Japanuary 2026 #4: Miss Hokusai (Sarusuberi, 2015)

Ein Anime über die Tochter des berühmtesten Malers Japans, die selbst auch eine tolle Künstlerin war.

Wer an Japan und Kunst denkt, hat vermutlich als Erstes die Welle vor Augen. Unter der Welle im Meer vor Kanagawa, gemalt von Katsushika Hokusai als Teil seiner Reihe 36 Ansichten des Berges Fuji. Sie ist schon so ein wenig Japan-Kitsch geworden und hängt bei vielen Japan-Enthusiast*innen an der Wand. Auch bei mir über dem Bett. Ich wollte etwas Japanisches haben und habe nichts anderes gefunden, was da gut hingepasst.

Der Film erzählt aber nicht die Geschichte von Hokusai, sondern die seiner Tochter Ō-Ei. Die lebt und arbeitet mit ihrem Vater zusammen und übernimmt auch schon mal seine Aufträge. Hier wird aber keine Biografie erzählt, vielmehr erhalten wir Einblick in einen kurzen Abschnitt ihres Lebens.

Wir begleiten Ō-Ei bei ihrem Alltag im Edo des Jahrs 1814, wie sie ihrer Arbeit als Malerin nachgeht, Hausbesuche macht, ihren Vater begleitet. Dabei kommt sie als relativ resolut und leicht schroff rüber, taut aber immer auf, wenn sie ihrer kleinen blinden Schwester Ō-Nao die Stadt zeigt; wie sie auf der großen Brücke stehen und den Alltagsgeräuschen lauschen; mit dem Boot über den Fluss fahren und sich große Wellen vorstellen oder wie Ō-Nao mit einem Jungen im Schnee spielt.

Besonders gefallen hat mir, wie hier japanische Mythologie miteingebaut wird, die ja einen großen Einfluss auf die Kunst hat. Visuell wird das alles toll und teils traumwandlerisch präsentiert, doch trotz aller Tragik, die dem Film innewohnt, kommt er ohne große Dramatik aus, ruht in sich selbst. Zeigt aber auch ein Edo, bei dem ich mich frage, ob das Leben dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirklich so idyllisch war.

Vor allem ist Miss Hokusai aber ein Film über eine Frau, die im Schatten ihres Vaters lebt, voll in ihrer Kunst aufgeht, aber doch zurückstecken muss. Das macht sich in kleinen Momenten bemerkbar, wenn sie z. B. in ein Freudenhaus geht; oder sich davor drückt, ein Theaterstück zu besuchen, wo sie jemanden treffen könnte, den sie sehr mag.

Verkörpert wird sie durch die Stimme Anne Watanabes, die sie nicht mit der typisch hohen Anime-Stimme spricht, die wir sonst so oft hören, sondern ihrer resoluten Art gerecht wird. Und wie es ist, im Schatten des Vaters zu stehen, dürfte die Tochter von Ken Watanabe sicher auch kennen, da wurde eine perfekte Besetzung gefunden.

Historisch akkurat dürfte der Film, der auf der Manga-Reihe von Hinako Sugiura basiert, nicht sein. Die Familienverhältnisse dürften etwas anders gewesen sein, aber der Film ist auch keine Doku, es geht darum, die Frau, die wieder einmal im Schatten eines Mannes steht, in den Fokus zu rücken. Und das gelingt Miss Hokusai ganz hervorragend. Ein wunderbarer und schöner Film der leisen Töne, und dem, was zwischen den Zeilen steht.

Letztes Jahr im September bin ich zum ersten Mal in Japan gewesen und war von Tokyo etwas überfordert, wusste nicht so genau, was ich mir ansehen soll. Fürs nächste Mal habe ich mir vorgenommen, auf den Spuren des historischen Edos zu wandeln. Dass es die noch gibt, weiß ich auch verschiedenen Reportagen auf NHK. Da muss ich nur im Vorfeld nächstes Mal besser recherchieren.

Hokusais "Unter der Welle im Meer vor Kanagawa" afu einer Art Stoffleinwand an einer Wand hängend, die Tapete in orange, von oben mit warmem Licht angeleuchtet. Das Bild selbst zeigt einen gemalten Wellenberg, dem drei flache Holzboote entgegenfahren. Im Hintergrund ist der Berg Fuji zu sehen. Wellenberg und echter Berg ähneln sich vo Farbe udn Aufbau her. Weißer Gipfel, blaue Basis.

Meine 10 besten Serien-Staffeln 2025

Hier meine persönliche Top 10 an Serienstaffeln, die dieses Jahr in Deutschland veröffentlicht wurden. Gibt natürlich auch ältere Serien, die ich dieses Jahr erstmals gesehen habe. Meine Neuentdeckung war Chihayafuru, die ich hier besprochen habe. US-Serien habe ich möglichst gemieden, aber ein paar waren doch dabei. Z. B. The Gilded Age, von der ich aber die aktuelle dritte Staffel noch nicht gesehen habe.

Collage aus vier Bildern, drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der Unteren. Screenshots aus Serien-Trailern:
1. Eine junge steht einer sitzenden Frau agressiv gegenüber. 2. Eine junge Frau mit Kopftuch spielt Gitarre, hat den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. 3. Ein älteres Ehepaar steht etwas verloren auf einer Straße. 4. Vier Frauen sitzen dicht beieinander. Wir sehen vor allem die Köpfe.

Hollywoodserien schrecken mich nicht nur aus politischen Gründen immer mehr ab. Aktuell gibt es einen beängstigenden Schönheitstrend, der dafür sorgt, dass immer mehr Schauspieler*innen nicht einmal ansatzweise authentisch in ihren Rollen wirken. No Body Shaming, aber in ihren Rollen sind sie für viele junge Menschen auch Vorbilder und haben dementsprechend Einfluss auf sie und tragen zu Verunsicherung bezüglich des eigenen Körpers bei. Vergleicht einfach mal US-Serien mit britischen.

Asura

Netflix-Serie von Hirokazu Kore-eda über vier Schwestern, die Ende der 70er-Jahre herausfinden, dass ihr 70-jähriger Vater eine Affäre hat. Herzlich erzählte Familiensaga mit einigen dramatischen Momenten, aber auch viel Humor und einer überwiegenden Wohlfühlatmosphäre. Als Einzelkind bin ich ja manchmal doch ein wenig neidisch auf so eine tolle Familiendynamik.

Adolescence

Brillant geschriebene und inszenierte britische Mini-Serie um den Mord eines 13-jährigen an einer Mitschülerin, und was das mit Familie und Umfeld macht. Was für eine phänomenale Serie: die geniale One-Shot-Inszenierung, das ausgezeichnete Drehbuch zu einem wichtigen Thema und die herausragenden Schauspielleistungen, vor allem vom 14-jährigen Owen Cooper in seiner ersten Rolle, der in Folge drei eine grandiose Leistung in einem 50-minütigen One-Take hinlegt. Die Serie dürfte dieses Jahr schwer zu toppen sein.

Mr. Bates vs. the Post Office

Extrem wichtige Serie über den wohl größten Justizskandal Großbritanniens. Auf den ersten Blick scheint es eine sehr britische Serie, handelt es sich doch um einen lokalen Fall, der zeigt, welch klassistische Strukturen immer noch im Land herrschen (die Post darf eigenen Ermittlungen durchführen und vor Gericht bringen, ohne dass die Polizei involviert ist), doch es ist auch eine sehr universelle Geschichte einfacher Bürger, die gegen ein ungerechtes, kafkaesken und empathieloses System und dessen Häscher kämpfen.

Andor (Staffel 2)

Phänomenale zweite Staffel, die zeigt, wie faschistische Strukturen funktionieren, und wie man Widerstand gegen sie leisten kann.

Toxic Town

Ausgezeichnete und wichtige Mini-Serie über einen realen Umweltskandal in einer britischen Kleinstadt, der dazu führte, dass zahlreiche Kinder mit Fehlbildungen geboren wurden. Toll gespielt von Jodie Whittaker, Aimee Lou Wood (ganz stark) und Rory Kinnear, mit bodenständigen Figuren, die nicht hollywoodisiert wirken.

We Are Lady Parts

Die britische Serie über vier Muslima, die in einer Punkband namens Ladyparts spielen, ist das Erfrischendste und Witzigste, was ich seit langem gesehen habe. Warum hat die vier Jahre bis in die ZDF-Mediathek gebraucht?

Das Attentat (Operation Sabre)

Serbische Thriller-Serie über das Attentat auf Premierminister Zoran Đinđić 2003. Macht keine große ästhetischen Spielereien, wie die ähnlich gelagerte italienische Serie Und draußen die Nacht, sondern erzählt auf konventionelle, aber spannende und dem Thema angemessene Weise ein wichtiges Stück europäischer Geschichte, über das ich bisher viel zu wenig wusste. Gut gespielt und geschrieben. Arte-Mediathek.

Foundation (Staffel 3)

Die bisher beste Staffel der Serie, die noch schöner aussieht, als die beiden davor. Ist deutlich spannender und stringenter, wenn auch auf Kosten einer gewöhnlicheren Thriller-Erzählstruktur. Besser geht Science Fiction im Weltraum kaum.

In My Skin

Tolle britische Coming-of-Age-Serie über Bethan, die eine bipolare Mutter, einen alkoholkranken und gewalttätigen Vater händeln muss, sich in der Schule nichts anmerken lässt, deshalb den Klassenclown spielt, aber auch eine gute Schülerin ist. Humorvoll, herzlich und sozialkritisch.

Los años nuevos (Ana und Oscar)

Spanische Variante von One Day, aber ruhiger, melancholischer und authentischer gefilmt, als würde die Kamera wirklich zwei Menschen über Silvester/Neujahr begleiten. Bewegend erzählt, obwohl sie auf das ganz große Drama verzichtet. Arte-Mediathek.

