Bereits in seinem ersten Film zeigt Hirokazu Koreeda, dass er ein Meister seines Fachs ist. In durchgestylten, auf den ersten Blick unterkühlt wirkenden Bildern, erzählt er uns eine bewegende Geschichte über Trauer, Verlust und Neuanfang. Über Fragen des Lebens, die nie beantwortet werden.
Drei Monate ist das Baby, als Yumikos Mann von einem Zug erfasst wird und stirbt. Was die glückliche Familie zerstört. Einige Jahre später heiratet Yumiko durch die Vermittlung der rührigen Nachbarin wieder und zieht in einer arrangierten Ehe mit ihrem Sohn von Osaka aufs Land zu einem Witwer mit Tochter und seinem Vater. Ein kleines Fischerdorf an der rauen See.
Viel wird im Film nicht gesprochen, bis auf ein paar Ausnahmen sind die Dialoge entweder funktional oder Smalltalk. Erzählt wird über die Bildsprache, wie die Figuren zueinander positioniert sind, wie sie sich bewegen. Dabei ist die Kamera immer statisch. Sie bewegt sich nie. In Häusern immer auf Hüfthöhe, wie bei Ozu, so wie man in traditionellen Häusern am Kotatsu sitzt. Die Außenaufnahmen wirken im ersten Drittel stets beengend, zeigen Unterführungen, Tunnel, enge Gassen, Passagen, Mauern, Züge fahren stets zwischen Bäumen umgeben von grünen Mauern. Als wäre die Protagonistin eingeengt.
Mit dem Umzug wechseln wir zu langen Panoramaaufnahmen, in denen die Figuren oft nur noch kleine Flecken am Horizont sind. Die Kamera wahrt stets Distanz. Die Figuren tragen meist Schwarz, bunte Farben fehlen fast völlig und doch ist die Atmosphäre am neuen Wohnort nicht unterkühlt, niemand lehnt die neue Frau ab, alle begegnen ihr freundlich.
Doch gegen Ende sehen wir, wieder aus einer Panoramaaufnahme, einen Trauerzug, alle gehen dicht hintereinander, nur die Yumiko läuft 20 Meter hinterher. So vermittelt uns Koreeda, wo sich die Figuren emotional befinden. Erst ganz zum Schluss, in einem kleinen kathartischen Moment, brechen sich Emotionen ihre Bahn.
Maboroshi ist der Debütfilm von Koreeda, doch kein Film eines Anfängers. Er ist mit großem Stilbewusstsein und Können gefilmt, weiß bei jeder Einstellung genau, welchem Zweck sie dient. Was fehlt, ist die Herzlichkeit, die Cozyness späterer Werke. Hier finden die Emotionen größtenteils unter der Oberfläche statt. Jeder trauert anders. Was Hollywood zu einem Melodrama voller Tränen gemacht hätte, kommt bei Koreeda viel subtiler daher. Wir erfahren nicht viel über die Figuren, doch sie sagen unglaublich viel mit ihren Gesten und mit dem, was sie nicht sagen. Trotzdem ist der Film nicht unterkühlt, sondern bewegend. Vielleicht sogar gerade wegen dieser Art der Inszenierung, die eine ganz eigene Atmosphäre besitzt.
Ich habe mir die englische Blu-Ray kaufen müssen, um den Film zu sehen.
Mit meiner Kritik zu Das Licht fallender Sterne habe ich mich schwergetan, da ich den Film wirklich mögen wollte, was mir aber einfach nicht gelungen ist, auch wenn er gute Ansätze, schöne Bilder, interessante Figuren und ein wichtiges Thema hat.
Der Film von Regisseurin Aya Igashi erzählt die Geschichte von Yo, die sich in die junge Krankenschwester Yayoi verliebt. Doch Yo ist Schülerin, wird von ihrem Stiefvater missbraucht, von der Mutter alleingelassen und sucht verzweifelt nach Nähe. Die findet sie bei Yaoi, ja erzwingt sie sich von ihr förmlich. Yaoi strauchelt selbst im Leben, hat Sex gegen Geld, ihre Stelle gekündigt und findet nur Frieden und Freiheit im Gleitschirmfliegen.
Ich habe den Film zufällig auf Prime entdeckt, in der Beschreibung stand LGBTQ und ich hatte eine zärtliche Romanze erwartet. Dass es dann um so düstere Themen geht, hat mich etwas überrascht. Die queere Beziehung und Queerness überhaupt spielen gar keine Rolle im Film. Yo sucht einfach nähe zu einer Person, die (im Krankenhaus) gut zu ihr war und ihr eine Flucht vor dem Stiefvater bietet.
So wichtig die Themen auch sind, die der Film anspricht, habe ich ihn trotzdem leider als ziemlich zäh empfunden. Viele Einstellungen sind einen Tick zu lang, es gibt keine großen Entwicklungen, wir erfahren fast nichts über die Figuren, ihre Vorlieben, ihre Sehnsüchte, ihre Vergangenheit. Im Film sind sie vor allem das, was ihnen widerfährt, was ihnen angetan wird. Vor allem Gewalt von Männern. Hier steckt ein guter Film drin (und es gibt auch einige schöne Einstellungen und Momente), aber der Inszenierung gelingt es nicht, ihn über die gesamte Länge hervorzubringen.
