eine leberkäsbreze am aschermittwoch – ein fall fürs heimatministerium.

heute vormittag hatte ich hunger. in einer kette in der kleinen oberbayerischen stadt in der ich arbeite, gibt es die leckersten brezen belegt mit leberkäs. in meinem kopf ist der 14. februar, es ist valentinstag.

in der bäckerei eine lange schlange. als ich dran komme sage ich „eine leberkäsbreze bitte!“ der laden verstummt. denn es ist nicht nur valentinstag sondern auch aschermittwoch. ja, windet sich die verkäuferin, das ginge nicht. es sei ja aschermittwoch und da gäbs so die tradition kein fleisch, ich könne die breze mit käse oder ei belegt haben, auch lachs aber nein, leberkäs geht nicht. die schlange im laden blickt mich gespannt an. ich sage erstmal nur aha, weil ich dieses fleischlos-ding an aschermittwoch zwar kenne, es aber keinerlei bedeutung in meinem leben hat. das sage ich ihr dann auch, die schlange wendet ihre gesichter gen verkäuferin. tja sagt diese. da muss ich erstmal den chef fragen. wie – wegen einer nicht praktizierenden christin jetzt auch noch den chef befragen? ich überlass es ihr, sie ruft ihren chef an. mittlerweile haben auch die anderen bäckereifachverkäuferinnen ihre arbeit niedergelegt, die gesamte filiale lauscht dem telefonat: „ja….ja….na, a brezen mit leberkäs…ja. na. ok.“ sie legt auf, wendet sich mir zu und spricht zu mir in einem sehr bedauernden ton: „okeeee….wenn sie des verantworten kenna, mach i eana a brezn mit leberkäs.“ ich möchte fast applaudieren. der laden kommt wieder in bewegung, die menge tuschelt miteinander und ich drücke mich etwas verlegen an die wand und warte auf die breze, die extra! für mich! an aschermittwoch! in oberbayern!! gemacht wird !!1!

und noch immer bin ich mir unsicher: finde ich das jetzt eigentlich ziemlich grossartig, weil eine sehr weltliche angelegenheit in sehr weltlichen zeiten fast schon anarchistisch durchgezogen wird oder bescheuert, weil überflüssig wie ein kropf und nicht zeitgemäss? aber was wäre daran nicht zeitgemäss? wäre es nicht eigentlich mal lustig, in nahezu rituallosen zeiten ein ritual aufleben zu lassen? und in zeiten in denen jeder zu allem das recht zu haben scheint oder es zumindest haben will, einfach mal zack ein geistlich-begründetes verbot vor die nase zu setzen? ich stelle mir die aufregung auf twitter vor und möchte mir spontan popcorn machen.

ich hab ja noch bis karfreitag zeit drüber nachzudenken…..

mehr trigger bitte!

ich habe heute in der printausgabe des spiegels einen artikel über die bilder „hylas und die nymphen“ und „thérèse, träumend“ und die damit verbundene diskussion über sexismus in der kunst gelesen und ob die debatte um das geschlechterverhältnis die freiheit der kunst bedroht.

und ich war gelinde gesagt ein bisschen entsetzt über das was ich da las. man verstehe mich nicht falsch: ich bin unbedingt dafür, dass nicht alles richtig sein muss weil es seit hundert jahren wo hängt oder gesagt wurde oder sachen immer so waren. ich bin dafür, dass nicht alles immer ausgehalten werden muss. aber deswegen muss nicht auch alles gleich abgeschafft werden was nicht aushaltbar ist. meine frage, die sich mir angesicht sämtlicher strömungen der #metoo debatte stellt ist eher die – welchen neuzugang kann man zu bestimmten themen schaffen ohne deswegen gleich alles abzuschaffen.

beim lesen kam mir heute der begriff trigger in den sinn. beide bilder, ebenso wie auch das gomringer-gedicht zb., sind trigger. sie erinnern uns an themen, die wir heute zeitgemässiger interpretiert haben wollen. sie abzuschaffen, abzuhängen oder zu übermalen bedeutet die nivellierung und beseitigung an reizen bez. triggern, die aber gesellschaft braucht um sich weiter entwickeln zu können. so ist es übrigens auch mit vielen anderen reizthemen unserer zeit erziehung, politik, genderfragen und so weiter. wir sind immer alle so damit beschäftigt standpunkte gleichwelcher art radikal zu beseitigen, im genannten beispiel sogar sichtbar, dass wir ganz übersehen welche chance für unsere meinungsbildung und in perspektive auch für die implementierung neuer denkstrukturen in allen sichtbaren und wahrgenommenen triggerthemen liegt.

