Liebe Verlage, seid ihr auf Trump 2.0 vorbereitet`?

Liebe deutschsprachige Verlage (und dahinterstehende Konzerne), ich möchte von euch gerne wissen, ob ihr auf eine zweite Präsidentschaft von Donald Trump vorbereitet seid? Wie sieht eure Strategie aus?

Das Lizenzgeschäft mit den USA, mit amerikanischen Autor*innen und Verlagen macht einen erheblichen Teil des deutschsprachigen Buchmarkts aus. Einige der größten US-Verlage gehören zu deutschen Konzernen wie Holtzbrinck oder Bertelsmann (Penguin/Randomhouse). Das heißt, die politischen Entwicklungen in den USA werden auch massive Auswirkungen auf den deutschsprachigen Buchmarkt haben.

Dass Trump die Wahl gewinnen wird, war abzusehen. Habt ihr euch darauf vorbreitet? Und wenn nicht, warum nicht? Ist euch klar, dass die zweite Regentschaft Trumps nicht so ablaufen wird wie die erste? Dieses Mal stolpern Trump und seine Partei nicht überrascht ins Amt. Sie sind vorbereitet, sie haben einen Schlachtplan. Und verlieren zwei Monate vor der Amtseinführung bereits keine Zeit, ihn in die Tat umzusetzen.

Der oberste Gerichtshof befindet sich fest in der Hand von Trumpisten und hat ihm praktisch unbegrenzte Macht zugesprochen. Senat und Kongress werden ebenfalls von Trumpisten beherrscht. Gemäßigtere Republikaner wurden in den letzten vier Jahren kaltgestellt, die Fanatiker und bedingungslosen Trump-Jünger haben jetzt die Oberhand.

Trump und sein Team werden die amerikanische Demokratie in einer solchen Rekordgeschwindigkeit aushöhlen und zerstören, dass uns allen noch überrascht und entsetzt die Ohren schlackern werden. Mit dem Aufstieg autokratischer Regime gehen auch Zensur und Bücherverbote einher. Auf Ebene der Bundesstaaten hat das in den letzten vier Jahren bereits vereinzelt stattgefunden. Das wird es jetzt in viel massiverer Form landesweit geben.

Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit werden massiv unter Beschuss stehen. Autor’innen, die sich für die Rechte marginalisierter Gruppen einsetzten oder einfach solche Menschen in ihren Büchern repräsentieren und es selbst sind, werden angegriffen werden, man wird versuchen, sie zum Verstummen zu bringen. Autor*innen, die Bestseller geschrieben haben, die ihr bisher gerne eingekauft und auf Deutsch veröffentlicht habt.

Was werdet ihr tun, um diese Autor*innen zu schützen? Wie werdet ihr sicherstellen, dass solche Titel auch in Zukunft ungehindert erscheinen können? Wie sieht die Strategie für eure US-Verlage aus? Wie werdet ihr sie unterstützen? Wie sicherstellen, dass dort niemand in vorauseilendem Gehorsam solche Autor*innen und Titel absägt?

Klar, ihr seid Wirtschaftsunternehmen, denen es vor allem um Profit geht. Aber ihr steht auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung, seid Teil unserer Demokratie und habt sie mit euren Mitteln mit zu schützen.

Auch in Deutschland ist die Demokratie durch rechte Parteien und Akteure bedroht. Macht ihr weiter wie bisher, und veröffentlicht auch Bücher rechter Ideologen, Antidemokraten, Klimawandelleugner usw., weil sie kurzfristigen Profit versprechen? Oder werdet ihr endlich eurer Verantwortung gerecht und beteiligt euch auf konstruktive Weise am demokratischen Diskurs auf eine Weise, die weder disruptiv ist, noch dazu beiträgt, dass es zu einer weiteren Diskursverschiebung nach rechts kommt.

Ich spreche hier vor allem die großen Publikums- und Konzernverlage an, die den Buchmarkt beherrschen. Verlage, für die ich teilweise selbst arbeite und von denen ich wünsche, dass sie endlich begreifen, dass sie in einem autokratischen System so wie bisher nicht mehr funktionieren können.

Publikumsverlage sind wie große Tanker, die nur sehr schwerfällig ihre Richtung ändern können. Eingefahren in Strukturen, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben und nur schwer auf die rasanten disruptiven Veränderungen der Gegenwart zeitnah reagieren können und wollen.

Thematisch hat sich die reaktionäre Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft bereits angekündigt. Romantasy und New Adult beherrschen bei uns seit einiger Zeit den Buchmarkt. Bücher, die überwiegend aus den USA stammen und vorwiegend (wenn auch nicht ausschließlich) traditionelle bis toxische Beziehungsmuster propagieren, die mit dem Krieg gegen Frauen (und nichts anderes bedeutet die Wahl Trumps), ihre (Entscheidungs-) Freiheit und den weiblichen Körper. Weg von Repräsentation marginalisierter Menschen, hin zum konservativen weißen cis-hetero-Beziehungsmodell mit einer Vorliebe für problematische Männer.

Und alle sind auf den Zug aufgesprungen.

Jetzt ist es an der Zeit, den Kopf zu heben, sich umzublicken und den Ernst der Lage zu erfassen. Alles ist politisch. Auch ein solcher auf den ersten Blick harmlos wirkender literarischer Trend.

Das hier soll kein Bashing der Romantasy und von New Adult und ihren Leser*innen sein. Ich will nur aufzeigen, wie solche kleinen Entwicklungen stets mit einem gesellschaftlichen Kontext einhergehen. Dass sie Symptom sind, und es jetzt an der Zeit ist, an die Ursachen heranzugehen, sich seiner demokratischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden und entsprechend zu handeln.

Nachtrag: Manche Verlage sind schon voll dabei, nur anders, als ich mir das erhofft hatte.

Oha, Hachette ist schon voll dabei mit dem vorauseilendem Gehorsam und gründet ein ultrakonservavites Imprint mit Bezug zur Heritage Foundation und dem Project 2025.

Und Springer-Chef Döpfner bringt seinen Sohn in Stellung.

Progressive Phantastik in einer regressiven Welt

Angeregt durch die aktuelle Folge des Genderswapped-Podcasts, in der Judith Vogt und Lena Richter mit einigen Gäst*innen über den Stand der progressiven Phantastik auf dem deutschsprachigen Buchmarkt diskutierten, fragte ich mich im Schatten der Trump-Wahl, wie progressive Phantastik in regressiven Zeiten aussehen könnte, bzw. wie es ihr in solchen ergeht und ergehen wird.

Ein von innen beleuchteter Globus auf einem Schreibtisch stehend in schwarz-weiß.

