, und habe endlich meinen Artikel zum Stand der epischen Fantasy auf dem deutschsprachigen Buchmarkt beendet. Angefangen hatte ich den schon im Frühjahr, als die Videos dazu von Petrik Leo und Libarary of a Viking online gingen. Dafür habe ich Verlagslektor*innen und Buchhändler*innen angeschrieben und interviewt, und eine Umfrage unter Leser*innen durchgeführt. Dadurch ist der Beitrag etwas eskaliert und wir haben ihn in drei Teile aufgeteilt, weil er sonst zu lange geworden wäre.

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil eins: Die Ausgangslage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil zwei: Die Sicht der Verlage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil drei: Der Handel und die Leser*innen

Und ich bin echt erstaunt, wie viele Reaktionen er hervorgerufen hat. Auf Facebook werden Tor-Online-Artikel seit der Pandemie kaum noch kommentiert, hier sind jetzt über alle drei Teile und bei allen geteilten Beiträgen insgesamt über 100 Kommentare aufgelaufen und die Klickzahlen sind ebenfalls ziemlich gut. Hätte ich wirklich nicht gedacht, aber da scheine ich einen Nerv getroffen zu haben. Ein Thema, dass die Leute umtreibt.

Daneben habe ich noch ein paar interessante Bücher begutachtet.

Translate or Die

Artikel

Retrospektive Regisseur Edward Yang

Mit The Terrorizers und A Brighter Summer Day habe ich schon zwei Filme des taiwanesischen Regisseurs Edward Yangs auf diesem Blog besprochen. Im Berliner Zeughauskino läuft jetzt eine Werkschau Yangs, bei der auch diese beiden Filme zu sehen sind. Wenn ihr die Möglichkeit habt, hinzugehen, macht es. Die Filme sind teils schwer zu bekommen. Und A Brighter Summer Day ist ein Meisterwerk. in der taz weist Fabian Tietke auf die Veranstaltung hin und geht näher aus Yangs Werk und einige weitere Filme ein, und wie sie im historischen Kontext einzuordnen sind.

Filme

Monkey Man

Geradlinig inszenierter Rachthriller von Dev Patel, in dem der Protagonist den Mord seiner Mutter durch einen Polizeichef rächen will. Der erste Versuch geht schief und er bekommt kräftig aufs Maul. Doch dann findet er unerwartete Unterstützung und wird in einigen kurzen Trainings-Montagen á la Kickboxer zum Superkämpfer. Ist über weite Strecken ganz okay, die letzte halbe Stunde ist dann richtig gut inszeniert. Hat mich sehr gefreut, im Finale auch Bloodywood zu hören.

Gremlins 2

Anders als Teil 1, habe ich Gremlins 2 seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen, weil ich ihn als nur so la la in Erinnerung hatte. Aber allein die erste halbe Stunde ist ein Fest an witzigen und durchgeknallten Ideen, die überhaupt nichts mit den Germlins zu tun haben. Dazu Christopher Lee in einer seiner besten Nebenrollen, der hier Leslie Nilsons Maxime durchzieht: Eine so durchgedrehte Komödie kann nur todernst gespielt werden. Die Gremlins sond okay, da haben sie sich schon einiges einfallen lassen, aber ich glaube, ich hätte den Film lieber ohne sie nur mit Gizmo und Billys Büroalltag gesehen. Der Gastauftritt von Hulk Hogan ist allerdings schlecht gealtert. Und dass hier Hulk Hogan und Christopher Lee in einem Film mitspielen, dürfte bereits 1990 ein Zeichen dafür gewesen sein, dass mit dieser Welt was nicht stimmt.

The Substance

Stilistisch brillant inszenierter Body Horror über misogynen Schönheits- und Jugendwahn, toxische Männlichkeit und eine Kultur, in der wir uns nicht so akzeptieren können, wie wir sind. Mit einer großartigen Leistung von Demi Moore (und Magie Qualley), die hier wirklich alles gibt. Ein ziemlich fieser und unangenehmer Film, der im letzten Drittel etwas schwächelt.

Serien

Meine Serien des Monats kommen aus England

Steeltown Murders

Großartiges Krimidrama in vier Folgen, das in den 1970ern und Anfang der 90er in einer kleinen Stahlstadt in England nahe der walisischen Grenze spielt, in dem ein 20 Jahre alter Mordfall durch neue DNA-Ergebnisse wieder aufgerollt wird. Konzentriert sich vor allem darauf, was die Ermordung von drei Teenagerinnen mit den Angehörigen, Verdächtigen und Ermittlern macht. Mehr Drama als Krimi, das aber trotzdem zeigt, wie quälend langsam und frustrierend Ermittlungsarbeit sein kann. Das es in einer Stahlstadt spielt, ist eigentlich nicht von Bedeutung, aber so waren die wahren Begebenheiten, auf denen die Serie basiert.

Ist bei Arte inzwischen leider aus dem Programm raus, aber ich hatte rechtzeitig auf meinen Social-Media-Kanälen darauf hingewiesen.

Sherwood

Ist obiger Serie gar nicht so unähnlich. Spielt in Nottingham und thematisiert die Streiks der Bergbauarbeiter in den 1980ern, die von Undercover-Agitatoren der Polizei eskaliert wurden und die Gemeinde bis heute gespalten haben. Enthält viele Flashbacks zu dieser Zeit, spielt aber vor allem in der Gegenwart, als durch mehre Morde die Konflikte zwischen den Streikenden und den damaligen Streikbrechern wieder aufflammen. Konzentriert sich stärker auf den Drama-Aspekt, weniger auf die Ermittlungen, und stellt vor allem die Familien und ihre Dynamiken in den Mittelpunkt. Vielleicht nicht ganz so gut wie Broadchurch, aber auch nicht viel schlechter.

Gibt es nur zum Kaufen im Heimkino. Ich habe mir die erste Staffel bei Prime digital zugelegt. Es gibt auch schon die zweite.

Ich behaupte mal ganz frech und desillusioniert, dass deutsche Fernsehen würde solch brillante Serien wie Steeltown Murders und Sherwood mit dieser gesellschaftlichen Relevanz nie hinbekommen.

Pachinko (Staffel 2)

Von allen aktuell laufenden Serien ist Pachinko mir die liebste. Eine großartige koreanische-japanische Familiensaga, die sich von den Anfängen des 2. Weltkriegs bis in die 1980er erstreckt und viele tragische Schicksale schildert; zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verzahnt sind, weil die Vergangenheit uns nie wirklich loslässt oder wir die Vergangenheit nicht. Die 2. Staffel kann das Niveau der ersten locker halten.

Musik

Meine Musik des Monats kommt aus Indien

Hanumankind – Big Dawgs | Ft. Kalmi

Ist bisher das einzige Lied, das ich von ihm kenne, klingt aber ziemlich gut. Die Stimme erinnert mich ein wenig an Kendrik Lamar. Was es mit Hanuman in der indischen Mythologie auf sich hat, könnt ihr z. B. im Film Monkey Man von Dev Patel nachsehen.

Bloodywood – Nu Delhi

Nach zweieinhalb Jahre Funkstille sind Bloodywood mit einem neuen Song zurück. Beim ersten Hören von Nu Dehli dachte ich noch: Hm, ist doch eigentlich nur eine Variation des Bekannten. Doch je öfter ich ihn höre, desto besser gefällt mir der Song. Vor allem seine mitreißende Dynamik. Der mit dem blauen Bart gehört übrigens zur Band Parikrama. Und der westlich aussehende Typ ist der australische Youtuber Karl Rock, der schon lange in Indien lebt, darüber Vlogt und ebenfalls in Indien ziemlich bekannt ist.

Am 6. März spielen sie in Köln, am 7. in Frankfurt. Und ich überlege, zum ersten Mal seit 2017 (Nick Cave) wieder auf ein Konzert zu gehen. Muss mich aber sicher sputen, denn die Karten sind garantiert schnell weg. Bin aber noch unentschlossen, ob Frankfurt oder Köln. Ist beides gleich weit weg von mir (eine Stunde mit dem Auto), aber Frankfurt dürfte etwas angenehmer zu fahren sein.

The Cure

Ich habe auch noch in das neue Album von The Cure reingehört. Das letzte, was ich von ihnen gekauft hatte, war das Selbstbetitelte von 2004, das ein paar ganz nette Rock-Pop-Songs enthielt. Songs From A Lost World kommt tastsächlich in seinen besten Momenten an den Sound von Disintegration ran.

Fotos

Unsere Eichhörnchen hätten auch gerne ein Horn, haben aber nur eine Walnuss bekommen. Bisher leben sie noch vorwärts.

An den Sonnenuntergängen bei uns kannn ich mich nie sattsehen.

Meine Woche: KI im Hörspiel und der Horroctober

Ausführlich habe ich mir Gedanken über den Einsatz von KI im Hörspiel gemacht, und warum ich das im Fall von Sherlock Holmes – Die neuen Fälle für respektlose Nekromantie halte. Dazu ein paar Horrorfilmbesprechungen und meine Meinung zur zweiten Staffel von Rings of Power.

Collage aus vier Bidern, drei kleine oben, ein großes unten:
1. Szene aus "Baghead", ein alter, schwerer Holzstuhl in einem Keller, von einer Lampe beleuchtet.
2. Altmodischer Kinderwagen steht auf einem Felsen vor blauem Himmel.
3. Die spitze Krone Morgoths aus "Rings of Power".
4. Fünf Monster-Clowns in bunter Aufmachung, halten alle eine Torte in der Hand.

Auch diese Ausgabe fällt wieder etwas knapper aus, da meine letzten beiden Tage aufgrund des schönen Wetters von Gartenarbeit geprägt waren und ich auch noch ein Manuskript lese, das ich begutachten muss.

Artikel

Japan’s Ramen Shops Are Shutting Down Faster Than Ever

Immer mehr Ramen-Restaurants in Japan müssen schließen. Grund dafür sind die hohe Inflationsrate und der schwache Yen. Was für Touristen eine gute Sache ist, sind die Preise in Japan dadurch aktuell so günstig wie nie zuvor, bedeutet für viele kleine Restaurants, dass sie ihre Kosten nicht mehr decken können.

Fantasy, Sprache und Genre

Jasper Nicolaisen hat einen schönen Beitrag zum Thema Sprache in der Fantasy verfasst. Welche Rolle spielt Sprache dabei, uns in phantastische Welten zu ziehen?

Musik

Maximume the Hormone feat. Atarashii Gakko

Meinung

KI im Hörspiel – Die Büchse der Pandora

Im Hörspiel haben in den letzten Jahren vor allem zwei Themen auf dem Markt gut funktioniert: Grusel (á la Lovecraft) und Sherlock Holmes. Und so wurde er mit einer Flut an Umsetzung der klassischen Geschichten aber auch mit Pastiches überschwemmt. Oliver Naujoks hat mal in einem Artikel aufgezählt, was es alles an Holmes-Hörspielen gibt, da schlackerten sogar mir, der schon viele kennt, die Ohren.

Für mich gibt es aber nur eine Reihe, die ich höre: Sherlock Holmes – Die alten Fälle und Die neuen Fälle mit Christian Rode (als Holmes) und Peter Groeger (als Watson). Auch in den schwächeren Folgen sind die beiden ein herrliches Gespann, dem ich stundenlang zuhören könnte („Ja wie denn, was denn“). Leider sind beide 2018 verstorben. Trotzdem erschienen bisher weiter neue Folgen, da wohl schon viel vorproduziert wurde und der Verlag die Veröffentlichungen gestreckt hat. Doch jetzt sind sie anscheinend am Ende angelangt, möchten mit der erfolgreichen Reihe aber weitermachen. Das könnte natürlich einen Sprecherwechsel bedeuten, aber vermutlich hören viele Fans die Reihe auch vor allem wegen der Sprecher Rode und Groeger.

Da hilft nur digitale Nekromantie. Zur am Freitag erschienenen Folge Die Büchse der Pandora heißt es, die Sprecher seien mit Hilfe technischer Unterstützung aufgenommen worden. Was wohl bedeuten dürfte, die Stimmen kommen aus der digitalen Konserve. Und so hört sich die Hörprobe, die ich mir auf Thalia.de angehört habe, auch an.. Finde, das klingt furchtbar. Es sind schon ihre Stimmen, aber es hört sich so steril und abgehackt an, als würden sie auf dem Amt irgendwelche Vorschriften vorlesen. Ich warte mal die ersten Meinungen zu der Folge ab, aber wenn das wirklich nur noch KI ist, bin ich raus. Dann hätten sie besser neue Sprecher geholt, wenn sie unbedingt mit Sherlock-Holmes-Storys weitermachen wollen.

Ich möchte mich auch ehrlich gesagt gar nicht auf KI-Sprecher*innen einlassen. Beim Pumuckl war immerhin noch ein echter daran beteiligt. Hier sind es jetzt zwei verstorbene. Aber irgendwann (und bei Hörbüchern ist es ja bei manchen Unternehmen schon so weit) kommen die Stimmen dann ganz aus der Konserve, weil es billiger ist. Das ist eine Entwicklung, die ich nicht unterstützen möchte. Und ich finde, dass dadurch auch die Leistung der Sprecher*innen im Studio herabgewürdigt wird.

Ich bin jetzt fast ganz durch mit dem Bobcast (siehe letzter Wochenrückblick), wo in jeder Folge darauf eingegangen wird, welche Eigenheiten die verschiedenen Sprecher*innen so haben, und wie das ihre Sprechleistungen zu etwas Besonderem macht. Das hat mir noch mal deutlich vor Augen geführt, wie wichtig der menschliche Faktor dabei ist.

Werden sich dann in 20 Jahren KIs in einem Podcast darüber unterhalten, wie es damals war, innerhalb von Sekunden bestimmte Hörspielfolgen zu generieren?

Darauf, wie sich das Ganze anhört und wie die Entwicklung weitergeht, bin ich natürlich trotzdem neugierig. Vielleicht höre ich mir die Folge mal ganz an, allein damit ich qualifiziert mitreden kann.

Meine Lektüre

Da gibt es nicht wirklich was Neues zu vermelden. Im September hatte ich angefangen, das E-Book von Alan Moores Jerusalem in der deutschen Übersetzung zu lesen, die Anfang November bei Carcosa erscheinen wird. 10% habe ich bisher geschafft und lese es wirklich gerne. Doch mir ist jetzt der Horroctober dazwischengekommen und das Buch hat auch 1.400 Seiten, weshalb ich bezweifle, dass ich es dieses Jahr noch durchbekomme.

Cover des Romans "Jersualem" von Alan Moore. Zeigt den schwarzen Rahmen einer auf dem Kopf stehenden Kirche, darüber ein weißes Gasometer.

Horroctober heißt, dass ich jedes Jahr im Oktober Horrorfilme und -serien schaue, und auch Horrorbücher lese. Lust habe ich auf okkulte Thriller, da habe ich einige interessante Tipps auf Facebook bekommen. Allerdings konnte ich nicht wie geplant am 1. Oktober damit starten, da ich am 30. September noch ein Manuskript zur Begutachtung reinbekommen habe.

Horroctober

Einen wirklich Plan für den Horroctober habe ich nicht. Oft entscheide ich spontan, was ich mir anschaue. In Sachen Serien wollte ich es noch mal mit American Horror Story versuchen – obwohl ich es eigentlich besser weiß, denn bis auf die erste Staffel hat mir keine weitere gefallen. Die zehnte, Double Feature, sollte es jetzt sein, weil die erste Hälfte eine Hommage an den Kleinstadthorror von Stephen King sein soll. Doch subtiler Aufbau von Atmosphäre, Grusel und Mysterien ist Ryan Murphys und Brian Falchucks Sache nicht. Da geht es von Anfang an mit dem Holzhammer los. Den Rest der Staffel werde ich mir wohl sparen.

In Sachen Filmen habe ich endlich mal Rosmary’s Baby gesehen. Da kommt auch keine Gruselstimmung auf, aber das soll sie auch gar nicht. Hier geht es um ganz andere Theme, vor allem um die Rolle von Frauen und Müttern in der Gesellschaft (der 1960er). Erstaunt war ich, dass es kaum Morde gibt, und die finden auch alle Off-Screen statt. Einzig eine Leiche ist zu sehen. Die Atmosphäre der Bedrohlichkeit wird mit ganz anderen Mitteln aufgebaut. Vor allem die Ausweglosigkeit der Situation, in der sich die Protagonistin befindet.

Killer Klowns From Outer Space ist ein Kusiosum, das Fans trashiger Filme gesehen haben sollten. Außerirdische, die Aussehen wie Monster-Clowns, landen in einer amerikanischen Kleinstadt und fangen an, die Bewohner*innen umzubringen. Eigentlich eine simple Story, relativ tumb umgesetzt, wären da nicht das tolle Setdesign und die Aufmachung der Clowns. Ich dachte, der Film wird auch splattrig, das ist aber nicht der Fall, wir Zuschauer*innen werden hier in Zuckerwatte gepackt.