Trotzdem werde ich mir weitere Filme von Regisseurin Aya Igashi ansehen, deren Talent hier durchaus zu erkennen ist. Sie hat ein Gespür für ihre Figuren, lässt die Bilder für sich sprechen, erklärt nicht alles im Überfluss. Es fehlt aber die Dynamik, die alles zusammenhält und uns als Zuschauer mitreißt. Dem Film fehlt eine emotionale Ebene, die es mir ermöglichen würde, anzudocken. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass der Film euch gefallen könnte.
Complicity ist der Debütfilm von Kei Chikaura und behandelt ein Thema, das in der japanischen Politik entweder unter den Teppich gekehrt oder für populistische Stimmungsmache genutzt wird. Chikaura widmet sich jenen Menschen in Japan, die ganz unten in der Gesellschaft unter prekärsten Verhältnissen leben.
Der junge Liang Chen (Yulai Lu) ist einer von ihnen. Seiner Familie in China erzählt er, er würde als technischer Praktikant in Japan in einem Büro arbeiten. Das ist ein Arbeitsprogramm der japanischen Regierung für (dringend benötigte) ausländische Arbeitskräfte, das aufgrund er Konditionen und Restriktionen aber wenig attraktiv ist. Nur arbeitet Liang gar nicht in so einem Programm, sondern ist auf nicht ganz legale Weise in Japan eingereist und geht dort (gezwungenermaßen) zwielichtigen Tätigkeiten nach, bis der die Chance erhält, unter falscher Identität in einem Soba-Restaurant zu arbeiten.
Dort wird er zum Schützling des alten Soba-Meisters (Tatsuya Fuji) und lernt bei einer Essenauslieferung die junge Japanerin Hazuki (Sayo Akasaka) kennen, die Chinesisch lernt und nach Peking auswandern will. Es entwickelt sich eine zarte Beziehung, bei der ich mir nicht sicher bin, ob sie eine Romanze oder eine Freundschaft ist. Vielleicht auch beides.
Dem Film gelingt es gut, Liangs prekäre Lage zu schildern, in der es zwar kleine Hoffnungsblicke und schöne Momente gibt, er aber doch ständig unter Druck steht. Nicht nur, was die Gefahr betrifft, von der Polizei entdeckt zu werden, sondern auch in Bezug auf den Gesundheitszustand seiner Mutter in China und seiner Großmutter. Eigentlich befindet er sich in einer unmöglichen Situation und der Film ist so ehrlich, diese auch nicht aufzulösen.
Japan ist eine rapide alternde Gesellschaft, der aufgrund der immer stärker sinkenden Geburtenrate die Arbeitskräfte ausgehen (auch in wirklich wichtigen Bereichen wie der Pflege). Gleichzeitig wird aktuell sowohl von der japanischen AFD, der Sanseitō, Stimmung gegen Ausländer gemacht, aber auch ganz aktiv von der Regierungspartei LDP, die es zum Beispiel kürzlich erst ausländischen Kindern verboten hat, höhere Schulen zu besuchen. Einerseits werden ausländische Arbeitskräfte dringend benötigt, anderseits läuft eine populistische Kampagne gegen sie, die von der Regierung aufgegriffen wird, die es diesen Arbeitskräften so schwer wie möglich macht. Kommt mir irgendwie bekannt vor.
Und bei all dem wird vergessen, dass hinter diesen Begriffen und Statistiken Menschen mit Schicksalen stecken. Und durch Liang verleiht der Film einem Teil von ihnen eine Stimme. Complicity ist einfühlsam gefilmt, nimmt sich viel Zeit für die Schönheit einfacher Alltagsmomente, zeigt, wie wunderbar es ist, Empathie in Aktion zu sehen, verschweigt aber nicht die Schattenseiten der prekären Lage.
Ich habe den Film auf Japanisch und Mandarin (wird viel gesprochen) auf dem Amazon Channel Sooner gesehen. Die deutschen Untertitel wirken allerdings wie von einer KI generiert oder zumindest mit einem Übersetzungsprogramm erstellt. Am Ende wird er Film Your Name erwähnt und in den Untertiteln steht „Dein Name“.
Misako ist eine junge Frau, die Texte für Audiodeskriptionen bei Filmen verfasst. Wir lernen sie kennen, als sie mit einem Testpublikum an ihren Texten feilt. Die Kritik, die sie dabei erhält, ist für japanische Verhältnisse erstaunlich offen, aber nur so wird sie ihre Texte verbessern können, um jenen, die nicht mehr sehen können, ein möglichst tolles und adäquates Filmerlebnis zu ermöglichen. Zu diesem Testpublikum gehört auch der ehemalige Fotograf Masaya, der Stück für Stück sein Augenlicht verliert, mit dem sie zunächst aneinandergerät, zu dem sie dann aber eine zunächst zaghafte, aber dann zärtliche Beziehung entwickelt.
