Parallel zu meiner Besprechung von Mari Okadas Autobiografie From Truant to Anime Screenwritergibt es hier meine erste Rezension eines Animes, an dem sie beteiligt war. Eine toller Coming-of-Age-Film, über die Verletzlichkeit von Kindern, vor allem gegenüber Fehlverhalten ihrer Eltern, bei dem manchmal schon ein paar Worte ausreichen, um nachhaltig Schaden anzurichten.
Die kleine Jun ist ganz vernarrt in das Schloss auf dem Hügel, bei dessen Anblick sie von Prinzen und Prinzessinnen träumt. Nur ist der Prinz, der eines Tages aus dem Hof fährt, ihr Vater, und die Prinzessin neben ihm nicht seine Mutter. Und das Schloss eigentlich ein Love Hotel. Und da Jun gerne redet und alles erzählt, weiß die Mutter bald Bescheid, es folgt die Trennung, der Vater zieht aus und sagt Jun, sie sei schuld, weil sie so ein Plappermaul sei. Von nun schweigt sie (den Teil mit dem sprechenden Ei lasse ich mal weg).
Zeitsprung: Jun ist in der Oberschule angekommen, schweigend, in sich gekehrt und für sich bleibend. Bis der Lehrer ankündigt, die Klasse solle ein Komitee gründen und sich etwas für den Regionalaustausch überlegen. Die hat keinen Bock, es kommt zum Streit, bis Jun erstmals aufspringt und einige Worte hervorbringt. Doch die bereiten ihr Bauchschmerzen, jedes Mal wenn sie was sagt. Aber singen geht, also entscheidet sich die Klasse für ein Musical, der Text kommt von Jun, die Musik von Takumi, der ihr zunächst als einziger zur Seite springt und ein netter Kerl ist. Im Weiteren geht es darum, wie die Klasse zusammenfindet, einzelne Schüler über sich hinauswachsen, Naruse eine Stimme findet und die Schüler*innen an der Aufgabe wachsen.
Coming of Age mit leicht kitschiger, aber vor allem sehr herzlicher Note. Drehbuchautorin Marie Okada versteht es ganz hervorragend, Teenager zu schreiben, die authentisch wirken, irgendwie echter als in den meisten anderen Filmen dieser Art. Es geht um verletzliche Kinder und Jugendliche, die teils von ihren Eltern verlassen wurden, von anderen gehänselt und von niemandem verstanden werden. Die lernen müssen, ihre eigene Stimme zu finden, inmitten des Chaos der Pubertät, des Erwachsenwerdens, der ersten Liebe und den Erwartungen, die die Gesellschaft an sie hat.
Das dürfte ein sehr persönlicher Film von Okada sein, wie in ihrer Autobiografie (die ich parallel hier bespreche) zu lesen ist. Viel aus ihrer Jugend ist mit eingeflossen: der abwesende Vater, die distanzierte bis feindselige Mutter, die fehlende Stimme, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Aber es gibt auch Abweichungen, als gute Autorin setzt sie nicht eins zu eins ihr Leben um, sondern lässt nur einige Erfahrungen mit einfließen. Und das Filmteam hat dann einfach noch ihren Heimatort und das Elternhaus mit eingebaut, das sie ihnen bei einem Ausflug gezeigt hatte.
Regie führte Tatsuyuki Nagai, mit dem Mari Okada schon öfters zusammengearbeitet hatte, danach aber nie wieder. Es war laut Autobiografie eine turbulente, konfliktreiche, aber auch konstruktive Kooperation, bei der am Ende das Gefühl stand, die gemeinsame Kreativität sei ausgeschöpft.
Ganz so gut wie den kürzlich hier besprochenen A Silent Voice fand ich den Film nicht, könnte aber nicht genau festmachen, woran es gelegen hat. Vielleicht an der Sache mit dem Ei, die für mich als Metapher nicht ganz funktioniert hat und nicht so recht zum Rest passt. Trotzdem ein ganz toller Film, in schnuckeliger ländlicher Umgebung mit einer Gruppe von Schüler*innen, die zunächst alle noch garstig wirken, aber im Verlauf ihre sympathischen Seiten an sich selbst entdecken und uns zeigen.