Baghead

Junge Frau erbt von ihrem entfremdeten Vater eine alte Kneipe, in deren Keller sich eine ungewöhnliche Mitbewohnerin befindet. Schnell wird das Erbe zum Fluch und sie muss es mit einer übernatürlichen Wesenheit aufnehmen. Ist ganz nett gemacht, das Konzept nicht neu, aber stimmig umgesetzt. Doch mit deutlichen Schwächen. So richtig Spannung will nicht aufkommen und der Expositionstalk gegen Ende ist zu sehr mit dem Holzhammer präsentiert.

WOW

Serien

Rings of Power (2. Staffel)

Der Herr der Ringe war eines meiner ersten Fantasybücher (wenn auch nicht das allererste), und ich habe es damals geliebt, in meinem Leben aber maximal drei bis viermal gelesen (ohne die Anhänge, die bei der grünen Klett-Cotta-Ausgabe nicht dabei waren). Die Verfilmungen haben ich zweimal gesehen, einmal im Kino und einmal auf DVD. Das Sillmarillion habe ich ebenfalls gelesen und erinnere mich noch vage an die Passagen über Saurons Zeit bei den Valar und wie er das Schmiedehandwerk erlernt hat. Ich bin also keiner großer Tolkien-Buff und inzwischen hängt mir seine immer noch dominanten Präsenz in der Fantasy zum Hals raus.

Trotzdem sehe ich mir die Serie an. Die erste Staffel fand ich schon mehr als durchwachsen. Während sich Wheel of Time nach einer ebenfalls schwachen Auftaktstaffel deutlich steigern konnte, habe ich das bei Rings of Power nicht so empfunden. Das ist einfach more of the same, mit ein paar gelungenen Momenten, wie den großartigen ersten fünf Minuten der Finalfolge, mit dem Dialog zwischen den beiden Durins.

Ansonsten kann ich mit dem (Held*innen)Pathos wenig anfangen. Der passt zwar zu Tolkiens Werk, aber so auf den Bildschirm gebannt, ist mir das zu viel. Und Numenor langweilt und das ewige Gelaber von Sauron nervt. Tolkien hatte schon seine Gründe, ihm im Herr der Ringe keinen Text zu geben.

Fotos

Wolken über Hilgert

Von der untergehenden Sonne angestrahlte Wolkendecke, die wellenförmig am Himmel über zwei Hausdächern liegt.

Mein Sommer 2024

Ein kurzer Überblick über meinen unspektakulären Sommer. Mit einem politischen Rant, einer längeren Buchbesprechung zur Autobiografie von Sleater-Kinney-Musikerin Carry Brownstein, etwas Sword & Sorcery, einige Filmbesprechungen, von denen mir eine sicher keine Freunde machen wird 😉 und ein paar Tipps zu Serien, Dokus und Artikeln.

Collage aus vier Bildern. Sumpfschwertlilie, Buchcover der Brownstein-Biografie (siehe weiter unten), rosa Wolkenhimmel im Sonnenuntergang und ein brennender Sonnenuntergang.

Mein Sommer war dieses Jahr ziemlich unspektakulär. 41-Mal war ich im Freibad, immer für eine Stunde (meist von 9.00 bis 10.00 Uhr) Bahnen schwimmen. Habe kleine Touren mit dem Fahrrad gemacht, mich im Juli mit Leuten aus meiner ehemaligen Phantastik-Twitter-Bubble (jetzt Mastodon und Bluesky) in Mainz getroffen und einen schönen Tag gehabt, und ansonsten viel gelesen.

So ein langweiliges Leben führe ich, in dem ich mich aber nie langweile.

Ach ja, zu Beginn des Sommers hatten wir hier einen Feuerteufel, der in den Wäldern der direkten Nachbarstadt über mehrere Wochen fast täglich kleine Brände gelegt hat und uns in Aufregung versetzte. War ein Jugendlicher, der schließlich geschnappt wurde. Sonderlich talentiert war er als Brandstifter nicht, da nicht wirklich viel gebrannt hat, was aber sicher auch am feuchten Frühjahr gelegen hat. Für die Feuerwehrleute bedeutete es eine Menge Stress, täglich rausfahren zu müssen, und kaum eine Ruhepause zu haben.

Politik

Politisch war der Sommer hier in Deutschland eine Katastrophe. Dass die AFD so viele Stimmen in Sachsen und Thüringen bekommen hat, hat mich nicht einmal schockiert, das war zu erwarten. Dafür haben die etablierten demokratischen Parteien und die Medien, darunter auch die öffentlich-rechtlichen (Sommerinterview mit Nazi Bernd Höcke) wirklich alles gegeben. Und gelernt haben sie daraus auch nichts und machen weiter so, die extremen Rechten zu unterstützen, in dem sie deren radikale Positionen salonfähig machen, weil sie sie einfach selbst umsetzen.

Was nach dem Anschlag von Solingen – hier gilt mein Mitgefühl den Opfern und Angehörigen – in Deutschland abgeht, ist wirklich erschreckend. Das Land, das sich zu Veranstaltungen wie der Fußball EM immer ach so weltoffen gibt, zeigt, wie kaltherzig, empathielos und abweisend es in Wirklichkeit ist. Humanitäre Werte sind nur Schlagworte für Talkshows und Wahlkämpfe, zählen in der Praxis aber wenig. Zu dieser politischen und menschlichen Inkompetenz kommen die maroden und dysfunktionalen Strukturen in Verwaltung und Behörden, die dann dafür Sorgen, dass z. B. Brücken einstürzen.

Der politische Diskurs seit Solingen nimmt beängstigende Züge an und zeigt, dass es überhaupt kein wirkliches Interesse gibt, solche Taten zu verhindern und die Probleme zu lösen. Es wird nur noch „abschieben“ und „zurückweisen“ gegrölt, die demokratischen Parteien zerlegen sich selbst (siehe das inszenierte Theater um den Migrationsgipfel) und die Nazis und Putinknechte lachen sich ins Fäustchen. Darüber wie Radikalisierung bei jungen Menschen verhindert und Islamismus tatsächlich bekämpft werden können, redet niemand.

In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von einem Mann aus ihrem direkten Umfeld getötet. Jeden dritten Tag! Wo bleibt der Femizid-Gipfel? Warum gibt es immer noch viel zu wenig Plätze in Frauenhäusern? Wo bleiben effektive Präventionsmaßnahmen? Solche Taten kündigen sich meist im Vorfeld an.

Ich will hier keinen Whataboutism betreiben, nur aufzeigen, dass die Verhältnismäßigkeit zwischen Problem, Maßnahmen, Empörung und Diskurs völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Und seien wir mal ehrlich, es geht der Politik doch nicht nur darum, illegale Migration zu unterbinden, am liebsten wäre es ihnen doch, wenn es überhaupt keine Migration geben würde. Wenn überhaupt keine Ausländer nach Deutschland kämen. Trotz der demografischen Entwicklung, der Überalterung der Gesellschaft und des Arbeitskräftemangels. Wird alles ignoriert, so wie die Klimakrise, die Bedrohung durch Putin und andere Autokratien.

Aber genug des Doomblogging, ich will hier in dieser Rubrik (eigentlich Meine Woche) ja lieber über Positives schreiben.

Artikel

Der Wert menschlicher Übersetzung

Kürzlich wurde Übersetzerin Janine Malz vom Verlag Bastei Lübbe (gegen den es letzte Woche Protest wegen dessen schlechten Konditionen für Übersetzer*innen gab) angefragt, ob sie nicht eine KI-Übersetzung aus dem Niederländischen für ein sehr geringes Honorar überarbeiten könne. Sie hat natürlich abgelehnt und im Zuge dessen einen schönen Beitrag zum Wert der menschlichen Übersetzung bei Netzpolitik geschrieben.

Ich gehe davon aus, dass KI-Übersetzungen mich irgendwann arbeitslos machen werden. Schon jetzt herrscht nicht nur bei mir Auftragsflaute.

Österreicher wählen Klimaleugner, auch wenn sie dabei untergehen

Benedikt Narodoslawsky kommentiert im Standard die kommende Wahl ihn Österreich im Zeichen der Klimakrise. Wien hatte diesen Sommer 53 Tropennächte (ich hatte hier im Westerwald vielleicht 2), aktuell drohen über halb Österreich Regenfälle und Fluten wie im Ahrtal. Alles begünstigt durch den menschengemachten Klimawandel. Aber, don’t look up, gewählt werden jene Parteien, die das alles leugnen. Also die größten Lügner von allen. So dürfte es auch im nächsten Jahr bei unserer Bundestagswahl in Deutschland laufen.

Are Bookstores Just a Waste of Space?

Für den New Yorker hat Louis Menand einen tollen Artikel über die Geschichte amerikanischer Buchhandlungen geschrieben, dem die provokante Clickbaitüberschrift überhaupt nicht gerecht wird.

Was wäre, wenn: In der Netflix-Serie „Ōoku: The Inner Chambers“ wird Japan zum Matriarchat

Und für 54 Books stellen Alex Bachler und Oliver Poettgen die Netflix-Serie Ōoku: The Inner Chambers vor, die ich noch nicht gesehen, mir aber vorgemerkt habe. Und verweisen auch auf den tollen Tor-Online-Artikel von Lena Richter, wie ich gerade erst merke. Ein sehr ausführlicher Beitrag, der auch vertieft auf japanische Kultur und Was-wäre-wenn-Szenarien eingeht.

Lektüre

Hunger Makes Me a Modern Girl: A Memoir | Carrie Brownstein

E-Book-Cover von "Hunger Makes Me A Modern Girls"

Kürzlich habe ich in der Arte-Mediathek die Pearl-Jam-Doku von Cameron Crow gesehen, die mir eigentlich richtig gut gefallen und Lust gemacht hat, mal wieder Musik-Memoiren zu lesen, aber ich fand es auch etwas ärgerlich, dass in der gesamten Doku keine Frau zu Wort gekommen ist. Weshalb ich auf jeden Fall die Autobiografie einer Musikerin lesen wollte und so bei Carrie Brownstein von Sleater-Kinney gelandet bin. Einer Band, die mir vom Namen her seit 20 Jahren ein Begriff ist, von der ich aber bisher nicht einen Song gehört habe. Und es war eine wirklich passende Wahl, denn Eddie Vedder ist schon lange ein Freund und Fan von Sleater-Kinney und 2003 gingen sie gemeinsam auf Tour, was Brownstein in einem sehr ausführlichen Kapitel beschreibt und als »life chainging« bezeichnet.

Warum die Band so lange an mir vorbeigegangen ist, bleibt mir ein Rätsel, spielt sie doch genau den Indie-Schrammel-Rock aus der Seattle/Olympia-Szene, den ich in den 90ern gerne gehört habe – vielleicht, weil sie lange keine Musik-Videos gedreht haben. Brownstein kannte ich bisher nur aus der von ihr geschaffenen Serie Portlandia, was mir aber erst während der Lektüre bewusst wurde.

Carrie Brownstein hat ihr Buch alleine geschrieben, ohne Co-Autor, anders als viele andere Musiker, und sie kann richtig gut schreiben. Mein Highlight sind die Kapitel über ihre Kindheit und die Jugendjahre. Das war keine glückliche Zeit für sie, mit einer distanzierten, an Magersucht leidenden Mutter, die die Familie schließlich verlassen hat, und einem Vater, der seine Homosexualität lange verheimlichte. Die Kindheit, die sie hier beschreibt, ist kein warmer Ort, an den man an Feiertagen mit einer großen Portion Nostalgie zurückkehrt, sondern geprägt von Anspannung und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit. Bei der Aufarbeitung ihrer Kindheit ist sie schonungslos und selbstkritisch in ihrer Analyse, beschönigt nichts und vermag es durch ihre Sprache und Beobachtungsgabe, ein plastisches Bild nachzuzeichnen.

Eine Zeit, in der die Autorin vor allem durch Musik Kraft schöpfen könnte. Zunächst jene, die sie gehört hat, allen voran Bands aus der Riot-Grrrl-Bewegung wie Bikini Kill oder Heavens to Betsy, aber dann auch durch die eigenen ersten Versuche an der Gitarre und die erste Band namens Exuse 17. Und bei den Bands, die sie damals als Jugendliche live sehen konnte, werde ich neidisch.

Im weiteren Verlauf beschreibt sie die musikalische Karriere von Sleater-Kinney mit den Anfängen ausgerechnet in Australien, wie sich schließlich die feste Besetzung mit Corin Tucker und Janet Weiss findet. Dazu gibt es Tour-Anektdoten, oft mit Vorbands, die später richtig berühmt werden sollten wie z. B. The White Stripes. Aber auch, warum ihnen selbst der ganz große Durchbruch nie gelang und sie es ablehnten bei einer großen Plattenfirma zu unterschreiben.

Dabei ist Brownstein auch sehr selbstkritisch, und verschweigt nicht, wie sie mit ihren Launen den anderen das Leben schwer machte, teils aber auch aus gesundheitlichen Gründen nicht 100% geben konnte und das Gefühl hatte, die Band im Stich zu lassen.

Hunger Makes Me a Modern Girl: A Memoir ist eine ausgezeichnete Autobiografie einer Musikerin, die hier mehr erzählt, als nur ein paar lustige und durchgeknallte Anekdoten, sondern auch ihre Seele offenlegt und mit analytisch-präzisem Blick auf eine faszinierende Zeit zurückblickt, die sie damals gar nicht so recht genießen konnte. Vor allem geht es um die Musik, aber Brownstein geht auch auf ihr anderweitiges Engagement ein.

Lord of a Shattered Land | Howard Andrew Jones

E-Book-Cover von "Lord of a Shattered Land". Pulpiges Motiv, im Hintergrund eine riesige Schlange, davor eine leicht bekleidete Frau, die einen leuchtenden Gegenstand hochhält, vor ihr kniet ein Mann mit nacktem Oberkörper im Lendenschurz.

Sword & Sorcery, die in einem vom Römischen Reich inspirierten Setting spielt, mit einer Hauptfigur, die Hannibal und einer Handlung, die dem Fall von Karthago nachempfunden ist. Seine Stadt liegt in Trümmern, sein Volk wurde abgeschlachtet und versklavt, doch der totgeglaubte General Hanuvar kehrt zurück und versucht, seine überlebenden Landsleute zu befreien. Dabei erlebt er allerhand Abenteuer, die an Conan erinnern, während ich bei ihm auch an Gemmells Waylander denken musste. Das Buch hat über 600 Seiten, doch die Kapitel bestehen aus Episoden, die an Kurzgeschichten erinnern, in denen es Hanuvar mit dem Monster der Woche zu tun bekommt, gleichzeitig aber weiter seinen großen Plan verfolgt.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber es hat mich noch nicht gänzlich vom Hocker gerissen. Dafür war mir das Muster der Episoden etwas zu repetitiv, auch wenn sie Jones sichtlich bemüht, sie abwechslungsreich zu gestalten, und es ihm gelingt, seinen Kurzgeschichten einen roten Faden einzuweben.. Es sind einige Episoden dabei, die ich etwas schwächer fand, wie die Reitlehrer-Episode, die vielversprechend als Heist-Story beginnt, dann aber keinen cleveren Heist abliefern kann. Eines der wenigen Kapitel ohne übernatürliche Einflüsse. Im Mittelteil hatte ich einen Durchhänger, weil ich das Gefühl hatte, die Gesamtgeschichte würde auf der Stelle treteten, zum Glück kam sie im letzten Drittel aber wieder in Schwung. Für dieses Episodenformat fand ich das Buch etwas zu lang, habe es aber trotzdem gerne gelesen und hoffe, dass Band 2 etwas stringenter daherkommt. Stellenweise wirkt Hanuvar auch etwas zu perfekt. Das Buch ist schön altmodische Sword & Sorcery mit erfrischendem Setting, aber ohne den Sexismus und Rassismus, den man häufig in älteren Werken findet.

Ich habe auch noch einige japanische Bücher gelesen, die bekommen aber einen eigenen Beitrag mit Kurzbesprechungen.

Lesenwelt

Wer ist der gefährlichste Killer des Menschen? Welches Lebewesen stellt für uns die größte Bedrohung dar? Und war es schon immer? Für alle, die es aus dem Buchtitel noch nicht erraten haben, sei gespoilert: die Stechmücke. Und das noch vor uns selbst. Auch wenn wir gerade wieder fleißig dabei sind, aufzuholen.

Meine Besprechung des Buchs The Mosquito von Timothy C. Winegard.