Bei der internationalen Kritik ist Radiance durchwachsen angekommen. Kitsch wird dem Film attestiert, und dass seine Figuren und Beziehungen zu oberflächlich bleiben würden und Tiefe nur suggerieren. Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Kritik nachvollziehen, aber nur in Ansätzen teilen. Radiance ist der Film, den Naomi Kawase nach ihrem Meisterwerk Kirschblüten und rote Bohnen gedreht hat. Die Messlatte lag also hoch, die Kritiker*innen waren enttäuscht, aber der Film versucht gar nicht, dem Vorgänger nachzueifern.
Ja, die Figuren bleiben vage, wir erfahren nur das Nötigste über sie und ihre Vergangenheit, über ihre Motivation, aber das ist auch nicht notwendig, für das, was erzählt wird. Nach einer Stunde und sechzehn Minuten gibt es eine Szene, von der ich glaube, dass dort der Film für viele in den Kitsch gekippt ist, und ich fand sie auch unnötig und einen Schritt zu weit gehend, was für mich den Filmgenuss aber nicht trübt, auch wenn sie ein wenig plakativ die Sehnsucht der beiden Hauptfiguren darstellt. Und auch der Film im Film, zu dem die Audiodeskription entsteht, wirkt nicht so ganz stimmig zum Rest.
Wir erhalten hier Einblicke in das Leben von Menschen, die ohne Blicke auskommen müssen und auf ihre anderen Sinne angewiesen sind. Und auf uns angewiesen sind, darauf, dass wir als Gesellschaft ihnen nicht nur eine Teilhabe am Alltagsleben ermöglichen, sondern auch am kulturellen Leben. Über die Hauptfigur Misako ermutigt uns der Film, uns in die Lage von blinden Menschen, oder jenen, mit eingeschränkter Sehkraft hineinzuversetzen. Welche Hindernisse stellen sich ihnen im Alltag, wie sorgen wir selbst für solche Hindernisse und wie verwehren wir ihnen die Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben. Ein Film, den sich auch all jene ansehen sollten, die noch Probleme mit Alt-Texten bei Bildbeschreibungen haben.
Ich habe als Kind mal einen Dartpfeil mit Stahlspitze ins Auge bekommen. Das wurde direkt am nächsten Tag operiert, meine Sehkraft gerettet, aber es war eine Frage von einem hundertstel Millimeter. Dann hätte ich immer noch auf einem Auge sehen können, aber es hat mir gezeigt, wie schnell es gehen kann, dass wir von einem auf den anderen Moment aus unserem bisherigen Leben gerissen werden können und uns zwangsweise in der Lage von Menschen wiederfinden, über deren Situationen wir uns ansonsten wohl kaum Gedanken machen.
Vor allem ist Radiance aber ein Film über Trauer und Verlust. Der Verlust des Augenlichts bei Masaya, aber auch der des Vaters bei Misako, was während des Films nur am Rande erwähnt wird, am Ende aber einen schönen Zirkel bildet, der uns ihre Motivation verstehen lässt. Masatoshi Nagase als Masaya und Ayame Misaki als Misako liefern hier eine tolle Leistung ab und bringen uns die Figuren auf empathische Weise näher. Eingefangen wird das ganze in von Naomi Kawase gewohnt schönen Bildern, in denen Natur und vor allem Wald und Sonne eine große Rolle spielen.
Leider habe ich im Zuge der Recherche zu diesem Film lesen müssen, dass Kawase hinter den Kulissen wohl kein so netter und empathischer Mensch ist und schon mal tätlich gegenüber ihren Mitarbeitern wird. Es verblüfft mich immer wieder, wie Menschen, die so schöne und einfühlsame Werke erschaffen können, dem im richtigen Leben nicht gerecht werden und ihre Mitmenschen so ganz anders behandeln, als ihr Werk es vermittelt.
Radience ist der fünfte Film, den ich bisher von Naome Kawase gesehen habe. Die Besprechungen zu den anderen findet ihr hier:
Ein Anime über die Tochter des berühmtesten Malers Japans, die selbst auch eine tolle Künstlerin war.
Wer an Japan und Kunst denkt, hat vermutlich als Erstes die Welle vor Augen. Unter der Welle im Meer vor Kanagawa, gemalt von Katsushika Hokusai als Teil seiner Reihe 36 Ansichten des Berges Fuji. Sie ist schon so ein wenig Japan-Kitsch geworden und hängt bei vielen Japan-Enthusiast*innen an der Wand. Auch bei mir über dem Bett. Ich wollte etwas Japanisches haben und habe nichts anderes gefunden, was da gut hingepasst.
Der Film erzählt aber nicht die Geschichte von Hokusai, sondern die seiner Tochter Ō-Ei. Die lebt und arbeitet mit ihrem Vater zusammen und übernimmt auch schon mal seine Aufträge. Hier wird aber keine Biografie erzählt, vielmehr erhalten wir Einblick in einen kurzen Abschnitt ihres Lebens.
Wir begleiten Ō-Ei bei ihrem Alltag im Edo des Jahrs 1814, wie sie ihrer Arbeit als Malerin nachgeht, Hausbesuche macht, ihren Vater begleitet. Dabei kommt sie als relativ resolut und leicht schroff rüber, taut aber immer auf, wenn sie ihrer kleinen blinden Schwester Ō-Nao die Stadt zeigt; wie sie auf der großen Brücke stehen und den Alltagsgeräuschen lauschen; mit dem Boot über den Fluss fahren und sich große Wellen vorstellen oder wie Ō-Nao mit einem Jungen im Schnee spielt.
