
Rashomon – Das Lustwäldchen
Rashômon | Japan | 1950
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Ein Mönch (Minoru Chiaki), ein Holzfäller (Takashi Shimura) und ein ob des Platzregens Schutz suchender Bürger (Kichijirô Ueda) unterhalten sich unter einem halbzerstörten Stadttor über ein unlängst geschehenes Verbrechen, das einen toten Samurai (Masayuki Mori) und dessen vergewaltigte Frau (Machiko Kyô) zurücklässt. An dem Verbrechen soll der Bandit Tajomaru (Toshirô Mifune) in irgendeiner Weise beteiligt gewesen sein. Die Unklarheit des tatsächlichen Verlaufs der Dinge beklagend, konstatiert der Mönch, dass es Schlimmste sei, das Vertrauen in die Menschen zu verlieren. Doch warum verliert man dieses Vertrauen?
Akira Kurosawa schuf gemeinsam mit Shinobu Hashimoto ein Drehbuch, das auf zwei Kurzgeschichten des Dichters Akutagawa Ryūnosuke basiert. Dabei wird ein Geschehen – das oben erwähnte – aus der Sicht von vier Figuren geschildert. Drei Schilderungen nehmen den Umweg über eine Gerichtsverhandlung, bevor sie unter dem Stadttor erneut dargelegt werden, eine davon muss den zusätzlichen Umweg über eine Geisterbeschwörerin auf sich nehmen. Die vierte Schilderung wiederum wird umgehend als teilweise erlogen überführt. Jede Erzählung versucht zu schildern, wie es zum Tod des Samurais und zur Vergewaltigung seiner Frau kam. Während Tajumaro behauptet, er habe den Samurai in einem fairen, dem japanischen Ehrenkodex entsprechenden Kampf getötet, nachdem er einvernehmlichen Sex mit dessen Frau gehabt habe, schildert diese wiederum eine Vergewaltigung, in deren Folge ihr Gatte ihr alle Achtung entzogen habe, weshalb sie ihn getötet habe. Der tote Samurai erzählt vermittels der Beschwörerin, dass seine Frau von Tajomaru verlangt habe, ihren Gatten zu töten, was dieser abgelehnt habe, sodass er sich am Ende selber getötet habe und zuletzt schildert der beobachtende Holzsammler einen Kampf zweier unwilliger Kontrahenten, der ein unglückliches Ende findet.
Nur der Holzsammler wird der absichtlichen Lüge überführt, da er den Diebstahl eines Dolches unerwähnt ließ, alle anderen Geschichten stellen einfach individuelle Varianten des Geschehens dar. Kurosawa bezichtigt hier keine Figur der Lüge, sondern vergegenwärtigt uns das Dasein von unterschiedlichen Realitäten. In konstruktivistischer Manier nehmen alle Beteiligten ihr Handeln und das sie umgebende Geschehen höchst unterschiedlich wahr – so unterschiedlich, dass am Ende keine Aufklärung steht. Wenn der Bürger dann sagt, dass „[…] jeder […] die eigene Wahrheit [sagt], die nützliche Wahrheit“, dann erfasst er ebendiesen Umstand nicht. Die Figuren Kurosawas sagen hier nicht das, was für sie nützlich, sondern das, was ihre Wahrheit ist. Das mag sich bisweilen gegenseitig beeinflussen oder decken, das kann aber ebenso unterschiedlich sein.
Fordert der Film ohnehin schon ständiges Mitdenken- und rätseln ein, macht Kurosawa uns selbiges mittels einer sehr glatten und schwungvollen Inszenierung besonders schwierig. Denn während die Kamera immer wieder elegant durch den Wald fährt, die Figuren durchs Blattwerk hindurch beobachtet oder Nahaufnahmen der Gesichter die Emotionen vermitteln, vergessen wir nur allzu gern, dass alles, was wir im Film abseits des namensgebenden Tores sehen, Erzählungen der Figuren sind. Die Subjektivität des jeweiligen Erzählers lässt sich an der Form allerdings nicht ablesen, sodass die oben erwähnte Gleichwertigkeit der einzelnen Wahrheiten auch formal ihren Widerhall findet.
Diese inhaltliche wie formale Pracht und die darüber hinaus völlige Zeitlosigkeit des behandelten Themas brachten RASHOMON als erstem japanischen Film den Goldenen Löwen von Venedig und den Academy Award als Bester ausländischer Film. Auch heute ist der Streifen Grundlage zahlreicher Texte und Diskussionen über Konstruktivismus, Wahrheit und Film. Und bezüglich der Frage im ersten Absatz kann letztlich auch Entwarnung gegeben werden, denn auch der Mönch irrt sich: Es ist nicht das Schlimmste, das Vertrauen in die Menschen zu verlieren, es ist das Schlimmste, ihre unterschiedlichen Realitäten nicht anzuerkennen.