P. S. Was genau ein Regionalaustausch ist, kann ich euch übrigens nicht sagen – keine Ahnung.
Da sich mein Interesse an den USA und an amerikanische Serien – vor allem an jenen, die in der Gegenwart spielen und in denen eventuell noch Sicherheitsbehörden oder gar das Weiße Haus eine Rolle spielen, oder die uns eine halbwegs heile Welt vorgaukeln, und den sich gerade etablierenden Faschismus und alles, was dahin führte, ignorieren – an einem Tiefpunkt befindet, wende ich mich lieber Serien aus anderen Ländern zu. Und aus Großbritannien kam zuletzt eine Menge gutes Zeug.
Doch was macht den Reiz britische Serien für mich aus? Sie sind meist näher am Leben dran. US-Produktionen wirken oft konstruiert, auf Hochglanz poliert, mit Darsteller*innen, die wie Models aussehen. Das Casting britischer Serien wirkt realistischer, die Settings authentischer, die Geschichten nachvollziehbarer. Aber trotzdem ist alles richtig gut geschrieben und inszeniert.
Get Millie Black
Sehr gute und aufwühlende Krimidramaserie von Marlon James über eine Polizistin die von London in ihre Heimat zurückkehrt und sich nicht nur mit Menschenhändlern, sondern auch dem Hass der jamaikanischen Gesellschaft auf queere und trans Menschen konfrontiert sieht. Ich empfehle die Originalfassung, in der ein wunderbares jamaikanisches Englisch gesprochen wird.
Bin mir nicht sicher, wie britisch die Serie ist. Sie spielt in England und Jamaika, Showrunner Marlon James ist Jamaikaner, es handelt sich aber um eine HBO-Produktion.
WOW/Sky
Rivals
Einerseits sexhaltiges Sittenporträt des wohlhabenden Landadels im England der 1980er, andererseits Mediensatire über einen von David Tennant geleiteten aufstrebenden Fernsehsender, der es mit einem Rivalen zu tun bekommt. Meist sehr unterhaltsam, manchmal etwas böse über weite Strecken sehr gelungen. Mein einziger Kritikpunkt ist der Umgang mit einer Vergewaltigungsszene in Folge 5, die in der Episode noch ganz okay abgehandelt wird, doch dann schreiben sie das Opfer bzw. die Überlebende aus der Serie raus und wir hören nie wieder was von ihr, haben keine Ahnung, wie es ihr weiter ergeht, obwohl sie bis dato eine nicht ganz unwichtige Nebenfigur war. Da kommt der Verdacht auf, dass die Szene reine Effekthascherei war, um etwas Krasses in Sachen Täter präsentieren zu können.
Ich habe drei Folge gebraucht, bis ich Danny Dyer erkannt habe.
Disney+
In My Skin
Tolle britische Coming-of-Age-Serie über Bethan, die eine bipolare Mutter, einen alkoholkranken und gewalttätigen Vater händeln muss, sich in der Schule nichts anmerken lässt, deshalb den Klassenclown spielt, aber auch eine gute Schülerin ist. Humorvoll, herzlich und sozialkritisch.
Die sehr gut geschriebene erste Folge der Sky-Serie fängt auf imposante, drastische und eindringliche Weise ein, was der Bombenanschlag auf das Flugzeug und dessen Absturz für die schottische Stadt und die Betroffenen bedeutete. Im Zentrum steht die Suche der Angehörigen nach der Frage: Wie konnte das trotz Warnung passieren? Im weiteren Verlauf nimmt die Serie die Perspektive von Jim Swire ein, jenem Landarzt, der nicht an die offizielle Version glaubte, weiterbohrte, sich mehrfach mit Gaddafi traf und sich am Ende für jenen Verurteilten einsetzte, dessen Auslieferung aus Libyen er überhaupt erst erwirkte. Wie in manch anderer Serie hier in dieser Liste, die auf wahren Begebenheiten basiert, schreibt die Realität Geschichten, die so unglaublich sind, dass sie in einer fiktiven Geschichte völlig unglaubwürdig gewirkt hätten. Die Serie wird mit jeder Folge etwas schwächer, bleibt aber trotzdem bis zum Ende interessant.