Besonders gefallen hat mir, wie hier japanische Mythologie miteingebaut wird, die ja einen großen Einfluss auf die Kunst hat. Visuell wird das alles toll und teils traumwandlerisch präsentiert, doch trotz aller Tragik, die dem Film innewohnt, kommt er ohne große Dramatik aus, ruht in sich selbst. Zeigt aber auch ein Edo, bei dem ich mich frage, ob das Leben dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirklich so idyllisch war.
Vor allem ist Miss Hokusai aber ein Film über eine Frau, die im Schatten ihres Vaters lebt, voll in ihrer Kunst aufgeht, aber doch zurückstecken muss. Das macht sich in kleinen Momenten bemerkbar, wenn sie z. B. in ein Freudenhaus geht; oder sich davor drückt, ein Theaterstück zu besuchen, wo sie jemanden treffen könnte, den sie sehr mag.
Verkörpert wird sie durch die Stimme Anne Watanabes, die sie nicht mit der typisch hohen Anime-Stimme spricht, die wir sonst so oft hören, sondern ihrer resoluten Art gerecht wird. Und wie es ist, im Schatten des Vaters zu stehen, dürfte die Tochter von Ken Watanabe sicher auch kennen, da wurde eine perfekte Besetzung gefunden.
Historisch akkurat dürfte der Film, der auf der Manga-Reihe von Hinako Sugiura basiert, nicht sein. Die Familienverhältnisse dürften etwas anders gewesen sein, aber der Film ist auch keine Doku, es geht darum, die Frau, die wieder einmal im Schatten eines Mannes steht, in den Fokus zu rücken. Und das gelingt Miss Hokusai ganz hervorragend. Ein wunderbarer und schöner Film der leisen Töne, und dem, was zwischen den Zeilen steht.
Letztes Jahr im September bin ich zum ersten Mal in Japan gewesen und war von Tokyo etwas überfordert, wusste nicht so genau, was ich mir ansehen soll. Fürs nächste Mal habe ich mir vorgenommen, auf den Spuren des historischen Edos zu wandeln. Dass es die noch gibt, weiß ich auch verschiedenen Reportagen auf NHK. Da muss ich nur im Vorfeld nächstes Mal besser recherchieren.
Über einen Schüler, der leidenschaftlich seine Liebe zum Erstellen von Musikvideos verfolgt und dabei seine Lehrerin an ihren aufgegebenen Traum erinnert.Ein Film, der zeigt, wie wichtig es ist, Jugendliche dabei zu unterstützen, ihre Talente zu entdecken und zu fördern.
Es gibt kaum etwas Schöneres auf der Welt, als Jugendliche, die einen Weg finden, das, was sie bewegt, auf kreative Weise auszudrücken. Sei es durch Musik, Kunst, Schreiben oder dem Erstellen von Videos. Die Jugendjahre sind eine turbulente Zeit voller widersprüchlicher Gefühle; dem Zwang, bereits so früh die Weichen für das spätere Leben zu stellen und Erwachsenen, die einem ständig sagen, was man alles falsch macht. Das Innenleben vieler Teenager dürfte einem bunten Sturm gleichen.
Bei manchen kanalisiert sich dieses Tohuwabohu in Gewalt, Mobbing oder hilfloser Gehässigkeit. Andere fressen es in sich herein und zerbrechen ganz langsam daran. Glücklich können sich jene schätzen, die eine Weg finden, ihre Gefühle, Wünsche und Träume auf eine Weise zu kanalisieren, bei der etwas Produktives und/oder Kreatives herauskommt; etwas, woran sie als Person wachsen und das ihnen zeigt, wohin die Reise im weiteren Leben gehen könnte.
Kanata ist so ein Jugendlicher, der all seine Energie und Kreativität mit großer Leichenschaft und der Unverwüstlichkeit und Beharrlichkeit der Jugend in das Erschaffen von Musikvideos steckt. Wir lernen ihn kennen, als er für die Band einer Mitschülerin gerade an einem Video arbeitet, dann aber eines Abends auf dem Weg nach Hause im Regen auf eine Straßenmusikerin stößt, deren Lied ihn tief bewegt. Schon bald stellt sich heraus, dass sie Lehrerin an seiner Schule ist und diesen Weg, die eigenen Gefühle in Kreativität sprich Musik umzusetzen, bereits hinter sich hat und gescheitert ist. Als Kanata sie trifft und bittet, aus dem Song ein Video machen zu dürfen, ist sie gerade dabei, die Musik aufzugeben. Denn wie lange können wir kreativ sein, wenn unsere Kunst niemanden erreicht?
Unsere Aufgabe als Erwachsene, als Lehrer, als Pädagogen ist es, die Jugendlichen dabei zu unterstützen, ihren Weg zu finden. Zu finden, was sie besonders gut können und sie dabei zu fördern, darin besser zu werden. Lehrerin Yu Orie macht das hier nur auf sehr indirekte Weise, indem sie als Vorbild inspiriert, aber eigentlich zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Es ist ihr Schüler Kanata, der sie an ihren Traum erinnert und dabei hilft, den Weg dorthin zurückzufinden. Denn die richtig guten Lehrer*innen lernen auch immer etwas von ihren Schüler*innen.