Auch sehenswert

Daneben gab es natürlich auch noch andere Serien, die eine Erwähnung wert sind. Neben Asura gab es auf Netflix aus Japan auch noch Glass Heart über junge Musiker*innen in einer dramatischen Geschichte und die historische Actionserie Last Samurai Standing. Beide sehr aufwendig und gut inszeniert. An Anime-Serien hat mir noch Blue Box besonders gut gefallen, eine Mischung aus Coming-of-Age und Sport-Anime.

An deutschen Serien habe ich nur Die Zweiflers gesehen, absolut herausragend, stammt aber aus dem letzten Jahr. Und Die Cum-Ex-Affäre, die war ganz okay, kommt aber nicht an das Vorbild The Big Short heran. Ich hatte noch ein paar angefangen, wie Naked, Chabos und Tschappel, von denn ich zumindest Naked noch weiterschauen möchte.

Aus Frankreich hat mir Cat’s Eye ganz gut gefallen; Sea Shadows war okay, aber zu generisch und von Jahreszeiten fehlt mir noch die letzte Staffel.

Eine der Überraschungen des Jahres war für mich die argentinische Serie Eternauta, nach dem gleichnamigen Kultcomic. Einige länger laufende Serien wie The Outlaws, The Bear, Slow Horses, Dark Winds und Black Mirror wurden auf hohem Niveau fortgesetzt, andere wie Love, Death + Robots enttäuschten, ebenso wie manch neue Blockbuster-Serie, da denke ich vor allem an Alien Earth und Welcome To Derry.

Britische Serien waren wieder ganz stark. Aber über die habe ich ja schon gebloggt. Zusätzlich dazu kann ich noch die Krimiserien Blue Lights, North Shore und The Tower empfehlen. House of Guiness war auch nicht schlecht, ebenso Mrs Wilson.

Mit Pluribus bin ich noch nicht ganz durch, aber da reden ja sowieso alle drüber, da brauch ich das nicht.

Chihayafuru (ちはやふる) Staffel 1

Chihayafuru hat sich mit nur wenigen Folgen zu einer meiner Lieblingsanimeserien entwickelt. Hier erkläre ich euch, was den Reiz dieser Coming-of-Age-Serie über ein japanisches Kartenspiel ausmacht, das bei uns keiner kennt, dem sich die Hauptfiguren aber mit voller Leidenschaft verschrieben haben.

Eine Sport-Anime-Serie (Ganbatte), in der es um ein Kartenspiel geht! Das auf 100 berühmten japanischen Gedichten basiert! Wie passt das denn zusammen? Ganz einfach, zwei Spieler*innen sitzen sich gegenüber, vor sich die Karten mit halben Gedichten. Die andere Hälfte wird vorgelesen, wer das richtige Gedicht erkennt und am schnellsten die passende Karte berührt oder gar vom Spielfeld fegt, bekommt den Punkt.

Es geht also um Reflexe, Geschwindigkeit, Taktik, Konzentration, Gedächtnis, psychologische Kriegsführung, körperliche und geistige Fitness, die Liebe zur Poesie und die zur Sprache. Karuta ist Leistungssport, der so viele unterschiedliche Aspekte und Felder beinhaltet, dass ich vor lauter Faszination gar nicht aus dem Staunen komme.

Ein Karuta-Match. Unten rechts Haupfigur Chihaya, in Hakama und mit Pferdeschwanz von oben gezeigt, wie sie über die Karten gebeugt auf dem Boden auf den Knien hockt. Links oben ihr männlicher Gegner in rotem T-Shirt. Es sind nur noch wenige Karten auf dem Tatami-Boden übrig.

Und bis vor kurzem kannte ich die Sportart nicht einmal. Erst als ich eine Anime-Enzyklopädie übersetzt habe, begegnete mir die Serie Chihayafuru. Eine unter vielen, deren ersten Folgen ich ausprobierte, aber die eine, bei der ich voller Leidenschaft hängen blieb. Klar, ich habe eine Schwäche für Coming-of-Age-Geschichten, da diese mich an meine schöne Kindheit und die Jugendjahre erinnern, eine Welt voller Möglichkeiten und Potenzial, aber Coming of Age gibt es viel im Anime. Parallel schaue ich auch das ebenfalls sehr gute Blue Box auf Netflix, aber Chihayafuru hat es mir augenblicklich angetan. Die Leidenschaft, mit der die Protagonist*innen bei der Sache sind, das Verzücken und Staunen, als sie die Sportart noch im Grundschulalter für sich entdecken und darüber Freundschaft schließen, die auch noch im Teenageralter an der Oberschule anhält.

In den ersten Folgen war mir noch gar nicht klar, wie vielseitig sich diese Serie entwickeln würde, wie viele Aspekte des Lebens sich in diesem kleinen Kartenspiel wiederfinden. Wie vielschichtig dieser Sport ist und welche Möglichkeiten er seinen Teilnehmer*innen bietet, sich persönlich weiterzuentwickeln.

Chihaya ist die kleine Schwester eines bekannten Models, himmelt zunächst nur die große Schwester an und muss bei den Eltern in Sachen Aufmerksamkeit zurückstecken. Bis sie Arata trifft, diesen schüchternen, schweigsamen Schüler mit Brille, der für sich bleibt, von den anderen gemieden und von Klassenclown Taichi sogar gemobbt wird. Aratas Leidenschaft für Karuta wurde von seinem geliebten Großvater geweckt, eine Leidenschaft, die so ansteckend ist, dass das Karuta-Fieber auch Chihaya erwischt und schließlich Taichi, woraus sich eine innige Freundschaft zwischen den Dreien entwickelt. Bis Arata wegzieht …

Und hier setzt nach einer kurzen Rückblende unsere Handlung in der Gegenwart ein. Chihaya trifft Taichi wieder, die beiden gründen eine Karuta-Club an der Schule und finden drei weitere Mitstreiter*innen, die zunächst unwillig mitmachen, sich aber bald mit Haut und Haaren Karuta verschrieben haben. Kanade, die Hakamas liebt, aber vor allem die Poesie und die Geschichte hinter den Gedichten; Musterschüler Tsutomu, der von den analytischen Möglichkeiten des Spiels fasziniert ist und Yuusei, der zunächst wie ein Comic-Relief wirkt, aber viel Wissen und Weisheit über Karuta mitbringt.

Fast hätte ich geschrieben, dass Chihayafuru eine Wohlfühlserie ohne großes Drama jenseits des Karuta-Spielfeldes ist, aber so ganz stimmt das nicht. Es geht auch um Trauer, Verlust und Schuldgefühle; den Druck, den ehrgeizige Eltern aufbauen; und das Gefühl des Alleinseins, wenn sich die Eltern nicht um einen kümmern. Und das Teenagerdasein an sich ist ja auch ein großes Drama, das hier, wie bei so vielen Coming-of-Age-Animes Ausdruck im Stil findet, wenn Gefühlsausbrüche gezeigt werden, in dem die Gesichter der Figuren plötzlich kindlicher und vereinfacht gezeichnet werden.

Chihayafuru ist auch eine sehr japanische Serie, in dem Sinne, dass es um ein ganz spezifisch japanisches Thema, nämlich Karuta geht, einhergehend mit viel Liebe für die japanische Dichtkunst und die historischen Hintergründe der Gedichte.

Die (waka-)Gedichte stammen aus der Sammlung Ogura Hyakunin Isshu (100 Poems), die während der Kamakura-Ära (1185–1333) erstellt wurde, und zwar von shōgun Minamoto no Yoritomo. Die Gedichte selbst waren zu dem Zeitpunkt aber bereits einige Jahrhunderte alt. Einige der Werke stammen auch von Frauen. Es handelt sich dabei um Hofdichtung, also größtenteils stammen sie von Agenhörigen des Hofs des tennōs.

Und so vermittelt die Serie auf sehr unterhaltsame und moderne Weise japanische Geschichte, Tradition und Dichtkunst, wie es der Schulunterricht nie vermocht hätte. Der hatte mich früher übrigens nachhaltig vom Thema Lyrik abgeschreckt.

Chihayafuru ist eine Wohlfühlserie mit Tiefgang, die Drama und Unbill nicht ausspart, aber in ein angenehmes Korsett schnürt, dass sich wie eine warmherzige Umarmung anfühlt und uns mit den liebenswürdigen Figuren mitfiebern lässt. Hat es aus dem Stand in meine Top 10 der liebsten Animeserien geschafft.

Die Serie vom Studio Madhouse besteht aus drei Staffeln – von denen ich aber erst eine gesehen habe – und basiert auf der gleichnamigen Manga-Reihe von Yuki Suetsugu. Daneben gibt es auch noch eine Realverfilmung.

Gibt es bei Crunchyroll, allerdings nur im Original mit englischen Untertiteln.

The Anthem of the Heart (Kokoro ga Sakebitagatterunda)

Parallel zu meiner Besprechung von Mari Okadas Autobiografie From Truant to Anime Screenwriter gibt es hier meine erste Rezension eines Animes, an dem sie beteiligt war. Eine toller Coming-of-Age-Film, über die Verletzlichkeit von Kindern, vor allem gegenüber Fehlverhalten ihrer Eltern, bei dem manchmal schon ein paar Worte ausreichen, um nachhaltig Schaden anzurichten.

DVD-Cover des Films »The Anthem of the Heart«. Unten die Plastikhülle querstehend, zeigt die vier Hauptfiguren: rechts einen großen, sportlichen Jungen in schwarzer Schuluniform, einen Arm in einer Schlinge, ganz links ein anderer Junge, etwas kleiner, mit wuscheligem Haar. In der Mitte zwei Mädchen mit gleichen weißen Blusen und Röcken.

