psychische themen sind immer nur so lange toleriert, wie sie dem gegenüber noch einleuchten „du trennst dich von deinem mann? ja scheisse. verstehe, voll schlimm. aber nu ist dann auch wieder gut, leben geht ja weiter“. „dein hund ist gestorben? ja ich hatte auch mal einen hamstern der gestorben ist da war ich 5 und das war schlimm. ging dann aber wieder“. ich könnte 100 dieser beispiele aufzeigen.
ich kämpfe seit jahren mit meinen themen. ich vermeide den begriff dämonen aber eigentlich geht es genau darum – sie sind da, sie sind nicht reparabel. ich kann sie mit honig füttern, wie der buddhismus es mir vorschlägt, ich kann sie verstehen, fühlen, umarmen, ignorieren, sie mit arbeit und ablenkung überdecken. sie bleiben. manchmal gehen sie schlafen, dann hab ich ruhe – einen moment des gefühls von frieden und angekommen sein. dann dreht sich meine lebensspirale weiter und dasselbe thema kommt im neuen gewand zu mir „oh hej! so sehen die dämonen jetzt aus, cool“. aber leider sind sie halt wieder da. es dreht sich alles um bindung und beziehung und wie ich es drehe und wende, ich kriege es nicht so gelöst, dass sie für immer gehen. wer mir schon lange folgt, weiß das und ich habe schon so oft darüber berichtet und tue es in ansätzen immer noch, aber ich merke auch, wie sehr ich mich dafür schäme, dass ich es nicht in den griff kriege, dass ich weiter hadere und analysiere und drauf rumdenke.
manchmal denke ich niemand kennt sich so gut wie ich mich und nutzen tut mir das dennoch überhaupt nichts, weil die kerbe, die geschlagen wurde so fucking tief ist. so unendlich tief, dass ich es zwar immer wieder schaffe aus diesem spalt wieder hervor zukommen, aber nie ihn zu schliessen. und es ärgert mich, nein es erfüllt mich mit großer wut, dass ich mit diesem spalt rumrennen muss, dass ich all die darauf entstehenden konsequenzen tragen muss. es ärgert mich, dass ich nie final alles abschliessen kann. es ärgert mich, dass ich darüber schweige mehrheitlich weil “ ja mein hamster ist auch mal gestorben, voll schlimm“. und abgesehen davon es geht ja auch immer schlimmer – es ist krieg, was interessieren denn da meine scheiss themen? nun. mich.
nicht weil ich die so spannend und super finde, weil ich es geil finde nachts panisch wachzuliegen und mich als versagerin zu fühlen, nicht weil ich es geil finde, dass es mir schlecht geht und ich mich einem irren kraftaufwand wieder selber einfangen muss, nicht weil ich egozentrisch bin und das kreisen um mich so fein. sondern weil es mein leben mehr als scheiße beeinflussen würde, wenn ich nichts täte. meine beziehung zu den wenigen menschen, die ich liebe, gäbe es so nicht. es gäbe keinen erfolg in meiner arbeit, keine freude bei den dingen die ich anfasse, keine (hoffentlich) glücklichen kinder, es gäbe verhedderung und ärger, depression und scheisse. dass es das nicht gibt, hängt damit zusammen, dass ich mich immer wieder in phasen mit diesen themen beschäftigen muss, wenn das leben sie in neuen konstellationen wieder nach oben spült. neulich dachte ich mal, dass ich froh bin so abartig viel psychoanalyse und psychotherapie (ja, tatsächlich habe ich alles zusammen ca. 600 stunden therapie auf kosten der krankenkasse gemacht – was mir eigentlich als beweis dienen sollte, dass selbst die kapiert hatten, dass ichs nötig hatte) gemacht zu haben, immerhin kann ich mir eine menge kosten sparen dadurch, dass ich selbst eine wirklich großartige therapeutin bin – zumindest für mich. und es hat nichts mit zusammenreissen zu tun – auch so eine idee im umgang mit psychischer erkrankung, die ich jahrezehntelang selber gemacht habe und gerne auch von meinem umfeld verlangt habe. ich habe das versucht, es hilft nichts. genauso wenig wie ignorieren. vielleicht würden drogen helfen, aber ich weiß schon warum ich die hände mehr als nur weg lasse von all den möglichen mitteln zum vergessen.
und vorhin höre ich die songtextzeile „don`t give up on me“ und ich, nach dem ich so viele jahre den song anders interpretiert habe, höre endlich hin. und verstehe um was es bei mir geht. ich gebe mich selbst nicht auf. höre ich auf mir zuzuhören, dann gebe ich mich auf, dann wiederhole ich geschichte. und all mein kampf und all mein durchhalten macht sinn, es ist mein eigener beweis für mich, dass ich mich nicht aufgebe. dass es scheißegal ist, ob menschen genervt sind, weil der hamster doch nun endlich mal lang genug tot ist und die kindheit seit jahrzehnten vorbei. tja tut mir leid, meine kindheitskriege finden immer noch, jeden tag, irgendwie, in mir statt. ein wunder, dass ich den rest meines lebens so gut auf die reihe kriege.
es ist eine völig falsche vorstellung zu denken, man muss nur genug wollen, man muss nur genug arbeiten, man muss nur genug nicht drüber nachdenken, man muss nur whatever. es ist schlicht falsch. ich suche mir das nicht aus. es geschieht mit mir und ich wehre mich mit aller kraft – verstandesmässig, gefühlsmässig, handlungsmässig. dass ich nicht schon längst kapituliert habe ist dem umstand zu verdanken, dass ich nicht nur anderen gegenüber zutiefst loyal bin sondern anscheinend auch mir gegenüber, was mir bis vorhin überhaupt nicht klar war. und was ich übrigens wieder als fortschritt sehe. mich nicht aufzugeben, nicht loszulassen von dem wunsch irgendwann heil zu sein, gesunde beziehung zu führen, eine good enough mother zu sein, vorallem eins: ich zu sein – das alles ist wiedergutmachung an mir und meinen verletzungen. die habe ich verdient, sie steht mir zu. und da der hamster schon so unfassbar lange tot ist, bin auch nur ich es, die diese arbeit leisten kann. und das will ich tun, dazu will ich stehen. denn-
don´t give up on me.
never. promised.