Reichsbürger – ein Phänomen, über das viele, die davon etwas mitbekamen, meist nur gelacht und den Kopf geschüttelt haben. Es gab schon öfter Polizeieinsätze gegen einige dieser Menschen, nun aber zeigt sich durch den Tod eines Polizisten auf tragische Weise, dass es sich bei Reichsbürgern mitnichten immer nur um komische Wirrköpfe handelt.
Doch will ich hier gar nicht auf Reichsbürger im Speziellen eingehen, sondern anmerken, dass es sich bei Ihnen doch nur um eine besonders skurrile Manifestation einer Verhaltensweise handelt, die sich seit einiger Zeit in besonderem Maße im Internet (und von da aus auch in die „reale“ Welt strömend) finden lässt: Auf der einen Seite die Neigung der Menschen zur bemerkenswerten Selbstüberschätzung bei der Erfassung komplexer Themen – und unerfreulicher Weise manchmal sogar schon bei recht simplen – und auf der anderen Seite der Wunsch vieler, sich selbst Scheuklappen aufzusetzen und sich selbst dies als Weitblick zu verkaufen.
Die Selbstüberschätzer. Sie gibt es in unterschiedlich starker Ausprägung, doch sie alle haben eins gemein: Sie glauben, etwas nach der Lektüre nur weniger Informationen besser beurteilen zu können als Menschen, die in der Disziplin ausgebildet sind und sich über viele Jahre hinweg damit beschäftigen. Im Falle von Reichsbürgern sind das z.B. Menschen, die meinen, erkannt zu haben, dass wichtige Dokumente unseres Landes – Veträge, Verfassung, Gesetze – nicht korrekt und deshalb ungültig sind. Dass es in diesem Land eine große Zahl gut ausgebildeter Juristen gibt, sich jeweils unzählige Menschen mit der Erstellung dieser Dokumente beschäftigt haben, nicht selten auch aus anderen Ländern, das alles zählt nicht und wird banal ins Reich der Verschwörungen geschoben. Na klar, tausende Juristen in diesem Land erkennen nicht, was einige wenige (Nicht-Juristen) problemlos herausfinden konnten. Klingt logisch. Und im Falle der Reichsbürger stimmt mir sicherlich eine große Bevölkerungsmehrheit zu: was für ein Quatsch.
Aber was ist mit anderen Themen? TTIP und CETA. Schon mal damit beschäftigt? So richtig ausführlich? Die Gegenbewegung dazu ist groß – viel größer als die Reichsbürgerbewegung. Wie viele von diesen Menschen haben wohl das notwendige Hintergrundwissen, diese Abkommen tatsächlich vollständig beurteilen zu können? Ich habe das mit TTIP mal versucht. Wow. Ok, hey, vielleicht bin ich auch dümmer als all diese Menschen, aber ganz ehrlich: mir war das zu komplex, um ein abschließendes Urteil darüber zu fällen. Und wenn ich mir angucke, was die Rädelsführer der Gegenbewegung von sich geben, habe ich den Eindruck, dass sie sich immer nur an einigen Teilaspekten aufhängen. Vielleicht immer nur das, was verstanden wurde? Und der ganze Rest wird dann einfach mit hinein gewurschtelt: ist auch scheiße. Aha. Ein hoch auf die differenzierte Betrachtung.
Die Selbstüberschätzer sind fast überall zu finden: im Sport, der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft… ob es nun um ein Fußballspiel geht, Arbeitsmarktpolitik, Gender-Studies, immer poppen Leute auf, die meinen, alles besser beurteilen zu können als jene, deren (aktueller) Lebensinhalt oder mindestens Beruf es ist.
