The Marshall Plan, oder: Jetzt wird’s amtlich!

Freitag morgen, der Wecker katapultiert den drahtigen Kerl mit einem sanften WAKE UP (von Rage against the machine) in den Wachzustand, es ist genau 6 Uhr 66. Er schlüpft aus seinen Schlafboots, wirft sich in die „leisure friday“ Leder- und Nietenkluft und die Krawatte in den Mixer und freut sich auf einen lauten, harten und schnellen Arbeitstag im Ministerium für Rocksoundbewertung. Auf dem Schreibtisch aus zertrümmerten Solidbodygitarren liegt ein hoher Stapel Schallplatten mit erfreulich dunklen und blutigen Covermotiven, der ihm freundlicherweise schon von seiner Sekretärin Tracy bereit gelegt wurde (die exakt so aussieht wie Robert Trujillo, nur mit etwas kürzeren Beinen und etwas tieferer Stimme, was den seltenen Besuchern immer wieder ein irritierendes Kribbeln im Schritt verursacht). Der Kaffee dampft, das Bier steht kühl.. Die erste Scheibe wird aufgelegt, er hört kurz zu, kreischender Gesang, kaum verständlicher Text, wummernder Bass, knallendes Schlagzeug, fette Gitarren..wunderbar, Stempel drauf!

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A plug full of sound“ by Jakob Lawitzki under Creative Commons Licence 2.0

So ähnlich muss das doch wohl ablaufen, wenn eine Musikaufnahme das Prädikat „amtlich“ verliehen bekommt, oder etwa nicht?

Diese Bezeichnung für den angeblich richtigen oder passenden Sound für bestimmte Spielarten der Rockmusik verursacht mir hingegen immer wieder Unbehagen. Was soll das denn nun eigentlich sein? Das was die Journalisten zu sagen haben, die Einschätzung der Fans, ein subjektiver Höreindruck, der bei jedem anders ausfällt? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten , trotzdem wird der Begriff fast schon inflationär verwendet und dabei offenbar immer vorausgesetzt, der Leser/Hörer wüsste dann schon, was genau damit gemeint sei. Tausende Hobbygitarristen sind auf der unendlichen Suche nach dem „amtlichen“ Sound ihrer Lieblingsband und füllen nicht nur unzählige Diskussionsforen mit entsprechenden Tipps, sondern auch die Kassen der Instrumentenhersteller, die von jedem halbwegs erfolgreichen Rockmusiker entsprechende überteuerte „Signature“-Instrumente, Verstärker oder Drumsticks auf den Markt werfen, die natürlich unabdingbar sind, um „den“ Klang erreichen zu können.

Dass dieser Begriff dann aber letztlich doch nur ein Notbehelf sein kann und auch nicht immer so ernst genommen werden muss, zeigt vielleicht auch die gleichnamige Metal-Kolumne von Spiegel-Online,[1] die in unregelmäßigen Abständen mit einem gerüttelt Maß selbstironischer Anspielungen gespickte Einblicke in die aktuellen (Neu-)Erscheinungen im Metal Universe bietet.

Die möglichen Konnotationen sind zudem auch noch ziemlich ambivalent. So wollen junge Bands zwar einerseits schon so klingen wie ihre großen Vorbilder oder wie das gewählte Musikgenre es eben verlangt, andererseits aber auch einen eigenen unverwechselbaren Sound etablieren. Das Kompliment „Ihr klingt ja genauso wie …“ kann dann sowohl zu Begeisterung führen, weil man es so gut hinbekommen hat, als auch für Entrüstung sorgen, weil das „Eigene“ nicht erkannt worden ist.

