11 Horrorfilmtipps habe ich für euch. Darunter alte Schinken aus Italien und Spanien, aber auch gelungen Prequels zu Klassikern und ganz aktuelle Grusler. Etwas Argento-lastig, aber auch mit einem besonderen Geheimtipp, den vermutlich nicht so viele kennen. Progressiver oder gar innovativer Horror ist hier nicht dabei.
Lesetechnisch ist bei mir diesen Monat wenig Richtung Horror gelaufen, da ich ein Science-Fiction- und ein Fantasy-Manuskript für Gutachten lesen musste. Einzig White Horse von Erika T. Wurth habe ich geschafft, über eine Bad Ass Urban Native und Metalhead in Denver, die mittels indigener Mythologie und Visionen das Verschwinden ihrer Mutter vor vielen Jahren aufklärt und es auch mit toxischer Männlichkeit und Rassismus zu tun bekommt. Ausgezeichneter Roman, den ich aber weniger als Horror und mehr als Familiendrama mit übernatürlichen Elementen empfunden habe. Ist ein Own-Voice-Roman – bisher leider nicht auf Deutsch erschienen.

Gefehlt hat mir dieses Jahr eine gute neue Horrorserie von Mike Flanagan oder was aus dem europäischen Ausland. Dafür habe ich die zweite Staffel der Anthologie-Serie Them bei Prime gesehen, bei der die Horroraspekte aber auch eine eher untergeordnete Rolle spielen. Vor allem geht es um Polizeigewalt, Korruption und Rassismus zur Zeit des Rodney-King-Vorfalls in Los Angeles. Auf sehr hohem Niveau gefilmt.
Eigentlich hatte ich mir für den Horroctober auch Alien: Isolation im Steam-Sale gekauft, bin aber noch nicht mal dazu gekommen, es mir herunterzuladen. Habe mir jetzt vorgenommen, es im Weihnachtsurlaub zu spielen. Bis dahin dürfte ich auch Romulus gesehen haben.
Filme
Dagon
In Buch- und Hörspielform kann man mich mit Lovecraft inzwischen jagen, aber Filmen gegenüber bin ich weiterhin aufgeschlossen. Mit den Werken von Brian Yuzna und Stuart Gordon (Re-Animator) bin ich durchaus vertraut, aber Dagon ist mir zu Beginn des neuen Jahrtausends irgendwie entgangen. Der Film verlegt die Handlung in ein spanisches Dorf und schafft es, dort im Dauerregen, trotz einiger mäßiger Effekte, eine unheimliche Stimmung aufzubauen. Junges Paar gerät in die Fänge von Fischmenschen, die Dagon huldigen. Inszeniert wie ein Survival-Game, macht der Film durchaus Spaß, wenn man bereit ist, sich auf die günstige, aber liebevoll ausgestattet Produktion einzulassen.
Profondo Rosso (Deep Red, Die Farbe des Todes)
Dario Argentos dritter Film und sein Durchbruch. Gilt vielen Argentonados als sein Meisterwerk, ich fand ihn in der ungekürzten Fassung leider etwas langatmig. Stilistisch und optisch ist er ein klarer Fortschritt zu den beiden Vorgängern, und auch, was den Härtegrad angeht. Was in der gekürzten Fassung fehlt, sind vor allem Dialoge, die in der langen langweiligen. Ansonsten typischer Slasher mit schönen Setpieces und ansprechender Farbgestaltung, gefilmt vor einer tollen Kulisse in Turin. Die Musik ist klasse, dürfte John Carpenter für seinen Halloween-Soundtrack inspiriert haben.
Don’t Disturb the Sleeping Dead (1974)
Auch bekannt als Let Sleeping Corpses Lie, The Living Dead at Manchester Morgue (obwohl der Film gar nicht in Manchester spielt, sondern auf dem Land), Don’t Open the Window (was mir das geringste Problem für die Protagonist*innen zu sein scheint); Invasion der Zombies und No profanar el sueño de los muertos (ist eigentlich eine spanische Produktion). Ein früher Zombiefilm, der sich stark an Night of the Living Dead orientiert. Leider habe ich nur die gekürzte Fassung sehen können, aber bei Schnittberichte nachgelesen, was fehlt. Nur ein paar für die damalige Zeit heftigen Spaltterszenen, die nicht wirklich fehlen, da die Stärke des Films seine dichte Atmosphäre vor der englischen Landkulisse ist sowie die schnittige Inszenierung, was nicht nur am rasanten Fahrstil und dem zackigen Inspektor liegt, sondern daran, dass der Film schön auf den Punkt inszeniert ist, ohne unnötige Längen und Leerlauf. Es geht Schlag auf Schlag, dazu noch ein kleiner politischer Kommentar zum reaktionären England. Ich bin nicht der größte Zombiefilmfan, aber der hier macht Spaß, auch wenn der Grund zur Zombifizierung ein ganz profaner ist, und ohne den mythologischen Überbau eines Lucio Fulcis daherkommt.