Auf der Plastikhülle aufrecht stehend der Pappschuber auf dem nur die Hauptfigur Naruse zu sehen ist. Ein kleines, zierliches Mädchen in weißer Schuluniform in einem Klassenzimmer zwischen Holzpulten und Stühlen, im Hintergrund ein großes Fenster, das einige Bäume zeigt.

Die kleine Jun ist ganz vernarrt in das Schloss auf dem Hügel, bei dessen Anblick sie von Prinzen und Prinzessinnen träumt. Nur ist der Prinz, der eines Tages aus dem Hof fährt, ihr Vater, und die Prinzessin neben ihm nicht seine Mutter. Und das Schloss eigentlich ein Love Hotel. Und da Jun gerne redet und alles erzählt, weiß die Mutter bald Bescheid, es folgt die Trennung, der Vater zieht aus und sagt Jun, sie sei schuld, weil sie so ein Plappermaul sei. Von nun schweigt sie (den Teil mit dem sprechenden Ei lasse ich mal weg).

Zeitsprung: Jun ist in der Oberschule angekommen, schweigend, in sich gekehrt und für sich bleibend. Bis der Lehrer ankündigt, die Klasse solle ein Komitee gründen und sich etwas für den Regionalaustausch überlegen. Die hat keinen Bock, es kommt zum Streit, bis Jun erstmals aufspringt und einige Worte hervorbringt. Doch die bereiten ihr Bauchschmerzen, jedes Mal wenn sie was sagt. Aber singen geht, also entscheidet sich die Klasse für ein Musical, der Text kommt von Jun, die Musik von Takumi, der ihr zunächst als einziger zur Seite springt und ein netter Kerl ist. Im Weiteren geht es darum, wie die Klasse zusammenfindet, einzelne Schüler über sich hinauswachsen, Naruse eine Stimme findet und die Schüler*innen an der Aufgabe wachsen.

Coming of Age mit leicht kitschiger, aber vor allem sehr herzlicher Note. Drehbuchautorin Marie Okada versteht es ganz hervorragend, Teenager zu schreiben, die authentisch wirken, irgendwie echter als in den meisten anderen Filmen dieser Art. Es geht um verletzliche Kinder und Jugendliche, die teils von ihren Eltern verlassen wurden, von anderen gehänselt und von niemandem verstanden werden. Die lernen müssen, ihre eigene Stimme zu finden, inmitten des Chaos der Pubertät, des Erwachsenwerdens, der ersten Liebe und den Erwartungen, die die Gesellschaft an sie hat.

Das dürfte ein sehr persönlicher Film von Okada sein, wie in ihrer Autobiografie (die ich parallel hier bespreche) zu lesen ist. Viel aus ihrer Jugend ist mit eingeflossen: der abwesende Vater, die distanzierte bis feindselige Mutter, die fehlende Stimme, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Aber es gibt auch Abweichungen, als gute Autorin setzt sie nicht eins zu eins ihr Leben um, sondern lässt nur einige Erfahrungen mit einfließen. Und das Filmteam hat dann einfach noch ihren Heimatort und das Elternhaus mit eingebaut, das sie ihnen bei einem Ausflug gezeigt hatte.

Regie führte Tatsuyuki Nagai, mit dem Mari Okada schon öfters zusammengearbeitet hatte, danach aber nie wieder. Es war laut Autobiografie eine turbulente, konfliktreiche, aber auch konstruktive Kooperation, bei der am Ende das Gefühl stand, die gemeinsame Kreativität sei ausgeschöpft.

Ganz so gut wie den kürzlich hier besprochenen A Silent Voice fand ich den Film nicht, könnte aber nicht genau festmachen, woran es gelegen hat. Vielleicht an der Sache mit dem Ei, die für mich als Metapher nicht ganz funktioniert hat und nicht so recht zum Rest passt. Trotzdem ein ganz toller Film, in schnuckeliger ländlicher Umgebung mit einer Gruppe von Schüler*innen, die zunächst alle noch garstig wirken, aber im Verlauf ihre sympathischen Seiten an sich selbst entdecken und uns zeigen.

P. S. Was genau ein Regionalaustausch ist, kann ich euch übrigens nicht sagen – keine Ahnung.

Japanuary 2025 #6: Liz und ein blauer Vogel (Rizu to Aoi Tori)

Endlich ein an einer japanischen Schule spielender Film, in dem es nicht um Mobbing geht. Die Schülerinnen hier sind alle nett zueinander und bauen sich gegenseitig auf. Dementsprechend ein wunderbarer Wohlfühlfilm ohne Drama, aber mit vielen Nuancen der Freundschaft.

Mizore und Nozomi sind beste Freundinnen, Mizore ein sehr stiller, schüchterner Mensch, Nozomi fröhlich, lebhaft und extrovertiert. Mizore verehrt Nozomi und folgt oft ihrem Beispiel. Beide spielen im Schulorchester und üben gerade für einen großen Wettbewerb. Das Stück heißt Liz und ein blauer Vogel und basiert auf einer Fabel, in der es um eine einsame junge Frau in einer europäisch anmutenden Gegend geht, die Besuch von einem blauen Vogel bekommt, der sich in eine ebenso junge Frau verwandelt, woraus sich eine enge Freundschaft entwickelt.

Mizore spielt Oboe, Nozomi Flöte, im dritten Akt haben sie ein gemeinsames Solo, in dem sie praktisch im Gespräch miteinander stehen, Nozomi als der blaue Vogel, Mizore als Liz, die den Vogel gehen lassen muss und will, damit er die Freiheit mit seinen Flügeln genießen kann. Doch Mizore kann nicht verstehen, warum Liz ihn gehen lassen will, und das beeinträchtigt ihr Oboen-Spiel. Sie muss sich erst über ihre eigenen Gefühle im Klaren werden, bevor sie wirklich befreit spielen kann.

Bis auf die Szenen mit der Geschichte in der Geschichte, spielt der Film fast komplett an der Schule, als wäre er ein Kammerspiel. Er nimmt sich viel Zeit, um die Beziehungen zwischen den Mädchen aufzubauen. Legt dabei viel Wert, ihre Gestiken, ihre Körperhaltung zu beobachten. Ist ein sehr feinfühliger Film, der seine Geschichte auf subtile Weise erzählt, mit vielen Metaphern und großem Respekt für seine Figuren.

Bei aller Herzlichkeit gibt es trotzdem einen Konflikt zwischen Mizore und Nozomi, der lange unausgesprochen bleibt. Ihn herauszuarbeiten ist der eigentliche Kern des Films. Es geht darum, wie Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen funktionieren, und wie sie auch Teil eines Emanzipationsprozesses und des Erwachsenwerdens sein können.

Auf den ersten Blick wirkt die Story sehr einfach und vorhersehbar gestrickt, doch die Komplexität liegt in dem Beziehungsgeflecht der Schülerinnen untereinander und wie sie miteinander kommunizieren.

Die Märchen-Sequenzen wirken wie mit Wasserfarben gemalt, sehr putzig und erinnern an das Ghibli-Europa.

Die Musik zum Film wurde von Kensuke Ushio und Akito Matsuda komponiert und fügt sich perfekt in die Geschichte ein.

Regie führte Naoko Yamada, deren A Silent Voice ich kürzlich auch besprochen habe.

Der Film gehört zu einer Serie, die auf einer Light-Novel-Reihe basiert, kann aber eigenständig gesehen werden.

Wo kann ich Liz und ein blauer Vogel schauen?

Zur Japanuary-Übersicht mit den Besprechungen aller Beteiligten geht es hier.

Unnützes Wissen über Manga und Anime | Jasmin Dose, Jan Lukas Kuhn und Stefan Mesch

Was ihr schon immer über Mangas und Animes wissen wolltet, aber nicht zu fragen wagtet, gibt es in diesem kompakten Buch, das jede Menge interessanter Fakten und Empfehlungen zu japanischen Comics und Zeichentrickfilmen enthält, sich aber auch kritisch mit den beiden Medien auseinandersetzt.

Taschenbuchausgabe des Buchs "Unnützes Wissen über Manga und Anime".

Wie ich zum Anime gekommen bin, habe ich ja kürzlich in meinen Wochenrückblick beschrieben. Mit 14 Jahren Akira 1993 noch auf VHS in der Videothek ausgeliehen, und ich war dem japanischen Zeichentrickfilm verfallen. Nur leider war der damals kaum in Deutschland zu bekommen. Zwei Jahre später brachte ein Mitschüler den Katalog der Anime Connection of Germany mit, die immerhin die Titel von Manga Entertainment aus England importierten. Darunter war viel Schmuddelkram wie Urotsukidoji, Fist of the North Star, Wicked City, Vampire Hunter D und andere Werke, die in Darstellung von Frauen nicht gut gealtert sind (und auch damals eigentlich schon daneben waren). Erst in der zweiten Hälfte der 90er etablierten sich Anime-Serien wie Dragonball oder Sailor Moon im deutschen Fernsehen, und mit dem Einzug der DVD erschienen auch regelmäßig Filme.

Mangas hingegen gingen größtenteils an mir vorbei. Comics las ich damals nur gelegentlich, weil sie mir als Schüler und Student zu teuer waren, kaufte mir nur ab und zu mal einen Manga wie Spirit of Wonder oder Blade of the Immortal. Erst vor wenigen Jahren, mit den großartigen Werken von Jiro Taniguchi, entdeckte ich auch japanische Comics für mich und lese aktuell mit großer Begeisterung Rehen wie Boys Run The Riot und Blame!