Hier haben wir jedoch en passant eine Möglichkeit gestreift, mit dem man einen „amtlichen“ Klang schon einmal grob einzugrenzen vermag: das Genre. (Rock-) Musikgenres gibt es in wachsender Anzahl und die jeweiligen Definitionen sind beileibe nicht statisch, sondern ändern sich kontinuierlich, es finden Unterteilungen, Abgrenzungen, Verschmelzungen und Revivals statt, die auch immer wieder neu verhandelt werden. Abgesehen davon ist zweifellos der Blues-Sound erst einmal ein anderer als ein Metal-Klang, und Reggae-Töne unterscheiden sich vom Hardrock. Der spezifische Klang einer Musikrichtung kommt jedenfalls nicht aus dem Nichts und wird auch nicht von einer Person oder Band vorgegeben. Es handelt sich hierbei um einen zum Teil langwierigen Prozess der Kanonisierung, der im Wechselspiel zwischen Musikern, Produzenten, Promotern, Fans und Journalisten entsteht und sowohl technische Entwicklungen absorbiert als auch gesellschaftliche Einflüsse aufnimmt.

Ein gutes Beispiel scheint mir in diesem Zusammenhang die Entstehung des Death Metal zu sein. Zur Genrebildung trugen hier verschiedene Elemente bei. Zu Beginn der achziger Jahre entwickelten sich immer härtere und extremere Spielarten des Metal, sicherlich unter dem Einfluss stärker werdenden gesellschaftlichen Verunsicherung und als deutliche Abgrenzung zur kommerzialisierten Rockmusik. Um auch klanglich eine größere Härte zu erreichen, wandelte sich also der Gitarrensound. Man verzichtete zunehmend auf das mittlere „warme“ Frequenzspektrum klassischer Röhernverstärker und benutzte einerseits vermehrt die Transistor-induzierte Verzerrungs-„Säge“ und andererseits tiefer gestimmte Instrumente, um Höhen und Bass zu betonen; zu Lasten der Dynamik wurde der Sound zusätzlich meist noch stark komprimiert. In Verbindung mit dem typischen gutturalen Gesangsstil (Grunt, Growling) formte sich so der „amtliche“ Death Metal Sound.[2]

Nimmt man alles zusammen, bedeutet amtlicher Klang dann meistens also doch „produzierter“ Sound. Nur in der Anwendung (und im Verständnis) entsprechender technischer Möglichkeiten entstehen letztlich die Klänge, die man mit den Attributen „druckvoll“, „präsent“ oder „fett“ versieht. Wie stark dafür dann jeweils Ort der Aufnahme oder die verantwortlichen Personen das entscheidende Element für einen unverwechselbaren oder zumindest auffälligen Klang auch im Rock Genre sind,[3] ist schwer nachzuhalten, es deutet jedoch einiges darauf hin, dass dem tatsächlich so ist. Das legt zumindest ein kurzer Blick auf die Produktionsliste bestimmter Studios (z.B. des Sound City Studios in Kalifornien) oder Produzenten (z.B. Andy Wallace) nahe.

„Amtlicher“, also professioneller Sound, bedeutet aber eben automatisch auch immer kommerzieller Sound, weshalb manchmal von den Fans sogar eine „Lo-Fi“-Produktion erwartet wird und der Verzicht auf professionelle Produktion geradezu zelebriert wird, um auch ja nicht kommerzieller Interessen verdächtigt zu werden.[4] Letztlich entscheidet dann also jeder Hörer doch individuell, was für ihn oder sie tatsächlich amtlich bedeutet..nun denn, Hauptsache, es rockt!

[1] http://www.spiegel.de/thema/amtlich/

[2] Klangbeispiele unter anderem auf http://www.mapofmetal.com/#/home.

[3] Was sich beispielsweise im Soul noch stärker bemerkbar machte, man denke an den typischen Sound der Künstler von Motown-Records in den sechziger Jahren, der vor allem dadurch zustande kam, dass neben denselben Studios auch fast immer dieselben Studiomusiker engagiert wurden.

[4] Vgl. Simon Zagorski-Thomas: Musical Meaning and the Musicology of Record Production, in: Beiträge zur Popularmusikforschung Bd. 38 (2012), S. 135-147, hier S. 140.