einen standpunkt, eine meinung, ein gemälde, ein gedicht wegzuwischen und zu beseitigen und zu meinen damit sei jetzt das thema gelöst und könne durch was neues ersetzt werden hat noch bei keiner revolution wirklich funktioniert. einen prozess zu gestalten, in dessen mittelpunkt der trigger steht und stehenbleiben darf, an dem sich jeder abarbeiten darf um zu einer eigenen reformierten haltung dazu zu kommen und ihn dann stehen zu lassen als trigger für andere, auch andere zeitgeiste die ihn eh wieder neuinterpretieren werden, halte ich für den nachhaltigeren weg. wenn etwas aus den augen und dem sinn ist, ist es deswegen nicht weg. man sieht es nur nicht mehr. es ist die kürzest mögliche art mit triggern umzugehen, da muss man nur ins traumatherapeutische feld zu schauen: dort würde man einer getriggerten person auch nicht raten, den trigger entweder zu meiden oder ihn wegzuschliessen oder zu beseitigen. im gegenteil, die heilung liegt in der direkten konfrontation mit all den mit dem trigger verbundenen emotionen. gerade indem der trigger bleibt, benannt, und betrachtet werden kann und muss, kann man ihn auf sicht loslassen. weil die veränderte haltung einen erst zum loslassen bemächtigt.

in anlehnung an die traumatherapie ahne ich, dass es auch bei so „harmlosen“ themen wie triggernde bilder, letztendlich um angst geht. und angst will bekanntlich schnellstmöglichst aus dem weg geräumt werden. aber darin liegt nicht die lösung. nicht im abhängen, nicht im übermalen, nicht im ignorieren oder überschreien. sie liegt im aushalten, hinsehen und konfrontieren mit dem was der trigger vorallem an emotionen! auslöst.

eine gesellschaft, die diese trigger nicht aushält verflacht, wird (noch) ängstlicher und rigider in ihrer meinung. sie wächst nicht an den themen sondern erstarrt.

das p-wort.

es gibt zwei dinge rund ums thema kinder, die mich derzeit schwer nerven: der umgang mit dem thema pubertät und die verwendung des wortes pubertier. beides lässt mich manchmal spontan kotzen oder schweigend aus den angeregten diskussionen schleichen. das eine ist mittlerweile eine von eltern zur krisenzeit hochstilisierte angelegenheit, die oft ausdruck völliger elterlicher hilfosigkeit ist und das andere ein abwertendes unwort, um seiner hilflosigkeit ausdruck zu verleihen und klein und lächerlich zu machen, was man nicht fassen kann.

manchmal habe ich eltern vor mir sitzen mit kleinen neunjährigen jungs und mädchen, die schlicht durch ihre unerzogenheit auffallen oder aber sich völlig altersangemessen wild, trotzig und widerständig benehmen oder auch einfach nur schlecht gelaunt sind, die mir völlig verzweifelt berichten wie pubertär sich die kleinen benehmen….“sie/er ist halt echt schon pubertär“. jedes verhalten abseits des gewünschten funktionierens der kinder wird mit „pubertär“ oder noch besser „präpubertär“ bezeichnet. letzteres wenn selbst den eltern auffällt wie bescheuert es ist bei einer/m neunjährigen von pubertät zu sprechen.

es ist unbestritten, dass die pubertät einschneidend ist – so einschneidend wie eben jede veränderung ist. und da der heranwachsende niemand ist, der alleine in einer höhle vor sich hin wächst, tangiert dieses wachsen eben auch diejenigen die ihm am nächsten sind. spannend finde ich vorallem, wie mit dieser veränderung, diesem aushebeln alles bisher bekanntem von der schon immer bestehenden regel bis hin zu grenzen, moral und werte, umgegangen wird. die zunahme von gesellschaftlicher verunsicherung was normabweichungen angeht findet sein abbild auch im familiensystem. es scheint kaum raum für frustrationstoleranz, kaum ein raum für grenztestungen, ein raum für das so nötige biegen und dehnen um zu wachsen.

stattdessen hilflosigkeit. und die einzige lösung scheint die überdramatisierung zu sein und die pubertät mutiert zur entschuldigung für einfach alles. schlechte noten, unhöfliches verhalten, unerzogenheit, schlechtes eltern-kind-verhältnis, für alles muss die pubertät herhalten.