Hinter ihnen her laufen die Scheuklappenträger. Der Scheuklappenträgermechanismus funktioniert in etwa so: jemand hat zu einem Thema oder gar noch allgemeiner das diffuse Gefühl, dass da irgendetwas nicht passt. Dann kommt jemand daher, der erklärt ihm die Welt – oder zumindest das Thema – und zwar üblicherweise nicht so, wie es diejenigen, über die es an den Scheuklappenträger originär herangetragen wurde, getan haben. Meistens sind diese Erklärungen viel einfacher zu verstehen. (Nebenbei: ein Punkt, der jeden denkenden Menschen sofort aufhorchen lassen sollte. Ja, es gibt Menschen, die können komplexe Themen wirklich gut auf einfache Formulierungen herunterbrechen, aber wird dies seriös betrieben, gibt es natürliche Grenzen.) Und schon fühlt der Scheuklappenträger einen „Aha“-Effekt. „Jetzt kann ich auch mitreden.“ Und dann fängt der eigentliche „Spaß“ erst an. Der Erklärer (ja, es ist der Selbstüberschätzer) liefert oft einen Hinweis, warum der Scheuklappenträger das Thema vorher nicht verstanden hat. Natürlich liegt es nicht an ihm, sondern an den anderen. Das sind wahlweise „die Mainstreammedien“ (also die großen Medienorgane des Landes), „die da oben“ (je nach Thema Politiker, Wirtschaftsbosse o.ä.), „ausländische Kräfte“ (Amerikaner, Russen, Juden, je nach Sichtweise) oder obskure Verschwörer und Mischungen aus den genannten. Das ist Balsam für die Seele des Scheuklappenträgers, denn er weiß jetzt: es liegt nicht an ihm. Die anderen wollten nur verhindern, dass er die Wahrheit versteht. Doch nein, nicht mit ihm, er hat ja den Selbstüberschätzer gefunden. Und nun fängt er an, seine Scheuklappen aufzusetzen. Nachdem seine bisherigen Informationsquellen als niederträchtige Lügner enttarnt wurden, sucht er sich neue und das können natürlich nur jene sein, die über das Thema genau so berichten, wie es der Selbstüberschätzer getan und der Scheuklappenträger es als die Wahrheit erkannt hat. Also fängt er an, dem Selbstüberschätzer zu folgen, der gibt ihm Links zu Seiten und Personen, die „auf seiner Seite stehen“. Entsprechend eingefärbte „Nachrichten“-Seiten finden sich zu jeder Sichtweise zuhauf im Internet. Der ein oder andere Blog ist sicherlich auch dabei. Facebook, Twitter und Youtube liefern weitere Personen, die auf der richtigen Seite stehen und ihrerseits ihre neusten Erkenntnisse weitergeben. Und dank einiger kluger Algorithmen, die dem Scheuklappenträger aufgrund dieser Vorlieben auch bevorzugt die Meldungen der Gleichgesinnten zeigen, verfestigt sich seine Meinung. Kann sogar Stück für Stück zu neuen Meinungen in anderen Themenbereichen führen. Ob nun der Reichsbürger zum extrem Rechten wird oder der TTIP-Gegner zum überzeugten Antiimperialisten. Die Scheuklappen machen es möglich, lassen sie doch Gegenargumente kaum noch ins Blickfeld.
Nun möchte ich natürlich nicht sagen: Haltet euch raus aus allem, was ihr nicht gelernt habt, ihr versteht es ohnehin nicht. Natürlich ist es notwendig, dass die Bevölkerung eines Landes Aktionen hinterfragt, die sich auch auf sie auswirken können. Natürlich sollen Menschen sich auflehnen, wenn sie den Eindruck gewinnen, da würde sich andernfalls etwas entwickeln, was ihnen zu großem Nachteil gereicht. Doch sollten sich viele, die dies aktuell tun, deutlich stärker fragen, wie sie zu diesem Eindruck kommen.
Habt ihr euch wirklich eindringlich mit dem Thema beschäftigt? Habt ihr Pro- und Contra-Argumente gesammelt? Wart ihr wenigstens bemüht, neutrale Informationen zusammen zu tragen? Ich weiß, es ist durchaus ein Drahtseilakt: wann sind Informationen neutral, wann ausreichend zur Meinungsbildung, wann folge ich Menschen, die sich tatsächlich umfassend und sachlich korrekt mit einem Thema auseinandergesetzt haben, wann reime ich mir falsche Zusammenhänge zusammen? Und wenn ich vielleicht schon Scheuklappen auf habe? Einfach ist es nicht, ohne Frage. Verrückter Weise gerade deswegen nicht, weil uns so unglaublich viele Informationen zur Verfügung stehe. Aber ein guter Anfang wäre dieser: Gibt es genug Menschen, denen ihr auf die eine oder andere Art folgt, deren Meinung zu bestimmten Themen ihr teilt, zu anderen aber nicht? Gibt es Themen, große Themen, die viele beschäftigen, bei denen ihr euch nicht in der Lage fühlt, eine klare Position einzunehmen? Gut. Niemand kann alles verstehen. Und niemand muss zu allem etwas sagen. Wenn das wieder deutlich mehr Menschen klar würde, hätten wir auch wieder eine Chance, deutlich sachlichere Diskurse zu führen und von diesen nicht abgelenkt zu werden, weil wir nur noch damit beschäftigt sind, die kleinen Schmeißfliegen Selbstüberschätzer und Scheuklappenträger abzuwehren.