Der Rock and Roll Take-off – 60 Jahre „Blackboard Jungle“

2015 ist Jubiläumsjahr. Erneut gibt es genügend Anlass, bestimmte historische Themen besonders zu reflektieren. Neben dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommen dem geschichtlich Interessierten da sofort auch solche entscheidenden Ereignisse in den Sinn wie der Wiener Kongress von 1815 oder noch weitere zurückblickend vielleicht auch die Magna Charta von 1215. Für die Zeit- und Kulturgeschichte jedoch ebenfalls nicht zu unterschätzen ist das, was heute vor sechzig Jahren geschah. Am 19. März 1955 kam nämlich der Film Blackboard Jungle (dt. Die Saat der Gewalt) in die amerikanischen Kinos. Auch wenn es mit solchen Jahrestagen ja immer so eine Sache ist und diese manchmal doch sehr bemüht wirken, kommt man an diesem Datum zumindest für die Entwicklung der Rockmusik nicht vorbei.

Der Film an sich fungierte durch seine schonungslose und ungewohnt harte Darstellung der damaligen Generationenkonflikte und der damit einhergehenden latenten Gewaltbereitschaft und Jugendkriminalität gleichsam als Identifikationsschablone für viele Heranwachsende und wurde dadurch auch automatisch zu einem großen Publikumserfolg.

Auf lange Sicht als noch wirkungsmächtiger erwies sich jedoch die Verwendung von Bill Haleys Rock around the clock als Titelsong. Auch wenn das Stück entgegen der landläufigen Meinung sicherlich nicht als der erste Rock and Roll-Song bezeichnet werden kann [1] und zudem bereits im Sommer 1954 als B-Seite einer Haley-Single veröffentlicht (und mehr oder weniger ignoriert) worden war, wurde der Titel im Sog des Filmerfolgs weltbekannt und schließlich unabhängig davon zu einem Meilenstein der Rockmusikgeschichte und mit ca. 200 Millionen Exemplaren zu einer der meistverkauften Singles überhaupt.[2] Durch diesen Song wurde die bereits seit dem Ende der vierziger Jahre in Kreisen vor allem schwarzer Musiker entstandene härtere Spielart des Rhythm and Blues einem breiten Publikum bekannt und entwickelte sich dann auch schnell zum Soundtrack der aufbegehrenden Jugend.

Bill Haley and his Comets während eines Fernsehauftrittes 1954 (Unbekannt - Wikimedia Commons with the friendly permission by Mr. Klau Klettner from Hydra Records).
Bill Haley and his Comets während eines Fernsehauftrittes 1954 (Unbekannt – Wikimedia Commons with the friendly permission by Mr. Klau Klettner from Hydra Records).

Hierdurch wurde zum einen der Grundstock der weiteren musikalischen Entwicklung gelegt. Fast jegliches Genre moderner Rockmusik lässt sich auf die Ausprägungen des Rock and Roll zurückführen. Ähnlich wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die habituellen Erscheinungsformen der Rockmusik, man denke nur an den Jeans- und Lederlook oder die Gestik und Attitüde von Rockperformern, die sich ebenfalls von Interpreten wie Chuck Berry, Little Richard oder Elvis Presley herleiten lassen.

Rock and Roll war aber eben nicht nur ein musikalisches Phänomen, sondern diente auch als Brennpunkt sozialer und generationeller Konflikte und konnte letztlich auch nur vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen funktionieren. Der wirtschaftliche Aufschwung im Nachkriegsamerika begünstigte vor allem den mittleren Teil der Gesellschaft, der sich den neu gewonnenen Wohlstand sichern wollte und zunehmend konservativ agierte. Wohnsiedlungen wurden in die Vorstädte verlagert, entsprechende Wertvorstellungen gepflegt. Das bedeutete konkret, dass sich junge Männer auf den sicheren Job und die Karriere, die jungen Frauen auf das Heim und die Familie konzentrieren sollten. Doch neben dieser heilen Welt verschärften sich die sozialen und politischen Probleme. Im selben Maße wie der Wohlstand der weißen Mittelschicht gestiegen war, hatte sich die Armut der schwarzen Bevölkerung verstärkt. Die soziale Kluft vergrößerte sich und auch die Auswirkungen der Rassentrennung konnten nicht mehr tot geschwiegen werden.