Youtube

This Manga Took Me to a Strange Place

„Das ist doch mal eine Comic/Manga-Besprechung! Wow! Von Architektin und Designerin Dami Lee, mit einem Aufwand und in einem Stil, die dem besprochenen Werk entspricht. Ich habe die nächsten beiden Wochen Urlaub und möchte dann endlich mal Band 1 von Tsutomu Nihei Blame! lesen.“

Schrieb ich am 28. August auf Social Media. Inzwischen habe ich Band 1 gelesen und bin begeistert. Dazu wird es aber noch eine eigene Besprechung geben.

BookTok is a Nightmare

Ist BookTok wirklich so schlimm? Ich bin dort nicht unterwegs. Willow Talks Books mit einem sehr differenziert, aber doch kritischen Beitrag, der BookTok einen Mangel an Diversität in der Literatur vorwirft, und dadurch langweilig zu sein.

Why Are Bands Mysteriously Disappearing?

Wenn ihr musikalisch so richtig erfolgreich werden wollt, gründet auf keinen Fall eine Band, denn dann wird niemand eure Musik hören. Werdet Solokünstler*in. Rick Beato über das Verschwinden von Bands in den Charts.

Der asexuelle asiatische Mann mit Danny Lee – asiatische Representation in den Medien

Vor ein paar Monaten habe ich den Blog Wir Reden Die Welt mit den beiden in Deutschland lebenden und aufgewachsenen Koreanern Ini und Jong für mich entdeckt und zwar durch die hier eingebettete Folge: Superinteressante Diskussion über die Darstellung von asiatischen Menschen in Film und Fernsehen und den Wandel, der da gerade stattfindet. Danny Lee ist ein ganz toller Erzähler, der es schafft, ein wichtiges und komplexes Thema gleichzeitig sehr analytisch und unterhaltsam zu präsentieren (und eine spannende persönliche Geschichte zu erzählen hat).

Filme

The Holdovers

Erzählt von einem Schüler, einem Lehrer und einer Köchin, die über die Weihnachtsferien allein in einem Internat zurückbleiben und feststellen, dass hinter den jeweilig anderen Personen mehr steckt, als sie zunächst glauben. Ein leichtfüßig inszeniertes Drama, das mit seiner wohligen Atmosphäre und den gut ausgearbeiteten Figuren überzeugt. Hätte ich mir besser für Weihnachten aufgehoben, da es perfekt zu den Feiertagen passen dürfte. Bei einer Laufzeit von über zwei Stunden hatte ich schon befürchtet, dass das Szenario schnell langweilig wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Sehr unterhaltsam.

The Longest Summer

Fruit Chans The Longest Summer erzählt von einer Gruppe Hongkong-Soldaten der britischen Armee, die kurz vor der Übergabe 1997 plötzlich ohne Job und Perspektive dastehen und sich auf zwielichtige Geschäfte einlassen. Der Film fängt perfekt die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der Hongkonger zu dieser Zeit ein.

A Brighter Summer Day (Gulingjie Shaonian Sharen Shijian)

Edward Yangs großartiges vierstündiges Epos über das Leben in Taiwan im Jahr 1960. Coming of Age, Straßengangs, Gesellschaftsporträt, das politische Klima in der Diktatur, aber auch toxische Männlichkeit und Femizid, alles in einem faszinierenden Film mit gut ausgebauten Figuren vielschichtig und komplex zusammengefasst. Ein Meisterwerk!

Der Duft der grünen Papaya (L’Odeur de la papaye verte)

Habe ich als Jugendlicher mal zusammen mit Cyclo gesehen, der ebenfalls von Regisseur Trần Anh Hùng stammt, wusste aber nur noch, dass mir Cyclo damals deutlich besser gefallen hat. Jetzt verstehe ich warum. Der Duft der grünen Papaya ist zwar ein eleganter und sinnlicher Film, aber komplett in einem Pariser Studio entstanden, was ihm anzusehen ist. Cyclo spielt auf der Straße, ist dynamischer und lebendiger. Leider ist Cyclo nur schwer zu bekommen und ich konnte ihn mir noch nicht wieder ansehen. Ich hatte mir beide Filme damals in den 90ern auf VHS aufgenommen, habe aber keinen Videorecorder mehr.

Exhuma

Sehr guter und stimmungsvoller südkoreanischer Gruselfilm über Schamanismus, Spiritualität, böse Geister und etwas koreanisch-japanische Geschichte, wenn auch nicht ganz auf dem Level von The Wailing.

Dune Part 2

Hat mich nicht mehr so überwältigt wie Teil 1, tatsächlich fand ich ihn nur noch okay. Was vor allem daran liegt, dass die Ästhetik nicht mehr neu ist und für die Figuren kein wirkliches Gefühl der Bedrohung mehr existiert. Zwar werden die Harkonen schön fies dargestellt und dürfen auch ein Sietch (Zufluchtsort der Fremen) vernichten und die eine Nebenfigur töten, die etwas mehr Text (zu genau diesem Zweck) hatte, aber eigentlich läuft doch alles nach Paul Muad’Dibs Skript wie im God-Mode eines Computerspiels. Spannung fehlt.

Ich habe auch noch einige japanische Filme gesehen, die bekommen aber einen eigenen Beitrag mit Kurzbesprechungen.

Serien

Under the Bridge

Ausgezeichnet geschriebenes und gespieltes Kleinstadtdrama über den Tod einer Jugendlichen; die Frage, was wirklich passiert ist und was die Situation mit den Beteiligten und dem Umfeld macht.

Disney+

John Sugar

Beginnt als klassischer Noir-Krimi in modernem gewannt, entwickelt sich gegen Ende aber zu einem wilden Genremix, der vermutlich für die durchwachsenen Kritiken verantwortlich ist, den es nicht wirklich gebraucht hätte, der mich aber auch nicht groß gestört hat. Sehenswert, mit faszinierender Hauptfigur.

AppleTV+

Die Baztán-Trilogie

Mystery-Thriller-Dreiteiler aus Spanien, der zunächst wie ein typischer Serienkillerplot daherkommt, im Verlauf aber einen unheimlichen Sog und große Spannung entwickelt. Erinnert vom okkulten Thema und der abründigen Atmosphäre an die besserne Bücher von Jean-Christophe Grangé und den spanischen Horrorfilm The Nameless. Ist aber sehr brutal und die nackten Mädchenleichen im ersten Film hätte es nicht gebraucht. Basierend auf den Romanen von Dolores Redondo.

Gibt es in der ZDF-Mediathek – leider nur in deutscher Synchro

Dokus

Everybody Street

Großartige Doku über die Geschichte der New Yorker Straßenfotografie, in der viele bekannte Fotograf*innen zu Wort kommen und bei ihrer Arbeit begleitet werden, von denen manche aber creepy und unverschämt sind, wenn sie Menschen frontal aus nächster Nähe ungefragt ins Gesicht fotografieren, ihnen teils wie Stalker folgen, auf einen guten Fotomoment wartend wie Jeff Mermelstein, oder direkt vor sie springen, um sie zu erschrecken, wie Bruce Gilden. Die beiden könnten gut einem Robert-Crumb-Comic entstiegen sein. Viele fragen aber auch höflich, ob sie jemanden fotografieren dürfen. Richtig authentische Straßenbilder entstehen aber vor allem aus dem Moment heraus. Das ist schon eine Zwickmühle zwischen Anstand und dokumentarischer Kunst. Ich liebe Straßenfotografie, hätte aber Hemmungen, selbst solche Fotos zu schießen.

Arte-Mediathek

Tor Online

Neil Gaiman und Co. – Wir müssen aufhören, Menschen auf ein Podest zu stellen

Für Tor Online habe ich einen Artikel über den Fall Neil Gaiman geschrieben, und warum wir Menschen nicht auf ein Podest stellen sollten. Gaiman wird von mehren Frauen (inzwischen fünf) der mehrfachen sexuellen Übergriffe und des Missbrauchs beschuldigt. Der Artikel ist kurz nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe erschienen, seitdem sind weitere hinzugekommen. Erschreckend fand ich das lange Schweigen der großen Medien in Deutschland ebenso wie im englischsprachigen Raum, aber auch das aus der Buch- Film- und Serienindustrie. Als hätten alle Angst vor Gaiman. Immerhin sind inzwischen einige Serienadaptionen eingestellt oder auf Eis gelegt worden.

Südkoreanische Popkultur im Westen – Ein unvollständiger Überblick

Daneben habe mal eine grobe Übersicht über südkoreanische Popkultur bei uns im Westen geschrieben. Geht auch ein wenig um koreanische Fantasyliteratur.

Sommerimpressionen

Ausblick

Der Plan, die durch das Einstellen der Rubrik Meine Woche freigewordene Zeit produktiv für andere Projekte zu nutzen, hat sich leider nicht erfüllt. Eher bin ich dadurch noch fauler geworden. Weshalb ich demnächst vermutlich damit weiter machen werde. Ob jede Woche oder nur alle 14 Tage muss ich mal schauen. Aber mir hat das Bloggen auch gefehlt. Doch wie ich mich kenne, bin ich für ein paar Monate wieder motiviert und mit Spaß an der Sache, bevor ich aufgrund geringer Resonanz wieder die Lust verliere. Blogs sind einfach aus der Zeit gefallen. Ich sollte eigentlich Podcasten oder einen Youtube-Kanal betreiben, aber vor Kamera und Mikro fühle ich mich nicht wohl und kann das auch nicht gut.

Der Weg der Wünsche | Patrick Rothfuss

Also wenn so was dabei rauskommt, darf Patrick Rothfuss von mir aus gerne weiter Novellen schreiben und Band 3 der Königsmörder-Chronik ignorieren.

Gebundene Ausgabe von "Der Weg der Wünsche" mit dem Cover nach vorne in einem Bücheregal stehend.

Ein Tag im Leben von Bast

Bast lebt und arbeitet bei einem gewissen Reshi im Gasthaus, weil da tagsüber aber wenig zu tun ist, stromert er durchs Dorf und dessen Umgebung, macht es sich unterm Blitzbaum gemütlich und nimmt dort Geheimnisse von Kindern im Austausch für Gefallen entgegen und wirbelt so das Dorfleben gehörig durcheinander.

Es scheint, als wäre Bast ein kleiner Puck, der allerlei Schabernack treibt, in den Tag hinein lebt und moralisch wenig Skrupel aufbringt. Doch, ohne Spoilern zu wollen, steckt mehr hinter Bast, als es den Anschein hat. Kann er wirklich Magie wirken, Flüche aussprechen und hat er schon mal Fae getroffen?

Die Kinder sind natürlich fasziniert von ihm, suchen seine Hilfe und werden zu seinen Helfern. Doch alles hat seinen Preis, hier wird verhandelt wie um eine Flasche in Das Leben des Brian; jede Äußerung, jede Formulierung muss genau überdacht werden. Als würden hier Unterhändler über Frieden im Nahen Osten verhandeln. Ein Fehltritt und die Folgen sind unabsehbar.

Das hier ist keine Fantasygeschichte, in der gekämpft oder wild herumgezaubert wird, es gibt keine dunkle Bedrohung, keinen bösen Herrscher, keine offensichtliche Quest zu erfüllen. Wir begleiten Bast einfach durch den Tag und bis in die Nacht hinein. Aber wie das geschieht, mit welcher Liebe zum Details, voller Poesie und einem Blick für die kleinen Dinge und das Zwischenmenschliche, das ist schon große Kunst.

Die Novelle ist sehr vielschichtig und spricht so einige Themen und Problematiken an, die auch heute noch aktuell sind, während sie andere Sachen wie selbstverständlich einwebt – also genauso, wie es sein sollte.

Deshalb würde ich das Buch durchaus der progressiven Phantastik zuzählen, wenn die auch nur in kleinen Momenten eingestreut wird. Dass sich bei Amazon Leser über den Woke-Wahn aufregen, ist ein deutliches Anzeichen dafür. Und die ewig gestrigen Meckerer sollen halt weiter ihren John Norman lesen.

Mir hat Der Weg der Wünsche richtig Spaß gemacht, und das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Denn während ich The Name of the Wind (Im Original vor Erscheinen der deutschen Ausgabe gelesen) – bis auf die Drachenepisode – großartig fand, bin ich bei The Wise Men’s Fear auf Seite 596 hängen geblieben und habe es bis heute nicht weitergelesen. Entsprechend schmerzt mich das Warten auf Band 3 nicht. Wie eingangs schon erwähnt, würde ich viel lieber mehr solcher abgeschlossener Novellen von Patrick Rothfuss lesen.

Disclaimer: Ich habe das Buch vom Übersetzer erhalten, dem ich bei einer nerdigen Frage zum Nachwort helfen konnte, und den ich schon seit einem Übersetzungsseminar 2011 – das er leitete und aus dem am selben Abend noch dieser Blog hervorgegangen ist – und durch einen gemeinsamen Freund – durch den ich überhaupt erst zum Übersetzen kam – kenne. Dass sich diese Übersetzung von Jochen Schwarzer ganz hervorragend liest, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

Meine Woche 15.12.2023: Frieren! Filme und Fantasy 2024

Meine Woche in Filmen, Serien, Musik, Artikeln, Youtube-Videos und privaten Dingen. Die schönste Anime-Serie seit Langem, die interessantesten Fantasybuchneuerscheinungen 2024, ein paar okaye Filme und mein Hörspielfrust.

Kollage aus drei Bildern. Links groß: die DVD-Box von "The Tatami Galaxy", rechts klein oben: ein Sceenshot aus der Serie Frieren, auf dem die Heldengruppe mit dem Rücken zu uns vor einem Sternenhimmel steht. Von links nach rechts: die Elfe Frieren, der Krieger Himmel, der Priester Heiter und der Zerg Eisen.
Auf dem Bild unten sehen die drei Gefährten zu, wie Frieren mit einem Koffer in derHand sich auf einer Brücke auf eine Reise begibt

In dieser wöchentlichen Rubrik werdet ihr wenig zu negativen Themen finden. Ich lese natürlich viele Artikel, Tweets, Posts und Threads zu aktuellen Krisen wie der Situation in Israel/Palästina, in der Ukraine, die Corona-Lage usw. Aber mit den ganzen schlimmen Nachrichten werden wir schon überall bombardiert. Links und Empfehlungen zu solchen Themen gebe ich hier nur stark dosiert, wenn mir was wirklich Gutes mit wichtigen Hintergrundinfos begegnet, was einen Ansatz hat, der noch nicht so verbreitet ist. Ansonsten setze ich hier mehr auf Unterhaltung, mit Tipps, die hoffentlich dazu beitragen können, dass bei einigen von euch die Freizeitgestaltung bereichert wird.

Aber warum überhaupt Wochenrückblicke. Die meisten Menschen sind froh, wenn die Woche rum ist – also zumindest die Arbeitswoche, denn wenn die komplette Woche vorbei ist, ist wieder Montag, und das Hamsterrad geht in die nächste Runde. Ich hatte auch schon Jobs, zu deren integralem Bestandteil die Vorfreude aufs Wochenende gehörte, quasi als Überlebensstrategie. Seit ich Freiberufler bin, hat sich das geändert, in der ersten Jahreshälfte habe ich auch viel am Wochenende gearbeitet, normalerweise versuche ich mich aber an eine Fünftagewoche zu halten, eben, damit ich mich aufs Wochenende freuen kann.

So viel Aufregendes passiert bei mir die Woche über aber nicht, weshalb ich hier vor allem auf meinen Medienkonsum eingehe und hoffe, ein paar interessante Tipps geben zu können.

Doku

Traumziele Südostasiens (1/2): Die Philippinen und Vietnam sowie (2/2): Von Myanmar bis Thailand

Zweiteilige australische Doku, die diese Länder in wunderschönen Bildern einfängt. Es ist eine Mischung aus Landschafts- und Tierdoku sowie Kulturreportage, wobei zwar Menschen gezeigt, aber nicht weiter vorgestellt werden. Ich habe schon viele Dokus über die Region gesehen, trotzdem werden hier Sachen gezeigt, die ich noch nicht kannte. Traumziel trifft es durchaus, wobei es vielleicht einen Tick zu sehr auf Urlaubspostertapete setzt und wir nicht so viel über die lokalen Kulturen lernen.

3sat-Mediathek

Youtube

CHANEL 2022/23 Métiers d’art Collection – A Film by Mati Diop

Das ist eigentlich nur ein Werbevideo für Chanel von Mati Diop mit Mama Sané (beide Atlantique, toller Film übrigens), der Tokyo aber in wirklich schönen Bildern zeigt. Hat eine tolle Atmosphäre (danke für den Tipp, Jochen).

