als ich durch die tür trete, kommt er auf mich zugerannt. er kennt mich nicht, sieht mich zum ersten mal. er ist 4, seine sprache älter. meinen kollegen beachtet er nicht. er sieht mir in die augen, ich kann nicht sagen was genau es ist, aber zwischen uns besteht sofort eine verbindung. er sagt „spiel mit mir!“, nimmt mich an der hand. seine ganze art, diese offenheit die schnell ins distanzlose rutschen kann und von vielen sicher so interpretiert wird, sein charme, dieses leuchten in den augen mit dem er für sich wirbt, für das was er braucht – nähe, zuwendung – das alles lässt mich ihn in einem wimpernschlag erkennen. er ist ein spiegel meiner selbst, meines anteils in mir, der selbst dieses kind ist, 4 jahre, jede gelegenheit nutzend um für sich zu werben, für das was ich brauchte, damals als kind und was ich zuverlässiger von fremden bekam als in heimischen gefilden. es ist dieser anteil, der mich heute schneller als viele andere erkennen lässt, wie es einem kind geht. eine wunde, verheilt aber bewusst, die mich verbindet mit kindern, denen diese wunde noch geschlagen wird und mit erwachsenen, denen diese wunde vor langer zeit geschlagen wurde. ich habe so viele jahre gebraucht, bis ich verstanden habe was für eine irre ressource meine eigene geschichte ist, in vielerlei hinsicht.
als ich mich nach kurzer zeit aus dem gespräch der erwachsenen ausklinge, auch weil sich mein gefühl schnell bestätigt hat, was das kind sucht und warum, setze ich mich auf den boden neben ihn und spiele mit ihm. ich bin erschüttert über die bedürftigkeit, die er deutlich zum ausdruck bringt, seine liebenswürdigkeit, mit der mich auf dem boden, bei sich und dem spiel hält. sein überreifer charme, mit dem er die nähe zu mir aufrechterhält. ich beobachte seine versuche, immer wieder auch die aufmerksamkeit seiner mutter zu bekommen, durch zeigen seines spielzeugs, das er gebaut hat. durch ein sich an sie schmiegen, sie am ärmel ziehen, auf ihren schoss klettern wollen. seine reaktion auf ihre nichtbeachtung, sein scannen ihres gesichtsausdrucks. sie ist nicht nur abgelenkt durch das gespräch, ich erkenne die routine im ablehnen. ich erkenne die stummen blicke des vaters, die stumm gerunzelten augenbrauen, die schmalen augen, das kaum merkliche kopfschütteln, wenn er wieder und wieder anlauf nimmt.
als ich irgendwann aufstehe, weil der besuch vorbei ist und wir wieder fahren, klammert er sich an mein bein. er sagt „geh nicht! bleib hier!“ und blickt mir in die augen. und wieder erkenne ich ihn und mich und es fällt mir unendlich schwer, ihm langsam die kleinen finger von meinem bein zu lösen, ihm über den kopf zu streicheln und zu sagen „ich muss jetzt gehen.“
eines bleibt mir noch, denke ich, etwas was ich mir gewünscht hätte als kind. ich drehe mich zur mutter und sage ihr, was für einen wunderbaren jungen sie hat, wie kreativ er ist, wie gut er spricht, dass seine unruhe nichts bedrohliches ist sondern der ausdruck eines wunsches nach nähe und zuwendung und dass das normal ist, nichts was sorge bereiten muss.
kurz bevor ich die haustür von aussen zuziehe höre ich seine leise stimme, die sagt „kommst du wieder? komm wieder, ja?“ und es macht knack. und mein herz bricht. denn ich war er. ich habe ihn erkannt.