Der sich verschärfende Kalten Krieg schuf zudem eine permanente Bedrohungssituation, die zwar abstrakt aber doch deutlich spürbar war. Aus dieser Situation wollten viele Jugendliche vor allem der weißen Mittelschicht ausbrechen und suchten nach Orientierungsmöglichkeiten abseits der vorgegebenen gesellschaftlichen Muster. Genau deshalb funktionierten denn auch Filme wie Blackboard Jungle (oder ähnliche Filme mit beispielsweise von Marlon Brando oder James Dean verkörperten tragischen Helden), die Gewalt und Aufbegehren thematisierten. Und auch im Rock and Roll wurden gesellschaftliche Tabus gebrochen, sei es durch sexuelle Anspielungen in den Songtexten oder dem wilden und ungezügelten Lebensstil, den viele Stars verkörperten. In diesem Sinne lässt sich die damalige Affinität junger Leute zum Rock and Roll zunächst auch einfach erklären:

“The reason kids like rock ‘n roll is their parents don’t.”
(Mitch Miller)

Etablierte Mechanismen der Rassentrennung wurden in diesem Zusammenhang aber ebenfalls umgangen. So gab es auf einmal vermehrt Hits schwarzer Interpreten in den „weißen“ Charts (wie Chuck Berry) und Künstler wie Elvis Presley wurden Dauergäste in den „schwarzen“ Hitlisten. Die Hautfarbe der Interpreten wurde zwar nicht irrelevant, aber doch bei weitem nicht mehr als so wichtig angesehen wie noch wenige Jahre zuvor, beziehungsweise es gab immer mehr Interesse an der Musik der „Anderen“. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich die Radiosendung, die dem neuen Musikstil letztlich zu seiner Bezeichnung verholfen hat: Moondog’s Rock ’n‘ Roll Party von Alan Freed, der dort bevorzugt originale Songs schwarzer Künstler und eben nicht die Coverversionen dieser Songs abspielte, die von den Plattenfirmen parallel für den „weißen“ Markt produziert worden waren.

Die amerikanische Gesellschaft kam also langsam in Bewegung und letztlich markiert die Phase der Rock and Roll-Rebellion Mitte der fünfziger Jahre (die nach nur wenigen Jahren schon wieder recht weichgespült war, man denke nur an die Teenage Idols der späten Fünfziger) den Startpunkt aller späteren Jugendproteste, die dann schließlich in den Bürgerrechts- und Anti-Vietnamkriegsprotesten der sechziger Jahre kulminierten.

Auch in Deutschland machte sich die Rock and Roll- Welle schließlich mit leichter Verzögerung bemerkbar. Die deutsche Version von Blackboard Jungle, „Saat der Gewalt“, avancierte ebenfalls zum Kassenschlager und die damit konnotierte Musik fand großen Anklang bei deutschen Heranwachsenden. Höhepunkt und zugleich Auslöser heftiger medialer Diskussionen über diese neue angeblich „jugendverderbende“ Musik war sicherlich die Deutschland-Tour Bill Haleys von 1958, bei der es zu regelrechten Ausschreitungen jugendlicher Zuschauer kam, die mehrere Konzerthallen verwüsteten.[3] Auch hier kanalisierte sich der Generationenfrust in (offensichtlich musikinduzierten) Gewaltausbrüchen. Rock and Roll hatte sich als weithin hörbares Symbol jugendlichen Aufbegehrens etabliert.

[1] Vgl. hierzu zum Beispiel die Kompilation The First Rock and Roll Record (Famous Flames Record 2011), in der 81 weitere potentielle Kandidaten für diese Bezeichnung aufgeführt sind.

[2] http://www.dw.de/60-jahre-rock-around-the-clock/a-17533350

[3] Vgl. Thomas Grotum: Die Bill-Haley-Tournee 1958. „Rock’n Roll Panic“ in der Bundesrepublik Deutschland, in: Bodo Mrozek, Alexa Geisthövel, Jürgen Danyel (Hrsg.): Popgeschichte. Band 2: Zeithistorische Fallstudien 1958-1988, Bielefeld 2014, S. 19-40.

