gas und bremse.

ich stehe mit der tochter am krankenbett ihrer mutter. es geht um eine unterschrift unter einen antrag für die kasse. ich hatte der mutter schon gestern versucht zu erklären, dass sie nicht ihre heimunterbringung unterschreibt sondern erstmal nur die beantragung eines pflegegrads. ich habe diesen umstand auf ungefähr 20 verschiedene arten erklärt – der blick, der auf mich fällt bleibt derselbe: misstrauisch, ich sehe es hinter ihren augen arbeiten aber sie kommt zu keinem ergebnis – soll sie mir trauen oder nicht. ich bin mir nicht mal sicher, wieviel sie versteht. weil ich niemanden irgendwas unterschreiben lassen darf und will, was diese nicht versteht, verabrede ich mich mit der tochter für den nächsten tag.

wir stehen also dem bett der mutter, die tochter ist eine sehr angenehme person, aber sie wirkt gehetzt, sie hat das tempo eines menschen, der mitten im leben steht. ihr alltag mit arbeit, haushalt, kindern und wie ich später erfahre zwei weiteren zu versorgenden erwachsenen lässt keine zeit für verzögerungen zu, man merkt ihr die ungeduld an, die sie versucht zu kaschieren, was nicht gelingt. die mutter mit ihrem nicht verstehen der situation, den immer wieder am thema vorbeigehenden rückfragen – sie tritt auf die bremse, verlangsamt das leben der tochter, die einfach weiter aufs gas drückt. drücken muss.

sie erklärt in sehr schnellen worten ihrer mutter, was es warum zu unterschreiben gilt, die mutter blickt mich an, blickt die tochter an, sagt nichts. sie kommen mir vor wie in einem kampf – gas, bremse, gas, bremse, alles ruckelt und schüttelt die beiden durch. die stimme der tochter wird immer ungeduldiger, die mutter sagt gar nichts mehr.

die tochter schaut mich an, erzählt aus ihrem alltag, der randvoll gestopft ist, ihre augen laufen über, sie ist am ende ihrer kräfte. die rechtfertigungen, warum sie ihre mutter auf keinen fall zu hause aufnehmen kann, würge ich ab – ich war noch nie davon überzeugt, dass es einen automatismus im kümmern gibt, keinen generationenvertrag, der festlegt, dass kinder sich um ihre eltern kümmern müssen. sie ist erleichtert, ich habe den eindruck, sie hat sich selbst diese rechtfertigung schon hundertemale vorgesagt.

die mutter sieht die tränen der tochter, sie spiegeln sich in den eigenen die jetzt plötzlich in ihren augen stehen und sie sagt laut „das ist doch alles scheiße“ und ich denke ja, alles hier ist verkehrt und scheisse und es bricht mir das herz, diese menschen in dieser situation zu erleben.

gas. bremse. voller lauf und stillstand. selbstbestimmtheit die im alter plötzlich aufhört, die man sein leben lang hatte und die irgendwann kollidiert mit der schnelligkeit derer, von denen man abhängig ist. weil selbstbestimmtheit im alter in vielen bereichen nicht konform geht mit dem tempo, in dem entscheidungen getroffen werden müssen, mit dem tempo, mit dem das leben der anderen gelebt und organisiert wird.

morgen werde ich ihr erklären müssen, dass das erst der erste schritt war. dass es noch keine dauerhafte lösung für ihre versorgung gibt. ich werde mir extra zeit nehmen. vielleicht kann ich sowas wie die gangschaltung in diesen gefügen werden, ein zwischenschalten von phasen die zeit schaffen für entscheidungen, bevor es in den nächsten gang geht.

männer.

3 beobachtungen der letzten zeit: ich trete an das bett eines männlichen patienten, er trägt eine boxershorts, alles ist sichtbar da er sein gesundes bein abgewinkelt hat. er ist völlig vertieft in die beantwortung meiner fragen und beginnt sich im schritt zu kratzen. so wie sich eine träge katze in der sonne entspannt bisschen kratzt. kratzen und schieben. als ich ihn bitte sein bein wieder anzuwinkeln oder sich seine decke rüberzuziehen wird er knallrot. er hats einfach nicht gemerkt.

in der u- bahn steht ein mann neben mir, der eine maske trägt deren schlaufen seine ohren abknicken. die ohren sind sehr rot, an der knickstelle ist die haut weiss. er scheint die maske schon sehr lange so zu tragen und es verursacht mir fast körperliche schmerzen – das hinsehen und das nicht einfach zurecht zuppeln der maske.

