Freitag morgen, der Wecker katapultiert den drahtigen Kerl mit einem sanften WAKE UP (von Rage against the machine) in den Wachzustand, es ist genau 6 Uhr 66. Er schlüpft aus seinen Schlafboots, wirft sich in die „leisure friday“ Leder- und Nietenkluft und die Krawatte in den Mixer und freut sich auf einen lauten, harten und schnellen Arbeitstag im Ministerium für Rocksoundbewertung. Auf dem Schreibtisch aus zertrümmerten Solidbodygitarren liegt ein hoher Stapel Schallplatten mit erfreulich dunklen und blutigen Covermotiven, der ihm freundlicherweise schon von seiner Sekretärin Tracy bereit gelegt wurde (die exakt so aussieht wie Robert Trujillo, nur mit etwas kürzeren Beinen und etwas tieferer Stimme, was den seltenen Besuchern immer wieder ein irritierendes Kribbeln im Schritt verursacht). Der Kaffee dampft, das Bier steht kühl.. Die erste Scheibe wird aufgelegt, er hört kurz zu, kreischender Gesang, kaum verständlicher Text, wummernder Bass, knallendes Schlagzeug, fette Gitarren..wunderbar, Stempel drauf!

So ähnlich muss das doch wohl ablaufen, wenn eine Musikaufnahme das Prädikat „amtlich“ verliehen bekommt, oder etwa nicht?
Diese Bezeichnung für den angeblich richtigen oder passenden Sound für bestimmte Spielarten der Rockmusik verursacht mir hingegen immer wieder Unbehagen. Was soll das denn nun eigentlich sein? Das was die Journalisten zu sagen haben, die Einschätzung der Fans, ein subjektiver Höreindruck, der bei jedem anders ausfällt? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten , trotzdem wird der Begriff fast schon inflationär verwendet und dabei offenbar immer vorausgesetzt, der Leser/Hörer wüsste dann schon, was genau damit gemeint sei. Tausende Hobbygitarristen sind auf der unendlichen Suche nach dem „amtlichen“ Sound ihrer Lieblingsband und füllen nicht nur unzählige Diskussionsforen mit entsprechenden Tipps, sondern auch die Kassen der Instrumentenhersteller, die von jedem halbwegs erfolgreichen Rockmusiker entsprechende überteuerte „Signature“-Instrumente, Verstärker oder Drumsticks auf den Markt werfen, die natürlich unabdingbar sind, um „den“ Klang erreichen zu können.
Dass dieser Begriff dann aber letztlich doch nur ein Notbehelf sein kann und auch nicht immer so ernst genommen werden muss, zeigt vielleicht auch die gleichnamige Metal-Kolumne von Spiegel-Online,[1] die in unregelmäßigen Abständen mit einem gerüttelt Maß selbstironischer Anspielungen gespickte Einblicke in die aktuellen (Neu-)Erscheinungen im Metal Universe bietet.
Die möglichen Konnotationen sind zudem auch noch ziemlich ambivalent. So wollen junge Bands zwar einerseits schon so klingen wie ihre großen Vorbilder oder wie das gewählte Musikgenre es eben verlangt, andererseits aber auch einen eigenen unverwechselbaren Sound etablieren. Das Kompliment „Ihr klingt ja genauso wie …“ kann dann sowohl zu Begeisterung führen, weil man es so gut hinbekommen hat, als auch für Entrüstung sorgen, weil das „Eigene“ nicht erkannt worden ist.
Hier haben wir jedoch en passant eine Möglichkeit gestreift, mit dem man einen „amtlichen“ Klang schon einmal grob einzugrenzen vermag: das Genre. (Rock-) Musikgenres gibt es in wachsender Anzahl und die jeweiligen Definitionen sind beileibe nicht statisch, sondern ändern sich kontinuierlich, es finden Unterteilungen, Abgrenzungen, Verschmelzungen und Revivals statt, die auch immer wieder neu verhandelt werden. Abgesehen davon ist zweifellos der Blues-Sound erst einmal ein anderer als ein Metal-Klang, und Reggae-Töne unterscheiden sich vom Hardrock. Der spezifische Klang einer Musikrichtung kommt jedenfalls nicht aus dem Nichts und wird auch nicht von einer Person oder Band vorgegeben. Es handelt sich hierbei um einen zum Teil langwierigen Prozess der Kanonisierung, der im Wechselspiel zwischen Musikern, Produzenten, Promotern, Fans und Journalisten entsteht und sowohl technische Entwicklungen absorbiert als auch gesellschaftliche Einflüsse aufnimmt.
Ein gutes Beispiel scheint mir in diesem Zusammenhang die Entstehung des Death Metal zu sein. Zur Genrebildung trugen hier verschiedene Elemente bei. Zu Beginn der achziger Jahre entwickelten sich immer härtere und extremere Spielarten des Metal, sicherlich unter dem Einfluss stärker werdenden gesellschaftlichen Verunsicherung und als deutliche Abgrenzung zur kommerzialisierten Rockmusik. Um auch klanglich eine größere Härte zu erreichen, wandelte sich also der Gitarrensound. Man verzichtete zunehmend auf das mittlere „warme“ Frequenzspektrum klassischer Röhernverstärker und benutzte einerseits vermehrt die Transistor-induzierte Verzerrungs-„Säge“ und andererseits tiefer gestimmte Instrumente, um Höhen und Bass zu betonen; zu Lasten der Dynamik wurde der Sound zusätzlich meist noch stark komprimiert. In Verbindung mit dem typischen gutturalen Gesangsstil (Grunt, Growling) formte sich so der „amtliche“ Death Metal Sound.[2]
Nimmt man alles zusammen, bedeutet amtlicher Klang dann meistens also doch „produzierter“ Sound. Nur in der Anwendung (und im Verständnis) entsprechender technischer Möglichkeiten entstehen letztlich die Klänge, die man mit den Attributen „druckvoll“, „präsent“ oder „fett“ versieht. Wie stark dafür dann jeweils Ort der Aufnahme oder die verantwortlichen Personen das entscheidende Element für einen unverwechselbaren oder zumindest auffälligen Klang auch im Rock Genre sind,[3] ist schwer nachzuhalten, es deutet jedoch einiges darauf hin, dass dem tatsächlich so ist. Das legt zumindest ein kurzer Blick auf die Produktionsliste bestimmter Studios (z.B. des Sound City Studios in Kalifornien) oder Produzenten (z.B. Andy Wallace) nahe.
„Amtlicher“, also professioneller Sound, bedeutet aber eben automatisch auch immer kommerzieller Sound, weshalb manchmal von den Fans sogar eine „Lo-Fi“-Produktion erwartet wird und der Verzicht auf professionelle Produktion geradezu zelebriert wird, um auch ja nicht kommerzieller Interessen verdächtigt zu werden.[4] Letztlich entscheidet dann also jeder Hörer doch individuell, was für ihn oder sie tatsächlich amtlich bedeutet..nun denn, Hauptsache, es rockt!
[2] Klangbeispiele unter anderem auf http://www.mapofmetal.com/#/home.
[3] Was sich beispielsweise im Soul noch stärker bemerkbar machte, man denke an den typischen Sound der Künstler von Motown-Records in den sechziger Jahren, der vor allem dadurch zustande kam, dass neben denselben Studios auch fast immer dieselben Studiomusiker engagiert wurden.
[4] Vgl. Simon Zagorski-Thomas: Musical Meaning and the Musicology of Record Production, in: Beiträge zur Popularmusikforschung Bd. 38 (2012), S. 135-147, hier S. 140.