Queen forever? Über Kommerz und Qualität

Schon seit Mitte der achtziger Jahre schwirrten immer mal wieder Gerüchte durch die relevanten Tummelplätze der Rockmusikinteressierten: Gibt es etwa ein auf Band konserviertes Duett der beiden Ausnahmevokalisten Freddie Mercury und Michael Jackson? Die Informationen dazu wurden ausführlich diskutiert und schließlich immer konkreter, bis schließlich klar war: Im Jahr 1983 trafen sich die beiden tatsächlich für einen Tag, um zusammen im Studio zu musizieren. Drei Songs dieser Übungssession wurden als Grundlage einer möglichen späteren Zusammenarbeit sogar auf Tonband festgehalten. Seit 2008 ist eine dieser Aufnahmen denn auch auf Youtube zu finden.[1]  Ob es jedoch eine produzierte offizielle Variante geben würde, stand weiterhin in den Sternen.

Vor über einem Jahr ließen die beiden verbliebenen aktiven Mitgliedern Queens, Brian May und Roger Taylor, dann verlauten, dass mit den damals erstellten Aufnahmen gearbeitet würde. Vor ein paar  Wochen gab es schließlich die offizielle Ankündigung: Es wird ein „neues“ Queen-Album mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen Freddie Mercurys geben. Der Sensation nicht genug, befindet sich darunter nun auch tatsächlich einer der Songs, die Mercury damals mit Michael Jackson eingesungen hatte. Sieht man sich die Titelliste von Queen Forever (VÖ 7.11.2014) aber genauer an, gibt es dort tatsächlich auch nur drei Tracks, die in dieser Form noch nicht von Queen veröffentlicht worden waren.[2] Das restliche Album ist eine Art Best-of-Lovesongs der Band. Solch eine auf einem bestimmten Genre innerhalb eines Œuvre basierende Zusammenstellung ist nicht neu, man denke nur an Queen Rocks von 1997, das übrigens mit No-One But You (Only the Good Die Young) ebenfalls einen neuen Song enthielt.

Was ist nun hiervon zu halten? Ist solch eine Veröffentlichung denn überhaupt nötig, fragt sich wohl manch einer…dient sie wirklich der sinnvollen Abrundung des musikalischen Werkes eines Künstlers oder soll letztlich nur mit seinem Namen Geld verdient werden? Mit dem letztgenannten Vorwurf ist man hier besonders schnell bei der Hand, da scheinbar auch Michael Jacksons Erbenverwaltung mit ungeahnter Kreativität versucht, noch das letzte Keuchen des King of Pop auf einer Tonspur in Tanz- (und Verkauf)bares wandeln zu lassen. Nichtsdestotrotz wurde von Jacksons Nachlassverwaltern entgegen der ursprünglichen Ankündigung nur der Veröffentlichung eines und nicht aller drei Jackson-Mercury-Duette auf Queen Forever zugestimmt. Dies bedeutet aber wahrscheinlich nicht viel mehr, als dass die anderen beiden Titel vielleicht irgendwann auf einer MJ-Platte zu hören sein werden.

Zunächst einmal ist es weder selten noch zufällig, wenn mancher Titel, der im Rahmen einer Plattenproduktion aufgenommen wurde, es dann nicht auf das eigentliche Album schafft. Hier spielen nicht nur die Vorstellungen von Label und Management eine Rolle, sondern häufig vor allem die eigenen Ansprüche der Künstler. Wenn also die Zusammenarbeit zweier erfolgreicher Interpreten nicht über eine sechsstündige Demo-Session hinausgeht, hat das sicherlich seine Gründe (die Legende besagt, dass unter anderem ein Lama für den Abbruch der Aufnahmen verantwortlich gewesen sein soll, vielleicht war es aber doch nur ein schlichtes Terminproblem).[3]