Eigentlich dürfte ich gar nicht über den Film schreiben, da er in Deutschland meines Wissens nach noch beschlagnahmt ist. Was nicht daran liegen dürfte, dass er noch zu brutal ist, sondern dass sich noch kein Label erbarmt hat, die Aufhebung der Beschlagnahmung zu beantragen. Ich habe den Film also nur ganz hypothetisch gesehen, und so würde meine Rezension aussehen, hätte ich ihn wirklich geschaut.
Im Hölle auf Erden-Lexikon, auf dessen Urteil ich mich seit 30 Jahren bei älteren Filmen verlassen kann, wurde dieser Film als „holprig inszeniert“ total verissen. Ich erhebe Einspruch.
Malum
Fieser kleiner Horrorfilm über eine junge Polizistin, die in einem alten Polizeirevier allein eine letzte Nachtschicht schiebt und einen Albtraum erlebt, dem es in der ersten Hälfte gelingt, eine unheimliche Atmosphäre und Spannung aufzubauen, dessen Schockeffekte sich im letzten Drittel aber etwas abnutzen und beliebig werden und dessen Goreeffekte etwas zu brutal ausfallen. Die hätte der Film gar nicht nötig gehabt. Hat mich gegen Ende etwas verloren, aber trotzdem sehenswert. Die Spezialeffekte-Leute sind garantiert Fulci-Fans.
The Church (1989)
Von Dario Argento produziert, sollte es ursprünglich der dritte Teil der Demonii-Reihe werden, wurde es dann aber zum Glück doch nicht. Die beiden Filme haben zwar ihre stimmungsvollen Momente und machen Spaß, sind aber auch recht trashig ausgefallen. The Church von Michele Soavi schlägt deutlich ernstere Töne an und ist über weite Strecken atmosphärisch sehr dicht inszeniert, was auch an der Musik von Goblin und dem Sounddesign liegt, vor allem aber am tollen Setdesign und dem Schauplatz in der alten deutschen Kirche. Die wurde von Teutonenrittern im Mittelalter über einer dämonischen Hinterlassenschaft gebaut, die jetzt überzubrodeln droht. Dazu ein wenig Rosmary’s Baby und etwas Fürsten der Finsternis und fertig ist ein unheimlicher Gruselfilm, der gar nicht so splattrig daherkommt, wie die Demonie-Filme. Michele Soavi hat übrigens ein paar Jahre später auch den großartigen DellaMorte DellAmore gedreht. Der Hechtsprung durch die Fensterscheibe kam überraschend. Das hier ist der Geheimtipp, den ich meinte.
The Sect
Der Nachfolgefilm von Michele Soavi schlägt eine ähnlich Thematik an, hat aber nichts mit The Church zu tun. Hier geht es um eine junge Frau, die einem mysteriösen alten Mann begegnet, der ein unheimliches Interesse an ihr zeigt, und eine Sekte, die halt so macht, was satanische Sekten machen. Sehr ungewöhnlich inszeniert, mit einigen richtig schönen Szenebildern bzw. Kulissen, ein paar wenigen brutalen Szenen, aber auch einigen Längen in seinen zwei Stunden Laufzeit. Fand ihn etwas schwächer als The Church, kenne aber auch Leute, die diesen hier mehr mögen. Drehbuch stammt von Argento. Wurde der im gleichen deutschen Landhaus gedreht? Und was hat Soavi nur mit dem Lustigen Taschenbuch?
Hier der bessere Trailer, den ich aber aufgrund seiner Altersbeschränkung nicht einbetten kann.
Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970)
Der Debütfilm von Dario Argento ist kein Horrorfilm, sondern ein Thriller, der schon ein paar leichte Giallo-Elemente enthält, diese aber noch nicht voll ausspielt. Ist eher ruhig inszeniert, relativ geradlinig, enthalt aber schon die späteren Argento-Kuriositäten in Form schräger Figuren und einer Handlung, über deren Logik man nicht weiter nachdenken darf. Ein Amerikaner in Italien wird Zeuge eines Mordversuchs, ermittelt selbst, wird von der Polizei einbezogen, als sei er Mitglied bei den drei Fragezeichen und gerät natürlich ins Visier des Killers. Interessant, wie viel Wissenschaft hier bei den Ermittlungsarbeiten eingesetzt wird.