WOW/Sky
A Thousand Blows
Die neue Serie von Steven Knight (Peaky Blinders) über Boxsport und Armut im viktorianischen London in beeindruckende Kulisse mit ausgezeichneten Darsteller*innen über historisch verbürgten Figuren. Zu denen gehören neben dem Schwarzen Boxer auch die weibliche Diebesbande der Forty Elephants.
Hier wird auf jeden Fall eine zweite Staffel kommen, denn am Ende der ersten gibt es schon in bester Slow-Horses-Manier einen Ausblick auf die nächste, die anscheinend schon abgedreht ist.
Disney+
Toxic Town
Ausgezeichnete und wichtige Mini-Serie über einen realen Umweltskandal in einer britischen Kleinstadt, der dazu führte, dass zahlreiche Kinder mit Fehlbildungen geboren wurden. Toll gespielt von Jodie Whittaker, Aimee Lou Wood (ganz stark) und Rory Kinnear, mit bodenständigen Figuren, die nicht hollywoodisiert wirken.
Netflix
Adolescence
Brillant geschriebene und inszenierte britische Mini-Serie um den Mord eines 13-jährigen an einer Mitschülerin, und was das mit Familie und Umfeld macht. Konzentriert sich allerdings fast ausschließlich auf den Täter und dessen Umfeld sowie der Frage, wie es dazu kommen konnte, welche gesellschaftlichen Bedingungen dazu führten. Der Frage, warum die Eltern nichts gemerkt haben. Und was es mit Young Male Rage auf sich hat, die durch soziale Netzwerke befördert wird.
Was für eine phänomenale Serie die geniale One-Shot-Inszenierung, das ausgezeichnete Drehbuch zu einem wichtigen Thema und die herausragenden Schauspielleistungen, vor allem vom 14-jährigen Owen Cooper in seiner ersten Rolle, der in Folge drei eine grandiose Leistung in einem 50-minütigen One-Take hinlegt. Die Serie dürfte dieses Jahr schwer zu toppen sein.
Nachdem ich Adolescence in einem Take gesehen habe, wollte ich unbedingt wissen, wie sie das gedreht haben, jede Folge in einem Take zu filmen, mit dieser phantastischen Kameraarbeit. An vielen Stellen habe ich schon gerätselt, wie sie das wohl hinbekommen haben. Habe es mir zwar schon gedacht, wusste aber gar nicht, ob das technisch überhaupt möglich ist (wie die Kamera, die dann während der laufenden Szene an der Drohne montiert wird).
Die Drehbücher stammen übrigens von Jack Thorne, der auch schon die großartige Serie Toxic Town (siehe oben) geschrieben hat. Hinter der Produktion steckt Stephen Graham, der auch schon A Thousand Blows angestoßen hat.
Netflix
The Adventures of Sherlock Holmes Staffel 1 (1984)
Hier mal ein Klassiker: Die Sherlock-Holmes-Serie … nein, nicht mit Benedict Cumberbatch, nicht mit Johnny Lee Miller, Robert Downey Jr. und auch nicht Basil Rathbone, sondern mit dem meiner Meinung nach besten Holmes-Darsteller überhaupt: Jeremy Brett. Der spielt den Meisterdetektiv in dieser ITV-Serie grandios, und sehr erfrischend ist es auch, einen Doctor Watson zu sehen, der kein Comic Sidekick ist, sondern ein ernstzunehmender Partner. Klassisches Setting, das sich eng an die Vorlagen hält, was auch irgendwie erfrischend ist.
Hab mir die englische DVD-Komplettbox gekauft.
Mr. Bates vs. the Post Office
Extrem wichtige Serie über den wohl größten Justizskandal Großbritanniens, der in den frühen 2000ern begann und bis heute andauert. Tausende Postfilialleiter*innen (Subpostmasters) wurden von der britischen Post (Royl Post Office) beschuldigt, Gelder unterschlagen oder falsch gebucht zu haben. Fast 2.000 Menschen waren davon betroffen, einige mussten sogar ins Gefängnis, alle haben ihren Job, ihre Ersparnisse und ihre Lebensgrundlage verloren. Drei (in der Serie einer) haben sich das Leben genommen. Der Skandal: Alles basierte auf einem Fehler der von Fujitsu gestellten Buchungssoftware Horzion und der Behauptung, sie sei fehlerfrei. Die Erbarmungslosigkeit und Niedertracht, mit der das Post Office, seine Vorgesetzten und die Mitarbeiter*innen gegen die Subpostmaster vorgegangen sind, selbst als schon klar war, dass da etwas nicht stimmt, ist wirklich beispiellos und unfassbar. Hinzu kommen Verträge, nach denen die Subpostmaster alle Verantwortung für Verluste tragen, auch wenn sie nichts dafür können. Was wohl als sittenwidrige Verträge betrachtet werden kann.