Progressive Phantastik ist kein Genre, wie die Romantasy, die epische Fantasy oder die Space Opera, sondern eine Erzählweise; eine Art, wie an eine Geschichte herangegangen wird. Wie sie erzählt wird, aber auch was in ihr erzählt wird. Wer die Protagonist*innen sind, wie die Erzählstruktur aufgebaut ist und welche Themen behandelt werden. Vor allem geht es darum, mit bekannten Erzählmustern zu brechen, Tropen und Klischees auf den Kopf zu stellen, und Repräsentation bisher vernachlässigter Figuren und Gruppen zu ändern. Progressive Phantastik ist divers, empathisch, inklusiv, innovativ, herausfordernd und im besten Fall auch noch arschcool. Sie kann das alles sein, muss es aber nicht. Sie kann auch nur einzelne Elemente davon enthalten. Und sie ist in der Regel nicht belehrend, sondern versucht, für bekannte und antizipierte Probleme neue Lösungen zu finden, oder gibt zumindest neue Denkanstöße.

So zumindest meine Vorstellung davon. International gibt es den Begriff progressive Phantastik gar nicht, die passiert einfach, wird einfach gemacht. In Deutschland hat sich der Begriff nach der Einladung Lasst uns progressive Phantastik schreiben! von Judith Vogt und James Sullivan entwickelt. Kritiker sehen darin ein Label, das Verkäufe ankurbeln soll, wer die Verkaufszahlen von progressiven Phantastikwerken auf dem deutschsprachigen Markt kennt, kann über den Vorwurf nur den Kopf schütteln.

Progressive Phantastik in Zeiten der geistigen Cholera

»Progressiv« in progressive Phantastik bezieht sich auf Fortschritt und Weiterentwicklung, und damit auf eine Entwicklung und ein Weltbild, wie sie Norbert Elias in seinem Prozess der Zivilisation beschrieben hat. Die Vorstellung, dass unsere Welt aus einer kontinuierlichen Weiterentwicklung hin zu einem höheren Zivilisationsstand besteht. Dass dem nicht so ist wissen wir nicht erst seit dem Buch The Dawn of Everything von David Graeber und David Wengrow, die uns – bei aller Kritik an ihren Methoden und Interpretationen – eindrücklich gezeigt haben, dass diese Vorstellung von Zivilisation als fortschreitendem Prozess auf einer Narration der Menschheitsgeschichte fußt, die nicht den Tatsachen entspricht, sondern vor allem der Ideologie der Mächtigen, die diese benutzen, um ihre Agenda durchzusetzen und ihre Macht zu festigen.

Wie so etwas in der Praxis aussieht, hat uns die US-Präsidentschaftswahl am 5. November eindrucksvoll gezeigt. Hier ist ein Grad erreicht, an dem nicht einmal mehr so getan wird, als würde die eigene Erzählung noch der Wahrheit entsprechen oder überhaupt einen Bezug zur Realität haben. Wahrheit, Tatsachen, Erkenntnisse, Wissenschaft und Wissen sind Kategorien, die für diese politische Bewegung irrelevant geworden sind und geradeheraus geleugnet werden. Eine umgekehrte, regressive Aufklärung sozusagen.

Sätze wie »Wir waren schon mal weiter«, »Willkommen im Jahr 2024« oder »XX ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen« wirken angesichts dieser geballten Rückentwicklung anachronistisch. Denn mit der erneuten Wahl eines Rassisten, Sexisten, chronischen Lügners und verurteilten Straftäters, der sich über behinderte Menschen lustig und aus seinen faschistischen Absichten keinen Hehl macht, und der dieses Mal auch den Popular Vote mit über 10 Millionen Stimmen Vorsprung erhalten hat, zeigt, dass sich nicht nur einzelne mächtige Akteure beim Weg in die Zukunft falsch abgebogen sind, sondern ganze Gesellschaften. Was folgen wird, sind der Ausstieg aus dem Klimaabkommen von Paris, eine nie dagewesene Zerstörung der Umwelt und Leugnung der Klimakatastrophe. Massendeportationen, Verfolgung politischer Gegner, gewaltsame Unterdrückung friedlicher Demonstranten durch das Militär im Inneren, Massentlassung von Behördenmitarbeitern und die Ersetzung selbiger durch gleichgeschaltete Trumpisten sowie die Abschaffung aller vernünftigen Kontrollinstanzen wie z. B. die medizinische Zulassungsbehörde FDA, ein Krieg gegen Frauen, den weiblichen Körper, queere und trans Menschen und alle anderen marginalisierten Gruppen.

Ein komplettes Land wird sich mit Riesenschritten zurück in die Vergangenheit und in ein autokratisches und totalitäres System durchzogen von neoliberalem Denken und religiösem Fanatismus bewegen. Ausgerechnet jenes Land, das Vorreiter*in in Sachen progressiver Phantastik war, wo entsprechende Titel Besteller wurden. Genau jene Titel und deren Autor*innen werden in Zukunft massiv unter Beschuss stehen. Die Book Bans in konservativen Staaten wie Florida dürften da nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen sein. Der ideologische Kampf gegen sie dürfte nun landesweit von Regierungsseite stattfinden. Und viele Verlage schon in vorauseilendem Gehorsam ihre Veröffentlichungspolitik ändern.

Nach der ersten Wahl Trumps hieß es, gerade in solch düsteren Zeiten würde kritische und progressive Kunst und Literatur florieren und benötigt werden. Doch dieses Mal wird die Trump-Regentschaft mit viel massiveren Repressionen für Künstler*innen von staatlicher Seite, aber auch durch einen enthemmten weißen Mob einhergehen. Der hämische und widerliche Slogan »Your body, my choice«, durch Trump-Incels trendete bereits kurz nach dessen Wahl. People of Color erhielten SMS von Rassisten, die sie auffordern, sie sollen sich schon zum Baumwollpflücken bereit machen.

Das Land der progressiven Phantastik versinkt in einer Welle aus Rassismus, Hass und Reaktionismus, dabei hat Trump noch nicht einmal sein Amt angetreten. Und trotz kleiner Lichtblicke, wie der Abwahl der Tories in Großbritannien oder dem Regierungswechsel in Polen, dürfte es sich um einen globalen Trend handeln, der bereits bei uns angekommen ist, wie die letzten Landtagswahlen zeigten, ebenso wie der Rechtsruck in der Politik von Rot-Grün geführten Regierungen. Jüngstes Beispiel die Abschiebung durch den rot-grünen Senat in Hamburg einer jungen türkischen Frau mit ihren beiden Kindern aus einem Frauenhaus, in das sie vor ihrem gewalttätigen Partner geflohen war, dem sie nach der Abschiebung wieder ausgesetzt ist.

Progressive Phantastik wird benötigt

Da verwundert es kaum, dass progressive Phantastik kein großes Publikum findet und in der Nische versauert, obwohl sie eigentlich dringend benötigt wird. Denn es sind vor allem (erfundene) Geschichten und Narrative, die unsere Gesellschaft und die Wähler*innen beeinflussen. Nur leider die falschen, da alles, was von links kommt, was progressiv, divers, empathisch und weltoffen daherkommt, sofort als bevormundend empfunden wird, ähnlich wie die eigentlich vernünftige Politik der Grünen und von Robert Habeck.