Tulpa (2012)
Mit Tulpa von 2012 eifert Regisseur Federico Zampaglione eindeutig seinem großen Vorbild Argento nach, und weist einige Parallelen zu Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe und Profondo Rosso auf, unter anderem das Outfit des Täters und einen Mord mit heißer Flüssigkeit. Und wer Argentos Film gesehen hat, kann schon früh erraten, wer in diesem Swingerclub-Slasher die schwarzen Handschuhe trägt. In einigen Einstellungen wird die Argento-Ästhetik mal mehr, mal weniger erfolgreich kopiert, zum Beispiel bei den Außenaufnahmen des Bungalows oder bei den Kamerabewegungen in seinem Innern, doch meist kommt der Film mit einer Softporno-Ästhetik daher, deren Mängel er durch einige ultrabrutale Szenen zu kaschieren versucht, in deren Sadismus sich der Film regelrecht ergötzt.
Doch Musik, Sounddesign und das Timing reichen nicht mal ansatzweise an die Vorbilder heran und passen nie so richtig zu den gezeigten Szenen. Ich hoffe mal, dass Regisseur Zampaglione mit jedem Film besser wurde, denn der Trailer zu seinem aktuellen Film The Well hat mir gut gefallen und ich hoffe, dass der Film – der dieses Jahr auf dem Fantasy Filmfest lief, wie einst Tulpa – bald bei uns im Heimkino erscheint (Kai Meyer – mein Hausexperte in Sachen italienischem Horrorfilm – fand ihn allerdings furchtbar). Wie man die Giallo-Ästhetik auch heute noch stimmungsvoll hinbekommt, zeigen Filme wie Amer oder Berberian Sound Studio deutlich besser.
Die Nacht der reitenden Leichen (1972)
Die Reihe lief früher mal im Nachtprogramm von RTL, wo ich sie als Kind gesehen habe. Und irgendwie geisterten die Titel der Filme immer ein wenig mit Kultcharakter durch Gesprächen über Horrorfilme. Völlig unberechtigt, denn der erste Teil ist eine holprig inszenierte Gurke. Mir waren aus dem Film exakt zwei Szenen in Erinnerung geblieben. Nämlich jene, in denen die Leichen der Tempelritter reiten. Und reiten müssen sie auch. So lahm, wie sie zu Fuß unterwegs sind, bekommen sie sonst nichts erledigt. Alles andere besteht aus drögem Rumgelatsche und langweiligem Gelaber, dazu noch eine völlig unnötige Vergewaltigungsszene. Einzig die Reitszenen sind halbwegs unheimlich inszeniert. Von der Atmosphäre italienischer Horrorfilme dieser Zeit keine Spur. Aber mal schauen, ob die Fortsetzungen besser geworden sind.
Vielleicht wurde ich hier auch Opfer meiner überzogenen Erwartungen, hervorgerufen durch 30 Jahre zurückliegender verfälschter und übermystifizierter Erinnerungen.
New Life
Gut besetzter Low-Budget-Film, bei dem lange nicht klar ist, worum es wirklich geht, weshalb ich hier auch nicht zu viel verraten will. Am besten auch nicht den Trailer anschauen. Eine junge Frau befindet sich auf der Flucht durchs Land Richtung kanadische Grenze. Warum ist unklar. Wer sie verfolgt auch. Scheint aber eine ernste Sache zu sein und bekommt dann eine nette Genre-Wendung. Die erfindet das Rad nicht neu, aber durch seine ruhige Inszenierung kommt der Film sehr erfrischend daher, allerdings auch spannungsarm.
The First Omen
Das Prequel zu Rosmary’s Baby, Apartment 7A, fand ich ziemlich dröge und langweilig, weil es dem großen und stimmungsvollen Vorbild nichts Neues hinzufügt, und den Film praktisch noch mal nacherzählt, nur alles deutlich schwächer und plakativer.
First Omen ist das Prequel zu The Omen von 1974 und macht alles besser als obiges Beispiel. Vor der malerischen Kulisse Roms wird aus der Perspektive einer jungen amerikanischen Nonne erzählt, wie es zur Geburt und Adoption Damiens kam. Dabei wirkt der Film wie ein italienischer Horrorfilm der 1970er und schafft es, trotz vieler Anspielungen auf das Vorbild doch eigene Wege zu gehen, dabei aber trotzdem gruselig zu bleiben. So geht Prequel! Hätte ich vorher nicht gedacht und nicht viel erwartet.
Regisseurin Arkasha Stevenson merke ich mir mal vor. Sie zeigt ein tolles Stilbewusstsein.
Ich habe auch noch Freitag der 13. Teil 2 gesehen, der ist aber nicht weiter der Rede Wert. Heute Abend werde ich mir auf Mubi The Substance ansehen. Und davor noch das Horrorspezial von KinoPlus mit Bela B. und Thilo Gosejohann als Gäste. Letzte Woche gab es auch schon eine schöne Folge zu aktuellen Horrorstarts mit Antje.
Happy Halloween! Der wahre Horror beginnt sowieso erst am 4. November.









