gris clair.

heute stand ich in einer eisdiele als ein mann neben mich trat, der dein parfum trug. und ich starrte diesen mann an, mir schossen die tränen in die augen und die trauer, die so wenig platz hatte die letzten jahre, die schlug über mir zusammen, noch bevor ich überhaupt bewusst realisiert hatte was da gerade passiert.

kaum ein tag, an dem ich nicht an dich denke, an dem ich nicht irgendeinen satz von dir in meinem kopf habe, an dem ich nicht deine väterliche stimme höre – denn dort gehört alles hin, was mit dir zu tun hat, in die ecke der väterlichen sehnsucht. du würdest kotzen, wenn du das hören würdest. ich erinnere mich an so viele gespräche mit dir über dieses thema, weil ich diese ahnung schon immer hatte und nicht nur wegen der unzähligen jahre altersunterschied. du hast das immer als psychoquatsch abgetan, als etwas was unsere liebe nicht berührt, wir standen für dich immer über all dem. ich hörte mir deine meinung an und verschwieg dir meine. ich verschwieg dir mein gefühl der wut, wenn du mir die welt erklären wolltest, mein gefühl der grenzenlosen sehnsucht wenn wir uns nicht sahen, mein gefühl der verlustangst, mein gefühl der auflösung wenn ich in jeder sekunde unseres zusammenseins genau überlegte was ich jetzt am besten tun oder sagen sollte um deine aufmerksamkeit zu bekommen und darüber mich völlig aus den augen verlor. das war so stark, dass ich manchmal drei, vier stunden zugfahrt oder flug brauchte auf meinem heimweg, bis ich wieder bei mir selbst ankam und entsetzt feststellte was ich denn da bei dir gesagt oder nicht gesagt, getan oder nicht getan hatte und mich nicht wiedererkannte.

alles war immer irgendwie existenziell zwischen uns, es gab kein normal, es gab unendliche tiefen und schwindelerregende höhen aber keine mitte. ich kam mir oft vor als hätte an deiner seite etwas in mir das steuer übernommen, von dem ich nicht wusste was oder wer es war und wo nie klar war, wohin die reise ging.

in meiner ersten nacht bei dir spürte ich das erstemal seit jahren keine angst vor der dunkelheit. ich weiss noch, dass ich nachts aufstand um aufs klo zu gehen – ich tappte durch deine wohnung in der dunkelheit, stiess da und dort an, aber die jahrzehntelang angst im rücken war weg. sie kam nie wieder und ich denke, und weiss – du hast sie geheilt.

heute weiss ich was damals passierte, welche wunde in mir heilte weil du stellvertretend da warst und sie mir verarztet hast. und auch heute weiss ich, dass es dich nur genau für diesen ausschnitt in meinem leben gab was meinen dank und meine zuneigung für dich nicht weniger macht, aber es holt dich auch vom podest – so wie ich die eigentliche hauptfigur ebenfalls vom sockel heben musste.

diese sehnsucht nach der gütigen väterlichkeit lässt nach, auch wenn es immer noch ein weiter weg ist und es manchmal nur den hauch eines parfums braucht um sie mit voller wucht wieder zu spüren. aber ein grosses stück weit habe ich es dir das zu verdanken, dass es besser wird, dass die dinge bewusster sind und damit handelbarer. du hast dich als übergangsobjekt zur verfügung gestellt – ich denke wohl wissend, auch wenn du sie gehasst hast, diese vorstellung.

ob du geahnt hast, welche chance du mir damit gibst? ich denke nicht, ich hätte es dir gerne zu lebzeiten noch gesagt.