A Few Moments Of Cheers ist ein mit Motion-Capture animierter Film, der uns diese Lektion auf einfache, aber bewegende Weise näherbringt. Regie führte POPREQ, der damit sein Debüt gab. Der Film lief 2025 auf der Nippon Connection, wo ich ihn aber verpasst habe. Mit 68 Minuten ist er relativ kurz, hat aber für das, was er erzählt, genau die richtige Länge. Die Animationen erinnern weniger an Animes, und mehr an den Stil von Filmen wie Into The Spiderverse. Die Musik, vor allem der Hauptsong von Yu Orie ist sehr gut. Einzig das Hintergrundgedudel in der ersten Filmhälfte nervt etwas.
A Few Moments Of Cheers ist ein Film, der Jugendlichen zeigen kann, wie hilfreich es ist, einen Weg zu finden, die eigenen Gefühle und das was einen bewegt auf kreative Weise herauszulassen. Und es ist ein Film, der uns Erwachsene daran erinnern kann, was für eine wunderbare Sache das ist, die wir jederzeit unterstützen sollten.
Dawn of the Felines erzählt von drei Sexarbeiterinnen, die als Prostituierte für eine Agentur in Tokyo arbeiten. Sie machen Hausbesuche bei Kunden und schlagen sich in widrigen Umständen durchs Leben. Masako ist obdachlos, Rie möchte ihrem treulosen Gatten eins auswischen und Yui ist eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrer Rolle zu kämpfen hat.
Der Film ist Teil der des Roman Porno Reboot Project von Nikkatsu, zu dem auch Sion Sonos Antiporno gehört oder Wet Woman In The Wind. Das Projekt bezieht sich auf eine Pinku-Reihe von Nikkatsu, die zu Beginn der 1970er gestartet wurde. Fast 1.000 Titel sollen darin erschienen sein. Pinku Eigas sind normalerweise Softpornofilme, die wenig Handlung haben und oft unter schmierigen Umständen entstanden sind. Dazu gibt es mit The Naked Director auf Netflix eine ganz hervorragende Serie.
Für das Reboot-Projekt hat Nikkatsu renommierte Regisseure angefragt, die sonst alles andere als erotische Filme drehen. Dementsprechend haben viele Filme der Reihe auch eine höhere Qualität als die üblichen Pinku Eigas. Das gilt auch für Dawn of the Felines.
Wie sehen hier das Porträt dreier Frauen, die sich aufgrund ihrer prekären Lage gezwungen sehen, als Sexarbeiterinnen tätig zu sein. Der Film enthält die für Pinku Eigas üblichen Sexszenen, doch dazwischen steckt eine Studie über das Nachtleben Tokyos und Einsamkeit in Japan. Eingefangen wird das Ganze in wunderbar melancholischen Bildern, wenn die Frauen nachts durch die Straßen Tokyos streifen.
Den Sexszenen wohnt keine Erotik inne. Denn wenn beim Sex nicht alle Beteiligten Lust oder Vergnügen empfinden, sondern nur aus finanziellen Gründen mitmachen, hat das nichts Erotisches. Doch diese Szenen spiegeln auch die Einsamkeit der Männer wieder, die anscheinend keine andere Möglichkeit sehen, als Sexarbeiterinnen zu engagieren, oder die es bequemer finden, als sich die Mühe zu machen, eine Sexpartnerin zu suchen.
Es werden aktuelle japanische Themen angesprochen: Obdachlosigkeit wird gerne totgeschwiegen, aber es gibt immer mehr (auch junge) Menschen, die auf der Straße leben oder in Internet-Cafés schlafen. Die Zahl der alleinerziehenden Mütter steigt, ihnen werden von Teilen der Gesellschaft immer noch Vorwürfe gemacht und sie werden finanziell benachteiligt. Was aber kein Grund sein darf, dass Yui ihren Sohn schlägt und über Tage bei einer Miet-Betreuung abgibt. Aber so bekommen wir hier ein authentischeres Bild von Menschen, die sich ambivalent verhalten und den Druck, der auf ihnen lastet, auf unschöne Weise ablassen. Und auch Rei hat Druck abzulassen, denn von japanischen (Ehe)Frauen wird erwartet, dass sie Kinder bekommen, und wenn sie das nicht können, gibt es interne und externe Schuldgefühle, der Mann geht fremd (vorzugsweise mit einer fruchtbaren Frau).
Gemeint sind Filme, die ich 2025 erstmals gesehen habe. Können also auch ältere sein. Da ich 2025 (jenseits von Filmfestivals) gar nicht im Kino war, bin ich auch nicht auf dem aktuellsten Stand. Ursprünglich hatte ich ganz viele japanische Filme auf der Liste, habe aber alles gestrichen, was in Deutschland aktuell noch nicht erhältlich ist (also Filme, die ich auf der Nippon Connection gesehen habe).