Als ich vor einigen Jahren für Tor Online einen dreiteiligen Artikel mit dem Titel Alles, was man über Animes wissen muss, schrieb, musste ich feststellen, dass es kaum Sachbücher zu dem Thema gibt, und vor allem keine zu Animes und auf Deutsch. Weshalb ich um jedes neue Buch zu diesem Thema dankbar bin, auch wenn es nur unnützes Wissen enthält. 😉

So wahllos und unzusammenhängend die kurzen, tweetmäßigen Einträge im Buch von Jasmin Dose, Jan Lukas Kuhn und Stefan Mesch wirken, bieten sie trotzdem eine gute Übersicht oder zumindest einen kleinen Einstieg in die Geschichte und Entwicklung von Mangas und Animes in Japan. Manga heißt übrigens einfach Comic und Anime animierter Film, was in Japan auch westliche Werke mit einschließt. Anime und Manga als eigenes Medium existiert so Japan-spezifisch eigentlich nur außerhalb des Landes.

Die Wurzeln reichen weit zurück, bis zu großen Künstler wie Katsushika Hokusai. Das Buch stellt erst mal ein paar allgemeine Fakten zur Beliebtheit und den Erfolgen von Mangas und Animes weltweit vor, bevor es dann in nach Jahreszahlen strukturierten die historische Entwicklung der beiden Medien schildert. Es wird Grundwissen vermittelt zu den einzelnen Untergenres und den Grundbegriffen, es wird erklärt, was Mangas für Kinder ausmacht und jene für Erwachsene.

Die Autor*innen sind dabei aber auch stets (ideologie-) kritisch, gehen auf problematische Themen und Tropes ein, benennen Sexismus und Fehlverhalten von Mangakas und Animekünstler’innen, liefern aber auch einen ganz tollen Überblick über die Vielfalt und Vielseitigkeit dieses Mediums und zahlreiche Empfehlungen. Sie erwähnen, welche Werke für wenn eventuell problematisch sein könnten. Prekäre Arbeitsbedingungen werden ebenso angesprochen wie der immer noch sehr geringe Anteil an Regisseurinnen bei Animes. Es wird mit der Kritik aber auch nicht übertrieben oder moralisiert. In der Regel sprechen die Fakten für sich.

Ein paar kleine Kritikpunkt gibt es aber schon zu erwähnen, auch wenn sie nicht wirklich groß ins Gewicht fallen. Manche Absätze sind etwas zu kryptisch geraten. Wenn in einem zwei-Wort-Satz der Begriff »Rape Culture« erwähnt ist, könnte das gerade junge Leser*innen überfordern. Da hätte ich mir eine genauere Erklärung gewünscht. Nicht alle sind damit vertraut. Erst gegen Ende des Buchs wird etwas darauf eingegangen. Und manchmal kann ich nicht ganz erkennen, wie die Informationen zu verschiedenen Werken in einem Absatz miteinander zusammenhängen.

Kritische Äußerungen zu Mitarbeiterführung von z. B. Isao Takahata bleiben auch zu vage, da kann ich mir in dem Fall nur etwas vorstellen, weil ich die Doku The Kingdom of Dreams and Madness gesehen habe und weiß, dass sowohl er als auch sein Ghibli-Mitgründer Hayao Miyazaki im persönlichen Umgang schwierigen Menschen sind bzw. waren und viele Mitarbeiter*innen gekündigt habe, weil sie mit dem Druck und dem Führungsstil nicht klarkamen.

Aber wie erwähnt, das sind nur kleine Kritikpunkte, die den Gesamteindruck kaum trüben.

Ich habe eine Menge interessanter Fakten aus dem Buch gelernt: In Japan stammen z. B. 70 Prozent aller Gewinne mit Mangas aus digitalen Angeboten wie Manga-Apps. Pokemon ist finanziell erfolgreicher als Star Wars. Oder dass mein Lieblingsfilm von Hirokazu Koreeda (kein Anime) Unsere kleine Schwester auf einem Manga (von Akimi Yoshida) basiert, der aber leider nie übersetzt wurde.

Als Nachschlagewerk ist das Buch nur bedingt geeignet, aber das will es vermutlich auch gar nicht sein. Es eignet sich vor allem als Einstieg in die Thematik, bietet aber auch für erfahrene Anime- und Manga-Fans noch eine Fülle an interessanten Fakten, die gerade durch den kritischen Blick der Autor*innen neue Perspektiven eröffnen. Auch wenn man keine in die Tiefe gehende Analyse erwarten darf. Meine Leseliste ist jetzt leider bedenklich gewachsen.

Meine Woche: VG-Wort goes KI, Mangas übersetzen und der Anime-Klassiker Akira

Wie Mangas übersetzt werden und warum das so schlecht bezahlt wird; die Anime-Serie The Great Passage über das epische Unterfangen ein Wörterbuch zu erstellen; Der Junge und der Reiher und wie meine Oma fast verhinderte, dass ich den Anime-Klassiker Akira schauen konnte sowie meine Meinung zum Holmes-Hörspiel Die Büchse der Pandora uvm.

Collage aus vier Bildern, drei kleine oben, ein großes unten:
1. Szene aus "Akira", Hochhausschlucht mit Bücke, auf der etwas brennt, oben stehen zwei Menschen und blicken darauf hinab.
2. Links Dualipa, rechts George Saunders, im Video-Gespräch
3. Szene aus "The Great Pasage". Eine Katze schläft vom Mond beschienen auf einem Holzbalkon
4. Sonnenuntergang mit leicht bewölktem Himmel, eingerahmt Regenrinne und Balkongeländer.

Für den Aufreger der Woche sorgte in meiner Bubble die VG Wort mit einer E-Mail, die sinngemäß besagte: Wenn du nicht umgehend widersprichst, werden wir dein Werk und deine Seele an den KI-Teufel verkauft, damit der damit fleißig Datamining betreiben kann. Na ja, ganz so war es nicht, aber die Mail war so unglücklich formuliert, dass viele das glaubten – ich konnte sie auch nicht so recht einschätzen. Bei Nina George könnt ihr nachlesen, dass es sich dann doch etwas differenzierter verhält. Es ist wohl der Versuch der VG-Wort, die KI-Thematik irgendwie ansatzweise anzugehen, um eine praktikable Lösung für jene Kreative zu schaffen, die von ihr vertreten werden.

Manga

Stiftung Lesen benutzt KI-Bilder: „Ein fatales Signal“

Wie der Umgang mit KI und der Kritik an ihrer Verwendung nicht laufen sollte, hat die Stiftung Lesen gezeigt, die für eine Kampagne KI generierte Bilder verwendet hat und auf die berechtigte Kritik daran wenig souverän reagiert. Nachzuhören beim NDR.

Offener Brief zur Honorarsituation der Manga- und Light-Novel-Übersetzenden im deutschsprachigen Raum

Mangas und Light Novels, die aus dem Japanischen übersetzt werden, boomen. Trotzdem werden die Übersetzer*innen so schlecht bezahlt, dass 57% der Befragten sich nicht vorstellen können, längerfristig in diesem Beruf zu bleiben. Eine Situation, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Übersetzungen aus dem Japanischen müssten sowieso schon besser bezahlt werden als welche aus dem Englischen, ganz unabhängig von Inflation und kalter Progression. Denn es ist mehr Arbeit. Es gibt drei verschiedenen Schriftsysteme, über 2.000 Kanji-Zeichen, die jedes Mal wieder im Kontext interpretiert werden müssen. Dazu das ganze kulturelle Hintergrundwissen, das sich angeeignet werden muss, um die Sprache auch wirklich richtig zu verstehen. Also liebe (Manga-) Verlage, wenn ich die Wahl zwischen Englischer und Deutscher Übersetzung habe, entscheide ich mich in der Regel für die Deutsche, auch wenn sie teurer ist, einfach weil ich es unterstützen möchte, dass diese Werke aus dem Japanischen bei uns übersetzt werden. Bitte bezahlt dann auch eure Übersetzer*innen anständig!

Hier geht es zum offenen Brief.

Über das Übersetzen von Mangas

Wie Mangas überhaupt übersetzt werden, dazu gibt es bei TralaLit einen sehr guten Essay von Cheyenne Dreißigacker. Sie schildert anhand ihrer persönlichen Biografie, wie sich ein Berufseinstieg gestalten kann und geht auch auf die Details der Manga-Übersetzung in der Praxis ein.

Ausstellung

Manga Hokusai Manga

Im Japanisches Kulturinstitut in Köln läuft noch bis zum 30. November eine Ausstellung zum wohl bekanntesten japanischen Künstler Katsushika Hokusai (das „U“ ist stumm). Es geht aber wohl nicht um direkte Werke von ihm, sondern sein Werk aus Perspektive heutiger japanischer Manga-Künstler*innen.

Youtube

Dua Lipa In Conversation With George Saunders

Auf dem Youtube-Kanal Service 95 Book Club gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen der britischen Sängerin Dua Lipa und dem amerikanischen Autor George Saunders. Vor allem geht es um sein Buch Lincoln in Bardo – das schon viel zu lange auf meiner Leseliste steht.

Service 95 ist ein Magazin, dass von Dua Lipa gegründet wurde und mit dem sie wohl ihre Liebe zur Literatur auslebt. Gibt schon einige Interviews von ihr mit Autor*innen.

Radio

Phantastische Literatur – der Carcosa Verlag

Carcosa hat gerade einen Lauf, was mediale Präsenz angeht, was auch verdient ist, angesichts des tollen Programms. Jetzt war der Deutschlandfunk Kultur zu Gast bei Hannes Riffel, der mit seinem Verlag inzwischen in Wittenberge residiert.