SFF180 ⚔️ Anticipated Fantasy 2024

Und hier noch (siehe letzte Woche) die Neuerscheinungen 2024 Fantasy. The City of Stardust von Georgia Summers hat auf jeden Fall ein Cover, das auffällt, scheint ansonsten typische Urban Fantasy zu sein, habe ich mir aber mal vorgemerkt. Mit The Tainted Cup erscheint ein neues Werk von Robert Jackson Bennett, das ganz interessant klingt.

The Book of Doors von Gareth Brown hatte ich begutachtet und empfohlen, wir haben versucht, es zu kaufen, aber Heyne ist uns ein paar Stunden zuvor gekommen (und das nur, weil bei uns Vertretekonferenz im Haus war). Wird dort als Das Buch der tausend Türen im August erscheinen. Ist kein Buch, das mich privat groß begeistern würde, für das ich aber eine große Zielgruppe sehe, zumal es zwar relativ seicht ist, aber auch sehr flott, unterhaltsam und ohne ein Gramm Fett auf den Punkt geschrieben ist. Bin gespannt, wie es bei Heyne laufen wird.

Das Cover zu James Logans The Silver Blood Promise sieht stark nach Stephan Martinière (stammt aber von Jeff Brown, wie ich inzwischen recherchiert habe) , und genau solch opulenten, epischen Titelillustrationen liebe ich auf Fantasybüchern. Aber leider sind sie sehr selten geworden. Allein deswegen werde ich mir das Buch vermutlich in der gedruckten Fassung kaufen, einfach, um die Covergestaltung zu belohnen.

Und mit One Hundred Shadow von Hwan Jungeun gibt es auch die obligatorische Fantasy aus Südkorea (in englischer Übersetzung). Ist aber wohl Urban Fantasy in unserer Zeit.

Mit I’m Afraid You Got Dragons ist auch ein neues Buch von Peter S. Beagle dabei.

Ansonsten notiert habe ich mir noch:

  • Projeclions von S. E. Porter (soll Richtung Mieviélle und VanderMeer gehen)
  • Gogmagog von Jeff Noon und Steve Beard
  • The Dead Cat Tail Assassins von P. Djéli Clark (dürfte den Preis für den originellsten Titel in der Liste gewinnen)
  • Goddess of the River von Vaishnavi Patel

Meine Lektüre

Seventeen | Hideo Yokoyama

E-Book-Cover des Romans "Seventeen" auf einem farbigen Tablet angezeigt.

Meine kurze Besprechung von Hideo Yokoyamas Roman Seventeen, einer gelungenen Ode an den Wert von gutem investigativem Lokaljournalismus, geschildert an der Berichterstattung über einen großen Flugzeugabsturz in der Provinz.

Artikel

Ich habe diese Woche noch mal meine Wochenrückblicke vom Dezember 2022 gelesen und festgestellt, dass die Bandbreite der dort verlinkten und kommentierten Artikel viel größer war als in den letzten Ausgaben. Das dürfte wohl damit zusammenhängen, dass ich meinen Twitter-Account gelöscht habe und meine Vernetzung auf Bluesky und Mastodon noch nicht so vielfältig ist, dass sie mir so vielseitige Themen in die Timeline spült. Daran muss ich noch arbeiten.

The Best Movies of 2023, According to John Waters

When most people hear my name, they think of the city of Baltimore, where I still live. But few know I have kept a secret apartment in New York City for over three decades. Why? To see fucked-up foreign movies with frontal nudity — that’s why.

Schreibt John Waters als Einleitung zu seinen zehn besten Filmen 2023. Einen besseren Grund für eine Wohnung in New York kann ich mir kaum vorstellen. Ein vielfältiges Kinoprogramm wäre tatsächlich auch einer der Gründe, warum ich gerne wieder nach Berlin ziehen würde (wenn es denn erschwinglich und möglich wäre). Gesehen habe ich von den Filmen bisher nur Master Gardener (siehe weiter unten).

Serien

Wie oben erwähnt, habe ich mir noch mal meine Wochenrückblicke von vor einem Jahr angesehen. Damals hatte ich viel Spaß mit den japanischen Serien First Love und Sumo Do, Sumo Don’t. So eine Serie fehlt mir dieses Jahr. Klar Frieren (siehe unten), aber eine Slice-of-Life-Realserie wäre schön. Kürzlich habe ich mit der Anwaltsserie Ishiko & Haneo angefangen, aber da fehlt das gewisse Etwas. Die Mischung aus Comedy, Drama und ambitionierter Inszenierung passt nicht so ganz zu den cheesigen Anteilen.

Frieren

Eine Elfenmagierin, ein Priester, ein Zwergenkrieger und ein Paladin retten die Welt vor einem Dämonenlord. Und dann geht die Serie los. Sie kehren zurück, werden als Helden gefeiert und gehen ihrer Wege. Elfenmagierin Frieren ist unsterblich und hat ein anderes Zeitgefühl. Als sie nach einer kurzen Reise zurückkehrt, sind ihre Gefährten alte Männer geworden. Und bald stirbt der erste. Um Priester Himmel einen Gefallen zu tun, nimmt sie sich der magischen Ausbildung seines Mündels Fern. Und so reisen die beiden durch die Welt, erfüllen Aufträge, wachsen an ihrer Reise und sammeln eine neue Gruppe um sich.

Frieren ist eine wunderschön animierte und sehr ruhig inszenierte Serie, deren Poesie in der Langsamkeit und dem unterschiedlichen Zeitempfinden liegt. Frieren reflektiert über die Abenteuer mit ihren Gefährten, die wir in kurzen Rückblenden zu sehen bekommen, und versucht daraus zu lernen. Normalerweise liegt der Schwerpunkt solcher Anime-Serien auf Kämpfen, nicht so bei Frieren. Und allein das ist im Fantasygenre schon eine angenehme Abwechslung (und eine Isekai-Serie ist es auch nicht).

Fun Fact, die Figuren wie Himmel, Eisen oder Heiter heißen auch in der japanischen Originalfassung so und die Namen entsprechen teils ihren Eigenschaften. Da könnt ihr euch wohl selbst ausmalen, ob Baron Lügen zu trauen ist.

Die Serie hat mich so begeistert, dass ich nächste Woche (ich habe Urlaub) vielleicht einen längeren Artikel zu ihr schreiben werden, denn für mich ist das eine der besten Fantasyserien aller Zeiten, auch wenn bisher erst 14 Folgen erschienen sind. Die andere Hälfte der 1. Staffel soll wohl irgendwann in den nächsten sechs Monaten erscheinen.

Filme

Sommerblüten (Higanbana, 1958)

Der Film beginnt mit einer Hochzeit aus Liebe, was einer der Redner, unser Protagonist und älterer Geschäftsführer, sehr begrüßt. Auch wenn jüngere Frauen aus dem Familienumfeld seinen Rat suchen, gibt er sich locker und unterstützt sie in ihren unabhängigen Entscheidungen. Aber bei der eigenen Tochter hört der Spaß auf. Da ist er strickt gegen Setsukos Heirat mit Herrn Taneguchi – einfach, weil er ihn nicht kennt und nicht selbst ausgesucht hat. Der Film arbeitet gut heraus, dass es hier nicht um väterliche Liebe oder gesellschaftliche Konventionen geht, sondern um Kontrolle. Der Vater möchte weiterhin Kontrolle über seine Tochter ausüben, und die Kontrolle nur an einen von ihm auserwählten Nachfolger übertragen. Der Film ist am Ende aber deutlich versöhnlicher als andere Filme von Ozu, wie z. B. Später Frühling, und enthält auch einige feine Beobachtungen, was den Umgang von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Stellungen miteinander angeht.

Arte-Mediathek

Master Gardener

Der aktuelle Film von Paul Schrader über einen Gärtnermeister mit einer Nazi-History-of-Violence, der der Großnichte seiner Chefin hilft, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und den Drogen abzuschwören. Eigentlich ein schöner Film, der mir aber trotzdem Bauchschmerzen bereitet. Denn die Großnichte, Maya, ist Schwarz und Anfang 20 und ihr Vorgesetzter, der sich eigentlich um ihre Ausbildung kümmern soll, mindestens Mitte bis Ende 40 und hat noch immer riesige Hakenkreuztattoos auf dem Rücken. Das Verhältnis ist also mehr als unangemessen. Klar, er hilft ihr tatsächlich, nutzt ihre Verletzlichkeit aber auch aus. Wirkt ein wenig wie eine Altherrenfantasie, in der es einen ehemaligen Nazi braucht, um die junge Schwarze Frau vor den bösen Drogendealern zu retten. Einige Handlungsverläufe sind auch nicht wirklich stimmig und insgesamt ist der Plot eher schwach geschrieben, wenn auch mit guten Ansätzen. Mit dem ganzen Landschaftsgärtnerkonzept hätte Schrader da etwas Peter-Strickland-Entrücktes draus machen können, beschränkt sich dann aber auf zu simpel und langweilig gestrickte Plotlines.

Leo

Eine Art indisches Remake von A History of Violence, in der natürlich getanzt wird, wenn auch nur einmal, dafür aber lange. Ansonsten ist die Geschichte recht wirr und nicht immer ganz logisch, das Schauspiel eher mittelprächtig, Actionszenen zu CGI lastig, dafür die Kämpfe richtig gut choreografiert. Trotz Überlänge eigentlich nie langweilig und zur Abwechslung mal in einem verschneiten Teil von Indien gedreht. Die Originalfassung ist übrigens Tamil, nicht Hindi oder Teluga, die auch bei Netflix in der Suche angezeigt werden.

Netflix

Hörspiel (Frust)

Ich bin Kassettenkind, mit den ???, Fünf Freunden und TKKG aufgewachsen, höre inzwischen aber auch gerne komplexe, anspruchsvolle Hörspiele für Erwachsene. Neue Hörspiele höre ich am liebsten in der Badewanne. Baden gehe ich nur in der kalten Jahreszeit, in diesem Jahr – aufgrund des warmen Oktobers – also erst von November an (vermutlich bis Ende März), einmal die Woche. Und jedes Jahr habe ich so ein, zwei Hörspielserien, die ich mir dabei besonders gerne anhöre. In den letzten Jahren waren das z. B. Kai Meyers Imperator (eingestellt nach zwei Staffeln), Die sieben Siegel (ebenso) oder Die jutten Sitten (siehe hier).

Dieses Jahr fehlt mir das. Meinem Eindruck nach erscheinen nur noch die xten Varianten von bekannten Marken wie Sherlock Holmes oder Lovecraft und Horror/Gruselhörspiele mit abgeschlossenen Folgen in Anthologieform (siehe Gruselkabinett).

Was mir fehlt, ist ein wirklich ambitionierte, groß angelegte Serie mit zusammenhängender Handlung, die Komplex und vielseitig aufgebaut ist. Wie z. B. Gabriel Burns oder Die schwarze Sonne.

Das Geld wird inzwischen im Streamingbereich verdient (weil niemand mehr CDs oder digitale Downloads kauft), und da verdient es sich am besten, indem große Mengen an Content rausgehauen werden. Bei manchen (teils großen) Labels ist das die Geschäftspolitik. Und bei dieser großen Menge an Content leidet leider die Qualität der einzelnen Folgen, zumindest entspricht sie meist nicht dem, was ich von Hörspielen erwarte.

So ein bisschen in die Breche, was ambitionierte Hörspiele angeht, springen die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender. Ich denke da an Hörspiele wie Ursula K. Le Guins Erdsee, Cixin Lius Die drei Sonnen oder im letzten Jahr Mia Insomnia (wovon gerade die zweite Staffel erschienen ist). Und Macher von Die drei Sonnen sitzen gerade an der Umsetzung eines ganz tollen deutschsprachigen Science-Fiction-Romans, auf die ich schon sehr gespannt bin. Da mir das im Vertrauen erzählt wurde, darf ich aber noch nichts über den Titel verraten.

Wie auch immer, ich habe zwar den Eindruck, dass im kommerziellen Bereich mehr Hörspiele denn je erscheinen, auch jenseits der drei Fragezeichen, aber irgendwie nicht mehr in der Qualität wie zu Beginn der 2000er-Jahre, nicht mehr mit den Ambitionen, die Labels wie Decision Products mit Volker Sassenberg oder Lausch mit Günther Merlau an den Tag legten.

Trailer

Civil War

Kaum ist Ron Swanson Präsident, schon bricht Bürgerkrieg aus. Grusliger Trailer zum neuen Film von Alex Garland, produziert von A24, sieht aber ziemlich aufwendig aus. Angesicht der Präsidentschaftswahl 2024 mit einer drohenden Wiederwahl von Donald Trump vielleicht ein bisschen zu hart an der möglichen Realität.

Worüber ich mich freue

  • Ich war diese Woche beim Zahnarzt. Nur die übliche Routinekontrolle plus Zahnreinigung, möchte aber mal erwähnen, was für eine superorganisierte Praxis das ist. Das Wartezimmer fühlt sich wie ein Wohnzimmer an, mit hoher Decke, weitläufig und fließendem Übergang zum Eingangsbereich, statt unbequemer Stühle gibt es Sessel und Sofas – auf denen ich aber nie lange sitze, da ich fast immer pünktlich drankomme und auch im Behandlungszimmer nie lange warten muss. Fachlich scheint da auch alles Top zu sein, die Technik ist auf dem allerneuesten Stand.
  • Dass ich jetzt zwei Wochen Urlaub habe. Neben einigen Serien und Filmen, die ich schauen möchte, und dem Elric-Band, bei dem mir noch die Hälfte fehlt, hoffe ich, auch mal wieder etwas am Computer zocken zu können. Das habe ich schon seit fast einem Jahr nicht mehr.

Worüber ich mich nicht so gefreut habe

Das war schon vorletzte Woche, aber ich hatte vergessen, es zu erwähnen. Ich habe fünf Kästen Brohler-Mineralwasser zu meinem Getränkeladen zurückgebracht, um diese zu reklamieren. Das Wasser hatte einen fiesen Beigeschmack, chemisch, wie Desinfektionsmittel, fast wie beim Zahnarzt. Ungenießbar. Ich habe Stichproben aus allen fünf Kästen genommen, mit dem immer gleichen Ergebnis. Die Flaschen hatten alle die gleiche Abfüllzeit. Der sechste Kasten wurde eine Stunde früher abgefüllt und hat ganz normal geschmeckt. Die Kästen wurden anstandslos zurückgenommen (keine Ahnung, ob sich sonst noch wer beschwert hat), jetzt trinken wir erstmal Gerolsteiner.

Neu im Regal

The Tatami Galaxy

The Tatami Galaxy ist eine Anime-Serie, die in der gleichen (wenn auch leicht parallelen) Welt wie Time Machine Blues und Night is Short, Walk on Girl spielt. Gleiche Figuren, gleiches Setting (Studentenwohnheim, aber leicht variiert. Time Machine Blues habe ich hier besprochen, eine der besten SF- und Animeserien der letzten Jahre. Der Film Night is Short hat eine unglaublich tolle Atmosphäre. Beim Japanisch lernen dürfte mir die Serie nicht wirklich helfen, schon in der ersten Folge spricht Ich-Erzähler Watashi so schnell, als würde ich auf Youtube die linke Maustaste gedrückt halten. Da komme ich sogar kaum mit den Untertiteln mit. Trotzdem tolle Serie.

Foto der DVD-Box von "The Tatami Galaxy" aufrecht stehend auf einem Schreibtisch. Im Hintergrund leicht unscharft die DVD zu "Night is Short, Walk on Girl".

Meine Woche 17.11.2023: This is England, Kapitalismus in den USA und worüber ich mich freue

Ein vollgepackter Wochenrückblick, in dem ich mich über den Herbst freue, die Kunst meiner Mutter, die Serie This is England und Bücher von Lena Richter und Walter Moers. Politisch wird es mit einer Doku über den US-Kapitalismus, eine Video-Essay zu Wokeness und meinem Kommentar zur aktuellen Lage.

Worüber ich mich freue

Herbst

Ich liebe den Herbst, wenn die Bäume vor meinem Arbeitsfenster sich bunt verfärben, der graue Asphalt rot, braun, gelb und orange schillert, es früh dunkel und stürmisch wird. Wenn es dämmert, mache ich Feierabend, lerne noch 30 bis 45 Minuten Japanisch, trainiere eine halbe bis Dreiviertelstunde, gehe duschen, esse zu Abend und setzte mich dann nur ihm schwachen Schein einer bunten Lichterkette, die über meine Bücherregale drapiert ist, vor den Fernseher und sehe mir ein, zwei Serienfolgen oder einen Film an, während es draußen richtig dunkel wird. Einmal die Woche gehe ich im Flackern eines Teelichts in die Badewanne und höre mir eine Hörspielfolge an, während der Wind im Wald vor dem Fenster durch die Blätter rauscht. Später geht es dann in meinen Lesesessel, der Richtung Fenster ausgerichtet ist, wo ich im Beisein der heranbrechenden Nacht noch ein wenig lese.