Der aktuelle Trend der Romantasy, mit ihren toxischen und reaktionären Beziehungsmodellen und -mustern dürfte kein bewusster Backlash gegen Progressivität, Diversität und Gendern sein, aber doch eine Reaktion, die zeigt, wie sehr sich viele Leser*innen und Menschen nach einfacheren Zeiten mit vertrauten Weltbildern zurücksehnen, in denen sie nicht mit unbequemen Fragen und Problemen konfrontiert werden; was sie leider auch dazu bringt, sich sinnvollen, aber dadurch auch komplexen Lösungen zu verweigern.

Und das fällt mit Zeiten zusammen, in denen sich Unternehmen, in diesem Fall Verlage, nicht ihrer demokratischen Verantwortung stellen, gesellschaftlich wichtige Entwicklungen und Themen über ökonomische Interessen zu stellen. Oder sie zumindest unfähig sind, aus den Verwertungs- und Veröffentlichungsmustern des letzten Jahrhunderts und der neoliberalen Struktur ihres Geschäftsfeldes auszubrechen.

Was dazu führt, dass jene wenigen Menschen, die in der Lage sind, unsere Gesellschaft in dem Bereich der Phantastik (der durchaus kein kleines Publikum hat) voranzubringen, auf sich allein gestellt sind, und in ihrem engagierten Bemühen irgendwann ausbrennen, den Mut und die Motivation verlieren und irgendwann aufgeben werden (wenn auch nicht alle von ihnen). Sie werden verdrängt von einem reaktionären Mainstream, der einhergeht mit Kürzungen im Bereich der Kultur, einem Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Journalismus und dem Erstarken rechtsextremer Strukturen, Ansichten und Entwicklungen.

Gerade jetzt müsste progressive Kultur (in der die Phantastik einen Teilbereich darstellt) massiv gefördert und unterstützt werden, um auf der narrativen Ebene gegen die scheinbare Übermacht rechter Ideologien und Lügen etwas entgegenzusetzen.

Gemeinschaft

Gleichzeitig muss die linke, diverse und progressive Szene aufhören, sich selbst zu zerfleischen. Muss aufhören, Menschen und Werke anzugreifen, die zwar aus der gleichen Bubble mit gleichen Anliegen kommen, die aber vielleicht einzelne Aspekte enthalten, die nicht hundertprozentig mit der eigenen Weltsicht übereinstimmen, und deswegen direkt komplett und undifferenziert niedergemacht werden. Hier geht das Divide and Conquer der Rechten voll auf, da der demokratische Teil der Gesellschaft zu sehr damit beschäftigt ist, sich untereinander zu zerstreiten, um eine breite und geschlossene Front gegen Rechts zu bilden.

Was tun?

In den letzten Jahrhunderten und vor allem im 20. wurden viele gesellschaftliche und demokratische Fortschritte erreicht und bitter erkämpft. Doch wie sich gerade zeigt, ist nichts davon sicher, dürfen wir nichts davon als selbstverständlich betrachten und uns gemütlich zurücklehnen. Denn anscheinend hat die liberale, demokratische Welle aus )Menschen-)Rechten, Freiheit und Gleichberechtigung ihren höchsten Punkt erreicht, bricht nun und schwappt zurück. Wenn wir nicht aufpassen und uns nicht wehren, wird all das mühsam Erreichte in viel kürzerer Zeit wieder zunichtegemacht. Wir haben alle unsere Bereiche, in denen wir uns bewegen, in denen wir vielleicht ein wenig Einfluss haben. Bei mir ist es vor allem die Phantastik.

Ich schreibe selbst keine Phantastik (oder habe zumindest noch keine veröffentlicht) und bin als mittelalter, weißer Cis-Hetero-Dude auch kein Teil einer marginalisierten Gruppe. Versuche aber verstärkt, progressive Werke zu lesen, zu besprechen und diese Themen auch auf Tor Online zu fördern und entsprechende Werke in Gutachten Verlagen zu empfehlen. Das ist mein kleiner Bereich, meine winzige Einflusssphäre. Doch wenn wir alle unsere kleinen Bereiche nutzen, können wir viele werden, die noch viel mehr erreichen können.

Frage dich also nicht, was die progressive Phantastik für dich tun kann, sondern was Du für die progressive Phantastik tun kannst. 😀 Denn die ist auch ein kleiner Teil des demokratischen Diskurses und unserer Gesellschaft.

Rassisten, Sexisten, Frauenhasser, Antidemokraten, Nazis usw. müssen ganz konkrete und direkt bekämpft werden, wir brauchen aber auch künstlerische und literarische Werke, die aktuelle Probleme thematisieren und Alternativen dazu aufzeigen. Die von einer besseren Gesellschaft erzählen und unsere eingefahrenen Denkstrukturen aufbrechen – und dabei auch noch Spaß machen.

P. S. das war jetzt alles sehr abstrakt, vielleicht schaffe ich es demnächst ja noch, einen Beitrag mit konkreten Beispielen und Empfehlungen zu verfassen, in dem ich auch Vorschläge mache, wie ich mir progressive Phantastik etwas konkreter vorstelle.

Filmtipp: Alle Meine Geheimnisse (2022, Bimil-ui eondeok)

Sehr einfühlsamer Film über eine zwölfjährige Schülerin in Korea, die in angespannten (aber nicht prekären) Familienverhältnissen aufwächst und sich dafür schämt. Die Eltern sind einfache Menschen, die Mutter arbeitet auf dem Markt, der Vater schläft viel, sie schauen aufs Geld, trennen den Müll nicht und beschweren sich oft über andere Menschen. In der südkoreanischen Leistungsgesellschaft, wo sich (fast) alles ums Gewinnen und den sozialen Status dreht, wächst Myung-eun mit einem Bewusstsein für den sozialen Status ihrer Eltern auf. Sie schämt sich für die abgetragene, wenig schicke Kleidung, die Essensboxen, die ihre Eltern ihr für die Schule machen, die wie die Bento-Boxen in Japan den Status repräsentieren und zu einem Wettbewerb ausarten.

All das nagt an ihr, doch trotzdem lebt sie an der Schule auf, weil sie eine Lehrerin hat, die sie fördert, weil sie intelligent und ehrgeizig ist. Sie wird Klassensprecherin und gewinnt regelmäßig bei Schreibwettbewerben. Und bei den Lügengebilden um ihre Familie legt Myung-eun eine beeindruckende Kreativität an den Tag.

Der Film wird fast komplett aus ihrer Perspektive erzählt, kommt ohne großes Drama aus, zeigt aber, wie auch ein unaufgeregtes Leben für eine Schülerin großes Drama bedeuten kann. Jede noch so kleine Nebenfigur ist liebevoll und vielschichtig gezeichnet, so dass der Kosmos um Myung-eun sehr lebendig wird. Alle meine Geheimnisse nimmt seine Zuschauer*innen ernst, lässt sie selbst mitdenken, erklärt nichts zu viel.