Mit Train Dreams hat es immerhin ein US-amerikanischer Film auf die Liste geschafft. Weapons ist knapp vorbeigegangen, ist aber eine klare Empfehlung von mir. One Battle After Another habe ich noch nicht gesehen, da er noch nicht günstig zum Leihen verfügbar ist. Ich schaue durchaus noch gelegentlich Hollywood-Filme, aber die öden mich fast alle an oder sind halbwegs gut, aber nicht gut genug für die Top Ten. Aufregendes Kino kommt aus anderen Ländern.
Bei der folgenden Liste gibt es kein Ranking.
37 Seconds (37セカンズ)
37 Seconds von der japanischen Regisseurin Hikari zeigt, wie das gehen könnte. Doch neben der Emanzipationsgeschichte, die vor allem die erste Hälfte des Films einnimmt, entwickelt sich hier auch eine bewegende Familiengeschichte, die trotz einiger trauriger Momente und heftiger Streitigkeiten nie schwermütig wird. Das hier ist ein fröhlicher Film.
Ein gelungener Anime über Mobbing an der Schule, Gehörlosigkeit und die vielschichtige und ambivalente Widersprüchlichkeit von Freundschaften unter Jugendlichen.
Nach der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson. Ist verfilmtes Nature Writing über die tragische Lebensgeschichte eines Tagelöhners, in wunderbaren Bildern. So fühlt sich echte Natur ganz ohne CGI im Film an. Trotz des Titels sind es vor allem Holzfällergeschichten, aber auch über einen Mann, der von der Moderne überholt wird.
Netflix
Tótem (2024)
Toller mexikanischer Film von Lila Avilés über einen Tag im Leben einer Familie, die eine Geburtstagsfeier für den todkranken Bruder veranstaltet. Größtenteils sehr einfühlsam aus Perspektive von dessen siebenjähriger Tochter Sol erzählt. Chaotisch, herzlich, witzig, aber auch traurig. Mit einer grandiosen letzten Einstellung von Sol, die unter die Haut geht.
Relatos salvajes (Wild Tales)
Warum habe ich diesen argentinischen Episodenfilm bisher noch nicht gesehen? Der ist toll. Erzählt von Menschen, die in den unterschiedlichsten Situationen die Beherrschung verlieren. Teils makaber, teils witzig, aber auch ein wenig gesellschaftskritisch.
Y tu mamá también
Entwickelt sich von einer Slacker-Komödie zum Roadtrip mit einer Dreiecksbeziehung. Wird immer dann ein interessantes Porträt Mexikos, wenn Cuaron die Kamera links und rechts von den beiden unsympathischen Protagonisten abschweifen lässt. Die interessante Figur ist sowieso Julia. Nur mit dem deprimierenden Ende kann ich mich nicht anfreunden. Ist recht vulgär, aber filmtechnisch grandios gefilmt. Da sieht man schon die Ansätze der Kameraarbeit von Children of Men.
Gibt es aktuell bei Netflix.
Ainda estou aqui (Für immer hier)
Über die brutale Willkür und Gewalt der brasilianischen Militärdiktatur in den 1970ern, erzählt am Schicksal der Familie von Rubens und Eunice Paiva, die darunter leidet, aber nicht daran zerbricht. Basierend auf dem Buch von Sohn Marcelo Rubens Paiva. Fernanda Torres spielt Mutter Eunice herausragend gut und bildet das Herzstück dieses wichtigen und kraftvollen Films.
Mubi
Parthenope
In Parthenope inszeniert Paolo Sorrentino die Schönheit der Jugend vor der Schönheit des Alten. Aufgrund des male-gazigen Altherrenphantasie-Trailers hatte ich nicht erwartet, dass mir der Film so gut gefallen wird, aber über die gesamte Länge unterläuft er die Klischees ganz gut. Getragen wird der Film neben den schönen Bildern vor allem von der großartigen Hauptdarstellerin Celeste Dalla Porta und Neapel selbst. Der Film ist eher Märchen denn realistische Erzählung.
Prime
Flow
Wunderschön gefilmte postapokalyptische Geschichte über eine Katze und einige tierische Freunde in einer Welt ohne Menschen, in der nur noch monumentale Ruinen der einstigen Zivilisation übrig sind. Eine erfrischende und innovative Abwechslung zu allem, was animationstechnisch aus Hollywood kommt. Wobei The Wild Robot auch nicht schlecht war, dem fehlte aber die poetische Schönheit von Flow.
Disney+
The Ugly Stepsister
Neuinterpretation des Märchens Aschenputtel, in historischem Setting mit Body Horror und Kritik an modernen Schönheitstrends. Trotzdem erstaunlich dicht am Originalmärchen mit seinen Verstümmelungen am Ende. Toll gespielt, flott gefilmt. Hätte nicht gedacht, dass der mir so gut gefällt.
Dokumentarfilm außer Konkurrenz
Black Box Diaries
In Black Box Diaries rekonstruiert die japanische Journalistin Shiori Itō ihre Vergewaltigung von 2015 und schildert ihren Kampf für Gerechtigkeit, aber auch gegen institutionalisierte und gesellschaftliche Rape Culture. Ein bewegender, wichtiger und herzzerreißender Film. Hier meine ausführliche Besprechung.
