„Einige Gedanken sind wie Attentate.“
Milan Kundera: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – Beitrag erstellt von Sabrina Hampel
- Tschechisch: Nesnesitelná lehkost bytí, 2006
- Französisch: L’insoutenable légèreté de l’être, 1984 im frz. Exil in frz. + in dt. Sprache
- Film: 1988
Das Buch ist eine Reise durch die Facetten der Liebe, der Politik und Philosophie.

In seinem Roman nimmt Kundera als Basis konkrete politische reale Ereignisse auf: die Invasion der Panzer des Warschauer Paktes 1968 in Prag, die die Protagonistin Tereza fotografiert; das 2000-Worte-Manifest des Schriftstellers Ludvík Vaculík; die verhängnisvolle Rede des Präsidenten Dubčeks nach seiner Rückkehr nach Moskau, in der er seiner Nation die Demütigung durch den Kreml verkündet. Der Autor stellt in seinem Roman Dubček als schwachen Menschen dar und verbindet diesen politischen Inhalt mit seiner Liebesgeschichte, in der Tereza dazu die Parallele bildet. In diesem Buch ist scheinbar alles in eine mit Traurigkeit, Unverständnis und Vorwürfen gefüllte Form gegossen – die Liebe, die Empathie für den anderen, die Intelligenz der Protagonisten (die philosophisch die Begründungen für ihr eigenes (Fehl-)Verhalten und das des anderen finden). Schicksalhafte Schwere und Verantwortung gepaart mit einer ziellosen Leichtigkeit oder auch Langeweile mit fehlendem Lebenssinn, der eigenen Bedeutungslosigkeit bestimmen das komplette Buch. Friedrich Nietzsche ist mit seiner Idee, dass sich alles immer wiederholt, es für das Individuum aber neu ist, der rote Faden.
Inhalt:

Nach ihrer Heirat fliehen die Hauptprotagonisten Tomas (erfolgreicher Chirurg) und Tereza (Fotografin) 1968 in die Schweiz. Infolge der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen müssen sie als aktive Intellektuelle mit Repressalien aufgrund der geänderten Politik rechnen. Tereza hält es in der Schweiz jedoch nicht lange aus, da sie ein inhaltsleeres Leben führt, sich in ihrer Hingabe an den untreuen Tomas innerlich ausbrennt. Tomas, der auch in der Schweiz als Chirurg arbeiten kann, nimmt in Zürich wieder Verbindung zu seiner langjährigen Geliebten Sabina auf. Diese repräsentiert im Roman zusammen mit Tomas die manchmal unerträglich werdende Leichtigkeit des Seins. Tereza, die mit Franz zusammen im Buch für die Moral und die Schwere (der Gefühle) stehen, gibt auf und kehrt nach Prag zurück, Tomas folgt ihr schweren Herzens. Er muss nun in Tschechien als Fensterputzer arbeiten und nutzt seine neue Freiheit für zahlreiche Affären. Um dem Druck der Politik und Tomas’ Affären zu entkommen, zieht das Paar schließlich aufs Land. Dort führen sie ein einfaches, aber zufriedenes Leben abseits der politischen Wirren, arbeiten in der LPG als Bäuerin und LKW-Fahrer und kommen zur Ruhe. Nach einem harmonischen Tanzabend sterben beide bei einem Verkehrsunfall. Am Ende dann doch ein Happyend? einer desaströsen Liebesgeschichte (zwar tot, aber glücklich und in tiefer Liebe zueinander gestorben).
Die Protagonisten
Die vier Hauptpersonen des Romans (Chirurg, Fotografin, Malerin und Professor) gehören zu den Intellektuellen und damit zu den Hauptakteuren des „Prager Frühlings“ und den größten Leidtragenden.
Tomas ist ein erfolgreicher, geschiedener Chirurg in Prag, der Thereza, eine Kellnerin, in der Provinz kennenlernt, sich in sie verliebt, sie heiratet, aber neben ihr weiterhin zahlreiche Affären hat. Er pendelt zwischen seiner Schwere (der Liebe zu Tereza) und seiner Leichtigkeit (dem unverbindlichen Sex mit anderen Frauen). Für und mit Tereza verlässt er Tschechien und kehrt zurück, obwohl er weiß, dass er politischen Repressalien ausgesetzt sein wird, seinen Beruf nicht mehr ausüben darf.
Tereza brach das Gymnasium ab, verdient als Kellnerin, später als Fotoreporterin ihren Unterhalt. Sie sehnt sich nach der wahren Liebe mit tiefer Verbundenheit. Sie leidet unter Tomas’ Untreue und versucht verschiedene Wege, damit klarzukommen. Sie flieht, kehrt zurück und akzeptiert irgendwann resigniert seine Unzuverlässigkeit.
Nebenstrang:
Sabina ist eine freiheitsliebende, sich nicht festlegenwollende Malerin und Tomas’ langjährige Geliebte. Die Angst vor Starrheit, Alltag und Gebundenheit führt sie in eine tiefe innere Leere, die ihre Kreativität erstickt.
Franz ist in Sabina verliebt und verlässt für sie seine Familie. Er isteinsanfter, liebevoller Universitätsprofessor. Am Ende stirbt er bei einem Überfall.
Biografie Milan Kundera
Milan Kundera wurde am 1.04.1929 in Brünn/Brno in Tschechien in eine bürgerliche Familie geboren, sodass er schon zeitig mit Kunst und Kultur in Berührung kam.