Das hier ist ein sehr bewegendes Coming-of-Age-Drama, das zwar familiäre Konflikte und Mobbing thematisiert, trotzdem aber mit einer Feel-Good-Atmosphäre daherkommt und mich mit einem sehr warmen Gefühl zurückgelassen hat. Ein Film, der sich hinter den Werken von Hirokazu Koreeda nicht zu verstecken braucht. Eine echte kleine Perle. Die Kinderdarsteller*innen sind alle fantastsich

Nur warum habe ich erst durch die 99-Cent-Aktion bei Prime davon erfahren? Obwohl der Film 2022 bei der Berlinale lief, habe ich nichts von ihm mitbekommen. Der hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Über Regisseurin und Drehbuchautorin Lee Ji-eun habe ich leider nichts weiter in Erfahrung bringen können, aber ihren nächsten Film werde ich garantiert auf dem Radar haben.

Spontane Gedanken zur Trump-Wahl und wie ich damit umgehe

Auf Facebook schrieb ich am Morgen des 5. Novembers 2024:

»Meine Wahlprognose: Trump gewinnt, weil es in den entscheidenden Swing-States noch zu viele Männer gibt, die es nicht ertragen können, eine Frau ins Weiße Haus zu wählen. Außerdem dürften die Republikaner dieses Mal besser organisiert sein, was Tricksereien angeht.«

Tja, scheiße!

Gehofft hatte ich natürlich trotzdem, dass es nicht so kommt. Schockiert war ich trotz meiner Wahlprognose. Vor allem auch deswegen, weil es so eindeutig ausgefallen ist. Die ersten zwei Stunden nach dem Aufstehen heute war ich etwas neben der Spur, habe aber trotzdem Arbeit und Hausarbeit erledigt. Das Einsammeln der Grünabfallsäcke an der kalten Luft, die heute geleert wurden, hat mich wieder beruhigt. Zwei Stunden sind zwischen meinem Aufstehen, dem Lesen der Wahlergebnisse und dem Verfassen dieser Zeilen vergangen. Ich bin kein sehr emotionaler Mensch, bei mir setzt schnell Pragmatismus und ein Rationalisierungsprozess ein. Wobei ich zugeben, muss, dass dieser Entwicklung, diesem Wahlergebnis mit Rationalismus kaum noch beizukommen ist. Und es vielen schwerfallen dürfte, nicht in abgrundtiefen Pessimismus zu verfallen.

Eine neue Weltordnung

An einer Mauer in Brasilien ist eine US-Flagge gesprayt, die Sterne sind Hakenkreuze, die roten Streifen verlaufen wie Blut, links eine Person mit Maske. vermutlich ein Selbstporträt der/des Künstler*in.
Brasilianische Street Art, 2006 in Foz do Iguaçu aufgenommen.

Die Welt, wie wir sie kannten; die Weltordnung, an die wir uns seit Fall der Berliner Mauer gewöhnt haben, in der wir uns zumindest hier in Deutschland und den meisten Ländern des sogenannten Westen) halbwegs sicher gefühlt haben – die gibt es nicht mehr.

Am bittersten muss die Wahl für die Menschen in der Ukraine sein, denn für sie wird Trumps Wahl vermutlich verheerende Folgen haben und den Untergang bedeuten. Jetzt kann Präsident Selenskyj nur noch hoffen, über Trump mit Putin eine Abtretung der aktuell von Russland besetzten Gebiete zu verhandeln, die dem Land zumindest für eine Weile Zeit gibt, den Rest der Ukraine zu halten, in der Hoffnung, dass sich in vier Jahren in den USA das Blatt – so unwahrscheinlich das sein dürfte – noch ein Mal Richtung Demokraten wandeln wird.

Die Autokraten und Diktatoren dieser Welt dürften frohlocken. Putin hat jetzt schon gewonnen.

Jetzt werden einige vielleicht einwenden, dass wir doch schon einmal vier Jahre Trump überstanden haben. Ja, aber die zweiten vier Jahre werden mit der ersten Amtszeit nicht vergleichbar sein. Damals war Trump selbst von seinem Wahlerfolg überrascht und stolperte relativ planlos ins Amt. Wichtige Posten wurden teilweise mit Personen besetzt, die noch einen gewissen Rest an Vernunft und Anstand besaßen, die pragmatische Karrierepolitiker waren, und mäßigend auf ihn einwirkten. Die wurden dann auch irgendwann alle ausgetauscht.

Den Fehler wird Trump nicht noch einmal machen. Dieses Mal haben er und seine Mitstreiter einen konkreten Plan: Project 2025 oder auch 2025 Presidential Transition Project. Darin ist detailliert ausgearbeitet, wie Trumps Lager die Regierung übernimmt, Schlüsselpositionen besetzt und Maßnahmen umsetzt, um ihre Agenda voranzutreiben. Fast so was wie Hitlers Mein Kampf. Denn sollte es den Republikanern gelingen, diese Punkte umzusetzen, dürfte wenig von der Demokratie der USA, wie wir sie bisher kannten, übrigbleiben.

Für Minderheiten in den USA, für queere Menschen, trans Personen , Peoples of Color, für Migranten und Frauen stehen jetzt richtig düstere Zeiten an. Der Biden-Regierung ist es nicht gelungen, die demokratischen Institutionen der USA so zu festigen, dass sie einem zweiten Angriff Trumps standhalten werden.

Dazu hat Trump jetzt Superreiche wie Elon Musk und Peter Thiel an seiner Seite, die ihre neoliberale, transhumanistische und vor allem undemokratische Agenda ungezügelt und mit Hilfe der Regierung vorantreiben werden. Viele Tech-Konzerne sind ihm schon vor der Wahl in den Arsch gekrochen oder haben zumindest geschwiegen und tatenlos zugesehen, damit sie auch unter ihm weiter ihren Profit machen können.

Die Medien haben auf breiter Front versagt, indem sie Trump als Kandidaten normalisiert haben. Von Biden und Harris wurde jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, Trump konnte hetzen und beleidigen, wie er wollte. In Sachen Pressefreiheit werden sie bald sehen, was sie davon haben.

Die Welt wird undemokratischer. Der kurze Traum von weltweit wachsender Demokratie in einer freien und friedlichen Welt nach Ende des Kalten Krieges – der im globalen Kontext schon immer nur für ein paar wenige privilegierte Länder galt, die auf Kosten der anderen lebten –, ist ausgeträumt. Die Demokratie steht überall und von allen Seiten unter Beschuss. Trumps Wahl wird den antidemokratischen Kräften weiter Aufwind geben.

Für uns konkret wird das Bedeuten, dass die deutsche Politik sich an Trump anbiedern wird. Schon vor dessen Wahl gab es einen Rechtsruck in der Politik der SPD und der Grünen. Ein Kanzler Merz wird das im nächsten Jahr weiter vorantreiben. Er sagt, er könne sich mit Trump arrangieren. Und das wird er wohl auch. Aber das wird für uns und die Welt nichts Gutes bedeuten. Auf Landesebene wird die sogenannte Brandmauer gegen die Rechten bröckeln (tut sie ja schon in Sachsen, nicht war Herr Kretschmer). Über kurz oder lang wird es zu Koalitionen der CDU mit der AFD kommen. Und wenn wir als Gesellschaft nicht klar dagegen halten, könnte es in 8 Jahren auch im Bund soweit sein. Denn das rechte Gift tropft immer weiter und breitet sich stetig schleichend in der Mitte der Gesellschaft aus.