im fitnessstudio neben mir ein mann mittleren alters an einem kraftgerät. er hat fast die höchste gewichtszahl eingestellt. er reisst an den stangen, verzerrt sein gesicht, stöhnt laut auf und seine haltung bei der durchführung zeigt, dass ihm das eigentlich recht weh tun müsste was er da tut. er reisst erneut und tut dies hintereinander in schneller abfolge, leicht schief sitzend, mit viel zu viel gewicht ca. 40x. ich bin keine physiotherapeutin, stimmt, aber gesund sieht das nicht aus. auch nicht normal.

keine der drei beobachteten szenen haben ich je bei einer frau gesehen. und ich komme nicht umhin zu überlegen, ob männer von ihrem körpergefühl oft so entfremdet sind, dass sie bestimmte dinge rund um ihren körper gar nicht spüren oder ihn angemessen wahrnehmen in einem raum oder einer bewegung oder einem schmerz. mir fällt der begriff „männergrippe“ ein, ein sprachsymbol für jammernde männer, für die sich eine einfache erkältung offenbar schlimm anfühlt. ich denke auch an die männer, die mit blutenden eingeweiden irgendwo sitzen und schneeweiß im gesicht noch abwinken und sagen alles sei eigentlich ganz ok. mir fallen die männer in meiner arbeit ein, die auch auf mehrfaches nachfragen wie sie sich fühlen nicht in der lage sind darauf zu antworten und mir stattdessen weiterhin ihre fakten nennen. und es ist nicht so, dass ich von einer bestimmten generation, herkunft oder schicht spreche, da ist alles dabei. und jedesmal fühle ich mit, was für einen stress, was für eine abwehr, was für eine angst, was für eine ohnmacht aus all ihrem verhalten spricht und wie weit der weg ist, ihnen da raus zu helfen.

ich habe keine ahnung, was dagegen tun. ich habe nur immer wieder das gefühl, dass wir männer nicht aufgeben dürfen. und gleichzeitig ahne ich, dass nicht wir frauen diejenigen sein können, die männer aus ihrem patriarchat befreien können. es muss aus den eigenen reihen kommen, so wie es auch frauen selbst schaffen müssen sich aus dem patriarchat zu befreien und das bereits tun und einen weiten vorsprung haben. was wiederum für so große verwirrung bei den männern sorgt und erheblichen widerstand gepaart mit großer hilflosigkeit. heute abend zb hatte ich ein telefonat mit einem mann, der der exfrau die sorgerechtsvollmacht verwehrt, einfach nur, weil er nicht weiß wie er aushalten soll, dass sie sich unabhängig gemacht hat von ihm. diese scheiss sorgerechtsvollmacht ist das einzige stück „beziehung“, dass es noch gibt, es ist eine scheiß beziehung, kein mensch will sowas. aber er kann nicht lassen davon weil – was stattdessen? und ich zwinge ihn hinzusehen, ich hake nach, ich drehe eine fragerunde nach der anderen, zwischendurch stockt er und schweigt und ich merke, dass er merkt, dass da noch was anderes ist in ihn und dann sagt er doch wieder „nein, kriegt sie nicht.“ keine begründung, keine erklärung nichts. nur dieses „nein“ um des neins willen und in ermangelung von alternativen in ihm. und ich bin empathisch, ich fühle diese wut, ich verstehe sie sogar. was ich nicht verstehe ist die konsequente verweigerung in sich zu blicken. denn glücklich und das ist der witz, glücklich ist er nicht. und mit diesem unglücklichsein verbunden ist der latente hass auf frauen. wie oft ich den erlebe. das geht über schlichte verweigerungen bis hin zu gewalt, auch hier alle altersstufen, alle herkünfte, alle schichten. und ich wage zu behaupten, dass es nicht eine reaktion auf die beziehungsgeschichte ist, die ist oft nur öl ins feuer. es ist ganz oft das unvermögen von anfang an zu spüren was in einem ist und vor allem zu sagen was in einem ist. die frauen stehen oft in jahrelangem rätselraten vor diesen männern, opfern sich auf, geben erklärungsbeispiele und erreichen nichts. ausser ihre ausgebranntheit, ihre wut und ihren frust – kein wunder wollen frauen nicht mehr männern die welt erklären.