Nun gibt es in der Rockmusik – wenn man sie an der Schnittstelle zwischen reiner Unterhaltungs- und künstlerisch anspruchsvoller ernster Musik ansiedeln will (was seit spätestens Ende der sechziger Jahre sicherlich legitim ist) – verschieden gelagerte Erwartungshaltungen an das musikalische Produkt.  Während Plattenfirma und Promoter überwiegend den kommerziellen Faktor im Auge behalten (müssen), sieht der Künstler vermutlich seine musikalische Entwicklung und das Ausleben seiner Kreativität im Vordergrund. Die Anhänger und Fans des Musikers wiederum erwarten zum einen, dass etwas Neues auf den Markt kommt und zum anderen, dass dies dann aber bitte nicht das bereits vorhandene Image des Künstlers stört; Veränderung wird dabei also meist eher skeptisch gesehen. Die Musikkritik freut sich wiederum vor allem über künstlerischen Anspruch (was immer das bedeutet) und musikalische Innovation (oder auch das Ausbleiben dieser Faktoren; viele Kritiker laufen schließlich erst bei einem ordentlichen Verriss zu Höchstform auf). Der neutrale (Radio-) Hörer möchte dann aber in erster Linie erst einmal unterhalten werden. All diese Erwartungshaltungen vermischen sich und widersprechen sich teilweise; am Ende dreht es sich um die grundlegende Frage: Schließen sich Qualität und kommerzieller Erfolg in der Rockmusik unbedingt aus?

Dieser Frage muss man sich zweifellos von verschiedenen Seiten nähern. Nehmen wir zunächst diejenigen, die überhaupt die Musik machen. Wir gehen im Rockbereich grundsätzlich davon aus, dass der Großteil des produzierten Materials auch aus der Feder (eines) der Interpreten stammt; also letztlich von einer klassischen Singer/Songwriter-Konstellation. Hier offenbart sich auch eine Möglichkeit (von vielen), den Rock von der Popmusik abzugrenzen, wo es viel üblicher war (und zum Teil ist), auf professionell geschriebene Songs aus dem Portfolio des Labels zurückzugreifen. Qualität bedeutet aus dieser Perspektive dann eigentlich nichts anderes, als dass einem Künstler zeitliches und räumliches Entfaltungspotential gegeben wird. Diese Möglichkeit, in Ruhe an den eigenen Kompositionen zu arbeiten und sie musikalisch und vor allem klanglich auszugestalten wurde den Bands jedoch oft erst dann zugestanden, wenn sich bereits ein gewisser Verkaufserfolg eingestellt hatte. Der kommerzielle Faktor bedingt in diesem Fall also sogar die Qualität. Als passendes Beispiel lassen sich unter anderem die ersten Alben von Black Sabbath anführen. Während das Debut Black Sabbath innerhalb weniger Stunden quasi im Vorbeigehen entstand und hier neben der zweifellos hörbaren Spielfreude eher der (auch vom Sound her gesehen) improvisierte Charakter der Titel auffällt (und das Album trotzdem ein gewisser Achtungserfolg war), ließ man sich für das Nachfolgealbum Paranoid mit 5 Tagen bereits etwas mehr Zeit, was sich nicht nur in einem weitaus ausgereifteren Klang und Songwriting, sondern vor allem mit dem kommerziellen Durchbruch bezahlt machte. [4] Je nach Band kann sich zu viel Gestaltungsspielraum aber auch negativ bemerkbar machen und letztlich zu einer auch von den Musikern selbst nicht gewollten Stagnation führen, was bei Black Sabbath schon bei Vol. 4 beginnt und endgültig bei Never say die der Fall ist, als die Band zwar Monate im Studio verbrachte, aber mit den Ergebnissen nicht mehr zufrieden war.

Für die klassische Plattenfirma ist Qualität nun vor allem ein Verkaufskriterium. Das bedeutet, ein gewisser musikalischer Anspruch wird zwar meist vorausgesetzt, muss jedoch nicht zwingend vorhanden sein, falls das Produkt auch durch andere Faktoren verkaufbar ist, sei es Auftreten oder Outfit der Interpreten, skandalöse Aspekte aus dem Bandumfeld oder schlichte Imitation bereits erfolgreicher Künstler. Trotzdem ist von all diesen Faktoren die Qualität sicherlich am besten kalkulierbar, weil innerhalb eines gewissen Rahmens bereits im Vorfeld zu beeinflussen. Letztlich ließe sich das auf die Formel reduzieren: Qualität verkauft sich automatisch! Heißt das aber, wenn man diesen Gedanken nun konsequent weiterdenkt, alles was sich gut verkauft, hat eine gewisse Qualität? Ketzerisch gesagt: Wäre dann nicht die qualitativ hochwertigste Band in Deutschland die Flippers?