Quo Vadis USA

Diese Flagge besitze ich schon seit meiner Grundschulzeit. Sie zeigt, wie lange ich schon Fan der USA war.

Seit ich als Kind gesehen habe, wie Alf bei Familie Tanner in die Garage gekracht ist und von ihnen liebevoll als Geflüchteter aufgenommen wurde, träumte ich davon, auch einmal in einer amerikanischen Familie zu leben. Mein Leben lang hat mich amerikanische Kultur in Form von Literatur, Filmen, Spielen usw. maßgeblich geprägt. So sehr, dass ich mich 2009 an der FU Berlin im Fach Nordamerikastudien eingeschrieben habe und 2013 meinen Abschluss machte. Unkritisch habe ich die USA dabei nie gesehen. Trotz aller Demokratie ist es ein Land, das auf Blut und Genozid gegründet wurde, das Diktatoren unterstützte und an die Macht putschte, wenn es den eigenen Interessen nützlich war. Es war schon immer eine konservative Gesellschaft mit einem auf dem Calvinismus basierenden Neoliberalismus.

Es waren die Gegensätze, die das Land für mich so faszinierend gemacht haben. Es sind die Minderheiten, jene Unterdrückten und deren Verbündete, die Sub- und Gegenkulturen der USA, denen mein Interesse galt, deren Situation aber nur zu verstehen ist, wenn man sich auch mit dem Rest der USA beschäftigt.

2018 bin ich nach langem Zögern trotz Trump in die USA nach New York gereist und habe dort eine tolle Woche verbracht. Aber auch in dem Wissen, dass ich mich als weißer europäischer Tourist in einem geschützten, privilegierten Raum bewegt habe.
Mein Interesse an den USA hat so richtig eigentlich erst nach der Abwahl Trumps abgenommen, als klar wurde, dass Trump nicht in der Versenkung verschwinden würde, dass er nur das Symptom ist, das Symptom einer kaputten Gesellschaft, eines korrupten Systems. Eines Landes, das sich in großen Teilen von der Realität verabschiedet hat und seinen eigenen Untergang willentlich herbeiführt. Wir Beobachten hier gerade den Fall eines weiteren Imperiums (der die ganze Welt mitreißen könnte).

Wer wissen will, was die USA jetzt erwartet, sollte sich mit der Cyberpunk-Literatur der 1980er beschäftigen, die haben diese Entwicklung ziemlich gut vorausgesagt.

Was tun?

Mein Traum vom Leben in den USA ist schon lange vorbei. Mein Interesse und meine Faszination an diesem Land sind inzwischen Entsetzten, Enttäuschung und ja, auch ein wenig Verachtung gewichen. Und ich habe mit dem Gedanken gespielt, mich dem Land ganz abzuwenden. Keine Bücher mehr aus den USA zu lesen, keine Serien und Filme mehr zu schauen. Meine Interessen haben sich sowieso schon stärker Richtung Japan und einigen anderen Ländern verschoben. Aber so ganz aufgeben möchte ich die USA noch nicht. Denn wir sollten jene weiterhin unterstützen, die dort weiter für Demokratie kämpfen, und jene, die von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen am schlimmsten betroffen sind.

Eine USA-Reise habe ich in den nächsten vier Jahren aber nicht geplant.

Die Welt befindet sich an einem kritischen Punkt. In Sachen Klimakrise dürfte der Kampf schon verloren sein, es wird jedes Jahr schlimmer werden, was Extremwetterereignisse wie aktuell die Überflutungen in Spanien angeht. Aufgeben dürfen wir trotzdem nicht. 2016 stand es schon kritisch, aber es gab noch Spielraum, den wir inzwischen aber vertan haben.

Und 2016 war die Welt noch ein sichererer Ort. Es gab keinen Krieg in der Ukraine, in Europa; der Nahostkonflikt war noch nicht vollends eskaliert. In Italien saßen keine (Post-) Faschisten an der Macht. Es hatte noch keine rechtsextreme Partei Landtagswahlen in Deutschland gewonnen, dicht gefolgt von Putins Vasallen. Europa und Deutschland waren seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr so zerstritten und zerrissen, wie sie es jetzt sind.

Auch wenn es kleine Lichtblicke gibt, wie die Abwahl der Tories in Großbritannien, sehen wir düsteren und unsicheren Zeiten entgegen, und leben teilweise schon in ihnen. Aber es hilft ja nichts, daran zu verzweifeln. Wir sollten alle versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Als Erstes dafür Sorgen, dass es uns selbst den Umständen entsprechend gut geht, um damit als Basis weiter für unsere Demokratie und Zukunft zu kämpfen.

Das bedeutet für mich, dass ich erstmal mit meinem Alltag weitermache wie bisher und mich der sich entwickelnden Situation anpasse und versuche, im Rahmen meiner sehr begrenzten Möglichkeiten, mich weiter für Demokratie, Freiheit, Vielfalt, Offenheit und Menschenrechte einzusetzen. In dem ich auf meine Blogs verstärkt Werke bespreche und empfehle, die sich mit diesen Themen auseinandersetzten. Aber auch, indem ich versuchen werde, auf Tor Online verstärkt Artikel in diese Richtung zu bringen, die sich mit den Mitteln der Phantastik mit diesen Themen beschäftigen..

Denn die Wahl Trump hat uns doch gezeigt, dass die Menschen es lieben, Geschichten zu hören. Dass sie von Geschichten stärker beeinflusst werden, als von Fakten, der Wahrheit und der Realität. Es wird Zeit, dass wir die Narrative an uns reißen und bestimmen, welche Geschichten erzählt werden und dominieren.

Das mag naiv sein, aber was bleibt uns, mir denn anderes übrig?

Ich arbeite in der Buchbranche. Für einen Verlag, der zu einem Konzern gehört, dem wiederum einige der größten Verlage der USA gehören. Für einen Verlag, der regelmäßig Bücher aus den USA übersetzt. Bücher, die in den nächsten (hoffentlich nur) vier Jahren landesweit in Amerika unter Beschuss stehen werden. Die Book-Bans in einigen republikanischen Staaten wie Florida, die bisher nur Schulen und öffentliche Bibliotheken betrafen, dürften da nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen sein.

Bücher und Kultur, das ist mein Gebiet, der Bereich, in dem ich mich auskennen und in dem ich zumindest einen winzig kleinen Einfluss habe. Kürzlich habe ich das Manuskript eines Science-Fiction-Romans begutachtet, dass in einem diktatorischen Imperium spielt und von Menschen handelt, die auf unterschiedliche Weisen für die Freiheit kämpfen. Ein sehr politisches Buch verpackt in eine unterhaltsame Handlung. Der Lektor und ich waren uns einige, dass es gerade auch deswegen ins Verlagsprogramm gehört. Ob wir es auch bekommen, ist eine andere Frage.