Zweimal die Woche wird die Schwärze der Nacht vom Flutlicht des benachbarten Sportplatzes durchstoßen, wenn die Herrenmannschaft trainiert. Da werde ich manchmal etwas wehmütig beim Klang der Bälle, die durch die Luft fliegen und dem Geschrei der Männer. Denn früher habe ich da mittrainiert, bei jedem Wetter und immer gerne. Auch wenn mir das Gebrüll damals schon auf die Nerven ging. Ist jetzt schon fast zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal Fußball gespielt habe.

Blick aus dem Fenster auf eine mit roten Blättern bedeckte Straße, dahinter ein kleiner Laubwald.

Kunst

Dieses Bild meiner Mutter ziert jetzt die Wand zwischen meiner Zimmertür und einem der Bücherregale. Sie hat es fertiggestellt, als ich gerade an meinem Elric-Artikel schrieb, und es hat mich sofort an Moorcocks Beschreibungen vom vorrückenden Chaos erinnert. Zügellose Entropie, die in schillernden Farben die Ordnung zurückdrängt.

Veranstaltungen

Ich bin notorisch reisefaul. Also, ich bin schon gerne auf Reisen, aber erst ab dem Moment der Ankunft. Die Zeit vor der Abreise ist mir so ein Graus, dass ich ewig brauche, bis ich mich dazu entscheiden kann, irgendwohin zu reisen. Das war schon vor Corona so, hat sich seitdem aber noch verstärkt. Zumal die Bahn in den letzten Jahren auch nicht zuverlässiger geworden ist.

Immerhin hat sie es an einem Oktoberdonnerstag geschafft, mich zusammen mit meiner Mutter nach Frankfurt auf die Buchmesse zu bringen. Aber wir wohnen auch nur eine Dreiviertelstunde entfernt. Meine Mutter hat sich mit befreundeten Autorinnen getroffen, ich hatte einen beruflichen Termin. Ansonsten bin ich gar nicht so ein Fan von der Messe. Einmal durchlaufen reicht mir, das Gespräch an den Verlagsständen suche ich nicht. Mir war es am Donnerstag schon zu voll, an den Besuchertagen würden mich keine zehn Einhörner dorthin bringen.

Samstags ging es dann nach vier Jahren endlich wieder auf den BuCon, wie früher, mit Ralf Steinberg und Michael Schmidt zusammen. Auch dort war es mir im Hauptsaal etwas zu voll und es fehlten die Sitzmöglichkeiten, aber insgesamt war es ein toller Tag, da ich ganz viele liebe Menschen wiedergetroffen habe, die ich viel zu lange nicht gesehen habe.

Damit war meine Reiseenergie für dieses Jahr auch verbraucht, nächstes Jahr gibt es vielleicht einen Wochenendtrip ins europäische Ausland.

Lektüre

Dies ist mein letztes Lied | Lena Richter

Über eine berührende Novelle, die zeigt, warum dieses Format in der Science Fiction besonders stark ist, und die eine tolle Mischung aus Abenteuer und moderner SF á la Becky Chambers bietet.

Hier geht es zu meiner Besprechung.

Die Insel der tausend Leuchttürme | Walter Moers

Gebundene Ausgabe von "Die Insel der Tausend Leuchttürme".

Im Vorfeld hatte ich mich über den Preis von Walter Moers’ Die Stadt der Tausend Leuchttürme aufgeregt, habe es dann aber zum Geburtstag bekommen. Würde sich der Preis eines Buches aus dem Lesespaß damit zusammensetzten, wären die 42 Euro durchaus gerechtfertigt. Denn so viel hatte ich schon lange nicht mehr mit einem Roman.

Hildegunst von Mythenmetz ist zurück. Angeregt durch seinen verstorbenen Dichtpaten Danzelot begibt er sich zur Kur auf die Insel Eydernorn, um sich im Sanatorium seine eingebildeten Krankheiten behandeln zu lassen. Nebenher lernt er das Krakenfieken, macht Bekanntschaft mit skurrilen Einheimischen, erkundet Flora und Fauna und vor allem die berühmten 111 Leuchttürme, von denen jeder ein einzigartiges und faszinierendes Mysterium ist.

Moers in Höchstform, was er hier in opulenten Beschreibungen an Fantasie einbringt, steht der Stadt der träumenden Bücher in nichts nach. Die meiste Zeit passiert gar nicht viel, Hildegungst verbringt im Prinzip einfach einen ruhigen Kuraufenthalt, aber das ist so grandios und einfallsreich geschrieben, dass ich davon gar nicht genug bekommen konnte. Zwischendurch gibt es auch immer wieder Andeutungen, dass die Hummdudel nicht sind, was sie scheinen und der pittoreske Kulisse des trägen Kurorts ein düsteres Geheimnis verbirgt, actionreich wird es daber erst im Finale auf den letzten 100 Seiten. Und das dann so richtig. Bombastische wäre noch eine Untertreibung, was hier an apokalyptischem Endzeitspektakel aufgefahren wird.

Und so gut das Finale geschrieben ist, ich glaube, der Roman hätte mir sogar noch besser gefallen, wenn Hildgunst einen gemütlichen Kuraufenthalt verbracht hätte und am Ende einfach wieder zurück aufs zamonische Festland geschippert wäre. Trotzdem für mich ein Meisterwerk der deutschsprachigen Fantasy. Auch sprachlich eine Wucht.

Tor Online

Auf Tor Online bin ich zuletzt fleißig gewesen und habe einige Artikel im Oktober veröffentlicht.

Eher spontan habe ich einen Artikel mit dem Titel Der Untergang des Hauses Usher – Die Serienwelten des Mike Flanagan verfasst, in dem ich alle Serien Flanagans vorstelle und etwas genauer auf die aktuelle eingehe.

Im Oktober ist auch die prächtige Elric-Ausgabe bei Fischer Tor erschienen, bei der ich schon etwas stolz darauf bin, das Cover ausgesucht zu haben. Der schwarze Heyne-Sammelband war in den 1990ern nach Raymond Feists Midkemia-Saga mein erstes Fantasybuch und der Beginn einer langen Leidenschaft. Kein Buch in meinen Regalen habe ich so oft gelesen, kein Fantasywerk hat mich so geprägt, wie das von Michael Moorcock. Dementsprechend ist, was eigentlich als ein Artikel geplant war, etwas eskaliert.

Im ersten Artikel geht es um Michael Moorcocks Multiversum, den Autor selbst und die verschiedenen Inkarnationen des ewigen Helden.

Der zweite Beitrag widmet sich ganz Elric (für Einseiger), die neue Ausgabe und den dort nicht enthaltenen 2023 erschienenen Roman The Citadel of forgotten Myths.

Filme

Yasujirō Ozu in zehn Werken

Bei Arte gibt es jetzt ganze 10 Filme von Yasujirō Ozu in der Mediathek. Gute Gelegenheit für mich, eine gewaltige Bildungslücke zu schließen. Als Jugendlicher habe ich mal ein, zwei von ihm gesehen. Reise nach Tokio auf jeden Fall, den anderen weiß ich nicht mehr.

Guten Morgen (お早よう)

Eine Nachbarschaftskomödie in einem Neubaugebiet, wo die Familien dicht aufeinander hocken, tratschen, sich gegenseitig helfen, spekulieren und so langsam in der Moderne ankommen. Hat ein bisschen was von Jacques Tati. Sehr witziger Film, der eigentlich ganz subtil vorgeht, aber auch einige Furzwitze macht. Der Film von 1959 kann wohl zum Spätwerk Ozus gezählt werden.

The Killer (2023)

Das ist also Finchers Schakal. Ein Profikiller, dessen Arbeit minutiös aber distanziert gezeigt wird, während er selbst aus dem Off schwafelt. Ist schon schick gefilmt, aber zur Handlung kann ich nur sagen: »I just don’t give a fuck.« Im Prinzip ist das eine sehr langsame Version von John Wick, nur ohne Hund (auch wenn ein Hund vorkommt). Ganz nett fand ich den Humor, der daraus besteht, dass der Killer erst erklärt, wie strikt er sich an seinen Plan hält, nicht improvisiert sonder antizipiert, dann aber doch alles schiefgeht. Insgesamt ist der Film ganz okay, aber (anders als bei anderen, jedoch nicht allen Fincher-Filmen) keiner, den ich mir ein zweites Mal anschauen werde.

Netflix

This is England

Packende Mischung aus Coming-of-Age und Milieustudie, die zeigt, wie schnell sich Kinder und Jugendliche radikalisieren lassen. Und wer kennt ihn nicht, den Arschloch-«Kumpel«, der die Stimmung killt, ständig für Ärger sorgt und die Clique sprengt. Erzählt wird von Shaun, der in der Schule gemobbt wird und dessen Vater im Falklandkrieg ums Leben kam. Er gerät an eine Gruppe linker Skinheads, die ihn bei sich aufnehmen, die sich aber spaltet, als einer von ihnen rechte Ideen bekommt.

Arte-Mediathek

Serien

This is England ’86, ’88, ’90

Bei Serienfortsetzungen zu richtig guten Filmen bin ich meist skeptisch, aber hier ist die Serie noch besser als der Film geworden. Es sind wieder alle mit dabei, die Figuren erhalten deutlich mehr Tiefe, es wird noch viel dramatischer und tragischer, teils richtig heftig. CN: Vergewaltigung, langjähriger Missbrauch, Gewalt, Suizid. Die Staffeln beginnen eigentlich immer recht fröhlich, als Feel-Good-Serie über Freundschaft, aber ab Mitte der jeweils zweiten Folge kippt die Stimmung, werden Risse in der Fassade sichtbar und die Staffeln werden richtig gut. Vor allem gefällt mir, dass wir hier mal eine auf hohem Niveau inszenierte Serie über die Arbeiterklasse haben.

Und die Serie wird mit jeder Staffel besser und erreicht ihren Höhepunkt in Folge 3 der dritten Staffel. Die lange Szene mit dem Mittagessen ist mit das Beste, was ich je in einer Serie gesehen habe. So gut geschrieben, so gut gespielt und atemberaubend inszeniert. Das war so intensiv, dass ich fast mittendrin abgeschaltet hätte, um erst mal Luft zu holen. Ich habe schon lange nicht mehr so mit Figuren mitgefiebert wie in dieser Serie.

Gibt es OmU in der Arte-Mediathek

Die Bestie von Bayonne

Ich kann sie eigentlich nicht mehr sehen, Bücher, Filme und Serien, in denen es um entführte, ermordete und sonst wie gestorbene Frauen und Mädchen geht. Aber diese französische Serie ist so gut gemacht, verbindet so geschickt zwei zeitlich weit voneinanderliegenden Handlungsebenen, die zu einem großen Familiendrama (damit ist nicht Gewalt von Männern gegen Frauen gemeint) führen. Serienkunst auf höchstem Niveau mit interessantem Twist. Spannend bis zuletzt.

ZDF-Mediathek

Polar Park

Noch eine französische Krimiserie. Hier kehrt ein Krimischriftsteller ins Dorf seiner Kindheit zurück, um dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur zu kommen, und wird dabei in eine Mordserie verwickelt, die erschreckende Bezüge zu seinen Romanen hat. Ist jetzt nicht ganz auf dem Niveau von Die Bestie von Bayonne inszeniert, aber dafür deutlich humorvoller und lockerer, mit einer tollen Atmosphäre.

Arte-Mediathek

Dokus

Kapitalismus made in USA – Reichtum als Kult

Die dreiteilige Dokumentation erklärt anschaulich, wie sich die USA gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter Unternehmern wie John D. Rockefeller, J. P. Morgan und Andrew Carnegie zu einem Paradies für Superreiche entwickelt haben, die sich jeglicher staatlichen Regulierung entziehen konnten; wie dieser Millionärs-Anarchismus vor und vor allem während des 2. Weltkriegs durch Präsidenten wie Franklin D. Roosevelt und Harry S Truman gezügelt, und später ab Reagan wieder von der Leine gelassen wurde. Ein Superreichtum, der es wenigen ermöglicht auf dem Rücken vieler pervers große Vermögen anzuhäufen und die Wirtschaft regelmäßig in Krisen zu stürzen.

Youtube

Who Really Made The Witcher Woke?

Von Princess Weekes gibt es einen sehr guten und differenzierten Video-Essay (thx molo) mit dem Titel Who Really Made The Witcher Woke?, in dem es um Wokeness und Diversity in aktuellen Fantasyserien geht, beispielhaft erklärt anhand der Netflix-Serie The Witcher. Weekes geht der Frage nach, wie viel Wokeness schon in der Buchvorlage von Andrzej Sapkowski steckt, wie Diversität in modernen Produktionen richtig gemacht wird und wie es falsch wirkt.

Wokeness steht übrigens für ein wachsames Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus. Das ist also eine gute Sache. Wer Wokeness ablehnt und in aktuellen Produktionen beklagt, vertritt ein rassistisches und diskriminierendes Weltbild voller Empathielosigkeit und einem mangelnden Bewusstsein für die Benachteiligung marginalisierter Gruppen und Menschen.

Und ich kann mich Weekes Aufruf nur anschließen: Statt die Werke alter, längst verstorbener weißer Männer zu verfilmen und auf Diversität zu trimmen, verfilmt doch endlich Werke, die von Anfang an divers sind.

Politik

Erschreckend finde ich die Diskursverschiebung nach rechts, die inzwischen voll in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Da werden rechte und und demokratiefeindliche Positionen – zu denen es bisher Aufschreie der Empörung gab, wenn sie von Rechtsextremen wie der AFD kamen – von den sogenannten etablierten Parteien mit Regierungsverantwortung wie selbstverständlich vertreten.

In der FDP möchte man z. B. gerne die Grundrechte für Ausländer abschaffen. Die sich anbahnende große Koalition in Hessen möchte das verbieten, was gemeinhin als Gendern bekannt ist. Also eine respektvolle und emphatische Verwendung von Sprache, die möglichst viele marginalisierte Menschen mit einbezieht und anspricht.

Und so erodiert langsam unsere Demokratie und durch die Normalisierung solcher rechter, demokratiefeindlicher Positionen durch etablierte Parteien wird auch die Wahl von rechten, demokratiefeindlichen Parteien normalisiert. Wo das hinführt, kann man gerade in Italien sehen, wo die Faschist*innen um Meloni gerade massiv die Mittel für die ärmsten der Bevölkerung streichen, die Rechte von LGBTQ+-Menschen einschränken und gleich demokratische Grundsätze bei Wahlen abschaffen wollen, indem die Gewinner einer Wahl immer 55% aller Sitze im Parlament bekommen sollen, auch wenn sie nur 18% oder so der Stimmen erhalten haben. Faschismus in the Making.

Und so bricht dieser Tage auch wieder der Antisemitismus in Form von Gewalt seine Bahn und Juden in Deutschland können sich nicht mehr sicher fühlen. Einen Grund dafür sehe ich darin, dass der Antisemitismus nie weg war. Er schwelte schon immer unter der Oberfläche, wurde aber vor allem hinter verschlossenen Türen, im kleinen Kreis, am Stammtisch usw. verstohlen geäußert, und nicht entschieden genug von uns allen bekämpft. So dass er jetzt, wo rechte bis rechtsextreme Position anscheinend wieder salonfähig sind, an die Oberfläche bricht und seine hässliche Fratze zeigt. Deutschland war schon immer ein rassistisches Land und ist es auch heute noch (wie. z. B. diese Befragung zeigt). Und es ist offenbar auch auf seinen Niedergang erpicht, anders lässt sich nicht erklären, dass trotz massivem Fachkräftemangels und einer besorgniserregenden demografischen Entwicklung Migration unter allen Umständen (auch mit Gewalt) verhindert werden soll und jene ausländischen Fachkräfte, die schon vor Ort sind, durch unfreundliches, rassistisches und ausländerfeindliches Verhalten wieder davongejagt werden. Ich kann auch nur jedem aus dem Ausland davon abraten, nach Deutschland zu ziehen.

Was den Gaza-Krieg angeht, verweise ich auf den Artikel von Navid Kermani bei Zeit Online. Kermani ist natürlich auch entsetzt über die zivilen Opfer der israelischen Bombardierungen, vor allem aber über die kaltherzigen Reaktionen auf den Schmerz der Juden über das Massaker vom 7. Oktober, die es von Seiten der Pro-Palästina-Bewegung gibt.

Dass Juden nicht toleriert werden, selbst wenn sie sich mit Palästinensern solidarisieren, ist das Gegenteil von Menschlichkeit, nämlich Antisemitismus in seiner radikalsten Form.

Ein insgesamt sehr lesenswerter Text, der meine Position so ziemlich widerspiegelt, ohne dass ich das je so gut in Worte fassen könnte.