was also tun? ich wünschte ich wüsste es. im grunde weiss ich es, aber dafür ist keine zeit – wer hat schon zeit uralte patriarchale (alleine dieses scheißwort ist so schwierig zu schreiben, dass ich schreien möchte) muster aufzubrechen? aber wir werden nicht drum herum kommen – es sind so viele. ich kann mittlerweile anhand 5 minuten gespräch herausfinden, mit was für einem typ mann ich es zu tun habe, wie weit ich in eine lösung komme und wie die verhandlung endet. und ich sags wies ist: das ist scheisse und enervierend. weil es auch so wenig bemühen gibt von seiten der männer sich einfach mal auf was neues einzulassen – während frauen ständig an ihren seelen rumzuppeln, da reinhorchen, dort hinblicken machen die meisten männer irgendwie gefühlt – nichts. und sie machen es glaube ich nicht, weil sie das alles doof finden, sondern weil sie nicht wissen wie! und man komme mir nicht mit irgendwelchen männerseminaren, wo gemeinsam getrommelt wird, der weihrauch raucht und sich am ende alle in den armen liegen und jetzt ihre mitte und weiblichen anteile gefunden haben. das ist bullshit. das sind 1 % und die restlichen 99% lachen drüber. man muss so einen bestimmten ton finden, auch als frau (schon wieder müssen wir irgendwas aber ja sorry! isso!) einen ton zwischen ernstnehmen, ehrlichem ernstnehmen der ohnmacht und hilflosigkeit und in den arsch treten, nicht liebevoll sondern konkret. einen patriarchalen ton, den sie kennen und verstehen gemischt mit was neuem. ich habe die erfahrung gemacht, dass das geht. aber den rest müssen sie selbst leisten und noch mehr diejenigen männer, die vielleicht schon näher dran sind an ihren gefühlen. und DAS ist leider auch so ein manko: diejenigen, die da schon mehr zugang haben, mehr begriffen haben, weiter gedacht haben – die bleiben irgendwie unter sich. als seien sie froh, der qual des patriarchat entkommen zu sein und nie mehr zurückzublicken.

das ganze ding hier hat kein ende und erst recht keine lösung. es hat keinen aufforderungscharakter für frauen, weiter den erklärbär zu machen für männer, aber einen aufforderungscharakter an die männer, die schon eine ahnung haben, wie es sich anfühlt das P. zu verlassen und neue wege zu gehen. seid vorbild, redet, immer wieder, zeigt wege auf, alternativen, macht die befreiung attraktiv! und erzieht eure söhne anders. seid mutig, sprecht, weint, erzählt von eurem leben, eurem leiden, euren gefühlen. lebt vor. irgendwie muss es klappen, sonst wirds echt finster.

am ende noch ein zitat von bell hooks aus „männer, männlichkeit und liebe. der wille zur veränderung“ das diesen beitrag irgendwie gut zusammenfasst: „das patriarchat als symbol hat männern den zugang zu umfassendem emotionalem wohlbefinden verwehrt, was nicht dasselbe ist wie das gefühl, erfolgreich oder mächtig zu sein, weil man die kontrolle über andere ausüben kann. um den männlichen schmerz und die männliche krise wirklich anzugehen, müssen wir bereit sein, die harte realität aufzudecken, dass das patriarchat männer in der vergangenheit geschädigt hat und auch in der gegenwart schädigt. (…) wir müssen zufluchtsorte schaffen, in denen jungen lernen können, so zu sein, wie sie sind, und nicht gezwungen werden, sich den patriarchalen männlichkeitsvorstellungen anzupassen. um jungen richtig zu lieben, müssen wir ihr innenleben so wertschätzen, dass wir sowohl im privaten als auch im öffentlichen bereich welten schaffen, in denen ihr recht auf ganzheitlichkeit konsequent bestätigt und gefeiert werden kann, in denen ihr bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden erfüllt werden kann.“

irgendwann ist auch mal gut.

neulich las ich den satz „bist du wirklich unglücklich oder hast du dich nur an den gedanken, unglücklich zu sein, gewöhnt?“ und es machte klick.

ich habe mich die letzten jahren permanent mit mir selbst beschäftigt. ich habe bis in die letzte ecke meiner seele geblickt und jede gefühlsregung, jede aufregung, jeden gedanken der mir kam analysiert und in einen kontext gebettet, mir erklärt, ihn bearbeitet und integriert. ich hatte letztes jahr schon mal die ahnung, dass das so nicht weitergehen kann. wo ich zuvor sinnsprüche oder aussagen von psychologen oder auch selbsterfahrungskonzepte aus neugier und wissensdrang studierte und auf mich und meine themen anwendete, spürte ich plötzlich einen erheblichen widerstand: ey noch ein buch? noch ein konzept, mit dem ich mich hinterfragen soll? noch eine selbstoptimierung? ich wischte das alles erstmal weg, weil es mir so in fleisch und blut übergegangen war und mir der gedanke, damit aufzuhören, einfach zu sein, eine echte angst einjagte. was wenn ich dann was übersehe und alles den bach runter geht? was wenn ich nicht weiter an mir arbeite und andere mit meinem verhalten verletze? was wenn ich irgendwas falsch mache und die leute böse auf mich sind? was wenn ich plötzlich oberflächlich und einseitig werde?

