Skyfall
Skyfall | Großbritannien/USA | 2012
IMDb, OFDb, Schnittberichte
EIN QUANTUM TROST (2008) schlug nach dem grandiosen CASINO ROYALE (2006) einen etwas irritierenden Weg ein. War das 2008 schon zu erkennen, ist es mit der Veröffentlichung von SKYFALL überdeutlich geworden. In seinem dritten Auftritt als James Bond kehrt Daniel Craig dann zu der in seinem Debüt etablierten Ambivalenz aus Nahbarkeit und Kälte zurück und muss sich nebenbei auch noch mit den Tücken des Alterns herumschlagen – gerade pünktlich zum 50. Jubiläum der Filmserie. Auf dem Regiestuhl darf Sam Mendes platznehmen, der große Stilsicherheit beweist und das Drehbuch von Neal Purvis, Robert Wade sowie (erstmalig) John Logan zu einem der Höhepunkte der (jüngeren) Seriengeschichte macht.
Grundsätzlich erzählt SKYFALL eine Geschichte, die heute noch so aktuell ist, wie sie 2008 war: die Geschichte der allumfassenden Digitalisierung. Wurden in Agentenfilmen auch schon vor Jahrzehnten Daten geklaut, ist die Preisgabe von Agentendaten im Netz heute ein ungleich größeres Risiko. Gleichzeitig wird die reale Welt immer mehr beherrschbar, indem man Macht über die digitale Welt erlangt. Mendes inszeniert das überaus unterhaltsam, vor allem die spiegelnde Neonnacht Shanghais und das Casino Macaus sehen glänzend aus. Danach spielt sich viel in London ab, was diesem teilweise wie einem Techno-Thriller anmutenden Film durchaus einen stimmigen Rahmen verleiht.
Zentrales Element des Films ist die starke Fixierung auf den Charakter Bonds. Mutet die Pretitle-Sequenz noch recht klassisch an, brechen die Kugel in Bonds Schulter und sein Sturz ins Wasser klar mit dem klassischen Opening-Konzept. Fortan ist Bond zu alt und zu schwach für seinen Job. Der Alkohol ist kein gedankenloses Beiwerk mehr, sondern ein ihn teils übermannendes Problem, die Aufgaben wirken zu groß. Aber auch an anderer Stelle wird das Bild der über den Dingen stehenden Agenten immer wieder zerrüttet: James muss Vergleiche mit alten Kriegsschiffen über sich ergehen lassen und durch den grandiosen Javier Bardem in der Rolle des Silva gar seine Heterosexualität in Frage stellen lassen (was der Film ganz fantastisch ausspielt um dann mit den heteronormativen Erwartungen zu brechen). Und nicht zuletzt ist da natürlich die Beziehung zu M, die hier noch mehr als schon in den beiden Vorgängern zur Mutterfigur wird. Sie vertuscht Bonds schlechte Testergebnisse, hält ihre Hand schützend über ihn und wird gen Ende immer mehr zu seinem Antrieb, bevor all diese Betrachtungen von Schwäche, Alter und Intimität dann im Finale kulminieren.
Der Showdown im schottischen Hinterland, wo James sich mit M und seinem plötzlich auftauchenden Ziehvater Kincade im Herrenhaus seiner Eltern verbarrikadiert, darf wohl getrost als einer der mutigsten und metaphorischsten der gesamten Serie gelten. Er muss allerdings auch so begriffen werden. Nur wer die Logik hier beiseitelässt, kann die gesamte Genialität des Moments genießen. Bond entflieht dem aussichtslosen Kampf gegen den qua moderner Technik übermächtigen Silva im alten Aston Martin DB5. Außerhalb der Zivilisation, ohne WiFi und Überwachungstechnik besiegt der alternde Held mit einer Schrotflinte und ein paar selbstgebastelten Fallen den per Helikopter herannahmen Antagonisten. Am Ende gibt es keine Uhr, die dem Weltuntergang entgegentickt und keine sinistere Bergfestung, die zu sprengen ist. Es gibt nur ein Messer, das den Kampf beendet, und eine M, die in Bonds Armen stirbt. Das Althergebrachte hat gesiegt; zumindest teilweise. Die Charakterzeichnung Bonds, die in CASINO ROYALE eröffnet wurde, ist (vorerst) beendet. Und gleichzeitig ist das Universum des berühmten Geheimagenten mal wieder auf null gesetzt und für die nächsten 50 Jahre vorbereitet.