Serie

The Great Passage

Ist eine Anime-Serie, in der es um die Erstellung eines neuen Wörterbuchs geht, dargestellt, als ginge es um die Entdeckung eines neuen Kontinents. Eine cozy Slice-of-Life-Geschichte, mit liebenswürdigen Figuren und viel Liebe zur Sprache. Die Serie hat nur elf Folgen und in der zweiten Hälfte ist es ihr anzumerken. Da gibt es Zeit- und Handlungssprünge, denen ich nicht immer ganz Folgen konnte, so verdichtet wie hier erzählt wird. Als hätten die Macher*innen während der Produktion erfahren, dass es keine zweite Staffel geben wird, und sie jetzt alles schnell gerafft erzählen müssen.

Immerhin umfassen die elf Folgen einen Handlungszeitraum von 14 Jahren. In der einen Folge haben zwei der Hauptfiguren noch ihr erstes Date, in der nächsten wird ganz beiläufig erwähnt, dass sie verheiratet sind. Eine Person, die in der ersten Hälfte öfters auftaucht, ist plötzlich ganz verschwunden, eine andere verstorben, was wir nur durch ein Foto mit zwei Räucherstäbchen erfahren. Eigentlich eine schön subtile Erzählweise, die ohne viel Worte auskommt (in einer Serie, in der es um 240.000 verschiedene Wörter geht), aber teilweise gehen dadurch der emotionale Impact und die Verbindung zu den Protagonist*innen verloren. In der letzten Folge gibt es aber doch noch einen emotionalen Abschluss mit allen Figuren. Insgesamt eine ganz tolle Serie, nicht nur für Leute, die sich für die japanische Sprache interessieren.

The Great Passage, das leider nur noch kurze Zeit bei Prime im Programm enthalten sein wird, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Shion Miura, den es zumindest in englischer Übersetzung gibt. Die Realverfilmung gibt es zwar aktuell im JFF-Theater, aber leider nicht in unserer Region. Was ich nicht so ganz nachvollziehen kann. Normalerweise trifft das nur auf Filme zu, die in Deutschland schon einen Verleih haben, dass ist aber bei diesem Film nicht der Fall, der ist nirgendwo erhältlich.

Prime

Hörspiele

Sherlock Holmes – Die neuen Fälle #57: Die Büchse der Pandora

Cover der hier erwähnten Hörspielfolge. Zeigt ein beleuchtetes Festzelt in einem Londone Park, in der einige Männer in altmodischen Anzügen die Gläser erhoben haben.

Inzwischen (siehe letzten Wochenrückblick) habe ich die Büchse der Pandora geöffnet und bin wenig angetan. Die KI-Stimmen klingen schon nach den Originalen, aber der Sprachrhythmus während der Sätze ist eine Katastrophe. Das hört sich so gekünstelt an, als würde es von Siri oder so kommen. Vor allem in den Dialogen. In Watsons Erzählpassagen ist es etwas besser, aber die beiden hören sich an, als würden sie ständig aneinander vorbei reden. Da fehlt die Dynamik zwischen den Sprechern, was dadurch kaschiert werden soll, dass sie sich unterbrechen, was aber nicht funktioniert. Auch die Betonungen passen oft nicht. Manchmal sind sie sogar zu emotional und überzogen, so hätte Groeger das nicht gespielt.

Aber auch unabhängig davon ist die Folge nicht gut geschrieben, vor allem der Auftakt ist endlos langatmig. Auch die Produktion hört sich nicht mehr so gut an. Habe gehört, da wurde das Studio ausgetauscht. Für mich ist mit dieser Folge jetzt Schluss. Ich muss aber auch zugeben, dass sich im Verlauf des Hörens wohl ein gewisser Gewöhnungseffekt einschleicht und die Stimmen nicht mehr so künstlich wirken. Regie führt ausgerechnet Christian Rodes Frau Kathrin, und ich frage mich, ob sie ihrem verstorbenen Mann damit einen Gefallen getan hat.

Filme

Der Junge und der Reiher (Kimitachi wa Dō Ikiru ka)

Da ich völlig ohne Vorwissen an Hayao Miyazaki aktuellen Film herangegangen bin, ohne einen Trailer gesehen oder etwas über den Inhalt gewusst zu haben, werde ich auch hier nicht groß auf den Inhalt eingehen. Er scheint auf jeden Fall autobiografisch angehaucht zu sein, ist der Vater im Film doch wie Miyazaki eigener, ein Flugzeugfabrikant im 2. Weltkrieg. Ansonsten gibt es viele bekannte Theme, vor allem aus seinem Spätwerk, die hier zu einer stimmigen Mischung zusammengebracht werden. Vor allem der Auftakt ist visuell und von der Atmosphäre her ganz toll geraten. Wir erkunden mit dem Jungen zusammen einige Rätsel und Mysterien, bevor es dann richtig ins Abenteuer geht. Nur im letzten Drittel schwächelt der Film für mich, weil die Handlung dort für etwas zu beliebig wird und nicht immer ganz nachvollziehbar ist. Trotzdem ein sehr lohnenswerter Film, der die bekannte Ghibli-Magie versprüht.

Akira

Am 9. Oktober 1992 erschien Akira in Deutschland auf VHS, am 12. habe ich ihn mir ausgeliehen und mein Leben war danach ein anderes. Doch der Reihe nach.

Anfang der 1990er waren Animes in Deutschland noch kein Begriff, obwohl wir alle wohl schon welche gesehen hatten. Zumindest in Serienform durch Captain Future, Saber Rider, Biene Maja oder Heidi. Nur wussten wir nicht, dass die Serien eigentlich aus Japan kamen. An Filme vor Akira kann ich mich nicht erinnern. Es dürfte mein erster Anime gewesen sein.

Am 12. Oktober 1992 feierte ich meinen 13. Geburtstag. Auf halber Strecke zwischen Bushaltestelle und unserem Haus lag die Dorfvideothek, die von einer Freundin meiner Mutter betrieben wurde, weshalb ich mir da alles außer Pornos ausleihen durfte. Wie ich auf Akira aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr, vielleicht durch die Cinma oder eine andere Zeitschrift. Für den Tag hatte ich ihn mir aber reserviert und kam so kurz nach Zwölf mit dem Bus an, lieh mir den Film aus und eilte nach Hause, um schnell mein Mittagessen herunterzuschlingen und die Hausaufgaben hinzuschludern, damit ich endlich Akira gucken konnte, bevor um 15.00 Uhr die Verwandtschaft zum Kaffee vor der Tür stand, die vorgab meinen Geburtstag feiern, sich aber eigentlich nur miteinander über Leute unterhielt, die ich nicht kannte oder die mich nicht interessierten. Aber immerhin brachten sie Geschenke mit.

Gesagt, getan, die Schulhefte wieder in den Rucksack gesteckt, machte ich erste Schritte Richtung Videorekorder, doch bevor ich die Kassette auch nur einlegen konnte, klingelte es an der Tür. Verdammt! Wer konnte das sein? Hoffentlich nur der Postbote oder die Zeugen Jehovas. Es war meine Oma … zwei Stunden zu früh. Der Familienzweig auf der mütterlichen Seite hatte die Angewohnheit, immer zu früh auf der Matte zu stehen. Aber zwei Stunden!

Es lief dann wie immer, meine Mutter schwätzte mit meiner Oma über Leute, die ich nicht kannte oder die mich nicht interessierten, und ich saß die ganze Zeit da wie auf heißen Kohlen und dachte: Männo, ich will jetzt endlich Akira gucken!

Es dauerte bis abends, dass ich ihn endlich sehen konnte, und er hat mich umgehauen, es war der Beginn einer langen Leidenschaft für Animes, die bis heute anhält. Ich habe ihn mir auch gleich auf eine Leerkassette überspielt und seit dem viele Male in der alten Synchro gesehen (bis mein Videorecorder den Geist aufgab), mir ein paar Jahre später auch den tollen Soundtrack auf CD gekauft. Im Prinzip kenne ich ihn inzwischen fast auswendig, doch auf Japanisch habe ich ihn gestern zum ersten Mal gesehen (und die letzte Sichtung liegt auch schon lange zurück).

Der Film hat mich noch genauso begeistern können wie damals. Vor allem die beeindruckende Kulisse des futuristischen aber doch herunterge- und verkommenen Neo-Tokyos, doch auch die treibende bis ätherische Musik und das Sounddesign. Die Cyberpunkästhetik der 80er funktioniert bei mir heute noch. Die japanischen Synchronsprecher der Hauptfiguren Kaneda (wird wie Kanada ausgesprochen, nur mit „e“ in der Mitte) und Tetsuo hielt ich erst für zu jung, aber es wird ja erwähnt, dass sie noch unter 15 sind. Bei allem Spektakel und den revolutionären technischen Asprekten ist Akira vor allem ein Film über Freundschaft.

Die Manga-Vorlage von Regisseur Katsuhiro Otomo habe ich leider noch nicht gelesen.

Geburtstag

Apropos Geburtstag. Meinen habe ich das letzte Mal mit 16 Jahren gefeiert (neben meinen Freunden war auch mein Klassenlehrer Herr Reif zu Gast; es gab Kartoffelsalat im Keller; und ich weiß noch, dass ich REMs New Adventures in HiFi und Sepulturas Roots auf CD geschenkt bekommen habe). Seitdem nie wieder, so viel mache ich mir aus meinem Geburtstag, bei Facebook habe ich seine Anzeige abgeschaltet, damit mir die Leute nicht gratulieren. Doch über eine Sache freue ich mich doch jedes Jahr, nämlich Bücher geschenkt zu bekommen, die mir zu teuer sind, um sie selbst zu kaufen.

Die gebundenen Ausgaben von "Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte" und "Der eiserne Marquis".