Wo ist meine Fantasie beim Lesen hin? – Auf der Suche nach dem Sense of Wonder

In diesem Blogbeitrag begebe ich mich auf die Suche nach meiner verschwundenen Fantasie. Gehe der Frage nach, warum mir beim Lesen von Fantasybüchern der Sense of Wonder, das unbändige Staunen, (zumindest teilweise) abhandengekommen ist.

Wie viele Menschen meiner Generation, die unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, suche ich bei Filmen, Hör- und Computerspielen, aber vor allem bei Büchern immer wieder diesen Sense of Wonder, den ich als Kind und Jugendlicher so oft verspürt habe. Etwas, das mir beim Lesen immer seltener gelingt und oft nur noch durch eine gehörige Portion Nostalgie möglich ist. Aber warum ist das so? Wo ist meine Fantasie beim Lesen hin?

Ich bin Jahrgang 1979, im Oktober werde ich 44 Jahre alt. Als Jugendlicher in den 90er-Jahren habe ich die Fantasy für mich entdeckt. Bin mit Pug und Thomas durch Raymond Feists Midkemia gereist, diese Bücher habe ich förmlich verschlungen. Jedes Wochenende musste mein Vater mich wieder nach Koblenz fahren, wo ich die Buchhandlungen nach dem nächsten Band abgeklappert habe. Das Fantasyregal in der Montanus/Phoenix-Buchhandlung im Löhr-Center erschien mir wie eine riesige Schatzgrube voller Welten und Möglichkeiten.

Ich habe mit Elric und Mondmatt gelitten auf ihren unzähligen Abenteuern in teils grotesken Welten; war einer der Gefährten beim Versuch, den einen Ring loszuwerden; hatte Tränen in den Augen, als Drizzt’s Freund Wulfgar durch die Schergen der Spinnenkönigin (vermeintlich) starb; und kaum aus dem Staunen nicht raus, als ich das erste Mal die bizarre und grausame aber auch vielfältige und vor Kreativität nur so übersprudelnde Metropole New Crobuzon betrat.

Als Jugendlicher und junger Erwachsener (während meines ersten Studiums) wurde ich völlig in die Romane reingesogen, die ich las, als hätte ich eine Virtual-Reality-Brille getragen oder einen direkten Neurolink ins Buch. Die Immersion war nahezu perfekt. Erzeugt wurde sie einerseits durch die Magie der Worte, mit denen die Autor*innen diese Welten und Geschichten erschufen, aber zu einem großen Teil auch durch meine Fantasie, die wie eine Bilder-KI heute die Worte als Prompt-Eingabe nimmt und daraus etwas (vermeintlich) eigenes erschafft. Kopfkino nennen das viele. Zum einen werden die Worte der Autor*innen im Kopf in Bilder umgesetzt, aber auch die Lücken werden mit der eigenen Fantasie aufgefüllt und führen zu einer opulenten Erlebnisreise.

Und irgendwie ist mir diese Fantasie im Laufe der Jahre etwas abhandengekommen, die Gründe dafür sind vielfältig und ich werde versuchen, auf sie alle einzugehen.

Wo ist die Rechenpower hin?

Teils kommt es mir wie bei einem Computerspiel á la Cyberpunk 2077 vor, dass ich früher mit viel Rechenleistung gespielt habe, weshalb die Straßen voll von NPCs und Leben waren, das ich heute aber mit einer alten, schwachen Gurke spiele, weshalb die Boulevards wie leergefegt sind, die Grafiken verpixelt, die Farben blass, die Bewegungen ruckelig und die Maussteuerung schwerfällig.

Seinen Höhepunkt erreicht unser Gehirn mit 27 Jahren, bis dahin ist zum Beispiel auch das beste Alter für Schachspieler, danach baut die Gehirnleistung wieder ab. Ich merke das, wenn ich z. B. Point-and-Click-Adventures von früher spiele und viel länger für die Rätsel brauche, oder wenn die Reaktionszeit bei Ego-Shootern und kniffligen Spielen nachlässt. Anscheinend läuft mein Gehirn nicht mehr ganz so auf Hochtouren wie früher und sprudelt nicht mehr über vor Fantasie.

Der Reiz des Neuen ist weg

Fehlende Rechenpower dürfte allein aber kein Grund sein. Damals waren diese Welten für mich noch neu, ich hatte kaum Erfahrungen, was phantastische Bücher anging, jedes Abenteuer war eine Reise ins Unbekannte. Doch mit jedem gelesenen Buch wächst mein Erfahrungsschatz, Szenarien wiederholen sich, Tropen und Muster sind bekannt, vieles fühlt sich eben nicht mehr neu an. Alles schon mal ähnlich irgendwo gelesen.

Der kritische Leser in mir

Als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich ein ziemlich unkritischer Leser, habe wenig hinterfragt, war einfach zufriedenzustellen und hatte andere Prioritäten bei meiner Lektüre. Inzwischen habe ich unzählige Bücher gelesen, zwei Studiums hinter mir, einiges an Lebenserfahrung gesammelt, bin als Person gewachsen und arbeite inzwischen professionell in der Buchbranche als Übersetzer, Redakteur und Gutachter.

Letzteres führt dazu, dass ich einen besonders kritischen Blick auf die Bücher habe, die ich lese. Schwächen fallen mir leichter auf, ebenso wie alles, was ich so oder so ähnlich schon in anderen Büchern gelesen habe. Ist Handlung stimmig? Gibt es Plotlöcher? Wie gut sind die Figuren und ihre Motivation ausgearbeitet? Wie würde so ein Buch auf dem deutschen Buchmarkt funktionieren? Was könnte getan werden, um die Schwächen auszubessern? Ist die Übersetzung nicht etwas zu nah am Original?

Dazu kommt ein ideologiekritischer Blick. Lese ich heute manche meiner einstigen Lieblingsbücher, bin ich teils ziemlich erschrocken über den dort enthaltenen Sexismus, die Misogynie, den Rassismus oder Rassismen, die politische Haltung (I’m talking to you, ✝Terry Goodkind) und unzählige andere Punkte, die mir früher überhaupt nicht aufgefallen sind.

Das gilt für alte Bücher, die ich nach vielen Jahren wiederlese, aber auch neue Werke werden von mir kritischer beäugt. Und ich bin hier gnadenloser geworden und breche Bücher viel schneller ab.

Dazu kommt, dass ich aufgrund der aktuellen Weltsituation in Sachen Klimakrise, Rechtsruck und Erosion der Demokratie nicht mehr so unbeschwert aufs Leben blicke wie früher. Das sind Themen, mit denen ich mich auch in meiner Freizeit beschäftige, zu denen ich Bücher lese und von denen ich erwarte, dass sie in Fantasygeschichten thematisiert werden. Das macht es aber auch schwieriger, abzuschalten. Der Eskapismus funktioniert nicht mehr so wie früher. Dabei halte ich ihn für wichtig, was Stressabbau und Resilienzförderung angeht, wenn er in einem gesunden Maß stattfindet.

Überangebot und zu viel Vorwissen

Ich habe inzwischen mehr als 300 ungelesene Bücher in meinen virtuellen und analogen Regalen stehen, darunter zahlreiche Fantasyromane. Vor lauter Auswahl weiß ich gar nicht, was ich als Nächstes lesen soll. Und je länger ein Buch bei mir ungelesen im Regal steht, mein Blick aber täglich darüber schweift, desto genauer werden meine Vorstellungen davon, womit auch ein wenig die Lust auf die Lektüre singt, weil ich das Gefühl habe, das Buch zu kennen, obwohl ich es noch nicht gelesen habe.

Mitte der 90er hatten wir noch kein Internet, in die Buchhandlung ging ich völlig unvorbereitet, alle Bücher, die ich dort entdeckte, waren neu für mich. Meine Informationen darüber beschränkten sich auf den Klappentext, ab und zu mal auf eine Werbung für das Buch am Ende eines anderen. Den Buchdeckel aufzuklappen war jedes Mal eine Reise in Unbekannte, Fanzines und Magazine kannte ich damals nicht.

Mit dem Internet stieg die Informationsdichte langsam an, ich entdeckte Onlinemagazine wie den Fantasyguide (für den ich dann selbst Rezensionen schrieb), Foren wie die Bibliotheka Phantastica, Kundenbewertungen bei Amazon usw. Mit der Zeit recherchierte ich immer mehr vor dem Bücherkauf, Womit natürlich schon gewissen Erwartungen an ein Buch geschürt werden, die eben auch enttäuscht werden können und den Überraschungseffekt mindern.

Ab Mitte/Ende der 2000er war ich fest im Fandom verankert, hatte den Markt im Blick, informierte mich immer über alle aktuellen Neuerscheinungen, auch auf dem englischsprachigen Buchmarkt. Ein Besuch in der Buchhandlung gleicht dadurch nicht mehr dem Besuch einer Schatzhöhle, in der ich mir ein paar Gemmen aussuchen darf, da ich über die meisten Bücher sowieso schon Bescheid weiß. Das macht mich zwar zu einem Genrekenner, aber auch zu einem Genreveteranen, der schon vieles gesehen hat und abgeklärt an die Sache herangeht, ohne großes Staunen.

Fehlende Ausdauer, das Alter

Früher bin ich manchmal tagelang in Büchern versunken und nichts konnte mich von der Lektüre ablenken. Die neuen Harry-Potter-Bände habe ich immer als erster in unsere Gemeindebücherei erhalten, weil die Bibliothekarin wusste, wie schnell ich sie durchhabe. Selbst die dicksten Bände habe ich innerhalb eines Tages verschlungen, bin ganz in der Welt von Hogwarts aufgegangen. Heute kann und will ich Rowling aufgrund ihrer wiederholt transfeindlichen Äußerungen nicht mehr lesen. Also auch die politischen Ansichten der Autor*innen beeinträchtigen meinen Spaß an der Lektüre. Ich trenne hier nicht die Kunst von der Künstlerin, und solch nachträgliches Wissen verändert auch meinen Blick auf die damalige Lektüre und macht ihn im Nachhinein kritischer.

Aber unabhängig von politischen und menschlichen Komponenten wäre ich heute schon rein körperlich wohl nicht mehr in der Lage, einen 700-Seiten-Schmöker am Stück zu verschlingen. Dafür hat sich meine Sehstärke zu sehr verschlechtert. An guten Tagen schaffe ich durchaus noch 200 Seiten eines gedruckten Buches, vorausgesetzt, die Schriftgröße fällt nicht zu klein aus. Bei E-Books ist die Schrift kein Problem, die kann ich nach meinen Bedürfnissen einstellen.

Inzwischen lese ich viele E-Books, zum einen aus Platzgründen (meine Regale sind zum Bersten voll), aber auch eben wegen der Schriftgröße (und wegen des Preises, gerade bei englischsprachigen Titeln). Trotzdem scheint die Haptik bei mir doch eine gewisse Rolle zu spielen, denn ich kann mich nicht erinnern, schon mal ein E-Book so verschlungen zu haben wie manch gebundenes Buch. Allerdings lese ich auch erst seit 2013 digital.

Meine liebsten Lesepositionen sind seit jeher auf dem Bett liegend, Oberkörper und Kopf auf einem Kissenstapel angelehnt; auf einem Sessel oder Sofa, die Beine aufs Bett gelegt oder die Füße auf einem Hocker an der Heizung abgestellt. Früher konnte ich so stundenlang liegen und sitzen, heute tun mir nach spätestens zwei Stunden Nacken oder Rücken weh. Dann unterbreche ich die Lektüre und bewege mich, setze mich an den Computer oder lenke mich sonst wie ab. Ich werde alt.

Ablenkungen

Apropos Ablenkungen, die sind heute vielfältiger. Ich hatte als Kind schon Konsolen wie NES und SuperNES und einen Computer. Wie hatten relativ früh Kabelfernsehen, einen Videorekorder und eine Videothek um die Ecke. Ich habe immer Sport im Verein gemacht und mich mit Freunden getroffen. Doch dank des Internets, des Smartphones und den zahlreichen Streamingdiensten sind die Ablenkungen auch im allerheiligsten Leserefugium größer geworden.

Ich mache auch nicht mehr so gerne das Gleiche für viele Stunden am Stück, sondern gestalte meinen Tag lieber abwechslungsreicher, selbst wenn das inzwischen zu einer Routine geworden ist. Im Prinzip habe ich feste Zeiten, zu denenen ich Sport mache, Filme oder Serien schaue, am Rechner sitze und eben lese. Ein hemmungsloser Binge-Konsum kommt bei mir nur noch selten vor. Das gilt übrigens auch für Streaming-Serien.

Serien

Und wo wir schon bei Serien sind. Früher waren Bücher für mich so ziemlich die einzige Möglichkeit, Fantasy zu konsumieren. Für Pen-&-Paper-Rollenspiele fehlten mir die passenden Freunde, und in Film und Fernsehen gab es nur vereinzelte gelungen Werke, Streifen wie Conan, der Barbar oder Zeichentrickserien wie Dungeons & Dragons. Einzig bei Computer- und Konsolenspielen genoss ich ebenso Fantasygeschichten (Legend of Zelda!).

Heute gibt es fast schon ein Überangebot an Fantasyserien Das Rad der Zeit, The Witcher, Die Ringe der Macht, Shadow and Bone, Carnival Row, Arcane, Demonslayer, Vox Machina, House of the Dragon – um nur mal ein paar aktuelle zu nennen.

Verfilmte Bücher (und das gilt für alle Genres) manipulieren das Kopfkino bzw. die Fantasie, mit der ich mir die Buchfiguren, Landschaften usw. früher ausgemalt habe. Wer denkt bei Conan nicht direkt an Arnold Schwarzenegger oder bei Gandalf an Ian McKellen. Die Bilder aus den Filmen und Serien überlagern die einst von meiner Fantasie erschaffenen Bilder. Was eine erneute Lektüre dieser Bücher natürlich verändert. Das Gleiche gilt für die Erstlektüre von Werken, zu denen es schon Verfilmungen gibt. Wobei es früher natürlich auch schon Illustrationen in Büchern und auf den Covern gab, die das Bild von den Protagonist*innen beeinflussen konnten. Ich denke z. B. da an die Drachenlanze-Cover von Larry Elmore oder Elric von Rodney Matthews (siehe weiter oben).

Was Adaptionen angeht, frage ich mich allerdings, ob die steigende Zahl an Fantasy- und auch Science-Fiction-Verfilmungen mit immer besseren Spezialeffekten nicht auch generell Einfluss auf meine Fantasie hat und sie auf lange Sicht mindert?

Zweitlektüre

Zuviel Zweitlektüre könnte auch ein Grund sein, warum ich nicht so ganz in einem Buch versinke. Ich lese inzwischen eigentlich immer ein gedrucktes Buch und ein E-Book parallel. Das E-Book immer dann, wenn mir die Augen für das Printbuch zu müde sind. So zum Beispiel nachts die eine Stunde, die ich vor dem Schlafengehen noch lese. Oder nach einem anstrengenden Arbeitstag am Computer. Dazu habe ich häufig noch eine Langzeitlektüre, in der ich jeden Tag nur drei bis sechs Seiten lese – oft ein Sachbuch in unhandlich großer Form.

Veränderte Routinen

Früher war ich eine Nachteule, bin selten vor 3.00 Uhr nachts ins Bett gegangen (und erst gegen 11.00 Uhr aufgestanden), habe manchmal tatsächlich bis zum Sonnenaufgang durchgelesen, wenn das Buch besonders spannend war. Mein Sozialpädagogikstudium in Siegen hat sich um ein Semester verlängert, weil ich abends die tolle Idee hatte, Matt Ruffs Fool on the Hill anzufangen, das mich so gefesselt hat, dass ich es bis 7.00 Uhr am nächsten Morgen durchgelesen habe. Zur Empirie-Seminar um 8.00 Uhr habe ich es dann nicht geschafft, wo ich mich genau an diesem Tag zur Prüfung hatte anmelden müssen. Das war das Buch aber wert.

Heute liege ich selten länger als bis 9.00 Uhr im Bett und gehe spätestens um 1.00 schlafen. Länger zu lesen kommt da bei mir irgendwie nicht mehr infrage, das würde meine Schlafroutine zu sehr durcheinanderbringen. Denn so, wie sie aktuell ist, schlafe ich schnell ein, gut durch und bin am nächsten Morgen ausgeschlafen. Als Freiberufler kann ich aufstehen, wann ich will, aber selbst am Wochenende liege ich kaum länger als bis 10.00 Uhr im Bett – und das auch nur noch selten. Für mein jüngeres Ich wäre das undenkbar gewesen.

Buchcover 2Fool on the Hill". Vor gelben Hintergrund steht ein blauer Mann auf einerm roten Hügel und lässt einen rosa Drachen steigen, hinter ihm speit ein echter grüner Drache Feuer.