ich würde mir sehr einen entspannteren umgang mit dem thema wünschen – eine neuinterpretation dieser zeit als eine wachstumszeit von der auch die eltern profitieren können. so ein grosswerden schafft nämlich auch raum für eine veränderung was die rollenzuschreibungen vater und mutter angeht. sie schafft raum als eltern wieder mehr zum individuum zu werden – vielleicht liegt ja auch gerade in diesem punkt die angst der eltern von der pubertät: sie bedeutet einen spiegel für sich selbst, ein zurückgeworfen sein auf das was man jenseits der versorgungs- und hausarbeit ist. findet man dort gähnende leere, verstehe ich die angst die das auslösen kann und verstehe warum pubertät plötzlich ein thema ist. deswegen halte auch ich mich selbst bei diesem thema daran, woran ich schon mein ganzes mutterleben festhalte: die eigenen themen, auf die einen die kinder stossen, identifizieren und sich mit ihnen auseinandersetzen. und sie nicht den eigenen kindern wieder als unsichtbare päckchen mit aufschnallen.

kein platz im körbchen.

ich weiss nicht was mit mir los ist, aber am besten lässt sich dieser zustand mit leere bezeichnen. oder ich komm nicht aus dem knick. oder bin erschöpft, fertig, alle, hab keinen bock mehr, funktioniere, sucht euch was aus ich mag mich noch nicht festlegen.

für mich fühlt sich das unaushaltbar an. ich kenne mich energiegeladen und mit tatendrang aber seit ein paar monaten ist bei mir die energie weg. ich hänge lustlos rum, funktioniere für die aufgaben die anstehen und gemacht werden müssen, aber darüber hinaus bleibt nicht mehr viel übrig. zum beispiel für kreativität, spontanität oder neugierde auf was neues. rückzug auf so vielen ebenen. irgendwie scheine ich auf irgendwas zu warten, ich kann aber nicht sagen auf was. es nervt mich kolossal, ich kämpfe dagegen an, das frisst widerrum energie und ich möchte eigentlich auch einfach nur noch schlafen oder irgendwo sitzen und in ruhe gelassen werden.

ganz empfindlich reagiere ich auf durchhalteparolen oder so stramme protestantische haltungen wie „einfach mal zusammenreissen!“ – ich habe das jahrzehntelang so gehandhabt, mittlerweile reagiere ich auf die eigenen motivationsversuche entweder mit einem herzhaften „fick dich!“ oder trotzigem ins bett legen und decke über den kopf ziehen. als ob ich in der pubertät wär.

vielleicht muss ich diesen zustand jetzt einfach mal aushalten lernen. ein drüberhinweggehen funktioniert jedenfalls nicht mehr. vielleicht reicht es im moment halt nur für arbeit, familie und freund. aber diese ungeduld im herzen, dieses gefühl was zu verpassen – immer dieses gefühl ich verpasse was….nur was? was wäre stattdessen? ich habe keine ahnung. ich habe das gefühl mir rennt die zeit weg und ich steh nur rum und warte. oder verharre. alles geht mir in sekunden auf den zeiger, ich ertrage keinen artikel, keinen tweet, kein instabild mehr. alles nervt mich, am allermeisten ich mich selbst. ich habe kein verständnis mehr, keines mehr für die unsägliche dummheit mancher menschen, leider auch kein verständnis mehr für die unfähigkeit oder auch das leiden einiger menschen. ich winke nur noch ab, reisst euch halt mal zusammen oder lasst es bleiben. schuhe, die mir hingestellt werden und in die ich all die jahre mit anlauf reingesprungen bin, ignoriere ich oder trete wutentbrannt und trotzig nach ihnen. alles liegt quer in mir, kaum was erkenne ich wieder oder vielleicht will ich es auch nicht erkennen weil es mir eigentlich bekannt ist, aber jahrelang bezähmt irgendwo in mir rumlag und still hielt. ich weiss nicht wohin mit mir.

ich hatte in meiner kindheit und jugend einen hund, der sich in seinem körbchen erst minutenlang um die eigene achse drehen musste bevor er sich zum schlafen niederliess. immer schien ihm die position nicht richtig zu sein, also nochmal hoch, wieder drehen.

so komm ich mir vor. ständig am drehen um die eigene achse.