Nach dem Abitur studierte er Musikwissenschaft, Literatur, später Regie sowie Drehbuchschreiben an der Filmakademie in Prag und arbeitete in den 50/60er Jahren hier als Dozent für Weltliteratur an der Musikakademie. Ebenfalls war er als Lyriker sowie Dramatiker tätig. Da er als Intellektueller aktiv an der Umgestaltung der CSSR interessiert war und als „Anstifter“ dieser Gegenbewegung galt, verlor er am Ende des „Prager Frühlings“ seine Lehrstelle, erhielt ein striktes Publikationsverbot und verdiente seinen Lebensunterhalt zeitweise wieder als Jazzmusiker. Aufgrund der Repressalien emigrierte er 1975 nach Frankreich und verlor 1979 seine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. 1981 nahm er die die französiche Staatsbürgerschaft an und veröffentlichte ab 1993 seine Romane und Essays in französischer Sprache. Als Schriftsteller sowie als Gastdozent an der Universität in Rennes, ab 1980 als Professor an der renommierten Hochschule für Sozialwissenschaften (EHESS) in Paris verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. Im Dezember 2019 erhielt er nach über 40 Jahren die tschechische Staatsbürgerschaft offiziell von der Regierung zurück. Bis zu seinem Tod am 11. Juli 2023 im Alter von 94 Jahren lebte und arbeitete er aber weiterhin in Paris/Frankreich. Am 17. Januar 2025 wurden Milan Kundera und seine im September 2024 in Frankreich gestorbenen Ehefrau nach Brünn umgebettet.
Preise und Auszeichnungen:
- Staatspreis der ČSSR (1964)
- Europäischer Literaturpreis (1982)
- Ritter der französischen Ehrenlegion (1990)
- Eröffnung der Milan-Kundera-Bibliothek in Brno (2023)
- 8.12.1998 Asteroid (7390) erhält den Namen „Kundera“
Weitere Werke:
- „Der Scherz“ 1965/67, verfilmt 1969
- „Das Leben ist anderswo“, 1969/70
- „Die Unsterblichkeit“ (Nesmrtelnost) 1990
- „Die Identität“ (L’Identité) 1995, erschienen 1998
- „Die Unwissenheit“ (L’ignorance) 2000
Im Febtruar 2026 lasen wir “In Kinderschuhen durch das alte Dresden“. Passend dazu werden wir am 03.09.2026 unter Führung von Frank Richter die im Buch beschriebenen Straßen und Plätze aufsuchen. Der nächste gewohnte Literaturzirkel findet am 01. Oktober 2026 um 16.30 Uhr zum Buch von Carsten Gansel “Ausradiert” auf der August-Bebel-Straße 18 statt.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
petrametzelthin (6. Juli 2026). „Einige Gedanken sind wie Attentate.“. SLUB TextLab. Abgerufen am 26. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16iv1