Aber in Zeiten wie diesen halte ich es für wichtiger denn je, dass wir weiterhin solche Geschichten unterstützen, die uns Alternativen zur Hoffnungslosigkeit aufzeigen, die für Demokratie und Freiheit eintreten, ohne zu belehrend zu sein.

Mir ist aber auch bewusst, dass ich hier aus einer noch sehr privilegierten Position heraus schreibe. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was gerade in jenen vorgeht, die durch Trumps erneute Wahl in den nächsten Jahren von Hass, Unterdrückung, Gewalt (systemischer wie direkter), Hetze usw. betroffen sein werden. Jene, die schon 2016 Hoffnungslosigkeit verspürten. Über die Suizidrate der USA in den nächsten Wochen möchte ich gar nicht nachdenken. Und es wird sicher nicht lange dauern, bis wieder Kinder in Käfige gesperrt werden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns für sie einzusetzen, ihnen beizustehen, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Mein Oktober: Buchmessen und Gedanken über meine berufliche Zukunft

Im Oktober habe ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht, den BuCon und die 1. Koblenzer Buchmesse besucht, habe brilliante Serien aus England gesehen und ein paar Filme mit Substanz.

Collage aus vier Fotos, drei in schmalen Kacheln oben, ein großes Bild unten:
1. Ein Eichhörnchen auf einer Außenfensterbank auf dem Weg zur Nuss, rechts davon steht innen ein Buch (siehe Alt-Text vom ersten Foto).
2. Ein Buchstand auf der Koblenzer Buchmesse. Vorne auf dem Tisch sind einige Bücher drapiert. Dahinter stehen Alessandra Reß und Laura Dümpfelfeld und lächeln in die Kamera.
3. Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
4. Sonnenuntergang über den Dächern von Einfamilienhäusern. Die Wolken werden golden angestrahlt.

Global gesehen war der Oktober wieder ein ganz furchtbarer Monat. Israel zerbombt den Libanon, der Konflikt mit dem Iran eskaliert weiter, die Klimakrise macht sich immer deutlicher bemerkbar: Überflutungen in Spanien, Hurrikans in Nord- und Lateinamerika. Taifune in Südostasien. Kurz zuvor Überflutungen in Österreich, Tschechien, der Slowakei und Polen. In Frankreich. Und was bei uns oft nicht einmal mehr eine Nachrichtenmeldung wert ist, in mehreren afrikanischen Ländern. Die Front in der Ukraine bröckelt. Gleichzeitig schwächelt Kamala Harris im US-Wahlkampf und Trump wird immer wahrscheinlicher. Was das Ende der Ukraine bedeuten würde. Die jetzt auch durch nordkoreanische Soldaten bedroht wird, während China immer größere Militärmanöver um Taiwan veranstaltet und in Südkorea selbst die gelassensten Menschen langsam beunruhigt sind. Während Russland bei den Wahlen in Georgien fleißig manipuliert und einen EU-Beitragskandidaten aus der Demokratie drängt. Und ein SPD-Generalsekretär Gerhard Schröder rehabilitieren will und meint, man solle in Sachen Ukraine-Krieg nicht so schwarz-weiß denken, und seine Partei in den neuen Bundesländern mit Putinknechten koalieren möchte, der Westen generell schleichend die Ukraine verrät und Bundesregierung kurz vor dem Zusammenbruch steht (siehe die getrennten Finanzgipfel der Koalitionsspitzen).

Aber ich will euch ja nicht in eine Depression stürzen, sondern hier vor allem über mich schreiben. Und ich persönlich hatte einen sehr schönen Oktober.

Über meinen Horroctober habe ich kürzlich ja berichtet.

BuCon 2024

Die Frankfurter Buchmesse habe ich mir in diesem Jahr erspart, war aber natürlich wieder auf dem Buchmesse Convent in Dreieich-Sprendlingen, wo sich die deutschsprachige Phantastikbuchszene trifft. Für mich ist schon die gemeinsame Anfahrt mit Michael Schmidt und Ralf Steinberg ein Highlight, das machen wir seit fast 15 Jahren. Der Con war proppevoll, aber zum Glück herrschte schönes Wetter und wir konnten draußen sitzen.

Selfie von drei alten weißen Männern vor der Wand des Bürgerhauses in Dreieich-Sprendlingen.
Links Michael Schmidt, rechts Ralf Steinberg, der in der Mitte, das bin ich.

Mit meinem Chef habe ich zweieinhalb Stunden im Park direkt neben dem Bürgerhaus gesessen und gequatscht. Auf der Buchmesse wäre das ein gehetzter halbstündiger Termin gewesen. Ansonsten habe ich ganz viele Freunde und bekannte getroffen, mit denen ich sonst das ganze Jahr nur Kontakt über das Internet habe. Darunter auch einige meiner Tor-Online-Autor*innen.

Besonders gefreut habe ich mich, Frank Böhmert wiederzutreffen. Falls ihr meinem Blog schon länger folgt, wisst ihr vielleicht, dass er eine maßgebliche Rolle bei meinem Berufseinstieg als Übersetzer gespielt hat, genauer könnt ihr das in seinem Gastbeitrag von 2012 nachlesen. Er hat mir auch meine Aufträge bei N24 vermittelt, für die ich ein Jahr lang TV-Dokus übersetzt habe, und war Teil meines SF-Freundeskreis in Berlin, als ich noch dort wohnte

Gedanken zur beruflichen Zukunft

Frank hat kürzlich seinen Job als Übersetzer an den Nagel gehängt. Zum einen, weil die Auftragslage schlechter geworden ist und die Aussichten durch KI-Übersetzungen auch nicht besser werden, aber auch, weil er bei der Durchsicht alter Abrechnungen feststellte, dass die Honorare, die er zuletzt bekommen hat, sogar unter denen von vor zehn Jahren lagen (ohne Inflation usw. einberechnet), und er zu dem Schluss kam, dass die Arbeit als Übersetzer nur noch Selbstausbeutung ist.

Also ist er zu Beratungsgesprächen gegangen und hat sich auf einige Stellen beworben. Und jetzt eine bei Verdi als Bürokraft bekommen. Sein Traumjob. Könnt ihr auch alles bei ihm auf Mastodon und Blue Sky nachlesen.

Auch Jakob Schmidt, der ebenfalls aus der Berliner-SF-Bubble stammt, und zuletzt den Roman von Keanu Reeves und China Miéville übersetzt hat und davor Frank Herberts Wüstenplanet plus Fortsetzungen, sattelt jetzt zum Grundschullehrer um.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn also zwei so etablierte Übersetzer, die ein Standing in der Verlagsbranche haben, das ich mir leider nie erarbeiten konnten, sich schon beruflich umorientieren, dann dürften die Aussichten für mich auch nicht gerade rosig sein. Meine Übersetzerkarriere ist immer ein Auf und Ab gewesen. Zeiten, in denen Flaute herrschte, wechselten sich mit solchen ab, in denen ich zu viele Aufträge auf einmal hatte. Letztes Jahr hatte ich ein gutes Jahr, dieses Jahr herrscht totale Flaute.