Der neue Moers ist nur eine Kurzgeschichtensammlung mit Flabeln aus Zamonien, Der eiserne Marquis von Thomas Willmann soll ein ganz furioser historischer Fantasyroman mit Steampunk-Anleihen sein. Ich werde berichten.

Fotos

Nach dem Taubenmassaker (siehe hier) hat die örtliche Tauben-Gang personell aufgerüstet. Auf dem Baum gegenüber meines Arbeitszimmers hängen sie jetzt zu fünft ab.

Fünf Tauben hocken in unterschiedlicher Höhe auf meinem Baum.

Der Blick aus meinem Schlafzimmerfenster ist immer der Gleiche, aber nie derselbe (oder umgekehrt?). An den Sonnenuntergängen mit den unzähligen Wolken- und Farbkonfigurationen kann ich mich nie sattsehen.

Ausblick

Nächste Woche gibt es keinen Wochenrückblick, da ich Samstag den ganzen Tag auf dem BuCon in Dreieich sein werde.

Meine Woche: Schamanen, Schlangen und Tokyo bei Nacht

Der Hauptschwerpunkt liegt natürlich wieder auf Japan, mit den Filmen River – The Time Loop Hotel und Inu-Oh sowie der Fortsetzung der Mini Theater Journey und zwei schicken Videos zu Tokyo bei Nacht. Aber ich stelle auch drei interessante Filme aus Lateinamerika vor, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Kolonialisierung auseinandersetzen.

Collage aus vier Screenhots. Drei kleine in der oberen Reihe, ein großes in der unteren.
1. Männliche Hauptfigur aus "Adios Buenes Aires" sitzt auf einem Dach und spielt Ziehharmonika.
2. Weibliche Hauptfigur aus "River" in einem Kimono von vorne zu sehen.
3. Der junge Schamane aus "Der Schamane und die Schlange" in Nahaufnahme von vorne.
4.  Ein Straße in Tokio bei Nacht, die vorbeigehenden Passanten mit Regenschirm spiegeln sich in einer Pfütze im Neonlicht.

Youtube

Cinematic Reality: Japan | Photography Journey from Tokyo to Osaka

Sehr schöner halbstündiger Film von illkoncept, der in tollen Bildern, das Stadtleben von Tokyo und Osaka (vor allem bei Nacht) gefilmt hat. Einfach unterlegt mit entspannter Musik, die hier und da mit den vielen Neonlichtern im Regen Bladrunner-Vibes aufkommen lässt.

Tokyo Solitude

Sehr elegant gedrehter Kurzfilm von teemu.mp4 , der ganz ohne Worte auskommt und drei einsame Menschen in Tokyo bei Nacht zeigt.

Jig Theater (Tottori, JAPAN) – MINI THEATER JOURNEY

So klein sind die Städte der Mini Theater Journey meist gar nicht, Tottori hat fast 200.000 Einwohner und liegt an der Westküste Japans. Das Jig Theater wirkt nicht wie ein klassisches Kino, eher wie ein Schulgebäude, was daran liegt, dass es tatsächlich eine Grundschule war. Wie auch bei den anderen Kinos der Tour gibt es hier ein Café, eine Bibliothek und einen kleinen Verkaufsbereich. Das wirkt schon alles sehr improvisiert, aber auch knuddelig und wie aus der Gemeinschaft für die Gemeinschaft. Ich muss da an das Uni-Kino aus meinem ersten Studium in Siegen denken.

Artikel

Five Films for Learning Japanese. Recommendations from Experts in Japanese Language Education

Das Japanese Filmfest (von der Japanese Foundation) hat auch immer wieder interessante Artikel. So dieser hier, in dem von Experten fünf Filme für Menschen empfohlen werden, die Japanisch lernen. Bisher habe ich davon nur Summer Wars gesehen.

Ich schaue relativ viele japanische Filmen und Serien und empfinde es als sehr hilfreich. Zum einen, was die Aussprache angeht, aber auch in Bezug auf Begriffe, Redewendungen oder Sprechweisen, die in offiziellen Lernmaterialien nicht erwähnt werden, aber nah am japanischen Alltag sind. Allerdings muss man dort auch vorsichtig sein, denn in vielen Animes wird zum Beispiel kein alltägliches Japanisch gesprochen, ebenso wenig in historischen Serien und Filmen. Und ich freue mich auch einfach über die kleinen Erfolgserlebnisse, wieder mal ein Wort oder gar einen ganzen Satz verstanden zu haben. Sich jeden Tag mit Japanisch zu umgeben, ist einfach hilfreich, aber das gezielt einzusetzen, dürfte noch effizienter sein.

Veranstaltungen

Japan Food Festival

Vom 31. Mai bis zum 2. Juni findet in Düsseldorf das Japan Food Festival statt. Düsseldorf ist ja bekannt für seine große japanische Gemeinde, da wird es sicher viel leckeres authentisches Essen geben. Leider überschneidet sich der Termin mit der Nippon Connection in Frankfurt.

Hörspiel

Hardland

Ich habe diese Woche die ersten beiden Folgen von Hardland gehört, der ARD-Hörspielumsetzung des gleichnamigen Romans von Benedict Wells, den ich ganz gut fand. Das Hörspiel ist sicher nicht schlecht gemacht, hört sich aber sehr öffentlich-rechtlich an. Nicht falsch verstehen. Ich mag die Hörspiele, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das legendäre Herr der Ringe-Hörspiel, Die drei Sonnen oder ganz aktuelles wie Mia Insomnia. Aber Hardland hört sich so gar nicht nach USA der 1980er an, nicht nach den Filmen, die Vorbild für Wells waren. Ich finde es schon zu kunstvoll inszeniert. Hier wird in den Dialogen auch noch deutlicher, dass Jugendliche einfach nicht so reden, wie sie es in dem Roman tun. Wirkt stellenweise auch wie eine inszenierte Lesung, da es sich mit dem hohen Erzähleranteil nicht von der Vorlage lösen möchte, und ich vermute mal, teile der Musikeinlagen stammen von dem Singer/Songwriter, der mit Wells seinerzeit auf Lesetour war.

ARD-Audiothek

Filme

Ich habe nicht nur eine Leidenschaft für Japan, sondern seit meinem Brasilienaufenthalt 2006 auch ein großes Interesse an Lateinamerika und seiner Geschichte. Diese Woche habe ich drei Filme gesehen, die in Kolumbien, Chile und Argentinien spielen und unterschiedliche Phasen der Geschichte abdecken. Geprägt sind sie allle von der Brutalität und den verheerenden Wirkungen des Kolonialismus. Selbst Adiós Buenos Aires, in dem die große Wirtschaftskrise von 2001 thematisiert wird. Hier wurde das Land von den korrupten Eliten, den Nachfahren und Erben der Kolonialisten geplündert und ruiniert, in Strukturen, die seit über 200 Jahren bestehen.

Der Schamane und die Schlange (El abrazo de la serpiente)

Zwei Forscher, die im Abstand von 40 Jahren den Amazonas bereisen und von einem indigenen Schamanen begleitet werden. Eine Reise ins Herz der kolonialen Finsternis, auf der Suche nach Kautschuk und Gott. Ein fast meditativer Film über den Verlust, nein Raub von Kultur, das herzlose Wesen der Unterdrückung und die Beschaffenheit der Welt. Basierend auf den Aufzeichnungen von Theodor Koch-Grünberg.

Mubi

Colonos

Großgrundbesitzer José Menéndez, der pervers viel Land in Patagonien besitzt, schickt Anfang des 20. Jahrhunderts ein dreiköpfiges Killerkommando los, um sein Land von den lästigen Indigenen zu säubern. Das Kommando zieht mordend und vergewaltigend durchs Land, bekommen aber zum Teil auch, was sie verdienen. Bildgewaltige, düstere Anklage an den Kolonialismus, der den Gründungsmythos von Chile zerstört. Wie ein Western inszeniert. Auch Der Schamane und die Schlange ist eine Anklage an die Ausbeutung durch den Kolonialismus, enthält aber viele poetische Phasen und es wird gelacht. In Colonos lacht niemand. Basiert auf einer wahren Geschichte. An Originalschauplätzen konnte nur sehr eingeschränkt afu einer Mülldeponie und am Flughafen gedreht werden, da das Land noch immer der Familie Menéndez gehört.

Mubi

Adiós Buenos Aires

Über einen alleinerziehenden Vater mit Schuhgeschäft und Tango-Band während der großen Wirtschaftskrise von 2001 in Argentinien, der das Land verlassen möchte, da er keine Hoffnung mehr hat, dass es dort besser wird. Bis ihm eine rabiate Taxifahrerin ins Auto fährt. Schöner kleiner Film, wenn auch keine Filmperle, da er sehr vorhersehbar und kitschig verläuft, aber mit liebenswert schrulligen Figuren, kleinen Alltagspoesien und angenehmer Melancholie.

Inu-Oh

Vorweg als Warnung, dieser Anime ist vor allem ein Musikfilm, es wird also die meiste Zeit musiziert und gesungen. In der ersten Hälfte vor allem mit der Biwa im Stil des Noh-Theaters, ab der Mitte wandelt sich der Film zu einer opulenten Rock-Oper. Als ich den Film startete, musste ich vom Zeichenstil her und der Dynamik direkt an Night Is Short Walk On Girl denken, und siehe da, er ist vom gleichen Studio und Regisseur Masaaki Yuasa. Eine klassische japanische Geschichte erzählt in einer Mischung aus Tradition und Moderne.