Film an sich ist schon ein Kunstform, doch besondere Genres bedürfen einer feinfühligen Meisterschaft, um das Thema authentisch und ihre Protagonist*innen respektvoll rüberzubringen. Bei Coming of Age ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt, um jene turbulente und delikate Phase der Jugend auf emphatische Weise gerecht zu werden. Es bedarf Filmemacher*innen, die nicht vergessen haben, wie es ist, jung zu sein. Der 2001 verstorbene japanische Regisseur Shinji Sōmai gehört zu ihnen.
Taifun Club erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die während eines Taifuns in einer kleinen Schule festsitzen und eine transformative Wandlung durchmachen. Dazu erzählt Sōmai keine stringente Geschichte, die uns mit einem roten Faden und klassischer Dramaturgie durch die Schicksale einiger ausgewählter Protagonist*innen führt. Er zeigt uns Momentaufnahmen, die in teils kryptischen Szenen zeigen, wie verloren und willkürlich die Jugend sein kann.
Auffällig ist hier die Abwesenheit der Eltern, bis auf einen dysfunktionalen Lehrer und ein paar kleine Nebenfiguren gibt es hier keine Erwachsenen (der einizge Vater, den wir kurz sehen, läuft vor seinem Sohn davon). Wir erleben Kinder, die alleine, ja im Stich gelassen werden und auf eigene Faust durch das Labyrinth der Jugend navigieren müssen – was einigen besser gelingt als anderen.
Typhoon Club ist keine gefällige Hollywood-Komödie á la Breakfast Club, es geht auch um Gewalt, Mobbing und Suizid. Im Vergleich zu Sōmais Filmen aus den Neunzigern, ist dieser hier noch roh, unmittelbar und teils drastisch, trotz der manchmal (quälend) langen Einstellungen.
Der Taifun steht stellvertretend für den Sturm der Pubertät, der manche mit sich reißt, andere im Regen reinwäscht und ihnen Klarheit verschafft. Auf viele von uns hat sich nach diesem Taifun der Dunst des Vergessens gelegt, der uns des Gefühls beraubt, wie es einst war, so jung zu sein, was in einem Unverständnis gipfelt, das wir nachfolgenden Generationen entgegenbringen. Es ist gut und wichtig, dass uns solche Filme unser Versagten in dieser Hinsicht immer wieder vor Augen führen, in der Hoffnung, dass es die Jugend von heute einmal besser machen wird. Wobei auch bei uns immer noch Besserung möglich ist, wenn wir uns wieder mehr für Empathie und die Nöte anderer Menschen öffnen, auch wenn wir uns gerade weltweit in einer Phase der Menschheitsgeschichte zu befinden scheinen, in der sich gerade das wieder im Rückzug befindet. Weshalb ich nicht müde werde, auf Werke hinzuweisen, die zeigen, wie es gehen kann; die unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Nöte der Jugend (und anderer marginalisierter Gruppen) lenken und jene Empathie in uns wecken, die sich viele von uns als Kinder und Jugendliche vermutlich selbst von den Erwachsenen gewünscht hätten.
Typhoon Club habe ich auf Mubi gesehen, wo es auch noch zwei weitere Coming-of-Age-Filme von Shinji Sōmai gibt:
The Friends (Natsu no niwa, 1994), sehr schöner Film über drei junge Freunde, die die sich mit einem älteren Herrn aus der Nachbarschaft anfreunden, nachdem sie ihn erst eine Weile gestalkt haben, ihm dann aber helfen, Haus und Grundstück zu renovieren und dabei einiges über das Leben (und den Tod) lernen.
Moving (Ohikkoshi,1993) begleitet kunstvoll und einfühlsam ein junges Mädchen während der Trennung ihrer Eltern und ihrem verzweifelten Versuch, die beiden miteinander zu versöhnen. Tomoko Tabatas Schauspielleistung ist mit die beste, die ich je von einer Kinderdarstellerin gesehen habe. Ein großartiger Film.
Anders als bei Serien, bin ich bei Musik nicht wirklich auf dem Laufenden. 2025 habe ich nur sehr wenige Alben gehört, die in diesem Jahr auch neu erschienen sind. Rosalias großartiges Lux gehörte dazu, über das aber sowieso alle geredet haben. Ansonsten habe ich eher Musikerinnen für mich entdeckt, deren Musik schon ein paar Jahre alt ist.
The Warning
Meine persönliches musikalisches Highlight 2025 war The Warning. Ich hatte zuvor schon ein paar Songs gehört, aber so richtig bemerkt, wie toll sie sind, habe ich erst diesen Sommer. Und sie dann auch schon zwei Wochen später direkt live gesehen. Worüber ich hier auf meinem Blog auch geschrieben habe. Und das Live-Album, das im September herausgekommen ist, habe ich auch besprochen.
Aurora
Auch Aurora kannte ich vorher schon durch vereinzelte Lieder, aber erst die Kollaboration mit Jacob Collier hat sie so richtig auf meinem Schirm befördert. Jetzt arbeite ich mich chronologisch durch ihre Diskografie, nehme mir dabei aber Zeit, da einmal Hören nicht ausreicht, um ein Album wirklich zu erfassen. Zu ihrem Debütalbum All My Demons Greeting Me as a Friend schrieb ich: ätherisch schöner Pop aus Norwegen jenseits des Charts-Mainstreams, mit wundervoller Stimme, minimalistischem, effektivem Musikeinsatz und guten Texte. Musik zum Träumen, der Welt aber nicht entrückt.