bei dem darüber nachdenken fiel mir auf, dass es einen anteil an meiner ständigen selbstreflektion gab, der viel mit außenwirkung zu tun hatte. ich hatte ein bild von mir geschaffen, dass mich so über den dingen stehen ließ, weil ich selbst in den verwirrendsten krisen und themen immer die kontrolle hatte. mein bruder sagte mal ich sei wie teflon, ein satz den ich lange nicht verstand, der mich ziemlich verletzte, aber heute verstehe ich was er meinte. wer alles auseinander nimmt, für alles eine erklärung, für alles verständnis hat, sich selbst so hart reflektiert und immer wieder kritisiert und an sich arbeitet – der wird zumindest in der außenwirkung unangreifbar. nicht, dass das mein ziel gewesen wäre, aber ich wollte es allen recht machen und einfach für jede facette meines verhaltens und dem des gegenübers eine erklärung haben und damit das problem so runterbrechen, dass es kein massiv mehr darstellte, sondern handhabbare stücke. hinzu kam sicherlich, dass mein beruf dieses verhalten förderte – zwischenmenschliche situationen zu analysieren, darauf zu reagieren und lösungen zu finden gehört dazu und wenn ich nicht gerade meine probleme analysierte, dann halt die anderer menschen.

ich spürte schon letztes jahr, wie wahnsinnig energieraubend das verhalten von mir war. und manchmal denke ich, dass mein erster ausbruchsversuch aus meinem berufsfeld auch der unbewusste versuch von mir war, aus der nummer irgendwie rauszukommen. zuviel energie floss in diese habachtsstellung, was denn nun schon wieder für ein thema da war, was das mit mir, meiner vergangenheit und dem jetzt zu tun hatte und was die lösung dafür war. weil ich nicht nur beruflich so versiert in unterschiedlichsten methoden bin, solche themen anzugehen, automatisierte sich ein problemlösungsprozess in mir, der irgendwann nur noch auf autopilot gestellt war. man verstehe mich nicht falsch: weite teile meines prozess waren bis zu einem bestimmten zeitpunkt nicht nur dringend notwendig sondern auch gut und richtig, wie ich noch im märz feststellte. ich stünde heute nicht da wo ich stehe, wenn ich das nicht gemacht hätte. aber irgendwann ist alles durchdacht, alles durchfühlt, alles integriert und das was dann noch übrig ist, ist nicht reparabel. es wird nie vollständig weggehen, aber es ist handelbar(er). und das ist völlig ok. alles was aber darüberhinaus geht an selbstreflektion und hinterfragen, wird destruktiv und bringt einen immer weiter von sich selbst weg – was absurd klingt, weil ja alles eigentlich darauf angelegt ist, zu sich selbst zu finden. aber wenn man den punkt der findung seines selbst verpasst, entfernt man sich wieder von sich.

und ich glaube, dadurch kann so etwas wie eine „such-sucht“ entstehen – das suchen an sich nämlich hält ganz schön auf trab, das beschäftigen mit problemen und themen an sich, schafft eine lebendigkeit, die bis zu einem bestimmten punkt gut ist und notwendig darüberhinaus gleicht es dann aber oft der suche nach neuem drama und dem daraus vermeintlichen gefühl, ja doch so lebendig zu sein – übrigens auch lebendiger als andere. an der stelle kommt oft gerne noch eine gewisse überheblichkeit ins spiel, die auch wieder den kick bringt. been there, done that. ich glaube, dass das nervensystem sich ab einem gewissen grad an drama und der damit verbundenen lebendigkeit bez. erregung gewöhnt. hört das drama auf, stellt sich kurzfristig ein release ein, der aber nur so lange währt, wie das nervsystem wie ein süchtiger das neue drama braucht um wieder in wallung zu kommen. ich selber erfahre das gerade: seit ich aufgehört habe, mich so umfassend mit jeder gefühlsregung in mir auseinanderzusetzen, komme ich mir, kommt mir mein leben, entsetzlich langweilig vor. und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass mein nervensystem in den letzten jahren ein energiepegel gewöhnt war, das nicht normal und sehr energieraubend war. und dass normalität gut ist, dass leichtigkeit keine gefahr bedeutet und ruhe und frieden keine oberflächlichkeit. und dass ich keinen deut besser bin als andere menschen, was den grad der selbstreflektion oder selbsterfahrung angeht.

der oben genannte satz, den ich auf mich umformulierte „bist du wirklich so unfertig oder hast du dich nur an den gedanken, unfertig zu sein, gewöhnt?“ ließ mich genau diese differenzierung vornehmen: ich bin nicht wirklich so unfertig und ungeheilt, aber der gedanke es zu sein, ist mir so in fleisch und blut übergegangen, dass ich den zeitpunkt verpasst habe, an dem ich wirklich fertig und geheilt war. der drang zur permanenten optimierung hat mein nervensystem gegrillt (schönster ausdruck übernommen von sabine) nun ist es zeit, es wieder zu entwöhnen vom thrill der selbsterfahrung und selbstreflektion.