River – Time Loop Hotel (Ribâ, nagarenaide yo)

Habt ihr schon Beyond the Infinite Two Minutes gesehen? Falls nicht, solltet ihr das schnell nachholen. Ein toller kleiner Film über jemanden, der auf seinem Fernseher eine Botschaft aus zwei Minuten in der Zukunft empfängt – von sich selbst. Was daraus in diesem begrenzten Setting gemacht wird, ist genial.

Auch in River vom gleichen Filmteam geht es um zwei Minuten, nur wiederholen die sich hier immer wieder. Die Mitarbeiter*innen und Gäste (das sind tatsächlich nur Männer) eines schnuckeligen Hotels mit Onsen sind in einer zweiminütigen Zeitschleife gefangen, müssen der Sache auf den Grund gehen und finden dabei einiges über sich selbst raus.

Wirklich erstaunlich, was auch hier wieder aus einer kleinen Idee auf engen Raum und mit begrenztem Ensemble gemacht wird. Und das in der knappen Zeit, die wie im Flug vergeht und den Film zu keiner Zeit langweilig macht. Nur die Auflösung ist mir einen Tick zu albern geraten, beeinflusst meine Einschätzung des Films aber nur minimal. Ganz so großartig wie Beyond the Infinite Two Minutes ist er nicht, aber dafür eine tolle Wohlfühlkomödie mit einem Cast, der sichtlich Spaß an der Sache hat. Das Drehbuch stammt von Makoto Ueda, der auch schon Night is Short, Walk On Girl und Time Machine Blues geschrieben hat.

Musik

Ren – Mackay

Einer der aufregendsten jungen Musiker ist für mich aktuell Ren (Hi Ren). Mein Lieblingssong von ihm ist das grandiose Duett Chalk Outline mit Chinchilla. Auch seine Rap-Songs wie Hunger oder Losing It sind fantastisch. Sein neustes Werk, Mackay, ist ein Klavierinstrumental und steht den anderen Songs in nichts nach.

Lektüre

Das Leuchten der Rentiere | Ann-Helén Laestadius

Bücher aus Schweden habe ich schon so einige gelesen, und nicht nur Krimis. Doch das indigene Volk der Samen kam darin nicht vor, auch nicht in den Filmen und Serien, die ich bisher gesehen habe. Ann-Helén Laestadius ist selbst Sámi und hat mit Das Leuchten der Rentiere der Lebensweise ihres Volkes ein Denkmal gesetzt. Hier geht es zu meiner Besprechung.

Tor Online

Deutschsprachige Phantastik auf Irland-Reise

Judith Vogt wurde nach Irland eingeladen, um an drei Universitäten aus ihren Werken zu lesen und Vorträge und Workshops zur progressiven Phantastik zu halten. Für uns hat sie einen spannenden Reisebericht verfasst.

Manegen durch andere Welten: Der Zirkus in der Fantasy

Und Alessandra Reß hat sich dem Thema Zirkus in der Phantastik gewidmet.

Meine Woche: Okinonawa, Carcosa und Treckerterroristen

Mein Wochenrückblick mit Filmen wie Das Lehrerzimmer und The Terroriziers, den Serien Odd Taxi und Somebody Feed Phil, Musik von Nick Cave und Hana Vu sowie der Mini Theater Journey in Okinawa und vielem mehr.

Collage aus vier Bildern, drei kleine quadratische oben, ein großes in der unteren Reihe, alles Screenshots auf Filmen und Serien, von links nach rechts: 1. Die schreiende Hauptdarstellerin aus "Das Lehrerzimmer", 2. Szene aus "Somebody Feed Phil" in der Phil rechts im Bild in einen Bürger beißt. 3. Szene aus "The Terrorizers", Protagonistin sieht sich selbst in einer Fotocollage an der Wand, 4. Das tierische Ensemble aus der Anime-Serie "Odd Taxi" vor der nächtlichen Kulisse Tokios.

Diese Woche zeigte sich, dass es bei den anhaltenden Bauernprotesten zahlreiche Unfälle mit Verletzten gab. Doch all jene, die bei der letzten Generation schnell von Klimaterroristen sprachen, sind hier erstaunlich still, kein Wort von der Bauern-RAF oder Treckerterroristen. Dabei haben sich die, anfangs sicher noch halbwegs legitimen, Proste inzwischen zu einem hasserfüllten rechten Mob entwickelt, für den ich kein Verständnis aufbringen kann. Und während der Rechtsstaat mit hartem Knie auf den Hälsen minderjähriger, friedlicher Demonstranten kniet, wird der rechte Mob auf Traktoren vom Rechtsstaat nicht mit Quarz-, sondern mit Samthandschuhen angefasst.

Youtube

Mini Theater Journey: Sakurazaka Theater (Okinawa, JAPAN)

Weiter geht es mit der Vorstellungsreihe kleiner, unabhängiger Kinos in Japan durch das JFF bzw. die Japanese Foundation.

Okinawa ist der Teil Japans, der am ehesten an eine Südseeinsel erinnert, mit Palmen und subtropischem Klima. Das Sakurazaka Theater ist ein kleines Kino, das eine möglichst breite Bevölkerungsschicht ansprechen möchte, und kein elitäres Arthouse-Kino nur für bestimmte Gesellschaftsklassen sein will. Daneben gibt es eine interessante Bandbreite an Shops und Workshops.

Ich muss zugeben, das Kino selbst sticht jetzt nicht besonders heraus, aber Okinawa dürfte die weite Anreise durchaus wert sein. Ein Begriff ist mir die Insel-Kette natürlich schon seit meiner Kindheit, seit ich Karate Kid 2: Entscheidung in Okinawa gesehen habe. Interessant finde ich die Präfektur vor allem, weil sie erst seit 1879 Teil von Japan ist, und bis dahin das Königreich Ryūkyū war. Dementsprechend gelten die Einwohner*innen auch als relativ rebellisch und eigenwillig. Die Ryūkyū haben eine eigene Kultur und eigene Sprachen. Und ich finde es immer interessant, mehr über indigene Bevölkerungen zu erfahren. Sollte es zeitlich und finanziell machbar sein, möchte ich auf jeden Fall für ein paar Tage nach Okinawa.

Das japanische Wort für „Film“ lautet übrigens „eiga“ (えいが), ausgesprochen wird es „eega“. Das Wort für „Kino“ ist „eigakan“ (えいがかん). „Kino“ (きのう) gibt es im Japanischen auch, das heißt aber „gestern“.

Doku

Insider Deutsche Bahn

Drei Insider plaudern aus dem Nähkästchen, was die Tricks der Deutschen Bahn gegenüber den Kund*innen angeht. Durchaus interessant, auch wenn die Inspector-Closeau-Verkleidungen etwas befremdlich wirken. Die Kopfkissen an den Sitzen waren mir schon immer suspekt, wie sich zeigt, zu Recht. Die werden so gut wie nie gewechselt oder gereinigt. Das sind schwabbelige, verhaarte Keimherde.

Tja, das wollte ich eigentlich über die Doku schreiben, doch nach massiver Kritik hat das ZDF sie inzwischen aus der Mediathek genommen. Und zwar zu Recht. Was hier als vermeintliches Insider-Wissen inszeniert wurde, sind teils weithin bekannte Tatsachen. Da wird so getan, als wäre es skandalös, dass die Bahn bei Verspätungen, die von dritten Personen ausgelöst wurden, keine Rückerstattungen bezahlt. Es gibt vieles, was bei der Deutschen Bahn zu Recht kritisiert wird, aber diese Reportage wirkte doch sehr unseriös und reißerisch.

Das erstaunliche Leben der Ratten

Spannende Reportage über das Verhalten von Ratten in Metropolen wie New York und Vancouver. Mit einigen erstaunlichen Erkenntnissen. Das sind schon faszinierende Tiere, sehr intelligent und anpassungsfähig. Das „Rattenproblem“ ist übrigens menschengemacht.

ZDF-Mediathek

Artikel

Die Blicke unserer Mütter

Sehr interessanter Beitrag von Sophia Fritz darüber, wie sehr das Patriarchat auch im Blick von Müttern auf ihre Töchter verankert ist. Die permanente Suche nach „Fehlern“ im Äußeren, der ständig auf den Töchtern lastende soziale Druck.

Normalisierung und ihre Folgen

Die taz über die erneute Wahl eines AFD-Bürgermeisters und wie sehr sich das schon normalisiert hat, nachdem es beim letzten Mal noch einen medialen Aufschrei gab. Einher geht damit eine weitere Verrohung der politischen Stimmung und zunehmende Gewalt gegen Demokraten. Der AFD-Politiker hier steht dem Höcke-Flügel nahe und dürfte wohl als Rechtsextremist durchgehen, während sein Vorgänger, der lange unter rechten Anfeindungen litt, sich das Leben genommen hat.

Blogs

Warum Verfilmung einer Serie vorzuziehen wäre. Die große „Neuromancer“-Besprechung.

Da Apple kürzlich angekündigt hat, eine Serie zu William Gibsons Kultroman Neuromancer zu produzieren, hat sich Sören Heim dem Roman auf seinem Blog noch mal ausführlich gewidmet und geht vor allem auf sein sprachliches Niveau ein. Ich persönlich brauche keine Verfilmung (auch wenn mir die Gibson-Serie The Peripheral durchaus gefallen hat), da ich finde, dass in letzter Zeit schon genügend Werke alter weißer (und teils toter) Männer verfilmt wurden. Verfilmt endlich mal die aufregenden Werke jüngerer Autor*innen of Color!

Lektüre

Harmony | Project Itoh

Wo fängt der menschliche Wille an? Wo besteht er nur aus neuronalen Prozessen im Gehirn? Was macht das Bewusstsein aus? Und was wären wir ohne? In seinem Science-Fiction-Roman Harmony geht der japanische Schriftsteller Project Itoh den ganz großen Fragen der Menschheit nach.