Das setzt sich auch auf dem zweiten Album Infections of a Different Kind – Step 1 fort, dessen Highlight für mich Queendom ist. Insgesamt ist die Platte musikalisch etwas flotter und elektronischer.
Mei Semones
Mei Semones ist eine junge japanisch-amerikanische Musikerin, die im Mai ihr erstes Album herausgebracht hat. Animaru ist eine lässige Mischung aus Jazz, Bossa Nova, Indie-Rock und Eliot Smith. Semones singt auf Japanisch und Englisch, innerhalb eines Liedes, wenn ich das richtig verstanden habe, wiederholt sie, was sie auf Japanisch singt auch auf Englisch und umgekehrt. Musikalisch ist das ganze sehr anspruchsvoll, steckt voller Überraschungen und ist alles andere als generisch.
Helge Hoefs & die Unabhängigkeit
Helge Hoefs ist ein Jugendfreund von mir, der mich mit seiner Musik in dieser Zeit stark geprägt hat. Wie sehr, das habe ich erst dieses Jahr gemerkt, als ich mir sein im September erschienenes Album Liebe in Sepia angehört habe. Erhältlich ist es über Bandcamp. Direkt nach Hören im September habe ich auch eine fünfseitige Rezension dazu verfasst, sie dann aber nicht veröffentlicht, weil sie wohl doch zu persönlich geworden ist, mehr ein Text über eine Freundschaft im Wandel der Zeit, weniger ein Album-Review.
Hier aber ein paar Auszüge:
„Das hier wird keine klassische Musikalbenbesprechung, sondern ein sehr (vielleicht zu) persönlicher Text, da der Künstler einer der besten Freunde meiner Jugendjahre ist, den ich aber seit 12 Jahren nicht mehr gesehen habe und zu dem ich in der Zeit auch virtuell kaum noch Kontakt hatte. Es ist ein Text über Freundschaft, über die Freundschaft der Jugend, das gemeinsame Erwachsenwerden und jene Kreuzungen des Lebens, an denen sich der gemeinsame Weg trennt und wir in andere Richtungen voneinander fort schreiten. Es ist mehr ein Text über mich, weniger über die Musik selbst, aber darüber, was die Musik mit mir gemacht hat. Musik kann in uns Emotionen erreichen, die tief versteckt im Unterbewusstsein schlummern oder durch Rationalisierung verwässert wurden.
Das erste Hören des Albums hat dafür gesorgt, dass ich meine Jugendjahre noch mal vor dem inneren Auge habe Revue passieren lassen und am Ende hatte ich Tränen in den (äußeren) Augen. Aber das kann natürlich auch an Erkältung liegen, die mich dabei plagte. Für Helge ist das Album wohl das Ergebnis genau dieser letzten 12 Jahre, in denen er aus Berlin in die Uckermarck gezogen ist, wo er sich mit seiner Familie ein neues Leben aufgebaut hat. Für mich brachte es viel Erinnerungen an die Zeit davor zurück. Denn den Helge-Sound von früher habe ich in den Liedern sofort wiederkannt. Wenn mich fortan jemand fragt, was die Musik meiner Jugendjahre war, werde ich nicht Dave Matthews Band, Nine Inch Nails, Radiohead, Nick Cave, Björk, Tom Waits oder System of Down antworten, sondern: Helge Hoefs.
Kann eine Freundschaft 12 Jahre ohne Kontakt überstehen? Vor ein paar Wochen hätte ich noch geantwortet: Ich weiß es nicht. Wohl eher nicht. Nachdem ich Helges Album gehört habe, das in mir alle möglichen Emotionen geweckt hat, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie noch habe, würde ich sagen: Ja, unbedingt. Ich weiß nicht, ob ich Helge in diesem Leben noch mal wiedersehen werde, ausreichend Zeit müsste ja eigentlich dafür da sein, wir sind ja erst Mitte/Ende 40. Aber sollten wir uns je wiedersehen, bin ich mir sicher, dass das Gefühl und die Verbindung von damals noch da sein werden.
Das Hören des Albums, der Klang der so vertrauten Stimme, haben mir klargemacht, dass bei mir diese Freundschaft auf jeden Fall noch irgendwo schlummert. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch, der seine Emotionen nicht zeigt und schon gar nicht jemandem mitteilt, aber das ändert nichts daran, dass diese Emotionen da sind. Doch hier kann ich festhalten, dass mich das Album zum ersten Mal in 12 Jahren daran erinnert hat, wir sehr mir Helge fehlt.“
Die Musik hat etwas Verträumtes, sieht die kleinen (verschrobenen) Schönheiten im Alltag, ist aber auch gesellschaftskritisch. Besonders freut es mich, dass Helge nach langer Zeit wieder mit Peter Wanitschek zusammengearbeitet hat, den ich auch noch aus meiner Zeit in Berlin durch Helge kenne. Und dass Tine und Lene mitsingen.