ich betrete die dorfbäckerei im nachbarort. ich hab lust auf kuchen oder krapfen, alles wurscht, hauptsache zucker und zwar schnell. die verkäuferin, eine frau in meinem alter, begrüßt mich mich „woas derfs sei?“ ich betrachte die auslage und sage „ich hätte gerne ein stück von der erdbeerroulade.“ ich sage das so, wie ich das immer sage, die letzten 20 jahre als saupreißin im tiefsten oberbayern: auf hochdeutsch. ein einfacher satz, lupenrein ausgesprochen, für jeden verständlich. die verkäuferin blickt mich an und fragt „MOANEN SIIIEEE DIEE BIS_QUIT_ROLLE DAAA?“
ich kenn das schon. ich komme irgendwo hier unten hin wo bayerisch gesprochen wird und kaum mache ich den mund auf, sprechen alle mit mir als wäre ich taub oder hätte nicht alle tassen im schrank oder beides. laut schreien sie auf mich ein, in dieser schrägen ausdrucksweise , von der ich immer das gefühl habe, sie verursacht bayern sicher schwere schmerzen in körper, geist und seele. sie sehen dabei auch nie glücklich aus oder entspannt. ihre münder verzerren sich, die bayerische kehle denkt sich „wo bleiben die kehllaute!? alles so klar hier“, die stirn runzelt wie verrückt und man sieht erste schweißperlen.
ich antworte ihr: „ja bitte, ein stück dieser bisquitrolle mit erdbeeren.“ während sie an der rolle rumfrickelt, fällt mir ein stapel papier ins auge, der auf dem tresen liegt. es sind flyer für die örtliche perchtengruppe. das finde ich spannend, dass die im januar noch rumliegen, weil perchten eigentlich eher november/dezember ihr unwesen treiben und ich nehme einen flyer und will ihn näher ansehen als die verkäuferin mich erneut anschreit: „DES SIND UNSERE PEEERCHTEN. DES IS A TRA_DI_TIOOON BEI UNS. GOOONZ WIIICHTIG.“ ich nicke und sage „ja ich weiß“, weil ich nicht mehr angeschrien werden möchte, aber sie ist im flow und zeigt auf das schaufenster hinter ihr. „SCHAUNGS, ÄH SEEEHEEEN_Z – DO HINTEN HAABEN WIR A PERCHTENMASKE. UND DO! KÖNNEN SIIIIEE MAL LEEEESEN, WAS DAS SO IST“ und ich nicke und sage „danke schön, aber….“ und nuschel mein desinteresse in ihre richtung, so engagierte leute für tradition und brauchtum mag man ja ungern ausbremsen. sie wickelt die rolle ein, legt sie mir auf den tresen und meint dann noch mit blick auf den flyer „DES IS AUCH NETTER ZUM LEEESEN ALS OIWEIL DIESE FAAAKE-NJUUUS IN DR ZEITUNG!“ und blickt mich triumphierend an, als sei das jetzt aber ganz sicher das ausschlag gebende argument für mich, diese flyer jetzt endlich mal zu lesen.
ich nehme mein kuchenpäckchen und weil es mir immer passiert hier unten, passiert es mir auch jetzt – die automatische überbetonung des nicht-von-hier-kommens, wahrscheinlich ausdruck des großen wunsches nach völliger abgrenzung, mündet in einem laut trompeteten „n`schönen tach auch!“
und ich denke, es gibt halt, gerade in diesen zeiten, wenn klischees sich gegenseitig bestätigen. wenigstens etwas, was bleibt.