Wenn man nun eine dritte Perspektive hinzunimmt, nämlich die Sicht der Fans und/oder der „Szene“ (was nicht zwingend dasselbe sein muss), zeigt sich die ganze Ambivalenz des vermeintlichen Kommerz-Qualitäts-Gegensatzes. Um Fan der Musik eines Künstlers zu werden, muss man ihn logischerweise irgendwie kennen- (und auch schätzen) gelernt haben, sei es durch Liveauftritte, Radiosendungen oder den Konsum von Tonaufnahmen. Das ist bei weitem einfacher, wenn die Musik allgemein zugänglich, sprich bereits auf einem bestimmten Erfolgsniveau angesiedelt ist. Natürlich gibt es immer wieder die Fans der ersten Stunde, die eine Band quasi schon angehimmelt hatten, bevor diese überhaupt zum ersten Mal den Proberaum verließ. Manche Fanszene teilt sich dementsprechend dann gerne auch in „echte“ und „Pseudo“-Fans ein. Musikalische Qualität wird in diesem Bereich aber zum Teil recht unkritisch wahrgenommen, sondern oftmals mehr Wert auf stilistische Kontinuität gelegt. Falls eine Band nun über ihre angestammte Szene hinaus erfolgreich wird und vielleicht sogar im Mainstreamradio gespielt wird, kann das zu regelrechtem Aufruhr in der Anhängerschaft führen (das Beispiel Nothing else matters von Metallica sollte hier genügen). Der altgediente Fan fühlt sich dann – natürlich zu Recht – in seiner Individualität und dem tradierten Besitzanspruch eingeschränkt, wenn sich auf einen Schlag die halbe Nation von dem heißgeliebten Künstler angesprochen fühlt (das recht aktuelle Beispiel Unheilig kann ich mir an dieser Stelle ebenfalls nicht verkneifen).

Eine Möglichkeit, diese zum Teil doch recht weit voneinander abweichenden Erwartungshaltungen irgendwie zusammenzuführen, könnte nun vielleicht sein, den Aspekt der Vorbildfunktion mit einzubringen. Welche Künstler haben tatsächlich ihren eigenen Stil geschaffen und damit die weitere musikalische Entwicklung beeinflusst, wurden also zu Idolen? Sieht man sich entsprechende Beispiele an, findet man oft sowohl qualitativ hochwertige (nach welcher Definition auch immer) und gleichzeitig kommerziell erfolgreiche Künstler. Diese beiden Faktoren schließen sich also zumindest aus dieser Perspektive nicht zwingend aus. Nichtdestotrotz spielen hier aber immer auch noch individuelle Faktoren eine Rolle, sei es eine besonders markante Stimme, ein ungewöhnlicher Gitarrensound oder musikalische Vielseitigkeit.

Um nun den Bogen zurück zu schlagen, lässt sich natürlich feststellen, dass für all diese Punkte auch Queen ein gutes Beispiel ist. Nicht nur, dass die Band sich immer wieder neu erfunden hat (und das meist ohne die Fanbase zu enttäuschen) und sich scheinbar mühelos zwischen verschiedensten Genres der Rock- und Popmusik bewegte, gab es trotzdem kontinuierliche Merkmale ihrer Musik. Neben des (tatsächlich einzigartigen [5]) Klangs von Brian Mays Gitarre waren dies vor allem die unverwechselbare Stimme Freddie Mercurys und der harmonisch ausgefeilte Backgroundgesang der restlichen Bandmitglieder sowie die ausladenden Arrangements, die den typischen Queen-Sound ausmachten. All dies findet sich nun eben wieder auf der kommenden Scheibe, das heißt die musikalische Qualität ist zweifellos vorhanden. Und auch hier wird wieder ein kommerzieller Erfolg vorprogrammiert sein und sei es nur, weil die nach wie vor unglaublich große Zahl von Fans sich darauf stürzen wird.
Und nach all des kritischen Bombasts: Werde ich mir die neue Queen-Platte holen? Unbedingt! Und selbstverständlich in der Doppel-CD-Deluxe -Version (noch 11 Tage..).

