Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat
Valkyrie | Deutschland/USA | 2008
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Nachdem er schwerverletzt von der Front in Tunesien zurückkehrt, schließt sich der seit einiger Zeit am Regime von Adolf Hitler (David Bamber) zweifelnde Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Tom Cruise) einer Widerstandsgruppe an, die die Ermordung Hitlers plant. Doch bei dem schließlich durchgeführten Bombenanschlag geht etwas schief …
Stauffenberg (Tom Cruise)
Tresckow (Kenneth Branagh)
Seit Falk Harnacks 1955 veröffentlichtem DER 20. JULI sowie Georg Wilhelm Pabsts im selben Jahr uraufgeführten ES GESCHAH AM 20. JULI haben sich die deutschen Filmschaffenden in Person von Franz Peter Wirth mit OPERATION WALKÜRE (1971) und Jo Baier mit STAUFFENBERG (2004) des Themas noch zweimal in TV-Umsetzungen angenommen. All diese Umsetzungen sehen sich jedoch mehr oder minder dem Vorwurf ausgesetzt, dass Thema zwar sehr minutiös und historisch korrekt zu behandeln, dabei allerdings eine Auseinandersetzung mit den Personen als solches weitestgehend auszublenden. Die US-Produktion STAUFFENBERG – VERSCHWÖRUNG GEGEN HITLER (1990) hingegen, bemüht sich um Spannung und Charaktertiefe, was jedoch stellenweise auf Kosten der historischen Akkuratesse geht. Umso größer war also die Aufmerksamkeit, als der US-amerikanische Produzent und Drehbuchautor Christopher McQuarrie ankündigte, eine weitere Filmversion des berühmten Attentats auf Adolf Hitler realisieren zu wollen.
Stauffenberg: Meine Pflicht als Offizier besteht nicht mehr darin, mein Land zu retten, sondern Menschenleben.
McQuarrie, der bis dato vor allem aufgrund seines genialen Drehbuchs zu Bryan Singers DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN (1995) bekannt war, hatte bei einem Besuch der Bendlerblocks, dem Sitz der Widerstandsgruppe um Stauffenberg im dritten Reich, in Berlin Kontakt zu dem in den USA weitgehend unbekannten Thema erhalten und war unmittelbar von dem Sinn einer weiteren Spielfilmumsetzung überzeugt gewesen. McQuarrie konnte Singer als Regisseur für das Projekt gewinnen, doch United Artists wollte für ein derartiges Unterfangen nur ein recht geringes Budget zur Verfügung stellen. Erst die Zusage von Hauptrolle Tom Cruise, der große Anteile von UA hält, ermöglichte es, die Produktion mit rund 75 Millionen US-Dollar auszustatten. Doch mit Cruise sollten sich die Unwägbarkeiten, denen sich ein derartiges Projekt ohnehin gegenübersah, noch einmal steigern.
Denn Cruise als hochrangiges und immer wieder in der Öffentlichkeit Stellung beziehendes Mitglied der äußerst umstrittenen Sekte Scientology als deutschen Widerstandskämpfer gegen ein unmenschliches Regime zu besetzen, löste zahlreichen Widerspruch in der Öffentlichkeit aus. Gerade die immer wieder publik werdenden Praktiken von Meinungsformung und Einflussnahme seitens Scientology, stehen einer freien und selbstbestimmten Auffassung des Individuums oftmals entgegen und machten die Besetzung so mehr als strittig. Hauptverantwortlich dafür ist wohl Cruise sehr offensiver Umgang mit seinem Glauben, der eine Trennung von Charakter und Schauspieler bei ihm zusätzlich erschwert.
Während der Dreharbeiten
Während der Dreharbeiten
Von unzähligen deutschen und internationalen Historikern während der vornehmlich in Deutschland und an Originalschauplätzen stattfindenden Dreharbeiten laufend beobachtet, mussten sich McQuarrie und Singer also über die gesamte Produktionsphase hinweg einer Öffentlichkeit erwehren, die jede nur denkbare Option nutzte, um den Film von vorneherein zu torpedieren. Und in Anbetracht des Ergebnisses kann man den beiden eigentlich nur auf die Schulter klopfen, gelang es ihnen doch trotz dieser Widrigkeiten (nicht vergessen werden darf an dieser Stelle, dass es sich um eine Geschichte handelt, deren Einzelheiten, ebenso wie das Ende, weitgehend bekannt sind), einen Film zu schaffen, der sich dem Thema mit dem nötigen Ernst nähert, ohne jedoch zu einer rein dokumentarischen Auflistung der Ereignisse (derer es neben den deutschen Spielfilmen-Adaptionen eine wahre Unzahl gibt) zu werden.