Die Serie verdichtet das alles auf einige Schicksale und stellt den von Toby Jones gespielten Alan Bates in den Mittelpunkt, der mit seiner unverwüstlichen Art und dem trockenen Humor über 12 Jahre lang den Protest und die Klagen gegen die Post in Laufen brachte und aufrechterhielt. Dazu kommen einige Figuren, die beispielhaft für die verschiedenen Arten stehen, mit denen diesen Menschen auf übelste mitgespielt wurde. In vier Folgen wird die Geschichte auch sehr gerafft erzählt. In Folge 1 gibt es schon einige große Zeitsprünge, so dass es anfangs noch etwas holprig wirkt. Doch schon bald entwickelt die Serie trotz ihrer konventionellen Inszenierung einen starken Sog, der dafür sorgte, dass ich alle vier Folgen schnell hintereinander schauen musste. Und zwar die ganze Zeit mit pulsierender Halsschlagader, weil die ganze Geschichte so wütend macht.
Inzwischen haben die Betroffenen in vielen Gerichtsprozessen Recht bekommen, kämpfen aber weiterhin für angemessene Entschädigungszahlungen. Alan Bates wurde zum Ritter geschlagen und im Zuge des Erfolgs der Serie im letzten Jahr hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das sämtliche Verurteilungen aufhebt. Was zeigt, wie wichtig es ist, dass Serien, die solche Ungerechtigkeiten und Verbrechen aufarbeiten und den Betroffenen eine Stimme verleihen, weiterhin gedreht werden, auch wenn der Sender ITV nach eigenen Angaben 1 Millionen Pfund Verlust mit der Serie gemacht habe.
Auf den ersten Blick scheint es eine sehr britische Serie, handelt es sich doch um einen lokalen Fall, der zeigt, welch klassistische Strukturen immer noch im Land herrschen (die Post darf eigenen Ermittlungen durchführen und vor Gericht bringen, ohne dass die Polizei involviert ist), doch es ist auch eine sehr universelle Geschichte einfacher Bürger, die gegen ein ungerechtes, kafkaesken und empathieloses System und dessen Häscher kämpfen.
Ein britischer Ermittler wird nach Australien geschickt, weil dort die Tochter der britischen Außenministerin ums Leben gekommen ist. Dort muss er sich mit einer zunächst wenig begeisterten Polizistin arrangieren und gerät in die Intrigen der Reichen und Politiker. Ist besser und humorvoller geschrieben, als ich gedacht hätte. Den etwas betulichen, aber cleveren Ermittler mit John Bradley West (Samwell Tarly) zu besetzen, war eine ausgezeichnete Entscheidung. Auch Kirsty Sturgess als seine Partnerin ist eine gute Besetzung. Ein netter, unaufgeregter Sonntagabendkrimi in sechs Folgen, in dem man von Australien allerdings nicht so viel zu sehen bekommt.
Und wenn wir schon in Australien sind (gehört immerhin noch zum Commonwealth) … in der Arte-Mediathek gibt es jetzt zwei Staffeln der Serie The Newsreader mit Anna Torv als Nachrichtensprecherin und Journalistin. Und ich liebe ja Filme und Serien über Journalismus und insbesondere Lokaljournalismus. Die Serie spielt in den 1980ern und deckt mit ihrer Berichterstattung einige bekannte Ereignisse wie die Explosion der Challenger oder die AIDS-Epedemie ab, aber auch einige speziell australische Vorfälle, wie den Justizskandal um Lindy Chamberlain oder den Bombenanschlag auf ein Polizeirevier in Melbourne 1986. Gut gemachte Serie, die sich neben den aufgezählten Ereignissen auf die Beziehungen der Figuren untereinander und deren Privatleben konzentriert.
Welche britischen Serien haben euch zuletzt gut gefallen? Was könnt ihr empfehlen?