Das verhindert aber eben auch, dass ich mich ganz in einem Buch verliere. Ich lese immer noch viel, sogar mehr Bücher als vor 20 Jahren (40 bis 60 im Jahr), aber meist immer in Etappen, Intervallen, mit vielen Unterbrechungen, nicht mehr dauerhaft so tief in sie versunken – was die Fantasie teils vermutlich ausbremst. Im August hatte ich immerhin mal drei Wochen Urlaub gemacht und mich stark aufs Lesen konzentriert. Da habe ich die 800-Seiten-Biografie von James Tiptree innerhalb von zwei Wochen gelesen bekommen. Früher wäre das maximal eine Woche gewesen.

Wie oben auf den Fotos von meinem Fantasyregal zu sehen ist, habe ich früher lange Fantasyreihen gelesen. Da habe ich oft große Bestellungen bei Amazon und Bol.de aufgegeben, und mir zum Beispiel gleich alle sechs Bände der Chronik der Drachenlanze bestellt und die dann auch hintereinander gelesen. Irgendwann konnte ich das nicht mehr. Plötzlich dürstete es mich nach mehr Abwechslung, weshalb ich kaum noch zwei Bücher aus dem gleichen Genre hintereinander gelesen habe. Und bei Reihen und Serien komme selten über Band 3 hinaus, meist schaffe ich sogar nur den ersten, maximal den zweiten, weil ich dann schon wieder was Neues lesen möchte.

Was kann ich daran ändern

Vor einigen Jahren habe ich bei mir den internet- und smartphonefreien Samstag eingeführt und mich knapp ein Jahr lang samstags voll aufs Lesen konzentriert, dann bin ich aufgrund äußerer Umstände damit nachlässiger geworden, will das in Zukunft aber wieder ändern.

Feiertagswochenenden wie Ostern waren bei mir immer beliebte und ergiebige Schmöckerphasen, die ich gedenke wieder zu reaktivieren.

Die aktuelle Leseroutine aufbrechen.

Viele der hier aufgezählten Gründe gelten eher allgemein, was mein Leseverhalten angeht, aber ich glaube, sie wirken sich insbesondere auf meine phantastische Lektüre aus, die eine höhere Immersion erfordert, als wenn ich einen Krimi, der in New York spielt, lesen würde. Und deshalb möchte ich auch diese Punkte angehen, in der Hoffnung, wieder mehr Spaß an meiner Fantasylektüre zu finden.

Von 35 Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe, gehörten nur vier zur Fantasy. Zwei davon spielten in einer Version unserer Welt (das großartige Babel z. B.). Zwei davon waren allerdings für Gutachten, da bin ich sowieso mit anderem, kritischerem Blick sowie Kugelschreiber und Notizheft herangegangen. Da ging es nicht um Spaß.

Ich hätte mal wieder Lust, so richtig in einer Fantasywelt zu versinken, so wie ich kürzlich in Frederick Backmans Die Gewinner, dem Abschluss einer Björnstadt-Trilogie, versunken bin. Zum einen muss ich dafür die richtige Lektüre finden, zum anderen aber wohl auch mit einer anderen Leseerwartung und anderem Leseverhalten rangehen.

So ganz wird der Sense of Wonder nicht mehr zurückkehren, denn bei der Sehnsucht danach geht es ja auch um die Melancholie und Trauer bezüglich der verlorenen Jugend, der Geborgenheit und Unbeschwertheit der Kindheit. Und die ist nun mal vorbei.

Wie sieht es bei euch aus? Hat sich die Art, wie ihr Fantasy lest, mit den Jahren verändert.

Meine Woche 16.04.2023: Täterorganisation katholische Kirche, Hellraiser, Babel u. Babylon

In meinem aktuellen Wochenrückblick stelle ich eine Doku vor, die zeigt, wie kriminell die katholische Kirche ist; schwärme von der Anime-Serie Time Machine Blues, entdecke meine Liebe zur Musik von Tori Amos wieder; zeige mich wenig begeistert vom neuen Hellraiser und erzähle, was ich beruflich diese Woche gemacht habe. Und vieles mehr.

Doku

Schweigen und Vertuschen: Die Todsünden der katholischen Kirche

Eine Dokumentation in der Arte-Mediathek, die Klartext redet. Die zeigt, was die katholische Kirche wirklich ist: Eine kriminelle Vereinigung, die Kindesmissbrauch und Vergewaltigung organisiert, ermöglicht, vertuscht, abwiegelt und die Täter schützt, wenn es doch rauskommt. Während die Opfer wie der letzte Dreck behandelt werden. In Millionen von Fällen, allein 330.000 in Frankreich seit 1950. Die Äußerungen der Kirchenoffiziellen, die in der Doku zu Wort kommen, allen voran Kardinal Marx, zeigen, dass es keine Einsicht gibt, keinen Willen, etwas am System zu ändern. Wer nach all den Enthüllungen und den stets skandalösen Reaktionen der Kirche darauf immer noch Mitglieder bei dieser Organisation ist, unterstützt dieses System ganz bewusst.

Die Täter werden geschützt, die Opfer alleine gelassen. Zukünftige Taten nicht verhindert. Der katholischen Kirche geht es nicht um Nächstenliebe oder Wohltätigkeit, sie besteht allein für den Klerus und dessen Privilegien und Macht. Unterstützt wird sie dabei weiterhin von Politik und Justiz, die tatenlos zusehen und eher noch Beihilfe leisten.

Artikel

The High Cost of Silence: Why Japan Shuts Up Victims of Sexual Abuse

Yuko Tamura darüber, wie in Japan Opfer von sexuellem Missbrauch und sexueller Belästigung zum Schweigen gebracht werden. Sie bezieht sich dabei auf eine Dokumentation der BBC über den Fall Johnny Kitagawa. Bloß keine Missstände und Probleme ansprechen. Lieber schweigen. Leider eine in Japan (und nicht nur dort) noch weitverbreitete Einstellung, die verhindert, dass sich in Zukunft etwas daran ändert. Der Artikel zeigt auch, welche Mechanismen im japanischen Journalismus leider immer noch greifen.

Fans vs. KI

Bei Kotaku gibt es einen interessanten Artikel von Sisi Jiang (Fans Are Already Revolting Against AI That Make Their Games Feel Cheap And Soulless) über chinesische Computerspieler, die sich über Games beschweren, die mit KI-Artwork gestaltet wurden, das in ihren Augen seelenlos und billig aussieht. Chinesische Spielefirmen sind wohl schon fleißig dabei, menschliche Künstler durch KI-Programme wie Midjourny und Dall_E zu ersetzen (70% Auftragsrückgang). Bekomme ich mit, dass so etwas bei einem Spiel, Buchcover usw. genutzt wird, werde ich mir das Produkt nicht kaufen. Ich freue mich sehr über die Fortschritte die in Sachen KI in Bereichen wie der Medizin und anderen Forschungsgebieten erreicht werden können, aber wenn es darum geht, menschliche Kreativität zu ersetzen, bin ich ganz auf Boycott eingestellt.

Als Übersetzer bin ich davon auch direkt betroffen. Eine befreundete Übersetzerin tweetete diese Woche, dass eine ihrer Stammauftraggeberinnen zu einer billigeren Übersetzerin für die Buch-Serie gewechselt ist, die 3 Euro! pro Normseite nimmt. Das Durchschnittshonorar liegt laut Verband der Übersetzer bei 18 Euro, bei uns im Genre wohl eher bei 13 bis 15 Euro. Und das ist schon viel zu niedrig. Bei 3 Euro wird das garantiert nur eine Deep-L-Übersetzung, über die die „Übersetzerin“ noch mal kurz drüber schaut. 3 Euro sind nämlich eher ein Lektorats-Honorar (aber auch da schon arg niedrig). Ist mir ein Rätsel, warum Menschen sich selbst so ausbeuten und warum Autor*innen (oder Verlage) sich mit so einer billigen Arbeit zufriedengeben, die garantiert nicht der Vorlage gerecht wird.

Youtube

SFF180 Into the Hailey Piperverse: 3 Transcendent Tales

Thomas Wagner von SFF 180 stellt drei Werke der amerikanischen Autorin Haily Piper vor. Wagner ist aktuell so ziemlich mein liebster Rezensent, was Phantastikbücher angeht, er bringt die Essenz des jeweiligen Werkes genau auf den Punkt und erklärt nachvollziehbar, warum ihm etwas gefallen hat oder nicht. Von Piper hat er auch schon das superinteressante Queen of Teeth besprochen. Ich habe von ihr bisher nur The Worm and His Kings bin aber sehr am Rest interssiert, da wir es hier laut Wagner mit einer wirklich außergewöhnlichen Autorin zu tun haben. Ich werde von meiner weiteren Lektüre berichten.

Senpais neue Wohnung in Tokio

Und hier noch was Unterhaltsames. Senpai gibt uns eine Room-Tour durch seine neue Wohnung in Tokio. Die Wohnung ist jetzt nichts Besonderes, hat aber ein paar sehr japanische Eigenheiten, die für alle interessant sein könnten, die noch keine japanische Großstadtwohnung gesehen haben.

Aber wie geil ist denn bitte das Video gemacht. Senpai wird wirklich immer besser und unterhaltsamer.

Serie

Time Machine Blues

Time Machine Blues ist die beste Anime-Serie, die ich seit Langem gesehen habe. Es geht um eine Gruppe Student*innen, die beim Versuch, die Fernbedienung der Klimaanlage zu retten (es ist furchtbar heiß), in einen amüsanten und cleveren Zeitreisekuddelmuddel geraten. Erinnert an den großartigen Film Beyond the Infinite Two Minutes. Spielt in einem Studentenwohnheim in Kyoto, das mich sehr an das reale aus Wonderwall erinnert. Die Figuren sind schön schräg. Die Handlung herrlich albern. Aber die große Stärke der Serie ist der Zeichenstil, der wirklich originell daherkommt, nicht so ein steriler, glatter Hochglanzkarm, wie in vielen aktuellen Anime-Serien. Der hier hat wirklich Charakter. Die Serie stammt aus der Tatami-Galaxy zu dem auch der Film Night Is Short, Walk On Girl gehört, den ich nächste Woche bespreche. Das Ganze basiert auf den Romanen von Tomihiko Morimi (Penguin Highway).

Gibt es bei Disney+.

Filme

Hellraiser (2022)

Gestern auf Paramount+ gesehen. Besser als alles, was nach Teil 2 kam, aber weniger gut, als ich mir erhofft hatte. Bin also eher enttäuscht, gerade, weil ich David Bruckners letzten Film The House at Night so gut, gruselig und vor allem atmosphärisch dicht fand, mit einigen sehr innovativen Einstellungen, die ich so vorher noch nicht gesehen habe. Hellraiser hat gute Ansätze, vor allem das Redesign der Zenobiten ist gelungen, aber insgesamt wirkt er auf mich zu glatt und sauber. So richtig Spannung kommt auch nicht auf. Die Geschichte ist ziemlich vorhersehbar, hält keinerlei Überraschungen parat. Teilweise sehen die Zenobiten auch zu sehr nach Kostüm und Plastik aus, nicht nach Fleisch. Aber Jamie Clayton macht einen guten Job als Pinhead. Auf die Story muss ich gar nicht groß eingehen, junge Leute fummeln am Würfel rum, Ketten mit spitzen Haken fliegen durch die Luft, Fleisch wird zerrissen. Eine sehr beliebige Story, schon x-Mal gesehen (13 Geister lässt grüßen), ohne die Abgründigkeit und die persönlichen Verwicklungen und Konflikte, die denn ersten Teil so besonders gemacht haben. Dort wirkte das Auftauchen der Zenobiten auch viel beeindruckender inszeniert, obwohl Low-Budget und kein CGI.

Der Film ist okay, mehr aber auch nicht.

Babylon

Ich weiß gar nicht, was alle haben, ich fand ihn großartig. Vor allem die erste Stunde ist ein grandios inszenierter mitreißender Rausch. Der Rest fällt im Vergleich etwas ab, was mich aber nicht gestört hat, da es sich ebne um die Ernüchterung nach dem Rausch handelt, die einige der Protagonist*innen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt und Raum für ernstere Themen bietet. Klar, ist etwas lang geraten, teils überzogen und plakativ, für mich hat das aber gut zur Thematik gepasst. Bin sonst nicht so der Fan von Hollywood-Filmen über Hollywood, aber die überbordende Opulenz dieses Streifens hat genau meinen Geschmack getroffen. Und der Gag mit Samara Weaving ist klasse. Als ich den Trailer zu Ready or Not gesehen habe, dachte ich auch erst. Häh, ist das Margot Robbie?. Nur die Tobby-McGuire-Passage wirkt auf mich etwas zu schräg, die hätte es so nicht gebraucht. Für weitere Infos verweise ich auf die sehr gelungenen Letterboxd-Kritik von Daniel Schröckert.

Lektüre

Babel | Rebecca F. Kuang

Auf lesenswelt.de habe ich diese Woche Rebecca F. Kuangs Babel: Or the Necessity of Violence besprochen, nicht nur der beste Fantasyroman, den ich seit Jahren gelesen habe, sondern auch einer der wichtigsten. Und eine Liebeserklärung an die Sprache und das Übersetzen.

Die Besprechung ist richtig gut angekommen. So viele Zugriffe hatte ich schon lange nicht mehr. Und bestimmt ein halbes Dutzend Leute hat mir schon geschrieben, dass sie das Buch jetzt aufgrund meiner Rezension kaufen oder endlich anfangen zu lesen, wenn sie es schon hatten. Genau dafür schreibe ich meine Rezis. Und so leicht ist mir schon lange keine mehr gefallen. Die hat sich praktisch von selbst geschrieben. Während der Lektüre kamen mir schon ständig ganze Absätze, die ich dann schnell aufgeschrieben habe, so dass das Meiste schon vor Ende des Buch fertig war. Vier Wordseiten sind es geworden, es hätten auch acht sein, können, bei all den Themen des Buchs, aber eine Rezension sollte auch nicht zu lang werden, sonst verlieren die Leser*innen die Lust, bevor ich zum Fazit komme.

Elric | Michael Moorcock

So wird übrigens die kommende Gesamtausgabe zu Michael Moorcocks Elric aussehen. Was mich besonders freut, da das Coverbild mein Vorschlag war. Allerdings aus traurigem Anlass, denn aufmerksam wurde ich darauf durch den Tod des Künstlers Chris Achilleos. Der Band erscheint am 25.10. und wird 68 Euro kosten. Ich freue mich schon darauf, die Neuübersetzung von Hannes Riffel zu lesen, bisher kenne ich nur die alte von Thomas Schlück, die etwas in die Jahre gekommen ist.

Nachdem ich das Cover am Freitag auf der S.Fischer-Seite entdeckt und auf meinen Social-Media-Kanälen geteilt habe, gab es richtig viel positive Rückmeldungen (zumindest für meine bescheidene Reichweite), von Leuten, die an der Ausgabe interessiert sind und denen das Cover gut gefällt. Hätte ich nicht mit gerechnet. Um die 100 Likes, 30 Retweets und zahlreiche Kommentare. Bei der Resonanz, die meine Posts/Tweets usw. sonst erhalten, ist das für mich ein gutes Zeichen, was das Interesse für diese ja nicht gerade günstige Ausgabe angeht.

Warum mir Michael Moorcock Elric so viel bedeutet, werde ich erzählen, wenn die neue Ausgabe raus ist.

Musik

Tori Amos

Es kommt nicht häufig vor, dass ich mich in Musik neu verliebe, die ich bereits seit fast 30 Jahren höre. Bei Tori Amos ging es mir diese Woche aber so. Zwei ihrer Titel begegneten mir in den Serien Yellowjackets und Beef, was mich dazu brachte, mir Reaction-Videos zu ihrer Musik auf Youtube anzusehen. Das brachte mich wiederum zu der Erkenntnis, dass ich mir ihr Debüt-Album Little Earthquakes nie richtig angehört habe, weshalb ich Winter gar nicht so richtig auf dem Schirm hatte.

In meinen Jungendjahren in den 90ern habe ich zu 90% Musik von Männern gehört (Nine Inch Nails, Rage Against the Machine, Radiohead, Nick Cave, Tool usw.), die 10% waren Björk, Jewel (Pieces of You) und Tori Amos. In den letzten Jahren hat sich das geändert, da höre ich vermehrt Musik von Frauen (ZAZ, Taylor Swift, Billie Eilish, Little Simz, Halsey, Arlo Parks, Meg Meyers uvm.). So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass ich Tori Amos für mich wiederentdeckt habe.