[1] Freddie Mercury und Michael Jackson: State of Shock (https://www.youtube.com/watch?v=OEBo0Hf3LqE). Man hört dem Titel definitiv den Demo-Charakter an, er ist als rockhistorisches Dokument aber sicherlich interessant. Der Song wurde dann doch noch auf dem Album Victory der Jacksons von 1984 veröffentlicht, dann mit Mick Jagger als Duettpartner.

[2] Diese sind: Let me in your heart again, bereits in einer anderen Version von Brian Mays Partnerin Anita Dobson veröffentlicht, eine Balladenversion von Mercurys erstem Solotitel Love Kills (die ursprüngliche Version war Teil von Giorgio Moroders Metropolis-Soundtrack) und There must be more to life than this, ein Titel von Mercurys erstem Soloalbum Mr. Bad Guy, hier nun mit Michael Jackson im Duett.

[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/duette-von-michael-jackson-und-freddie-mercury-drei-songs-und-ein-lama-1.1734451

[4] Das Album Paranoid erreichte Platz 1 der UK-Charts, die gleichnamige Single stieg in Großbritannien bis auf Platz 2, in Deutschland sogar bis auf Platz 1.

[5] Vgl. Brian May, Simon Bradley: Brian May’s Red Special: The Story of the Home-Made Guitar That Rocked Queen and the World, Milwaukee 2014.

Can’t blog the Rock…?

SOUNDS – SONGS – SOURCES! SOUNDS und SONGS sind vermutlich klar, aber was ist wohl mit SOURCES gemeint? Es soll tatsächlich auch um die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte der Rockmusik gehen und da bedeutet SOURCES in der Tat historische Quelle. Hier sind wir aber auch schon beim Knackpunkt der ganzen rock(hi)story..gibt es dabei überhaupt neutrale Perspektiven oder objektive Forschungsansätze?
Mit dieser Problematik werde ich mich an anderer Stelle nochmals ausführlicher beschäftigen. Um dem ganzen Objektivitätsgetue aber bereits von Anfang an den Wind aus den Segeln zu nehmen und es nicht allzu hoch zu hängen, hier erst einmal meine ganz private und äußerst subjektiv kommentierte aktuelle Top 5 aus dem Rockbereich:

Crashdiet – Chemicals: Moderne Variante des Glam/Sleaze-Rock der 80er Jahre (natürlich aus Schweden); ein Song der nett und gefällig ist, bis irgendwann ganz unerwartet der absolute Überrefrain hervorbricht (äußerst effektiv..).

Iron Maiden – 22 Acacia Avenue: Im Zuge meiner momentanen Rückbesinnung auf die Klassiker bin ich inzwischen (nach langer Phasen des Deep Purple- und Black Sabbath-Konsums) bei den ersten Alben von Iron Maiden angekommen; dieser Song läuft permanent bei mir vermutlich auch deshalb, weil er in einem Regionalkrimi zitiert wurde, den ich kürzlich gelesen habe (Riedripp von Michael Boenke)..

Blues Pills – Time is now: Hatte mir eigentlich vorgenommen, den momentanen Hype um diese Retro-Band (siehe die Rezensionen unter anderem in Metal Hammer und Rock Hard) einfach zu ignorieren, kann mich der Magie dieser Combo aber doch nicht entziehen..

Blackwater Park – Roundabout: Eine inzwischen recht unbekannte Band aus den 70er Jahren, über die ich nur zufällig im Netz gestolpert bin. Nichtsdestotrotz Classic Rock vom Feinsten, sowohl in Bezug auf Musikalität als auch auf den „amtlichen“ Sound (zu diesem eigentlich aussagelosen Begriff in Kürze auch noch mehr).

Alpha Tiger – Beneath the Surface: Eine junge, coole Metalband aus Deutschland, der das Musikbusiness noch nicht die Spielfreude ausgetrieben hat. Auf hohem musikalischen Niveau, schnell und melodiös, was will man mehr..