Zum Glück habe ich noch meinen Job bei Tor Online/Fischer Tor, durch den ich meine laufenden Kosten decken kann. Aber fallen einmal größere Ausgaben an, wie kürzlich die Reparaturkosten, um mein Auto über den TÜV zu bekommen, muss ich an das Geld ran, das ich mir durch Übersetzungsaufträge angespart habe. Und das schrumpft dann.

Ich bin in meinem Leben noch nicht oft verreist, meine Urlaube als Erwachsener kann ich an einer Hand abzählen. Aber im nächsten Jahr möchte ich endlich nach Japan reisen. Davon träume ich schon seit meiner Kindheit und bereite mich seit zwei Jahren darauf vor, in dem ich Japanisch lerne und mich noch intensiver mit der Kultur beschäftige. Das kann ich mir durch die Aufträge im letzten Jahr leisten. Aber ich würde in Zukunft gerne öfters verreisen, bevor die Welt in Sachen Klimakrise, Demokratierückgang und Kriegen endgültig kippt. Und ich würde auch gerne irgendwann auf ein Elektroauto umsteigen und eine Solaranlage auf dem Dach installieren.

Mit dem schwankenden Einkommen als Freiberufler und den viel zu niedrigen Honoraren in der Buchbranche ist das schwierig. Zwar würde ich gerne noch ein paar Jahre in der Branche weiterarbeiten, denn die Arbeit macht mir richtig Spaß, und ich finde es toll, mir die Zeit selbst einteilen zu können, aber angesichts der aktuellen Lage scheint mir das eher unrealistisch zu sein. Doch Franks Beispiel (er ist Anfang 60) hat mir gezeigt (ich bin 45), dass es nie zu spät für eine berufliche Veränderung ist (außer man träumt von einer Karriere bei VW).

Aber wenn ihr jemanden für eine Übersetzung sucht, meldet euch bitte, noch bin ich weiterhin als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche tätig. Hier gibt es genauere Infos zu meiner Vita und meinen Qualifikationen.

Jetzt bin ich ganz schön abgeschweift. Aber so schön der Oktober und der BuCon auch waren, hat mich der Monat auch sehr nachdenklich gestimmt. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch eine gute Sache ist. Nächstes Jahr geht es mit Tor Online erstmal weiter (da hangel ich mich auf von Jahresvertrag zu Jahresvertrag). Und ich werde noch mal fleißig Akquise betreiben, sollte die Lage aber so bleiben, werde ich mich beruflich umorientieren. Könnte also gut sein, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren wieder in meinen Beruf als Sozialpädagoge zurückkehren werde, oder vielleicht auch was ganz anderes mache. Fände ich auch interessant.

Bucon (die zweite)

Doch zurück zum BuCon. Der war richtig toll. Ich habe den ganzen Tag durchgequatscht, nur eine Veranstaltung gesehen und abends ging es zum Essen. Wie schon erwähnt, wenn es geregnet hätte, wäre es vermutlich ungemütlich geworden, da es drinnen viel zu voll ist und Sitzmöglichkeiten fehlen. Aber bisher hatten wir zum BuCon immer Glück mit dem Wetter. Ich freue mich für die Veranstalter, dass sie über 100 Programmpunkte anbieten können und so viele Auststeller*innen, aber rein inhaltlich, jenseits vom Freund*innen-Treffen, wird mir der Con etwas zu voll und ungemütlich. Trotzdem werde ich nächstes Jahr wieder kommen.

1. Koblenzer Buchmesse

Eine Woche später ging es mit meiner Mutter auf die 1. Koblenzer Buchmesse, die von einem einzelnen Autor organisiert wurde, weshalb meine Erwartungen nicht allzu hoch waren und ich auch nicht viele Besucher*innen erwartet hatte. Als wir um 11.00 Uhr ankamen, war es schon ziemlich voll. Am Ende sollen es über 1.000 gewesen sein und Alessandra Reß berichtete, dass sie und Laura Dümpelfeld an ihrem Stand alle Bücher verkauft hätten. Für mich persönlich war das mit den ganzen regionalen Kleinstverlagen und Selfpublishern nicht so interessant, aber doch genug, um sie zumindest einmal kurz besucht zu haben. Und zwei Bücher, die mich schon länger interessieren, habe ich mir auch gekauft.

Erstaunlicherweise habe ich mich auf keiner der Veranstaltungen mit Corona angesteckt. Dabei ist mein Termin für die Auffrischung erst am 25. November, obwohl ich schon im September deswegen angerufen hatte. Letztes Jahr ging das noch innerhalb von einer Woche.

Damit feier ich übrigens fünfjähriges Jubiläum. Denn Anfang November 2019 bin ich das letzte Mal krank gewesen (Halsentzündung). So schlimm kann das Masketragen also nicht für das Immunsystem gewesen sein.

Tor Online

Ansonsten war ich fleißig, was Tor Online angeht, und habe endlich meinen Artikel zum Stand der epischen Fantasy auf dem deutschsprachigen Buchmarkt beendet. Angefangen hatte ich den schon im Frühjahr, als die Videos dazu von Petrik Leo und Libarary of a Viking online gingen. Dafür habe ich Verlagslektor*innen und Buchhändler*innen angeschrieben und interviewt, und eine Umfrage unter Leser*innen durchgeführt. Dadurch ist der Beitrag etwas eskaliert und wir haben ihn in drei Teile aufgeteilt, weil er sonst zu lange geworden wäre.

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil eins: Die Ausgangslage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil zwei: Die Sicht der Verlage

Was ist mit der epischen Fantasy los? Teil drei: Der Handel und die Leser*innen

Und ich bin echt erstaunt, wie viele Reaktionen er hervorgerufen hat. Auf Facebook werden Tor-Online-Artikel seit der Pandemie kaum noch kommentiert, hier sind jetzt über alle drei Teile und bei allen geteilten Beiträgen insgesamt über 100 Kommentare aufgelaufen und die Klickzahlen sind ebenfalls ziemlich gut. Hätte ich wirklich nicht gedacht, aber da scheine ich einen Nerv getroffen zu haben. Ein Thema, dass die Leute umtreibt.

Daneben habe ich noch ein paar interessante Bücher begutachtet.

Translate or Die

Artikel

Retrospektive Regisseur Edward Yang

Mit The Terrorizers und A Brighter Summer Day habe ich schon zwei Filme des taiwanesischen Regisseurs Edward Yangs auf diesem Blog besprochen. Im Berliner Zeughauskino läuft jetzt eine Werkschau Yangs, bei der auch diese beiden Filme zu sehen sind. Wenn ihr die Möglichkeit habt, hinzugehen, macht es. Die Filme sind teils schwer zu bekommen. Und A Brighter Summer Day ist ein Meisterwerk. in der taz weist Fabian Tietke auf die Veranstaltung hin und geht näher aus Yangs Werk und einige weitere Filme ein, und wie sie im historischen Kontext einzuordnen sind.