Ihre Musik höre ich seit Mitte der 90er, seit mir ein Freund das Album Under the Pink ausgeliehen hat, das ich mir von CD auf MC überspielte und erste Jahre später digital selber gekauft habe. Boys for Pele habe ich mir direkt bei Erscheinen gekauft, dem tollen Cover konnte ich einfach nicht widerstehen. Ebenso bei Scarlett’s Walk. 2003 hatte ich eine Karte für Toris Konzert in Frankfurt, bin aber nicht hingefahren, weil auf der gesamten Strecke von Siegen bis Frankfurt Blitzeis herrschte. Danach habe ich ihre Musik etwas aus den Ohren verloren, nur einzelne Musikvideos gesehen, mir aber keine neuen Alben gekauft. Hab mir jetzt vorgenommen, mir alle 16 in chronologischer Reihenfolge anzuhören.

Meine Lieblingsband der 90er war übrigens Nine Inch Nails und ich fand so ziemlich alles, was Trent Reznor gemacht hat, großartig. Trotzdem habe ich fast 20 Jahre gebraucht, um mitzubekommen, dass die Backing Vocals auf Past the Mission auf Under the Pink von ihm stammen. Und erst kürzlich las ich, dass er während der Aufnahmen zu seinem Meisterwerk The Downward Spiral täglich Little Earthquakes gehört haben soll (nach eigener Aussage).

Wie auch immer, momentan läuft die Musik von Tori Amos bei mir wieder rauf und runter. Und ich schaue mir auf Youtube auch Interviews mit ihr an, da sie dort stets sehr witzig und geistreich antwortet und von sich erzählt. Diese Woche hat sie in Deutschland Konzerte gegeben, mir ist nach der Pandemie aber aktuell noch nicht nach so großen Menschenmassen.

Ach ja, was mir an Toris Musik so gefällt: Mit 13 flog sie wegen „Musical Subordination“ von der Peabody Academy (und weil sie lieber Scooby Doo geschaut hat, als die Notenblätter längst verstorbener Komponisten zu lesen und die Stücke zu spielen, die alle anderen auch gespielt haben). Und genau diese Musical Subordination ist es, die ihre Musik so besonders macht. Sie wandelt nicht auf ausgetretenen Pfaden, sondern beschreitet neue, ungewöhnliche Wege. Allein die Art, wie sie singt, die Symbiose mit dem Piano, mit Musik, die ständig im Wandel ist und überrascht. Sie schreibt keine radiotauglichen Popsongs, kein Rocketman, sondern nutzt die Musik als künstlerische Ausdrucksform, mit poetischen Texten, die teils sehr persönlich und unbequem sind (diese Live-Version von Me and a Gun geht wirklich unter die Haut). Und sie ist eine tolle Erzählerin (Storyteller).

Mein liebstes Stück von ihr ist diese Live-Version von Winter (Montreux 1991), die ich für einen der besten und schönsten Live-Auftritte halte, die ich je auf Video gesehen habe.

Berufliches

One down, two to go: Übersetzung abgeben

Ein Übersetzungsmanuskript. Oben drauf liegt ein Blatt, auf dem ich über zwei Monate ein Strickliste geführt habe, auf für jeden Tag die Zahl der übersetzten Seiten notiert ist.

Gestern habe ich meine erste von drei Übersetzungen abgegeben. Ich glaube, so konstant habe ich noch kein Buch übersetzt, vom Abgabetermin aus rechne ich mir aus, wie viele Seiten ich pro Tag übersetzen muss und schaue, ob das auch gut machbar ist (habe ja auch noch meinen Job bei Tor Online). Dabei versuche ich mich an übliche Bürozeiten von 9.00 bis 17.00 Uhr zu halten, und übersetze an fünf Werktagen. Hier habe ich samstags alles, was ich in der Woche übersetzt habe, noch einmal Korrektur gelesen. Die letzten zwei Wochen vor Abgabe lese ich dann alles noch einmal in ausgedruckter Form gründlich durch. Da gibt es noch kleine Verbesserungen: Tippfehler, Satzstellung, noch ungelenke Formulierungen, Wortwiederholungen usw. Wobei ich das Meiste schon im ersten Korrekturgang verbessert habe.

Da ich vom Verlag noch keine offizielle Ankündigung gesehen habe, weiß ich nicht, ob ich schon etwas über das Buch schreiben darf. Ist eine Science-Fiction-Trilogie mit interessanter Handlung, in der ein Wissenschaftler, ein Roboter und ein Papagei die Welt retten müssen. Morgen geht es direkt mit Teil 2 weiter.

Meine Woche 12.03.2023: Elric, toxische rechte Männlichkeit und vom harten Leben in Japan

Heute gibt es Artikel zu Maskulinität und Faschismus, der peinlichen BBC und KI beim Übersetzen. Dokus erzählen vom Leben nach dem Tsunami in Japan und einer Brennpunktschule in Belgien; Serien von Luden auf St. Pauli und Filme von Schuld und Sühne in China. Dazu eine Besprechung von Michael Moorcocks The Citadel of Forgotten Myths.

Artikel

Muskelmänner, Hoden-Bestrahlung und Faschismus – Von “300” bis zu Tucker Carlson

Die von mir sehr geschätzte Annika Brockschmidt (unbedingt ihr Buch Amerikas Gotteskrieger lesen) hat für 54Books einen Artikel über ein toxisches (eher peinliches, aber gefährliches) Bild von Männlichkeit geschrieben. Ausgangspunkt dafür ist die Dokumentation The End of Men von Fox-News-Oberhetzer Tucker Carlson. Brockschmidt zeigt auf, wie diese vermeintliche Maskulinität vom Faschismus genutzt wird, um Männer in einem immerwährenden Kriegszustand zu halten. Waffengewalt, weißer Nationalismus und christlicher Faschismus, das fließt alles mit ein und hat gerade in den USA aktuell wieder beängstigende Ausmaße angenommen.

BBC zensiert ihre eigenen Programme und Moderatoren

Die BBC knickt immer stärker vor der rechten Politik der Torie-Regierung ein, die den Sender am liebsten komplett abschaffen würde. Diese Woche wurde Gary Lineker suspendiert, der Moderator der beliebtesten Sportsendung im UK hatte die Asylpolitik der Regierung als unmenschlich und grausam kritisiert.

Auch der 96-jährige David Attenborough wurde Opfer dieser BBC-Politik. E hat eine neue Naturdokuserie über wilde Inseln am Start. Doch von den sechs Folgen werden nur fünf ausgetrahlt, weil die BBC angeblich Angst vor einem „rechten Backlash“ habe, wenn sie die Episode über die Folgen der Klimakrise und der Zerstörung der Umwelt ausstrahlt. Der Guardian berichtet.

So weit sind wir jetzt schon, dass wissenschaftliche Fakten zurückgehalten werden, weil man keinen Ärger mit dem Klimakrisen leugnenden rechten Teil der Gesellschaft und Politik haben will. In der Online-Mediathek der BBC wird die Folge zwar verfügbar sein, doch das Bild, das sie aktuell abgibt, ist verheerend.

Heide Franck über Kollektive Intelligenz – Übersetzungsmaschinen und Literatur

Meine ehemalige Chefin von Tor Online und Übersetzerkollegin Heide Franck arbeitet momentan mit zwei Kollegen an einem Projekt darüber, wie wir als Übersetzer*innen, aber auch die Verlage mit den Fortschritten in der künstlichen Intelligenz und bei Übersetzungsprogrammen umgehen können. Dazu hat sie dem Deutschlandfunk Kultur ein sehr interessantes Interview gegeben.

Blog

In meinem Blogbeitrag der Woche erzähle ich davon, wie und warum zwei Filme mein Leben verändert haben.

Tor Online

In meinen SFF News geht es um: Die Phantastik-Bestenliste März, einen Trailer zur Silo-Verfilmung, das 1. Fantasy Lese-Festival Köln, den Genderswapped-Podcast zu KI-Kunst und Daniel Greene zu neuen Herr-der-Ringe-Filmen.

Wenn Kathedralen atmen: Magische Gebäude in der Fantasy

Der Artikel der Woche stammt von Alessandra Reß: Ob Bibliothek oder Kathedrale, Internat oder Herrenhaus: Magische Gebäude haben in der Fantasy eine große Tradition und können den Figuren an jeder Ecke über den Weg laufen. Ein guter Grund, sich das Wesen solcher Bauwerke einmal genauer anzuschauen.

Lektüre

The Citadel of Forgotten Myths | Michael Moorcock

Elric und Moonglum reisen über den Rand der Welt hinaus in »the world below«, wo Elric mehr über die Herkunft seines Volkes erfahren möchte und eine Blume finden will, die ihm dauerhaft helfen soll, bei Kräften zu bleiben, ohne dass er mit Sturmbringer töten muss. Das Buch besteht aus zwei schon bekannten Kurzgeschichten, die zusammen 100 Seiten einnehmen und einer 200 Seiten langen Novelle und spielt zwischen den Romanen The Bane of the Black Sword and Stormbringer.

Die ersten beiden Kurzgeschichten sind für Elric-Fans ganz nett. Klassische Sword-and-Sorcery-Storys nach dem üblichen Moorcock-Muster, wo am Ende immer eine höhere Macht eingreift. Die 200-seitige Novelle fängt auch relativ vielversprechend an, durch die letzten 100 Seiten musste ich mich allerdings quälen. Die sind unheimlich langatmig. Die sich ewig wiederholenden Dialoge und Reflexionen ziehen sich zu lange hin, ständig wird wieder alles erklärt. Ich konnte der Geschichte auch nicht immer ganz folgen. Was Morcoock früher in zwei Absätzen erklärt hat, in Sachen Mulitiversums-Kuddelmuddel, erstreckt sich hier ohne Mehrwert über mehrere Seiten. Spannung kommt keine auf, Sense of Wonder nur in sehr kleinen Dosen. Sprache und Stil sind teils auch ziemlich antiquiert, was ich manchmal zu schätzen weiß, mich hier aber im Lesefluss gestört hat. Gefallen hat mir, dass Moonglum mehr Raum und Persönlichkeit erhalten hat, als ich es aus den ursprünglichen Romanen in Erinnerung habe. Und die Idee mit den Bienen ist ganz nett.

Nach Raymond Feists Midkemia-Saga war der schwarze Elric-Band von Heyne mit den sechs ursprünglichen Romanen das erste Fantasybuch, das ich als Jugendlicher gelesen und geliebt habe. Kein anderes Buch habe ich so oft wiedergelesen. Doch schon die beiden Elric-Romane aus den 1980/90ern The Fortress of the Pearl und The Revenge of the Rose konnten mich nicht so wirklich überzeugen..

Für mich persönlich ziehe ich aus der Lektüre, dass Fazit, dass Elric für mich mit den sechs Kern-Romanen auserzählt ist, vor allem mit dem wunderbaren und endgültigen Ende. Die lese ich aus Gründen der Nostalgie immer wieder gerne, bin auch sehr auf die Neuübersetzung von Hannes Riffel gespannt (im Herbst erscheint bei Fischer Tor eine prächtige Elric-Gesamtausgabe), aber alles, was darüber hinausgeht, und noch irgendwie nachträglich in die Chronologie gequetscht wird, hat für mich wenig Reiz. Als Kurzgeschichte eher noch als in der längeren Form. Wäre vor 20 Jahren vermutlich noch anders gewesen, als ich noch gerne mehr vom Gleichen und längere Serien gelesen habe.

Serien

Luden

Sechsteilige deutsche Serie über den schönen Klaus (Barkowsky) und seine Nutella-Bande, die in den 1980ern auf St. Pauli den Kiez aufgemischt haben. Eine Serie über Männern die Frauen ausbeuten, schlagen, entstellen, traumatisieren und in den Tod treiben, und sich dabei gegenseitig auf die Fresse hauen, sich abstechen und schließlich erschießen. Schlecht ist die Serie nicht, aber mir ist sie stellenweise zu fröhlich inszeniert. Die Macher*innen wollten damit wohl einen Kontrast zu den Schockmomenten schaffen, mir werden dadurch aber kriminelle Gewalttäter wie Barkowsky zu romantisierend und charmant dargestellt, auch wenn am Ende ganz klar ist, was für ein Arschloch der Mann ist. Von der Ausstattung und der Aufmachung her seht gut gemacht, die Darsteller‘innen sind auch super.

Wer sich die Serie schon anschaut, sollte sich auch die Doku-Serie Die Paten von St. Pauli ansehen, wo besser rüberkommt, was für Schmierlappen das alles sind. Und wie gewalttätig es wirklich abgelaufen ist.

Daisy Jones and the Six

Noch eine historische Serie von Amazon, dieses Mal um die titelgebende fiktive Band, basierend auf dem Roman von Taylor Jenkins Reid. Wenn ich mit der Serie durch bin, werde ich mehr dazu schreiben, die ersten fünf Folgen haben mir sehr gut gefallen, aber erst mal veweise ich auf die sehr treffende Einschätzung von Stefan Mesch beim Deutschlandfunk Kultur, der die Serie auch im Verhältnis zur Buchvorlage setzt. Die hatte mir ebenfalls gut gefallen, war aber vielleicht etwas zu beschönigend.

Dokus

Double Layered Town (二重のまち/交代地のうたを編む)

Erzählt von vier jungen Leuten, die eine vom Tsunami zerstörte Stadt besuchen, die mit 40 Zentimeter Erde aufgeschüttet und neu erbaut wurde. Dort lauschen sie den Menschen, die von der Katastrophe betroffen wurden und Angehörige verloren haben. Ziel ist, deren Geschichten weiterzuerzählen.

Es geht nicht nur darum, wie die Katastrophe das Land und die Städte verändert hat, sondern auch die Menschen. Wie die junge Mutter, die vor dem Tsunami gerne Romane gelesen hat und nie ohne Make-up aus dem Haus ging. Dies danach aber nicht mehr konnte. Ein solches Ereignis verrückt die Prioritäten, auch jenseits des Traumas.

Dryads in a Snow Valley (風の波紋)

Begleitet das Leben der Menschen in einem kleinen japanischen Bergdorf, in dem im Winter teils über drei Meter Schnee fallen können. Ein hartes Leben in einer kleinen Gemeinschaft, die aber zusammenhält und sich gegenseitig hilft. Die Kamera hält einfach drauf und lässt die Menschen erzählen.

Beide Filme sind noch bis Mittwoch kostenlos bei JFF+ Independent Cinema zu sehen.

Die Schule der letzten Chance

Eigentlich wollte ich mir auf Arte Beste Bedingungen – Eine Jugend im Pariser Nobelviertel ansehen, merkte aber schnell, dass ich die Doku von 2017 schon kannte. Ist aber sehenswert, begleitet sie doch 15 Jahre lang jene Jugendlichen, die aufgrund ihrer Herkunft auf Elitehochschulen wie die ENA oder École polytechnique gehen und später die Politik- und Verwaltungselite Frankreichs bilden.

Ganz anders jene Jugendlichen aus Die Schule der letzten Chance, die aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen und als „Problemschüler*innen“ gelten. Drei Jahre lang begleitet die Doku sie an ihrer Schule in Lüttich (Belgien) und zeigt, das hinter jeder*jedem problematischen Schüler*in eine Geschichte steckt, die sie teils schwer traumatisiert hat, aber zumindest dafür sorgt, dass ihnen Struktur und Halt in der Familie fehlt. Was wiederum seine Ursachen in unsere Gesellschaft hat, die dabei versagt, Bedingungen zu schaffen, die solche Verhältnisse verhindern.

Filme

Tenebre

Auf Netflix gibt es jetzt diesen Giallo von Dario Argento, der zu Recht zu seinen besten Filmen gezählt wird. Menschen aus dem Umfeld eines Schriftsteller werden so ermordet, wie er es in seinen Büchern beschreibt. Dazu originelle Kamerafahrten und die dynamische Musik von Goblin. Doch auch wenn der Film selbst kritisch erwähnt, wie tumb es ist, dass Frauen immer nur die Opfer sind, geht es am Ende doch nur darum, junge, oft leichtbekleidete Frauen zu töten.

Are You Lonesome Tonight (Re dai wang shi)

Ein junger Chinese, der nachts einen Mann überfahren und Fahrerflucht begangen hat, sucht die Nähe zur Frau seines Opfers, verhält sich dabei aber auch ziemlich übergriffig. Clever verschachtelt erzähltes und in außergewöhnlich schönen Bildern gefilmtes Drama über Schuld und Sühne, das sich in der zweiten Hälfte mehr Richtung Thriller entwickelt, weil eine Tasche voller Geld eine Rolle spielt. Braucht sich hinter Filmen wie, Asche ist reines Weiß und Feuerwerk am helllichten Tage nicht zu verstecken.

Für genauere Infos empfehle ich die Besprechung von Joachim Kurz bei Kino-Zeit.