Fromm: Und ich nehme an, deswegen sind Sie hier: um Entscheidungen zu treffen.
Stauffenberg: Ich habe meine schon getroffen. Nun will ich anderen dabei helfen, ihre zu treffen.
Denn Singer inszeniert einen spannenden Film, der das von McQuarrie und Nathan Alexander stammende Drehbuch geschickt zu einem quasi-Thriller transformiert. Dazu nimmt sich der Film einige Freiheiten, die historisch nicht korrekt sind, die aber für Schwung und Spannung sorgen und die Person Stauffenberg sehr tiefgreifend aufschlüsseln. Vor allem Stauffenbergs Zusammentreffen mit Hitler auf dessen Berghof oder der Bluff bei der Flucht von der Wolfsschanze sind zwar frei erfunden, versorgen die ansonsten relativ korrekte historische Darstellung aber mit dem nötigen Schwung. Die Kritik, einzelne Personen seien nicht allzu akkurat getroffen, geht dabei ebenso am Ziel vorbei, wie das Bemängeln der eben genannten, genommenen Freiheiten, denn letztlich darf sich ein Spielfilm genau solcher Mittel bedienen. Eine historisch völlig korrekte Darstellung der Ereignisse wäre im formalen Rahmen eines Spielfilms ohnehin unmöglich und einem solchen Format auch nicht angemessen. Singer und McQuarrie haben dies erkannt und ihren Film dahingehend ausgearbeitet.
Alternatives deutsches Filmplakat
US-Amerikanisches Filmplakat
Neben der (zu Recht) sehr strittigen Personalie Cruise ist der Film dann mit Bill Nighty als General Olbricht, Tom Wilkinson als General Fromm oder Kenneth Branagh als General Tresckow äußerst trefflich besetzt. Der Deutsche Christian Berkel überzeugt als Oberst Quirnheim und daneben existiert ein ebenso breiter wie gelungen besetzter Cast; der allerdings gleichzeitig ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Gedankenschnelle verlangt, um jederzeit allen Namensnennungen und Verbindungen folgen zu können. Nicht nur deshalb ist der Films sicherlich einer, der einige geistige Anforderung an seinen Zuschauer stellt.
Beck: Meine Herren, das ist der wichtigste Tag in Ihrem Leben. Es lebe das heilige Deutschland!
Die Optik fällt trotz des oftmals tristen Umfelds gelungen aus. Singer fängt den menschenverachtenden Mechanismus des dritten Reichs in grauen Gängen und Bauten gelungen ein und setzt davor grau gewandte Menschen, die alle gleich aussehen. Dass das visuell trotz funktioniert, ist sicherlich einer der ganz großen Pluspunkte des Films, wäre es doch nur allzu erwartbar gewesen, dass sich der Streifen in einem monoton dokumentarischen Stil verliert. Doch trotz des Themas fühlt man sich als Zuschauer stellenweise wie in einem rein fiktionalen Werk und so werden Stauffenbergs Flucht oder die Übernahme des Regierungsbezirks fast zu Anleihen aus einem Actionfilm.
Wie zu erwarten sorgt der Film dann bei seiner Veröffentlichung für riesige Schlagzeilen, die ihn mit diversen Vorwürfen konfrontierten, ihn loben oder zerrissen. Unzählige Klagen wurde eingereicht (eine davon betraf die unlautere Nachbildung von Hitlers berühmter Weltkugel) und zahllose Schlammschlachten ausgetragen. Und das ist schade, denn McQuarries und Singers Beitrag zum Thema Stauffenberg ist mit Sicherheit besser, als als dieses Brimborium erahnen lässt. Denn obwohl er historisch nicht völlig korrekt ist, obwohl Tom Cruise eine äußerst strittige Besetzung darstellt und obwohl er sich unzähligen weiteren (teilweise sicherlich gerechtfertigten) Vorwürfen gegenübersieht, ist der Streifen doch ein wertvoller Beitrag zum Thema 20. Juli, der gerade aufgrund seiner US-amerikanischen Herkunft und der daraus resultierenden Distanz einen anderen Blick auf diesen Themenkomplex zulässt.
Fromm (Tom Wilkinson)
Walküre läuft
Trotz zahlreicher (im Einzelfall durchaus angebrachter) Kritikpunkte ist Singers und McQuarries Beitrag zum Thema Stauffenberg ein wichtiger. Ihre auf Spannung und Charaktertiefe getrimmte Fassung steht in einem deutlichen Kontrast zu den deutschen, meist auf historische Akkuratesse bedachten Adaption, ist aber genau deshalb so wertvoll. Und der beste Beleg für diesen Umstand ist die Schlammschlacht, die vom Produktionsbeginn bis zur Veröffentlichung dieses Films um ihn herum ausgetragen wurde.