Filme

Monkey Man

Geradlinig inszenierter Rachthriller von Dev Patel, in dem der Protagonist den Mord seiner Mutter durch einen Polizeichef rächen will. Der erste Versuch geht schief und er bekommt kräftig aufs Maul. Doch dann findet er unerwartete Unterstützung und wird in einigen kurzen Trainings-Montagen á la Kickboxer zum Superkämpfer. Ist über weite Strecken ganz okay, die letzte halbe Stunde ist dann richtig gut inszeniert. Hat mich sehr gefreut, im Finale auch Bloodywood zu hören.

Gremlins 2

Anders als Teil 1, habe ich Gremlins 2 seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen, weil ich ihn als nur so la la in Erinnerung hatte. Aber allein die erste halbe Stunde ist ein Fest an witzigen und durchgeknallten Ideen, die überhaupt nichts mit den Germlins zu tun haben. Dazu Christopher Lee in einer seiner besten Nebenrollen, der hier Leslie Nilsons Maxime durchzieht: Eine so durchgedrehte Komödie kann nur todernst gespielt werden. Die Gremlins sond okay, da haben sie sich schon einiges einfallen lassen, aber ich glaube, ich hätte den Film lieber ohne sie nur mit Gizmo und Billys Büroalltag gesehen. Der Gastauftritt von Hulk Hogan ist allerdings schlecht gealtert. Und dass hier Hulk Hogan und Christopher Lee in einem Film mitspielen, dürfte bereits 1990 ein Zeichen dafür gewesen sein, dass mit dieser Welt was nicht stimmt.

The Substance

Stilistisch brillant inszenierter Body Horror über misogynen Schönheits- und Jugendwahn, toxische Männlichkeit und eine Kultur, in der wir uns nicht so akzeptieren können, wie wir sind. Mit einer großartigen Leistung von Demi Moore (und Magie Qualley), die hier wirklich alles gibt. Ein ziemlich fieser und unangenehmer Film, der im letzten Drittel etwas schwächelt.

Serien

Meine Serien des Monats kommen aus England

Steeltown Murders

Großartiges Krimidrama in vier Folgen, das in den 1970ern und Anfang der 90er in einer kleinen Stahlstadt in England nahe der walisischen Grenze spielt, in dem ein 20 Jahre alter Mordfall durch neue DNA-Ergebnisse wieder aufgerollt wird. Konzentriert sich vor allem darauf, was die Ermordung von drei Teenagerinnen mit den Angehörigen, Verdächtigen und Ermittlern macht. Mehr Drama als Krimi, das aber trotzdem zeigt, wie quälend langsam und frustrierend Ermittlungsarbeit sein kann. Das es in einer Stahlstadt spielt, ist eigentlich nicht von Bedeutung, aber so waren die wahren Begebenheiten, auf denen die Serie basiert.

Ist bei Arte inzwischen leider aus dem Programm raus, aber ich hatte rechtzeitig auf meinen Social-Media-Kanälen darauf hingewiesen.

Sherwood

Ist obiger Serie gar nicht so unähnlich. Spielt in Nottingham und thematisiert die Streiks der Bergbauarbeiter in den 1980ern, die von Undercover-Agitatoren der Polizei eskaliert wurden und die Gemeinde bis heute gespalten haben. Enthält viele Flashbacks zu dieser Zeit, spielt aber vor allem in der Gegenwart, als durch mehre Morde die Konflikte zwischen den Streikenden und den damaligen Streikbrechern wieder aufflammen. Konzentriert sich stärker auf den Drama-Aspekt, weniger auf die Ermittlungen, und stellt vor allem die Familien und ihre Dynamiken in den Mittelpunkt. Vielleicht nicht ganz so gut wie Broadchurch, aber auch nicht viel schlechter.

Gibt es nur zum Kaufen im Heimkino. Ich habe mir die erste Staffel bei Prime digital zugelegt. Es gibt auch schon die zweite.

Ich behaupte mal ganz frech und desillusioniert, dass deutsche Fernsehen würde solch brillante Serien wie Steeltown Murders und Sherwood mit dieser gesellschaftlichen Relevanz nie hinbekommen.

Pachinko (Staffel 2)

Von allen aktuell laufenden Serien ist Pachinko mir die liebste. Eine großartige koreanische-japanische Familiensaga, die sich von den Anfängen des 2. Weltkriegs bis in die 1980er erstreckt und viele tragische Schicksale schildert; zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verzahnt sind, weil die Vergangenheit uns nie wirklich loslässt oder wir die Vergangenheit nicht. Die 2. Staffel kann das Niveau der ersten locker halten.

Musik

Meine Musik des Monats kommt aus Indien

Hanumankind – Big Dawgs | Ft. Kalmi

Ist bisher das einzige Lied, das ich von ihm kenne, klingt aber ziemlich gut. Die Stimme erinnert mich ein wenig an Kendrik Lamar. Was es mit Hanuman in der indischen Mythologie auf sich hat, könnt ihr z. B. im Film Monkey Man von Dev Patel nachsehen.

Bloodywood – Nu Delhi

Nach zweieinhalb Jahre Funkstille sind Bloodywood mit einem neuen Song zurück. Beim ersten Hören von Nu Dehli dachte ich noch: Hm, ist doch eigentlich nur eine Variation des Bekannten. Doch je öfter ich ihn höre, desto besser gefällt mir der Song. Vor allem seine mitreißende Dynamik. Der mit dem blauen Bart gehört übrigens zur Band Parikrama. Und der westlich aussehende Typ ist der australische Youtuber Karl Rock, der schon lange in Indien lebt, darüber Vlogt und ebenfalls in Indien ziemlich bekannt ist.

Am 6. März spielen sie in Köln, am 7. in Frankfurt. Und ich überlege, zum ersten Mal seit 2017 (Nick Cave) wieder auf ein Konzert zu gehen. Muss mich aber sicher sputen, denn die Karten sind garantiert schnell weg. Bin aber noch unentschlossen, ob Frankfurt oder Köln. Ist beides gleich weit weg von mir (eine Stunde mit dem Auto), aber Frankfurt dürfte etwas angenehmer zu fahren sein.

The Cure

Ich habe auch noch in das neue Album von The Cure reingehört. Das letzte, was ich von ihnen gekauft hatte, war das Selbstbetitelte von 2004, das ein paar ganz nette Rock-Pop-Songs enthielt. Songs From A Lost World kommt tastsächlich in seinen besten Momenten an den Sound von Disintegration ran.

Fotos

Unsere Eichhörnchen hätten auch gerne ein Horn, haben aber nur eine Walnuss bekommen. Bisher leben sie noch vorwärts.

An den Sonnenuntergängen bei uns kannn ich mich nie sattsehen.