Meine komplette Besprechung auf Lesenswelt

Farbige E-Book-Ausgabe des Romans "Harmony".

Tor Online

Sparks: Die Magie der Funken – Ein Gutachter berichtet

Was hat es eigentlich mit Manuskriptgutachten auf sich? Welche Rolle spielen sie bei Verlagsentscheidungen? Anhand unseres aktuellen Romans Sparks – Die Magie der Funken  von J. R. Dawson gewährt euch Gutachter Markus Mäurer einen kleinen Blick hinter die Kulissen.

Ein Buch, das mir sehr am Herzen liegt.

Hardcover-Ausgabe des Buchs "Sparks - Die Magie der Funken" mit dem Titelbild nach vorne in einem Bücherregal stehend.

LitRPG: Alles, was du über das Genre wissen musst

Eine Charakterklasse wählen, bei Level 1 starten, Kräuter sammeln und dann langsam hochleveln: Klingt nach einem Online-Rollenspiel, gibt es aber auch in Buchform. Ein Blick in die Welt der LitRPGs von Alessandra Reß.“

Ein sehr interessanter Artikel über ein Subgenre, über das ich bisher praktisch nichts wusste.

Filme

The Terrorizers (Kongbu Fenzi, 1986)

Relativ früher Film des taiwanesischen Regisseurs Edward Yang über eine unglückliche Ehe und einen jungen Fotografen, der von einer Frau besessen ist, die vor der Polizei flieht. Leicht kryptisch gehalten, was die Handlungsstränge angeht, die sich am Ende zwar zusammenfügen, aber nicht immer Sinn ergeben. Aber der Film setzt auch mehr auf Atmosphäre und Stimmung. Den Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls. Sehenswert, wenn auch kein Meisterwerk.

Mubi

American Fiction

In American Fiction stecken zwei gute Filme: ein Familiendrama über Tod und Demenz, und eine (sehr treffende) Satire auf die Buchbranche. Alles dabei richtig toll gespielt, vor allem von Jefrey Wright. Aber beides passt für mich nicht ganz zusammen. Ein unterhaltsamer Film, aber nicht ganz stimmig.

Prime

Das Lehrerzimmer

Von İlker Çatak über eine junge Lehrerin an einer neuen Schule, die eine Schulmitarbeiterin (vermeintlich?) beim Klauen filmt, was einige unschöne Ereignisse zur Folge hat, unter anderem auch, weil der Sohn der Mitarbeiterin in der Klasse der Lehrerin ist. Anfangs dachte ich noch: Och nö, 4:3 muss das sein. Aber das Format fängt das Kammerspielartige des Film, der ausschließlich an der Schule spielt, aus Perspektive der Lehrerin gut ein und sorgt für eine steigende bedrückende Beklemmung ob der Situation. Ein sehr guter Film, nur die Sache mit dem Rubiks-Zauberwürfel war mir zu viel.

Prime

Serien

Odd Taxi

Noch mal danke für den Tipp, Simone! Anime-Serie über einen Taxifahrer, der in die Angelegenheiten seiner Fahrgäste verwickelt wird, darunter eine Idol-Band, ein Comedy-Duo, Yakuza und andere Nachtgestalten. Hat eine ganz tolle Atmosphäre und erzählt originelle Geschichten. Die finale Folge ist grandios. Ach ja, alle Menschen sind Tiere.

Crunchyroll

Somebeody Feed Phil (Season 7)

Es gibt ja Leute, die können Phils kindliche Begeisterung für Essen nicht ertragen, ich finde sie wunderbar. Die Serie verursacht bei mir verlässlich gute Laune, weshalb ich nie mehr als eine Folge pro Tag schaue, da ich ein Maximum an guter Laune herausholen möchte. Die aktuelle Staffel hat gleich acht neue Folgen, in denen es nach Bombay, Kyoto, Washington, Orlando, Dubai, Taipeh, Island und Schottland geht. Vor allem die Dubai-Folge hat mich überrascht. Das ist so ziemlich der letzte Ort, an den ich mal reisen möchte, aber Phil hat ein paar interessante Flecken und Menschen in der Altstadt entdeckt, die die Stadt in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und das ihm der superteuere mit Gold überzogenen Burger im Burj Khalifa auf den Boden fällt, ist ein wunderbares Symbol. Ansonsten sind meine Anspielstipps Kyoto, Taipeh und Bombay. Die Produktion scheint vor allem in Sachen Kamera noch mal einen Sprung nach oben gemacht zu haben, die Aufnahmen der Orte sind wunderschön. Ist aber keine Show für Veganer*innen.

Netflix

Neu im Regal

Carcosa-Memoranda

Diese Woche hatte ich ein Paket aus dem Memoranda Verlag im Briefkasten, zu dem auch das Imprint Carcosa gehört.

Fünf Bücher, drei oben, zwei unten, auf einem Tisch ausgelegt: "In fernen Gefilden" von Joanna Russ, "Schwelende Rebellion" von Leigh Brackett, "Das Einstein-Vermächtnis" von Samuel R. Delany, "Oktoberrevolutioin 1967" von Kir Bulytschow und "Die Sterne Leuchten am Erdenhimmel" herausgegeben von Sylvana Freyberg.

Die Sterne leuchten am Erdenhimmel ist eine Anthologie mit südkoreanischen Science-Fiction-Kurzgeschichten. Mein Schwerpunkt liegt zwar auf Japan, aber ich habe auch großes Interesse an Südkorea, zumal beide Länder ja auf eine lange, wenn auch turbulente, gemeinsame Geschichte zurückblicken.

Oktoberrevolution 1967 von Kir Bulytschow wurde mir von Verleger Hardy Kettlitz empfohlen. Und als alter Golkonda-Fan (vom ursprünglichen Verlag, nicht dem rechtsbraunversifften Überbleibsel, das der Europa Verlag daraus gemacht hat, siehe Thor Kunkel) bin ich natürlich sehr an Hannes Riffels neuem Projekt Carcosa interessiert, das vor allem progressive Klassiker wieder oder erstmals nach Deutschland bringt, die in den letzten Jahrzehnten leider etwas in Vergessenheit geraten sind. Von Joana Russ wollte ich schon immer mal was lesen, Gleiches gilt für Leigh Brackett.

Mehr zu Carcosa gibt es auf dem Blog von Hannes Riffel.

Musik

Nick Cave | Wild God

Neuer Song von Nick Cave. Gefällt mir. Erinnert ein wenig an das Doppelalbum Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus, das ich sehr mag. Bin schon sehr auf das gleichnamige Album gespannt, das am 30. August erscheint.

Hana Vu | Care

Junge Singer-Songwriterin aus Los Angeles, die ich bisher nicht kannte. Toller Song. Eine ihrer EPs heißt Nicole Kidman / Anne Hathaway.

Japanuary #5: Millennium Actress (Sennen Joyū, 2001)

Den Film habe ich mir quasi als zusätzliche Aufgabe zu den zehn Filmen von Ozu angesehen (wird Japanuary #8). Denn Regisseur Satoshi Kon soll die reale Schauspielerin Setsuko Hara als Vorbild genommen haben, die vor allem für ihre Rollen in Ozus Filmen bekannt war. In sechs der besten hat sie mitgespielt, dreimal davon als eine Frau namens Noriko (unter anderem im Meisterwerk Reise nach Tokio).

In Millennium Actress besuchen zwei Filmemacher die alt gewordene Schauspielerin Chiyoko Fujiwara, die seit dreißig Jahren zurückgezogen lebt. Sie wollen einen Dokumentarfilm über ihr Leben drehen, doch Regisseur Genya Tachibana hat noch etwas anderes im Sinn. Und so erzählt Chiyoko ihre Lebensgeschichte.

Und die weist durchaus Parallelen zu der von Setsuko Hara auf. Beide wurden vor dem 2. Weltkrieg durch Propagandafilme berühmt, Hara durch einen deutsch-japanische, der auf Deutsch den harmlosen Titel Die Tochter des Samurai trägt, auf Japanisch aber Atarashiki Tsuchi (Neue Erde). Chiyoko spielt in einem Kriegspropagandafilm mit, der in der besetzten Mandschurei spielt. Hara zog sich zurück, nachdem Ozu starb, Chiyoko wegen der Suche nach einem Unbekannten, der ihre einen Schlüssel gab und versprach, sie wiederzusehen.

Dieser Schlüssel ist auch der rote Faden durch den Film, der in einem wilden Assoziationssturm inszeniert ist, in dem die Grenzen zwischen Erinnerung, Film und Wirklichkeit verschmelzen. Die beiden Dokumentarfilmer befinden sich plötzlich mit Kamera in Chiyokos Vergangenheit, nur um kurz darauf Teil ihrer Filme zu werden. Trotzdem bleibt alles strukturiert, so dass wir der Handlung Folgen können, auch wenn es manchmal nicht so wirkt.

Millenium Actress ist ein Streifzug durch Japans Geschichte, eine Liebeserklärung an das japanische Kino und Drama in einem. Der Film steckt voller Anspielungen an andere Filme, von Kurosawa (die Pfeile zu Beginn) bis Godzilla.

Es ist aber auch doch eine sehr männliche Geschichte, mit der Vorstellung, dass eine Frau, die man nur für einen Tag kennengelernt hat, ein ganzes Leben nach einem sucht und alles dieser Suche unterordnet, weil sie unsterblich in einen verliebt ist.

Trotzdem ein toller Film mit ungewöhnlicher Geschichte und Inszenierung. Die 1920 geborene Setsuko Hara hat den 1963 geborenen Satoshi Kon übrigens um fünf Jahre überlebt, da er 2010 (wie Ozu relativ jung an einer Krebserkrankung) verstarb.