Hast du je darüber nachgedacht, was mit dir passiert, wenn du einschläfst? Oder hast du schon mal daran gedacht, wie schön es wäre, wenn man dermaleinst einfach im Schlaf „entschlafen“ könnte?
Tatsächlich fühlt sich der Schlaf ein bisschen wie der Tod an. Mit dem Einschlafen geht das Bewusstsein weg. Man ist nicht mehr richtig da.
Der Vergleich mit dem Tod ist mir das erste Mal im Judentum begegnet. Im Talmud wird der Schlaf als ein sechzigstel des Todes – als „der kleine Tod“ beschrieben („שינה אחד משישים למיתה“ (Shena achat mi-shishim le-mita).
Die Metapher existiert es allerdings nicht nur im Judentum. Die Idee des Schlafs als „kleiner Tod“ ist fast universell, weil jede Kultur das Phänomen von Bewusstseinsverlust und körperlicher Ruhe kennt. Oft wird es in poetischer, mystischer oder philosophischer Sprache beschrieben. Aber auch die moderne Wissenschaft vergleicht den Schlaf mit einem mini – todähnlichen Zustand: Das Bewusstsein ist ausgeschaltet, die Körperfunktionen sind reduziert und die Gehirnaktivität ist anders als im Wachzustand.
Manche Menschen glauben, dass sich die Seele während des Schlafes vom Körper loslöst.
Im Judentum ist diese Vorstellung tief verwurzelt, allerdings eher spirituell-symbolisch als wörtlich-physisch gemeint. Die Seele kann sich während des Schlafes Gott nähern oder spirituelle Eindrücke aufnehmen. Das Erwachen ist dann wie das Zurückkommen ins Leben.
Deshalb dankt der gläubige Jude beim Morgengebet – noch bevor er sich vom Bett erhebt – Gott dafür, dass ihm die Seele wieder zurückgegeben wurde.
Modeh Ani lefanecha, Melech chai wekajam,
schehechesarta bi nischmati bechemla,
rabba emunatecha.
„Ich danke dir, König, Lebender und immer Bestehender
dass du mir meine Seele voller Barmherzigkeit zurückgegeben hast.
Groß ist deine Treue.“
Das Gebet stärkt das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und erinnert daran, dass das Leben ein Geschenk und jeder Tag kostbar ist.
Gibt es bestimmte Momente, in welchen du dir deiner eigenen Sterblichkeit besonders bewusst bist? Pflegst du Rituale, Zeiten, in welchen du inne hältst, um dich zu erinnern, wie wertvoll das Leben ist? Welche Gedanken begleiten dich beim Einschlafen/Aufwachen?
Ich freue mich auf deine Antwort
Komm gut in den Tag
Anmerkung:
Der Gleichklang der beiden Worte mitah (Tod) und mitah (Bett) im Hebräischen ist interessant. Die Worte haben nicht dieselbe Wurzel. Aber im rabbinischen Denken können Dinge, die gleich klingen, innerlich verbunden sein. Diese Verbindung wird dann ethisch oder spirituell interpretiert. Genau das passiert im erwähnten Talmud Text mit dem Wort mitah (Tod). Es spiegelt eine tiefere Wahrheit: Jeder Schlaf( im Bett sein) ist ein Schritt in Richtung Transzendenz
Im Deutschen benutzen wir ebenfalls das Wort „einschlafen“, wenn jemand friedlich gestorben ist – er ist friedlich eingeschlafen.



